Und am heutigen Tage war es endlich soweit: Dives würde sein Versperchen an Iuppiter einlösen und diesem zwei prächtige, weiße Ochsen zum Geschenk machen! Die Aushänge, die er zu diesem Zweck eigentlich hatte anfertigen lassen wollen, waren in dem vielen Stress seit seinem Amtsantritt leider untergegangen. Es hatte Neueinstellungen in der Curia gegeben, was zu Beginn einer Amtsperiode alles andere als verwunderlich war. Dazu eine Unterschrift hier, ein Siegel dort und einen ätzenden Marktaedil als Krönung des Ganzen. Nicht zu vergessen hatte der Iulier ja auch noch die Ochsen besorgen müssen, was letztlich bei einem lose befreundeten Händler kein allzu großes Problem gewesen war. Statt also der Aushänge wurden rechtzeitig Sklaven an die strategisch wichtigsten Punkte der Stadt verteilt, die lauthals ankündigten, dass der Duumvir Iulius heuer dem größten und besten Iuppiter zwei Rinder opfern würde - und es vor allem für die Leute kleine sportulae gab!
Am frühen Vormittag fand sich Dives barfüßig und in strahlend weißer Gewandung flankiert von den beiden ihm in seiner Position als Duumvir zustehenden Liktoren am Capitolium von Ostia ein. Eine Reihe frisch gewaschener, iulischer Sklaven folgte ihm in einfachen weißen Tuniken mit den handlicheren Opfergaben, bevor zu guter Letzt auch die beiden kreideweißen Ochsen - und mit weißem Kreidstaub hatte man hier natürlich sicherheitshalber wirklich ein wenig nachgeholfen - den Tempelvorplatz erreichten, wo sie an den dafür vorgesehenen Stellen angebunden wurden.
Dann setzten die tibicines mit ihrem Spiel auf ihren Doppelpfeifen ein, was - als wäre dies bei den gewaltigen Ochsen noch nötig gewesen - die Aufmerksamkeit der zufälligen, wie gezielt anwesenden Passanten zusätzlich auf das Geschehen am Capitolium Ostiensis lenkte. Der iulische Duumvir steig die Hälfte der Stufen zum Tempelinnern empor, bevor er sich umdrehte und einen letzten Blick auf die Szenerie warf. Ein dünner Bogen von Schaulustigen hatte sich bereits um die beiden mit chicen dorsulen geschmückten Opfertiere gebildet, deren Hörner und Hufen vergoldet worden waren. Ob es sich wirklich um Zwillinge handelte, wie ihn der Händler Glauben machen wollte? Bei der Prüfung der Opfertiere hatte Dives zumindest nicht Gegenteiliges beweisen können und von hier betrachtet mochte es vielleicht sogar stimmen. Die weißen und roten infulae mit vittae um die jeweilige Ochsenstirn wippten leicht im Wind. Nachdem er sich sicher sein konnte, dass ihn fürs Erste genügend Leute gesehen hatten, drehte sich der Iulier wieder um und stieg die restlichen Stufen bis nach oben. Ganz an der Seite, um unauffällig zu bleiben, folgten ihm einige Sklaven mit den Opfergaben für das unblutige Voropfer.
Bevor er das Tempelinnere betrat, bedeckte Dives sein Haupt zunächst mit einem Teil seiner blütenweißen Gewandung und vollzog die symbolische Renigung am Wasserbecken:
"Möge dieses Wasser alle Unreinheit von meinem Körper waschen wie das Verwandeln von Blei in Gold. Reinige den Verstand. Reinige das Fleisch. Reinige den Geist. So ist es."
Während die Musiker draußen ihre Melodien spielten und damit die störenden Geräusche fernhielten, die vor dem Tempel bei der Opfergesellschaft unweigerlich entstanden, nahmen einige Opferhelfer auch vor dem Tempel eine symbolische Waschung der Anwesenden vor. Unterdessen schritt Dives weiter zum Altar, wo das Kultbild des Iuppiter stand und das Opferfeuer brannte. Er kontrollierte den richtigen Sitz seiner Kopfbedeckung nochmals, bevor er die Hände mit nach oben zeigenden Handflächen in die Höhe streckte und sprach:
"Ianus, Gott des Wandels, der du gleichsam am Anfang und Ende aller Dinge stehst!
Gott der Götter, der du wachst über die himmlischen Tore! Gott des Übergangs!
Ich, Marcus Iulius Dives, Sohn des Caius Iulius Constantius, möchte dir diesen Weihrauch zum Geschenk machen!
Bitte nimm dies Opfer an und lass mich damit ein gutes Gebet sprechen!"
Dabei opferte er den ihm von einem seiner Sklaven gereichten Weihrauch, sodass sich ein wohlriechender Nebel ausbreitete. Abschließend wandte er sich nach rechts, womit dieses Gebet beendet war. Damit sollte durch Ianus die Verbindung mit Iuppiter hergestellt werden können. Nun könnte also das eigentliche Voropfer folgen, wofür Dives sich die weiteren gut vorbereiteten Opfergaben reichen ließ, während die Musiker draußen noch immer spielten. Dann nahm er die Gaben und streckte sie einzeln dem Gott entgegen, sodass jener auch genau sehen könnte, was geopfert werden sollte. Anschließend legte er sie am Altar ab: weiße Dianthus-Blumen (denn was wäre wohl passender für Iuppiter als Zeus-Blumen?), eingie interessant duftende Kräuter, frisches Obst und Wein, der in eine entsprechende Öffnung gegossen wurde.
Es folgte das erste Gebet zu Iuppiter. Dazu streckte Dives abermals beide Hände mit nach oben zeigenden Handflächen in die Höhe und sprach:
"Iuppiter Optimus Maximus, höchster aller Götter und Herr des Himmels!
Schwurgott und Gott der Blitze, dem alle Vögel heilig sind und der den Vogelflug lenkt!
Ich, Marcus Iulius Dives, Sohn des Caius Iulius Constantius, möchte dir mit diesen Opfergaben meine tiefe Ergebenheit zeigen!
Danken möchte ich dir damit für die gewonnene Wahl zum Duumvir der Civitas Ostia! Ich danke für den günstigen Vogelflug!"
Um dieses Dankesgebet an Iuppiter zu beenden, wandte er sich nun traditionsgemäß zur rechten Seite um. Das Voropfer war abgeschlossen und mit einem guten Gefühl schritt Dives würdevoll wieder nach draußen und die Stufen hinab, um mit dem blutigen Hauptopfer auch den letzten Teil der Opferzeremonie zu vollführen. Immernoch standen die beiden Ochsen in strahlendstem weiß da und lauschten stumm und von einigen Mittelchen auch etwas berauscht dem Spiel der Musikanten. Während der iulische Duumvir dann erneut mit Wasser besprengt und damit abermals symbolisch gereinigt wurde, gab Dives ein Zeichen und die Worte "Favete linguis!" ertönten. Augenblicklich wurde es zumindest etwas stiller auf dem Vorplatz des Tempels. Unterdessen wurde Dives eine Schüssel gereicht, in der er nun auch seine Hände nochmals wusch. Anschließend trocknete er sie sich mit einem weißen Tuch, dem mallium latum, ab.
Dann trat er zwischen die beiden parallel mit ihrer Front zum Capitolium stehenden Opfertiere, drehte sich um und blickte die Stufen des imposanten Tempels hinauf, erhob seine Hände mit zum Himmel zeigenden Handflächen und sprach:
"Iuppiter Optimus Maximus, höchster aller Götter und Herr des Himmels!
Schwurgott und Gott der Blitze, dem alle Vögel heilig sind und der den Vogelflug lenkt!
Ich, Marcus Iulius Dives, Sohn des Caius Iulius Constantius, danke dir nochmals für deine große Hilfe!
Daher möchte ich dir nun diese beiden mit Argusaugen ausgesuchten schneeweißen Ochsen zum Geschenk machen!
Und damit möchte ich dich auch bitten, mich auch weiterhin auf meinem Weg in die Politik zu unterstützen!
Dann will ich auch in Zukunft geloben, dir große und prächtige Opfer zu bringen! Do ut des."
Mit einer Wendung nach rechts symbolisierte Dives, dass er sein Gebet gesprochen hatte und sogleich wurde damit begonnen, die Opfertiere abzuschmücken und sie mit mola salsa zu bestreichen. Dives bekam seinerseits das Opfermesser gereicht, mit welchem er nun langsam erst dem nach Abschluss seines Gebets nun direkt vor ihm stehenden Tier scheinbar von Kopf bis Schwanz strich, bevor er jene Prozedur auch bei dem zweiten Ochsen wiederholte. Bei genauerer Betrachtung würde man jedoch sehen, dass er die Klinge knapp über dem weißen Fell hielt. Das schöne Kreidepuder sollte ja hierdurch nicht abgestrichen werden.
Dann übergab Dives das Opfermesser dem cultrarius, woraufhin der victimarius mit dem Hammer in der Hand ihm die Frage der Fragen stellte: "Agone?" - "Age!", antwortete Dives mit fester Stimme.
ZACK! - ZACK! ~~~ ZACK! - ZACK!
So fand erst der Hammer in perfektem Bogen den Weg auf den Kopf des rechten Ochsen, bevor im Augenblick danach aus der einen Halsschlagader des Tieres zwei halbe wurden. Kraftlos, lautlos und gänzlich unspektakulär sackte das erste Tier in sich zusammen. Auf exakt die gleiche Weise fand nur wenig später auch das zweite Tier ein jähes Ende. Sofort eilten einige Opferdiener herbei, um ein Teil des Blutes in paterae aufzufangen. Dennoch bildeten sich innerhalb von nur wenigen Wimpernschlägen zwei große Blutlachen, die schonmal als gutes Omen gedeutet werden konnten.
Nachdem beide Rinder ausgeblutet waren, wurde der Bauchraum der Tiere vorsichtig geöffnet, die jeweiligen Eingeweide entnommen und in einzelne paterae gelegt. Die Eingeweideschau könnte beginnen. Dives war gespannt, ob der Größte und Beste sein versprochenes Opfer angenommen hatte...