Während Dagmar einen Spaziergang gemacht hatte, sah Octavena sich im Inneren der Villa mit einer neuen Ausgabe elterlichen Chaos konfrontiert. Doch statt ihrer Tochter, die gerade wahrscheinlich irgendwo auf dem Gelände herumsprang und sich nicht um das kühle Herbstwetter kümmerte, war es an diesem Tag ihr Sohn, der dieses Chaos stiftete und beschlossen hatte, sich den Wünschen seiner Mutter zu widersetzen.
"Farold." Octavena warf ihm einen warnenden Blick zu. "Umziehen. Jetzt."
Der Leim, den sie ihm auf Adalheidis' Anraten hin besorgt hatte, war zu gleichen Teilen eine grandiose und eine katastrophale Idee gewesen. Grandios deswegen, weil Farold absolut begeistert von dem Geschenk gewesen war und seitdem ständig dabei war, irgendwelche Holzstücke zusammenzukleben, was ihn auch bei schlechtem Wetter beschäftigt hatte, und katastrophal deswegen, weil er damit auch mehr oder weniger dauerhaft eine Sauerei nach der anderen anrichtete. Und die Sauerei des Tages war, dass es ihm irgendwie gelungen war, zumindest seine Kleidung von oben bis unten mit großen und kleinen Leimkleksen zu bedecken.
"Neeein!", krakeelte er gut gelaunt und lief den Gang entlang und weg von seiner Mutter, die langsam, aber sicher genervt von dieser Diskussion war. Es war ein mittelmäßiger Albtraum, solche Leimreste wieder auszuwaschen, sobald sie einmal richtig eingetrocknet waren - sowohl bei Stoff als auch bei verklebten Kinderhaaren, auch wenn letztere dieses Mal verschont geblieben zu sein schienen - und sie hielt eigentlich nichts davon, wenn Farold das anderen ganz selbstverständlich aufbürdete nur, weil er nicht aufpasste.
"Farold", sagte sie noch einmal, dieses Mal in einem schärferen Tonfall, der dem Jungen vermitteln sollte, dass er kurz davor war, tatsächlich in Schwierigkeiten zu geraten. "Ich will mich nicht wiederholen."
Doch Farold lief nur weiterhin gut gelaunt den Flur entlang, offenbar, um durch die Haustür nach draußen zu entwischen und sich wahrscheinlich in irgendeines der Verstecke wegzuducken, in die seine Schwester sich für gewöhnlich zum Schmollen zurückzog und von denen beide Kinder ausgingen, dass Octavena sie nicht kannte oder ihnen in der Regel nicht dorthin folgte. Octavena dagegen ging mit zügigen Schritten hinter ihm her in der Hoffnung, ihn entweder an der Tür noch selbst abfangen zu können oder dass irgendwer von den anderen Hausbewohnern seinen Weg kreuzte und ihn aufhielt. Tatsächlich kam ihr Sohn im nächsten Moment zu einem jähen Halt im Hauseingang, aber das hatte nichts mit der Diskussion mit seiner Mutter oder einer plötzlichen Einsicht zu tun, sondern viel mehr damit, dass er beinahe mit den Erwachsenen dort zusammengestoßen wäre.
"Oh", sagte er und riss überrascht die Augen auf, während sein Blick zwischen seiner Tante und den Fremden hin und her sprang.
Hinter dem Jungen tauchte nun auch Octavena auf, deren genervter Gesichtsausdruck genauso plötzlich in Verwunderung umschlug, als sie zumindest einen der Gäste erkannte. "Na, das ist ja einmal eine Überraschung", sagte die dann und lächelte. "Salve, Hadamar. Ich dachte, du steckst noch immer in Cappadocia."