Dieses Gespräch war tiefgründiger geworden als selbst Octavena, die ja bewusst mit Naha hatte reden wollen, es erwartet hatte, aber in gewisser Weise kam ihr das nicht einmal schlecht vor, ganz im Gegenteil. Ein bisschen kam sie sich zwar älter vor als sie war, wenn sie so hier saß und Ratschläge über das Leben auspackte, aber andererseits war Naha nun einmal jung und Octavena vielleicht nicht alt, aber dann doch ein ganzes Stück erfahrener. Sie wusste, wo sie sich in ihrem Leben sah und sie war zufrieden damit. Sehr viel zufriedener und ruhiger als sie es gewesen war, als sie in Nahas Alter gewesen war. "Das ist ein schöner Gedanke", meinte sie mit einem Lächeln und nickte. "Ich weiß, es ist leicht, das zu unterschätzen, aber am Ende des Tages ist Familie tatsächlich das, was wirklich zählt." Ihre eigene Familie zu Hause in Tarraco hätte diesen Satz aus ihrem Mund sicher zumindest widersprüchlich gefunden, aber die Verwandten dort kannten sie ohnehin kaum noch. Dafür war sie zu lange weg und ihr Leben heute ein anderes als bei ihrer Abreise vor all den Jahren. "Du brauchst meine Erlaubnis nicht, um für Ildrun da zu sein, aber es freut mich ehrlich, wenn du es bist." Sie streckte eine Hand aus und drückte flüchtig Nahas Arm. "Sie kann etwas eigen sein, aber sie hängt an dir. Eigentlich hängt sie glaube ich an allen aus der Familie mehr als sie es zeigt. Wenn du auf sie zugehst, tut ihr das bestimmt gut." Vor allem tat es auch Octavena gut, weil sie sich durch Momente wie diesen daran erinnert fühlte, dass sie mit ihren Problemen mit ihrer Tochter nicht allein war. Nur war das eigentlich nicht so wichtig, wenigstens in ihren eigenen Augen. Wichtig war, dass es Ildrun gutging. Alles andere würde auch Octavena schon gestemmt bekommen.
Sie wandte kurz ein wenig den Kopf, als sie Stimmen aus dem Haus zu hören meinte, aber nichts am Tonfall oder der Art der Stimme gab Anlass zur Beunruhigung, also drehte Octavena sich direkt wieder zu Naha, um ihr weiter zuzuhören. "Das ist ein guter Plan", stimmte sie ihr zu und lächelte. "Und ich bin hier, wenn du dabei mit jemandem reden möchtest oder Hilfe brauchst, in Ordnung?" Wieder erklangen Stimmen von drinnen, während gleichzeitig die Sonne ohnehin langsam, aber sicher unterzugehen begann. "Ich sollte wahrscheinlich mal in der Küche vorbeischauen und Marga fragen, ob sie Hilfe beim Abendessen gebrauchen kann. Möchtest du mitkommen?" Besonders seit sie die Verwaltung der Betriebe ihres Mannes selbst übernahm, hatte Octavena festgestellt, dass sie es mehr zu schätzen wusste, wenn sie ... nun, einmischen wäre zu viel gesagt, denn das hätte Marga ohnehin nie zugelassen. Aber Octavena wusste die Normalität und Routine zu schätzen, die es an sich hatte, der Köchin der Villa Hilfe anzubieten und sich dann mit ihr zu unterhalten.