Octavena sah dem Matinier ganz genau den Moment an, in dem ihm klar wurde, dass sie eine Witwe war, und in genau diesem Moment wurde sie auch wieder daran erinnert, warum es leichter gewesen war, einfach Dagny das Reden zu überlassen. Wieder dieser Blick, wieder Mitleid für sie, die arme Witwe, deren Leben so unvermittelt eine tragische Wendung genommen hatte. Wie immer sicher gut gemeint, aber nicht zum ersten Mal spürte Octavena, wie sich Widerwille in ihr gegen dieses Mitleid regte. Sie wollte nicht bemitleidet werden, erst recht nicht von Fremden. Doch das gehörte nicht hierher, also lächelte sie einfach wie immer darüber hinweg. "Danke", erwiderte sie und sah kurz zu Dagny hinüber, die einen Moment lang auf ihrer Unterlippe kaute, um ihr mit dem Lächeln zu signalisieren, dass alles in Ordnung war. Dagny konnte nichts für Octavenas Probleme und Octavena wollte ihr auch sicher nicht den Eindruck vermitteln, dass das anders wäre. Erst recht nicht heute. "Und ja, ich habe Kinder. Eine Tochter und einen Sohn. Die beiden laufen hier auch noch irgendwo durch die Gegend." Das Lächeln auf ihren Lippen wurde etwas breiter und ehe diese Information die nächste Ladung Mitleid provozieren konnte, schob sie direkt hinterher: "So ein Fest mit viel Familie ist natürlich das größte für sie." Sie nippte an ihrem Met. "Was macht deine Familie, Matinius?", fragte sie dann nun, wo sie sich schon ins Gespräch wieder eingeklinkt hatte und es damit wahrscheinlich merkwürdig gewesen wäre, wenn sie sofort wieder geschwiegen hätte. "Ich stamme ursprünglich auch aus Tarraco." Sie machte eine kleine, etwas abwiegelnde Bewegung mit einer Hand. "Obwohl das inzwischen eine ganze Weile her ist. Aber meine Familie lebt in weiten Teilen immer noch dort."
Als Dagny über die Freya und die Pferde der Familie redete, hielt Octavena sich wieder zurück, teils weil sie sich mit einem Mal nicht danach fühlte, mehr Raum im Gespräch einzunehmen, und teils weil ihr auffiel, wie gut Dagny das eigentlich machte. Im Grunde war das nicht überraschend, wenn man bedachte, dass sie einerseits das Gestüt gut kannte und andererseits ja nun seit Monaten bei der Freya mithalf. Octavena merkte nur, dass sie bisher offenbar selbst zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen war, um das so richtig zur Kenntnis zu nehmen. Was wiederum eigentlich nur wieder verdeutlichte, dass es ein Problem war, dass sie alle im Moment noch so in der Schwebe hingen. Früher oder später würde das nicht nur Octavena, Dagmar oder Dagnys Brüdern auffallen, sondern auch Fremden und spätestens dann würden sie darüber reden müssen, dass Dagny eigentlich genau im richtigen Alter war, um zu heiraten. Ein Mann, der nicht vollkommen auf den Kopf gefallen war, würde vielleicht auch dieses Talent, so beiläufig im Gespräch auch noch geschäftliche Verbindungen herzustellen, genau als solches erkennen. Aber für dieses Thema würden sie erst wieder jemanden brauchen, der auch in der Familie wirklich das Ruder übernahm. Ein Familienoberhaupt, das eben den Überblick über solche Dinge behielt und dann Entscheidungen traf, die sowohl für Einzelne als auch für die Familie als Ganzes gut sein würden. Noch so etwas, das nach wie vor nicht ganz so einfach war.