Beiträge von Susina Alpina

    Als die Hebamme zum Wachwechsel die Kammer betrat bot sich ihr ein rührendes Bild. Iulius Licinus saß neben dem Bett der kleinen Esquilina und hielt ihre Hand. Sanft streichelte er diese.
    Sein "Sie schläft" quittierte Alpina mit einem Lächeln und einem Nicken.
    "Das ist gut so. Wollen wir hoffen, dass sie im Schlaf Kraft schöpft. So eine Lungenentzündung ist kräftezehrend. Ich habe bereits dafür gesorgt, dass Esquilina morgen einen Brei mit extra viel Honig zum Frühstück bekommt."


    Alpina wusste, dass Curio und Runa das Geld zusammenhielten. Beide verdienten nicht üppig und der Wahlkampf ihres Schwagers würde wieder Kosten verursachen. Und auch sie konnte keine großen Sprünge machen. Deshalb wagte sie einen Vorstoß in Richtung auf den Praefectus castrorum.
    "Falls die Horrea der Legion ein wenig Suppenfleisch oder ein Huhn übrig hätte, könntest du Esquilina damit einen Dienst erweisen. Nichts ist kräftigender als eine ordentliche Fleischbrühe. Wenn nicht, wird es der gute Puls auch tun, nehme ich an."


    Sie hielt dem Iulier die Hand hin um ihm aufzuhelfen. "Wenn du morgen wieder kommst, werde ich dir sagen können, ob es aufwärts geht. Je nachdem ob es nocheinmal eine Fieberkrise gibt oder ob Esquilina fieberfrei bleibt können wir eine Prognose wagen. Der morgige Tag und die Nacht auf Übermorgen werden uns Auskunft geben. Ich danke dir für deine Hilfe Iulius Licinus. Wenn Esquilina überlebt, dann weil deine Anwesenheit ihr Kraft gegeben hast. Da bin ich mir sicher."


    Mit dem letzen Atemzug hatte die Seele ihres Hadamar die Welt verlassen und war zu den Ahnen gerufen worden. Hiltruds Tränen tropften auf die kalte Hand ihres Mannes, die leblos und kalt in ihrer lag. Mit dem Daumen strich sie noch einige Male sanft über seine Hand, dann ließ sie los.
    "Wir sehen uns wieder bei Hel", sagte sie leise und tieftraurig. Dann gab sie den Platz den Kindern frei damit diese Abschied von ihrem Vater nehmen konnten.


    Alpina hatte die rührende Szene traurig beobachtet. Nun breitete sie schweigend die Arme aus und umarmte die wildfremde Frau. Sie wartete bis der Tränenstrom versiegt war. Als Hiltrud sich löste, sah die Raeterin den jungen Tiro an.
    "Könnt ihr den Leichnahm des Hadamar wieder auf seinen Wagen heben? Ich nehme an, seine Frau wird ihn mit nach Hause nehmen wollen um die Verwandtschaft und die Freunde Abschied nehmen zu lassen und das Begräbnis zu organisieren."


    Sie wartete auf die Antwort der Germanin. Hiltrud nickte. Ihr Blick hing bittend an Babilus.

    Alpina realisierte, dass sie Curio mit ihrer Entscheidung überfahren hatte. Er musste an seinen Ruf denken, musste vorsichtig sein, dass man ihn nicht mit einem Vatermörder in Zusammenhang brachte. Mit ihrer Menschenliebe und dem Verständnis für Kaesos folgenschweren Fehltritt hatte sie ihn in eine schwierige Lage gebracht. Sie musst nun sehen, wie sie ihm wieder entgegenkam.
    "Ich denke, ich kann in Corvinus Namen sprechen, wenn ich sage, dass wir, also er und ich, Kaeso Obdach unter unserem Dach gewähren. Neben meiner Taberna Medica gibt es ein sehr kleines freies Cubiculum. Das könnte Kaeso zunächst bewohnen. Er wird mir zur Hand gehen und lernen mich in der Taberna Medica zu vertreten, wenn ich auf Hausbesuche gerufen werde. Selbstverständlich muss er dazu besser lesen und schreiben lernen. Das übernehme ich."


    Sie sah Curio an. Natürlich wusste sie, dass Kaeso nach wie vor in der Casa Helvetia wohnen würde, wenn es auch Corvinus Hälfte war, in der Kaesos Cubiculum lag und wenn er auch mit Aufgaben in Alpinas Obhut betraut werden würde. Sollte etwas von Kaesos Vergangenheit ans Licht kommen, würde sie dafür gerade stehen müssen und natürlich würde das ein Stück weit auf ihren Schwager abfärben. Doch sie konnte den Jungen doch nicht einfach wegschicken. Nach dieser Lebensbeichte.
    "Ich kann dir nicht viel bezahlen, aber wenn du deine Aufgabe gut machst und man erkennen kann, dass du auch für andere Aufgaben geeignet bist, werde ich mich für dich einsetzen, damit du eine bessere Anstellung bekommen kannst. Und ich bin mir sicher..." Sie sah Curio fest an. "... dass auch mein Schwager dich unterstützen wird, wenn du dich als würdig erweist und dem guten Namen des Hauses der Helvetier Ehre erweist."


    Der Junge hatte eine Chance verdient. Man konnte ihm nicht sein Leben verbauen nur weil er die Gewalttaten seines Vaters nicht mehr ausgehalten hatte. Sie würde zu Kaeso halten und versuchen Curio und seine politische Karriere soweit wie möglich raus zu halten.


    Hiltrud hielt die Hand ihres Mannes. Tränen stiegen in ihre Augen. "Hadamar...", flüsterte sie leise. "Sprich nicht, mein Liebster. Du hattest einen Unfall, bist schwer verletzt. Beweg dich nicht, mein Liebster. Sieh, ich habe die Kinder mitgebracht."


    Sie zeigte auf die Kinder, die sich vorsichtig näher schoben. Ganz fest drückte sie Hadamars Hand. Sie war eiskalt..

    Bei Kaesos Lebensbeichte hielt Alpina den Atem an. Ihre Augen spiegelten ihr Mitgefühl. Sie konnte erahnen was in einem Jungen vorging, der wieder und wieder die Gewalttätigkeit des Vaters ertragen musste. Wieder sah sie die Narben auf Corvinus Rücken vor sich und erinnerte sich an die beiden Beinahe-Vergewaltigungen denen sie nur durch die Hilfe anderer entgangen war.


    Curios Blick suchte ihren. Sie wusste, dass ihr Schwager von ihr eine Reaktion erwartete. Der Blick der Raeterin wanderte zurück zu Kaeso. Ihm war die Unsicherheit ins Gesicht geschrieben, wusste er doch nicht wie diese Beichte aufgenommen werden würde. Es schwang aber auch noch etwas anderes in den Augen des Jungen mit. Erleichterung. Alpina erinnerte sich noch sehr gut an die Beichte ihrer Abtreibung zunächst bei Curio und später bei Corvinus. Auch sie hatte getötet damals. Sie hatte ihr erstes Kind getötet, lange bevor es hatte geboren werden können. Sie hatte den Mord hart gebüßt, die Larvae oder Furiae hatten ihr Alpträume geschickt, ihr Leben zum Alptraum gemacht, ihr die Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft geraubt. Und doch hatte sie Vergebung gefunden. Bei den Unterirdischen, bei der germanischen Göttin Holda und bei Curio und Corvinus. Die Beichte war der Anfang der Besserung gewesen. Auch wenn sie zunächst durch ein tiefes Tal hatte schreiten müssen, war doch letztlich alles gut geworden. Die Götter hatten sie mit Corvinus Liebe und ihrer Tochter Ursicina beschenkt.


    Sie streckte steckte die rechte Hand aus und hielt sie offen dem Jungen hin.
    "Wir werden dein Geheimnis nicht verraten, Kaeso. Ich biete dir meine Hand zur Hilfe an. Du hast Schuld auf dich geladen und die Götter werden dafür ihren Preis fordern. Ich weiß wovon ich spreche. Erwarte nicht ihre Nachsicht. Aber es ist nicht an mir - an uns?"Sie warf Curio einen fragenden Blick zu. "dich dafür zu verurteilen. Deine Beweggründe sind nachvollziehbar, wenn sie auch einen Mord nicht rechtfertigen."
    Alpina sah Curio offen an. "Meinst du ich sollte Kaeso eine Möglichkeit bieten hier in Mogontiacum Fuß zu fassen? Ich könnte eine Hilfe in der Taberna Medica brauchen...." dachte sie laut. "... oder gibt es im Cultus Deorum eine Aufgabe für ihn? Dort könnte er an der richtigen Stelle seine Schuld abtragen. Oder ist es ausgeschlossen wenn man von Kaesos Frevel weiß ihn in den Dienst der Götter zu stellen?"

    Noch einige Male kontrollierte Alpina den Puls des Schwerverletzten. Sie sprach ihn wiederholt an. Anfangs reagierte er kaum, nach einiger Zeit ließ die betäubende Wirkung des Schlafmohns und des Bilsenkrautes wieder nach. Er stöhnte wieder. Schon wollte Alpina eine weitere Menge des Schmerzmittels anrühren als eine Frau mit zwei Kindern hereingeführt wurde. Ein etwa zehn- oder elfjähriger Junge und ein Mädchen von ungefähr sieben Jahren begleiteten sie.



    Die Frau sah sich suchend um. Sie sah furchtsam aus. Alpina stand auf und ging ihr entgegen.
    "Salve. Mein Name ist Susina Alpina, ich bin Hebamme und Kräuterfrau und kam zufällig des Wegs als dein Mann den Unfall hatte. Leider hat er sehr schwer verletzt und nicht transportfähig." Sie wurde ganz leise. "Es sieht nicht gut aus."


    Die Frau sah ihr in die Augen. Alpina konnte erkennen, dass sie verstand. Sie gab den Weg für sie frei.
    Die Frau des Verletzten kniete sich nieder und sprach ihn mit seinem Namen an. Sie musste ihn mehrfach ansprechen, zunächst leise, dann lauter. Schließlich öffnete er die Augen.

    Mit unverhohlenem Interesse musterte Alpina den Tiro. Er hatte sie schon durch seine Umsicht und Tatkraft beeindruckt nun schien er auch noch Interesse an Medizin zu haben. Als er von seiner Familie erzählte musste sie lächeln.
    "Na, dann bist du ja auch in der dritten Generation im selben Beruf. Genau wie ich. Es fließt also bereits eisenhaltiges Blut durch deine Adern", machte sie eine Anspielung auf den harten Beruf des Soldaten. Wieder wurde sie an Corvinus erinnert. Auch er hatte einen Vater gehabt in dessen Fußstapfen er getreten war, ob er wollte oder nicht.


    Die Hebamme kniete sich nieder. Das Stöhnen war leiser geworden. Sie nahm die Hand des Verletzten und fühlte den Puls. Er war kaum mehr tastbar. Die Wirkung des Gemischs sorgte dafür, dass der Mann dahindämmerte. Immerhin schienen die Schmerzen erträglich zu sein. Alpinas Blick ging wieder zu Babilus.
    "Wenn du dich für die Heilkunde interessierst gibt es vielleicht später eine Möglichkeit für dich im Valetudinarium der Legio eingesetzt zu werden. Das könnte doch interessant für dich sein, nicht wahr? Du siehst die Wirkung des schmerzlindernden und schlaffördernden Heilpflanzentranks. Doch eines ann ich nicht beeinflusssen. Wenn die Familie nicht bald kommt, wird er die Welt verlassen haben bevor sie Abschied nehmen konnten."

    Curio hatte Besuch und anfragen lassen ob Alpina an dem Gespräch teilnehmen wollte. Sie hatte jedoch noch eine Kundin in der Taberna Medica beraten müssen. Deshalb kam sie ein wenig spät zu der Unterredung.
    Sie klopfte und trat ein, als man sie aufforderte. Überrascht sah sie den Gast ihres Schwagers. Es war noch ein Junge, vielleicht gerade dem Kindesalter entwachsen. Neugierig betrachtete sie den Jungen.
    "Salve, mein Name ist Susina Alpina. Ich bin die Schwägerin von Iullus Helvetius Curio und betreibe die Taberna Medica hier. Es freut mich dich kennenzulernen. Wie ist dein Name?"


    Sie sah von Curio zu dem Jungen und war gespannt wer von beiden zuerst das Wort ergreifen würde.

    Der Gesichtsausdruck des Tiros verriet, dass sie über das Ziel hinausgeschossen war. Aber da er nicht weiter nachhakte, was ein Dammschnitt war, ging sie lieber nur auf seine Frage ein.
    "Ich bin in der dritten Generation Hebamme. Meine Mutter und meine Großmutter waren bereits Hebammen und Kräuterkundige. Ich habe das Handwerk von ihnen erlernt. Mein Vater war Soldat. Er ist verschwunden und meine Mutter lebt nun bei meiner Schwester in meiner Heimat Augusta Vindelicum in Raetia. Ich bin nach Mogontiacum gekommen um nach meinem Vater zu suchen und dann hier geblieben. Nun inzwischen habe ich Familie hier... "


    Sie stockte. Ja, auch wenn sie nicht wusste ob Corvinus noch am Leben war hatte sie doch in Curio und Runa und den Sklaven der Casa Helvetia eine Familie und natürlich hatte sie Ursicina.
    "Und du? Du scheinst dich für die Heilkunde zu interessieren oder täusche ich mich? Woher stammst du Babilus?"

    Babilus sorgte dafür, dass der Schwerverletzte zugedeckt wurde. Sie wusste zwar, dass die Kälte seiner Extremitäten nicht nur von der wetterbedingten Kälte kam sondern der Vorbote des nahenden Todes war, doch war es im Augenblick das einzige, womit man dem Mann Gutes tun konnte.


    Der Iulier organisierte einen Boten, der die Familie des Verletzten informieren würde und bat den Mann Wünsche zu äußern. Wie erwartet hatte er keinen weiteren Wunsch. Der Schmerz war so übermächtig, dass der Mann wohl an nicht viel anderes denken konnte.


    Nachdem Alpina dem Schwerverletzten das Schmerzmittel gegeben hatte, trat sie ein wenig zur Seite. Babilus kam zu ihr und fragte nach der Zusammensetzung des Trankes.
    "Ich habe ihm eine Mischung aus den gemörserten Tränen des Schlafmohns und den Samen des Bilsenkrautes in ein wenig Posca gegeben. Beides ist schmerzlindernd, beruhigend und Schlaf fördernd. In der Menge, die ich ihm gegeben habe wird er wohl nicht schlafen, dazu ist der Schmerz auch nach der Gabe des Schlafmohns noch zu stark, aber es wird ihn beruhigen und den Schmerz erträglicher machen. Bei meinen Entbindungen benutze ich die Mischung manchmal wenn ich schneiden muss oder beim Vernähen des Dammschnittes. Gibt man ein wenig mehr davon, schläft die Person ein, gibt man noch eine halbe Unica mehr löst Tanathos den Hypnos ab, wenn du weißt was ich damit meine..."
    Sie sah ihn ernst an. "Der Grenze zwischen Schlaf und Tod ist nur haarfein, man muss wissen welche Dosis ein Heilmittel zum Gift macht."

    Der klevere Tiro hatte schnell den Ernst der Lage erkannt. Der Mann würde sterben. Sie nickte deshalb auf seine Frage und hörte dann aufmerksam seinem Vorschlag zu. Die Hebamme antwortete Babilus flüsternd.
    "Ich denke, es wird das Beste sein, wenn wir ihm hier ein halbwegs würdevolles Ende ermöglichen und ihm weitere Schmerzen ersparen. Wenn es machbar ist, seine Familie zu holen, sollte es geschehen. Ich kann ihm etwas gegen die Schmerzen geben, jedoch nicht ohne dabei auch eine gewisse Schläfrigkeit zu erzeugen. Dennoch halte ich es für angebracht. Möchtest du veranlassen, dass man einen Boten zu seiner Familie schickt?"


    Alpina war Babilus dankbar, dass er schnell verstanden hatte wie es stand und so konstruktiv mit ihr zusammenarbeitete. Sie ließ sich von Roderiq den Korb mit ihren medizinischen Geräten und Heilmitteln geben. Mit geübter Hand zerkleinerte sie die Tränen des Papaver somniferum in ihrem Mortarium, mischte sie mit ein wenig Bilsenkrautsamen, die sie zuvor zerdrückt hatte und gab die Mischung schließlich in einen Becher, der ein wenig Posca aus der Flasche eines der Soldaten enthielt. Sie hob vorsichtig den Kopf des Mannes an, der stöhnend am Boden lag.
    "Trink dies hier, guter Mann", befahl sie sanft. "Es wird den Schmerz lindern. Mehr kann ich im Augenblick nicht für dich tun."
    Sie sah zu wie der Mann mit schmerzverzerrtem Gesicht die Mischung schluckweise zu sich nahm. Dann legte sie seinen Kopf zurück.


    Die Raeterin sah Babilus noch einmal hilfesuchend an. "Können wir eine Decke oder einen Umhang für ihn beschaffen? Er friert und sollte wenigstens warm gehalten werden. Sonst wird er die Ankunft seiner Familie nicht erleben."

    Obwohl Alpina in der Taberna Medica beschäftigt war, erfuhr sie doch durch Gwen von der Ankunft ihrer Schwiegermutter. Sie ließ alles stehen und liegen und eilte Timarcha entgegen. Zuvor schickte sie Gwen aus, Neman und Ursicina zu holen.


    Mit ausgebreiteten Armen kam die Raeterin auf die Mutter ihres Lebensgefährten zu.
    "Salve, liebe Timarcha!", rief sie schon von weitem. "Wie schön dich wiederzusehen! Du siehst fabelhaft aus!"


    Es folgte eine Umarmung. Dann kam auch schon Neman mit der Kleinen.
    "Sieh an. Da ist sie schon. Sieh her Timarcha. Deine Enkelin Uricina. Ist sie nicht groß geworden? Schon neun Monate alt ist sie jetzt und krabbelt wie eine kleine Katze."

    Der junge Tiro zeigte auf den Boden der Hütte und Alpina erkannte, dass dort ein Mann lag. Er stöhnte vor Schmerzen. In Anbetracht der Unfallsituation war mit schweren Verletzungen zu rechnen. Die Hebamme kniete sich nieder um den Mann zu untersuchen. Sie war keine Wundärztin, aber das ein oder andere würde sie sicher herausfinden können.
    "Wo hast du Schmerzen?", fragte sie.


    Der Mann sah zu ihr auf und deutete dann großflächig auf das Becken und den Brustkorb. Alpina begann zunächst den Brustkorb zu untersuchen. Die rechte Brustkorbseite war so schmerzempfindlich, dass der Mann sofort unter Stöhnen zusammenzuckte als sie die Hand flächig auflegte. Unter ihren Fingern war eine spitze Erhebung zu tasten. Die Raeterin ließ die Hand sanft darüber gleiten. Sie zählte mindestens zwei eher sogar drei gebrochene Rippen. Als sie ihre Hand weiter in Richtung Achsellinie vorschob konnte sie weitere Frakturen tasten, so dass klar wurde, dass zwei Rippen mehrfach gebrochen waren, eine nur einfach. Sie nahm die Hand wieder weg.


    Mit ebensolcher Sorgfalt tastete sie das Becken ab. Hier war es schwerer eine Aussage zu treffen. Alpina schob mit kalten Fingern die Tunika aufwärts und die Hose abwärts. Nun konnte sie deutlich erkennen, dass die rechte Beckenseite verändert aussah, wie zur Seite geklappt. Dazu lag das rechte Bein unnatürlich nach außen verdreht und eine dunkelrote, bereits ins bläuliche tendierende Zone zeigte eine tiefgreifende Quetschung an.
    Mit einem Seufzer nahm Alpina die Hand des Mannes um den Puls zu tasten. Sie war eiskalt und die Fingernägel erschienen bläulich. Ein Blick auf seine Lippen verriet denselben Blauton. Der Puls jagte und war nur noch schwach tastbar.


    Mit ernster Miene wandte sich die Raeterin an Babilus.
    "Der Mann hat schwerste Verletzungen. Ihr müsst ihn warm halten und er muss auf einer harten Unterlage transportiert werden. Das Hinüberheben auf die Trage wird ihm starke Schmerzen verursachen und muss ganz vorsichtig geschehen. Er hat mehrere Rippen gebrochen. Die spitzen Bruchstücke könnten sich in die Lunge bohren..."
    Alpinas Stimme war leise geworden. Die letzten zwei Sätze sprach sie so leise, dass nur Babilus sie hören konnte. Schließlich kam sie dem jungen Mann sogar noch näher, so dass der Verletzte sie mit Sicherheit nicht verstehen konnte.
    "Er hat auch eine massive Beckenquetschung und Brüche am Becken und am Oberschenkel. Der Puls und die Färbung der Lippen lassen das Schlimmste befürchten. Es ist nicht davon auszugehen, dass der Mann den Transport in die Stadt überhaupt überleben wird."


    Alpina rückte wieder ein wenig von dem Tiro der Legion ab und sah im ihn die Augen. "Ich kann ihm ein Schmerzmittel geben, aber der Transport wird schwierig. Was sollen wir tun? Was schlägst du vor?"

    Der Soldat sah sich fragend um. Aus dem Hintergrund hörte Alpina jemanden ihren Namen sagen. Die Stimme kam ihr bekannt vor. Neugierig versuchte sie herauszufinden von wem sie kam. Tatsächlich erkannte die Raeterin den jungen Tiro, dem sie wenige Tage zuvor auf dem Forum auf die Zehen gestiegen war.
    "Salve, Iulius Babilus!", grüßte sie überrascht. "So schnell sieht man sich wieder. Leider unter unerfreulichen Bedingungen. Wo ist der Mann, der unter dem Karren begraben wurde? Ich kann ihn nicht sehen."


    Suchend blickte sich die Hebamme nach dem Verletzten um.


    Sim-Off:

    Das bietet sich an. ;)

    Alpina kam an diesem Tag unterwegs von einer Entbindung in einer der Villae rusticae im Umland Mogontiacums. Wie ihr Schwager Curio es sich gewünscht hatte, wurde sie von Roderiq, dem ehemaligen Soldaten begleitet, der für ihre Sicherheit sorgen sollte. Der Custos der Helvetier war eher maulfaul und auch Alpina war nach der anstrengenden und für Mutter und Kind gefährlichen Entbindung nicht gerade gesprächig. War es doch schon die siebte Entbindung für die Frau gewesen und sie zudem langsam in einem Alter in dem Schwangerschaften und Geburten noch gefährlicher wurden als sie ohnehin schon waren. Sie hatte die Wöchnerin eindringlich gewarnt dafür zu sorgen nicht noch einmal schwanger zu werden und ihr entsprechende Maßnahmen empfohlen. Nun hoffte Alpina, dass die Frau ihren Rat berücksichtigte.


    Stimmen holten die raetische Hebamme aus ihren Gedanken. Sie blickte vor sich auf den Weg und erkannte gleich den Ernst der Situation. Ein Wagen war umgestürzt. Einige Soldaten standen dort und berieten sich wie vorzugehen sei. Alpina machte sich darauf gefasst, dass ihre Hilfe vonnöten sein könnte. Sie näherte sich dem Geschehen.
    "Salvete! Braucht ihr Hilfe? Ist jemand verletzt?"


    In Gedanken überprüfte sie die medizinische Ausrüstung, die sie dabei hatte. Natürlich war sie zu einer Entbindung aufgebrochen, dennoch müsste der Korbinhalt auch Heilmittel und Verbandsmaterial für ein bis zwei Personen hergeben. Alpina sah den nächststehenden Soldaten abwartend an. Wurde sie gebraucht?

    Es verwunderte Alpina nicht wirklich, dass Iulius Babilus Corvinus nicht kannte zumal er sagte dass er noch nicht lang diente. Sie nickte. Dann bestätigte er ihre Vermutung dass er als Tiro die castra eigentlich nicht verlassen durfte. Sie lächelte den jungen Mann verschmitzt an.
    "Na, einen Vorteil muss der kalte germanische WInter ja haben, oder? Deinem Nomen nach zu urteilen stammst du auch nicht von hier, oder täusche ich mich?"


    Dann fragte er ob sie etwas bestimmtes suchte. Alpina schüttelte den Kopf.
    "DIe Besorgungen, die ich für meine Taberna Medica erledigen musste sind bereits getätigt. Jetzt lasse ich mich eher noch ein wenig treiben. Gefährlich..." Sie lachte. "...zumindest wenn man eigentlich keine Sesterzen mehr ausgeben will. Und du? Ausrüstung vervollständigen?"

    Der junge Mann vor ihr war zum Glück nicht böse. Im Gegenteil, er nahm es mit Humor. Alpina grinste als er meinte, der Fuß würde ihren Tritt überleben.
    "Dann kannst du ja froh sein, dass ich keines der Pferde der Turmae aus deiner Legion bin. Das hätte vermutlich mehr Schaden angerichtet." Sie zwinkerte ihm zu.


    Dann stellte sich der Getretene vor. Aulus Iulius Babilus, Tiro bei der Legio II. Alpina horchte auf. Er diente bei der Legio wie Corvinus. Aber als Tiro kannte er ihren Lebensgefährten wohl kaum. Schließlich war Corvinus schon über ein halbes Jahr abkommandiert.
    "Mein Lebensgefährte ist auch bei der Legio II. Sein Name ist Lucius Helvetius Corvinus. Er ist Decurio, aber zur Zeit mit einer Vexillatio weit im Osten des Reiches unterwegs."


    Sie sah den Tiro neugierig an. "Hast du Ausgang gerade? Ich dachte immer, dass die Tirones das Castellum nicht verlassen dürfen."
    War sie zu neugierig? Hatte er sich etwa heimlich davon gestohlen oder waren die Gerüchte falsch, die sie gehört hatte?

    Die raetische Hebamme war an diesem Tag auf dem Forum unterwegs um ein paar Kleinigkeiten zu besorgen, die ausgeganen waren. Sie hatte schon das meiste beisammen und schlenderte nun ein wenig gedankenverloren zwischen den Ständen herum. Gerade hatte sie ein paar sehr hübsche geschnitzte Löffel betrachtet und überlegt ob sie Ursicina einen für den Puls mitbringen sollte als sie beinahe mit einem jungen Mann zusammengerumpelt wäre. In ihrer Tolpatschigkeit war sie ihm auf die Zehen getreten.
    "Entschuldige!", rief Alpina aus und machte demonstrativ einen Schritt zurück. Sie sah ihr gegenüber entschuldigend an. "Meine Schuld, ich war so in Gedanken."


    Röte war ihr ins Gesicht gestiegen. Sie versuchte die Unsicherheit zu überspielen und lächelte ihr Gegenüber entwaffnend an.
    "Mein Name ist Alpina. Ich bin Kräuterfrau und Hebamme. Also für den Fall, dass dein Fuß schaden genommen hat, darfst du dir in meiner Taberna Medica in der Casa Helvetia in den Cabanae gerne eine Wund- und Heilsalbe abholen. Kostenfrei natürlich."

    Die Hebamme ahnte nicht, dass der Praefectus castrorum selbst nicht vollkommen auf der Höhe war. Von seinem Reitunfall mit der schweren Gehirnerschütterung wusste sie nichts. Also nahm sie sein Hilfsangebot dankend an. Dass Licinus "wie du befiehlst" sagte, entlockte der Raeterin in kurzes Augenbrauenlupfen. Sie sollte einem Praefectus der Ala Befehle erteilen?
    "Dann übernimmst du am besten die erste Schicht. Das dürfte auch praktischer für deinen Dienstantritt im Castellum sein. Ich werde den Brustwickel noch einmal erneuern. Wann immer sie wach ist, gib ihr bitte von diesem Trank. Sie muss viel trinken und Thymian und Spitzwegerich gesüßt mit Honig helfen das Phlegma zu verflüssigen, damit sie besser abhusten kann."


    Sie hörte zu, wie er mit Esquilina sprach und die Sanftheit in seiner Stimme ließ sie aufmerken. Die Beziehung dieses Mannes zu dem kranken Mädchen schien inniger zu sein, als man es für ein Mündel erwartete. Es war nicht an Alpina die Beziehung der beiden zueinander zu hinterfragen, doch nahm sie an, dass Licinus und Esquilina ein tieferes Band verknüpfte.


    Alpina beobachtete noch ein wenig die Bemühungen des Soldaten, die Vibrationsmassage durchzuführen und nickte dann zufrieden.
    "Ich werde dich ablösen. Falls es zuvor zu Veränderungen kommt, die du nicht selbst einschätzen oder beherrschen kannst, wecke mich. Mein Cubiculum ist das letzte nach dem kleinen Atrium. Du kannst einfach eintreten. Hier stehen ein Becher und eine Karaffe mit gemischtem Wein für dich. Soll ich dir eine Decke bringen?"


    Die Hebamme wartete die Antwort ab und verabschiedete sich dann für den ersten Teil der Nacht.

    Alpina hielt de Luft an als Curio bestätigte, dass der alte Primus Pilus auch ihn so heftig geschlagen hatte. Ihr Blick ging zu der unter der Tunika verborgenen Schulter, zu der die Hand ihres Schwagers ganz unwillkürlich gezuckt war. Sie dachte an die tiefen Narben, welche die Schläge nicht nur auf der Haut sondern auch auf der Seele ihres Geliebten und seines Bruders hinterlassen haben mussten.


    Nun war es an ihr Curio erneut in die Arme zu schließen und ihm durch ein festes Drücken deutlich zu machen, dass sie um das wusste, was er und Corvinus durchgemacht hatten.
    "Wir werden dafür sorgen, dass sich in diesem Haus so etwas nicht wiederholt", flüsterte sie ergriffen. Dann löste sie sich. Im selben Moment deutete ein leises Quengeln aus der Wiege an, dass Ursi wach geworden war und nach ihrer Mutter verlangte.


    "Ich warte also deine Anweisungen bezüglich des Opfers an Mars und Mercurius ab", sagte Alpina und warf ihrem Schwager einen ebenso dankbaren wie verständnisvollen Blick zu.