Beiträge von Susina Alpina

    Runa schob Alpina das Bündel rüber. Vorsichtig öffnete die Hebamme es. Als sie erkannte was darin war, hielt sie die Luft an. Es enthielt ein goldenes Collier. Wunderschön gearbeitet präsentierte es sich in zarten Blättern und feinsten Blüten. Dazu enthielt das Bündel einen goldgewebten Gürtel und passende Haarkämme.


    Alpina atmete tief durch. "Das kann nicht dein Ernst sein, Runa? Das willst du mir für die Hochzeit leihen? Es ist wunderschön und viel zu aufwändig. Ich bin doch gar nicht der Typ für sowas!"


    Gebannt starrte sie auf das schmückende Ensemble und stellte sich vor, wie es zu ihrem nachtblauen Kleid aussehen würde.

    Alpina mischte gerade in ihrer kleinen Vorratskammer eine Salbe gegen Schwielen und rissige Haut, als sie aus der Taberna Medica zunächst das Bimmeln des Glöckchens und dann die Stimme ihrer Freundin Runa hörte. Sie ließ alles stehen und liegen, wischte sich die Hände an einem Tuch ab und ging in den Verkaufsraum.


    "Hejsa Runa!", grüßte sie. "Es ist schön, dass du dir Zeit nehmen konntest."


    Sie umarmte die Freundin herzlich, so gut es ihr dicker Bauch eben zuließ. Dann fiel ihr Blick auf das Bündel auf dem Tresen. "Was hast du denn da mitgebracht?"

    Alpina hatte eine Weile gegrübelt ob es richtig war, Runa auf ein heikles Thema bezüglich der Hochzeitsnacht hinzuweisen. Schließlich aber entschied sie sich doch dafür, die Freundin darauf anzusprechen. Sie schrieb ihr einen Brief, den Neman für sie auslieferte.


    Ad Duccia Silvana
    Villa Duccia


    Liebe Runa,


    nun ist es nicht mehr lange hin bis zu deiner Hochzeit und da ist noch ein Thema, das ich dir gegenüber nicht angsprochen habe. Ich möchte das gerne noch vor deiner Hochzeit machen und vor allem vor der Hochzeitsnacht. Da mir der Weg zu dir allerdings so beschwerlich ist, bitte ich dich darum baldmöglichst bei mir vorbeizusehen. Vielleicht am besten in der Taberna Medica.


    Vale bene,
    Alpina

    Wegen der Näharbeiten hatte Alpina schon an Lana gedacht und wollte sie auch um Hilfe bitten, da sie tatsächlich nicht allzuviel Freude daran hatte und doch den Umständen entsprechend gut aussehen wollte an diesem wichtigen Tag. Sie antwortete also.
    "Das mache ich, Curio. Gleich nachher. Versprochen!"


    Sie lächelte darüber, dass Timarcha ihre Tochter lieber in Säcke steckte. Zu verübeln war es ihr nicht. Lana war hübsch und im richtigen Alter, um langsam als Frau wahrgenommen zu werden. Mit Sicherheit wäre auch sie als Mutter eines Mädchens vorsichtig, dass das junge Ding keine unpassenden Blicke auf sich zog.
    Dann aber rückte Curio mit seiner Bitte raus - mit einer Bitte, die Runa an ihn herangetragen hatte. Alpina hob die Augenbrauen. Was dann folgte war das übliche Gewäsch von "Schon dich, du bist doch jetzt hochschwanger!" Alpina runzelte die Stirn. Sie ärgerte sich.


    "Curio, ich bin schwanger und nicht krank. Das haben vor mir schon Milliarden anderer Frauen hinter sich gebracht. Es ist ein wenig beschwerlich und ich hasse es so unförmig und langsam zu sein, aber wie du schon sagst, es kann täglich vorbei sein. Also bitte, zerbrecht ihr euch nicht den Kopf darüber. Je schneller dieses Kind nun zur Welt kommt, desto besser. Der einzig ungünstige Termin ist der eurer Hochzeit."


    Mit spöttischem Grinsen sah sie zu der Näharbeit hin. "Wobei mir das einiges ersparen würde..."

    "Nein, du störst nicht, Curio. Im Gegenteil. Ich bin keine geschickte Näherin und ich muss zugeben, dass es eindeutig eine ganze Menge Arbeiten gibt, die mir lieber sind, als Nähen..."


    Ihr Lächel wirkte gequält. Sie ließ sich wieder auf ihrem Stuhl nieder.
    "Was kann ich für dich tun? Du hast doch eine Bitte an mich, oder täusche ich mich?"

    Alpina mühte sich, den gekauften Stoff in ein passendes und repräsentales Gewand für die Hochzeit von Curio und Runa zu verwandeln. Als es an der Tür klopfte, legte sie das Nähzeug beiseite und erhob sich schwerfällig. Langsam wurde es beschwerlich.
    "Herrein!", rief sie und machte sich auf den Weg zur Tür, um den Besucher zu begrüßen.

    Alpina erkannte gleich, dass Eckwin am Kopfteil des Bettes für sie und Corvinus arbeitete. Der Kopf eines Bären war schon gut zu erkennen.


    "Salve, Eckwin. Schön dass ich dir hier gerade bei der Arbeit an unserem Bett sehe. Ja, danke sehr für die bisherigen Stücke. Alles ist genau so wie wir es uns vorgestellt haben. Wir sind sehr zufrieden und werden deine Schreinerei sicherlich weiterempfehlen."


    Sie betrachtete die Schnitzarbeit des Schreiners genauer.
    "Der Bär sieht ja schon jetzt sehr plastisch aus. Du bist ein wahrer Künstler! Darf ich dir trotzdem noch einen weiteren Auftrag erteilen? Ich habe noch einen ganz besonderen Wunsch - einen Geburtsstuhl. Du weißt ja, dass ich als Hebamme arbeite und so habe ich mir schon oft einen solchen Stuhl gewünscht, der es mir und der Gebärenden erleichtern würde, dem Kind auf die Welt zu helfen. Er sollte nicht allzu schwer sein, damit ich ihn mitnehmen kann. Und was natürlich ganz toll wäre... wenn er fertig wäre, bevor..." Alpina strich sich über den Schwangerenbauch. "... dieser kleine Brocken zur Welt kommen will."


    Alpina ahnte wohl, dass Eckwin keine Ahnung hatte, wie ein Geburtsstuhl aussah, denn der Einsatz solcher Stühle war noch selten, ihre Erfindnung noch nicht alt. Deshalb hatte Alpina eine Zeichnung eines Geburtsstuhles auf einem Papyrus mitgebracht.
    "So ungefähr sollte er aussehen."


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    Sim-Off:

    „The birth figures, I & II; the womans stooles. Wellcome M0009535“ von http://wellcomeimages.org/inde…2deaafad14e58.jpgGallery: http://wellcomeimages.org/indexplus/image/M0009535.html. Lizenziert unter CC-BY 4.0 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/…es._Wellcome_M0009535.jpg

    Ausgiebig betrachteten Alpina und Coriolana die vielen verschiedenen Borten. Es gab einfarbige, welche mit geometischen oder ornatmentalen Motiven oder mit sehr komplizierten vielfarbigen Mustern. Es war nicht einfach, da eine Entscheidung zu treffen.


    Alpina zog eine einfarbige Borte in einem tiefdunklen Rotviolett hervor.
    "Wie findest du die?", fragte sie die junge Helvetierin.


    Coriolana hielt die Borte hoch. "Schön. Aber willst du nicht lieber etwas Edleres. Sieh mal hier, diese mit dem gelben Mäandermuster auf dunkelblau. Die würde doch hervorragend passen. Oder nicht?"


    Das konnte Alpina nicht bestreiten. Diese Borte war besonders schön. Sie fragte die Händlerin nach dem Preis. Er war erwartet hoch, aber nicht übertrieben. Alpina ließ sich mehrere Ellen von der Borte abschneiden und zahlte den geforderten Preis. Lächelnd sah die Hebamme die jüngere Schwester ihres Lebensgefährten an.
    "Du bist mir eine große Hilfe gewesen. Zur Belohnung lade ich dich ein. In der Nähe gibt es eine nettes kleines Thermopolium wo man hübsch im Garten sitzen kann. Komm mit!"


    Gemeinsam verließen sie die Basilika.

    Sie betraten die Basilika und sahen sich zunächst ein wenig um. Coriolana war schließlich noch nie in der Basilika gewesen. Alpina zeigte ihr die Stände des Handelkonsortiums der Duccier und erklärte ihr, dass dieses Handelsimperium in den Händen der Familie von Curios zukünftiger Frau lag. Coriolana staunte.


    "Das ist ja unglaublich, Alpina! Was hat Curio für ein Glück, eine Frau aus einer so einflussreichen und wohlhabenden Familie heiraten zu dürfen!"


    Alpina nickte. Er hatte Glück und er wusste das auch. Es war schon oft ein Gesprächsthema zwischen ihr und ihm gewesen. Sie wusste aber ebenso, dass dies nicht der Grund für die Ehe gewesen war. Curio hatte das Glück tatsächlich die Frau heiraten zu dürfen, die er liebte. Wie oft war das in der römischen und auch in der germanischen Gesellschaft der Fall? Fast nie. Ehen wurden geschlossen, weil man sich Vorteile davon versprach. Nun, im Falle Curios war das sicher der Fall... umgekehrt musste es sich jedoch noch erweisen. Sie hatte zwar keine Sorge deshalb. Curio würde Karriere machen, er war auf dem besten Wege dazu.


    "Curio darf vor allem die Frau heiraten, die er liebt. Das freut mich sehr für die beiden. Ich wünsche dir später auch mal dieses Glück, Lana."


    Lana lächelte verschämt. Schamesröte stieg ihr ins Gesicht. Noch war eine Ehe kein Thema, aber lange würde es sicher nicht mehr dauern. Sie kam nun ins heiratsfähige Alter.
    Das verschämte Lächeln wandelte sich in ein freches Grinsen.
    "Einen der mich nicht liebt würde ich niemals nehmen!"


    Alpina erwiderte das Lächeln auch wenn sie nicht davon überzeugt war, dass das Lanas Eltern genauso sahen.


    Gemeinsam schlenderten sie durch die Marktstände, begleitet von Coriolanas Entzückensrufen ob der tollen Auswahl. Schließlich standen sie vor dem Stand den Alpina aufsuchen wollte. Er gehörte einer Händlerin, die sich auf die Fertigung und den Verkauf der schönsten Borten spezialisiert hatte.


    Helvetia Coriolana


    Lana hob den Stoff hoch und hielt ihn Alpina an den Körper.


    "Die Farbe steht dir ausgesprochen gut. Du solltest ihn unbedingt nehmen, Alpina. Und wer weiß, mit ein paar raffinierten Extras wirst du eine sehr hübsche Tonne werden!"


    Sie grinste schelmisch und kicherte.
    Alpina musste mitlachen. Dann fragte sie den Händler: "Ist der Preis dein letztes Wort oder läßt sich da noch was machen?"


    Der Mann wandt sich und fand hundert Argumente warum der Preis gerechtfertigt sei, ließ sich aber schließlich doch ein wenig herunterhandeln. Alpina schlug zu. Sie ließ sich den Stoff in die Casa Helvetia liefern.


    "So, nun sollten wir noch nach Borten sehen. Da gibt es einen Stand in der Basilika, den wir aufsuchen sollten."


    Coriolana nickte lächelnd. Die Aussicht darauf auch die Basilika von innen sehen zu dürfen, schien ihr zu gefallen.

    Auch Alpina sah sich suchend nach einem geeigneten Stoff um. Schließlich war es aber Coriolana, die enen nachtblauen Stoff hervorzog. Das Grinsen im Gesicht des fremdländischen Verkäufers ließ erahnen, dass es sich um eine gute und teure Qualität handelte.



    Helvetia Coriolana


    "Sieh nur! Wäre der nicht toll? Der ist doch edel und nicht zu auffällig, oder?"


    Alpina nickte. Sie ließ den Stoff durch die Finger laufen. Viel zu schade für ein Schwangerschaftsgewand, ging es ihr durch den Kopf. Zu allem Ärger wurde sie besonders viel davon brauchen, damit er ihre Körperfülle umspielte. Sie sah den Händler fragend an.


    "Sag mir was 10 Ellen dieses Stoffes kosten."


    Der feiste Händler pries seine Ware erneut in den höchsten Tönen.
    "So ein edler Stoff aus dem fernen India, so eine Qualität! Das bekommst du nur bei mir! Vortrefflich wird die Farbe zu deiner Erscheinung harmonieren. Der Stoff hat einen fairen Preis."


    Er nannte die Summe und Alpina zuckte zusammen. Für ein Kleid, das sie womöglich nur einmal anhaben würde sollte sie so viel ausgeben? Sie sah Lana an.

    Wie erwartete hatte es sich Coriolana nicht zweimal sagen lassen, als Alpina sie gefragt hatte, ob sie Lust habe mit ihr auf dem Forum nach einem Stoff für ein Gewand zur Hochzeit von Curio und Runa zu suchen. Sie hatten die Casa Helvetia natürlich nicht ohne die warnenden Hinweise von Lanas Mutter Decrima Timarcha verlassen können. Begleitet von Neman bogen sie um die letzte Ecke. Der Blick auf das Forum Mogontiacums war frei.
    Lächelnd betrachtete Alpina die großen Augen mit denen Lana die viele Marktstände betrachtete.


    "Ist es für dich der erste Besuch auf dem Forum Mogontiacums?", fragte sie.



    Helvetia Coriolana


    Coriolana nickte. "Ja. Es ist schon aufregend! Bei uns auf dem Land gibt es so etwas nicht. Gehst du wirklich ganz alleine hierher, Alpina? Machen dir all die fremden Menschen keine Angst?"


    Alpina lachte. "Nein, sie machen mir keine Angst. Einige von ihnen kenne ich aus der Taberna Medica oder von meinen vorigen Besuchen hier. Solange es hellichter Tag ist, ist Mogo ein ungefährliches Fleckchen und im Dunkeln gehe ich nicht alleine aus dem Haus."
    Sie sparte sich, Coriolana zu erzählen, dass sie den Fehler einmal gemacht hatte und nur mit Mühe einem Kerl entkommen war, der es auf sie abgesehen hatte. Seither ging sie abends nicht mehr alleine auf die Straßen der Stadt.


    Coriolana sah sich staunend um. "Wo willst du beginnen?"


    Alpina zeigte auf einen Stand nicht weit von ihnen entfernt. "Dort. Der Händler hat meist sehr gute Stoffe zu einem akzeptablen Preis. Wenn wir bei ihm nicht fündig werden, gehen wir in die Basilika. Komm."


    Zögernd aber nicht ohne Neugier in den Augen trat das junge Mädchen an Alpinas Seite an den genannten Stand. Sofort streckte sie ihre Hände nach einem glänzenden roten Stoff aus.


    "Was für eine Farbe!", rief sie begeistert aus. "Wäre das nicht etwas für dich?"


    Alpina schüttelte energisch den Kopf. "Damit sähe ich aus wie eine Lupa. Nein Lana, es muss etwas Edles aber nicht so Auffälliges sein. Als knallrote Tonne will ich nicht auf der Hochzeit deines Bruders alle Blicke auf mich ziehen."


    Coriolana kicherte bei der Vorstellung, sah dann aber ein, dass die Farbe nicht geeignet war. Ihr suchender Blick glitt über die Vielzahl an Stoffen.

    Ja, Alpina würde Lana fragen, ob sie mit ihr auf das Forum gehen wollte. Sie stand auf.


    "Dann werde ich jetzt mal wieder in die Taberna Medica gehen. Coriolana kann ich ja bei der gemeinsamen Cena fragen, ob sie mich begleiten will. Ich danke dir und wünsche dir noch einen schönen Tag."


    Mit einem leichten Kopfnicken verabschiedete sie sich von Timarcha.

    Während Alpina angstvoll darauf wartete ob die Geburtsgöttinnen das Opfer annehmen und ihren Segen erteilen würden, kam plötzlich ein Luftzug auf, hob sanft das Tuch auf ihrem Kopf an ohne es jedoch wegzuwehen. Der Windhauch bewegte auch die Binde und den Docht der Kerze.
    Alpina konnte sehen, dass der Aedituus erleichtert aufatmete. Ein gutes Zeichen? Er sah sie an und bestätigte ihre Hoffnung. Nun konnte auch sie aufatmen. Das Opfer war angenommen worden. Iuno würde sie bei der Geburt unterstützen!


    Dankbar senkte Alpina den Kopf. Dann hob sie die Binde und die Kerze auf. Sie wandte sich an den Aedituus.
    "Vielen Dank für deine Hilfe. Ich hatte schon Sorge, ich hätte die Göttin mit meiner Unachtsamkeit erzürnt. Nun aber bin ich froh und dankbar. Wir sehen uns, so Iuno es fügt, 40 Tage nach der Geburt. Dann werde ich mein Versprechen einlösen und den Göttinnen mit einem weiteren Opfer danken. Vale!"

    Lächelnd nahm Alpina wahr, dass ihre Schwiegermutter den Blick an sich hinab richtig gedeutet hatte.


    "Ja, ich fürchte, ich habe noch nichts Passendes (und das bezog sich sowohl auf den gesellschaftlichen Anlass wie auch auf die Größe des Kleidungsstückes) in der Kleidertruhe. Morgen gleich werde ich einen passenden Stoff und vielleicht eine hübsche Borte kaufen. Meinst du, Lana könnte mich begleiten? Ich hätte sie gerne an meiner Seite, schließlich hat sie sicherlich von dir den Geschmack für erlesene Kleidung geerbt und wird mich trefflich beraten können. Du selbst wirst ja sicherlich weiterhin mit den Vorbereitungen bschäftigt sein, nicht wahr?"


    Beruhigt hörte Alpina, dass Curio und Runa nach dem unangenehmen Auftritt vor Zeugen wenigstens ein wenig Zweisamkeit gegönnt werden würde. Auf Timarchas wohlgemeinte Bemerkung, dass Alpina sich zurückziehen könne, wenn sie müde würde, schüttelte sie lächelnd den Kopf.


    "Wenn ich schon selbst nicht mit einer solchen Feier heiraten darf, will ich wenigstens mit meinem Schwager und meiner Schwägerin feiern. Aber danke für das Angebot. Wenn es nötig werden sollte, werde ich es dich wissen lassen."


    Sie reichte Timarcha die Hand. Alpinas Blick war offen und zeigte ihre Dankbarkeit.


    "Danke für deine Fürsorge und für deine Hilfe in dieser für mich sehr anstrengenden und verunsichernden Lebensphase. Solltest du einmal meine Hilfe benötigen, wobei auch immer, lass es mich wissen. Wenn ich nicht gerade schwanger bin, würde ich hier alles stehen und liegen lassen, um dir auch auf eurem Landgut zur Hilfe zu kommen. Ich hoffe, du weißt das."

    So wie es aussah würde sich Alpinas Rolle auf das Tragen der Spindel und das "Beaufsichtigen" des Brautpaares während des Brautzuges beschränken. In der Casa Helvetia würde sie dann wohl eher repräsentative Funktion haben.
    Plötzlich dämmerte Alpina, dass sie überhaupt keine repräsentative Kleidung hatte. In ihrem Zustand passten ihr die meisten Tuniken ohnehin nicht mehr. Sie würde also dringend auf dem Forum oder in der Basilika einen passenden Stoff kaufen und sich ein "Zelt" nähen müssen, das ihre Rundungen schmeichelnd umspielte. So sehr sie sich auf das Kind freute, aber der Zustand der fortgeschrittenen Schwangerschaft machte ein repräsentatives Auftreten nicht unbedingt einfacher. Wenn man sich so elegant wie ein Walross bewegte und die Umfänge von Diogenes Heimstatt hatte...


    Noch eine Sache wollte Alpina von Timarcha wissen:


    "Was passiert eigentlich nach der Hochzeitsnacht? Kommt das Brautpaar zurück zu den Feiernden oder dürfen sie dann für sich sein? Und wie werden wir den restlichen Abend gestalten?"

    Entsetzt nahm Alpina wahr, dass sie sehr wohl gleich mehrere Fehler gemacht hatte. Sie hatte ihr Haupt nicht bedeckt und die Weihrauchspende vergessen. Ihr Herz sank. Hoffentlich war das kein schlechtes Omen! Sie betete inständig, dass die Geburtsgöttinnen ihr den Affront verziehen.


    Also vollzog sie die Handwaschung, legte sich das Tuch über und bediente sich beim Weihrauch. Bald stieg der duftende Qualm auf.
    Mit einem Seitenblick auf den Priester begann sie ihre Gebete zu wiederholen. An Iuno Lucina gewandt sprach sie:


    "Oh Iuno Lucina, Gebieterin über die Geburt, die du entscheidest ob die Fackel mit dem Lebenslicht meines Kindes gehoben oder gesenkt wird. Ich bitte dich, auch im Namen des Vaters dieses Kindes, gewähre mir eine leichte Geburt! Aus tiefster Seele bitte ich dich um deinen Segen für diese Körperbinde. Dafür habe ich dir und der Iuno Candlifera einen Kranz wichtiger Geburtskräuter mitgebracht. Solltest du mir meinen Wunsch gewähren und dem in meinem Bauch wachsenden Kind das Leben schenken, so werde ich dir nach der Zeit der Unreinheit erneut ein Opfer bringen."


    Erneut vollzog sie die Wendung zu Iuno Candelifera.


    "Oh Iuno Candelifera, die du meinem Kind den Weg in diese Welt leuchten sollst. Ich bitte dich darum mit hellem Schein dem Kind von Corvinus und mir ins Leben zu leuchten. Hierfür habe ich diese Kerze mitgebracht. Segne sie für uns, dann werde ich auch dir nach dem Kranz, den ich heute mitgebracht habe noch ein weiteres Opfer nach der Reinigung darbringen."


    Zuletzt die Wendung nach rechts. War diesmal alles richtig? Würden die Göttinnen ihr Opfer annehmen und Binde und Kerze segnen oder waren sie erzürnt durch die Fehler?

    Nach der üblichen Waschung folgte Alpina dem Priester in den Tempel. Sie war noch nie zuvor im Kapitolstempel Mogontiacums gewesen. Ehrfürchtig betrachtete sie die Statuen der Iuno Lucina und der Iuno Candelifera. Die Aufforderung selbst die Gebete zu sprechen beantwortete Alpina mit einem Nicken.


    Sie versenkte sich in die Betrachtung der Iuno Lucina und hob die Arme mit den nach oben geöffneten Handflächen. Vor sich hatte sie die Körperbinde gelegt. Mit fester Stimme begann sie zu beten.


    "Oh Iuno Lucina, Gebieterin über die Geburt, die du entscheidest ob die Fackel mit dem Lebenslicht meines Kindes gehoben oder gesenkt wird. Ich bitte dich, auch im Namen des Vaters dieses Kindes, gewähre mir eine leichte Geburt! Aus tiefster Seele bitte ich dich um deinen Segen für diese Körperbinde. Dafür habe ich dir und der Iuno Candlifera einen Kranz wichtiger Geburtskräuter mitgebracht. Solltest du mir meinen Wunsch gewähren und dem in meinem Bauch wachsenden Kind das Leben schenken, so werde ich dir nach der Zeit der Unreinheit erneut ein Opfer bringen."


    Alpina fixierte die schöne Statue der Geburtsgöttin. Inbrünstig hoffte sie auf die Gnade der Göttin, die starr in die Ferne zu blicken schien. Dann drehte sie sich zu der Statue der Iuno Candelifera. Sie stellte die Kerze vor sich hin und hob erneut die Arme zum Gebet.


    "Oh Iuno Candelifera, die du meinem Kind den Weg in diese Welt leuchten sollst. Ich bitte dich darum mit hellem Schein dem Kind von Corvinus und mir ins Leben zu leuchten. Hierfür habe ich diese Kerze mitgebracht. Segne sie für uns, dann werde ich auch dir nach dem Kranz, den ich heute mitgebracht habe noch ein weiteres Opfer nach der Reinigung darbringen."


    Sie wandte sich nach rechts um und sah vorsichtig zu dem Priester hin, ob sie alles richtig gemacht hatte.