Beiträge von DIVUS VALERIANUS

    Als die Mitglieder des Collegium Pontificium versammelt waren, betrat auch Valerianus in seiner Eigenschaft als Pontifex Maximus den Raum. Hätte man an seiner Miene überlicherweise seine Stimmungslage ablesen können, hätte man sehen können, dass er nicht allzu viel davon hielt, wenige Tage nach der letzten Sitzung schon wieder eine Sitzung leiten zu müssen und das auch noch in einer Form, in der derjenige, der die Szenerie beschrieb, endlose Sätze bastelte, in die er zahlreiche verschachtelte Relativsätze einbaute, damit die Leser, die sich für diese Sitzung interessierten, wenigstens mal eine andere Einleitung zu lesen bekamen als jene, die üblich war und in der sich in einem einzigen Satz nicht weniger als elf Kommas und siebenunneunzig Worte befanden. Stattdessen zeigte er den üblichen kränklichen Gesichtsausdruck, der von den kühlen Temperaturen nicht eben verbessert wurde. Immerhin zeigten seine Handbewegungen keine Nachlässigkeit, als er das kurze Opfer zelebrierte, mit denen eine Sitzung offiziell begonnen wurde. Da heute wichtige Entscheidungen anstanden, war der Beistand der Götter zweifellos besonders wichtig. Dann kam er ansatzlos zum Thema.


    "Ich höre eure Vorschläge."

    Einen Augenblick stockte Valerianus, als der Procurator die Briefe erwähnte. Dann war ihm klar, dass diese natürlich nicht verschwinden würden, nur dadurch dass er die Besprechung etwas früher begann.


    "Zu den Briefen kommen wir gleich. Erstmal Termine. Das Collegium Pontificium braucht einen weiteren Sitzungstermin. Geht das übermorgen? Dann keine sonstigen Termine für diesen Tag."


    Nachdem das geklärt war, konnten die Briefe besprochen werden, bevor Valerianus zu weiteren Punkten kommen wollte.

    Es kam selten vor, dass Valerianus schon bereit für den Morgenempfang seiner wichtigsten Beamten war, bevor diese bereit waren. Genaugenommen war es noch nie vorgekommen, seit er in Rom war. Den Grund für dieses bislang einmalige Ereignis kannte er nicht, aber falls es ein gutes Zeichen war, hätte er wohl jede Besprechung nun so abhalten wollen.


    "Können wir mit dem Procurator a libellis beginnen?"

    Auch die beiläufige und dennoch recht deutliche Aussage konnte Valerianus nicht dazu bewegen, sein allgemeines Desinteresse an bestimmten Dingen des Senates auch nur für kurze Zeit zugunsten einer Zusage aufzugeben. Diese Dinge überließ er gerne seinem Bruder.


    "Dann unterstütze ihn, wenn du es für richtig hältst. Bezüglich seines Vater erhielt ich kürzlich Nachricht aus Aegyptus, dass man dort Informationen über seinen Verbleib hätte. Ich ließ es an Decimus Meridius weiterleiten."

    Der neuerliche Einwand des Pontifex brachte Valerianus zu der Erkenntnis, dass er es gar nicht weiter versuchen sollte, einen diplomatischeren Ton anzuschlagen, als er das aus vielen Jahren bei der Legion gewohnt gewesen war. Alles andere wurde offenbar nicht verstanden.


    "Die drei Genannten sind nicht länger Mitglieder des Collegium Pontificium. Sie werden die Sitzung gleich verlassen. Möchtest du mir auch gleich noch einen neuen Rex Sacrorum vorschlagen, wo du es offenbar so eilig hast?"

    Valerianus konnte die Aufregung des Pontifex nicht verstehen. Sein Leben lang hatte er die Ansicht vertreten, dass das Ereignis zählte und nicht die Art und der Ort, an dem darüber gesprochen wurde. Deswegen hatte er auch mit vielem politischem Getue nichts anfangen können und sich dem Militär zugewandt. Auch jetzt versuchte er sowas so gut es ging zu vermeiden.


    "Die Erschütterung der Götter ist es, die wir fürchten müssen. Und denen ist es egal, wo gesprochen wird."


    Dass die Gründe an die Öffentlichkeit gelangten, konnte mit einem öffentlichen Prozess erst Recht nicht verhindert werden

    Eine kurze Antwort hätte Valerianus gereicht, aber er kannte seinen Bruder gut genug, um zu wissen, dass dieser eben eher etwas ausführlicher redete. Immerhin war damit gleich noch ein zweiter Name für einen Dispens dazu gekommen.


    "Dann habt ihr also schon konkrete Pläne. Für mich ein Grund mehr, diesen Dispens zu erteilen. Für euch beide. Muss ich das irgendwo veröffentlichen lassen?"


    Er erteilte zum ersten Mal eine solchen Dispens und er hatte keine Ahnung, ob sein Vater so etwas jemals getan hatte und falls ja, wie er dabei vorgegangen war. Aber irgendein Beamter würde es schon wissen, wenn Quarto es nicht selber wusste.

    Erleichterung war im Blick von Valerianus zu erkennen. Nicht nur, weil er erfolgreich den Schweißtropfen aus seinem Auge entfernt hatte, sondern auch weil die beschuldigten Männer offenbar keine vehemente Gegenwehr leisteten. Im Collegium Pontificium schien es keine Kämpfertypen zu geben, was Valerianus in diesem Augenblick aber ganz recht war. Sein Blick galt demjenigen Pontifex, der noch am meisten zu kämpfen schien.


    "Natürlich zahlst du die Summe zurück, genauso wie die beiden anderen auch. Und bringst Opfergaben in gleichem Wert an die Götter. Genauso wie die beiden anderen auch."


    Seine Stimme klang längst nicht so fest, wie es seine Worte suggerieren wollten und ließen sie eher wie eine Bitte denn ein Urteil klingen. Den Pontifex, der ein gerichtliches Verfahren forderte, schien Valerianus erst jetzt als Teilnehmer der Runde richtig wahrzunehmen. Zumindest schaute er ihn eine Weile an, bevor er etwas erwiderte.


    "Ist dir die hier vorgebrachte Klage und das Schuldeingeständnis der Männer nicht Verhandlung und Urteil genug?"


    Er wusste, dass sein Vater ein ausgiebiges Prozessrecht mit vielen Wegen mit entwickelt hatte, so wie einige seiner Vorgänger. Selber konnte er damit nicht viel anfangen und schätzte den kurzen Weg. Jeder Schritt kostete Kraft und in einem solchen Fall wohl sogar seine Kraft. Und diese war schnell zu Ende und verlangte jetzt nach dem Becher mit Wasser, den der Diener reichte.

    Wie häufig in solchen Fällen, folgte Valerianus dem Vortrag mit geschlossenen Augen und öffnete sie auch nicht sofort, als der Procurator geendet hatte. Ihm war klar, dass er hier Anweisungen geben musste und ihm war ebenso klar, dass er nicht willkürlich entscheiden konnte. Zum Glück waren bei den morgentlichen Besprechungen immer auch weitere Beamte anwesend, von denen diesmal einer den passenden Hinweis zur Hand hatte und an Decimus Meridius und Decimus Mattiacus erinnerte, die sich das schriftliche Einverständnis für eigene Nachforschungen geholt hatten.


    "Richtig. Die Nachricht des Praefectus Aegypti ist an diese Delegation weiterzuleiten. Egal wo sie sich gerade aufhalten. Und den Praefectus kannst du informieren, dass eine Delegation in meinem Namen bereits unterwegs ist und mit ihm Kontakt aufnehmen wird, wenn sie seine Informationen nutzen wollen."

    Die Anspannung, die Valerianus ergriffen hatte, als das Thema angesprochen wurde, veränderte sich weder durch den Vortrag der Ermittlungen noch durch die Reaktionen der Beschuldigten. Doch irgendwann musste sie eine Reaktion hervorrufen, schon weil Valerianus' Kraft nicht reichte, ewig angespannt zu sein. Also beugte er seinen Oberkörper etwas nach vorne, womit sich ein Teil der Spannung schon einmal in einem kräftigen Hustenanfall entlud. Leichter Schweiß machte sich bemerkbar und ein Diener hielt schon den obligatorischen Becher mit Wasser bereit, den Valerianus in solchen Augenblicken zu verlangen pflegte. Diesmal musste der Diener aber warten.


    "Legen die Herren Wert darauf, weiterhin dem Collegium Pontificium anzugehören?"


    Die Frage hatte er sowohl an die beiden beschuldigten Pontifices gerichtet als auch an den Rex Sacrorum, auf dem sein Blick nun ruhte. Zumindest so lange, bis ein Schweißtropfen in sein Auge lief.

    Die Zeit schien tatsächlich zu rasen und Valerianus fragte sich, ob er sich in dieser Wahlperiode überhaupt einmal nennenswert bei öffentlichen Terminen gezeigt hatte, die über Sitzungen und Audienzen hinaus gingen. Aber er schob die Gedanken beiseite. Seine Ärzte hätte ihm sowieso abgeraten.


    "Ich bin einverstanden. Wirst du erneut kandidieren?"


    Er wusste nur selber genau genug, dass zwei aufeinander folgende Amtszeiten nicht möglich waren. Aber seinen eigenen Bruder als Consul an seiner Seite zu wissen, hatte ihm das Jahr ungemein erleichtert. Das nächste würde nicht so angenehm werden, fürchtete er.

    Valerianus hatte zu diesem Thema dann auch nicht weiter zu sagen. Mit fragendem Blick wandte er sich an Salinator, ob dieser noch etwas hinzu zu fügen hatte. Falls nicht, würden sie die Audienzhalle schon bald verlassen können. Er fühlte sich in diesem Raum einfach noch unwohler als in den anderen Räumen.

    Die Beförderung eines Optio zum Centurio war nichts, was bei Valerianus größeres Interesse wecken konnte und er war froh, dass die Audienz damit bereits ihrem Ende entgegen gehen konnte.


    "Befördere ihn, wie du es für richtig hältst. Um die Ernennung zum Ritter kümmert sich meine Kanzlei."


    Ein Notarius im Hintergrund notierte den Wunsch mit. Ob die Kanzlei die Ernennung gleich durchführte oder ob der Procurator a memoria sie beim nächsten Treffen des Consilium Principes zur Debatte vorlegen würde, war Valerianus in diesem Fall auch einerlei, da der Mann noch nicht für einen weiteren speziellen Posten empfohlen wurde.

    Auch diese Antwort reichte Valerianus, ohne sie weiter zu hinterfragen. Er kannte den empfohlenen Mann selber nicht, also konnte er es dem Flottenpräfekten auch nicht übel nehmen, dass dieser ihn nicht kannte. Nachdenklich wäre er bestenfalls geworden, wenn dieser ihm ausdrücklich abgeraten hätte.


    "Dann erwarte ich Nachricht darüber, wenn es soweit ist und du nach Rom berufen werden kannst. Um was für eine Beförderung geht es noch?"


    Sowohl um die Beförderung als auch um die Entgegennahme der Nachricht würde er sich kaum persönlich kümmern. Dafür hatte er schließlich seine Kanzlei. Aber in einer Audienz konnte er die Nachfrage schlecht abweisen. Später würde er Salinator noch fragen müssen, ob er auch einen Nachfolger für Octavius Sura hatte, aber das hatte noch Zeit, bis sie zurück im Büro waren.

    Valerianus hatte sich voll und ganz darauf verlassen, dass Salinator eine Antwort hatte und wurde nicht enttäuscht. Er hatte zudem keinen Grund, die Empfehlung in Frage zu stellen, also wandte er sich gleich wieder an Annaeus Florus.


    "Kennst du ihn schon? Du bleibst in Misenum, bis er dort eintrifft und das Kommando übernimmt."


    Dass auch für Octavius Sura erst ein Nachfolger benötigt wurde, war ihm klar, aber er ging davon aus, dass sich auch darum jemand kümmern würde.

    Hätte Valerianus die Energie aufgebracht, seine Gesichtsmuskeln zu bewegen, wären nicht nur seine Augen größer geworden. So blieb es aber bei ein paar leicht rötlichen Verfärbungen im ansonsten blassen Gesicht.


    "Was du glaubst ist mir egal. Ich gehe davon aus, dass meine Procuratoren dazu in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen und umzusetzen."


    Eine Legionsoffizier hätte er vor zehn Jahren eine kräftige Standpauke gehalten, wenn er ihm so gegenüber getreten wäre. Aber die Zeiten waren lange vorbei.


    "Das ist alles. Du kannst gehen."