Beiträge von DIVUS VALERIANUS

    Die Namen mit der meisten Zustimmung ließ Valerianus ohne weiteren Kommentar seinerseits notieren. Er hatte nicht erwartet, auch nur einen der Kandidaten persönlich zu kennen. Den Namen nach waren viele Patrizier dabei, was ihn nicht wunderte. Immerhin war das religiöse Wohl des Reiches eine ihrer wichtigsten Pflichten. Als die Liste genug Namen für alle offenen Plätze enthielt und noch einige in Reserve, war er zufrieden.


    "Ich habe genug gehört. Stellt sicher, dass alle genannten Kandidaten mit ihrer Berufung einverstanden sind. Dann legt einen Termin für die Feierlichkeiten der Amtseinführungen fest. Meine Kanzlei kann euch dabei weiterhelfen."

    Valerianus nahm das Opfermesser entgegen, welches ihm gereicht wurde und zog es langsam aus seiner Hülle. Dann trat er an das Opferrind heran und streckte seinen Arm aus, um dem Tier mit der Seite des Messers langsam über den Rücken zu streichen. Die ungewohnte Bewegung kostete Kraft und Konzentration, wenn sie würdevoll aussehen sollte und das Tier nicht mehr als nötig irritieren sollte. Das letzte, was sich Valerianus im Moment wünschen konnte, war eine Wiederholung der Zeremonie, weil das Opfertier ausbrach.


    Aber alles ging gut und das Messer konnte nach der Prozedur wieder in die Hände des Schächters gelegt werden. Den Text des Opfergebetes wollte Valerianus nicht selber verlesen, sondern überließ diese Aufgabe einem Sacerdos mit kräftigerer Stimme. Dass er auch den Text nicht selber verfasst hatte, sondern nur genehmigen musste, brauchte niemand zu wissen, auch wenn es sich vermutlich ohnehin jeder dachte. Danach blieb ihm nur noch, auf die unvermeidliche Frage des Schlächters mit einem klaren "Age!" zu antworten.

    Nachdem alles vorbereitet war, forderte ein Ausrufer zum Schweigen auf und Valerianus führte ohne sichtbare Aufregung die nötige Waschung und das Voropfer durch. Die Worte seines Gebetes waren selbst für die direkten Umstehenden kaum zu verstehen und seine Gesten blieben schwach. Trotz aller Schlichtheit des Auftritts schien er das Opfer aber immerhin gewissenhaft durchzuführen und nicht nur rasch fertig werden zu wollen. Die klassische Wendung nach rechts beendete das Voropfer und leitete in Ermangelung einer Gelegenheit zur Prozession gleich zum Hauptopfer über.


    Erneut wurde zum Schweigen aufgerufen und Flötenspiel erklang. Nun waren wieder die Helfer an der Reihe, den Schmuck vom Opfertier abzunehmen und zu Pinsel und Salzlake zu greifen, bevor Valerianus das Opfermesser zur rituellen Entkleidung in die Hand nehmen würde.

    Hätte Valerianus noch einen Nachweis der Eignung des kommenden Rex Sacrorum erwartet, so hatte er ihn gerade bekommen. Nicht zu hastig, aber am Ende dennoch bestimmt beantwortete dieser ihm seine Frage und sprach einen Empfehlung aus. Für Valerianus gab es keinen Grund, über diese Empfehlung noch weiter zu debattieren.


    "Danke. Dann soll Curiatius Fistus der neue Flamen Quirinalis sein."


    Dass dieser sich selber noch gar nicht geäußert hatte, überging er einfach. Immerhin wäre dazu Zeit gewesen, während andere Kandidaten genannt wurden.


    "Welche Männer stehen als Anwärter bereit um die Lücken in der Reihe der Pontifices zu schließen?"

    Tatsächlich hätte sich Valerianus sehr gewundert, wenn nun noch ein weiterer Name genannt worden wäre. Dies war nicht der Fall und somit war seine Wahl endgültig getroffen. Was zu seinem Leidwesen gleich die nächste Frage nach sich zog.


    "Nun, dann sei es so und der Flamen Quirinalis soll in dieses ehrwürdige Amt erhoben werden. Möchtest du uns einen Nachfolger für dein bisheriges Amt empfehlen?"


    Und selbst mit einer schnellen Entscheidung hier stand noch die Kooption weiterer Mitglieder für die anderen ausgeschiedenen Pontifices bevor.

    Die Zustimmung der Götter zu einem Kommando waren das eine, Dank und Bitte an die Götter in Form eines Opfers das andere. Also wurde nun ein ausgewachsenes Rind heran geführt, das zur rituellen Reinigung geopfert werden sollte. Reinigung für den einen, der seinen Posten verließ wie ein Heer, das nach dem Feldzug die Lustratio zelebrierte. Reinigung für den anderen, der seine Vergangenheit verließ, um fortan in der Garde zu dienen.


    Valerianus wartete ab, bis die Opferhelfer des Cultus Deorum hinzu gekommen waren.

    Valerianus hatte nichts anderes vor gehabt, als die Nuntatio zu akzeptieren. Jede andere Feststellung als die eines positiven Vorzeichens hätte ihn auch extrem irritiert.


    "Iuppiter Optimus Maximus, ich danke für dein Zeichen. Die Nuntatio ist akzeptiert. Tribunus Artorius Avitus, tritt vor! Du dientest in der Legio IX, der Legio I und den Cohortes Praetoriae. Du wurdest ausgezeichnet im Frieden wie im Krieg. Nun weise ich dir einen neuen Platz zu. Mit der Zustimmung der Götter befehle ich dich an die Spitze der Cohortes Praetoriae. Praefectus Artorius Avitus, dein Kommando!"


    Die zivilen Aspekte dieses Posten ließ er bewusst aus. Er war selber kein Freund dieser Arbeit, warum sollte er solche lästigen Pflichten dann bei anderen herausstellen.

    Nachdem Valerianus in der vergangenen Zeit mit seinen Beamten schon einige Überraschungen erlebt hatte, war er für die knappe Antwort sehr dankbar.


    "Gut, weiter. Aus Aegypten liegen einige Empfehlungen vor, von der Legio XXII. Einmal ein Tribun namens Iunius Silanus, den holen wir als Tribun zu den Praetorianern. Und dann ein Offizier namens Tiberius Rufinus, den schicken wir als Tribun zur Legio I. Er ist ein Patrizier, wie Tiberius Vitamalacus. Schreibt dem, er soll dem jungen Mann ordentlich was beibringen. Lasst die beiden Tiberier aber außerdem beobachten. Ich will keine Überraschungen erleben."


    Widersprüchlicher hätte die Anweisung bezüglich des Tiberiers wohl kaum sein können, aber so wie sie ausgesprochen war, war sie auch umzusetzen.

    Valerianus wartete ab, bis auch die anderen Vorbereitungen für das Einholen der Auspicien abgeschlossen waren. Dann teilte er dem Auguren sein Anliegen mit.


    "Als Oberbefehlshaber der Cohortes Praetoriae ist es meine Absicht, den Tribunen Lucius Artorius Avitus zum neuen Praefectus Praetoriae zu ernennen. Doch dies wird nur geschehen, wenn Iuppiter Optimus Maximus uns die Zustimmung dafür erteilt. Daher bitten ich dich, Iuppiter Optimus Maximus, um ein Zeichen deines Willens."


    Nun war es an dem Auguren, eben diese Zustimmung festzustellen oder von dem Vorhaben abzuraten.

    Damit war der erste Teil der Zeremonie vollständig und Caecilius Crassus ehrenhaft aus seinem Amt entlassen. Nun sollte der zweite Teil folgen, in dem sein Nachfolger eingesetzt werden sollte. Doch dies konnte natürlich nicht ohne die Zustimmung der Götter geschehen. Als ließ Valerianus einen Auguren herbei holen, der den Willen der Götter erkunden sollte, während Caecilius Crassus die Zeremonie nun als Ehrengast weiter mit verfolgen durfte.

    Nun wandte sich Valerianus dem Beamten zu und nahm ein Dokument entgegen, das er ebenfalls an Caecilius Crassus weiter reichte. Die Worte dazu sprach er wesentlich leiser und nur an den ehemaligen Praefekten gerichtet.


    "Damit du auch in Zukunft weißt, wo ein Platz ist, an dem ich dich gerne sehe, habe ich dir etwas Land übertragen lassen. Du wirst es zu nutzen wissen."

    Das Gefühl, als Oberbefehlshaber vor einer Truppe zu stehen und einen Offizier auszuzeichnen, gab Valerianus eine gewisse Kraft, die er sonst immer vermissen ließ. Andererseits luden auch die Novembertemperaturen nicht dazu ein, länger als nötig in exponierter Position herumzustehen.


    "Gaius Caecilius Crassus, für deine Leistungen als Offizier und Befehlshaber im Frieden wie im Feld wird dir die Hasta Pura verliehen. Für deine Dienste an der Spitze der Cohortes Praetoriae und insbesondere der Speculatores wird dir die Corona Exploratoria verliehen."


    Beide Gaben nahm Valerianus von dem Offizier entgegen, der ihm assistierte und reichte sie an den ehemaligen Praefectus Praetorio weiter. Der Beamte würde später noch eine Rolle spielen. Dann deutete er einen militärischen Gruß an.

    Valerianus quittierte die Empfehlung mit einem verhaltenen Nicken und ließ dann den Procurator ab epistulis zu der Besprechung hinzu holen, da bei den Versetzungen von Offizieren beide Procuratoren gleichermaßen betroffen waren. Eine Wachstafel listete alle Fälle auf.


    "Annaeus Florus wird die Classis in Misenum verlassen. Er bleibt dort, bis sein Nachfolger eintrifft. Danach soll er nach Rom kommen, um seine Auszeichnungen zu empfangen. Sein Nachfolger wird Octavius Sura sein, derzeit Kommandeur der Ala in Confluentes. Er kann auf dem Weg nach Misenum hier vorbeikommen, damit ich ihm sein neues Kommando persönlich übertragen kann. Sein Nachfolger wiederum wird Terentius Alienus, derzeit Tribun bei der Legio II."


    Er wartete ab, ob diese Informationen Rückfragen erzeugten oder ob den Beamten klar war, wen sie zu informieren hätten.

    Als der Kommandeur der Garde seine Rede beendet hat, vergeht ein Augenblick, bis Valerianus sich von seinem Platz erhebt und einen Schritt vortritt.


    "Praefectus Praetorio Gaius Caecilius Crassus, du hast meinem Vater und mir treu gedient. Am heutigen Tag deiner Entlassung sollst du dafür deine Auszeichnung erhalten. Tritt vor."


    Er winkt einen Beamten und einen Offizier zu sich, die ihm bei der Verleihung assistieren sollen.

    Eine ganze Weile hatte Valerianus die Diskussion schweigend verfolgt und seiner Gewohnheit folgend dabei mehr als einmal phasenweise seine Augen geschlossen gehalten. Nun schien es jedoch an der Zeit zu sein, dass er eine Äußerung tat. Dass sich ein Mann so aufrichtig und freiwillig für das Amt meldete, beeindruckte ihn. Er hatte sich vorab darüber informieren lassen, wie die Benennung eines neuen Rex Sacrorum genau vor sich zu gehen hatte und sich schon darauf eingestellt, einen Freiwilligen bestimmen zu müssen. Immerhin kannte er sowas auch aus seiner Militärzeit, aber hier war es nicht nötig.


    "Wie ich sehe, haben wir den Flamen Quirianlis sowie den Pontifex Curiatius Fistus als Bewerber um das Amt des Rex Sacrorum. Schon aufgrund der Tradition des Amtes ist hier wohl der Flamen zu bevorzugen, so dass auch ich dies tun werde. Es sei denn, ein weiterer Kandidat tritt in die Runde."

    Valerianus hatte auf konkretere Punkte gehofft als auf Gerüchte und Vorschläge.


    "Gibt es Vorbereitungen für einen der nächsten Festtage? Ansonsten können wir die nächste Ernennenung von Offizieren öffentlich abhalten, wenn es den Zuschauern denn Freude macht."


    Auf diese wollte er ohnehin als nächstes zu sprechen kommen.

    Noch einmal entstand Bewegung auf der Straße, die zum Marsfeld führte, als sich die Sänfte mit Valerianus ihren Weg bahnte. Soldaten der Palastwache schirmten sie zu allen Seiten hin ab und sorgten dafür, dass Valerianus ohne Behinderung seinen Platz erreichte. Langsam entstieg er der Sänfte, ließ kurz seine Kleidung ordnen und brachte die letzten Schritte zu seinem Platz hinter sich. Eine Schar von Dienern, Beamten und anderen Helfern waren der Sänfte zu Fuß gefolgt und verteilten sich nun auf ihre Positionen neben und hinter dem Oberfehlshaber der römischen Streitkräfte. Mit knappen Gesten grüste dieser die anwesenden Magistrate, Senatoren und Offiziere, soweit er sie erblicken konnte und ihm ein Diener die wichtigsten Namen zuflüsterte. Dann wandte er sich an den Verantwortlichen für die bevorstehende Zeremonie.


    "Von mir aus können wir beginnen, wenn die Garde so weit ist."