Beiträge von Decima Lucilla

    Lucilla atmet auf. Auf die Verwandschaft ist doch immer Verlass. Sie erwiedert die Umarmung ihres Cousin und setzt sich dann wieder hin. Mit halbem Ohr hört sie dem Gespräch zu und grübelt darüber nach, ob Meridius Reaktion ohne Mattiacus Eintreffen wohl schlimmer ausgefallen wäre. Außerdem ist sie mit dem Ausschütten ihrer Sorgen auch noch nicht fertig, doch das müsste warten.

    Lucilla grinst. "Da würde ich dir einfach mal die komplette Stadt empfehlen. Es gibt so viele Ecken und Facetten von Roma." Sie überlegt. "Meine Favoriten sind die Märkte und die Thermen des Traian, aber das ist ja nicht jedermanns Sache. Das Forum kennst du ja sicher, oder? Dann ist natürlich das Colloseum einen Blick wert und der Tempelbezirk. Der Palast ist auch beeindruckend, aber dort wirst du ja ohnehin bald ein und ausgehen."

    "Ach herrje..." murmelt Lucilla leise und schaut sich nach einer Sitzgelegenheit um, die sie auch direkt erspäht. "Dann lass uns wenigstens sitzen."


    Lucilla lässt sich in einen Korbstuhl sinken und überlegt hastig, was sie überhaupt sagen soll. Wieviel sie sagen soll.


    "Also das ist so... ich möchte nicht, dass du es durch irgendwelche Gerüchte erfährst, die ohnehin nicht stimmen... zumindest nicht ganz. Du weißt ja, wie schnell sich solche Gerüchte aufbauschen und in Rom verbreiten." Sie blickt hilfesuchend auf ihre Fingernägel, doch da ist nichts, was ihr helfen würde. Also schaut sie wieder auf und ihren Bruder an.


    "Nach der Besprechung mit Senator Avarus wegen der Versetzung nach Italia, da hat er mich für den Abend zum Essen eingeladen. Ich habe mir nichts dabei gedacht, ich war auch in Tarraco schon mit ihm essen. Mit gefülltem Magen lässt es sich nuneinmal viel besser über geschäftliche Neuerungen, Anregunge und Änderungen sprechen." Sie seufzt. "Es gab viel zu besprechen und der Abend wurde immer später und wir sprachen immer noch und dann war es schon mitten in der Nacht." Im Grunde stimmt das. "Er konnte mich natürlich zu dieser Stunde nicht noch durch die Stadt schicken, also bot mir Avarus ein Gästezimmer in der Casa Germanica an. Was ich angenommen habe." Sie blickt trotzig auf. "Aber das ist auch alles. Ich habe dort nur übernachtet. Nichts weiter. Am Morgen bin ich direkt in die Regia zur Arbeit gegangen." Mit Umweg über ein Frühstück mit Crassus. Verlegen blickt sie wieder auf ihre Fingernägel. "Wie gesagt, ich will nicht, dass du irgendwelchen Gerüchten Glauben schenkst."

    Lucilla schaut erstaunt. "Ach, erst so kurze Zeit in Germania und schon hast du dir die schönen Frauen abgewöhnt. Das kann ich ja fast nicht glauben." Sie grinst spitzbübisch und fährt dann fort. "Kein Schnee? Dann ist es also gar nicht so schrecklich da oben? Gut, das beruhigt mich." Sie nickt ernsthaft.


    "Von der Familie habe ich ehrlich gesagt außer mit Livianus und mit Maior noch mit gar keinem gesprochen seit ich hier bin, was aber auch noch nicht lange ist. Naja, und es ist ja kein Wunder, in dieser Casa kann man sich fast verlaufen und du kennst ja die Decima, sie leben in ihren Officien und kommen nur zum Schlafen nach Hause." Sie lächelt. "Und Tertia habe ich auch noch nicht gesehen. Der Cursus Publicus in Italia hat wohl doch etwas mehr zu tun als der von Hispania und irgendwie war ich wohl auch nicht so oft Zuhause... tagsüber meine ich... " Sie spürt einen leichten Hitzeanstieg in ihren Wangen.


    "Typische Decima eben, nur zum Schlafen in der Casa." Mit einem Grinsen versucht Lucilla ihre Verlegenheit zu überspielen. Könnte nicht zufällig jetzt gerade ein anderes Mitglied dieser Familie hereinkommen?

    Lucilla löst sich von ihm und blickt ihn fragend an. "Aber nein, was sollte denn nicht stimmen?"


    Ihre Schultern sacken herab, es hat einfach keinen Zweck, ihm etwas vorspielen zu wollen.


    "Ach herrje, du hast natürlich recht. Aber es ist nicht ganz so wichtig. Du bist ja kaum da. Wie geht es dir? Hast du meine Briefe bekommen? Wie geht es Magnus? Ist es sehr kalt in Germania? Schneit es tatsächlich die ganze Zeit?"

    "Nein, darüber weiß ich nichts." Lucilla zuckt die Schultern. "Ich habe gehört, dass Tiberia Livia durch das halbe Imperium gereist ist um die besten Gladiatoren aufzutreiben. Normalerweise müssen dann also auch welche aus Tarraco dabei sein."


    Sie senkt etwas die Stimme und kichert. "Aber vielleicht hat sie auch nur die Günstigsten gesucht und dann ist es nicht so sicher."

    Lucilla überlegt. "Also auf jeden Fall sind in den nächsten Tagennoch die Gladiatorenspiele." Und das sind eh die wichtigsten, denn Crassus würde sie dorthin begleiten.


    "Ansonsten weiß ich es gar nicht so genau. Aber wir werden es sicher mitbekommen, in Rom kann man solche Informationen ja gar nicht verpassen."

    Lucilla runzelt die Stirn. "Naja, er soll ja eigentlich auch ganz nett sein. Immerhin ist er der Kaiser und wir sind sein Volk. Aber lassen wir das."


    Sie trinkt ihren Becher Mulsum aus und lächelt. "So, jetzt geht es mir wieder gut. Warst du schon bei den Ludi? Es gab prächtige Tierkämpfe und ich bin schon ehrlich auf die Gladiatorenkämpfe gespannt. Livianus und Tiberia Livia haben sich mächtig ins Zeug gelegt."

    "Das kann ich!" pflichte Lucilla bei. "Sag, wie war er? War er nett? Oder eher grummelig? Oder einfach nur neutral?"


    Gespannt wartet sie auf die Antwort. Nach ihrer eigenen Erfahrung kann sie nicht mehr so richtig nachvollziehen, dass ihre Verwandten sich so über den Posten in der Nähe des Kaisers freuen, obwohl sie natürlich verstehen kann, dass sie ihn pflichtbewusst antreten.

    Eine trügerische Ruhe, denn Lucilla naht bereits. 8)


    Gedankenverloren schlendert sie aus dem Balneum kommend zurück zu ihrem Zimmer, wobei sie nicht nur das halbe Haus, sondern eben auch jenes Atrium durchqueren muss. Schon als sie auf der gegenüberliegenden Seite von Meridius in den Raum tritt, schaut sie auf und will den Mund zum Gruß öffnen. Dieser jedoch bleibt ihr im Hals stecken, als sie ihren Bruder erkennt.


    "Meridius!" Ein breites Lachen legt sich über Lucillas Gesicht und sie eilt geschwind durch das Atrium, bis sie vor ihrem Bruder steht. Doch auch hier stoppt sie nicht, sondern schlingt die Arme um ihn und drückt ihn an sich.


    "Bin ich froh, dass du da bist!" Sie blickt mit freudig blinzelnden Augen zu ihm auf. Ja, nun würde wieder alles in Ordnung kommen.

    "Oh ja," nickt Lucilla. "Redaktionsschluss ist noch in dieser Woche. Ich hoffe nur, wir finden bald noch einen Korrespondenten aus Hispania. Nachdem ich nun auch dort weg bin, fürchte ich, wird dieser Teil noch dünner werden."


    Sie steckt das letzte Stück Fleisch in den Mund und kaut genüsslich darauf herum.


    "Hast du eigentlich im Palast schon angefangen? Hast du den Kaiser schon gesehen?"

    Etwas überrascht schaut Lucilla von ihrem Stück Honigbraten auf.


    "Oh, da fragst du wirklich die Falsche, Maior. Ich verfolge die Kandidaturen nicht wirklich interessiert. Dass Martinus kandidieren wollte, das habe ich mitbekommen, aber das ist auch schon alles. Ich bin mir nichteinmal sicher, ob es es getan hat oder nicht. Ich hoffe da einfach auf die Zusammenfassung in der nächsten Acta, und die macht zum Glück Tiberia Livia."

    "Ja, das vermisse ich auch manchmal. Das Leben war damals noch so einfach."


    Lucilla seufzt, fängt jedoch recht schnell wieder an zu grinsen. "Eines Tages wenn wir mal alt sind, dann sitzen wir sicher wieder alle dort zusammen und genießen unseren Ruhestand. Mit grauen Haaren und schwachen Augen beobachten wir unsere Enkel und denken an das wilde Leben in Rom zurück."

    "Das ist ja wunderbar! Meinen Glückwunsch!" Lucilla grinst. "Dann bleibt der Magister Officiorum also wieder einmal fest in Decima-Hand."


    Sie trinkt einen Schluck und schaut Maior dann lächelnd an. "Und ich glaube, wir Decima können uns überall einnisten, sei es in Germania oder Rom. Wobei wir natürlich definitv den Vorteil haben, dass Onkel Mercator schon so eine prächtige Casa gekauft hat."

    Lucilla nickt.


    "Oh ja. Es scheint mir, dass im Officium in Italia an einem Tag mehr los ist, als in einer Woche in Hispania. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich das schon alles hinbekomme. Die Tabellarii sind auch sehr motiviert."


    Sie läd sich noch ein Stück Fleisch auf ihren Teller und schaut Maior dann neugierig an. "Und bei dir? Wie ist dein Gespräch im Palast gelaufen? Hat sich schon etwas ergeben?"

    Lucilla blickt auf, jäh aus ihren Gedanken gerissen, als Maior eintritt.


    "Salve, Maior!" Sie versucht, ein Lächeln zustandezubringen. "Setz dich doch, hast du Hunger? Es ist genug da." Sie deutet auf das viele Essen, das sie notfalls auch alleine schafft, aber gerne teilt. :)


    "Hatte ich dir nicht erzählt, dass ich nach Rom reisen wollte?" Sie überlegt ernsthaft. Bei so einer großen Familie kann man nie ganz sicher sein, wem man nun was erzählt hat.


    "Ich war bei Senator Avarus." Ein Seufzen. "Prudentia Valeria wird doch Agrippa heiraten und den Cursus Publicus in Hispania übernehmen. Und ich den in Italia. Nunja, genau genommen habe ich schon. Es ist alles ein wenig durcheinander zur Zeit im Cursus Publicus." Und nicht nur da. "Der Tabellarius Waldemarr soll den Cursus Publicus in Germania leiten, eine komplette Rotation der Praefecten sozusagen. Bis auf den Umstand, dass die Stelle in Italia nicht besetzt war. Da die Neubesetzung jedoch mehr oder weniger dringend war, bin ich direkt geblieben."


    Ob er da jetzt noch mitgekommen ist?


    "Um es vereinfacht zu sagen, ich bin direkt nach Italia versetzt worden und werde deshalb hier bleiben."

    "Ewige Keuschheit?" Lucilla will nicht näher darauf eingehen, doch viel Unterschied zum gegenwärtigen Zeitpunkt wäre das auch nicht. "Vestalinnen müssen ja nicht ihr leben lang im Dienst der Vesta bleiben." Sie rechnet nach, wie alt sie nach dreißig Jahren wäre und stutzt. Am Ende dieser Zeit wäre sie schon ziemlich alt, vielleicht würde sie es schon gar nichtmehr erleben. Frustrierende Aussichten, auf die erst einmal ein Schluck Mulsum folgen.


    "Und die Männer bringen einen nur durcheinander. Und am Ende nehmen sie einen doch nicht ernst. Ich glaube, mein Bruder hatte recht. So wie er am Ende doch schon immer recht hatte. Ach, Ambrosius, hätte ich nur auf ihn gehört..."


    Ein Sklave balanciert eine große Platte mit leicht angebratenen Fleischscheiben, kleinen Fleischbällchen und ein paar Scheiben dunklem Honig-Braten. Rundherum sind gedünstete Kartotten und Gurken drapiert. Zusätzlich stellt er einen kleinen Korb mit frischem Brot bereit.


    Lucilla deutet Ambrosius an, dass er sich ruhig auch ein bisschen nehmen soll und greift zu. Nach dem ersten Stück Braten schaut sie ihren Ambrosius mit halbvollen Backen an. "Und für Kleider und Schuhe und Parfums wird es schon einen Ersatz geben, sonst würde doch keine Frau da hingehen."

    Gedankenverloren steckt sich Lucilla noch eine Traube in den Mund. Hispanische Trauben sind doch viel besser als Italienische und Germanische.


    "Herje, frag lieber nicht. Ich bin so durcheinander. Nach Rom zu kommen war keine gute Idee. Das bringt alles nur durcheinander..."


    Sie schüttelt den Kopf. "Ich glaube, ich werde Vestalin. Tertia hat immer erzählt, dass sie glücklich und zufrieden ist. Das ist sicher kein schlechtes Leben. Was meinst du?" Sie schaut Ambrosius fragend an.

    Lucilla blickt sich nach dem heranrauschenden Sklaven um. "Ah, endlich, ich verhungere schon fa... oh, Ambrosius. Du bist es." Sie lächelt.


    "Setzt dich doch zu mir her. Und, gefällt es dir hier in der Casa? Hast du das ganze Gepäck untergebracht?"


    Nun kommt auch endlich der andere Sklave und stellt eine Schüssel voll Trauben und eine Kanne Mulsum vor Lucilla ab. Der Rest dauert noch etwas.


    "Nimm dir ruhig ein paar Trauben." Lucilla nimmt die erste und schiebt sie sich in den Mund. Nachdem sie sie heruntergeschluckt hat seufzt sie tief.

    Zuerst glaubt Lucilla noch, dass das ein ziemlich langweiliger Kampf werden wird. Doch dann greift der Venator an und der Schrei des Bären geht Lucilla durch Mark und Bein. Sofort ist sie wieder voll bei der Sache. Die Schale Trauben, welche sie in der Pause aufgetrieben hat, stellt sie achtlos vor sich auf den Boden und schaut gebannt auf den Kampf, gespannt, wie das Tier nun reagieren wird.