Beiträge von Herius Claudius Menecrates


    Menecratews musste sich eingestehen, in der Vergangenheit nie großartig über die Straßenreinigung nachgedacht zu haben. In seinem Viertel gab es nichts zu beanstanden und in den schlechten Vierteln hielt er sich nicht auf. Das allerdings hatte sich ein wenig während des Consulats, insbesondere aber nach seinem Amtsantritt geändert. Wie schlecht die Situation in den Armenvierteln aussah, konnte er sich nicht vorstellen, bis er es mit eigenen Augen gesehen hatte.
    Die geschilderte Situation überraschte ihn daher weniger. Er nickte wissend und registrierte erfreut, dass der junge Magistrat bereits mit Vorschlägen aufwartete.
    "Das ist in der Tat ein Problem", stimmte er zu, ohne sich festzulegen, ob er die Situation im allgemeinen meinte oder die Tatsache, dass ein Abzug der Putzkolonne aus den Vierteln der Wohlhabenden sicherlich Unmut erzeugen würde. Um Zeit zu gewinnen, winkte er eine Hilfskraft heran, die Wein und Wasser anbot.


    "In meiner Vorstellung ist der Ort, wo die Schwemmung beginnt, weitgehend sauber und in Abflussrichtung erstickt des betreffende Viertel im angeschwemmten Unrat. Das bedeutet, die ohnehin schlecht gestellten Bürger sehen sich zeitweilig einer nochmals verschlechterten Situation gegenüber. Du kannst mich gern eines Besseren belehren, weil du über den praktischen Einblick verfügst, aber ich tendiere derzeit zur Variante eins, allerdings in abgeschwächter Form. Wesentlich weniger Männer in den bisherig gut versorgten Gebieten halte ich für zu radikal. Wie wäre es mit einer sanften Neuverteilung. Dazu müsste ich allerdings Zahlen wissen. Fehlt es an Männern? Vielleicht kann man welche rekrutieren." Er dachte kurz nach, dann fügte er an: "Möglicherweise eignen sich einzelne Straßen lagebedingt besser für eine Schwemmung als andere. Die Frage ist auch, wo fließt der gesamte Krempel in diesen Fällen hin. Diese Variante ist nicht vom Tisch, aber es gibt Klärungsbedarf." Er beugte sich vor und warf einen Blick auf die vorgeschlagenen Straßenzüge. Er kannte sie nicht alle, noch nicht. Ob sie ein Gefälle aufwiesen, war der Karte nicht zu entnehmen.

    Menecrates hob die Augenbrauen, als er vom vergeblichen Kontaktversuch hörte.


    "Mir ist kein Krankheitsfall bekannt, aber das will nichts heißen. Außentermine wären ebenso denkbar. Ich werde dem einmal nachgehen, aber das hilft dir im Augenblick auch nicht weiter." Er ging davon aus, dass sein Vorzimmer für den Termin Zeit eingeräumt hatte, also entschied er, sich das Anliegen anzuhören.


    "Dann würde ich sagen, nimm erst einmal Platz." Er wies auf einen Teilbereich des Zimmers abseits des Schreibtisches, den er ebenfalls aufsuchte. "Wie sehen denn eure Vorschläge aus?" Er ließ sich mit einem kleinen Ächzen nieder und richtete den Blick auf den jungen Magistraten.

    Menecrates unterbrach seinen Klienten nicht, obwohl er dessen Geschichte kannte und sie eigentlich nicht noch einmal vorgetragen bekommen musste. Immerhin merkte er, wie stark Antoninus noch immer damit kämpfte. Als dieser endete, überlegte Menecrates kurz. Er strich sich durch das Haar, dann antwortete er.


    "Es klingt zwar danach, aber weil du es nicht explizit erwähnt hast, frage ich zur Sicherheit einmal nach: Hattest du deinen Sohn offiziell anerkannt? Wir hatten nämlich das Thema 'nicht legitime Söhne von Militärangehörigen' erst kürzlich im Senat und haben sogar eine Gesetzesänderung verabschiedet, die die Rechte der Mitglieder des Exercitus Romanus neu regelt. Es ging um die Einsetzung als Erbe, wenn Kinder illegitim sind. Voraussetzung ist, dass sie anerkannt sind."


    Er wartete auf die Reaktion. Es ging Antoninus nicht um das Erbe - glaubte er zu wissen. Zumindest nicht nur.


    "Du willst, dass er das Bürgerrecht bekommt, richtig? Es ist ja nicht so, dass ich diesbezüglich noch nichts unternommen hätte. Ich habe beim Kaiser vorgesprochen und mich für dein Anliegen stark gemacht. Ich weiß nicht wieso, aber es muss einen Grund geben, warum er deinem Wunsch damals nicht entsprochen hat." Wieder dachte er nach, dann schüttelte er den Kopf.


    "Es ist richtig, ich besitze eine erhebliche Verfügungsgewalt. Wenn du mich kennst, dann weißt du, ich neige nicht dazu, mich darin zu sonnen. Ich halte es auch nicht für richtig, die Entscheidung des Kaisers auf den Kopf zu stellen. Vielleicht wollte er eine Gegenleistung, wer weiß. Ich könnte noch einmal das Gespräch suchen, wenn du das wünschst." Er blickte fragend, bevor er anfügte: "Oder aber das Gesetz könnte noch einmal nachjustiert werden. Der Senator, der die Vorarbeit zurm oben erwähnten Neufassung geleistet hat, ist dein Verwandter."

    Da es kein Anliegen seines Gesprächspartners gab, läutete Menecrates das Gesprächsende ein.


    "Auf einen zeitnahen Termin kannst du dich verlassen. Das liegt auch in meinem Interesse." Er würde sein Schreibzimmer, das auch die Termine vergab, diesbezüglich noch anweisen.


    "Abschließend noch ein Hinweis, den ich allen Vorgesetzten, die ich demnächst spreche, mit auf den Weg gebe. Ich lege großen Wert auf ein höfliches und zuvorkommendes Auftreten aller Verwaltungsangestellten und bitte darum, das entsprechend zu kommunizieren und auch zu kontrollieren. In privater Angelegenheit habe ich bereits selbst einen Testversuch vorgenommen, der positiv verlaufen ist. Mein Wunsch basiert demnach nicht auf schlechter Erfahrung, sondern dem Anspruch, den ich an uns alle habe. Freundliche Kompetenz und zwar durchweg." Er fragte nicht, ob dies umsetzbar war, er setzte es voraus.


    Er erhob sich, da sowohl von Seiten des Praefectus Annonae alles gesagt war als auch von seiner Seite. "Auf eine gute Zukunft Roms!" Es klang wie ein Trinkspruch, sollte aber keiner sein, zumal Menecrates auch keinen Becher in der Hand hielt. Im Hinblick auf die Getreidelieferungen wünschte er sich in der Tat eine dauerhaft gute Zukunft.

    Menecrates nickte verstehend. Je nachdem, welchen Stellenwert die Familie besaß, konnte völlige Ignoranz oder ein Schritt wie bei Antoninus die Reaktion auf unerfreuliche Angelegenheiten sein. Der Claudier zählte sich nicht zu den Ignoranten, daher brachte er Verständnis auf.
    "Dann hoffe ich, du konntest die Angelegenheiten regeln." Er wollte nicht im Einzelnen wissen, worum es ging. Anderer Angelegenheiten gingen ihn wenig bis gar nichts an und er neigte auch nicht zu Neugier. Das Thema Cohorten interessierte ihn da schon mehr.

    Er zuckte mit den Achseln, denn er konnte nur über einen klein umrissenen Zeitraum Auskunft geben.
    "Ich bin noch nicht lange im Amt und obwohl die Besetzung des Postens in der Prioritätenliste weit oben steht, bin ich bisher nicht dazu gekommen, mich darum zu kümmern. Es gab und gibt noch dringlichere Vorgänge." Alles schien wichtig zu sein und zuallererst musste sich Menecrates einen Überblick verschaffen.
    "Warum bis zu meiner Einsetzung kein Tribun gefunden oder gesucht wurde, kann ich nicht sagen."


    Häufig genug kamen die Klienten mit Anliegen zur Salutatio und Menecrates brachte das Thema darauf.
    "Wie sehen denn deine Pläne aus?"

    Und in der Tat - Menecrates' Blick streifte zwar über die Menge der Klienten hinweg, kehrte aber nach kurzem Innehalten zu Antoninus zurück. Er zeigte sich überrascht und signalisierte durch einen Wink, der Iulier möge die Reihenfolge verlassen und vortreten. Einige Fragen brannten ihm auf der Zunge.


    "Antoninus, das nenne ich eine Überraschung!", empfing er den Iulier, als dieser in Hörweite kam. "Was trieb dich fort und was treibt dich wieder her? Dein Posten ist immer noch vakant bei den Cohorten." Er dachte nicht darüber nach, ob Iulius von Menecrates' Einsetzung als Praefectus Urbi wusste oder nicht. Eines der Dinge, die auf seinem Schreibtisch einer Klärung entgegensahen war eben jener vakante Posten.


    edit: Tippfehler

    Da sich der Praefectus Urbi nicht ständig im Verwaltungsgebäude aufhielt und zudem viele Termine anlagen, bekam der junge Magistrat zunächst nur einen Gesprächstermin, der am Folgetag lag. Dabei stand ihm das Glück zur Seite, denn kurz zuvor, war besagter Termin von einem Curator wegen Erkrankung abgesagt worden.


    Am nächsten Tag - zur abgesprochenen Stunde - setzte der Vorzimmerscriba einen Haken hinter dem angemeldeten Besucher und ließ ihn zum Praefectus Urbi durch.

    Keine Regung zeigte an, was Menecrates dachte, als Maro dezent, aber eindeutig für Ordnung unter den Tirones sorgte. Ein Resümee würde folgen, hier und jetzt nahm der Praefect einzig die Gegebenheiten wahr. Anschließend folgte er den Erklärungen. Manches Mal wiegte er den Kopf, ein anderes Mal nickte er.


    "Zum Laden bedarf es bei der Steinschleuder auch zweier freier Hände, nehme ich an." Schild und Schwert waren also auch da im Weg, nicht nur für Bogenschützen. Die gehörten Argumente zeugten trotzdem vom Durchblick.
    "Du hast Recht, Schild und Schwert in Kombination mit anderen Waffen bedeuten immer eine Behinderung. Je nach Einsatz muss die Bewaffnung angepasst werden." Er sann kurz nach und kam zu dem Schluss, dass sein Vorgänger und dessen Stab bereits gute Konsequenzen aus dem Sklavenaufstand gezogen hatten. Er würde den Prozess der Erprobung fortsetzen.


    "Keine Sorge, zur Pflichtbewaffnung werden Pfeil und Bogen ganz bestimmt nicht. Meine Intension ging dahin, jedem Soldaten im Rahmen seiner Grundausbildung das Training an dieser Waffe zu ermöglichen. Es gäbe ein beschämendes Bild ab, wenn ein durchschnittlicher Soldat die Waffe seines neben ihm gefallenen Kameraden, der Bogenschütze war, in höchstem Maße ungeschickt oder gar nicht bedienen kann, sie aber bräuchte." Auf ein paar Grundlagen wie Arm- und Körperhaltung sowie Aufstellung sollten die Soldaten im Notfall zurückgreifen können. Menecrates wusste, dass bereits die richtige Aufstellung zur Schussrichtung von der Hälfte aller Neulinge falsch gewählt wurde.


    Die Ausführungen zum Praxistraining in Roms Straßen interessierten ihn sehr und er hörte aufmerksam zu. Dabei nickte er mehrmals bedächtig. Es gab nichts entgegenzusetzen oder hinzuzufügen.

    "Einfach so weitermachen im Training, als wäre ich nicht hier"
    , erwiderte Menecrates, als die Sprache auf die Hospitation kam. "Was geplanter Maßen dran war, soll auch drankommen. Keine Extraeinlagen für mich."

    Der Tribun ließ das Gehörte wirken, aber es half nichts, er verstand es nicht, also musste er nachfragen.


    "Was muss ich unter endgültigen Vermessungsarbeiten verstehen? Gibt es vorläufige oder vorangehende, die bereits im Vorfeld stattfinden?" Da ihm weiteres unklar war, schob er nach. "Wir haben einzelne Vermesser. Das sind speziell geschulte Soldaten - einzelne, wie gesagt, keine ganzen Contubernien. Mir ist nicht klar, ob du den Agrimensor meinst, den du zum Beginn der Arbeiten verfügbar brauchst. Ihm zur Hand könnten auch Sklaven gehen, dazu bräuchte es keine Soldaten." Die gesamte zugesagte Truppe machte wohl kaum Sinn, wenn noch vermessen wurde.


    "Bisher bin ich davon ausgegangen, dass unsere Männer den Straßenbau übernehmen, wenn die Vermessungsarbeiten ausgeführt sind. Kläre mich auf." Oder begannen die externen Vermessungsarbeiten erst dann, wenn die Verfügbarkeit der Urbaner zu einem Datum 7-10 Tage später feststand?

    Auch wenn die Geringschätzung der eigenen Gesundheit auf Menecrates seltsam wirkte, passte sie wiederum stimmig zu Tiberius. Menecrates würde Tiberius wohl nie verstehen, aber er wusste ihn mittlerweile einzuschätzen. Deswegen zerbrach er sich nicht länger den Kopf über dessen Verhalten, auch wenn er spontan das Bejahen der vermuteten Spätfolgen als lebenseinschränkend einstufte.


    Er nickte zu Tiberius' Einschätzung, äußerst wenige Vertraute zu besitzen. Vertrauen basierte auf Anstand und Aufrichtigkeit. Beides bot Menecrates zunächst jedem an, also auch dem Trecenarius. Obwohl ihr Start alles andere als harmonisch gewesen war, blieb es dabei.
    Schließlich kam Tiberius zur Beantwortung der weichenstellenden Frage.


    "Es ist also eine persönliche Annahme", wiederholte Menecrates und atmete einmal hörbar aus. "Ich stehe hier als Praefectus Urbi, das weißt du. Unter diesem Gesichtspunkt haben persönliche Befindlichkeiten und Gedankengänge keine Relevanz. Als Privatmann trage ich die Verantwortung für meine Familie und bin nur mir selbst Rechenschaft schuldig. Die Verantwortung eines Praefectus Urbi muss ich dir nicht erläutern. Dass ich umsichtig entscheiden muss, ist dir bekannt. Ich bin auch nicht so machtverliebt, dass ich Entscheidungen alleine treffe, auch wenn ich es könnte. Ich denke, ein kluger Mann holt den Rat anderer ein. Kaiser, Präfekten..., die meisten halten es so" Sein Blick ruhte einen Moment auf Tiberius, bevor er weitersprach.


    "Was ich sagen möchte: Ich will deiner Warnung Gehör leisten und gern ein Consilium einberufen. Dort hättest du die Möglichkeit, deine Hinweise zu präsentieren und dich an der Beratschlagung und Beschlussfassung zu beteiligen."

    Alles schien geordnet und einer regelmäßigen Überwachung zu unterliegen, sodass Menecrates keinen akuten Handlungsbedarf sah.
    "Dann verbleibe ich so mit dir, dass du mich informierst, sobald dir deine Mitarbeiter nennenswerte Veränderungen, Schwachstellen oder ähnliches melden. Die Spenden und natürlich die allgemeine Nahrungsmittelversorgung Roms liegen mir besonders am Herzen. Ich brauche keine regelmäßigen aktuellen Situationsberichte, wenn sich nichts ändert, aber eine umgehende Information, WENN sich eine Änderung abzeichnet."
    Eine gewisse Zufriedenheit und innere Beruhigung erfüllte Menecrates. Der erste Punkt auf seiner langen Prüfliste war abgearbeitet und das Ergebnis fiel gut aus. Die Besichtigung der Spendenausgabe würde zeitnah erfolgen.


    "Wie sieht es mit Anliegen von deiner Seite aus? Möchtest du Punkte zur Sprache bringen?"

    Menecrates sah sich bestätigt und nickte. Der Zufall hatte gewollt, dass er beide Offiziere der Ermittlungskommission gleich in den ersten Tagen traf. Er nahm das als gutes Omen, obwohl es im Grunde nichts bedeutete. Er würde mit einer Vielzahl an Unbekannten in dieser Einheit, in den beiden anderen Stadteinheiten sowie im Verwaltungsbereich zu tun haben. Da halfen ihm zwei bekannte Gesichter nicht wesentlich weiter. Trotzdem fand er den Zufall witzig.

    Interessant wurde es bei der nachfolgenden Schilderung. Menecrates hörte genau zu und vermerkte bei sich die Angaben. Es störte ihn dabei keineswegs, dass es sich um viele Informationen handelte, im Gegenteil. Das gezeichnete Bild erlaubte einen guten Einblick, während er die ausführliche Berichterstattung auf eine motivierte Diensthaltung zurückführte. Das sprach in jedem Fall für Octavius, möglicherweise sogar für weite Teile der Einheit. Ein guter erster Eindruck, wie Menecrates fand.
    "Gladius, Pilum, Scutum und neuerdings die Steinschleuder", wiederholte der Praefectus. Er besaß keinerlei Übung im Gebrauch von Steinschleudern und er nahm sich vor, das Ganze einmal im heimischen Garten auszuprobieren. Die privaten Gedanken schob er zur Seite, es galt hier und heute, die Ausbildung näher zu beleuchten. Ihn interessierten die auf dem Übungsplatz anvisierten Ziele für Schleudern, die zugehörigen Kommandos und das Geschick der Tirones.
    "Was steht für heute noch auf dem Trainingsplan? Ich möchte auf alle Fälle noch eine kurze Demonstration des Schleudertrainings sehen. Es spielte dabei keine Rolle, in welchem Stadium des Trainings sich die Tirones befinden."
    Er wollte ein Training beobachten und keine Vorführung von ausgefeilter Fähigkeiten, denn dazu hätte er eine Parade besucht.

    "Bei den Legionen umfasst die Grundausbildung auch Disziplinen wie das Training an den verschiedenen Geschützen und Übungsmärsche. Legionen haben andere Aufgaben, also auch eine abweichend zugeschnittene Ausbildung. Dafür bietet ihr den Häuserkampf an. Sehr gut!" Wie der im Einzelnen aussah, interessierte ihn momentan nicht. Das käme später. Er fragte erst einmal weiter.
    "Ein Formationstraining gehört also auch zur Grundausbildung. Ich dachte schon, weil du es eingangs nicht erwähnt hast, gehört das nicht dazu. Du sagst außerdem, die Steinschleuder wurde erst nach dem Sklavenaufstand in die Ausbildung aufgenommen. Gibt es noch weitere Disziplinen, die stadttypisch sind? Die Beherrschung von Pfeil und Bogen für den Fall der Fälle zum Beispiel?"

    Es gab noch einiges, was er fragen oder auch anmerken wollte. Zum Beispiel kannte es Menecrates, dass in Anwesenheit bzw. beim Eintreffen eines hochrangigen Offiziers oder des Befehlshabers, die Mannschaften stillzustehen hatten. Ein wenig ungeordnet fand er den Trupp Tirones durchaus und ob ein Befehl diesbezüglich erteilt wurde, konnte er auch nicht sagen. Immerhin räumte er ein, dass er möglicherweise fehlgedeutet und für einen Zivilisten gehalten wurde.
    Er wusste noch nicht, ob im Allgemeinen der Schliff fehlte, aber er wollte auch nicht vorschnell urteilen. Er war hier, um sich ein umfassendes Bild zu machen.

    Menecrates musste Gabinius zustimmen. Einzelne Betrügereien konnten keinen ernsthaften Schaden anrichten und andere Dimensionen mussten zwangsläufig auffallen. "Gut." Damit schloss er das Thema Missbrauch von Marken ab. Er zeigte sich zufrieden und verdeutlichte das mit einem Nicken. Anschließend vermerkte er gedanklich die Hinweise zur Spendenausgabe. Er trainierte gern und oft sein Gedächtnis - auch dann, wenn sein Sekretär mitschrieb. Die Organisation, wie sie beschrieben wurde, wirkte auf ihn sinnvoll.


    "Lass mir bitte eine Listung zukommen, auf der ersichtlich ist, wo sich im Einzelnen die Ausgabestellen befinden. Darüber hinaus interessiert mich, ob du einen Handlungsbedarf in Bezug auf die Sicherheit der Ausgabe, der Lagerung und des Transportes siehst. Meine Nachfrage ist nicht so zu verstehen, dass ich krampfhaft etwas verbessern will. Wenn alles bereits optimal geregelt ist, dann bin ich sehr zufrieden. Nur sprechen möchte ich darüber, um sicherzugehen."

    So wie Faustus das Gespräch führte, musste Menecrates nicht in den Dienstmodus zurück und konnte weiter entspannt liegen. Natürlich interessierte ihn das Vorhaben, aber Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Er ließ sich stattdessen zuerst auf die Nichtigkeiten ein.


    "Ja, Landluft." Er versuchte sich den Duft vorzustellen, scheiterte aber. "Ich verabscheue den römischen Mief! Ich muss aber einräumen, dass es hier auf den Hügeln deutlich angenehmer riecht als auf dem Forum. Von der Subura ganz zu schweigen." Er schüttelte sich angewidert, dann fuhr er fort. "Aber eins ist hier fast genauso wie auf dem Land." Er hob den Zeigefinger und verharrte. "Hörst du es?" Um diese Jahreszeit zwitscherten die Vögel nicht mehr so viel wie im Frühjahr, aber es reichte, um aus dem nahen Garten und der Parkanlage zuweilen muntere Töne ausmachen zu können.


    "Entspannen die Sinne, entspannt auch der Geist", fügte er an. Gleichzeitig senkte er den erhobenen Arm.


    Als Faustus zum Informativen überging, lauschte Menecrates zunächst nur nebenbei dem Inhalt. Seine Aufmerksamkeit blieb bei der Schilderung des Verwaltungsbeamten hängen.
    "Interessant! Höflich und hilfsbereit." Er wirkte wacher als zuvor. "Mich interessieren sämtliche Erfahrungen, die Bürger mit der Verwaltung machen. Ich möchte wissen, welche Außenwirkung die einzelnen Personen haben." Sein Anspruch an ein höfliches Auftreten war anscheinend erfüllt. Zufrieden schien Faustus trotzdem nicht zu sein.
    "Meinst du, es lag an mangelnder Kompetenz, dass er die Frage nicht beantworten konnte?"

    Die Brauen es Tribun zogen sich nach oben, als er von dem ursprünglich überaus großzügigen Angebot seitens des Petroniers hörte. Da kam der Wechsel des Verhandlungspartners wohl gerade zur rechten Zeit, obwohl offensichtlich der Architectus bisher auch recht vernünftig agierte. Der wollte auch nicht nachverhandeln, was Ninnius Tuscus zufriedenstellte.
    Auch die erste der geäußerten Bitten fand Ninnius nachvollziehbar. Er nickte.
    "Wenn der Tribuin Petronius bereits zugesagt hat, dass er die Erlaubnis einholt, dann bleibt es auch dabei. Du musst dich nicht darum kümmern. Ich behalte es im Auge."
    Ein wenig sonderbar fand er aber den expliziten Personalwunsch. Er versuchte sich auszumalen, was der Grund dafür war. Da aber seine Gedanken und Vorstellungen alle möglichen und unmöglichen Konstellationen hervorbrachten, schob er sie beiseite.


    "Ich prüfe, ob diese Centurie überhaupt verfügbar ist. Falls ja, kann ich dir die Zusage heute nur für den Beginn der Straßenstrecke zusagen. Ob und wann ein Durchtauschen vorgenommen wird, entscheide nicht ich." Es sah so aus, als wären sie am Ende.

    "Den Beginn des Projekts solltest du etwa eine Woche vorher ankündigen, damit die Dienstpläne nicht umgestoßen werden müssen."
    Eine Woche Vorlauf für den Dienstplan war im Grunde auch schon unrealistisch knapp, aber besser als gar nichts.

    Bei der Nennung des Namens horchte Menecrates auf. Er suchte das Wiedererkennen im Antlitz des Offiziers, war sich aber nicht sicher.
    "Ich hatte einen Urbaner-Optio Octavius Maro in meine Ermittlungskommission zum Sklavenaufstand gerufen. Das liegt sehr lange zurück und er nahm auch nicht immer teil, was wohl am Dienstplan lag. Steht hier derselbe Offizier vor mir?" Seine Sicherheit nahm zu, er wollte aber Gewissheit.


    "Unabhängig davon bin ich heute hier, um mich über die Ausbildung unserer Soldaten zu informieren. Aktuell ist es so, dass ein Ausbilder mehr darüber weiß als ich und das möchte ich ändern. Die Einheit nimmt mehr als nur den Stellenwert eines Anhängsels für mich ein. Sie liegt mir am Herzen. Ich wüsste gern sowohl über die Grundausbildung Bescheid als auch über Aufbau- und Fithaltetrainings, sofern es die explizit gibt. Ab wann ein Tiro bisher mit auf Streife darf, interessiert mich ebenso wie die Quote der Bewerber und der Abbrecher der Ausbildung." Das Wort Abbrecher rutschte ihm aus dem Mund, bevor er darüber nachdenken konnte, ob es das Wort überhaupt gab. Letztlich spielte das auch keine Rolle, wenn Maro ihn verstand.

    Menecrates gehörte als Gast der Feier natürlich auch zu den Teilnehmern des Brautzugs und da er zuvor das Wetter schöngeredet hatte, konnte er unmöglich jetzt klagen, obwohl die Toga immer schwerer wurde und jeder Schritt einem Fußbad glich. Er ging mechanisch, seine Gedanken weilten an einem idyllischeren Ort. Plötzlich drang ein Schrei an sein Ohr. Sein Kopf ruckte hoch und er musste abbremsen, weil der Zug ins Stocken kam.
    Schnell sprach es sich herum, dass Braut und Bräutigam gestürzt waren. Menecrates konnte sich kaum ausmalen, wie es in den jungen Leuten aussah. Zwar konnte es nach dieser Hochzeit zukünftig nur besser werden, aber wer wünschte sich schon einen derart schlechten Start. Er suchte den Blickkontakt zu seinem Nachbarn, liftete kurz die Schultern und wartete ab, bis sich der Zug wieder in Bewegung setzte.
    Der nachfolgende Spottvers amüsierte ihn dann wieder. Spott gelang nur, wenn der Inhalt stimmte und in diesem Fall traf keineswegs Haus Flavia auf Haus Claudia, auch wenn Menecrates nichts dagegen gehabt hätte, eine seiner Enkelinnen dem jungen Flavier anzuvertrauen.Das Wetter schien geeignet zu sein, die Aufmerksamkeit der meisten Gäste in andere Richtungen zu lenken, sodass sich niemand über den Fehler im Reim äußerte. Menecrates würde ihn zu Hause zum Besten geben, vorerst richtete sich sein Augenmerk auf die nahende Porta der Villa Flavia.


    Da die Gäste im Regen verharren mussten, hoffte wohl jeder auf einen baldigen Fackelwurf. Diese Hoffnung des Claudiers musste von den Göttern falsch verstanden worden sein, denn die Fackel hielt direkt auf ihn zu und obwohl er sie von allen Gästen vermutlich am wenigsten fangen wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als zuzugreifen, nachdem sie vor seine Brust knallte. Zweimal musste er nachgreifen, dann hielt er sie in der Hand.


    "Bei den Göttern! Was für ein Tag!", rutschte ihm heraus, dann bemühte er sich um ein Lächeln.

    Es klopfte an der Tür und da der Eintretende unbedingt stören wollte, wartete er nicht auf die Aufforderung zum Eintreten. Tribun Ninnius Tuscus betrat den Raum und kam zum Schreibtisch. Er beugte sich in Petronius' Ohrnähe und erklärte dezent, aber bewusst hörbar:
    "Stertinius Quartus will dich sprechen, ich soll ablösen." Er verriet nicht, dass es um die Planung der Amtseinführung des neuen PU ging, weil dienstliche Belange Außenstehende nicht zu interessieren hatten. Dann richtete er sich auf und wandte sich an Helvetius.


    "Ich übernehme jetzt." Er ließ sich von Petronius ins Bild setzten, bevor dieser ging und nahm selbst hinterm Schreibtisch Platz. Ein fand das Officium ein wenig schöner und komfortabler eingeräumt als seins, daher wippte er ein paarmal mit dem Stuhl, bevor er sich an Helvetius wandte.
    "Du wolltest von uns fünfzehn Contubernien für den Bau?" Er fand das zwar für das Vorhaben angemessen, auch wenn fünf weitere dazukommen sollten, aber als Gesamtzahl derer zu viel, die in Rom nicht zur Verfügung standen. Keiner wusste, welcher Wind nach dem Präfektenwechsel blies und welche Auswirkungen ihre heutige Entscheidung hatte. "Mit zwei Wachpersonal sind Conturbinen gemeint, richtig?" Er wartete, dann machte er ein Gegenangebot. "Beim Wachpersonal sparen wir nicht, da nehmen wir ein Contubernium hinten und eines vorn, aber ich kürze bei den Bauarbeitern. Um diese Jahreszeit ist der Krankenstand mehr als gering. Ich geb dir", er überlegte, überschlug, wog ab und wählte die unterste Grenze, "ähm, dreizehn. Das ist nicht verhandelbar." Er hätte gerne einiges mehr gekürzt, um sich als guter Verhandler hervorzutun, aber realistisch bleiben wollte er außerdem. Es handelte sich um ein großes Straßenbauprojekt.


    Ad
    Procurator a rationibus
    Potitus Plennius Flamininus
    Palatium Augusti
    Roma




    Das von mir gegenüber dem Kaiser angekündigte Vorhaben, die Subura stärker als bisher zu überwachen, soll mit einer Station im Randbereich des Viertels umgesetzt werden. Dafür werden Gelder benötigt. Ich bitte zu prüfen, welche Summe für dieses Vorhaben zur Verfügung steht.



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    gez. H. Claudius Menecrates




    ANTE DIEM XIV KAL SEP DCCCLXVIII A.U.C. (19.8.2018/115 n.Chr.)