Beiträge von Herius Claudius Menecrates

    Wieder einmal stellte Menecrates fest, wie wertschätzend sie miteinander umgingen. Selbst dann, wenn sie verschiedene Meinungen vertraten, war dies der Fall, aber insbesondere im allgemeinen Umgang.
    Er dankte für die Begrüßungsworte mit einem Lächeln und leichtem Nicken. Anschließend schritt er zur gezeigten Cline und ließ sich nieder. Er wählte eine bequeme Position. Nicht jede bot auf längere Sicht ein Rückenschmerzen freies Liegen. Der eine oder andere Lendenwirbel wollte nicht mehr wie früher. Ein Erbe aus der Militärzeit. Dann galt seine Aufmerksamkeit dem Kaiser, der ihn als erstes gründlich überraschte.
    In Menecrates' Vorstellung gab es mannigfaltige Einsätze für das erwartete Gespräch, nur die Frage nach seinem Befinden gehörte nicht dazu. Sie nahm das Steife aus dem Termin, was vermutlich beabsichtigt war. Menecrates musste schmunzeln und antwortete entsprechend locker.


    "Ich habe kalte Hände, einen trockenen Mund plus Hals; ich hoffe, dass meine Magenaufregung geräuschlos bleibt und ich schwitze unter den Achseln. Abgesehen davon geht es mir hervorragend." Aus dem anfänglichen Schmunzeln wurde ein Grinsen, doch die nachfolgende Frage meinte er ernst.
    "Und wie ist dein Befinden?"

    Menecrates nickte, bevor er antwortete. "Das ist eine absolut empfehlenswerte Vorgehensweise. Das ist selbst dann empfehlenswert, wenn man bereits bekannt ist und wiederholt kandidiert. Bitte, nimm doch Platz."
    Menecrates winkte einer Sklavin, die ein Sitzkissen brachte. In vielen Villen mochte es üblich sein, dass Clinen im Garten standen, aber zum einen kam Menecrates nicht mehr ganz so zügig wie früher aus ihnen hoch und zum anderen prägten Jahrzehnte seines Lebens die Bedingungen im Militärlager und im Feld. Clinen benutzte er damals schon nicht oft; bestenfalls im Praetrorium der Castra.


    Der angebotene Platz bestand also aus einer Natursteinbank, deren Komfort durch ein Kissen gehoben wurde.
    "Seit damals hat sich vieles geändert. Senatorenstimmen für die Wahl zu bekommen, ist schwierig. Als Klient hat man gute Chancen, ebenso als Familienmitglied oder Freund. Ansonsten heißt es Klinken putzen. Das beste Beispiel ist meine letzte Kandidatur. Von den um ihre Unterstützung gebetenen Senatoren hatte ein Drittel zugesagt. Wie schwer es bisweilen ist, zeigt meine Anfrage bei meinem ehemaligen Legaten. Purgitius Macer, vielleicht kennst du ihn sogar persönlich. Dein Vater kannte ihn auf jeden Fall. Er hat mir seine Unterstützung versagt, indem er geflissentlich meine beiden Anfragen überhörte."


    Eine Handbewegung verdeutlichte Menecrates' Unverständnis.


    "Purgitius Macer habe ich bisher ausschließlich seine Klienten unterstützen sehen. So ist das heutzutage. Deswegen tust du gut daran, dich auch und vor allem beim Volk bekannt zu machen. Breite Volksmassen haben Einfluss auf unentschlossene Senatoren oder solche, die sich gern der Stimme enthalten.
    Aber was plaudere ich. Welche Ziele hast du dir denn sowohl im Wahlkampf als auch bei erfolgreicher Wahl gesetzt?"

    Menecrates schmunzelte über Faustus' Anmerkung, froh über den Verzicht auf Amtswürden zu sein. Er konnte die Einstellung verstehen, nur lag bei ihm selbst die Sache anders. Er musste nicht nur für sich entscheiden und sorgen, ihm unterstand eine Familie. Er trug eine vielfache Verantwortung, den Weg auch für seine Kinder und Kindeskinder gangbar zu machen. Alles, was er schuf, zahlte sich doppelt und dreifach aus, weil seine Nachkommen davon profitierten.


    Den Göttern zu danken, stellte ein gutes Stichwort dar, über das Menecrates nicht lange nachdenken musste. Er hatte es längst getan.
    "Ja, Opferzeremonien gab es reichlich." Wieder musste er schmunzeln, denn für einen einzelnen Mann stellten es damals zu viele auf einmal dar. Er war froh, eine Zeitlang nur im Stillen am Hausaltar gebetet zu haben. "Ob du es glaubst oder nicht, ich trage mich seit meinem Consulat mit dem Gedanken, der von mir verehrten Concordia ein neues Heiligtum bauen zu lassen. Unter ihrem Stern stand mein Consulat und wenn selbst ein Aedil oder Praetor einen Tempel stiften, warum dann nicht erst recht ein Consul? Ich hab es nur während meiner Amtszeit nicht geschafft. Es gab damals keinen Raum für solch ein Vorhaben."
    Für Momente blickte Menecrates seinen Sekretär an, während es in ihm arbeitete.


    "Entspräche dies einer eher unüblichen Möglichkeit, dich bei den Göttern zu bedanken?" Er neigte flüchtig den Kopf und unterstrich so seine Frage. "Ich trage die Kosten und du unterstützt mich? Im Tempel der Eintracht könnten wir dann auch beide für Eintracht zwischen uns und den Giftschlangen beten." Er lachte auf, denn die Bemerkung war zwar passend, aber nicht ernst gemeint.

    Der gesenkte Blick Morrigans kam Menecrates entgegen. So musste er seine Verblüffung nicht allzu sehr verstecken. Zur Verwunderung gesellte sich kurzfristig Schockierung über das unflätige Wort. Einmal mehr begrüßte er den gesenkten Blick, denn seine Augen weiteten sich und die Bestürzung sprach sichtlich aus ihnen.


    "Morrigan!" Er konnte nicht anders, er musste sich Luft machen. Dabei klang weniger Anklage als vielmehr Ungläubigkeit, wenn auch nicht gänzlich frei von einem Vorwurf in seiner Stimme. Er glaubte ihr aufs Wort. Die Schilderung passte zu seinen ersten Eindrücken, die er damals von ihr gewann. Warum sollte sie auch eine solch schwere Selbstanschuldigung erfinden.
    "Ich halte dir zugute, dass du ehrlich bist. In ein schlechteres Licht konntest du dich kaum rücken mit dieser Beschimpfung und deiner Flucht. Aber das liegt Jahre zurück. Wir wollen beide nach vorn schauen." Was genau das bedeutete, wusste er selbst nicht, aber es umfasste ein vertrauensvolles Verhältnis und einen höflichen Umgang.
    "Du hast Romana das Leben gerettet?" Über diese Aussage wollte er nicht hinweggehen, es interessierte ihn. Was wohl noch alles geschehen war, ohne dass er es bemerkte? Seine Stimme klang weicher als zuvor. "Ich weiß nicht, ob ich es vergessen habe, obwohl das traurig wäre, oder ob mir diese Information der Schonung wegen vorenthalten wurde." Er dachte einen Augenblick nach und fügte an: "Schön zu wissen, dass sich das Verhältnis zwischen Romana und dir anschließend besserte." Diese Bemerkung fiel mehr für ihn selbst als für Morrigan, aber etwas anderes interessierte ihn noch.


    "Die Bestrafung bestand aus Stockhieben?" Eigentlich stellten Stockhiebe eine normale Bestrafung dar und vielleicht lag hier die Übertreibung, die revidiert werden konnte. Irgendetwas wollte Menecrates aufgebessert wissen.

    Reicht das bereits für die Eigentumsüberschreibung des Betriebes?


    Zitat: Der Betrieb, den du pro Forma übernimmst, ist ein Gewürzhändler. Wir brauchen einen Teil der Waren. Auch hier kannst du das überzählige selbst anbieten. Sklaven besitzt der Betrieb und die Staatskosten sind bezahlt. Sind wir uns einig? Einen Vertrag gilt es auch hier zu unterschreiben, bevor die Schlüssel ausgehändigt werden.


    Es handelt sich um den Gewürzhändler 'Condimenta Claudii', der an Vulpis Lupus übertragen werden soll.

    Menecrates blickte Florus Minor entgegen, als der sich näherte. Er nahm dessen Haltung und Bewegungsstil wahr und glich beides mit seiner Erinnerung an den Vater ab. Eine gewisse Ähnlichkeit konnte er nicht leugnen, wobei die Begenungen gefühlt Jahrzehnte zurücklagen, sodass die Möglichkeit der Täuschung bestand.


    "Salve, junger Mann", begrüßte er den Ankömmling. "In Zeiten, wo weder Consulat noch sonstiges Amt Präsenz erfordert, leiste ich mir zuweilen den Genuss der Entspannung und des Nichtstuns. Früher wäre das undenkbar gewesen." Er schmunzelte. "Apropos früher. Du bist der Sohn des Annaeus Florus? Ehemals Praefectus Classis? Senator? Stellvertretender Kommandeur der Militärakademie?"

    Menecrates folgte dem Praetorianer diverse Gänge entlang. Das Schöne an dieser Führung war, dass er sich in der Hauptsache auf seine Gedanken konzentrieren konnte, denn das im Auge behalten seines Wegfinders benötigte nur minimale Aufmerksamkeit. Manches Mal, wenn er zur Aula oder ins Officium geleitet wurde, fragte er sich, ob der Zufall für diesen Dienst eventuell einen seiner Klienten dafür auswählte. Bisher geschah dies nie und heute dachte er erst gar nicht darüber nach. Der heutige Tag stellte einen Meilenstein im Werdegang des Claudiers dar und Menecrates nahm alles bis ins kleinste Detail wahr. Er prägte sich das Wetter ein, wen er am Morgen traf, welche Vögel er erblickte oder hörte, was die Köchin servierte, wer mit welchem Anliegen zur Salutatio erschien usw.
    Er würde es noch Jahre später genauestens wiedergeben können.


    Der Stop des Praetorianers riss Menecrates aus den Gedanken. Sie standen vor dem Officium des Kaisers. Da er nicht zurückgehalten wurde, ging er davon aus, dass ihn der Kaiser bereits erwartete und trat ein.


    "Ave, mein Imperator!" Lange hatte er diesen Titel nicht benutzt, heute schien er ihm angebracht wie kein zweiter. "Ich danke dir für dein Vertrauen und die Ehre." Menecrates fühlte sich geehrt, dass die Wahl auf ihn fiel und er freute sich über das ihm entgegengebrachte Vertrauen, das bereits die Einladung vermittelte. Noch wusste er nicht, was der Tag im Einzelnen brachte, aber alleine bei der Vorauswahl der Favorit zu sein, machte ihn stolz.

    Menecrates traf weitgehend pünktlich zur sechsten Stunde ein. Sklaven, Klienten, sein Sekretär begleiteten ihn, weil dieser Gang zum Palast ein ganz besonderer war. Trotzdem fiel die Begleitung sichtlich kleiner als zu Zeiten seines Consulats aus. Er benötigte nicht den auffallenden Prunk und das Gefolge, um aufzufallen. Er liebte es noch nicht einmal aufzufallen. Aus diesem Grund wählte er immer den Mittelweg aus dem, was von ihm erwartet wurde und dem, was ihm selbst behagte.


    Er ließ den Moment auf sich wirken, während bereits ein Sklave ihn ankündigte und den Brief des Kaisers an die Wache aushändigte.
    "Mein Herr wird erwartet", erklärte der Sklave, obwohl dies bereits aus dem Schreiben hervorging. Er wusste aber, dass der Claudier Wert auf gute Manieren legte und sowohl ein oberflächliches als auch herablassendes Verhalten nicht tolerierte, zumal das einem Sklaven auch nicht zustand.


    Menecrates Blick erfasste den Sklaven, anschließend den Wachsoldaten, dem er zunickte und glitt weiter zu Faustus. Sie hatten im Vorfeld miteinander gesprochen und nunmehr alles geklärt.

    Die Lektüre packte ihn nicht, auch wenn er sie interessant fand. Er nahm daher die sich nähernden Schritte wahr und hörte nebenbei zu. Als der Name fiel, hob er den Kopf und ließ das Buch sinken.


    "Annaeus Florus?" Das Minor ließ er weg, weil es nicht viel zu seiner Überraschung beitrug. "Der Wahlkampf also. Ist in Ordnung, bring den Annaeus Minor ruhig her." Er überlegte kurz, als Marco längst ging. "Er müsste demnach auch mit meinem Vicarius verwandt sein."

    Als Faustus von seiner Sklavin Mania zu sprechen begann, ruhte Menecrates' Blick auf ihm. Er hörte Wehmut heraus und wusste nicht recht, wie er am besten reagieren sollte. Obwohl der Sklavenaufstand lange zurücklag, schien die Wunde nicht verheilt zu sein. Faustus ließ außerdem offen, ob Mania verschollen war oder unter den Leichen gefunden wurde. Offensichtlich fiel ihm das Sprechen schwer, denn er stand längst am Fenster und blickte hinaus. Menecrates fragte sich, ob Faustus den Sklavenaufstand am liebsten verdrängen sollte oder ihn als Antrieb benutzen könnte, um den Tod seiner Lieblingssklavin, die mehr für ihn bedeutete als das, nicht sinnlos erscheinen zu lassen.


    "Vieles erscheint uns sinnlos und manchmal braucht es Jahre, um im Rückblick zu erkennen, dass eine erlebte Katastrophe der Beginn von etwas Neuem war. Zeitnah versperren uns Gefühle den Blick darauf. Wir brauchen den Abstand." Menecrates sparte sich den Hinweis auf das Leiten der Götter, dem man sich fügen musste. Er fand diese Tatsache häufig nicht hilfreich. Stattdessen hörte er weiter zu. Für eine neue Bindung hielt sich Faustus offenbar für bereit. Frauen gab es unzählige, allerdings scheiterten die meisten bereits beim Anspruch Ehrlichkeit, den Faustus eingangs nannte. Menecrates wollte die Augen offenhalten. Begegnete ihm eines Tages eine grundehrliche Bürgerin, würde er sie seinem Sekretär vorstellen.
    Um die trüben Gedanken nicht zu vertiefen, konzentrierte er sich auf das weitere Gespräch und musste herzhaft auflachen.
    "Eine Senatssitzung direkt erleben? Es gibt nur zwei Möglichkeiten, wie sie auf dich wirken würde: Entweder bist du belustigt und amüsierst dich so gut wie bei keinem Schauspiel zuvor oder du bist bestürzt und vergräbst das Gesicht in den Händen." Wieder lachte er leise vor sich hin, bis er bei den nachfolgenden Fragen ernster wurde. Am Ende blitzte auch nicht das winzigste Lachen mehr über sein Gesicht.


    "Stell dir eine Schlangengrube vor, in die du steigen musst. So in etwa ist das Klima im Senat. Dabei gibt es die verschiedensten Arten von Schlangen. Die kleinen ungiftigen kommen nicht zu Wort. Ihr Geist geht völlig unter. Entweder sie sind eingeschüchtert, zerdrückt oder aufgefressen. Es dominieren die Arten der Würge- und der Giftschlangen. Bei ersteren wird dir die Luft knapp, weil sie mit ihrer Gewichtung die Senatsentscheidungen dominieren. Am unangenehmsten sind die Giftschlangen und von denen die Klappernden. So eine Klapperschlange kann nicht anders als drohen und blitzschnell zuschnappen. Eine Schlange dieser Art kann auch nicht denken, sondern wird fortlaufend von ihren niederen Instinkten mitgerissen."
    Menecrates trat zu Faustus und blickte gleichsam zum Fenster hinaus. "Daher, mein lieber Faustus, geht es sowohl ruhig als auch hitzig zu. Ein Teil der Senatoren ist ruhig, weil sie nichts zu sagen haben, andere warten auf den passenden Angriff und andere mähen nieder, was ihnen vor die Giftzähne kommt. Und glaub mir, so einer Giftschlange ist das Thema gleich. Mitunter glaube ich, sie weiß gar nicht, worum es geht. Hauptsache sie kann ihre Giftzähne in Fleisch schlagen."


    Er hob den Zeigefinder. "Und doch gibt es auch Positives zu berichten: Man soll es nicht meinen, aber selbst in dieser Schlangengrube gibt es einen Beschwörer. Du weiß sicher, was ich meine. Jemand, der mit sanften Bewegungen und einfühlsamer Musik selbst eine Klapperschlange zum Einhalten bringt." Menecrates blickte zu Faustus und flüsterte, als handele es sich um ein Geheimnis. "Der Kaiser!" Er nickte anerkennend und sprach in gewohnter Lautstärke weiter. "Das ist der Grund, weswegen ich mich zu guter Letzt doch für das Amt des Stadtpräfekten beworben habe."

    Die Abordnung aus dem Haus Claudia traf - wie auf der Einladung angegeben - am Nachmittag kurz vor dem Beginn der Festivität ein. Es gab nur ganz wenige Gründe, warum sich Menecrates ein solches Fest antat, weil er Geselligkeiten eher mied. Ein Muss stellten die Feiern im Familienkreis dar, aber auch jene, wo der Einladende Menecrates' Sympathien genoss. Bei dieser Hochzeit war das der Fall, weswegen sich der Claudier ohne Murren zurechtmachen und zum Hause der Cornelia bringen ließ.


    Er entstieg der Sänfte, ließ sich kurz das äußere Erscheinungsbild ordnen und schritt auf den Eingang zu. Er bedauerte ein wenig den Bräutigam. Bei allem Verständnis für arrangierte Ehen musste selbst er zugeben, dass es Grenzen gab. Er hätte für sich selbst vielleicht noch einer solchen Vermählung zugestimmt bzw. sich in diese gefügt, aber keinem seiner Enkelkinder hätte er einen solchen Partner... Bei diesem Gedanken angekommen, straffte er sich. Energisch schob er die Bilder und Überlegungen fort, weil er sich dabei abscheulich und oberflächlich empfand. Im Grunde seines Herzens tat ihm die Braut auch leid. So Schlimmes konnte kaum ein junger Mensch verbrechen, um derart von den Göttern gestraft zu werden. Gestraft eigentlich bereits im Mutterleib, aber wofür?


    Nur wenige Schritte trennten ihn vom Eingangsbereich. Menecrates ließ den Blick schweifen. Er suchte die Gastgeber.

    Menecrates erhob sich. Für die heutige Thematik musste er sich nicht vorbereiten. Es handelte sich um eine überschaubare Angelegenheit, die leicht darzustellen war.


    "Werte Senatoren. Zur Abwechslung steht heute einmal kein komplizierter Sachverhalt zur Diskussion und ich nehme an, wir werden ihn schnell abhandeln können. Ich umreiße die aktuelle Situation in Bezug auf Betriebsführungen am besten an meinem persönlichen Fall.
    Bedingt durch ein Erbe bin ich über Nacht Eigentümer von vier Betrieben geworden. Abgesehen davon, dass ich bereits die Höchstzahl der erlaubten Betriebsführungen erreicht hatte, durfte ich drei der Betriebe ohnehin nicht führen. Ich habe sie an Klienten und meine Angestellten verschenkt. Der vierte Betrieb fand mein Interesse und ich habe mich auf die Suche nach einer Möglichkeit gemacht, diesen Betrieb im Eigentum der Familie zu halten. Dabei bin ich auf eine starke Ungleichbehandlung verschiedener Familienkonstellationen durch unsere aktuelle Gesetzgebung gestoßen."
    Zum Ende der Einleitung legte er eine kurze Pause ein.


    "Folgende Extremfälle fallen unter das gleiche Gesetz: Der eine Fall betrifft meine Familie. Ich habe drei Enkelkinder und einen Sohn, die meiner Patria Potestas unterstehen. Auf keinen darf ich einen Betrieb überschreiben. Ich selbst darf fünf führen. Unterm Strich darf eine solche fünfköpfige Familie fünf Betriebe führen.
    Das Gegenextrem bildet eine Familie, bei der keine Gewaltherrschaft vorliegt. Nehmen wir wieder drei Enkelkinder an - dieses Mal die Nachkommen eines verstorbenen Vaters und ebensolchem Großvaters. Die Familie besitzt außerdem eine Tante und einen Großonkel, um ebenfalls auf fünf Köpfe zu kommen. In dieser Familie dürfte - sofern nichts anderes dagegen spricht - jedes Mitglied jeweils fünf Betriebe führen. Das wären fünfundzwanzig Betriebe auf der einen und fünf auf der anderen Seite."

    Obwohl es nicht schwer war, der Darstellung zu folgen, legte Menecrates erneut eine Atempause ein.


    "Ich halte das für eine starke Ungleichbehandlung zweier Familien, die ich ein wenig mildern möchte.
    Mein Vorschlag wäre, pro Familienmitglied, für das ein Gewaltherrscher sorgt, könnte ihm ein zusätzlicher Betrieb zur Führung erlaubt werden. Der Haken, und den nenne ich gleich mit, ist die schwierige Kontrolle, weil sich Familienkonstellationen ändern können. Vielleicht gibt es bessere Vorschläge als meinen, aber fünfundzwanzig Betriebe, die fünf gegenüberstehen, sind kein hinnehmbares Verhältnis, wie ich meine. Alternativ heiße ich auch keine reichsweite Emanzipierungswelle für gut."


    Besonders handlich fand er seinen Vorschlag nicht, aber irgendeine Lösung musste her. Er hoffte auf brauchbare Gegenvorschläge.


    Ad
    IMPERATOR CAESAR
    Tib. Aquilius Severus Augustus
    Palatium Augusti
    Roma




    Mein Kaiser,


    die erbetene Frist ist verstrichen und ich melde mich, wie zugesagt, bei dir zurück.
    Meine Hoffnung, innerhalb dieser Zeit im Senat zu einem Ergebnis zu kommen, ist nicht erfüllt. Ungeachtet dessen sehe ich mich in der Lage, größere Aufgaben zu übernehmen und gleichzeitig die Suche nach den passenden Konsequenzen voranzutreiben, die uns die Ergebnisse der Ermittlungskommission nahelegen.
    Ich bekräftige hiermit noch einmal meine Bereitschaft, als Stadtpräfekt zur Verfügung zu stehen, sollte die Wahl auf mich fallen.


    Vale bene und die Götter stets mit dir und deiner Familie.



    [Blockierte Grafik: http://up.picr.de/28136474nt.gif

    gez. H. Claudius Menecrates




    Menecrates wiegte den Kopf, als Fautus die Vermutung äußerte, eine Frau könne es mehr reizen, wenn der potentielle Ehemann alleine lebte.
    "Ich gelte gewiss nicht als Frauenkenner, aber mir ist zu Ohren gekommen, dass ein Großteil der Frauen lieber in einen repräsentativen Haushalt einziehen würden, auch wenn sie nicht die erste Damenrolle übernehmen als in eine bescheidene Unterkunft, wo sie das Zepter schwingen. Das mag nicht auf alle zutreffen und ganz bestimmt würde dich nur eine erwählen, die so grundehrlich ist wie du selbst. Ich glaube, dass vor allem die Schwierigkeit darin besteht, eine solche Frau zu finden. Vielen ist ein farbloser Mann egal, weil sie neben ihm besonders glänzen."
    Er dachte an seine Frauen und zumindest die erste lag ihm weniger schillernd, dafür aber bodenständiger in Erinnerung. Die zweite hätte ihn wohl nicht auf sich aufmerksam gemacht, wenn er nicht als wohlhabend bekannt gewesen wäre.


    "Ich übrigens, würde dich auf der Stelle wegheiraten, wenn du eine Frau wärst." Menecrates grinste. Er fühlte sich locker, wie schon lange nicht mehr. Zwar trug er ein größeres Paket an Nachdenklichkeit als früher mit sich herum, aber die Last auf seinen Schultern fühlte sich geringer an.


    "Ja, und was das potentiell neue Amt betrifft: Natürlich ist es üblich, dort mit Militärangehörigen zu arbeiten. Sofern sich jemand daran stört, dass ich mit dieser Gepflogenheit breche, werde ich gute Argumente finden, dass ich einen persönlichen Vertrauten zu meiner Unterstützung hinzuziehe und beanspruche."
    Er setzte sich wieder aufrecht hin, nachdem auch Faustus seinen Sitzplatz aufgegeben hatte.
    "Ich muss noch einiges im Vorfeld klären, gerade im Senat. Dann aber werde ich ein Schreiben an den Kaiser richten und meine Bewerbung bestätigen. Wie sieht es bei dir aus? Hast du auch noch Erledigungen zu treffen? Gut möglich, dass du eine Zeitlang nicht dazu kommst, denn bisher gab es kein Amt und keinen Posten, bei dem ich nicht Altlasten aufzuarbeiten hätte, bevor die eigentliche Arbeit beginnt und dazu möchte ich gern auf deine Unterstützung zurückgreifen." Er griff zu den Köstlichkeiten, stand auf und stellte sich neben Faustus.


    "Vermisst du eine Frau? Wünschst du dir eine?" Menecrates selbst war zwiegespalten. Einerseits war er froh, seine Ruhe zu haben, weil ihm Ofella als extrem anstrengend in Erinnerung lag. Andererseits vermisste er manchmal auch Wärme und Fürsorge.

    Das Schweigen mochte Nachdenken ausdrücken, aber es konnte sich auch um Ratlosigkeit oder Interesselosigkeit handeln. Ganz gleich, was es war, jemand musste die Diskussion wieder in Gang bringen. Menecrates sah sich in der Pflicht, weil er zwar anfänglich seinem Sohn nicht den Auftritt stehlen wollte, aber mittlerweile ihm als Vater unter die Arme greifen sollte.


    "Ich halte die Überlegung, ob in eine neue Legierung investiert werden sollte, grundsätzlich für eine gute Idee. Alle Kaiser seit Iulianus waren nur kurz an der Macht. Rom musste sich immer wieder neu orientieren. Es wird Zeit, dass Beständigkeit einzieht. Alle diese Kaiser besaßen keine eigene Legierung, soweit ich weiß. Vielleicht sollte das so sein, weil ihr Wirken - bedingt durch die kurze Regierungszeit - schnell in Vergessenheit geraten wird. Wenn es nicht schon längst vergessen ist. Und vielleicht ist es nun an der Zeit, mit einem Legierungswechsel deutlich zu machen, dass Rom aktuell einen Kaiser besitzt, der gewillt ist, Geschichte zu schreiben, indem er lange und gut regiert."
    Menecrates blickte zum Augustus, bevor er seine Meinung kundtat.


    "Ich persönlich tendiere zu einer Kombination aus erstens mehr Antimon, um die Chemiker zufriedenzustellen, und zweitens - da die Variante Antimon offenbar die preisgünstigste ist - würde sicherlich zusätzlich eine im Gewicht oder Umfang vergrößerte Sesterze herausspringen, um auch diejenigen zu beglücken, die eine optische Veränderung bemerken wollen."


    Consul Caius Terrasidius Balbinus
    [Haus des Consuls]
    Roma


    Consul, ich möchte dich bitten, mir während der nächsten Senatssitzung das Wort zu erteilen. Die aktuelle Gesetzeslage in Bezug auf Betriebsführungen sollte nach meinem Dafürhalten noch einmal beratschlagt werden, weil sie bestimmten Familienkonstellationen entgegenkommt und andere benachteiligt.


    H. Claudius Menecrates

    Trotz der Antwort sah es nicht nach einem Problem für Menecrates aus.


    "Dann will ich hoffen, sowohl die Senatsdebatte als auch eine mögliche Lösung innerhalb der gesetzlichen Frist anregen zu können. Im Augenblick eilt die Entscheidung noch nicht. Die Erbschaft ist ganz frisch.
    Ich melde mich zu gegebener Zeit bzw. sehen wir uns ja im Senat und vielleicht könnte ich dir dann auf diesem kurzen Weg meine Entscheidung mitteilen.
    Besten Dank! Vale!"


    Er wartete einem Moment, ob der Aedil noch einen Hinweis geben wollte, dann wandte er sich zum gehen.

    Menecrates wollte dem Aedil nicht ins Wort fallen, obwohl er im Grunde alles von dem, was er zu hören bekam, wusste und auch nicht hinterfragte. Dass er so wortwörtlich genommen wurde, lag nicht in seiner Absicht, aber er musste sich deswegen auch nicht wundern, weil es in seiner eigenen abgekürzten Vortragsweise begründet lag.


    "Mir ist das alles klar. Ich habe die Sachverhalte nur etwas abgekürzt dargestellt. Entschuldigung.
    Schlussendlich läuft es darauf hinaus, dass ich in meinem speziellen Fall meine Kinder und Enkelkinder emanzipieren müsste, wenn ich unsere Familie einer anderen gleichstellen möchte, bei der durch löchrige Strukturen keine Gewalthaberschaft besteht und jedes Familienmitglied rechtlich in der Lage wäre, Betriebe zu kaufen. Da meine Kinder dies nicht dürfen, was ich keineswegs moniere, da aber ich per Gesetz das für sie auch nicht auffangen kann, halte ich das für eine Ungleichbehandlung der verschiedenen Familienkonstellationen.
    Nehmen wir zum Bespiel einen Vater mit drei nicht emanzipierten Kindern. Diese Familie darf fünf Betriebe führen. Zum Vergleich steht eine Familie mit drei Geschwistern und einer Tante. Alle vier Personen dürften jeweils fünf Betriebe führen. Ich setze voraus, dass bei beiden Familien nichts anderes gegen eine Betriebsführung spricht. Die eine Familie dürfte fünf Betriebe besitzen, die zweite zwanzig. Das meine ich mit Benachteiligung."

    Er betrachtete die Unterredung als Gedankenaustausch, mehr nicht.


    "Ich würde das gern auf einer Senatssitzung debattieren. Vielleicht mit dem Ziel, einem Gewaltinhaber je nach Familiengröße eine größere Anzahl an Betriebsführungen zuzugestehen. Vielleicht ergeben sich auch andere Lösungen, wer weiß. Auf alle Fälle möchte ich heute beantragen, die Frist zur Klärung des Verbleibs des Jägereribetriebs zu verlängern. Im besten Fall bis zum Ergebnis der Debatte. Wäre das möglich? Ich sichere zu, den Betrieb bis dahin stillzulegen bzw. nicht zu bewirtschaften."

    Die Möglichkeit, dass der Aedil ihn ungenau verstanden hatte, war verschwindend gering. Also ging Menecrates davon aus, genau die Antwort erhalten zu haben, die er vorab befürchtete. Trotzdem wollte er sichergehen, bevor er Entschlüsse fasste.


    "Es ist, wenn ich die Gesetze und dich richtig verstanden habe, also so, dass weder mein Sohn noch meine Enkelkinder Betriebe in ihr Eigentum übernehmen dürfen. Sie dürfen es auch dann nicht, wenn sie die Betriebsführung gezwungenermaßen in meine Hände legen, da ich die Patria potestas über sie habe. Richtig?“ Er wartete einen Moment, bevor er weitersprach.


    "Wenn dem so ist, sind Familien mit intakten Strukturen solchen gegenüber benachteiligt, wo Eltern bereits verstorben sind. In der Theorie darf jeder volljährige Römer fünf Betriebe führen. In der aktuellen Praxis dürfen das aber nur die Waisen unter uns. Habe ich das richtig verstanden?" Es kam zumindest keine Lösung seitens des Aedils, wie der Betrieb trotz dieser Umstände innerhalb der Familie verbleiben könnte.