Beiträge von Herius Claudius Menecrates

    Der Tag der anberaumten Mitgliederversammlung lag nach Menecrates' Consulat. Trotz der unterschätzten Nachwehen seines Amtes besaß er mehr Freizeit und auch Muse, sich entsprechend vorzubereiten und mit einem größeren Zeitpuffer als nötig im Verwaltungsgebäude der Factio einzufinden. Er kannte mittlerweile einige Mitglieder und nickte ihnen beim Eintreten zu. Nach und nach trafen weitere Personen ein und der kleine Saal füllte sich.
    Als davon auszugehen war, dass keiner mehr folgte, erhob sich Menecrates von seinem Platz. Er übernahm heute die Rednerrolle.


    "Liebe Freunde des grünen Rennsports! Diese Versammlung ist außer der Reihe einberufen worden, weil nach der mehrjährigen schweren Erkrankung unseres Dominus Factionis vor Wochen auch der Vicarius Marcus Vetilius Quadratus weggebrochen ist. Vorübergehend hatte der ehemalige Vicarius Tiberius Helvetius Varus das Amt übernommen. Meine Aufgabe ist es, euch heute mitzuteilen, dass Helvetius vor Tagen mir gegenüber seinen Rücktritt samt Factioaustritt bekanntgegeben hat."
    Er wartete, bis sich das Gemurmel legte, dann fuhr er fort.


    "Ich halte es für notwendig, die Gründe offenzulegen, damit nicht der Eindruck entsteht, uns brechen durch Krankheit fortwährend die Funktionäre fort. Helvetius wollte keinen Schaden für die Factio riskieren, wenn sein Name hier geführt wird. Er war selbst ganz überrascht, in dieses Amt gesetzt worden zu sein, nachdem Vetilius den Posten aufgeben musste. Ich achte solche uneigennützige Rücksicht und seine Weitsicht ist schätzenswert. Er hat versprochen, aus der Ferne uns die Daumen zu drücken."
    Das nachfolgende Gemurmel besaß einen beifälligen Klang, was Menecrates erleichterte. Er wollte keine schlechte Nachrede. Am liebsten wollte er keinerlei individuelle Auswertung von Geschehnissen und dem daraus folgendem Geschwätz.


    "Wir kommen also heute nicht umhin, die Führungsebene neu zu besetzen. Beginnen möchte ich aber mit den Aufnahmegesuchen. Es liegen einige schriftliche Anfragen vor und ein Bewerber hat sich persönlich angemeldet." Menecrates schaute sich um. Er suchte nach Annaeus.

    Das Strahlen wirkte ansteckend und obwohl Menecrates zeitweilig in Terminen und Verpflichtungen zu ersticken drohte, löste es eine wohltuende Zufriedenheit in ihm aus. Aus diesem Grund musste er auch lächeln, bevor er den Kopf verneinend schüttelte.
    "Es gibt nichts zu beachten, nein. Niemand erwartet ein Einstandsessen oder dergleichen. Sei du selbst, so lernen wir dich am schnellsten kennen - keine Verkleidung, keine Verstellung."


    Er legte ganz flüchtig die Hand auf die Schulter des jungen Mannes, dann grüßte er zum Abschied.
    "Wir sehen uns an besagten Ort und zu besagtem Tag. Ich muss jetzt leider los. Vale."

    Menecrates registrierte gerade noch Marcellus' Antwort, als sich ein Schar an Vorboten in die Aula ergoss und den Kaiser ankündigte. Der alte Claudier drehte sich der Tür zu und erwiderte beim Eintreffen den Gruß.


    "Ave, mein Kaiser. Capri oder Baiae würden mir sicherlich gut tun, aber ich habe nach meiner Amtszeit noch nicht alle abschließenden Wege erledigt. Und wie das Leben so spielt, gesellen sich zu den bereits geplanten Vorhaben stets weitere dazu." Menecrates erwiderte das Lächeln, denn er nahm die nicht abreißenden Verpflichtungen weitgehend mit Humor. Die erste Zeit nach dem Consulat hatte er sich tatsächlich ruhiger vorgestellt.


    Er wartete die Begrüßung zwischen Kaiser und Marcellus ab, bevor er antwortete.
    "Mein Großneffe ist tatsächlich einer der Gründe, weswegen ich mir Baiae aktuell nicht erlauben kann, aber ich habe noch mehr Gesprächsstoff heute mitgebracht. Ich hoffe, du wurdest darauf vorbereitet?" In seinem Ansuchen bat Menerates um ein entsprechend größeres Zeitfenster und hegte die Hoffnung, dass dies dem Kaiser mitgeteilt wurde. Aber selbst wenn nicht, wollte er zumindest an der Reihenfolge der Anliegen nichts ändern.


    "Wenn du einverstanden bist, würde ich gerne Marcellus den Vortritt lassen. Mein Großneffe ist mit einem ambitionierten Vorhaben nach Rom gekommen und ich möchte ihn darin unbedingt unterstützen. Aber vielleicht erläutert er selbst, weswegen er das Gespräch mit dir sucht." Er blickte zu Marcellus und nickte ihm aufmunternd zu. Ein Lächeln sollte dem jungen Mann zeigen, dass er ganz locker von der Seele sprechen konnte und auch sollte.

    Du weißt es schon, aber ich möchte nicht nur beim Gehen, sondern auch beim Zurückkommen meinen Senf öffentlich dazugeben.
    Ich freue mich seeehr. :) Aus meiner Sicht ein großer Gewinn für das IR. :app:


    Dann wird sicherlich in Kürze aus den alten Feinden noch sowas wie Freunde. ;) Mach langsam und geh nur das an, was dir Spaß macht und gut tut. Meine Devise übrigens: Lies nicht überall mit. Das schont die Nerven. :)

    Die Senatsdebatten des vergangenen Amtsjahres ließen bei Menecrates eine gewisse Gewöhnung eintreten, sodass er sich heute weitgehend routiniert fühlte, als er sich zu seinem Abschlussbericht erhob.
    "Werte Senatoren, wie immer am Ende eines Amtsjahres erfolgt ein Bericht über die Vorkommnisse und das Wirken innerhalb der Amtszeit. So auch von mir über mein Consulat.


    Zu Beginn meiner Amtszeit hatte ich die Umsetzung folgender Vorhaben in Aussicht gestellt:
    Ich wollte mich mit der Ursachenforschung zum Sklavenaufstand befassen und die Ergebnisse dem Senat und dem Kaiser vorstellen.
    Losgelöst vom Ergebnis wollte ich die Zufriedenheit der unteren Bevölkerungsgruppen durch ein erhöhtes Angebot an Zerstreuung anheben.
    Darüber hinaus wollte ich nach Lösungen suchen, um den ärmsten Schichten einen regelmäßigen Zugang zu den Grundnahrungsmitteln zu verschaffen.
    Desweiteren hatte ich mich verpflichtet, eine möglichst lückenlose Abfolge der kultischen Verpflichtungen zu garantieren."

    Er räusperte sich einmal, aber nicht aus Verlegenheit, sondern eher im Zuge des Luftholens für die Antworten.


    "Die Ursachenforschung zum Sklavenaufstand habe ich bereits in einer separaten Senatssitzung zum Thema gemacht, damit sie hier nicht am Rande abgehandelt wird. Sofern jemand nicht damit einverstanden ist, dass ich hier nur kurz resümiere, dass wir zu einem Ergebnis gekommen sind, möge er sich gerne melden. Ich rechne damit, dass es weitere Debatten zu den Ermittlungsergebnissen geben wird - gerade im Hinblick auf das Abstellen der Ursache, das Installieren von Hilfen usw."


    Menecrates sah in die Runde und suchte nach Anhaltspunkten, wie die Senatorenschaft den Umgang mit dem einstigen Hauptziel des Consulars sah. Dann fuhr er fort.


    "Das Zerstreuungsangebot für Roms Bevölkerung habe ich in verschiedener Form in Angriff genommen. Die großen Ludi Palatini boten ein reichhaltiges Programm: angefangen mit der Opferung für Concordia und dem anschließenden Festumzug sowie der Volksspeisung, über die Opferung für Felicitas und den anschließenden Festlichkeiten auf dem Marsfeld sowie der darauffolgenden Opferung an Iuno mit den Auftritten der Mädchenchöre bis hin zu den mehrtägigen Wagenrennen, die im Wechsel mit den verschiedensten Hinrichtungen stattfanden. Den Abschluss bildeten die Theatertage.
    Weitere Zerstreuung boten die beiden Equirria, wobei die letztere zu einem Großteil vom Quaestor Consulum organisiert wurde.
    Ich habe es als meine Aufgabe angesehen, über die Amtszeit hinweg immer wieder Spenden zu verteilen, um den ärmeren Schichten nicht nur Zerstreuung, sondern auch einen begrenzten Zugang zu den Grundnahrungsmitteln zu verschaffen. Ein Spender ist aber zu wenig und so habe ich weniger abdecken können als erhofft. Ich hätte gerne, und möchte das immer noch, öffentliche Küchen ins Leben rufen. Vielleicht findet der Senat in Abstimmung mit den kaiserlichen Plänen diesbezüglich zu Lösungen. Die Unterversorgung der Bevölkerung der Subura hat sich ja als eine der Ursachen für den Sklavenaufstand herausgestellt und wird an anderer Stelle noch erörtert werden. Das hoffe ich zumindest.
    Ein weiterer Punkt ist eine verbesserte Sicherheit, deren Umsetzung ich ebenfalls nicht mehr im Amt geschafft habe, deren Notwendigkeit ich aber anhand der Ermittlungsergebisse sehe."


    Er schlug den Bogen zurück zum nächsten Punkt seiner Wahlversprechen.
    "Die kultischen Verpflichtungen habe ich - soweit ich konnte - wahrgenommen. Manches Mal in Form von Opfertierspenden, andere Male habe ich mich rückversichert, wie und ob die zuständigen Priester Unterstützung bräuchten, etliche Festtage habe ich selbst gestaltet und einige delegiert. Inwiefern ich lückenlos gearbeitet habe, können andere besser einschätzen."


    Er war auf alle seine Vorhaben eingegangen, aber trotzdem nicht am Ende seiner Rede angelangt.
    "Gesetzentwürfe standen zu Beginn meiner Amtszeit nicht auf meinem Plan. Sie haben sich durch meine Tätigkeit ergeben bzw. habe ich die Notwendigkeit gesehen, Gesetzeslücken zu schließen. Da wäre zum einen mein Gesetzentwurf zu den Wagenrennen zu nennen. Ich habe bei den Ludi eine erhebliche Unsicherheit durch ein fehlendes Regelwerk wahrgenommen und bin sehr erfreut, dass zukünftig ein haltgebender Rahmen diesbezüglich vorliegt.
    Meinen zweiten Gesetzentwurf, die Rückkehr zu den alten Sitten und Gebräuchen, halte ich nach wie vor für unumgänglich, aber es hat sich herausgestellt, dass ich für einen Konsens deutliche Kompromisse eingehen müsste, wozu ich letztlich auch bereit bin. Ob es aber tatsächlich einmal zu einer mehrheitlich angenommenen Neuausrichtung der Politik kommt, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht voraussehen. Ich würde mir das aber wünschen.


    An dieser Stelle schließt sich der Kreis zu dem ersten von mir genannten Punkt, den Ergebnissen zum Sklavenausstand. Beides steht in Zusammenhang und ich stehe selbstverständlich für die weitere Bearbeitung der Thematik zur Verfügung.


    Ich danke für eure Aufmerksamkeit!"

    Obwohl die Amtszeit hinter Menecrates lag, gab es so viele Abschlussbesprechungen, Berichtsverfassungen und Wege zu erledigen, dass er kaum zu Hause anzutreffen war. Er nutzte daher die Möglichkeit, seinen Sekretär zu sprechen, als er ihm zufällig im Atrium begegnete.


    "Ach, Faustus, gut, dass ich dich treffe. Ich habe zwei wichtige Dinge, die ich beständig vor mit herschiebe. Vor allem eins hätte ich längst erledigen sollen. Bitte entschuldige, dass ich es nun zwischen Tür und Angel mache, aber wenn nicht jetzt, dauert es weitere Wochen.
    Ich habe einen Schenkungsvertrag aufgesetzt, nachdem ich dir eines meiner Grundstücke übertrage. Die entsprechende Schriftrolle liegt auf meinem Schreibtisch. Hol sie dir weg und ein Flecken Erde ist dein."
    Er lächelte, dann fuhr er fort.
    "Außerdem soll es eine Mitgliederversammlung der Factio geben. Die steht mittlerweile kurz bevor, weil ich es verpasst habe, es eher mitzuteilen. Ich hoffe, du kannst ID APR DCCCLXVIII A.U.C. (13.4.2018/115 n.Chr.) erscheinen. Wir treffen uns im Verwaltungsgebäude der Factio. Ich weiß, dass er sehr kurzfristig ist, aber deine Anwesenheit wäre mir sehr wichtig. Wir müssen einen Dominus wählen und ich würde gerne diese Aufgabe übernehmen. Dazu müsste ich allerdings erst einmal gewählt werden und ich würde mich freuen, wenn du mich dabei unterstützt."

    Menecrates ließ die Äußerungen bezüglich des Ungleichgewichts erneut wirken, fühlte sich gleichzeitig aber nicht selbst angesprochen, als im Speziellen die Pflichtvergessenheit der führenden Familien thematisiert wurde.


    "Ich vermute, die Debatte um die Konsequenzen wird im Senat noch lange Zeit in Anspruch nehmen. So wie ich die Schnelligkleit der römischen Mühlen kenne, wirst du eher Senator sein und mitreden können als dass diese abgeschlossen sind." Im schlimmsten Fall fielen die Ermittlungsergebnisse gänzlich unter den Tisch, weil die Trägheit gegenüber der Anstrengung und Gewohnsheitsänderung siegte.


    "Lass uns das Thema abschließen und zu einem neuen kommen. Ich habe mich von dir während meiner Amtszeit gut unterstützt gefühlt und möchte mich deswegen erkenntlich zeigen. Ich weiß, dass dies nicht unbedingt üblich ist, aber ich halte mich nur dann an das Übliche, wenn es mir sinnvoll erscheint. Ich möchte dir ein Grundstück schenken." Durchaus gespannt, wie Flavius reagierte, blickte Menecrates den jungen Mann an.

    Menecrates folgte dem Praetorianer, während er nebenbei die Gedanken laufen ließ.
    "Möchtest du dein Anliegen selbst formulieren, nachdem ich dich vorgestellt habe?" Er erinnerte sich an frühere Termine und nicht alle verliefen wunschgemäß. Da er Marcellus noch nicht gut einschätzen konnte, fragte er zur Sicherheit nach. Der junge Mann sollte sich wohlfühlen und daher selbst wählen.

    Menecrates kannte einige Annaeer, allerdings lag das Jahrzehnte zurück. Er hätte das Familienwappen nicht mehr beschreiben können, aber wo es benannt wurde, erinnerte er sich wieder. „Stimmt, eine der Gentes, die ein Pferd auf dem Wappen haben.“ Er lächelte, weil er das besonders passend für die aktive Mitgliedschaft in einem der Rennställe hielt.
    "Dann wird man die Banner der Praesina fast mit denen deiner Familie verwechseln können, wenn sie auf Wettkämpfen nach oben gehalten werden, denn auch wir haben weiße Pferde auf grünem Untergrund." Das Wörtchen wir verriet, dass Annaeus bereits den richtigen Ansprechpartner gefunden hatte, noch bevor der es aussprach.


    "Du hast dich jetzt - wie es der Zufall will - bereits an den Richtigen gewandt, um Näheres zu erfahren. Es gibt ein Prozedere, was einer Aufnahme vorausgeht. Entweder der Dominus Factionis nimmt auf direktem Wege Mitglieder auf oder die Mitgliedsversammlung beschließt die Aufnahme, wenn der Dominus verhindert ist. Da bei uns letzteres der Fall ist, stehen ohnehin bei der Praesina Neuwahlen an. Die Mitglieder treffen sich ID APR DCCCLXVIII A.U.C. (13.4.2018/115 n.Chr.) im Verwaltungsgebäude der Factio. Du bist herzlich eingeladen.
    Ich freue mich, dich begrüßen zu können."

    Die Amtszeit lag hinter Menecrates. Er ließ sich - losgelöst von seinem Rechenschaftsbericht - einen zweiten Redetermin geben, um die Ermittlungsergebnisse dem Senat separat vorzustellen. Er rechnete mit einer Diskussion.


    "Werte Senatoren,

    ich trenne den Abschlussbericht der Kommission von meiner Res Gestae bzw. ziehe ihn vor. Gleichzeitig hole ich für den Bericht etwas weiter aus als ich es bei meinem Gesetzentwurf getan habe. Trotzdem wird euch vieles bekannt vorkommen. Die abgetrennte Präsentation resultiert nicht nur aus der Tatsache, dass die Kommission der zentrale Bestandteil meiner Amtszeit ist, sondern ich halte es auch für notwendig, über den Umgang mit den herausgefundenen Ursachen zu beratschlagen. Es macht keinen Sinn, monatelang intensiv zu forschen und die Ergebnisse anschließend zu ignorieren. Das kann sich Rom nicht leisten und wir können das auch nicht.

    Ich beginne mit der personellen Aufstellung der Kommission. Einige Berufene - ich hatte alle zu Beginn der Amtszeit benannt - sind gänzlich ferngeblieben, andere nach gewisser Zeit. Ich erwähne hier nur diejenigen, die über weite Strecken mitgearbeitet haben.
    Das wären: Consular Purgitius, Quaestor Flavius, Tribunus Petronius von den Stadtkohorten, Trecenarius Tiberius von der kaiserlichen Garde und ich. Gegen Ende der Ermittlungsarbeit ist nur noch der Trecenarius hervorzuheben. Mir zur Seite stand außerdem der Quaestor Consulum. Die Abschlussbesprechung, die sich erst innerhalb der Besprechung selbst als solche herausgestellt hat, habe ich alleine mit dem Trecenarius geführt, weil sich alle anderen Anwesenden im Vorfeld in Schweigen gehüllt hatten. Ich spreche von der Befragung der Sergia Fausta, die ich bereits im Senat thematisiert habe und die mit Abstand die schwerste im gesamten Ermittlungszeitraum war."


    Nach der personellen Darstellung, folgte die Benennung der Ziele.
    "Die Ermittlungen verfolgten zwei Ziele. Zum einen sollte der Zeitpunkt für das erste Schwelen der Unruhen möglichst genau eingegrenzt werden. Zum anderen sollte die Ursache bzw. die Ursachen herausgefunden werden, die letztlich zur Eskalation in Form des Sklavenaufstandes geführt haben.

    Ziel eins mussten wir zum Ende hin noch einmal korrigieren. Als erstes Schwelen gilt jetzt der Zeitraum um den ANTE DIEM IV ID IUN DCCCLXVII A.U.C. (10.6.2017/114 n.Chr.). Das Wirken der Rädelsführerin Varia beschränkte sich zu diesem Zeitpunkt auf Morde, die sich gezielt gegen römische Männer richteten. Sie waren ausnahmslos gut situiert. Den Aussagen zufolge haben einige der Opfer Frauen schlecht behandelt. Zum Beispiel sind Morde verübt worden, nachdem eine Tavernenbedienung belästigt wurde.
    Welche Morde der Täterin und ihren späteren Handlangern zugerechnet werden konnten, ließ sich im Nachhinein leicht recherchieren, weil eine wiederkehrende und individuelle Täterhandschrift vorlag. Den Opfern wurde ein wertvolles Schmuckstück, ein Ring, oft ein Siegelring in den Rachen geschoben. Anhand der unzweifelhaften Zuordnung der einzelnen Morde zur Serie der Varia lässt sich resümieren, dass sämtliche Mordopfer männlichen Geschlechts waren."

    An dieser Stelle legte Mencrates eine Pause ein, weil er zu einem anderen Aspekt der Nachforschungen kommen wollte und außerdem das Resümee wirkungsvoll im Raum stehen lassen wollte. Eine Bewertung unterließ er. Sie gehörte nicht in diesen Bericht.


    "Bevor ich zum zweiten Ziel der Ermittlungskommission komme, gehört es der Vollständigkeit halber erwähnt, dass nach den Morden bzw. parallel zu den Morden Parolen verbreitet wurden. Sie befanden sich an den Wänden und riefen dazu auf, ein Sklavenheer zu bilden, das sich gegen die Römer erheben soll."


    Nun begann der schwierige Teil des Berichts. Bei der Ursache, warum sich letztlich so viele Sklaven und vor allem auch Frauen der Varia anschlossen, schieden sich vor kurzem im Senat die Geister. Um Bewertungen kam Menecrates hier nicht herum, denn nirgends stand zweifelsfrei die Ursache als Fakt. Sie wurde abgeleitet und wie es schien, leitete jeder eine andere Ursache ab.


    "Ziel zwei betrifft also die Ursache des Sklavenaufstandes. Ich weise noch einmal darauf hin, dass die abgeleitete Ursache im Einvernehmen mit dem ermittelnden Praetorianeroffizier erarbeitet wurde. Um zu einem übereinstimmenden Ergebnis zu kommen, ist es notwendig gewesen, dass der Trecenarius seine eigene These zum Teil umwerfen musste. Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Offizier das tut, denn damit stellt er seine eigene Arbeit in Frage. Umso mehr Bedeutung kommt dem gemeinsamen Ergebnis der Ermittlungsarbeit zu."
    Eine bedeutungsvolle Pause untermauerte diese Aussage, bevor Menecrates fortfuhr.


    "Das Ermittlungsergebnis ist nicht neu. Ich hatte es bereits in einer früheren Sitzung vorgestellt.
    Als Ursache für den Sklavenaufstand wird in erster Linie der katastrophale Zustand in der Subura angesehen. Es muss dort an allem mangeln, was für das Leben notwendig ist: angefangen bei den Grundnahrungsmitteln, über die medizinische Versorgung bis hin zur Frage der Sicherheit.
    Ich möchte erwähnen, dass ich bereits zu Beginn meiner Amtszeit für öffentliche Essenausgaben plädiert habe, damit aber gescheitert bin. Dieser Hinweis gehört nicht zu meinem Bericht, ermuntert aber hoffentlich den einen oder anderen, im Anschluss an den Bericht Handlungsvorschläge zu unterbreiten.


    An dieser Stelle wäre mein Bericht eigentlich zu Ende. Er ist es aber nicht, weil ich nicht über fehlende Zusammenhänge hinwegsehen kann. Nach wie vor bedarf es aus meiner Sicht einer genauen Betrachtung der Tatsache, warum sich Frauen der Varia angeschlossen haben. Ich rufe noch einmal ins Gedächtnis, dass es absolut erklärbar ist, wenn Männer für das Überleben ihrer Familien in dem Kampf ziehen. Wenn aber Frauen riskieren, dass ihre Kinder Vollwaisen werden, liegt in Rom mehr im Argen als nur die Zustände in der Subura.
    Zu welchem Schluss der Trecenarius und ich gekommen sind, brauch ich sicherlich nicht wiederholen, aber ich wiederhole es, sofern gewünscht."

    "Derlei Direktheit ist auf einem Rennplatz mehr als erlaubt", erwiderte Menecrates. Er suchte mit Blicken nach seinem Sohn, weil der Dominus der Aurata ganz offensichtlich kein freies Ohr erübrigen konnte. Gallus unterhielt sich unweit von ihnen mit dem Gastfahrer Hermippus, weswegen Menecrates - zunächst auf sich allein gestellt - mit einer allgemeinen Erklärung begann.


    "Hier haben sich heute nur die Vertreter der Aurata und der Praesina zu einem Trainingsrennen getroffen. Es gibt aber weitere Factiones in Rom, was du vermutlich weißt, wenn du Wagenrennen liebst. Da wären die Russata und die Albata zu nennen, sowie die Purpurea und die Veneta. Sechs Farben und Rennställe zur Auswahl", er wiegte den Kopf, "für einen Mann gänzlich neu in Rom sicherlich keine leichte Entscheidung."
    Menecrates widerstrebte es, sich anzubiedern. Er wollte weitgehend neutral bleiben, um nicht zu beeinflussen. Wofür jener junge Mann schwärmte oder was er bevorzugte, konnte er nicht erahnen, aber vielleicht würde es der Annaeus noch sagen.


    "Ich heiße übrigens Claudius Menecrates." Es gebot nicht nur die Höflichkeit, sich ebenfalls vorzustellen.

    Das Consulat lag hinter ihm, als er in Begeleitung seines Großneffen den Kaiserpalast aufsuchte. Er selbst hatte um diese Audienz gebeten, wofür es mehrere Gründe gab.


    In der Zeit, wo einer der Sklaven zum Wachmann trat und ihm die Einladung vorzeigte, wandte sich Menecrates an Marcellus.
    "Ich halte es für ratsam, dass du viel Eigeninitiative zeigst, wenn es um deinen Wunsch geht. Meine beiden Enkelsöhne sind mit ihrem Anliegen gescheitert, weil SIE den Kaiser nicht überzeugen konnten. Dem einen fehlten die Argumente, der andere brachte kaum ein Wort heraus. Die meiste Zeit habe ich geredet, das möchte ich heute anders machen. Ich wollte auch gleich mit deinem Anliegen beginnen.
    Darüber hinaus habe ich noch zwei weitere Themen im Gepäck, wovon eines zunächst intern besprochen sein muss. Es kann also sein, dass dich der Kaiser eher als mich entlässt. Nicht, dass du dich wunderst."

    Nicht ganz unerwartet, trotzdem bin ich - tja, was bin ich? Eigentlich sprachlos.
    Sehr schade! Gehen schillernde Figuren, empfinde ich die Lücke noch größer. Ich schließe mich Maro an: Du warst wichtig.

    In Rücksprache mit dem amtierenden Consul und weil die Ämterzuweisung noch in seinen Bereich fiel, teilte Menecrates die Entscheidung des Gremium nun offiziell mit, nachdem sich keine weiteren Wortmeldungen mehr ergeben hatten.


    "Für das Protokoll: Caius Duccius Callistus wird als Decemvir Stlitibus Iudicandis eingesetzt und Galeo Claudius Gallus als Triumvir auro argento aere flando feriundo."

    Menecrates stellte erleichtert fest, dass Sassia sofort die Initiative ergriff. Eine freundliche Begrüßung, einen Platz anbieten... alles Dinge, die er gänzlich anders gemacht hätte. Wahrscheinlich hätte er Sisenna wie gestern stehenlassen. Schon wollte er sich entspannen, als er Sassia sagen hörte, worum es ging.


    Erschrocken hob er die Hände und stammelte: "Sie weiß...noch... nicht..." Soweit waren sie im gestrigen Gespräch noch nicht gekommen. Er ahnte Schlimmes. Nie im Leben würde er alleine diese Situation meistern.

    Die Cena gestaltete sich zu einem Nehmen-und-Geben-Treffen. Gerade hatte Menecrates ein überaus interessantes Geschäft abgeschlossen, rückte Sassia mit einem Anliegen heraus. Er kannte die Stimmlage. Sie bedeutet immer einen Wunsch, den er nicht immer gut fand. Innerlich gewappnet und im Geiste große Kulleraugen vor sich sehend, lauschte er weiter der lieblichen Stimme.
    Etwas überrascht blickte er seine Enkelin an, als sie endete. Die Wünsche in ihrer Kindheit fielen deutlich abwegiger aus. Eigentlich stellte es kein großes Problem dar, Morrigan für das Anliegen freizustellen. Er suchte allerdings noch nach dem Haken.
    "Sie soll wirklich nur tanzen? Kind, das kann sie unmöglich einen ganzen Tag lang." Er ließ sich die Angelegenheit nochmals durch den Kopf gehen. Trotz Morrigans naher Vergangenheit sollte das Tanzen zumutbar sein. Problematisch fand er einzig das Brandzeichen, das sicherlich sichtbar war.
    "Wenn sie nur tanzen soll und sonst nichts, gebe ich sie für drei oder vier Stunden. Ein ganzer Tag ist wirklich zu viel, Sassia. Du bist allerdings dafür verantwortlich, dass sie sich nicht von eurem Fest entfernt. Ich werde sie bringen lassen und sie kehrt auch nur in Begleitung wieder zurück. Du weißt, warum."
    Zwischen Menecrates und dem Trecenarius gab es ein Abkommen, aber der Claudier wusste nicht, ob sich alle Praetorianer daran gebunden fühlten. Wahrscheinlich würde er Marco für den Auftrag abstellen, eventuell auch Magrus zusätzlich oder Magrus allein. Das blieb zu klären.

    Menecrates atmete erleichtert auf, als er Sassia den Raum betreten sah. Mit ihr hatte er nicht gerechnet, eher mit Silana, aber umso besser.
    "Schön, dich zu sehen, mein Kind", begrüßte er sie und eine Last fiel von seinen Schultern. "Dich schicken die Götter!"
    Morrigan und die dickliche Köchin trafen ebenfalls ein. Jede der Frauen besaß spezielle Vorzüge und Eignungen, weswegen Menecrates annahm, für alle Eventualitäten abgesichert zu sein. Eigentlich fehlte nur noch Silana. Auch Cara hatte guten Einfluss gehabt, aber sie weilte nicht mehr unter ihnen.


    "Ich hatte jede Menge Stress im Senat, aber vor keiner der Sitzungen hatte ich mich je so gefürchtet wie vor der kommenden Aussprache. Es geht darum, Sisenna beizubringen, dass sie die Gewalt über ihre Bienen, Ponys und Fische verliert. Das ist so von Gesetzeswegen und nicht abänderbar. Ich habe es gestern bereits probiert und bin gescheitert." Er hob und senkte hilflos die Schultern. Man konnte ihm ansehen, dass er sich am liebsten verdrückt hätte.

    Menecrates wiegte den Kopf und schien zu überlegen, bevor er antwortete.
    "Ja, gut möglich, dass die Kommissionäre zu schockiert vom Betragen der Sergia waren, um adäquat reagieren zu können. Decimus konnte man das sogar ansehen. Was aber hielt sie an den anderen Sitzungstagen zurück, sich aktiver zu beteiligen?" Der Consul lächelte. Er sah eine schleichende Unlust bei den Mitgliedern, die ihren Höhepunkt bei der Befragung der Sergia fand, und er konnte sich nicht vorstellen, dass Flavius eine ähnlich passende Erklärung für die mangelnde Beteiligung der vorangegangenen Sitzungen finden würde.
    Die Kritik am Kaiser hingegen lag ihm nur am Rande in Erinnerung. Er stand auf und griff zu den Protokollen, um sie zu überfliegen.
    "Jaaa, es klangen Worte der Kritik an. Sogar deutliche Worte. Um ehrlich zu sein, ist das bei mir etwas untergegangen. Hm, ich würde andere Worte wählen, aber ich scheue mich nicht, meine Meinung und unsere Schlussfolgerung zu Frauen in Ämtern vor dem Kaiser zu thematisieren. Ist er der Mann, für den ich ihn halte, wiegelt er nicht vorschnell ab. Es ist leicht, sich angegriffen zu fühlen, aber schwer, sich selbst zu hinterfragen. Ich hoffe, er wählt den schweren Weg, zumal nicht er derjenige war, der zuerst Frauen in Ämter hob, sondern dies bereits vor ein, zwei Generationen eingerissen ist."


    Der junge Flavius schwenkte zurück zum Trecenarius und Menecrates folgte ihm. Auch er fand die Position des Tiberius' erstaunlich, wenn man die über Jahrzehnte üblichen Gepflogenheiten der Gens berücksichtigte. Es folgte der Versuch einer Alternativerklärung zur geschlechterübergreifenden Gefolgschaft der Varia, der sich aus Menecrates' Sicht, nicht nennenswert weit entfernt von seiner eigenen These befand.
    "Ist nicht aber gerade durch die Fehlleitung von Frauen die Ordnung unseres Staatswesens aus dem Gleichgewicht geraten? Sowas tritt nicht von heute auf morgen ein. Das ist ein Prozess und er begann vor Jahrzehnten, lange vor der Inthronisierung unseres jetzigen Kaisers.
    Oder hat aus deiner Sicht noch eine andere Bevölkerungsgruppe ihre angestammte Position verlassen - sei es durch kaiserliche Förderung, durch Vernachlässigung vom Staat, durch die Folgen des Bürgerkrieges oder sonstiger einschneidender Ereignisse?"

    Er wartete einen Moment gespannt, dann schob er aber doch noch etwas nach, bevor Flavius antworten konnte.
    "Ich bin nicht sicher, ob es reichen würde, die von dir angesprochenen allgemeinen Pflichten für jedermann zu betonen. Worte sind schnell vergessen. Ich hatte ein Gesetz angestrebt als Rahmen, Orientierung und Halt für jedermann. Es hätte ein Gemeinschaftsprojekt werden können." Er hob die geöffnete Hand. "Vielleicht wird es das ja noch. Manches braucht Zeit."

    Menecrates hatte nicht erwartet, auf seine knappe Feststellung hin, einen derart langen Redebeitrag zu erhalten. Obwohl er Morrigans Eigentümer war, steckte er nur marginal in der Materie und konnte somit viele der Äußerungen des Helvetiers nicht einordnen. Eine allerdings blieb hängen und auf die würde er Morrigan im Nachhinein ansprechen.
    Als Varus endete, nickte Menecrates, denn irgendetwas musste er erwidern. Worte sparte er sich, weil er fürchtete, sie würden einen weiteren Redefluss auslösen. Immerhin hatte er zugehört. Manchen Menschen half bereits ein offenes Ohr.


    Beim Thema Factio stieg Menecrates' Interesse. Er nahm zur Kenntnis, dass Varus ebenfalls nichts über den Verbleib des bisherigen Vicarius wusste. Das bedeutete, es waren entweder alle oder niemand übergangen worden, was sich zumindest ausgeglichen anfühlte. Die weiteren Ausführungen überraschten Menecrates noch mehr. Er hatte nicht mit so viel Selbstkritik seines Gesprächspartners gerechnet und fand es beachtlich, dass der anbot, zum Wohl der Factio zurückzutreten.


    "Das nenne ich Selbstlosigkeit", rutschte es Menecrates heraus. "Ich nehme dein Ansinnen zur Kenntnis und werde es den Mitgliedern bei der nächsten Versammlung ausrichten. Wahrscheinlich wäre es ratsam, zeitnah eine Neuwahl anzusetzen. Bis dahin kann ich kommissarisch dein Amt übernehmen." Menecrates wusste, dass die Ämter innerhalb einer Factio nur durch Wahl besetzt werden konnten, also würde er für den nächst möglichen Zeitpunkt eine Mitgliederversammlung einberufen.
    "Treue Fans sind ebenso wichtig wie eine gute Factioführung. Dein Vorhaben sehe ich also gern." Er würde sich tatsächlich mehr Fanpräsenz bei öffentlichen Rennen wünschen.


    "Danke für deine Wünsche und die Götter mit dir."