Die Amtszeit lag hinter Menecrates. Er ließ sich - losgelöst von seinem Rechenschaftsbericht - einen zweiten Redetermin geben, um die Ermittlungsergebnisse dem Senat separat vorzustellen. Er rechnete mit einer Diskussion.
"Werte Senatoren,
ich trenne den Abschlussbericht der Kommission von meiner Res Gestae bzw. ziehe ihn vor. Gleichzeitig hole ich für den Bericht etwas weiter aus als ich es bei meinem Gesetzentwurf getan habe. Trotzdem wird euch vieles bekannt vorkommen. Die abgetrennte Präsentation resultiert nicht nur aus der Tatsache, dass die Kommission der zentrale Bestandteil meiner Amtszeit ist, sondern ich halte es auch für notwendig, über den Umgang mit den herausgefundenen Ursachen zu beratschlagen. Es macht keinen Sinn, monatelang intensiv zu forschen und die Ergebnisse anschließend zu ignorieren. Das kann sich Rom nicht leisten und wir können das auch nicht.
Ich beginne mit der personellen Aufstellung der Kommission. Einige Berufene - ich hatte alle zu Beginn der Amtszeit benannt - sind gänzlich ferngeblieben, andere nach gewisser Zeit. Ich erwähne hier nur diejenigen, die über weite Strecken mitgearbeitet haben.
Das wären: Consular Purgitius, Quaestor Flavius, Tribunus Petronius von den Stadtkohorten, Trecenarius Tiberius von der kaiserlichen Garde und ich. Gegen Ende der Ermittlungsarbeit ist nur noch der Trecenarius hervorzuheben. Mir zur Seite stand außerdem der Quaestor Consulum. Die Abschlussbesprechung, die sich erst innerhalb der Besprechung selbst als solche herausgestellt hat, habe ich alleine mit dem Trecenarius geführt, weil sich alle anderen Anwesenden im Vorfeld in Schweigen gehüllt hatten. Ich spreche von der Befragung der Sergia Fausta, die ich bereits im Senat thematisiert habe und die mit Abstand die schwerste im gesamten Ermittlungszeitraum war."
Nach der personellen Darstellung, folgte die Benennung der Ziele.
"Die Ermittlungen verfolgten zwei Ziele. Zum einen sollte der Zeitpunkt für das erste Schwelen der Unruhen möglichst genau eingegrenzt werden. Zum anderen sollte die Ursache bzw. die Ursachen herausgefunden werden, die letztlich zur Eskalation in Form des Sklavenaufstandes geführt haben.
Ziel eins mussten wir zum Ende hin noch einmal korrigieren. Als erstes Schwelen gilt jetzt der Zeitraum um den ANTE DIEM IV ID IUN DCCCLXVII A.U.C. (10.6.2017/114 n.Chr.). Das Wirken der Rädelsführerin Varia beschränkte sich zu diesem Zeitpunkt auf Morde, die sich gezielt gegen römische Männer richteten. Sie waren ausnahmslos gut situiert. Den Aussagen zufolge haben einige der Opfer Frauen schlecht behandelt. Zum Beispiel sind Morde verübt worden, nachdem eine Tavernenbedienung belästigt wurde.
Welche Morde der Täterin und ihren späteren Handlangern zugerechnet werden konnten, ließ sich im Nachhinein leicht recherchieren, weil eine wiederkehrende und individuelle Täterhandschrift vorlag. Den Opfern wurde ein wertvolles Schmuckstück, ein Ring, oft ein Siegelring in den Rachen geschoben. Anhand der unzweifelhaften Zuordnung der einzelnen Morde zur Serie der Varia lässt sich resümieren, dass sämtliche Mordopfer männlichen Geschlechts waren."
An dieser Stelle legte Mencrates eine Pause ein, weil er zu einem anderen Aspekt der Nachforschungen kommen wollte und außerdem das Resümee wirkungsvoll im Raum stehen lassen wollte. Eine Bewertung unterließ er. Sie gehörte nicht in diesen Bericht.
"Bevor ich zum zweiten Ziel der Ermittlungskommission komme, gehört es der Vollständigkeit halber erwähnt, dass nach den Morden bzw. parallel zu den Morden Parolen verbreitet wurden. Sie befanden sich an den Wänden und riefen dazu auf, ein Sklavenheer zu bilden, das sich gegen die Römer erheben soll."
Nun begann der schwierige Teil des Berichts. Bei der Ursache, warum sich letztlich so viele Sklaven und vor allem auch Frauen der Varia anschlossen, schieden sich vor kurzem im Senat die Geister. Um Bewertungen kam Menecrates hier nicht herum, denn nirgends stand zweifelsfrei die Ursache als Fakt. Sie wurde abgeleitet und wie es schien, leitete jeder eine andere Ursache ab.
"Ziel zwei betrifft also die Ursache des Sklavenaufstandes. Ich weise noch einmal darauf hin, dass die abgeleitete Ursache im Einvernehmen mit dem ermittelnden Praetorianeroffizier erarbeitet wurde. Um zu einem übereinstimmenden Ergebnis zu kommen, ist es notwendig gewesen, dass der Trecenarius seine eigene These zum Teil umwerfen musste. Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Offizier das tut, denn damit stellt er seine eigene Arbeit in Frage. Umso mehr Bedeutung kommt dem gemeinsamen Ergebnis der Ermittlungsarbeit zu."
Eine bedeutungsvolle Pause untermauerte diese Aussage, bevor Menecrates fortfuhr.
"Das Ermittlungsergebnis ist nicht neu. Ich hatte es bereits in einer früheren Sitzung vorgestellt.
Als Ursache für den Sklavenaufstand wird in erster Linie der katastrophale Zustand in der Subura angesehen. Es muss dort an allem mangeln, was für das Leben notwendig ist: angefangen bei den Grundnahrungsmitteln, über die medizinische Versorgung bis hin zur Frage der Sicherheit.
Ich möchte erwähnen, dass ich bereits zu Beginn meiner Amtszeit für öffentliche Essenausgaben plädiert habe, damit aber gescheitert bin. Dieser Hinweis gehört nicht zu meinem Bericht, ermuntert aber hoffentlich den einen oder anderen, im Anschluss an den Bericht Handlungsvorschläge zu unterbreiten.
An dieser Stelle wäre mein Bericht eigentlich zu Ende. Er ist es aber nicht, weil ich nicht über fehlende Zusammenhänge hinwegsehen kann. Nach wie vor bedarf es aus meiner Sicht einer genauen Betrachtung der Tatsache, warum sich Frauen der Varia angeschlossen haben. Ich rufe noch einmal ins Gedächtnis, dass es absolut erklärbar ist, wenn Männer für das Überleben ihrer Familien in dem Kampf ziehen. Wenn aber Frauen riskieren, dass ihre Kinder Vollwaisen werden, liegt in Rom mehr im Argen als nur die Zustände in der Subura.
Zu welchem Schluss der Trecenarius und ich gekommen sind, brauch ich sicherlich nicht wiederholen, aber ich wiederhole es, sofern gewünscht."