Beiträge von Herius Claudius Menecrates

    Der Consul besaß Kenntnis über die menschliche Psyche, weil er Zeit seines Lebens Menschen vorgesetzt war und sie zu nehmen lernen musste. Daher wusste er auch, dass Angst die stärkste aller Emotionen war, weil sie den Menschen nicht nur einnahm, sondern vor allem, weil sie ihn lähmte. Zorn verrauchen zu lassen, war verhältnismäßig einfach, Ekel zu überwinden ebenfalls, aber Angst zu verlieren, verlangte einen langen Prozess, bei dem zu keinem Zeitpunkt die Sicherheit bestand, den Kampf zu gewinnen.
    Dass Morrigan Angst gefangen hielt, glaubte er ihr in diesem Moment - trotz aller Vorbehalte. Sein Blick ruhte auf der Sklavin - immerhin. Zum Zeitpunkt der Kommissionstagung konnte er ihren Anblick nicht ertragen und hatte stets an ihr vorbeigesehen. Er schwieg und dachte nach.
    Es fiel ihm schwer, die Dinge zu akzeptieren, vor allem, weil er sie teilweise nicht nachvollziehen konnte. Manche verstand er nicht einmal. Deswegen hakte er nach.


    "Mir fehlt jegliche Fantasie, welche Verzweiflung es sein könnte, die einen Menschen dazu treibt, seine Religion aufzugeben." Er zog eine Schlussfolgerung und äußerte sie. "Für mich klingt das so, als wärst du nicht freiwillig Christin geworden. Dann dürfte es ja auch kein Problem sein, diesen Unsinn wieder abzulegen." Er suchte nach Morrigans Reaktion, bevor er fortfuhr.
    "Heißt das außerdem, viele dieser angeblichen Christen wurden nur zu einem bestimmten Zweck Christen? Besaßen sie nur die Bezeichnung Christen? Das ist wichtig, Morrigan. Und ich möchte nie wieder eine unwahre Antwort von dir hören!" Dies sagte er vorbeugend, um seine Erwartung an die Antwort noch einmal klar zu machen.

    ...und Magrus hatte sich nicht verhört. Als Menecrates ins Atrium einbog, stand dort Decimus Livianus - in Person, wohlauf und begutachtete die Einrichtung.


    "Das gibt es doch nicht", rief Menecrates lachend aus. Noch wenige Schritte zuvor wogen die Zweifel schwerer als die Freude. Während er auf seinen langjährigen Weggefährten zuging, fügte er an: "Ein paar Mal haben wir uns verpasst, beide waren wir lange fort und jetzt kreuzen sich tatsächlich unsere Wege." Als er Livianus erreichte, konnte er nicht umhin, den Decimer seitlich der Schultern zu fassen und zu drücken. Einen Verwandten hätte er in die Arme geschlossen, bei Livianus wartete er dessen Reaktion ab.


    "Schön, dich zu sehen!" Unnötig, das zu erwähnen, aber es musste raus. "Es gibt seeehr viel zu erzählen." Er wiegte schmunzelnd den Kopf.
    "Wollen wir uns setzen oder lieber schlendern?" Eine Kopfbewegung wies Richtung Säulengang. Bewegung mochte er Zeit seines Lebens mehr, wobei er zuweilen auch gerne saß. Abhängig war die Entscheidung auch von der Zeit, die Livianus mitgebracht hatte und der Claudier nicht einzuschätzen wusste. Die Höflichkeit gebot, den Gast erst einmal ankommen zu lassen, daher bremste sich Menecrates mit all seinen Fragen.

    Wieder einmal stand ein Staatsopfer an. Es handelte sich um die Lupercalia, wo für Faunus eine Opferung stattfand, direkt beim Tempel des Vegetationsgottes. Schafe standen bereits im Tempel bereit, als die Vestalinnen auf der Tiberinsel eintrafen. Eine Menge junger Frauen erwartete sie ebenfalls bereits. Das Thema Fruchtbarkeit spielte heute eine große Rolle und begrenzte sich bei den Fürbitten nicht nur auf das liebe Vieh, sondern erstreckte sich auch auf einzelne junge Frauen, die gern schwanger werden wollten. Aber auch ältere Frauen zog es hierher und solche, die zwar jung an Jahren, aber ohne Kinderwunsch waren.


    Sie alle sahen die Vestalinnen in den Tempel hineingehen und verbrachten die Zeit des Voropfers in der kühlen Winterluft. Manch eine begann zu zittern, doch niemand wusste zu sagen, ob von der Kälte oder der Anspannung, denn sie konnte eine von jenen sein, die sich sehnlichst ein Kind wünschten.


    Rauch stieg nach oben. Er duftete für viele nach geröstetem Getreide. Die Schwaden erhoben sich, wurden vom Wind zerrissen und in teilweise andere Richtungen getrieben, je nachdem von wo die Böe kam. Der Duft nahm ab und nach Minuten des Wartens entströmte ein schwacher Bratenduft dem Tempel. Er zeigte der Menge draußen an, dass bereits der blutige Teil beendet und einzelne Fleischstücken angebraten wurden, damit sie von den Opfernden verspeist werden konnten.


    Wenig später wurde die Tempeltür aufgerissen und junge Gottesdiener stürzten hinaus. Die Menge begann zu kreischen und doch wollten sie ausdrücklich das Schauspiel, bei dem die nur dürftig bedeckten Männer mit den soeben gebastelten Peitschen auf sie zurasten. Immerhin trugen sie jetzt diese spärliche Bedeckung, während im Innern des Tempels keine Kleidung für sie vorgesehen war. Manch junge Frau freute sich darüber, einen Peitschenhieb erhalten zu haben, was außerhalb dieses Festes sicher niemand sich wünschen würde.

    Menecrates verstand vieles nicht und Morrigans Antwort verwirrte ihn mehr als dass sie ihn aufklärte. Immerhin hatte sie erreicht, dass er nachdachte und das behinderte ihn beim Pflegen seines Grimms. Er konnte höchst selten zwei Dinge gleichzeitig tun. Höchstens dann, wenn es nicht darauf ankam, dass beides reibungslos funktionierte.
    "Es ist schwierig einer Person zu glauben, wenn man weiß, dass sie einmal gelogen hat und es besteht kein Zweifel daran, dass du mich belogen hast." Er blickte sie strafend an, denn er hasste Unwahrheiten und Unaufrichtigkeit. Gleichzeitig gestand er ein, dass sich Morrigan in einer Ausnahmesituation befand und sicher nicht die erste war, die unter Folter absurde Dinge gestand. Er brummte einmal grimmig, dann fuhr er fort.


    "Wenn du mir im Kerker die Wahrheit gesagt hast, bedeutet das, du warst nicht am Aufstand beteiligt. Wie erklärt sich dann deine Aussage heute vor der Kommission, dass du eine von Ihnen bist." Sogar eine Christin, fügte er in Gedanken an und schüttelte sich innerlich.
    Seine Abscheu gegenüber Unwahrheiten und dem Christentum hinderte ihn daran, Empathie für Morrigan zu empfinden, die er sonst sicherlich hätte. Sie wirkte wie ein schutzbedürftiges Vögelchen und im Grunde besaß Menecrates ein sehr großes Herz. Bausteine der Unwahrheit verbauten es im Augenblick.
    "Und was, zum Hades, treibt einen Menschen dazu, seine Religion zu verraten und Christ zu werden? Folter wird das ja sicherlich nicht gewesen sein."

    Er besaß in der Tat wenig Verständnis dafür, dass sich ein denkendes Wesen zu einer Marionette umfunktionieren ließ. Er kannte Morrigan von früher, ihre Unbändigkeit brachte ihm manchen Ärger ein, aber heute erkannte er sie nicht. Auf seiner Stirn entstand eine Falte, als sie sagte, dass Wahrheit nicht immer das war, was man sagte.
    "Bei mir gibt es einen klaren Codex: Das, was man sagt, HAT immer die Wahrheit zu sein. Ich will mich mit nichts anderem umgeben. Du kennst mich, du hättest das wissen müssen." Plötzlich fragte er sich, worin damals im Kerker eigentlich Morrigans Problem lag. Sie hatte bereits ein Geständnis gegenüber den Praetorianern abgelegt, das hatte sie erwähnt. Was hinderte sie daran, ihm ebenfalls zu gestehen? Stattdessen ließ sie ihn glauben, sie sei unschuldig. Menecrates ging noch immer davon aus, dass Morrigan bei der Kommission die Wahrheit gesagt hatte und der Versuch der Wahrheit im Kerker ein Verschleiern selbiger war.
    "Hast du mich deswegen im Kerker angelogen, weil du wusstest, dass ich keine Christin aufnehmen würde?"

    Menecrates nutzte die kurze Zeit nach dem Ende der Sitzung, um die Gedanken zu sortieren. Bei den Gefühlen gelang ihm das nicht. Er fühlte sich nach wie vor enttäuscht und von Morrigan - wenn auch unbewusst - benutzt. Das Schlimme: Er hatte es zugelassen, benutzt zu werden von einer Sklavin, für die er sich verantwortlich fühlte, wie er sich für alle in seinem großen Haushalt verantwortlich fühlte. Natürlich gab es Abstufungen zwischen Familienmitgliedern, Klienten und Sklaven, aber seinen Teil an Fürsorge bekam jeder ab.
    Als Morrigan eintrat, verspürte er einen Schmerz - den Schmerz eines enttäuschten Mannes, dessen Vertrauen ausgenutzt wurde. Aber er würde ihr nichts von seiner Enttäuschung wissen lassen, denn diese Blöße gab er sich nicht.


    "Erklär es mir." Er erwähnte nicht, was er erklärt haben wollte, denn für ihn lag es auf der Hand und auch Morrigan musste sich dessen bewusst sein, was er meinte: Sie hatte ihn belogen.

    Menecrates fühlte sich weiterhin betroffen, dabei hätte er sich über den Durchbruch bei den Ermittlungen freuen können. Doch etwas nagte in ihm und er wusste nicht, was. Morrigans Worte rauschten an ihm vorbei, er konnte sich kaum konzentrieren. Natürlich stand sie hier nicht als Angeklagte, darum ging es ihm bei seiner letzten Frage auch nicht. Er wollte die Behauptung des Religionswechsels mit Fakten untermauert wissen, um sich selbst davon zu überzeugen. Fakten, die weiterhin fehlten.

    "Meine Herren, mir wäre eine kurze Pause Recht. Kurz genug, damit keiner den Raum verlassen müsste, aber lang genug, damit jeder das Gehörte verarbeiten und die neue Lage bewerten kann. Ich für meinen Teil benötige Zeit für Überlegungen."
    Damit erhob er sich und zog sich einige Schritte zurück.


    Er spürte die Erschütterung in sich, doch wo lag die Ursache dafür. Er fragte sich, ob es die Enttäuschung war, dass sich die Spekulationen der Preatorianer, die er verabscheute, im Nachhinein als wahr erwiesen. Durfte es sein, dass Fantasien plötzlich Bestätigungen fanden? Gehörte das zu irgendeinem Können oder waren hier mächtige Götter und Geister im Spiel? Menecrates horchte in sich hinein und stellte fest, er neidete dem Trecenarius den Erfolg nicht, im Gegenteil: Die Ermittlung des Consuls kamen mit denen der Kaisergarde auf eine Linie, was für Rom sicherlich das Beste war. Aber was beunruhigte ihn sonst? Morrigans Aussage zweifelte er nicht an.


    Sein Bauch rumorte, also stimmte etwas nicht. Er ging in Gedanken noch einmal Morrigans Befragung durch, erinnerte sich an geweitete Augen, eine sichtbare Unsicherheit, Angst, vielleicht sogar Panik und zum Schluss ein Zusammenbruch. Alles passte perfekt in das Bild einer Frau, die sich vor der Befragung fürchtete, weil für sie unangenehme Dinge ans Tageslicht kommen könnten. Ein schlechtes Gewissen stellte für Personen mit Gewissen eine erhebliche Last dar. So lange er suchte, Menecrates fand keine Unstimmigkeit, aber sein Bauch beharrte weiter auf einer eigenen Meinung.


    Er wischte sich nachdenklich über die Stirn und plötzlich dämmerte es ihm. Wenn die heutige Aussage stimmte, und der Consul zweifelte nicht daran, dann hatte ihn Morrigan im Kerker belogen. Er hatte ihr damals vertraut, sie wieder bei sich aufgenommen und sogar vor einem Brandzeichen bewahrt. Er atmete einmal schwer ein und wieder aus. Selbst WENN die Aussage im Kerker die richtige war und die heutige die falsche, er konnte es drehen und wenden wie er wollte: Sie hatte ihn einmal belogen. Diese Erkenntnis wühlte in seinem Bauch, aber immerhin wusste er die Gefühle jetzt einzuordnen.


    Er trat zurück an seinen Sitz und stützte sich auf die Lehne.


    "Hat noch jemand Fragen an die Zeugin? Andernfalls möchte ich gern den Zeitpunkt festlegen, zu dem wir Varia befragen." Sie würden sich vor der Castra treffen müssen. "Falls das noch jemand für erforderlich hält." Bitterkeit schwang in seiner Stimme.
    "Morrigan, wir sprechen uns nach der Sitzung. Komm in mein privates Arbeitszimmer."

    Menecrates blickte zur Tür, um zu sehen, wer eintrat und glaubte seinen Ohren nicht zu trauen.
    "Hast du dich da wirklich nicht verhört?" Vorfreude und Ungläubigkeit mischten sich ineinander. Einen Augenblick stand sein Mund einen Spalt offen, dann kam Bewegung in ihn. "Das hast du absolut richtig gemacht, ihn ins Atrium zu führen. Du machst deine Sache gut, dafür, dass du erst kurz diesen Dienst versiehst. Wenn du zurückgehst, gib jemand in Auftrag, dass ich Erfrischungen ins Atrium gebracht haben möchte - Quellwasser, Wein, das übliche."

    Etwa eine Stunde vor dem Beginn der Sitzungen erhielt Menecrates von Magrus die Nachricht, dass Livianus eingetroffen sein soll. Glauben würde Menecrates das erst, wenn der Decimer vor ihm stand. Er ließ seine Vorbereitungen für die Ermittlungskommission liegen und erhob sich sofort, um vom Arbeitsraum zum Atrium zu gehen. Tausend Gedanken, viele Erinnerungen und einige Fragen sprangen wild durch seinen Kopf, während er mit einem Lächeln auf dem Gesicht hoffte, dass sich Magrus nicht verhört hatte.

    Danke Vinicius, obwohl wir kaum Berührungspunkte hatten, aber du hast heute bewirkt, dass Livianus wieder an Bord ist und nicht nur lesend. :) Herrje, ich freu mich! :)




    Fraaaage an die Göttertrias alias Spielleitung: Darf die Aurata noch bei den Ludi starten? Bisher wurde nur ausgespielt, dass die Aurata nicht erschienen ist. Es ist noch nicht die endgültige Aufstellung des dritten Vorlaufes/Freundschaftsrennens bekanntgegeben und das Finalrennen ist noch ganz in weiter Ferne.


    Das wäre doch ein schönes Willkommensgeschenk für Livianus, er wollte ja teilnehmen (hat er mir geschrieben). :) Macer? Marsus? Morri? :)

    Menecrates bemerkte die aufgerissenen Augen, aber er verstand sie nicht. Morrigan sollte hier nichts weiter als die Wahrheit sagen. Sie wurde bereits für diese Wahrheit bestraft, also fragte er sich, was bei den Göttern sie fürchtete. Ein zweites Mal konnte sie nicht versklavt werden. Übrig blieben nur zwei Erklärungen: Morrigan konnte sehr viel tiefer im Aufstand verwickelt sein als sie es bisher zugegeben hatte oder ihre Aussage im Kerker entsprach nicht der Wahrheit und sie befand sich deswegen im Konflikt.


    Spannung breitete sich aus, als die erhoffte Wahrheit über Morrigans Lippen drang und ihr letzter zerhackter Satz klang wie ein Paukenschlag in Menecrates' Ohren. Er konnte seine Überraschung nicht verbergen, ihm klappte förmlich die Kinnlade herunter. Mit ihrem Geständnis hatte Morrigan der Kommission zwar zum Durchbruch verholfen, denn Menecrates zweifelte die Aussage nicht an, aber gleichzeitig hatte sie ihr Bleiberecht in der Villa Claudia verloren. Menecrates würde keine Christin in seinem Umfeld dulden.
    Er atmete einmal tief durch, ging steif zur Tür und brüllte nach draußen: "Ein Becher Wasser!"


    Ein Sklave huschte herein und reichte Morrigan einen gefüllten Becher.
    "Sie soll sich hinsetzen", knurrte der Consul, wobei ihr der Sklave half. Während der Prozedur und als sich Morrigan wieder fing, überlegte der Consul das weitere Vorgehen. Ohne Zweifel an der Aussage zu haben, wollte er dennoch Fakten. Allerdings hatte sich seine Stimmfarbe veränderte. Sie ähnelte nun der des Trecenarius an Kälte, hervorgerufen durch die soeben erlebte Enttäuschung. Er blickte Morrigan nicht mehr an, als er fragte.
    "Zu welchem Zeitpunkt, an welchem Ort und in Bezeugung welcher Personen bist du konvertiert?" Er bemühte sich, zu Professionalität zurückzufinden, denn die private Enttäuschung gehörte nicht zu seinem Amt.
    "Ich erinnere noch einmal daran, dass vom Wahrheitsgehalt deiner Aussage nicht nur dein eigenes Leben abhängt, sondern das sehr vieler Bewohner Roms."

    "Dann belaste dich, Morrigan. Wir sind hier um die Wahrheit zu erfahren und wenn du sie kennst, benötigen wir Einzelheiten." Auch Menecrates konnte unerbittlich sein. Er wollte dieses Gerüst, das Morrigan umgab, aufbrechen. Sie sollte ihn überzeugen und das war ihr bisher nicht gelungen. "Welche Rolle spielten die Christen? Sag uns Fakten, schildere Einzelheiten, werde konkret."

    Menecrates tat genau das, was er eigentlich verpönte - es übte Druck aus und er WOLLTE, dass Morrigan eine mögliche einstudierte Fassade verlor. Er wollte an die Wahrheit kommen. Und nur auf diese Weise konnte er herausfinden, was einstudiert und was erlebt, was eingebleut und was den Tatsachen entsprach.

    "Deine Aussage ist so allgemein, wie sie von jedermann geäußert werden könnte, der sich zu damaligen Zeit in Italia aufhielt. Das heißt für mich, du weißt im Grunde nichts. Möchtest du DAS mit deiner Antwort ausdrücken?"

    Zitat

    Original von Manius Flavius Gracchus Minor
    "Sofern die Zeugin in den Aufstand derart tief involviert war, wird sie uns doch zweifelsohne direkt die Frage beantworten können, welche Rolle die Christen innerhalb des Aufstandes einnahmen, respektive ob ihre Beteiligung überproportional zu ihrem Anteil an der Bevölkerung der Subura ausfiel."


    Geradezu entzückt blickte der Consul zu seinem Quaestor. Hatte dieser doch erheblich lange geschwiegen, um sich später spärlich einzubringen und dann offensichtlich zu sammeln, um schließlich eine absolut hilfreiche und präzise Frage zu stellen. 'Donnerwetter', dachte der Consul und meinte es anerkennend.
    "Sehr gut", lobte Menecrates, bevor er wieder zu Morrigan blickte. Besaß Morrigan keine oder nur ungenügend Hintergrundwissen, würde sie die Kommission nicht mit eingetrichterten Antworten überzeugen können.


    "Morrigan?" Es klang auffordernd, wie der Consul ihren Namen nannte. "Welche Rolle spielten die Christen im Einzelnen während des Aufstandes und wie hoch war ihre Beteiligung? Bitte in einem Vergleich ausdrücken."

    Wie in jedem Jahr, stand die neuntägige Trauerzeit bevor. Alle Tempel blieben während der Parentalia geschlossen, die Senatoren und Magistrate legten ihre Amtszeichen und die Toga praetexta ab. Man gedachte den verstorbenen Ahnen und den Geistern im Haus, brachte den Toten an den Gräbern Speiseopfer und opfert auch am Hausaltar den Laren, Penaten und dem Genius. Jeder Pater einer Familie leitete den Kult an. Es brachte Unglück, wenn man an diesen Tagen vereiste oder Hochzeiten feierte. Selbst kleinere Feiern vermied man und Orgien sowieso. Vielmehr wurden die Gräber der Angehörigen geschmückt und viele Familien speisten an den Gräbern.


    Eingeleitet wurden die Feiertage durch ein Eröffnungsopfer der Virgo maxima Vestalis am 13. Februar. Die oberste Vestalin trat gegen Mittag aus dem Atrium Vestae und schritt - gefolgt von den Vestalinnen - zum Tempelplatz, um sich dort um den Foculus zu sammeln. Die folgenden Abläufe unterschieden sich in fast nichts von dem anderer öffentlicher Opferungen. Die Menschen wurden zur Ruhe ermahnt, es folgte die rituelle Reinigung, dem Voropfer folgte das blutige. Der Eingeweideschau folgte das erlösende Litatio.


    Neu in diesem Jahr war aus Menecrates' Sicht seine eigene Anwesenheit als Consul, der ganz ohne Amtszeichen in der Menge stand und dem Opfer beiwohnte.

    "Gut, aber uns interessiert nicht, was diese Zeugin selbst getan hat. Sie steht hier als Zeugin, nicht als Angeklagte", wiegelte der Consul den ersten Einwand ab. Interessant war allerdings der zweite Teil und dem musste Menecrates nachgehen. "Morrigan, hast du Varia im Umgang mit Christen gesehen oder davon gehört?"
    Viele Aspekte in Morrigans Aussage bestätigten die vorläufigen Ergebnisse der Kommission und gespannt erwartete Menecrates die weiteren Ausführungen.

    Eine erfreuliche Auskunft, wie der Consul fand. Allerdings konnte er ihr nicht entnehmen, wo die Aussage gemacht werden sollte. Zur Wahl standen die Castra der Prätorianer und der Kommissionstagungsort. Der Consul ging zunächst davon aus, dass die Kommission hier die Befragung vornehmen konnte, allerdings ohne Zweifel nicht heute.
    "Ich bitte darum, mir zumindest einen Tag im Voraus Bescheid zu geben, damit ich die Befragung in meine Planung aufnehmen kann." Schließlich war seine Arbeit nicht zu Ende, wenn der letzte Tagungsgast ging, sondern erst dann, wenn er die vergangene Sitzung nachbereitet und die zukünftige vorbereitet hatte.


    "Ja, meine Herren, dann gehen wir also zurück zur Schnittstelle von vorhin ..."

    Zitat

    Original von Herius Claudius Menecrates
    "Für mich deutet bisher nichts auf eine Verschwörung unter Beteiligung römischer Bürger hin, aber um sicher zu gehen, halte ich es für notwendig, sowohl die erwähnte Sergia Fausta vorzuladen als auch Helevetiana Morrigan zu befragen."


    "... und beginnen mit der Befragung von Helvetiana Morrigan."

    "Gut", erwiderte Menecrates, als Morrigan endete. Zum einen, um ihr eine positiv klingende Reaktion zu zeigen und zum anderen, weil er nicht am Wahrheitsgehalt der Aussage zweifelte. Natürlich bemerkte er, wie sie immer wieder zu Tiberius hinsah, und auch wenn er wusste, dass dies für sie keineswegs hilfreich war, mahnte er sie nicht noch einmal. Eine Zeugin, die von zwei Seiten unter Druck stand, war letztlich in seinen Augen nicht zu gebrauchen.
    Er unterließ es ebenfalls, Tiberius um etwas mehr Zurückhaltung zu bitten. Letztendlich besaßen alle Kommissionsmitglieder Augen im Kopf und mochten eigenständig beurteilen, ob Morrigans Aussagen als frei und glaubhaft oder einstudiert zu bewerten waren.


    "Als nächstes wüssten wir gerne, von wann bis wann du im Kontakt mit ihr gestanden hast und wie sich dieser Kontakt gestaltet hat. Darüber hinaus wüssten wir gern, wie Varia aufgetreten ist. Erzähl uns, was für Einstellungen sie pflegte, mit wem sie Kontakt hielt, was sie freute, was sie verärgerte usw. Erzähl uns, was dir alles über sie einfällt.“ Vielleicht ergaben sich dadurch weitere Ansätze, mit welchem Motiv Varia unterwegs war, als sie mordete.