Beiträge von Herius Claudius Menecrates

    Der Consul folgte den Wortmeldungen, dann erklärte er seinen Entwurf.
    "Das von mir angestrebte Gesetz soll nur für Wagenrennen gelten, die ein gesamtgesellschaftliches Ereignis darstellen. Solche Wagenrennen dienen zumeist der Ehrung eines Gottes oder finden an einem Festtag statt, weswegen ein öffentliches Interesse daran besteht, dass sie reibungslos verlaufen.
    Trainingsrennen beabsichtige ich nicht zu reglementieren. Ich bin sicher, alle Factiones können selbstständig Vereinbarungen für Trainingsrennen treffen, ohne dass sie dafür eine Gesetzesgrundlage brauchen.
    Diese Unterscheidung muss im Titel des Gesetzes ersichtlich werden."


    Der nächste Punkt betraf die Vertragsstrafen. Menecrates nickte, als Iulius darauf hinwies, ein nächstes Rennen könne bereits in der Planung sein. Ein guter Hinweis, der eine Umformulierung notwendig machte.
    "Es müsste dann bei Absatz zwei heißen: … Startverbot beim nächst möglichen Wettkampf. Wobei sich die öffentlichen Rennen auch nicht gegenseitig jagen.
    An dieser Stelle wird aber deutlich, dass es auch aus einem anderen Grund nicht zweckmäßig wäre, Trainingsrennen und Spiele in einen Topf zu werfen. Wenn ein Fahrer öffentliche Spiele torpediert und dann die Möglichkeit hat, seine Sperrung bei einem Trainingsrennen abgelten zu lassen, welchen Erziehungseffekt hat dann diese Strafe? Ich meine, keinen."


    Als nächstes stand das Thema Verlässlichkeit im Raum. Wieder nickte der Consul.
    "Ich glaube, es gibt keine Strafe, die einen notorischen Querulanten in seinem Verhalten beeinflussen kann. Trotzdem braucht es diesbezüglich eine Festlegung. Ich habe mich gefragt, was einen Fahrer wohl am ehesten davon abhalten könnte, nicht verlässlich zu sein und bin zu dem Schluss gekommen, dass es seine Karriere ist. Riskiert ein Fahrer einen Folgestart, tritt er möglicherweise überlegter auf. Stattdessen eine Klage im Nachhinein führen zu müssen, bedeutet Arbeit für den Ausrichter, der schon durch gestörte Abläufe gepeinigt genug ist. Die Weitergabe einer Sperrung belastet hingegen nicht.
    Ich stelle mir die Führung eines einsehbaren Registers für gesperrte Fahrer vor. Als Ausrichter wünsche ich mir, dass es weitgehend leer bleibt."


    Anschließend wandte er sich den aurelischen Argumenten zu.
    "Nicht die Factio wird gesperrt, sondern der betreffende Fahrer. Es ist der Lauf der Dinge, Aurelius, dass sich Gebräuche und Gewohnheiten ändern, wenn nie dagewesene Ereignisse passieren. Ich denke außerdem, dass das Torpedieren von öffentlichen Spielen viel mehr gegen die guten Sitten verstößt als ein Gesetz zum Zweck des reibungslosen Ablaufs solcher Großereignisse.


    Kommen wir zum Paragraf neun. Er besagt lediglich, dass bei Änderungswünschen das Angebot als solches keinen Bestand mehr hat.
    Gegenangebote von vorn herein auszuschließen, halte ich im Gegensatz zu dir für die einzig praktikable Lösung für einen Ausrichter. Wie viele öffentliche Wagenrennen hast du bereits veranstaltet? Abgesehen von der Planung im Voraus, läuft ein individuelles Aushandeln der Teilnahmebedingungen auf eine Ungleichbehandlung der Factiones hinaus. Es kann nicht sinnvoll sein, dass eine Factio ein Startgeld aushandelt und die andere nicht.
    Eine Frist für die letzte Abgabe der Einwilligung zum Vertragsabschluss gab es auch ohne Gesetz schon immer und sie ist unabdingbar für die Organisation einer Großveranstaltung."


    Beim nächsten Punkt hatte der Consul selbst noch nicht die perfekte Lösung gefunden. Er begann zunächst, die Situation darzulegen.
    "Der Grund, weswegen das Konzept nicht sogleich mit der Einladung verschickt werden kann, was ich für das Beste halte, ist die Tatsache, dass erst die Anzahl der teilnehmenden Fahrer bekannt sein muss, bevor das finale Konzept herausgegeben werden kann. Ich bin aber guter Dinge, dass wir gemeinsam eine Lösung für das Problem finden werden."

    Menecrates hörte zuerst zu, bevor er antwortete, und da es ihm wichtig erschien, fing er von hinten an.
    "Du hast richtig gehört, es gibt bald Wahlen. Leider stehst du genau einen Tag zu spät vor meiner Tür, sonst hätte ich deine Kandidatur gern entgegengenommen." Das knappe Verpassen erzeugte Mitgefühl beim Consul. "Insofern kann ich dir jetzt leider nicht weiterhelfen. Eine Möglichkeit wäre noch eine Vorsprache beim Augustus, wobei es dafür auch recht knapp ist. Du bräuchtest einen Termin, ob der Kaiser dich direkt nominiert, ist ungewiss, aber vor allem könntest du erst nach seiner Zustimmung mit dem Wahlkampf beginnen. Ich halte das nicht für unmöglich, aber er ist eine recht große Herausforderung."
    Menecrates förderte sehr gerne junge Männer, aber in diesem Fall waren seine Hände gebunden. Er konnte bestenfalls noch prüfen, ob die Voraussetzungen erfüllt waren.


    "Ich denke, jedem Senator ist der Name Vinicius ein Begriff, allerdings gibt oder gab es zwei namhafte Vertreter. Wer dein Vater ist, weiß ich nicht." Sofern es einer von beiden war, dann erfüllte der Bewerber zumindest eine der Kandidaturvoraussetzungen.

    Schneller als selbst gedacht stellte der Consul einen Gesetzentwurf zusammen, den er am nächsten Tag dem Senat präsentierte.


    "Werte Senatoren. Da ich ohnehin nicht schlafen konnte, habe ich die Nacht durchgearbeitet und kann euch bereits heute einen Entwurf zum angedachten Regelwerk präsentieren. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, er diente als Grundlage für die Diskussion. Für Vorschläge die Titulierung betreffend bin ich dankbar."



    Titel?


    § 1 Verträge bei Wagenrennen
    (1) Jedem Wagenrennen liegt mindestens ein Vertrag zweier Parteien zugrunde.
    (2) Parteien im Sinne des Vertrages sind der Ausrichter der Wagenrennen (im Folgenden Ausrichter genannt) sowie eine oder mehrere Factiones (im Folgenden Vertragspartner genannt).
    (3) Die Absicht zum Vertragsschluss kann von beiden Seiten in mündlicher oder schriftlicher Form abgegeben werden.


    § 2 Verpflichtung zur Leistung
    (1) Mit Versenden der Einladung verpflichtet sich der Ausrichter zur Leistung.
    (2) Die Leistung besteht in der Ausrichtung eines Wettkampfes in Wagenrennen.


    § 3 Bestimmung zur Leistung
    (1) Die Leistung wird durch den Ausrichter nach billigem Ermessen bestimmt.
    (2) Die Bestimmung erfolgt durch Erklärung gegenüber dem anderen Vertragsteil.


    § 4 Verpflichtung zur Offenlegung
    (1) Der Ausrichter ist verpflichtet, die Modalitäten des Wettkampfes offenzulegen. Dafür reicht ein auf Wunsch jederzeit einsehbares Konzept.
    (2) Das Konzept zum Rennablauf ist verbindlich.


    § 5 Erlöschen der Leistungspflicht
    (1) Der Ausrichter ist nicht mehr zur Leistung verpflichtet, wenn der Antrag zum Vertrag ihm gegenüber abgelehnt oder nicht fristgerecht angenommen wird.


    § 6 Bestimmung einer Annahmefrist
    (1) Die Frist zur Annahme ist Bestandteil des Vertrages.
    (2) Die Annahme des Vertrages kann nur innerhalb dieser Frist erfolgen.


    § 7 Verspätet zugegangene Annahmeerklärung
    (1) Ist eine dem Antragenden verspätet zugegangene Annahmeerklärung dergestalt abgesendet worden, dass sie bei regelmäßiger Beförderung ihm rechtzeitig zugegangen sein würde, und musste der Antragende dies erkennen, so hat er die Verspätung dem Annehmenden unverzüglich nach dem Empfang der Erklärung anzuzeigen, sofern es nicht schon vorher geschehen ist.
    (2) Verzögert er die Absendung der Anzeige, so gilt die Annahme als nicht verspätet.


    § 8 Annahme des Vertrages
    (1) Der Vertrag kommt durch die Annahme des Antrags zustande.
    (2) Eine Erklärung ist in mündlicher oder schriftlicher Form erforderlich.


    § 9 Abändernde Annahme
    (1) Eine Annahme unter Erweiterungen, Einschränkungen oder sonstigen Änderungen gilt als Ablehnung.


    § 10 Vertragsstrafe
    (1) Wird die vom Ausrichter geschuldete Leistung infolge eines Umstands, den er zu vertreten hat, unmöglich, wird ein Bußgeld fällig.
    (2) Erfolgen von Seiten des Vertragspartners nach dem Zustandekommen des Vertrages Erweiterungen, Einschränkungen oder sonstige Änderungen, wird der jeweilige Vertragspartner mit einem Startverbot beim nächsten Wettkampf belegt.
    (3) Der Vertragspartner haftet für seine Wagenlenker.

    Menecrates nickte bei der Namensvorstellung. "Das wäre erst einmal alles, Magrus. Ich rufe, wenn sich anderes ergibt."


    Anschließend wandte er sich dem Eintretenden zu.
    "Salve Vinicius. Ein sehr bekannter Name", sagte Menecrates und wies auf einen Sitzplatz, den der Besucher annehmen oder ausschlagen konnte. Ganz wie es ihm beleibte. "Mein Sklave hat mich unterrichtet, dass es bei deinem Besuch um den Cursus Honorum geht. Es gehört zu meinen Aufgaben, Anfragen entgegenzunehmen und es passte zeitlich auch recht gut. Was kann ich denn für dich tun?"

    In diesen Arbeitsraum zog sich Menecrates nur zurück, wenn er familiären oder anderweitig privaten Angelegenheiten nachging. Hier empfing er Morrigan, seinen Sekretär oder Familienmitgleider. So lange er Consul war, nutzte er für berufliche Zwecke das eigens dafür hergerichtete große Arbeitszimmer.


    "Curus Honorum? Das betrifft meine Amt. Magrus, führe den Besucher in das große Arbeitszimmer. Ich komme gleich nach."
    Den Namen des Besuchers prägte er sich ein.

    Die Sitzung währte schon eine Weile, als sich die Kanditenvorstellung dem Ende näherte. Auch dieser Kandidat wurde gemäß seines Losplatzes vom Consul aufgerufen und vorgestellt, ohne dass eine Ermüdung im Auftreten oder der Stimmfarbe bemerkbar gewesen wäre. Alle Kandidaten sollten zu weitgehend gleichen Bedingungen ihre Kandidaturrede halten können.


    "Als nächstes wird Galeo Claudius Gallus zu uns sprechen. Er kandidiert - wie alle anderen heute - für das Vigintivirat."

    Die Listen aller Kandidaten für die neue Legislaturperiode lagen vor, als die beiden Consuln über die Tage berieten, an denen sich die einzelnen Bewerber für die verschiedenen Ämter dem Senat präsentieren durften. Ihre Reihenfolge wurde ausgelost.
    Am für die Vigintiviri angesetzten Tag kündigte Menecrates einen Kandidaten nach dem anderen an.


    "Werte Senatoren, als nächstes stellt sich Caius Duccius Callistus vor."

    Der Consul ging als erstes auf Purgitius ein. Obwohl er gern schon zwischendurch richtiggestellt hätte, hörte er sich der Höflichkeit halber den gesamten Redebeitrag an, machte sich aber Notizen, um keinen Aspekt zu vergessen.


    "Senator Purgitius, ich erkenne anhand der bisherigen Redebeiträge, dass ich mich ganz offensichtlich nicht klar genug ausgedrückt habe. Wahrscheinlich hat mein Einstiegsbeitrag zu dieser Verwirrung geführt. Ich habe ihn aber bewusst gewählt, um meine eigene Recherche bestätigt zu sehen, dass wir mit Ausnahme der Marktkaufverträge nirgends allgemeine vertragliche Grundlagen festgehalten haben. Ich habe außerdem ursprünglich gedacht, es sei für Wagenrennen ausreichend, eine allgemeine gesetzliche Regelung für Verträge zu finden, aber noch während Senator Iulius gesprochen hat, habe ich meine eigene Intension korrigiert. Ich dachte, dass sei in meinem zweiten Beitrag klar geworden. Da dem nicht so ist, wiederhole ich gern noch einmal meine Stoßrichtung.


    Unsere Gesetze, so verstehe ich sie zumindest, sollen in erster Linie Orientierung geben und zwar für deren Einhaltung.
    Punkt eins: Ich habe diese Lücke in unserer Gesetzessammlung erkannt und möchte sie schließen, ABER - und das sagte ich zugegeben erst in meinem zweiten Beitrag - ausschließlich in Bezug auf Wagenrennen.
    Punkt zwei: Es geht mir NICHT um eine rechtliche Präzisierung des Vertragsbruchs. Das war nie meine Intension. Es geht mir um eine für ALLE Seiten verlässliche und nachlesbare Regelung. Das schließt natürlich die Pflichten eines Veranstalters ein. Ich nehme es als wertvolle Anregung auf, dass die Modalitäten der geplanten Rennen rechtzeitig vorab und in vollem Umfang zu veröffentlichen sind."


    Der Consul konzentrierte sich kurz auf Aurelius' Beitrag.
    "Ich denke auf deine ersten Anmerkungen muss ich nicht noch einmal eingehen. Ich habe bereits nach Senator Iulius erwähnt, dass Konsequenzen aus einem Vertragsbruch für den Veranstalter vor Ort völlig nutzlos sind. Er braucht Verlässlichkeit und sonst nichts. Trotzdem muss jedes Gesetz für den Fall einer Verletzung Konsequenzen aufzeigen, das ist unbestritten. Nur das steht nicht im Vordergrund.
    Der große Rest bezieht sich auf die Annahme, dass ich auf einen Vertrag und dessen Nichteinhaltung poche. Nur darum geht es mir nicht. Habe ich je in meinem ganzen Leben eine Klage eingereicht? Bin ich dafür bekannt, die Schuld stets bei anderen zu suchen? Ich denke nicht. Aber ich bin dafür bekannt, wenn etwas in die Binsen gegangen ist, nach den Fehlern zu suchen.


    Dabei scheue ich nicht zurück, eigene Fehler einzugestehen. Ich wollte partout zu diesen Spielen alle Factiones am Start sehen, nach dem Teilnahmedebakel während meines Wahlkampes. Und ich war leichtsinnig genug, die Anwesenheit aller factiolosen Fahrer auszunutzen, anstatt außerhalb der Ludi zu ergründen, wo man auf diese Fahrer treffen kann. Ich habe daraus gelernt und ich beabsichtige, im eigenen Interesse, ein Regelwerk auf die Beine zu stellen."


    Er hielt kurz inne, dann fuhr er fort. "Trotz allem …, wenn ein Ausrichter zum Improvisieren gezwungen ist, geht es sicherlich nicht, dass teilnehmende Fahrer die Ersatzmannschaft bestimmen. Das ist Sache der Rennleitung. Und dass auf dieses Ersatzteam nicht gewettet werden kann, ist denke ich auch klar, zumal der Praesinafahrer ja auch ausdrücklich außer Konkurrenz gestartet wäre."


    Der Consul resümierte und sah ein breites Interesse an einer Regelung für Wagenrennen.
    "Ich werde mich an einen Entwurf setzen und diesen vorstellen, sobald ich dazu komme. Allerdings wird es sowohl die Verpflichtungen des Veranstalters als auch die der teilnehmenden Factiones beinhalten. Eine einseitige Festschreibung bildet sicherlich keine gute Basis für die Zukunft."

    Menecrates wandte noch einmal den Kopf Richtung Tiberius, bevor der Protokollvortrag begann, denn eine Erwiderung schien ihm unumgänglich.


    "Es ist sogar von essentieller Bedeutung, ob die Christen führend waren oder nicht, denn wir suchen hier die Ursache des Aufstands, um genau dieser entgegenwirken zu können. Letztendlich müssen die Maßnahmen der Ursache genau angepasst sein, wenn sie Wirkung zeigen sollen."
    Anschließend setzte er sich zurecht und erwartete die Vorlesung.

    Einmal eingeführt, nahm der Consul keinen Anstoß mehr an der Protokollierung durch einen hinzugezogenen Sekretär. Im Laufe der Zeit wurde dieser sogar Bestandteil der Kommission und als solcher nicht mehr als Fremdkörper wahrgenommen. Der Consul schenkte ihm keine Beachtung, sondern konzentrierte sich auf die erste Wortmeldung. Der Vorschlag seines Quaestors kam ihm gelegen.


    "Die Reihenfolge halte ich für angebracht und ich befürworte eine Verlesung des gestrigen Protokolls. Die letzte Nacht lässt mich einiges anders sehen als es gestern noch der Fall war und ich möchte die festgestellten Ungereimtheiten selbst gern noch einmal mit den Aussagen abgleichen.
    Konkret zweifle ich die Bedeutung der Christen als Ursache bei diesem Aufstand an. Sie sind sicherlich beteiligt, so viel steht fest.
    Ich habe mir noch einmal die Parolen zu Gemüte geführt. Ihren Zusammenhang mit dem späteren Aufstand zweifelt - glaube ich - niemand an. Es hieß, 'uns hilft kein Gott'. Da die Christen aber nur einen Gott haben und dieser als allmächtig gilt, wie ich herausgefunden habe, klingt diese Aussage wie ein Verhöhnen des Gottes seiner Schwäche wegen. Gläubige Christen können das nicht verfasst haben. Ich glaube eher, dass die Verfasser der Parolen, in denen ich den Kern der Aufständischen vermute, keine Christen waren, zumindest keine gläubigen. Ich tendiere dazu, dass sich die Christen nur dem Aufstand angeschlossen haben."


    Es gab weitere strittige Punkte, aber der Consul beschloss, zunächst das Protokoll noch einmal anzuhören. Durchlesen und Anhören wirkte mitunter verschieden auf den Konsumenten.
    Er wartete, ob jemand ähnliche oder andere Zweifel oder auch eine Gegenmeinung äußerte, dann gab er das Zeichen für das Verlesen des Protokolls.

    Auch Menecrates' Nacht verlief alles andere als geruhsam. Er grübelte viel, stand auf, um sich Notizen zu machen, legte sich wieder schlafen, um dann doch kein Auge zuzumachen. Mit schmerzendem Kopf und griesgrämiger Laune erhob er sich am Morgen. Er ließ sich ankleiden, verweigerte das Frühstück und begab sich sofort in sein Arbeitszimmer. Hier befasste er sich mit den Notizen der Nacht, strich durch, schrieb dazu, während seine Stirn in Falten lag.


    Er arbeite bereits eine Weile und blickte mit steinerner Miene hoch, als Morrigan das Zimmer betrat. Mit ihr wollte er sich nicht lange aufhalten, denn das Vorbereiten der Sitzung am Vormittag besaß Priorität. Es fiel ihm schwer, von einem Thema zum anderen zu wechseln, aber er bemühte sich. Außerdem lag er gut in der Zeit und stand fast vor dem Abschluss der Vorbereitungen.


    "Morrigan." Er wischte sich über die Stirn und schob gleichsam die Eckpunkte des Sitzungseinstiegs fort. "Meine Entscheidung ist gefallen." Er legte mit Absicht eine Pause ein, damit das Gesagte nicht lapidar erschien. "Du kannst bis auf Weiteres in meinem Haus bleiben. Betrachte die nächsten Monate als Zeit der Bewährung. Verläuft sie problemlos, erwirbst du dir ein dauerhaftes Bleiberecht." Was er im Einzelnen erwartete, formulierte er nicht. Morrigan kannte die claudischen Regeln des Umgangs miteinander, sie wusste, worauf er Wert legte und was er verabscheute.


    "Halte dich heute noch einmal für eine Befragung bereit. Ob es dazu kommt, kann ich nicht im Vorfeld sagen, aber auf alle Fälle möchte ich nicht, dass du vor dem Sitzungsraum wartest. Bleib hier und lass dich nicht auf eine Befragung außerhalb der Kommissionstagung ein - sollte sich so etwas anbahnen."

    Das Hin und Her, die teils absurde Konstellation und Morrigans zunehmende Lockerheit färbten schließlich auf Menecrates ab. Wenn die Situation nicht so ernst wäre, würde er fast lachen können. Vielleicht lachte er auch in ein paar Wochen. Für heute zeigte er sich bereits mit einer spürbaren Entspannung zufrieden.


    "Das war gut", resümierte er und meinte das Gesamtgespräch, nicht nur den fehlerfreien Schwur. Eine Antwort stand noch aus. "Steinbruch und Praetorianer sind keine Option. Vielleicht für eine Christin, aber jetzt nicht mehr. Ich möchte trotzdem eine Nacht darüber schlafen." Häufig genug stellte sich am Morgen entweder Zweifel oder eine spürbare Sicherheit ein, wenn Tags zuvor noch Unklarheit herrschte. Durch den Aufschub konnte auch Morrigan ihre Grundhaltung ihrem Herrn gegenüber noch einmal überdenken. Menecrates wollte nicht handlungsunfähiger Zuschauer bei einem Spiel zwischen den Praetorianern und Morrigan sein. Doch ob die Schwarzen je aus seinem Lebensbereich verschwinden würden, wenn Morrigan blieb, bezweifelte der Consul.

    "Geh jetzt schlafen, wir sprechen morgen vor der Tagung noch einmal miteinander."

    Menecrates musste als Kind die Korrektheit mit der Muttermilch eingetrichtert bekommen haben, denn sie machte ihn Zeit seines Lebens aus. Manchmal besaß er zwar eine individuelle Auslegung von Korrektheit, aber das änderte nichts daran, dass er stur seinem Leitbild folgte. In dieser Sache artete die Korrektheit allerdings in Pingeligkeit aus.

    "Schwöre dem christlichem Gottesdienst ab.
    " Diese Aussage hatte Morrigan vergessen und der Claudier legte Wert darauf.
    Bei der zweiten Abwandlung seiner Vorlage horchte er positiv überrascht auf. Er hätte nie verlangt, dass Morrigan auf die römischen Götter schwor, weil er einen aufrichtigen Schwur wollte. Der soeben gehörte musste aufrichtig sein, denn sie wählte ihn von allein.


    Er zeigte sich zufrieden, bis auf eine winzige Kleinigkeit. "Ich würde den letzten Schwur gern noch einmal hören, wenn am Ende statt der Formulierung 'erlegen bin' ein 'erlegen war' stünde." In Erwartung stand er vor ihr und betrachtete sie.

    Gern hätte der Claudier erfahren, wie dieses Entsagen vonstatten ging, doch wieder blieb Morrigan in ihren Äußerungen allgemein. Langsam begann er daran zu zweifeln, ob sie überhaupt Einblicke in DAS besaß, von dem sie ihm Glauben machen wollte, dass sie es wusste.



    "Wir zelebrieren die Entsagung hier und jetzt",
    beschloss er kurzerhand, weil er so direkt beurteilen konnte, wie glaubhaft Morrigans Glaubenswechsel war. Er trat vor die Sklavin und blickte sie ernst an.


    "Schwöre oder sprich mir nach - je nachdem:


    Sagst du dem christlichen Gottglauben ab?


    Sagst du dem christlichen Gottesdienst ab?


    Sagst du allen christlichen Gotteswerken ab? Den Gehilfen oder Genossen dieses christlichen Gott..." Er kam ins Stocken, weil er nicht wusste, wie er das Ding bezeichnen sollte. "Gottgebildes?"



    Abschwören bedeutete, ein Niemand zu sein. Jeder Mensch brauchte einen Glauben, also musste sich Menecates mindestens einen weiteren Vers ausdenken.
    "Glaubst du an die Götter deines Volkes?"

    Menecrates verspürte nicht minder Verzweiflung mit Morrigan, denn er kannte sie, wusste, wie intelligent sie war und bemerkte teils ausweichende Antworten. Er zweifelte nicht daran, dass sie seine Fragen verstand. Zwar wusste er, die Angst trieb sie dazu, aber er konnte nicht einschätzen, wie weit Morrigan gehen würde. Außerdem fiel es ihm schwer, sich zu konzentrieren und analytisch zu denken.


    "Ich weiß es nicht, kann mir aber kaum vorstellen, dass Christen in ein Paradies kommen, wenn sie zuvor morden. Morrigan, deine Erklärungen stimmen teils vorne und hinten nicht." Vorwurf lag in seiner Stimme. Niemand musste vor ihm herumeiern. Besonders seine Familien und all diejenigen, die er unter seine Obhut genommen hatte, pflegte er zu beschützen. Eine Hemmschwelle für offene Worte durfte es eigentlich nicht geben.

    "Ich kann heute keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich werde dir morgen meine Entscheidung mitteilen. Du tust aber gut daran, dich umgehend von diesem abartigen Glauben loszusprechen. Wie geht eigentlich so eine Glaubensänderung vonstatten?"
    Morrigan musste es wissen, sie wechselte ja schon einmal und überprüfen würde Menecrates die Entsagung von diesem christlichen Geist auf jeden Fall.

    Der Consul antwortete direkt auf den Redebeitrag, weil er es für notwendig erachtete, den angeschobenen Sachverhalt besser darzustellen, bevor noch weitere Wortmeldungen in die nicht angestrebte Richtung gingen.


    "Mein Bestreben ist es nicht, eine Klage zu erleichtern, sondern eine Klage zu verhindern, weil sich die Vertragsparteien bereits bei Zustandekommen eines Vertrags darüber im Klaren sein sollen, welche Verpflichtungen sie eingehen. Bei einem schriftlichen Vertrag stellt sich diese Notwendigkeit nicht, wohl aber bei einem mündlichen.
    Trotzdem ist meine Eingangsfrage durch deine Antwort weitgehend geklärt. Danke."
    Immerhin hatte der Consul nichts übersehen, sah aber dennoch Handlungsbedarf.


    "Ich erwähnte eingangs einen gegebenen Anlass für meine Recherche. Wie sicherlich jedem bekannt, gab es bei den Ludi Palatini erhebliche Turbulenzen und da Wagenrennen ein häufig wiederkehrendes Ereignis sind, andererseits die Modalitäten offenbar nicht klar genug und insbesondere nirgends festgehalten sind, strebe ich eine für alle Seiten verlässliche und nachlesbare Regelung an. Es nützt einem Ausrichter rein gar nichts, wenn er bei einem Vertragsbruch im Nachhinein klagen kann. Alles was zählt, sind die stattfindenden Spiele und da muss es eine weitreichende Verlässlichkeit geben. Es nützt also sowohl dem Ausrichter als auch den teilnehmenden Factiones, wenn allen klar vor Augen steht, wann ein Vertrag zustandekommt, was er beinhaltet und ja, falls notwendig, welche Konsequenzen ein Vertragsbruch hat.


    Ich halte diese allgemeine Regelung auch deswegen für sinnvoll, weil ich es unpraktikabel finde, bei jedem Rennen mit jeder einzelnen Factio einen schriftlichen Vertrag zu schließen. Das ist bisher nicht üblich gewesen und kein erstrebenswertes Ziel, wie ich meine.
    Ich könnte mich einmal an einen solchen Entwurf setzen.


    Gibt es anderweitige Meinungen?"

    Als Menecrates nach Ablauf der Pause feststellte, dass er noch immer keine ausreichende Ordnung in seine Gedanken gebracht hatte, fasste er einen Entschluss. Er rief die Kommission zusammen und verkündete: "Ich breche an dieser Stelle die Arbeit für heute ab. Wir treffen uns morgen zu gleicher Stunde wie heute und setzen die Befragung fort bzw. beratschlagen über die nachfolgende Befragung der Varia. Ich wünsche einen guten Heimweg."
    An Tiberius gewandt fügte er an: "Ich regele meine Angelegenheiten am liebsten selbst, aber danke für dein Angebot." Es klang nicht unfreundlich, aber erschöpft.


    Morrigan entließ er nicht. Erst als alle Kommissionsmitglieder die Villa verlassen hatten, wandte er sich an sie. "Ich sehe dich in Kürze in meinem Arbeitszimmer." Dann verließ auch er das Tablinum.



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    Der Consul begann den neuen Tag etwas sortierter als der gestrige endete. Ein Gespräch und weitere Erkenntnis lagen hinter ihm. Morrigan sollte sich wieder bereithalten, aber sie sollte nicht vor dem Tablinum stehen. Damit wollte der Consul eine Befragung außerhalb des Sitzungsraumes vermeiden.


    "Ich begrüße euch", begann der Consul, als die Mitglieder Platz nahmen. "Wir haben zwei Punkte, an denen wir anknüpfen können. Der eine wäre ein Beschluss über die Befragung der Varia im Kerker und der andere wäre die Auswertung der gestrigen Erkenntnisse bzw. eine Fortsetzung der Befragung. Gibt es Vorschläge, womit wir beginnen?"

    Ein Gang durch das Atrium kam Menecrates entgegen. Er nickte zustimmend und deutete auf Magrus, der mit den Getränken bereitstand. "Möchtest du?" Während er auf Livianus' Entscheidung wartete, nahm er sich vor, bei nächster Gelegenheit den jungen Sklaven für seine Fleißigkeit der letzten Wochen zu belohnen. Er achtete ansonsten nicht auf seine Sklaven, aber wenn einer verhältnismäßig oft unter seine Augen trat, merkte er sich dessen Gesicht.


    Nachdem die Erfrischungsfrage geklärt war, ging Menecrates auf die Frage seines Gastes ein. "Es läuft gut, wenn ich von den großen Ludi einmal absehe. Vor allem aber ist es sehr arbeitsintensiv, aber wem sage ich das." Livianus konnte er kaum Neues erzählen, was das Amt ansich betraf.
    Sein Arm wies Richtung Säulengang und er setzte sich in Bewegung.


    "Ich betrachte es als gutes Zeichen, dass du wieder in Rom bist", begann er seine Ausführungen. "Mein Beileid übrigens, ich hatte es bisher nicht entrichten können." In der Tat starb Livianus' Ehefrau kurz bevor sich Menecrates wieder in die Öffentlichkeit begab und im Anschluss daran war der Decimer verreist.


    "Angefangen bei meinem Consulat bis hin zur letzten Amtszeit als Praetor oder einigen Sitzungen im Senat gab es mehrere Situationen, in denen dein Wissen für mich von Nutzen gewesen wäre und ich gern auf deine Mitarbeit gezählt hätte. So auch aktuell." Er warf einen Blick auf seinen Gast, während er weiterschlenderte. "Wie würdest du einer Berufung in eine Ermittlungskommission gegenüberstehen? Einzelne Senatoren sind ausgefallen. Aufgabe des Ausschusses ist es, die Ursachen des Sklavenaufstandes zu ermitteln. Es gäbe Protokolle, mit denen du dich auf den neuesten Stand bringen könntest."

    "Patres Conscripti!


    Aus gegebenem Anlass habe ich mir die Mühe gemacht und unsere gesamte Gesetzessammlung zu Gemüte geführt. Ich war auf der Suche nach einer Regelung im Fall von Vertragsbruch. Gefunden habe ich fast jedes erdenkliche Delikt, aber zum Thema Vertrag einzig die Definition eines KAUF-Vertrages - zu finden in unserer Lex Mercatus. Dort gehört sie auch hin, aber es gibt im gesellschaftlichen Leben weit mehr Verträge, die mündlich oder schriftlich geschlossen werden und allenfalls nur bedingt mit einer Marktware zu tun haben.


    Wenn ihr mich auf eine gesetzliche Regelung hinweisen könnt, die ich am späten Abend übersehen habe, hat sich diese Diskussion vermutlich schnell erledigt. Sollte sich jedoch das Ergebnis meiner ersten Sichtung bestätigen, strebe ich eine Gesetzeserweiterung an, die Verträge im Allgemeinen, deren Verletzung und einen Schadensersatz regelt."
    Der Consul hielt sich nicht für einen Übermenschen und auch nicht für unfehlbar. Viele Augen sahen mehr als zwei, also stellte er die Thematik zunächst in ihrer Ursprungsfrage zur Diskussion.

    Menecrates' Tage wurden länger und die Nächte kürzer. Das lag nicht an der veränderten Sonneneinstrahlung, sondern an einem nicht enden wollenden Aufgabenberg und zusätzlich aufgetretenen Komplikationen. Sei es bei den Spielen gewesen oder im Zuge der Kommissionsarbeit. Der Consul dachte über Gesetzesänderungen oder -ergänzungen nach, obwohl er das keineswegs vorhatte. In Gedanken bei Paragraphen und gänzlich versunken wäre er fast mit seinem Sekretär zusammengestoßen, als er in sein Arbeitszimmer wollte.


    "Faustus, hast du mich erschreckt", entfuhr es ihm, aber er lachte sofort. "Ach, warte mal. Ich wollte ohnehin etwas mit dir besprechen. Ich plane, mit der Factio Aurata ein Trainingsrennen vor den nächsten Wettkämpfen durchzuführen. Im Falle der Aurata, und da Livianus jetzt wieder in Rom weilt, möchte ich keine schriftliche Einladung versenden. Bitte richte es zeitnah ein, den Dominus der Factio, Decimus Livianus, in seinem Privathaus aufzusuchen. Du weißt ja sicherlich noch, wie erfolgreich wir in der Praesina waren, als wir den Dominus auf dem Factiogelände erreichen wollten." Inzwischen grinste Menecrates, damals fand er es weniger lustig.
    "Decimus Livianus ist ein Freund der Familie. Mein Sohn füllt jetzt sogar seine Reihen." Er fand den Hinweis wichtig, da Faustus sicherlich sonst durch die Erfahrung der letzten Wochen gegenüber dem Dominus der Aurata erheblich unterkühlt aufgetreten wäre. Bei Livianus stellte sich jedoch vieles anders dar.
    "Unseretwegen könnte das Trainingsrennen am Folgetag deines Besuches stattfinden."