Ein weiteres Mädchen traf ein. Auf ihrem Teller lagen knusprig gebratene Schenkelchen von Singvögeln. Wachteleier zierten den Tellerrand und in Teigkruste gebackene Gemüsesticks bildeten eine abwechslungsreiche Mitte. Die Sklavin stand nah genug beim Gast, damit der ihre Speisen vorab in Augenschein nehmen konnte, aber weit genug entfernt, um sich nicht bedrängt zu fühlen.
Menecrates verfolgte die Hinweise zu den Rennprämien und nickte Faustus zu. Über die Höhe würden sich die beiden noch separat unterhalten müssen. Eine Idee der besonderen Art kam dem Claudier aber schon jetzt. Sonderlich verwundert, dass ein Wettkampf ohne Prämien nicht ging, zeigte er sich nicht. Das materielle Denken der Menschen nahm beständig zu. Für Ruhm und Ehre raffte sich kaum noch jemand auf, obwohl die Lenker ja auch an Ansehen gewannen, wenn sie sich der Menge in guter Verfassung zeigten.
"Es leuchtet mir ein, dass Preise einen größeren Anreiz schaffen, aber du meinst, die Erwartungen oder Forderungen könnten bei mir größer sein, als bei einem Wettkampf zu Ehren einer Gottheit? Bitte nicht falsch verstehen, ich vergleiche mich nicht mit einer Gottheit." Er hob abwehrend die Hände und lächelte. "Aber um ehrlich zu sein, war ich naiv genug gewesen, um mit keinerlei Forderungen oder Erwartungshaltung gerechnet zu haben." Wie gut, dass er mit Macer sprach und nicht mit einem geschäftsverliebten Factiovorsitzenden.
Sie wechselten wieder das Thema. Eines, das Menecrates nachhaltig beschäftigte. "Sicherlich habe ich mehrere Beweggründe, weswegen ich die innere Sicherheit zu meinem zentralen Wahlkampfthema gemacht habe. Da wäre einmal meine Überzeugung, dass ein Reich nur dann die äußeren Grenzen sicher halten kann, wenn die Sicherheit im Innern gewährleistet ist.
Die Unruhen nach den Spielen sind auch nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite stellt der sorglose Umgang mit den Hinweisen im Vorfeld der Spiele dar. Ich höchst persönlich habe weder in den Parolen noch in den verübten Gewaltverbrechen Größe der Bedrohungslage erkannt. Ich habe angenommen, die Stadteinheiten werden es richten und bin zur Tagesordnung eines Praetors übergegangen. Und das, obwohl ich militärisch geschult bin und als Magistrat zudem eine besondere Verantwortung für unser Reich trage. Auf wen sollen sich die Bürger verlassen, wenn nicht auf uns? Nenne diesen Beweggrund persönliche Wiedergutmachung, wenn du möchtest."
Er nahm sich einen Gemüsestick und merkte nicht, dass er ihn wie einen Dirigentenstab benutze, während er weitersprach.
"Wir wähnen uns in Sicherheit, selbst dann, wenn die Anzeichen auf Sturm stehen. Mir ist, um ehrlich zu sein, nicht aufgefallen, dass unsere Stadteinheiten nach den ersten Anzeichen vermehrt patrouilliert wären. Und ich kann darüber eine Aussage treffen, weil die Basilica - als mein damaliger Arbeitsort - weitgehend zentral liegt. Ich hörte auch, dass die Zusammenarbeit unserer Stadteinheiten optimiert werden könnte. Dennoch werde ich nicht nach Fehlern suchen, sondern einzig nach Verbesserungen. Ich möchte Rom voranbringen und nicht kritisieren, denn dann müsste ich zuerst bei mir selbst anfangen." Er wiegte einsichtig den Kopf, bevor er fortfuhr.
"Richtig ist aber auch, dass persönlich Erlebtes der entscheidende Auslöser ist. Ich befand mich beim Ausbruch der Unruhen auf den Zuschauerrängen. Ich schwebte in Gefahr und eine meiner Enkelinnen sogar in Todesgefahr. Meine minderjährige Nichte ist heute noch durch den Anblick eines getöteten Mannes traumatisiert. Ein Anwesen in meiner Nachbarschaft wurde abgebrannt und die Bewohner wurden umgebracht. Es hätte auch mein Haus sein können. Ich denke…" Er machte eine Pause, um seine nachfolgenden Worte zu betonen. "Es gibt kein Thema, dass die Menschen derzeit mehr beschäftigt. Wir sollten ihre Sorgen ernst nehmen. Ich möchte sie aufgreifen, möchte all das tun, was Menschen tun können, und darüber hinaus alles, um die größtmögliche Unterstützung durch die Götter zu erhalten."
Erst jetzt biss er ein Stück des Gemüses ab. Gedankenverloren kaute er. Sein früheres Ziel beruflicher Natur stellte das Kommando einer Legion dar. Heute wollte er nach Höherem greifen. Ihm schien ein Consulat unter der Flagge 'Sicherheit' als este Voraussetzung, um sich für ein hohes militärisches Amt zu empfehlen. Das erstrebenswerteste Amt aus seiner Sicht. Bisher hatte er mit keinem darüber gesprochen, nur beim Kaiser hatte er es anklingen lassen.