Durch den dämpfenden Schleier ihrer Gedanken hindurch hörte sie ein Rascheln und dann einige wenige Schritte. Maximian näherte sich ihr; und verwundert sah sie auf. Er stand nun vor ihr, sah sie bitter an und hob seine Hand wie in Zeitlupe, um sie zu berühren und zu sich hoch zu ziehen. Sie war viel zu verwirrt, um etwas dazu zu sagen oder sich auch nur entgegengesetz dem zu bewegen, was er nun wollte. So stand sie auf, zitternd, zaghaft. Er stand so nah vor ihr, sah sie an und schien ihr auf den tiefsten Grund ihrer Seele zu blicken.
In Valerias Augen stand eine ungläubige Verzweiflung geschrieben, gepaart mit aufkeimender Hoffnung. Doch es konnte nicht sein, er liebte nicht sie, sondern eine andere. Sie senkte den Blick und brach damit den Kontakt zu seinen wunderbaren, blauen Augen. Sie wollte sich abwenden, sich wieder setzen und in ihrer Decke verkriechen, konnte er ihr doch nicht geben, wonach ihr Herz sich so sehr sehnte. Doch sie konnte sich nicht bewegen, war wie gelähmt und zugleich von einer inneren Unruhe befallen, die sich nach außen hin in einem unmerklichen Zittern ihres ganzen Körpers niederschlug.
Sie blickte auf sein Brust, fühlte, wie er ihre Hand noch immer hielt, sanft streichelte. Und dann führte er sie zu seiner Brust, um sie direkt auf sein Herz zu legen. Valerias Blick folgte der Bewegung. Ungläubig und bitter zugleich starrte sie auf die Hand, die nun auf seinem Herzen ruhte. Sie schien sie höhnisch anzustarren, zu flüstern, dass der Moment auch vergehen würde und sie ihre Hand würde zurückziehen müssen, ohne mehr als eine Erinnerung an Maximians Herz zu haben. Denn eine andere hielt es in ihren Händen.
Er wanderte ihren Arm entlang, verringerte noch einmal den Abstand zu ihr, gelangte schließlich an ihre Wange und verhielt dort nur einen Moment, ehe sie sachte über ihre Haut strich. Valeria zitterte, musste schlucken und sah Maximian nun direkt an. Er war ein Stückchen größer als sie, daher musste sie den Kopf leicht in den Nacken legen. Ihr Herz pochte wie wild, pumpte Unmengen von Adrenalin durch ihren Körper. Doch dies alles wurde überschattet von der Stimme, die zwar wisperte, doch immer eindringlicher in ihren Verstand flüsterte, dass es so nicht stimmte. Dass es nicht stimmen konnte, was nun geschehen würde.
Maximian schloss die Augen. Seine Hand fand den Weg in ihren Nacken, fuhr dabei sanft durch ihre Haare und flüsterte einige wenige Worte, die Valeria nun stärker zittern ließen als jemals zuvor in seiner Gegenwart. Sie schloss nun ebenfalls die Augen, erwartungsvoll und ängstlich zugleich.
Und dann küsste er sie.
Sie spürte seine warmen, weichen Lippen auf den ihren, spürte, wie er sie näher zu sich heranzog. Sie würde auf der Stelle vergehen, wenn sie auch nur einen einzigen weiteren Moment hier stand und fühlte, was sie nun fühlte, das wusste sie einfach. Ihr war, als schwebe sie, so wunderbar war das Gefühl, das jede einzelne Faser ihres Körpers durchströmte. Und eben dieses Gefühl, das sie von den Beinen zu reißen schien, spülte auch die Gedanken hinfort, die sich um die Fremde drehten und um Maximians Gefühle zu ihr. In diesem Moment lebte sie nur für ihn, um ihn zu küssen und um seine Nähe zu spüren. Und da war sie mit einem Mal, die Geborgenheit, die sie so schmerzlich vermisst hatte.
Valerias Arme fanden wie von selbst den Weg an Maximians Oberkörper herauf und um seinen Kopf herum. Sie umarmte ihn, erwiderte sanft seinen Kuss, der der erste richtige Kuss in ihrem Leben war.
Doch dann setzte das Denken wieder ein; und Valeria öffnete die Augen, sah was sie dort tat. Sie löste ihre Lippen von den seinen, sah ihn erschrocken an. Dieser Mann liebte eine andere Frau. Es war unrecht, was sie da tat. Das herz klopfte ihr bis zum Hals, der wunderbare Moment war verflogen und sie sah ihn nun unendlich traurig an, ehe sie den Blick senkte.
"Julia", war alles, was sie sagte, wie sie so vor ihm stand und vor ihm auf den Boden blickte. Sie musste sich sehr anstregngen, um die Tränen zurückzuhalten, die nun wieder kommen wollten.