Beiträge von Decima Valeria

    Als Maximian aufstand, rutschte Valerias Hand an seinem Rücken hinunter und die andere entglitt der Umarmung seiner beiden Hände. Sie nahm sie zurück und schlang die Arme nun wieder fest um ihre Beine herum. Die Stirn legte sie auf die Knie. Sie konnte so nicht sehen, wie Maximian am Fenster stand und hinaussah. Sie konnte nicht sehen, wie er sich wieder umwandte und sie ansah. Und seine Verzweiflung sah sie auch nicht.


    Valeria dachte nach. Es war falsch gewesen. Alles. Sie hätte sich nicht von ihren Gefühlen übermannen lassen sollen, draußen im Wald. Sie hätte nicht seine Hand halten sollen, hätte sich nicht neben ihn legen sollen, selbst als er es wollte. Sie würde vermeiden, ihn zu berühren, ja, das wollte sie versuchen. Und sie wollte nicht mehr über ihre Gefühle reden, waren sie doch eh offensichtlich genug. Sie würde sich zurückziehen in ihr Schneckenhaus. Ganz so, wie sie es getan hatte, als sie von der Krankheit ihrer Mutter erfahren hatte.


    Sie weinte nicht. Sie hockte nur da, angespannt, verzweifelt, in sich gekehrt. Der Wein wurde langsam kalt, das Licht hatte sich so weit zurückgezogen, dass es nun mehr düster im Zimmer war. Valeria war es gleich. Die Stimmung passte zu ihrem Befinden. Sie atmete ruhig und gleichmäßig, den Kopf ließ sie gesenkt. Was sollte sie auch tun? Was sagen? Bisher war alles seit dem Aufwachen töricht und schmerzlich gewesen.

    "Ich danke dir und auch den anderen, die mich ebenso freundlich empfangen haben bisher. Nun, ich denke, dass ich noch einmal nach Rom zurückreisen werde, um....um ihr beizustehen", meinte Valeria und schluckte.


    Sie sah ihren Vater noch eine Weile an. Sie fühlte sich nicht so, als wäre sie nach einer langen, weitern Reise heimgekehrt. Und sie fühlte sich auch nicht so, wie man sich fühlen sollte, wenn man seinem Vater das erste Mal bewusst gegenübersteht.

    Valeria lächelte schief.


    "Danke", murmelte sie.
    "Ich komme, um zu berichten, dass es Mutter sehr schlecht geht. Sie wird sterben, Praetorianus. Ich...wollte nur, dass du es weißt. Ich habe niemanden außer ihr...und dir. Es tut mir leid, dass ich dich erst jetzt aufsuche."


    Sie lächelte etwas traurig. Wie mochte es wohl aussehen für ihn? Sie tauchte einfach auf und nannte ihn ihren Vater. Sie überbrachte eine schlechte Nachricht und bat ihn zugleich indirekt, sie in der Casa aufzunehmen, wenn ihre Mutter....
    Nun ja.

    Nicht? Was nicht? Nicht reden? Nicht davon reden? Ihn nicht berühren, nicht ansehen? Ihn nicht....nicht lieben? Sie konnte nicht anders. Ihre Hand zitterte sacht, ihre Beine waren noch immer an den Körper gezogen, doch ihr Herz klopfte wie irr von innen gegen ihren Brustkorb und schien herausspringen zu wollen. Sie sah ihn an, wie er noch immer gen Boden sah, leicht vorgebeugt und wohl in innerem Streit mich sich selbst verstrickt. Sie beugte sich nun ebenfalls vor, hob die andere Hand und legte sie vorsichtig auf seinen lädierten Rücken. Sie legte sie nur hin, streichelte nicht und bewegte sich selbst auch kein Stückchen mehr, nachdem sie die Hand dorthin gelegt hatte. Valeria sah ihn noch immer an. Mitfühlend, liebevoll. Sie versuchte sich vorzustellen, was in ihm vorgehen mochte. Dachte er wieder an die andere?


    "Max....was ist mit dir...." flüsterte Valeria leise. Ihre Stimme wurde von Donnergrollen und hellen Blitzen untermalt.

    Na, das war ja eine schöne Bescherung.... Valeria blinzelte und seufzte.


    "Nun, sie lebt in Rom. Sie ist Geburtshelferin dort. Sie hat...lange blonde Haare, ist schmal. Du erinnerst dich wirklich nicht?"


    Sie wartete noch einen Moment, ehe sie ihm sagte, wer sie war.


    "Ich bin ihre Tochter...und die deine", sagte sie leise und wartete seine Reaktion ab.

    Valeria trat ein. So also sah er nun aus....ihr Vater. Sie sah ihn genau an, druckste etwas herum, ehe sie begann zu reden.


    "Salve, Praetorianus. Ich....ehm.... Nun, wie soll ich sagen. Ich komme, um dir zu berichten, dass meine Mutter im Sterben liegt. Ich...bin Valeria. Meine Mutter heißt Sabina Hestia. Vielleicht sagt dir der Name noch etwas..."

    Er sah sie an. Valeria schien in seinen blauen Augen zu versinken, wo wie er sie ansah. Ihr Blick huschte zwischen seinen Augen hin und her, versuchte, eine Gefühlsregung zu erkennen. Und Valeria erkannte sie. Zärtlichkeit. Nicht so viel, dass sie gleich aufgeatmet hätte, doch auch nicht so wenig, dass sie sich vollends in die dukelste Ecke ihres Bewusstseins zurückziehen musste. Sie lächelte leicht gequält und wollte die Hand von seiner nehmen, als er sie festhielt und ihr sogar noch die Hand des gebrochenen Arms auflegte. Valeria sog leicht du Luft ein und sah ihn mit gemischten Gefühlen an. Was war nun? Warum tat er das? Sie versuchte, in seinem Gesicht die Antwort zu finden, doch sie fand sie nicht. Er sah zu Boden, schien nachdenklich. Aber worüber dachte er nach? Dachte er wieder an seine Liebste? Nun senkte auch Valeria den Blick und unterdrückte die Tränen, die wieder aufsteigen wollten.


    "Maximian......." murmelte sie.
    "Ich.....ich...wir sollten nicht....ich will nicht...mich aufdrängen...und...."

    Lachte er über sie? Lachte er sie aus? Valerias Augenbrauen zogen sich fragend zusammen, doch da lächelte er sie auch schon an. Undglücklich. Aber warum? Sie lauschte mit schräg gehaltenem Kopf seinen Worten und stimmte innerlich zu. Ja, sie hatte es nicht wissen können. Sie hatte es nur erahnen können. Welcher gut aussehende Mann hatte keine Frau, die ihn begehrte? Und Maximian sah gut aus. Noch obendrein hatte er Humor. Er war kurzum ganz das, was sie sich wünschte.


    Doch sie würde ihn nicht bekommen, das wusste sie mit beinahe unerschütterlicher Klarheit. Sie blickte zum Bett und seufzte tief. Ihre Augen fanden einen Punkt, der irgendwo zwischen dem Hier und Jetzt und der Dämmerung lag. Sie hatte es ihm nicht direkt gesagt. Hatte ihm nicht gesagt, dass sie ihn liebte. Nun, es musste auch so nur allzu offensichtlich sein. Sie seufzte abermals und straffte sich etwas. Dann sah sie ihn wieder an.


    Sie wollte es eigentlich gar nicht wissen. Valeria wusste, dass sie sich damit nur selbst Schmerzen zufügen würde, doch...wer war diese Julia? Eine Germanin, hatte er gesagt. Und dass sie sich in Rom kennengelernt hatten. Aber was für ein Mensch war sie? Sie suchte in seinen Augen nach einer Antwort auf diese Frage, fand aber keine. Und laut fragen wollte sie nicht.


    So bettete sie ihren kopf wieder auf die Knie und schloss die Augen. Ihr Haar begann nun langsam, wieder zu trocknen. Sie bildeten leichte, goldblonde Locken, die sanft ihr Gesicht umspielten.


    Valeria wollte gerade etwas sagen, als es draußen einen Schlag tat, als hätte Zeus selbst seine Peitsche knallen lassen. Die junge Decima riss erschrocken die Augen auf und griff blitzschnell nach einer Hand Maximians. Ihr Herz pochte wild und sie sah panisch aus dem Fenster. Ein greller Blitz zuckte über den Himmel. Dann erst sah sie zu Maximian herüber und sah ihre Hand in der seinen.


    "Ich...hab Angst.." flüsterte sie entschuldigend, wollte aber dennoch die Hand wegziehen.

    Valeria sah, wie er sich neben sie setzte und grübelte. Sie blickte an ihm vorbei aus dem Fenster. Draußen regnete es junge Hunde. Valeria seufzte leise, stellte den Becher weg und zog die Beine an den Körper. Sie schlang die Arme um sie herum und kuschelte sich in die Decke ein. Ihr ging es langsam wieder besser. Den Kopf bettete sie seitlich und zu Maximian gedreht auf die Knie. Aufmerksam beobachtete sie ihn.


    "Doch, ich war es. Ich hätte wissen müssen, dass du...." Sie schluckte, wartete noch einen Moment, ehe sie neu ansetzte.
    "Bei diesem Wetter kommen wir nicht nach Hause."


    Sie verfiel in etwas Unverfängliches; und als ob das Wetter ihre Worte unterstreichen wollte, zuckte nun ein Blitz vom Himmel, der die künstliche Nacht dort draußen zum Tage machte. Erschrocken sah sie nach draußen.
    Valeria hasste Gewitter. Sie machten ihr Angst.

    Es brauchte eine Weile, ehe Maximian sich von Bett erhob und scheinbar schweren Herzens zu ihr kam. Sie hielt ihm den Becher noch immer entgegen, auch, als er noch einmal einen Moment verstreichen ließ, ehe er schließlich die Hand hob und nach dem Becher griff. Es war, als bekäme sie einen elekrischen Schlag, als seine Finger die ihren berührten und diese Berührung länger als nötig aushielten. Valeria sah zu ihm auf, leicht verblüfft und doch wieder etwas hoffnungsvoller als kurz zuvor. Dennoch verstand sie es nicht. Oder doch.....er musste diese Julia wirklich sehr lieben. Doch sie selbst schien ihm auch etwas zu bedeuten, und wenn es nicht viel war.


    Er wandte sich ab, trank in langsamen Schlucken und reichte ihr dann den Becher zurück. Valeria spürte bereits die Wirkung des heißen Alkohols. Sie musste aufpassen. Nun, da Maximian ihr den Becher zurück gab, hob auch sie die Hand und nahm ihm den Becher ab. Dabei wiederholte sie das gleiche Spiel, das er zuvor mit ihr gespielt hatte. Ihre Finger schlossen sich um den Becher, berührten dabei seine Finger sachte und zärtlich, aber auch ziemlich schüchtern. Sie wollte es nicht, sie wollte sich selbst nicht diesen Schmerz zufügen und sie wollte ihn auch nicht verletzen. Sie beabsichtigte nicht, sich zwischen ihn und eine andere zu drängen. Doch....so sehr sie es auch versuchte, sie sehnte sich immer mehr nach seiner Nähe.


    Zaghaft sah sie zu ihm auf. Auch sie machte diese Stille schier verrückt. Sie musste etwas dagegen tun. Neben ihr stand noch ein freier Korbsessel. Würde er sich setzen? Oder würde er sich wieder in sicherer Entfernung auf dem Bett niederlassen? Sie sah kurz zu dem freien Sessel hinüber, senkte dann den Blick und murmelte:


    "Ja...gut...."


    Dann seufzte sie, ließ die Schultern hängen und blickte weiterhin zu Boden.


    "Verzeih mir. Ich war töricht."

    Valeria ließ alles stumm mit sich geschen und kam langsam wieder aus der Versenkung hervor.
    Als Mummia ihr den Becher mit der heißen Flüssigkeit reichte, nahm sie ihn ihr ab und lächelte ganz leicht, als Zeichen der Dankbarkeit. Sie hatte aus den Augenwinkeln gesehen, wie Maximian sich aufs Bett gesetzt hatte. Es schien ihm auch nicht sonderlich gut zu gehen. Lag das an ihrem Gespräch? An ihr? Oder dachte er nur wieder an..an..an sie?


    Valeria seufzte leise, ließ sich warmrubbeln, antwortete aber nicht auf Mummias Frage nach einem Bad. Doch als diese nun zu Maximian schritt und so unfreundlich mit ihm redete, blinzelte Valeria mehrmals und wandte den Kopf. Sie hob die Hand, obwohl sie die Bäuerin nicht erreichen konnte, und sagte leise und unendlich müde:


    "Lass gut sein, Mummia."


    Dann blickte sie die alte Frau nur traurig an. Mummia wandte sich um, sah Valeria verblüfft an und zuckte schließlich die Schultern, Sie murmelte etwas von 'jungen Leuten, die sie einfach nicht verstand' und verließ dann recht schnell das Zimmer. Hinter sich schloss sie die Tür und Maximian und Valeria waren wieder allein.


    Valeria schluckte, doch diesmal verschwand der Kloß aus ihrem Hals nicht. Um Zeit zu schinden, nahm sie immer wieder kleine Schlucke des Tees in ihrem Becher. Schließlich sah sie doch zu Maximian hinüber, eine ganze Weile später erst, nachdem Mummia gegangen war. Traurig versuchte sie ein Lächeln. Wie sollten sie denn das Verhältnis zueinander jemals wieder aufbauen?
    Dann kam ihr eine Idee. Sie streckte die Hand mit dem Becher aus und legte den Kopf schief.


    "Wenn du möchtest..." murmelte sie.

    Es tat so gut, ihn zu spüren, seine warme Haut zu berühren, seinen Duft zu atmen.... Valeria seufzte leise auf.
    Und dann, dann fühlte sie sich, als wohnten alle Ameisen dieser Welt in ihrem Körper, so sehr kribbelte es in ihren Händen, ihrer Brust, ihren Beinen, ihrem ganzen Körper, als Maximian sich entspannte und sein Gesicht in ihren Haaren verbarg. Sie fühlte sich unbeschreiblich. Und er schien sich in diesem Moment zum ersten Mal seit dem Unfall richtig zu entspannen. Leicht zuckte sie zusammen, als er sie nun ebenfalls umarmte und ihr langsam näher kam. Seine Nase berührte die ihre. Valeria war wie elektrisiert. Hatte sie ihn eben noch verträumt angesehen, schloss sie nun die Augen. Eine jähe Erwartung keimte in ihr auf. Ein Kuss...nichts wünschte sie sich in diesem Moment sehnlicher. Ihr Herz pochte so laut und kräftig, dass sie glaubte, man könnte es noch draußen vor dem Stall hören.


    Und dann, in dem Augenblick, in dem ihr Herz schier zu zerreißen schien, spürte sie seinen warmen Atem nicht mehr im Gesicht und er ließ sie los. Valeria öffnete sie Augen, sah ihn stumm an. Der Zauber des Augenblicks verflog schlagartig. Er sah sie an, verwirrt, ungläubig - verzweifelt? In Valerias Augen hingegen war eine stumme Resignation zu erkennen, Sie ließ die Arme sinken, die Schultern hängen und lauschte einfach nur stumm seiner Entschuldigung. Sie bekam es nicht einmal mehr hin, zu nicken, sondern sah ihn nur unendlich traurig an.


    Maxmian wandte sich um, taumelte zur Tür. Er zog sie auf, blieb noch einen Moment in ihr stehen, als müsste er Kraft schöpfen für seine nächsten Worten. Die junge Decima blieb wo sie war. Sie wollte ihn zurückhalten, wollte ihm sagen, dass er in seinem Zustand gar nicht reiten konnte. Doch sie war wie gelähmt. Sie konnte nur seinen Rücken anstarren. In diesem Moment fühlte sie....nichts...
    Nur abgrundtiefe Trauer...und diese schreckliche Resignation.


    Er ging. Sie blieb allein, ballte kraftlos die Hände zu Fäusten und hielt den Kopf gesenkt. Tränen schüttelten ihren zierlichen Körper. Sie konnte nicht verstehen, wieso sie das alles getan hatte, wieso sie sich in ihn - ausgerechnet in ihn! - verliebt hatte. Valeria zitterte und sackte in sich zusammen. Sie griff hilflos nach dem Fass, auf dem Maximian vorhin gesessen hatte, und glitt langsam und laut ausschluchzend daran hinab. Das Gesicht an das dunkle, morsche Holz gepresst, weinte sie all ihren Schmerz und ihren Kummer hinaus.



    Nach einer Ewigkeit, wie es ihr schien, trocknete sie ihre Tränen und zog sich am Fass empor. Sie zitterte wie Espenlaub und ihr war elend zumute. An der Wand entlang taumelte sie nach draußen. Wenigstens passte ihre Stimmung nun zum Wetter: es hatte sich zugezogen und in der Ferne rollte ein Gewitter heran. Langsam machte sich Valeria auf den Weg zum Haus. Auf halbem Wege begann es dann auch zu regnen, doch Valeria beschleunigte ihren Schritt nicht, sondern verlangsamte ihn sogar noch, bis sie schließlich stehen blieb. Ein Blitz zuckte in der Ferne vom Himmel, gefolgt von mächtigem Donnergrollen. Es goss aus Kübeln. Und Valeria mitten drin.


    Sie war schon ganz durchnässt, als die Tür des Hauses aufging und Mummia heraus trat.
    'Kind, was tust du da? Komm herein, du holst dir noch den Tod da draußen!' rief sie und bugsierte Valeria kurzerhand ins Haus. Sie schob sie sanft in das Zimmer, in dem Maximian sich nun auch wieder aufhielt, legte ihr eine Decke um die Schultern und drückte sie mütterlich in einen Korbsessel nahe des Fensters. Valeria ließ alles willenlos mit sich geschehen. Sie sagte nichts, sondern starrte nur beinahe apathisch vor sich hin und vermied es, Maximian anzusehen.


    'Du bleibst erst einmal hier und wärmst dich ein bisschen auf. Ich mache dir etwas Wein heiß und bin dann gleich zurück!' befahl Mummia und rauschte aus dem Zimmer, nicht ohne Maximian noch einen 'siehst du, was du angerichtet hast'-Blick zuzuwerfen.


    Da saß sie nun. Das Haar klebte nass an ihrem Gesicht. Die Decke hatte sie um die Schultern geschlungen. Ihr Blick war weit entfernt und scheinbar war sie gar nicht anwesend, sondern ganz wo anders.

    Valerias Herz schlug bis zum hals hinauf, als er sich ihr näherte, immer weiter und weiter....ehe er sie schließlich sanft auf die Wange küsste. Sie zitterte, unter seiner Berührung noch mehr als zuvor. Wie er sie so ansah, berührte..... Sie schloss die Augen und würde auf der Stelle vergehen. Doch auch als er ihre andere Wange küsste, war sie noch an Ort und Stelle, wenn sie auch zitterte wie Espenlaub und sich hundeelend fühlte. Denn sie wusste schließlich, dass er es nur freundschaftlich meinen konnte. Schließlich liebte er eine andere.


    Und obwohl sie wusste, dass es sinnlos wäre und dass sie sich damit nur selbst Schmerzen zufügen würde, trat sie zu ihm, als er seine wenigen Worte gesprochen hatte. Wie in Trance stand sie nur wenige Zentimeter entfernt vor ihm, atmete seinen Duft ein, sah auf seine Brust. In seine Augen wagte sie nicht zu sehen. Wie von selbst hoben sich ihre Hände und legten sich auf seine muskulöse Brust. Sie seufzte leise auf und trat nun vollends an ihn heran und legte ihren Kopf an den seinen. Ihre Händen ruhten noch einen Moment dort, wo sie waren, ehe sie langsam rechts und links seines Kopfes herauf fuhren, bis sie ihn schließlich umarmte. Sie sog seinen Duft ein, spürte seine Wärme, seine Muskeln. Er versteifte sich etwas, was Valerias Herz mit einem kleinen Stich quittierte. Doch sie umarmte ihn weiterhin. Ihre Wange lang nun an der seinen. Sie spürte das leichte Kratzen, das seine Stoppeln verursachten, doch es machte ihr nichts aus. Valeria schloss die Augen, genoss den Moment der Nähe, den nur sie empfinden konnte, nicht jemand anderes.


    Nach einer Ewigkeit, wie es ihr vorkam, spielte ihre Nase leicht an seinem Ohr, ehe sie den Mund öffnete und leise, sehr leise flüsterte:


    "Ich.....ich ertrage das nicht......"

    Valeria hörte ihm aufmerksam zu, die Nase in Alfidias Mähne versteckt. Sie hörte, wie er sich bewegte, hörte leises Rascheln. Er schien seine Tunika wieder angezogen zu haben. Sie wischte sich übers Gesicht, trat leise etwas näher heran, blieb aber in den Schatten verborgen.


    Wenn er gewusst hätte dass sie....was? Dass sie so dumm war und ihn unbedingt küssen musste? Dass er sie in der Nacht für seine Liebste gehalten hatte? Dass sie ihr Herz an ihn verloren hatte? Sie lächelte bitter. Nein, schlimmer konnte es wirklich nicht werden, es sei denn, er offenbarte ihr, dass er schon mit dieser Julia verheiratet wäre und sie zwei reizende Kinder hatten, dachte sie beinahe zu sarkastisch für diese Situation.


    Als er die Stimme zum zweiten Mal hob, konnte sie ihn schon deutlicher hören und nun sah sie auch seine Konturen. Er schien auf einer Art Klotz zu sitzen. So genau konnte sie das nicht erkennen. Maximian wollte sie nicht verletzen? Nun ja, das hatte er bereits unfreiwillig getan. Sie seufzte leise, sodass Maximian es nicht vernehmen konnte. Er bat, dass sie ihm erzählte, was in der Nacht geschehen war. Sie schauderte. Eigentlich konnte sie ihm alles erzählen, wahr oder unwahr. Doch was brachte es ihr, wenn sie sich selbst belog?


    Sie trat noch näher von hinten an ihn heran. Ihre blanken Füße verursachten dabei so gut wie kein Geräusch auf dem Boden. Valeria legte ihm sachte die Hand auf die Schulter und nickte zu sich selbst. Er konnte es ja nicht sehen, denn er sah nach vorn, schien sie wo anders zu vermuten.


    "Du bist gestürzt. Ich habe Angst gehabt...so sehr... Ich bin zu dir gelaufen und versucht, mit dir zu reden. Du warst bewusstlos...ich...ich habe geweint und bin bei dir gesessen, bis du wieder aufgewacht bist... Ich...naja, ich...............ich habe dich...geküsst....ganz sacht..." Valeria senkte beschämt den Kopf. Es kostete sie große Überwindung, davon zu erzählen. Trotzdem fuhr sie fort.
    "Irgendwie hab ich dich zu Aurelius und Mummia gebracht. Es hat lange gedauert, aber wir haben es kurz nach Einbruch der Dunkelheit geschafft. Mummia war sehr besorgt...wie ich. Wir haben dich ins Bett geschafft. Du....du hast immer wieder nach meiner Hand gegriffen.... Du wolltest, dass ich mich neben dich lege...Und dann bist du eingeschlafen. In der Nacht bin ich aufgewacht, weil du...du.........du hast meine Schulter geküsst, mich umarmt...ich war so...glücklich.....und....."
    Ihre Stimme versagte ihr den Dienst. Sie weinte nun wieder lautlos einige wenige Tränen. Die Hand lag noch immer matt auf seiner Schulter, drohte aber, kraftlos herunter zu rutschen. Sie fühlte sich so elend.

    Sie weinte lautlos in Alfidias Mähne hinein, Miaximian vor ihrem Inneren Auge, wie er ihr erklärte, dass er eine andere liebte. Dann war es ihr, als fühlte sie den sanften Kuss seiner Lippen noch einmal auf der Schulter. Sie wollte die Gedanken wegwischen, doch es gelang ihr nicht. Alfidia wandte den Kopf und sah Valeria träge mit ihren ruhigen, schwarzen Augen an. Die junge Decima zwang sich zu einem bittren Lächeln und streichelte der Stute über die Blesse.


    Und dann ging die Stalltür auf. Valeria fuhr erschrocken herum und blickte durch einen Tränenschleier hindurch zur Tür, durch die nun helles Sonnenlicht fiel und versuchte, das Dunkel im Stall zu durchdringen. Eine Gestalt stand in der Tür. Maximian? Valeria war sich nicht sicher, andererseits...wer sollte es sonst sein? Aber warum kam er, wenn sie ihm doch nichts bedeutete? Sie wandte den Kopf wieder dem Pferd zu, unterdrückte ein Schluchzen und barg den Kopf in Alfidias dichter Mähne.


    Ein Schlurfen war zu vernehmen, dann ein leises seufzen und schließlich Maximians Stimme, die sie darum bat, darüber zu reden. Valeria wollte aber nicht reden. Sie hatte schließlich schon zu viel gesagt, zu viel Dummes getan bisher. Sie würde alles nur noch schlimmer machen, das wusste sie einfach. Aber...dann war da auch die leise Stimme in ihr, die sie fragte, wieso er wohl verletzt in den Stall kommen würde, wenn sie ihm nichts bedeutete. Die fragte, wieso er sie in der Nacht geküsst hatte, wieso er ihre Hand gehalten hatte, immer wieder.
    Sie trocknete die Tränen, sah in der Schwärze des Stalls zu dem Punkt hinüber, von dem die Stimme ausgegangen war. Alfidie gab ihr Kraft. Ihre Stimme zitterte, als sie leise antwortete.


    "Wozu? Ich würde alles nur noch schlimmer machen."

    Sie wollte die Hand wegziehen, sie an ihrem Körper vor ihm verbergen, doch sie konnte es nicht. Alles, was sie in diesem Moment konnte, war auf sie hinabzustarren. Zu sehen, wie sie klein und schmal in der seinen lag. Doch sie fühlte sich alles andere als geborgen.


    Und dann redete er wieder davon, dass er sich nicht erinnerte, an gar nichts. Valerias Magen zog sich zu einem kleinen, harten Klumpen zusammen. Wieso? Sie fragte immer wieder. Stumm. Erfolglos. Als hätte er ihre Gedanken erraten, löste er nun die Hand von ihrer. Rasch und rucktartig zog Valeria nun ihrerseits die Hand an ihren Körper, streckte sie dann aber noch einmal aus und zog die dünne Decke gänzlich an sich heran, um sie um sich zu schlingen und sich in ihr zu verbergen. Sie wickelte sich ein und zog sich ganz in die hinterste Ecke des Bettes zurück. Doch das Gefühl der Geborgenheit blieb noch immer aus. Was sie spürte, waren Kälte und Verzweiflung. Und Angst.
    Angst vor den Worten, die nun folgen mochten.
    Was sie auch taten.


    Er erzählte von einer Julia. Den Namen hatte Valeria schon oft gehört, doch nie in Verbindung mit Maximian und auch noch nie aus seinem Mund. Es tat so weh, so unendlich weh, das zu erfahren. Ein Schüttelfrost aus Trauer und Selbstvorwürfen schüttelte sie. Wie hatte sie nur so vermessen sein und glauben können, sein Herz wäre noch frei? Sein Herz war vergeben, und sie war es nicht, die es in Händen hielt. Valeria barg das Gesicht in der Decke, mochte Maximian nicht ansehen. Sie weinte, doch er sollte die Tränen nicht sehen.


    "Heute Nacht..." schluchzte sie, kam jedoch nicht weiter.


    Sie verweilte noch eine Weile hier, in ihrer Ecke der Bettes, in sich gekehrt, zusammengekauert. Dann hielt sie es nicht mehr aus. Sie sprang auf, lief barfuß und schnell aus dem Zimmer. Die Tür ließ sie offenstehen. Im Aufenthaltsraum rannte sie beinahe in Mummia hinein, doch sie beachtete die Hausherrin nicht und stürmte weiter nach draußen.


    'Aber Kind, was ist denn los?!' rief Mummia ihr verblüfft hinterher. Valeria achtete nicht auf sie. Fast von allein trugen ihre Füße sie in den Stall, zu Alfidia. Valeria barg ihr Gesicht in der Mähe des Pferdes und weinte hemmungslos. Sie hatte das Gefühl, die Stute würde ihr zuhören und sie trösten.


    Dass Mummia mit in die Hüfte gestemmten Händen in das Gästezimmer schritt, bekam sie natürlich nicht mit. Mummia, der Erzengel in Person, schien sich vorgenommen haben, das Unheil aufzuklären. Tadelnd sah sie Maximian an und schüttelte missbilligend den Kopf.


    'Was hast du nun wieder angestellt? Reicht es nicht, dass das arme Ding dich gestern ganz allein hierher gebracht hat? Sie hat sich solche Sorgen um dich gemacht - und nun läuft sie weinend aus dem Haus!' erklärte sie aufgebracht.
    Sie schien Valeria wirklich ins Herz geschlossen zu haben.

    Valeria zuckte erschrocken zurück, als Maximian sich so plötzlich aufrichtete, die beine aus dem Bett schwang und ihr den Rücken kehrte. Hilflos und trautig sah sie seinen Rücken an, als sei dieser Schuld dafür, dass er ihre Gefühle nicht zu erwidern schien. Warum? Warum hatte er dann ihre Hand gehalten, warum sie in der Nacht geküsst? Nur nebenbei sah wie, dass sein Rücken fast zur Gänze violett und blau angelaufen war. Valerias Atem ging flach, sie er wartete, dass er sie fragte, was das sollte. Doch er drehte sich nur herum, meinte, dass er ihr etwas sagen müsse. Eine einzelne Träne trat ihr ins Auge, verharrte dort. Sie fühlte sich so elend.


    Maximian stammelte etwas von 'davor', Valeria verstand nicht, was er meinte. Doch die Art wie er es tat, schien ihr Herz zerreißen zu lassen. Nun konnte sich die Träne nicht mehr halten und lief ihr an der Wange herab. Weitere folgten dieser Vorhut. Valeria wischte sie beschämt weg und sah überall hin, nur nicht zu Maximian. Ihr Herz klopfte, als wolle es jeden Augenblick zerspringen. Ihre Stimme zitterte genauso leicht wie ihr ganzer Körper, als sie kaum vernehmbar sagte:


    "Es...tut mir...leid."


    Sie sah auf das Laken und hätte sich am liebsten eines der Kissen gegriffen, um still in es hinein zu weinen. Was hatte sie sich auch dabei gedacht, ihn wie ihren Liebsten zu behandeln? Sie hatte alles falsch gemacht, von Anfang an. Wäre sie doch in Rom geblieben! Wäre sie doch niemals nach Tarraco gekommen und hätte sie bloß nicht dem Ausritt eingewilligt! Sie hatte das Gefühl, dass sie alles, was jemals zwischen Maximian und ihr gewesen war - und sei es nur das lockere Band der Freundschaft - unwiderrufbar zerstört hatte.


    So hockte sie einfach da, in sich gekehrt, un sah auf das Laken herab. Lange hielt sie es so nicht mehr in diesem Zimmer aus, das sie nun auf einmal zu ersticken drohte.

    Valeria sah ihn noch einen Moment lang traurig an. Was sollte sie nun tun? Was, wenn alle die Gefühle nichts als...als ein Irrtum gewesen waren? Sie schluckte, um den dicken Kloß in ihrem Hals irgendwie herunter zu bekommen. Gleichzeitig kämpfte sie tapfer die Tränen nieder, die ihr in die Augen schießen wollten. Der Kuss...seine Berührung in der Nacht...wie er sie angesehen hatte...dass er nach ihrer Hand griff....alles nicht wahr?


    Valeria drückte seine Hand kurz und sachte, ehe sie sich wieder in seinen Arm legte, leicht seufzend. Den Kopf bettete sie auf seine Brust. Sie tat es einfach so, ohne groß nachzundenken. Und ebenso wenig dachte sie über die Worte nach, die nun kamen.


    "Dass du dich nicht erinnern kannst, wird aber nichts an meinen Erinnerungen ändern. Ich werde sie immer bei mir tragen", murmelte sie mehr zu sich selbst als zu Maximian. Sie seufzte abermals. In Gedanken war sie im Wald, als sie ihn geküsst hatte. In der Nacht, als er sie sanft berührt hatte. Keine Zeit war für Gedanken an die jetzige Situation - oder an die Auswirkungen, die sie mit ihren Berührungen und ihrem Verhalten erwirken mochte.