Es tat so gut, ihn zu spüren, seine warme Haut zu berühren, seinen Duft zu atmen.... Valeria seufzte leise auf.
Und dann, dann fühlte sie sich, als wohnten alle Ameisen dieser Welt in ihrem Körper, so sehr kribbelte es in ihren Händen, ihrer Brust, ihren Beinen, ihrem ganzen Körper, als Maximian sich entspannte und sein Gesicht in ihren Haaren verbarg. Sie fühlte sich unbeschreiblich. Und er schien sich in diesem Moment zum ersten Mal seit dem Unfall richtig zu entspannen. Leicht zuckte sie zusammen, als er sie nun ebenfalls umarmte und ihr langsam näher kam. Seine Nase berührte die ihre. Valeria war wie elektrisiert. Hatte sie ihn eben noch verträumt angesehen, schloss sie nun die Augen. Eine jähe Erwartung keimte in ihr auf. Ein Kuss...nichts wünschte sie sich in diesem Moment sehnlicher. Ihr Herz pochte so laut und kräftig, dass sie glaubte, man könnte es noch draußen vor dem Stall hören.
Und dann, in dem Augenblick, in dem ihr Herz schier zu zerreißen schien, spürte sie seinen warmen Atem nicht mehr im Gesicht und er ließ sie los. Valeria öffnete sie Augen, sah ihn stumm an. Der Zauber des Augenblicks verflog schlagartig. Er sah sie an, verwirrt, ungläubig - verzweifelt? In Valerias Augen hingegen war eine stumme Resignation zu erkennen, Sie ließ die Arme sinken, die Schultern hängen und lauschte einfach nur stumm seiner Entschuldigung. Sie bekam es nicht einmal mehr hin, zu nicken, sondern sah ihn nur unendlich traurig an.
Maxmian wandte sich um, taumelte zur Tür. Er zog sie auf, blieb noch einen Moment in ihr stehen, als müsste er Kraft schöpfen für seine nächsten Worten. Die junge Decima blieb wo sie war. Sie wollte ihn zurückhalten, wollte ihm sagen, dass er in seinem Zustand gar nicht reiten konnte. Doch sie war wie gelähmt. Sie konnte nur seinen Rücken anstarren. In diesem Moment fühlte sie....nichts...
Nur abgrundtiefe Trauer...und diese schreckliche Resignation.
Er ging. Sie blieb allein, ballte kraftlos die Hände zu Fäusten und hielt den Kopf gesenkt. Tränen schüttelten ihren zierlichen Körper. Sie konnte nicht verstehen, wieso sie das alles getan hatte, wieso sie sich in ihn - ausgerechnet in ihn! - verliebt hatte. Valeria zitterte und sackte in sich zusammen. Sie griff hilflos nach dem Fass, auf dem Maximian vorhin gesessen hatte, und glitt langsam und laut ausschluchzend daran hinab. Das Gesicht an das dunkle, morsche Holz gepresst, weinte sie all ihren Schmerz und ihren Kummer hinaus.
Nach einer Ewigkeit, wie es ihr schien, trocknete sie ihre Tränen und zog sich am Fass empor. Sie zitterte wie Espenlaub und ihr war elend zumute. An der Wand entlang taumelte sie nach draußen. Wenigstens passte ihre Stimmung nun zum Wetter: es hatte sich zugezogen und in der Ferne rollte ein Gewitter heran. Langsam machte sich Valeria auf den Weg zum Haus. Auf halbem Wege begann es dann auch zu regnen, doch Valeria beschleunigte ihren Schritt nicht, sondern verlangsamte ihn sogar noch, bis sie schließlich stehen blieb. Ein Blitz zuckte in der Ferne vom Himmel, gefolgt von mächtigem Donnergrollen. Es goss aus Kübeln. Und Valeria mitten drin.
Sie war schon ganz durchnässt, als die Tür des Hauses aufging und Mummia heraus trat.
'Kind, was tust du da? Komm herein, du holst dir noch den Tod da draußen!' rief sie und bugsierte Valeria kurzerhand ins Haus. Sie schob sie sanft in das Zimmer, in dem Maximian sich nun auch wieder aufhielt, legte ihr eine Decke um die Schultern und drückte sie mütterlich in einen Korbsessel nahe des Fensters. Valeria ließ alles willenlos mit sich geschehen. Sie sagte nichts, sondern starrte nur beinahe apathisch vor sich hin und vermied es, Maximian anzusehen.
'Du bleibst erst einmal hier und wärmst dich ein bisschen auf. Ich mache dir etwas Wein heiß und bin dann gleich zurück!' befahl Mummia und rauschte aus dem Zimmer, nicht ohne Maximian noch einen 'siehst du, was du angerichtet hast'-Blick zuzuwerfen.
Da saß sie nun. Das Haar klebte nass an ihrem Gesicht. Die Decke hatte sie um die Schultern geschlungen. Ihr Blick war weit entfernt und scheinbar war sie gar nicht anwesend, sondern ganz wo anders.