Beiträge von Narrator Italiae

    "Natürlich haben wir darüber eine Aufstellung", antwortete der Procurator prompt. Schwungvoll erhob er sich von seinem Platz, um sich an einem Regal an der Seite des Raumes zu schaffen zu machen. Schließlich zog er einen kleinen Kasten mit hölzernen Schreibtäfelchen hervor. "Hier steht alles drauf. Für jede Halle ein Täfelchen."


    Er drückte die Kiste seinem neuen Kollegen in die Hand und ging zurück an seinen Platz. "Du kannst sofort loslegen."

    Der Procurator schüttelte energisch den Kopf. "Deine Aufgabe. Wenn ich es machen könnte, bräuchte ich dich hier nicht. Und gucken wirst du selber müssen, das kann dir kein Sklave abnehmen. Schreiben wirst du wohl auch noch selber können. Und einen Sklaven, der einem einen Hocker hinterher trägt, brauchen wir hier nicht."

    "Aus Aegyptus kommt eine Menge. Aber Africa und Mauretania liefern auch viel. Dazu noch ein bisschen was aus Sizilien und aus Sardinien. Das sind ja sozusagen die ältesten Lieferanten." Aber die Mengen hatten sich in der Geschichte des Reiches tatsächlich deutlich verändert.


    "Es wäre nicht nur vorteilhaft, sich die Gebäude jetzt anzuschauen, sondern zwingend notwendig. Wenn nicht jetzt, dann schaffen wir das nicht." In der Stimme des Procurators war wieder derselbe Unterton zu hören, mit dem er schon zuvor über die Menge von Arbeit gesprochen hatte.

    "Wir haben unsere Mittelsmänner an verschiedenen Orten, die sich dort darum kümmern. Mit denen kommunizieren wir häufig per Post und gelegentlich direkt" erklärte der Procurator nun schon wesentlich sachlicher weiter.


    "Neubauten stehen hier in Ostia im Moment keine an. Mehr kann ich dir nicht sagen, da es schon fast wieder ein Jahr her ist, dass ich mir Gebäude angesehen habe." Das ergab sich fast zwingend aus dem Jahresverkauf, den er davor erläutert hatte. "Die ersten Lieferungen kommen im Juni. Teilweise wird erstmal vor Ort gesammelt, bis es zu uns geht. Es gibt in vielen Häfen Lagerhäuser."

    Danach brauchte der neue Procurator den alten nicht zweimal zu fragen. "Ich bin noch mit den letzten Lieferabrechnungen und Streitfällen über nicht erfolgte Lieferungen beschäftigt", erklärte er zuerst. Wahrscheinlich erklärte das auch seine aktuelle Gemütslage. "Als nächstes stehen Baumaßnahmen für Lagergebäude an. Hast du dich schon damit befasst, wie der Jahresablauf bei der Cura Annonae aussieht? Wahrscheinlich nicht. Ich erkläre es dir. Fangen wir im Herbst an, das ist einfach. Da kommt das neue Getreide rein und wird eingelagert. Es wird aufgenommen, wer etwas liefert und gleichzeitig muss die Endabrechnung zum Verbrauch der Lieferungen vom Vorjahr gemacht werden. Dann, im Winter, können wir die Abrechnungen des letzten Jahres nutzen, um die Verträge für nächstes Jahr zu machen. Wir wissen ja dann ungefähr, ob wir mehr oder weniger brauchen. Gleichzeitig rechnen wir ab, ob im Herbst alle das geliefert haben, was sie versprochen haben. Da gibt es immer Streitfälle, die dann zu klären sind. Mit der Phase sind wir jetzt fast durch. Dann kommt die nächste. Wenn nach außen abgerechnet ist, wird nach innen abgerechnet, also wie wurde das angelieferte Getreide weiterverteilt, um auch das Missbrauch aufzudecken. Und auch hier gibt es was parallel, nämlich die Gebäude. Wir haben zwar jetzt noch kein einziges Lager, das schon komplett leer wäre, aber wir müssen jetzt planen, wie die wenige Zeit mit leeren Lagern genutzt werden soll. Also Schäden aufnehmen, fehlende Kapazitäten berechnen, Bauaufträge ausschreiben und Angebote einholen. Sobald dann ein Lager leer ist, kann dort gebaut werden. Dann sind auch die internen Abrechnungen durch und wir haben ein ganz kleines bisschen Ruhe hier. Bis dann wieder das Chaos ausbricht, wenn die ersten neuen Getreidetransporte kommen. Es gibt ja Gegenden mit mehr als einer Ernte pro Jahr, da kommen die also schon früh."

    "Siehe da, du hast einen Grund! Herzlich Willkommen hier in diesem Sack mit Flöhen!" dröhnte es als Antwort zur Begrüßung und der Procurator erhob sich, um seinem neuen Kollegen die Hand zu schütteln und ihm dann gleich einen Sitzplatz anzubieten und sich ebenfalls wieder zu setzen. "Vergiss alles, was dir der Chef in Rom erzählt hat. Höchste Zeit, dass wir hier wieder zu zweit sind. Die Verwaltungsarbeit erschlägt einen ja sonst noch. In Rom hat doch keiner eine Ahnung, was hier eigentlich los ist. Und überall wird neue Bürokratie entwickelt und noch eine Vorschrift und schon wieder eine Vorschrift. War ja fast ein Wunder, dass der Senat jetzt die Passage über den Kaisertitel aus dem Gesetz gestrichen hat. Hast du das mitbekommen! Sowas muss man fast zum Feiertag machen. Es wird mal ein Gesetz gestrichen! Hilft uns zwar kein Stück weiter, aber es ist ein Lichtblick."

    "Salve", tönte es von der anderen Seite des Schreibtischs, hinter dem tatsächlich der Procurator saß. Ein Mann, noch gar nicht so alt, aber schon mit grauem Haar, groß, kantig, mit einer tiefen Stimme. "Du wirst einen guten Grund haben müssen, mich als Kollegen zu bezeichnen. Meldest du ein Schiff an? Oder eines ab? Oder haben sie dich zum Magistraten gemacht?"

    Der Praefectus hatte nichts vorbereitet, da der Jahresanfang eine eher ruhige Zeit war.


    Das wird dir der Kollege in Ostia besser sagen können als ich. Dringende Aufgaben haben wir derzeit nicht. Wahrscheinlich sitzt er über Abrechnungen vom letzten Herbst und sortiert die unzuverlässigen Kapitäne aus oder verhandelt mit Lieferanten über höhere Mengen für dieses Jahr.