Beiträge von Spurius Purgitius Macer

    So ganz hatte Macer noch nicht herausbekommen, was eigentlich das vertrauliche Anliegen sein sollte, wegen dem der Tiberier gekommen war. Also hörte er erst einmal weiter zu, wie dieser zunächst Skepsis und dann verklärte Erinnerungen ausbreitete. Mit beidem konnte Macer leben, wennauch deutlich weniger emotional als sein Gegenüber.


    "Die Zeiten, in der der Senat die wichtigen Beschlüsse in völliger Eigenverantwortung fasst sind seit Generationen Jahren vorbei", stellte er daher fest. "Die Rolle eines Senators ist heute zweifellos völlig anders auszufüllen als es zu Zeiten unserer Vorväter war. Nicht jede dieser neuen Entwicklungen ist gut und der Senat sollte sich selber auch nicht kleiner machen als er ist, aber wenn man etwas erreichen möchte, muss man mit den Gegebenheiten zu arbeiten lernen. Es hilft uns nicht, dass die Öffentlichkeit gerne dieses oder jenes Bild von den Taten des Senates hätte - sie kann noch weniger bewegen als wir und nicht jede Tat spiegelt sich auch im Bild wider", legte er dann seine Ansicht dar, ohne dabei allzu konkret zur Arbeitsweise des Senates werden zu wollen. Das Gespräch entwickelte sich ohnehin offenbar in eine andere Richtung.


    "Ja, ich bin ein Anhänger des Divus Iulianus", erklärte Macer dann nicht ganz ohne Stolz. Immerhin hatte er für ihn im damaligen Bürgerkrieg gekämpft. "Aber das heißt nicht, dass ich unberdingt an allem festhalten muss, was in seiner Regierungszeit beschlossen wurde. Wir werden seine Regentschaft nicht wiederholen können, indem wir an so vielem wie möglich festhalten. Jede Maßnahme benötigt ein Umfeld, in dem sie angemessen ist und wenn sich jenes ändert, so ändern sich auch die Maßnahmen. Ich weiß nicht, wie Divus Iulianus zu den Steuerbeschlüssen heute stehen würde und dass du als Angehöriger des betroffenen Standes eben jenen Beschluss besonders in Ehren hältst, ist natürlich auch legitim", zog er dann wieder den Bogen zu etwas handfesterem Diskussionsstoff als der Erinnerung an einen großen Kaiser.

    Die Salutationes in der Casa Purgitia standen kurz nach dem Tod der Hausherrin selbstverständlich ganz im Zeichen der Trauer, auch wenn es gleichzeitig eine Geburt zu feiern gab. Von draußen hing ein Zypressenzweig über der Tür und kündete damit schon jedem Ankommenden von dem Unglück. Drinnen trug Macer und alle anderen Mitglieder des Haushaltes Trauerkleidung. Den Platz, an dem Macer normalerweise bei der Salutatio stand, hatte nun Albinas aufgebahrter Leichnam. Sogesehen zahlte es sich nun aus, dass Macer das Haus kürzlich erweitert hatte, denn so konnte das zweite Atrium etwas fröhlicher angeichts der Geburt eingerichtet werden. Hierhin ließ Macer aber nur ausgewählte Gäste vor und nicht die üblichen Besucher der Salutatio. Diese empfing er seitlich neben Albinas aufgebahrtem Leichnam. Die Frage nach dem Anliegen erübrigte sich, denn es kam wohl keiner, der nicht am Trauerritual teilnehmen wollte. Nickend begrüßte Macer jeden Teilnehmer, der nach einer rituellen Reinigung, wie sie im Hause einer Verstorbenen üblich war, vor ihn trat.

    Macer war durchaus beeindruckt von diesen Sprachfähigkeiten seines Cousins. "Sollte ich einmal Bedarf nach einem sprachgewandten Vertrauten haben, den ich kreuz und quer über unser Meer schicken kann, wende ich mich vertrauensvoll an dich", kündigte er lächelnd an, auch wenn ein solcher Bedarf eher unwahrscheinlich war. Zumindest hatte er bisher noch keinen Bedarf gehabt.


    "Hast du in diesen Sprachen auch Schriftsteller gelesen? Und gibt es darin überhaupt nennenswerte Werke?", erkundigte er sich dann weiter, denn von solchen Schriften hatte er noch nie etwas gehört.

    "Darauf, von dem das Gesetz ursprünglich erlassen wurde, kann man nicht immer Rücksicht nehmen. Das ist auch schon anderen Gesetzen passiert, dass sie aufgehoben wurden", sagte Macer recht neutral. Auch wenn er Iulianus als großen Kaiser verehrte, nahm er bei seinen Entscheidungen auf diesen Punkt tatsächlich selten besondere Rücksicht. "Ob Abstimmungen nun gänzlich überflüssig sind, wird sich zeigen müssen", gab er sich dann beim zweiten Punkt etwas optimistischer. "Möglicherweise haben sie de facto keinen Einfluss, was der Motivation des Senates oder einiger Senatoren sicher nicht zuträglich sein wird, aber andererseits kann der Senat mit seinem Votum ja trotzdem noch ein Zeichen setzen, sowohl eines der Unterstützung des Kaisers als auch eines einer gegenläufigen Meinung. Und welcher Form und unter welchen Umständen dies ratsam ist und Gehör findet, ist dann wiederum eine andere Frage", breitete er dann seine Einschätzung aus.


    Zur letzten Frage schwieg er kurz einen Moment, bevor er antwortete. "Ich war für die Aufhebung des Dekrets", erklärte er dann kurz und bündig, da das Abstimmungsverhalten ja ohnehin öffentlich sichtbar war. Zumindest für jene, die an der Senatssitzung teilnahmen.

    Vor der Tür des Cubiculums wartete Macer die Geschehnisse ab und bekam sie vor allem durch die Geräusche mit, die gedämpft zu vernehmen waren. Natürlich wusste er, dass eine Geburt einer Frau Schmerzen bereitete und natürlich wusste er auch, dass eine Frau bei der Geburt sterben konnte. Aber auch wenn Albina eine zarte Natur war, machte er sich nicht wirklich Sorgen, dass die Sache nicht gut ausgehen konnte. Vielleicht hätte er den Platz vor der Tür besser gegen den Platz am Hausaltar eintauschen sollen, um Deverra, Lucina und all den anderen Göttinnen, die über die Geburt wachen, Opfer darzubringen. Vielleicht hätte er dann verhindern können, was sich im Cubiculum zutrug. Vielleicht aber auch nicht und das Schicksal war längst entschieden.


    Als er Schreie eines Kindes zu vernehmen glaubte, blickte er noch erwartungsvoller zur Tür. Als schließlich geöffnet wurde, trat er ein und erblickte das neugeborene Kind, das wie es üblich war, von der Geburtshelferin auf den Boden gelegt worden war, so dass er es aufnehmen und als seines anerkennen konnte. Während er es anblickt und sich auf es zu bewegte, realisierte er, dass es vielleicht einen Augenblick zu lange gedauert hatte bis nach dem ersten Schrei des Kindes die Tür geöffnet worden war und dass es verdächtig still war im Raum. Kein abebbendes Stöhnen Albinas, keine freudigen und beruhigenden Worte der Sklavinnen. Eine geradezu erdrückende Stille lag im Raum und schlagartig ahnt Macer, was passiert war. Trotzdem hob er zunächst das Kind auf und drückte es an sich. Ein Blick zu Albina, ein Blick zur Amme und er hatte Gewissheit. Tränen schossen in seine Augen, er wollte Schlucken und konnte nicht.


    "Albina" sagte er schließlich leise. Es war im selben Atemzug der Abschied von seiner Frau und die Namensgebung für seine Tochter.

    Trotz der vermeintlichen Einleitung kam die Frage für Macer etwas überraschend. Zumal ihn die Bezugnahme auf Palma mehr irritierte als leitete. "Die Stimmung? Wie soll die schon sein, wenn der Senat gegen die Aufhebung eines Gesetzes votiert, das der Kaiser dann trotzdem kurzerhand aufhebt?" fragte er lakonisch zurück. Den Auftritt des Kaisers im Senat erwähnte er nicht. Die Sitzung stand unter dem Siegel des Staatsgeheimnisses und Macer hatte nicht vor, sich für einen Stimmungsbericht an Albinas Verwandten in Gefahr zu begeben.

    "Deinen Brief? Ja, den habe ich erhalten", antwortete Macer nach kurzem Zögern. Zumindest meinte er, sich an einen Brief erinnern zu können,d en er gelesen aber nicht beantwortet hätte. Ganz sicher war er sich nicht, aber das war ja nichts Neues bei ihm. "Und es ist doch eine Selbstverständlichkeit, dass ich mit meinem Rat weiterhelfe, wenn man mich darum bittet."

    Macer verzog kurz das Gesicht, als ein vertrauliches Gespräch angekündugt wurde und entspannte sich auch nicht wieder völlig, als es gleich danach als Kleinigkeit bezeichnet wurde. Solche Gespräche waren erfahrungsgemäß immer die schlimmsten. "Dann sollten wir ins Tablinum gehen", lud er ein und ging voran. "Und danke der Nachfrage, die Salutatio war recht ereignislos heute." Mit einer Handbewegung forderte er den Gast dann zum Sitzen auf.

    In entspannter Verfassung, in der die meisten Menschen sich befinden, wenn sie gerade einen Besuch auf der Latrine hinter sich haben, betrat Macer wieder das Atrium und wurde sogleich von seinem Verwalter auf den neuen Besuch hingewiesen. "Tiberius Lepidus, es freut mich dich zu sehen. Was kann ich für dich tun?" begrüßte Macer aufgeräumt und freundlich den Verwandten seiner Frau.

    "Acht Jahre", murmelte Macer wiederholend. "Das ist schon eine ordentlich lange Zeit, vor allem für einen jungen Mann. Aber wenn die Ergebnisse es lohnen, ist es ja eine gut investierte Zeit. Wenn es der Karriere hilft, allemal", stellte er dann fest und trank ebenfalls vom Wein.


    Über Mathematik und Rhetorik ließ sich vielleicht nicht so gut beim Abendessen sprechen, über die anderen beiden Fächer dafür umso mehr. Auch wenn Macer dort keineswegs bewandert war. Sein Griechisch war leidlich gut, wie es für einen Senator eben notwendig war und bei der Literatur hatte er sich weitgehend auf Historiker beschränkt. Was seiner Neugier an den Studien seines Cousins aber keinen Abbruch tat, sondern sie eher noch umso mehr bestärkte. "Welche Sprachen behrrschst du denn nun fließend? Das Griechische, nehme ich an? Und sonst?" erkundigte er sich daher.

    Das war wohl das, was man als Paukenschlag bezeichnen konnte. Macer hatte mit einer solchen Reaktion nicht gerechnet und war zumindest beeindruckt. Was er von der Sache halten sollte, wusste er noch nicht. In der Sache war er durchaus einverstanden und die Argumentation fand er sogar gelungen. Das Auftreten passte ihm dagegen nicht. Also sagte er erst einmal nichts, um sich nicht zu vorschnellem Beifall oder Widerspruch hinreißen zu lassen, den er später bereute.

    Macer rieb sich nachdenklich am Kinn. Er erinnerte sich langsam wieder an das Gespräch und daran, dass die Erfahrung im Weinbau ihnen schon damals nicht allzu viel weitergeholfen hatte. "Als Scriba des Curator Aquarum zu beginnen ist vielleicht ein bisschen sehr weit unten in der Hierarchie", warf er dann erst einmal in den Raum. "Wenn du den Ritterstand anstrebst, wirst du ein paar namhafte Empfehlungen brauchen. Zumindest, wenn du dir den Weg leicht machen willst. Und die bekommst du nicht als einfacher Scriba. Du brauchst schon etwas, was dich und deinen Namen bekannt macht. Es muss nicht einmal ein offizielles Amt sein. Dir einfach ein paar Leute erwerben, die dir dankbar sind, das reicht schon. Kannst du irgendwelche Dienstleistungen anbieten? Als Händler, Vertreter, Lehrer?"

    "Nun, die aktuelle Lage ist nicht gerade die einfachste, wenn man in Rom eine Karriere starten will", antwortete Macer auf die letzten Sätze. "Ich füchte, in den heutigen Tagen kann man sehr schnell auf's falsche Pferd setzen und sich den Weg unnötig schwer machen, wenn nicht sogar ganz verbauen. Das sollten wir vielleicht wirklich eher in den nächsten Tagen ganz in Ruhe besprechen und deine Interessen ausloten", schlug er dann vor, um das Thema nicht sofort zu vertiefen.


    "Wie viele Jahre warst du denn jetzt eigentlich insgesamt in Achaia", versuchte er stattdessen seine Erinnerungen aufzufrischen. "Und konntest du deine Studien zufriedenstellend abschließen?" Was genau sein Cousin eigentlich studiert hatte, wollte er auch noch einmal erfragen, aber nicht zu direkt, so dass er erst einmal abwartete.

    "Nun, dann tritt ein", lud der Türhüter den Besucher ein und zwinkerte seinem Diener unmerklich zu. Er kannte diese Probleme. Wo, wenn nicht an der Tür eines einigermaßen wichtigen Hauses konnte man besonders gut erleben, wer sich fordernd, zurückhaltend, selbstsicher oder unterwürfig darstellte?

    Die letzten Klienten waren noch im Atrium, denn die Salutatio war gerade erst beendet worden. Der eine oder andere nutzte da die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch mit einem anderen Klienten, bevor jeder wieder seiner Wege ging. Der Hausherr hatte das Ende der Salutatio genutzt, um erst einmal die hauseigene Latrine aufzusuchen, so dass der Türhüter den neuerlichen Besuch erst einmal im Atrium parkte. "Bitte warte hier, der Hausherr ist gleich wieder da."

    Macer nickte bestätigend zu dem Namen seiner Frau. "Genau so ist es. Nach der Heirat kam dann wie gesagt die Praetur und nicht allzu viel später das Consulat" widerholte er noch einmal die wichtigsten Stationen seit damals. "Ich hoffe, über letzteres hat man in Achaia nur Gutes gehört. Aber allzu viel spektakuläres ist in meiner Amtszeit ohnehin nicht passiert", meinte er dann rückblickend. "Erst Recht nichts, das Achaia oder eine andere Provinz im Besonderen betroffen hätte."


    Ein Wink des Hausherren ließ die Sklaven benutztes Geschirr wegräumen und mit Fleisch und Gemüse neue Speisen auftragen. "Bist du die ganze Zeit in Achaia gewesen, oder hast du auch andere Provinzen bereist?", erkundigte sich Macer dann danach, was sein Cousin unternommen hatte.