Imperium Romanum » Suche » Suchergebnis » Salve, Peregrinus [Anmelden|Registrieren]
Zeige Beiträge 1 bis 20 von 52 Treffern Seiten (3): [1] 2 3 nächste »
Autor Beitrag
Thema: Ein Gast aus Germanien
Ygrid

Antworten: 19
Hits: 321
RE: Der nächste Tag 27.12.2018 10:31 Forum: Taberna Silva Nigra


Ygrid war am Abend viel zu müde gewesen, um darüber nachzudenken, was Carbo da von dieser Wahl zum Sprecher seines Bezirks faselte. Auch wenn man es ihm nicht unbedingt ansah, war wohl doch eine Art Krieger oder zumindest ein angesehenes Mitglied dieser Stadt, wenn er sich zur Wahl stellte und damit rechnen konnte, gewählt zu werden. In ihrer Heimat durften nur freie Männer und Krieger im Thing sprechen.
Das Einzige, was der Germanin Kopfzerbrechen bereitete war Carbos Erwähnung der Thermen. Sie hatte schon Gerüchte davon gehört, von den römischen Bädern. Unter anderem, dass sie die römische Lebensweise schlechthin darstellten. Ygrid war weit davon entfernt, eine Römerin zu werden oder sich auch nur die römische Lebensweise anzueignen. Viel lieber wollte sie sich unten am Fluss waschen, statt in diese Thermen zu gehen. Aber die Müdigkeit hatte sie nun endgültig erfasst und zog sie mit sich hinfort. Sie musste das Thema „Waschen“ auf morgen vertagen. Ihre Augen fielen ihr zu. Es dauerte keine zehn Minuten, bis sie in einen tiefen friedlichen Schlaf fiel. So lange war es her, seitdem sie sich völlig unbesorgt schlafen konnte. Sie fühlte sich sicher und geborgen. Letztendlich war Carbos Bett tausendmal bequemer als das Lager aus stinkendem vergammeltem Stroh im Carcer.

Der nächste Morgen begann und Ygrid schlief noch immer. Sie hatte nicht mitbekommen, als Carbo das Zimmer verlassen hatte und sie schlief immer noch als er wieder zurückkam und wie ein Wasserfall zu plappern anfing. Schließlich begann sie sich zu recken und zu strecken, öffnete langsam die Augen und begann herzhaft zu gähnen. „Ach schön… freut mich… für dich,“ meinte sie noch halb schlaftrunken. Doch dann wurde sie munter und setzte sich ruckartig auf, als Carbos letzter Satz endlich bei ihr angekommen war. „Wir ziehen um? Wohin denn?“
Thema: Ein Gast aus Germanien
Ygrid

Antworten: 19
Hits: 321
RE: Ein Gast aus Germanien 26.11.2018 22:34 Forum: Taberna Silva Nigra


Ygrid sah ihren Gastgeber mitleidig an. „Wie schrecklich!“ antwortete sie. Keine Familie zu haben war schon hart! Allerdings merkte sie auch, dass er müde war. Zumindest schien er im Augenblick keine weiteren Fragenmehr beantworten zu wollen. Bestimmt würde es am nächsten Tag dazu noch eine Gelegenheit geben.

Sie wandte sich von Carbo ab, damit sie sich endlich anziehen konnte. Danach machte sie sich über das Brot, den Käse und die Wurst her, die ihr Carbo gebracht hatte. Endlich wieder etwas Anständiges zu essen! Wie sie das vermisst hatte.
Während sie einen weiteren Happen in ihren Mund schob, sprach Carbo weiter. Wenn sie ihn richtig verstanden hatte, sollte sie Latein, die Sprache der verhassten Römer lernen. Zwar klang es ganz einleuchtend, was er sagte, doch die Vorstellung alleine, schien ihr den Appetit zu verderben. „Iff soll Lafein lernen?“, rief sie skeptisch mit vollem Mund, und spülte alles mit dem Bier hinunter. Natürlich wusste sie, dass dies am besten war, wenn sie länger hier blieb, denn wie hätte sie denn alleine nach Hause zurückkehren können, nach allem, was passiert war. Außerdem hatte Arwid ja auch diese Sprache gesprochen. Ein Umstand, der ihm sehr weitergeholfen hatte „Meinst du, du kriegst das hin? Ich meine, wenn du mein Lehrer sein willst.“ Ygrid konnte sehr eigensinnig und stur sein, wenn ihr etwas nicht passte. Carbo würde starke Nerven für sie brauchen!
Thema: Ein Gast aus Germanien
Ygrid

Antworten: 19
Hits: 321
RE: Ein Gast aus Germanien 24.11.2018 14:23 Forum: Taberna Silva Nigra


Sie nickte ihm dankend zu und senkte dann kurz ihren Blick. Das schlimmste war ja, sie hatte Einar nicht einmal richtig beisetzen können. Seine Gebeine lagen wahrscheinlich immer noch irgendwo in diesem verdammten Auenwald und verrotteten dort.
Aber was war mit Carbos Familie passiert? Und wieso lebte er nicht mehr bei seinen Leuten? Sie musste wieder an Arwid denken, der ihr erzählt hatte, was die Römer mit ihm und seiner Familie gemacht hatten. War Carbo etwas Ähnliches zugestoßen?

Er schaute sie immer noch so intensiv an, als wolle er sie ergründen. Als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, begann er von seiner Familie zu sprechen und berichtete ihr, dass niemand mehr übrig war außer ihm selbst. Ygrid konnte ihm nachfühlen, wie schwer es war, niemanden mehr zu haben und in der Fremde leben zu müssen.
„Waren das die Römer?“, fragte Ygrid nach einer Weile mit trockener Kehle, denn seiner Familie musste sicher ein Unglück getroffen haben. Und dass er nun hier lebte, kam sicher auch nicht von ungefähr, denn sie konnte es sich nicht vorstellen, dass jemand freiwillig unter Römern lebte.

Im nächsten Moment tat es ihr wieder leid, dieses Thema angeschnitten zu haben. Vielleicht riss sie damit nur unverheilte Wunden von neuem auf. Vielleicht war es jetzt einfach besser, alles auf sich beruhen zu lassen und jetzt schlafen zu gehen. Doch vorher musste sie unbedingt noch einen Happen essen!
Thema: Ein Gast aus Germanien
Ygrid

Antworten: 19
Hits: 321
RE: Ein Gast aus Germanien 23.11.2018 23:44 Forum: Taberna Silva Nigra


„Norius Carbo“, wiederholte sie den für sie seltsam anmutenden Namen. Aber nicht nur der Name war seltsam, auch die Tatsache, er sei ein Einzelkind. Normal war das nicht. Wahrscheinlich war seiner Familie irgendetwas Schlimmes zugestoßen. Jeder, der eine Familie gründete, tat gut daran, viele Nachkommen zu zeugen. Viele Kinder zu haben war nicht nur ein Statussymbol, sondern auch eine gute Altersabsicherung, schließlich starben auch viele der Kinder, bevor sie überhaupt erwachsen waren. „Ah, das tut mir aber leid!“, meinte sie mitleidvoll. Dabei war ihr ja selbst etwas Schlimmes widerfahren. „Ja, ich hatte eine Schwester, aber die ist schon als Kind gestorben. Einen Bruder hatte ich auch. Aber er ist auch tot.“ Eine Träne rollte plötzlich über ihre Wange, als der Chattin bewusst wurde, wie lange sie nicht mehr über Einar gesprochen hatte. Manchmal träumte sie nachts von ihm. Von ihrem letzten gemeinsamen Tag und von den besseren Tagen zu Hause in ihrem Dorf, jenseits des Limes.

Carbo kniete sich vor eine Truhe und holte einige Kleidungsstücke hervor. Natürlich waren es Kleidungsstücke für einen Mann. Hätte Carbo ihr auch Frauenkleider anbieten können, hätte sie dies sicher sehr befremdlich gefunden. Als Ygrid die Hosen sah, war bereits ihre Wahl getroffen. Sie hatte nichts für römische Kleidung übrig. Also nahm sie sich die Hose und das passende Oberteil. „Ist nicht schlimm, diese komischen Römerklamotten sind eh nicht mein Fall!“, entgegnete sie mit einem Lächeln. Dabei sah er ihr so eindringlich in die Augen, dass es ihr fast unangenehm war. „Ähm, ist was?“, fragte sie verlegen.
Thema: Ein Gast aus Germanien
Ygrid

Antworten: 19
Hits: 321
RE: Ein Gast aus Germanien 23.11.2018 21:00 Forum: Taberna Silva Nigra


„Ach echt?!“, platze es ganz verblüfft aus Ygrid heraus. Ihr Blick ruhte noch einen Moment auf ihm. Ganz schön seltsam, dieser Vogel, dachte sie sich. Nicht nur, dass er bisher noch nie eine nackte Frau gesehen hatte, nein, er hatte sie als sehr schön bezeichnet. Wie es aussah, war er sogar ganz hin und weg von ihr. Das verwirrte die junge Germanin sehr, denn so etwas hatte ihr noch niemand gesagt. Ihr Bruder hatte ihr manchmal ein Kompliment gemacht, wenn sie besonders geschickt bei der Jagd gewesen war. Sie war eben seine kleine Schwester gewesen und ihr Aussehen war für ihn nebensächlich gewesen. Nicht einmal Arwid hatte ihr etwas Vergleichbares gesagt. Aber wie sie nun wusste, hatte er auch nichts für sie empfunden.
Ygrid wusste nicht, ob sie sich nun bedanken sollte oder besser schwieg. „Hast du keine Schwester?“, fragte sie, um ihre Verlegenheit zu überspielen und sich aus der Situation zu retten.

Sie versuchte sich mit dem feuchten Handtuch zu bedecken, als er dann aufstand und das Zimmer betrat, um ihr etwas zum Anziehen zu geben. Ihm war es offensichtlich auch sehr peinlich, denn er wagte es nicht, sie auch nur einen Moment lang anzusehen. Stattdessen starrte er den Boden an und verbarg er seinerseits etwas mit seiner Hand. Offenbar eine Reaktion, die ihre Nacktheit bei ihm erzeugt hatte. „Ähm,…“ Nein, sie schwieg besser, bevor es noch peinlicher wurde! Sie folgte ihm einfach. „Wie heißt du eigentlich?“
Thema: Ein Gast aus Germanien
Ygrid

Antworten: 19
Hits: 321
RE: Ein Gast aus Germanien 20.11.2018 21:39 Forum: Taberna Silva Nigra


Sie beachtete ihn nicht weiter und begann sich etwas Wasser ins Gesicht zu spritzen und schloss dabei die Augen. Mit ihren Händen versuchte sie wenigstens den gröbsten Dreck wegzuwischen.
Als sie die Augen wieder öffnete, riskierte sie einen Blick zu ihrem Retter. Er stand immer noch da und machte große Augen, als habe er noch nie eine nackte Frau gesehen. Wie hieß er eigentlich? Bevor sie ihn fragen konnte, stürzte er plötzlich zur Tür hinaus. Sie schüttelte nur den Kopf und wusch sich weiter.

Ygrid war mit einem älteren Bruder aufgewachsen und natürlich hatte sie ihn auch irgendwann einmal nackt gesehen, genauso wie er sie auch irgendwann einmal nackt gesehen hatte. Das war für sie alles normal gewesen. Arwid war der erste Mann gewesen, für den sie etwas empfunden hatte. Unglücklicherweise, war dies nicht auf Gegenseitigkeit gestoßen. Womöglich lag es daran, weil sie zu hässlich war. Sie hatte sich nie etwas aus schönen Kleidern gemacht, sondern hatte sich lieber wie ein Mann gekleidet, um mit ihrem Bruder auf die Jagd gehen zu können. Eigentlich hatte sie es immer als lästig empfunden, ein Mädchen zu sein.

Nachdem sie sich gewaschen hatte, suchte sie nach etwas, was sie sich überziehen konnte. Die dreckigen Fetzen wollte sie keineswegs wieder überstreifen. Auch das Tuch, mit dem sie sich abgetrocknet hatte, war feucht und daher unbrauchbar, um sich damit zu umhüllen. Schließlich ging sie, so wie sie war, zur Tür, öffnete sie und streckte den Kopf hinaus. Dort fand sie ihren Gastgeber am Boden kauernd, seinen Kopf in seinen Händen vergragen „Ähm, ist irgendwas? Geht es dir nicht gut? Hey, hast du was zum Anziehen für mich?“
Thema: Ein Gast aus Germanien
Ygrid

Antworten: 19
Hits: 321
RE: Ein Gast aus Germanien 20.11.2018 06:58 Forum: Taberna Silva Nigra


Bangend beobachtete sie ihn, wie er sich mit einem simplen Stück Draht an das Schloss ihrer Fußkette machte. Als es sich dann endlich öffnete und ihr Fußgelenk wieder frei gab. Dort wo das Eisen gesessen hatte, war ihre Haut aufgeschürft. Doch das kümmerte sie im Augenblick nicht im Geringsten. Sie war wieder frei!

Ja, heute war tatsächlich ihr Glückstag! Ihr Retter brachte ihr schließlich noch eine reichliche Wahl an Köstlichkeiten, die sie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gesehen, geschweige denn gegessen hatte. Auch eine Schale mit Wasser brachte er, damit sie sich von all dem Schmutz befreien konnte.
Das Essen roch verführerisch gut, doch sie entschied sich dafür, sich zunächst zu waschen. Ihr Retter sprach scheinbar unentwegt weiter, von Dingen, sie sie nicht verstand, doch im Augenblick war ihr das egal. Lediglich seine Frage ließ sie aufblicken. Nicht dass sie prüde gewesen wäre, sich jedoch vor einem Fremden Mann auszuziehen, der sie zwar gerettet hatte, den sie aber gerade mal eine Stunde kannte, fand sie nun doch unpassend. Oder aber war er darauf aus, sie nackt zu sehen, sozusagen als „Bezahlung“? Das widerstrebte ihr zwar, allerdings fand sie, sie sei nicht in der Position, auch noch Forderungen zu stellen. „Wie du willst,“ erklärte sie zögerlich und begann langsam die Fetzen über ihre Schultern zu streifen.
Thema: Ein Gast aus Germanien
Ygrid

Antworten: 19
Hits: 321
RE: Ein Gast aus Germanien 19.11.2018 06:59 Forum: Taberna Silva Nigra


Die Germanin atmete erleichtert auf, als sie den lauten Schankraum hinter sich gelassen hatte. Die Stufen der Treppen bereiteten ihr einige Schwierigkeiten. Jede Stufe stellte eine Herausforderung dar, denn ihre zerschundenen Knie schmerzten unaufhörlich. Aber das alles nahm sie in Kauf, wenn sie am Ende doch endlich in Sicherheit war.
Ihr Begleiter stieß endlich eine Tür auf und vor ihr breitete sich ein möbliertes Zimmer aus. Er wies sofort auf das Bett, welches in einer Ecke des Raumes stand. Vorsichtig setzte sie ihren Fuß über die Schwelle und sah sich um. Auch ihr Begleiter schien nach etwas auf der Suche zu sein.
„Ja, ich bin hungrig und ich würde mich auch gerne waschen.“ Seit Monaten hatte sie keine richtige Gelegenheit mehr, sich ausgiebig zu waschen. Sie schämte sich für den Gestank, der von ihr ausging. Ihre Wunden mussten auch noch versorgt werden. Außerdem wollte sie endlich die Überreste ihrer Kleidung loswerden, die nur noch Fetzen waren.
Thema: Ein Gast aus Germanien
Ygrid

Antworten: 19
Hits: 321
RE: Ein Gast aus Germanien 17.11.2018 23:34 Forum: Taberna Silva Nigra


Ihr Retter hatte sie an einen sehr belebten Ort gebracht. Es musste eine Art Schänke sein, die offensichtlich gut besucht war. Das Lachen und Kreischen der Gäste war sogar gut auf der Straße zu hören. Wie es schien, war das hier seine Unterkunft. Es wurde ihr schon ein wenig mulmig, wenn sie daran dachte, dass sie nun dieses Haus betreten sollte. Was, wenn sie jemand erkannte? Doch ihr Begleiter versuchte sie zu beruhigen und zum ersten Mal seit einer Ewigkeit konnte sie wieder lächeln. Nickend stimmte sie ihm zu und wollte die Schwelle der Taberna überqueren. Doch halt! Was hatte er soeben gesagt? Sie sollte seine Sklavin sein? „Nein! Nicht Sklavin!“ Doch dann verstand sie, was er meinte. Sie sollte nur so tun, als wäre sie seine Sklavin. Wieder stellte sich die Frage, ob sie ihm wirklich trauen konnte. Doch wohl oder über musste sie ihm jetzt einfach vertrauen.

Sie folgte ihm ins Innere. Ihre Augen weiteten sich, als sie plötzlich all diese Leute sah, die scheinbar ihre Augen nur auf sie gerichtet hatten. Ygrid verspürte Angst. Sie versuchte, schneller zu laufen, immer ihrem Retter nach. Der wiederum sprach zu den Leuten an denen er vorüber ging und deutete dann auf sie. Ygrid wirkte jetzt noch eingeschüchterter als zuvor. Einige der Gäste riefen ihm etwas zu und lachten abfällig. Dies war ein wahrer Spießrutenlauf! Endlich erreichten sie eine Tür, durch die sie nun hoffentlich schritten…
Thema: Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten
Ygrid

Antworten: 29
Hits: 710
RE: Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten 17.11.2018 23:31 Forum: Mogontiacum


Das hörte sich nicht gut an, wenn der Soldat tatsächlich wegen ihr ihrem Helfer noch Probleme bereiten sollte. Sie wollte nicht weiter nachfragen. Lieber wollte sie das auf später verschieben, wenn sie sich endlich in Sicherheit befand.
Wie zu erwarten war, konnte sie sich nur sehr langsam fortbewegen. Bei jedem Schritt machte sich immer noch diese verfluchte Kette bemerkbar. Der Mann hatte ihr versprochen, sie davon zu befreien. Wenn es nur schon so weit wäre, dachte sie. Sie sah sich nicht noch einmal um, sondern konzentrierte sich auf ihren Weg. Damit sie nicht wieder stolperte.
Thema: Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten
Ygrid

Antworten: 29
Hits: 710
RE: Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten 16.11.2018 22:30 Forum: Mogontiacum


Der Blick der Chattin musste ziemlich verwirrt gewirkt haben, als ihr der Mann erklärte, der Soldat sei ein Freund und zwar einer, der sie retten wollte. Bislang hatte sie römische Soldaten ganz anders erlebt, aber niemals als Freunde. Soldaten waren es schließlich, die ihren Bruder umgebracht hatten. Daher sah sie argwöhnisch zu ihm hinüber.
Ob sie den beiden wirklich trauen sollte? Wer konnte ihr Gewissheit geben, dass die beiden sie nicht täuschten? Niemand! Sie musste einfach darauf hoffen, dass zumindest einer der beiden es ehrlich mit ihr meinte.
Was sie aber dann wieder stutzig machte, war die Tatsache, dass die beiden miteinander zu streiten schienen. Langsam wurde ihr mulmig zumute. Das Chaos schien perfekt zu sein, als der Mann behauptete, der Soldat sei doch kein Freund.
„Äh, der Soldat ist kein Freund? Aber wieso? Und du? Bist du ein Freund?“, fragte sie vorsichtig.

Nachdem der Soldat dann plötzlich beleidigt das Weite gesucht und sie nun mit dem Fremden allein war, versuchte sie mit seiner Hilfe aufzustehen. Zwar schmerzten ihre Knie, doch zum Glück schien nichts gebrochen zu sein. Wahrscheinlich hatte sie nur etliche blaue Flecken und Schürfwunden davongetragen. „Ja, es geht ein bisschen,“ meinte sie und versuchte langsam einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Thema: Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten
Ygrid

Antworten: 29
Hits: 710
RE: Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten 14.11.2018 20:18 Forum: Mogontiacum


Auf diese Frage hatte Ygrid natürlich gewartet. Die Frage nach dem Warum. Der Chattin war sich sehr wohl bewusst, dass es sicher nicht klug war, die ganze Wahrheit auszuplaudern. Denn wer würde schon jemand helfen, der sich einer Horde Barbaren angeschlossen hatte, die sich den Zutritt ins Imperium mit Gewalt und Blutvergießen verschafft hatte? Und damit nicht genug, sie hatten außerdem dieses dämliche Weibstück entführt, einige Villen und Bauernhöfe überfallen, in Brand gesteckt, deren Eigentümer getötet und die Sklaven befreit. Nein, einer solchen Person würde bestimmt niemand helfen wollen. Darum überlegte Ygrid genau, was sie dem Mann antwortete. Vielleicht hatte sie einen Moment zu lange überlegt, denn als sie gerade antworten wollte, ergriff der Soldat das Wort und dies schien den anderen sehr zu empören.
Erschrocken sah sie wieder zu den beiden auf, während diese miteinander sprachen. Oder stritten sie gar? Vielleicht darum, was mit ihr geschehen sollte? Der Soldat, so vermutete sie, wollte sie sicher zurück in die Zelle bringen. Nein, da wollte sie auf keinen Fall mehr hin! Lieber wollte sie sterben! „Bitte, nicht Carcer! Sonst tot“, jammerte sie und hob bittend die Hände.
Thema: Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten
Ygrid

Antworten: 29
Hits: 710
RE: Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten 11.11.2018 23:21 Forum: Mogontiacum


Der Mann sprach weiter auf sie ein, doch sie verstand kein Wort.Aber dann wechselte er in eine Sprache, die ihr seltsam vertraut vorkam. So ähnlich hatten einige der Händler gesprochen, die ab und an in ihr Dorf gekommen waren, um Handel zu treiben. Auch einige der Leute, die sie diesseits und jenseits des Rhenus getroffen hatte, sprachen eine Sprache, die dieser hier ähnlich war. „Ich verstehe ein bisschen“, antwortete sie in ihrer Sprache und hoffte, dass auch er sie einigermaßen verstehen konnte. Außerdem fragte sie sich, ob sie dem Mann überhaupt trauen sollte, schließlich war er gekleidet wie ein Römer. Andererseits… vielleicht konnte er ihr doch noch helfen und sie vor dem Soldaten retten.
„Ich heiße Ygrid und bin Chattin“, begann sie. „Die Römer, sie haben mich eingesperrt. Ganz lange. Viele Monde lang. Sieh her, sie hatten mich mit einer Kette am Fuß gefesselt.“ Ygrid hob ihren Fuß an, so dass sich die Kette sofort wieder bemerkbar machte. „Mit einer Tonscherbe und meinen bloßen Fingern habe ich mich befreit!“ Sie zeigte ihm ihre zerschundenen Fingern an denen noch immer ihr getrocknetes Blut klebte. Vorsichtshalber verschwieg sie erst einmal, weshalb sie ihr Dorf verlassen hatte und wie sie in Gefangenschaft geraten war.
„Bitte, ich will nicht mehr zurück! In der Zelle wartet nur der Tod auf mich.“, flehte sie den Mann an, nachdem sich nun auch der Soldat an ihn gewandt hatte.
Thema: Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten
Ygrid

Antworten: 29
Hits: 710
RE: Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten 09.11.2018 21:49 Forum: Mogontiacum


Früher als sie es erwartet hatte, holte sie ihr Verfolger ein. Er ging neben ihr auf die Knie und beugte sich zu Ygrid hinunter. Sie begann zu zittern und schluchzte, als er sie berührte. Zwar versuchte sie noch zurückzuweichen, jedoch gab es diesmal keine Fluchtmöglichkeit mehr. Nun erkannte sie auch, dass es nicht der Soldat war, der sie eingeholt hatte, sondern dieser andere Mann, der ihr zuvor die Möglichkeit zur Flucht ermöglicht hatte. Ob er ihr auch diesmal helfen würde? Ein Funken Hoffnung wollte wieder in ihr aufkeimen. Aber er machte keinerlei Anstalten, etwas in dieser Richtung zu tun. Dann rief er etwas, was sie nicht verstand. Sie befürchtete inzwischen, es galt dem Soldaten.

Nur wenige Minuten später bewahrheitete sich ihre Befürchtung. Nun stand auch der Soldat samt seines Pferdes neben ihr. Jegliches Hoffen war mit einem Mal dahin. Ihr Schluchzen wurde lauter und jämmerlicher, da sie nun die bittere Wahrheit erkennen musste, dass wirklich alles umsonst gewesen war. Mit Sicherheit ahnte der Soldat, dass sie eine der germanischen Gefangenen war, die schon so lange in der Castra festgehalten wurden. „Bitte!“, flehte sie noch einmal, als er sie ansprach. Ihr Wortschatz, den sie sich in den letzten Monaten angeeignet hatte, war leider sehr begrenzt. Zumal verstand sie kaum etwas von dem, was er gesagt hatte. „Nicht Carcer… bitte…nicht Carcer“, formten schluchzend ihre Lippen.
Thema: Stellenanzeigen - ID gesucht und geboten (KEIN SPAM!)
Ygrid

Antworten: 275
Hits: 75.951
RE: Frauenpower 08.11.2018 16:22 Forum: Ideen-Board


´Tschuldigung, ich wollte euch ja nicht den Spaß verderben... aber gab es in den Thermen keine Geschlechtertrennung?
Meines Wissens badeten Männlein und Weiblein zu unterschiedlichen Zeiten. verwirrt
Thema: Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten
Ygrid

Antworten: 29
Hits: 710
RE: Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten 07.11.2018 16:48 Forum: Mogontiacum


Während sie sich weiter mehr schlecht als recht fortbewegte, drang vom anderen Ende der Gasse Pferdegeklapper an ihr Ohr. Sie hielt kurz inne, schaute, ob sie jemand entdecken konnte. Doch die Gasse war inzwischen so dunkel, dass sie nichts erkennen konnte. Doch sie wusste, der Soldat war ihr auf den Fersen.
Ygrid versuchte daraufhin schneller voranzukommen. Die pure Angst trieb sie. Aber da sie kaum noch die Hand vor Augen sah und die Gasse zu allem übel auch abschüssiger wurde, verlor sie auf einmal die Balance und stürzte kopfüber auf das Pflaster. Ihre Fußkette machte sich mit einem hämisch klirrenden Geräusch wieder bemerkbar. Irgendetwas hatte ihr die Füße unter sich weggezogen. Wahrscheinlich war es eine Rinne oder ein kleiner Absatz, den sie unmöglich hätte sehen können. Sie hatte auch keine Chance sich auch nur ein bisschen mit ihren Händen abzufangen, da diese ja die vermaledeite Kette gehalten hatten. Nun lag sie erst einmal benommen auf dem Boden. An der linken Schläfe hatte sie sich eine üble Schramme zugezogen.
Ihr geschundener Körper wäre sicher liebend gerne einfach liegen geblieben. Doch in ihrem Kopf pochte nur ein Gedanke unvermindert weiter: Ich muss weg von hier!
Als sie endlich versuchte sich aufzurappeln, hörte sie Schritte, die immer näher kamen. Gleich würden sie hier sein. Dann war alles umsonst gewesen. Ygrids Knie schmerzten so sehr, dass sie sogleich beim Versuch, aufzustehen einfach wieder zusammensackte. Tränen spritzten ihr aus den Augen, zum einen vor Schmerz und zum anderen aus der Gewissheit, dass ihr Verfolger sie sich gleich greifen konnte. Die Chattin musste einsehen, dass sie verloren hatte.
Thema: Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten
Ygrid

Antworten: 29
Hits: 710
RE: Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten 07.11.2018 06:44 Forum: Mogontiacum


Auf keinen Fall wollte Ygrid wieder in diese Zelle zurück! Den Atem anhaltend presste sich gegen die Hauswand. Ihr Herz raste vor Angst. Es wollte ihr fast aus der Brust springen. Trotz der Kälte, die inzwischen herrschte, nachdem die Sonne nun endgültig verschwunden war, standen Schweißperlen auf ihrer Stirn. Waren da Schritte? Hatte sie wirklich Schritte gehört, oder bildete sie sich das nur ein? Sie musste unbedingt weiter, sonst saß sie hier in der Falle. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Soldat hier war. Ganz bestimmt würde er ihr folgen. Inzwischen wusste sie, wie diese Römer tickten. Sie waren gnadenlos!

Hätte sie doch nur nicht die Kette an ihrem Fußgelenk ständig verraten! Sobald sie nur ein wenig ihren Fuß bewegte, klimperte es. Wenn sie sich bückte und dann die Kette mit der Hand umfasste, hörte man zwar die Kette nicht, jedoch war ihre Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Doch diese Alternative war im Moment sicher die Beste. Die Frage war nur, wohin sollte flüchten? Sie kannte sich in Mogontiacum doch überhaupt nicht aus! Außerdem musste sie davon ausgehen, dass die Bewohner dieser Stadt ihr wenig freundlich gesinnt waren. Ihr zu helfen bedeutete Ärger. Also lief sie gebückt die Gasse weiter ins Ungewisse. Diese unorthodoxe Fortbewegungsweise musste schon irgendwie lächerlich wirken.
Thema: Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten
Ygrid

Antworten: 29
Hits: 710
RE: Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten 05.11.2018 15:15 Forum: Mogontiacum


Noch wog sich Ygrid in Sicherheit. Zusammengekauert blieb sie liegen. Wenigstens noch eine Weile wollte sie hier bleiben. Bevor es aber richtig dunkel wurde, musste sie sich unbedingt noch nach etwas Essen und neuer Kleidung umschauen. Ihre eigene Kleidung bestand nur noch aus Fetzen. Schuhe hatte sie schon lange nicht mehr. Außerdem war sie vollkommen verdreckt und stank fürchterlich. Vielleicht würde sie auch jemand finden, der sie endlich von dieser verdammten Fußkette befreien konnte.

Ein Pferd nahte plötzlich heran. Wieder versteifte sich ihr Körper. ‚Nur nicht atmen!‘, sagte sie zu sich selbst. Doch sie begann vor Angst zu zittern, als sie feststellte, dass das Pferd in ihrer unmittelbaren Nähe zum Stehen kam. Der Reiter stieg ab und trat näher. Er musste sie beobachtet haben. Vielleicht als sie von dem Karren gefallen war. Dann traf sie sein Fuß, zum Glück nicht mit voller Wucht, in der Seite. Ygrid versuchte zurückzuweichen. Sie richtete ihre Augen nach oben und erkannte in dem Reiter einen Soldaten. Ängstlich begann sie zu schluchzen. War der Traum von der Freiheit bereits schon ausgeträumt? Der Kerl würde sie garantiert wieder zurückbringen, wo man sie vielleicht „nur“ wieder in die Zelle zu den anderen Gefangenen zurücksperrte. „Bitte!“, flehte sie mit zitternder Stimme. Dies war eines der wenigen Worte, die sie während ihrer Gefangenschaft gelernt hatte.

Nicht weniger überrascht als der Soldat war die Chattin, als ein weiterer junger Mann auf der Bildfläche erschien. Ygrid glaubte kaum, dass er ihr zur Hilfe eilen wollte. Wenn er schlau war, legte er sich besser nicht mit dem Soldaten an! Doch das Erscheinen des Fremden hatte zur Folge, dass der Soldat sich von ihr abwandte und sich ihm beschäftigte. Das war Ygrids einzige Chance, dem Soldaten doch noch zu entkommen. So sehr ihre Beine auch schmerzten, spritzte sie auf und rannte so schnell sie konnte los. Weiter hinein in die dunkle Gasse. Die elende Fußkette klimperte ihr hinterher. In einer Nische blieb sie schließlich stehen und schnaufte nach Luft. Hatte sie den Soldaten abgeschüttelt?
Thema: Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten
Ygrid

Antworten: 29
Hits: 710
Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten 03.11.2018 23:33 Forum: Mogontiacum


Einige Male war der Karren zum Stehen gekommen, um kurz darauf seine holprige Fahrt wieder aufzunehmen. Irgendwann traute sich die Chattin, sich vorsichtig unter dem Tuch zu bewegen. Noch vorsichtiger versuchte sie sich freie Sicht zu verschaffen, um herauszufinden, wo sie überhaupt war und wohin der Karren fuhr.

Zu ihrer Erleichterung stellte sie fest, dass sie inzwischen außerhalb des Lagers sein musste. Die Abenddämmerung hatte bereits eingesetzt und es waren nur noch wenige Menschen unterwegs. Der Karren, der von einem Ochsen gezogen wurde, rollte krachend langsam über das Pflaster der Stadt, hin zu seinem Bestimmungsort jenseits der Stadtmauer, um sich dort seiner Ladung zu entledigen.
Sollte Ygrid wirklich das Risiko eingehen, noch länger auf dem Wagen zu bleiben oder sich innerhalb der Mauern vom Wagen zu stehlen? Beides konnte gefährlich sein. Doch die Stadt bot gewiss mehr Versteckmöglichkeiten. So entschied sie sich für das Letztere.

Der Wagen fuhr nicht schnell, sie konnte es also riskieren, sich einfach vom Wagen fallen zu lassen. Keiner würde etwas davon bemerken. Am wenigsten der Kerl, der den Karren lenkte und der auch kaum damit rechnete, dass seine „Passagiere“ noch irgendetwas taten.
Ygrid wand sich vorsichtig aus dem Tuch und rutschte immer weiter auf den Rand der Ladefläche zu. Nun sah sie auch endlich, worauf sie gelegen hatte. Es hatten noch zwei weitere leblose Körper, die ebenso in Tragetücher eingewickelt waren, auf dem Wagen gelegen. Schließlich ließ sie sich einfach vom Karren fallen, so dass sie mit ihren Knien auf das harte Straßenpflaster aufschlug. Sie vermied es, auch nur einen Mucks von sich zu geben, denn am liebsten hätte sie vor Schmerz laut aufgeschrien. Wenigstens hatte sie sich gerade noch rechtzeitig mit ihren Händen abstützen können, um schlimmere Verletzungen zu vermeiden.

Ihre Knie waren blutig und die Handgelenke schmerzten. Schnell versuchte sie auf allen vieren von der Straße zu kommen. Die Kette, die sich immer noch an ihrem Fußgelenk befand, klimperte dabei verräterisch. Sie schleppte sich in eine dunkle Gasse, wo sie vorerst hoffentlich niemand entdeckte und blieb zusammengerollt liegen. Sie fror, sie war hungrig und ihr ganzer Körper schmerzte. So fühlte sich also ihre neugewonnene Freiheit an…
Thema: Die Zellen der Gefangenen.
Ygrid

Antworten: 34
Hits: 1.177
RE: Die Vergessenen 03.11.2018 15:51 Forum: Principia


Die Ernüchterung jedoch folgte recht schnell. Nachdem die Kette an ihrem Fußgelenk sie monatelang sehr eingeschränkt hatte und sie daher kaum Bewegungsfreiheit gehabt hatte, versagten Ygrids Beine ihren Dienst, als sie aufstehen wollte. Stattdessen verspürte sie unsägliche Schmerzen. Sie verfügte einfach nicht mehr über die nötige Kraft. Wut und Enttäuschung darüber taten ihr Übriges. Sie verlor die Balance und sackte in sich zusammen. Auf dem Stroh blieb sie liegen und Tränen quollen aus ihren Augen. Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Das war´s dann wohl, dachte sie. All die Anstrengungen waren umsonst gewesen. Sie würde niemals hier raus kommen! Letztendlich blieben ihr nun noch zwei Optionen: Entweder blieb sie einfach hier liegen, bis zum Ende aller Tage oder sie war von nun an wachsam. Denn mal ganz ehrlich, hatte sie tatsächlich geglaubt, sie könne jetzt einfach so aus der Zelle hinausspazieren? Vorbei an den Wachen? Vollkommen unbemerkt?

Ygrid konzentrierte sich von nun an ganz darauf, einen Weg zu finden, wie sie aus der Zelle herauskommen konnte. Tagtäglich beobachtete sie unauffällig die Wachen, die die Gefangenen mit Essen versorgten. Meist kamen sie zu zweit. Sie konnte nicht verstehen, was die Männer miteinander sprachen, doch an ihren Gesichtern spiegelte sich der Ekel, den sie empfinden mussten, wenn sie die Zelle betraten. Alleine schon der Gestank, der von den Gefangenen ausging, war ein Grund dafür, weswegen dieser Dienst mit Sicherheit nicht der Beliebteste war.

Wieder vergingen Tage und vielleicht sogar Wochen, in denen sich alles gleich blieb. Tag für Tag die gleichen Abläufe, die keinerlei Möglichkeiten boten, an eine Flucht nur zu denken. Ygrid verließ langsam der Mut.
Doch dann, eines Morgens, als die Gefangenen wieder mit Essen versorgt werden sollten, wurde die immer wiederkehrende Aneinanderreihung der täglichen Abläufe empfindlich gestört.
Der leblose Körper der Gefangenen war den beiden Männern erst auf den zweiten Blick aufgefallen. Bei näherer Betrachtung stellten sie fest, dass die Gefangene bereits seit einigen Stunden tot sein musste. Sie war schon ganz kalt und steif. Wahrscheinlich war sie am Abend oder irgendwann in der Nacht gestorben. ‚Sich einfach so aus dem Staub gemacht‘, dachte Ygrid, die alles beobachtet hatte.
Die Männer verließen die Zelle, um kurze Zeit später mit einem grobgewebten Leinentuch wiederzukommen. Die beiden lösten die Fußkette der Toten und legten sie in das Tuch. Statt sie jedoch sofort aus der Zelle hinauszutragen, ließen sie die Tote liegen, da offenbar jemand nach ihnen gerufen hatte.
Ygrid hatte aus dem Augenwinkel alles beobachten können. Für die Tote hatte sie nichts empfinden können, denn im Grunde würden sie alle früher oder später das gleiche Schicksal erleiden, wenn nicht… Ja, genau… wenn sich nicht eine Gelegenheit wie diese bot!
Die Chattin zögerte nicht lange und raffte sich auf um sich der Toten zu nähern. Noch einmal vergewisserte sie sich, dass sich keine Schritte der Zelle näherten. Dann zerrte sie den toten Körper aus dem Tuch heraus, schleppte ihn an ihren Platz und wickelte sich schnell selbst in das Tuch hinein. Das war ihre einzige Chance! Entweder die beiden Männer durchschauten ihren Plan und entdeckten sie, so dass ihr Versuch zu fliehen kläglich scheiterte, oder sie würde heute noch aus dieser Zelle herauskommen. Sie setzte alles auf eine Karte. Denn was hatte sie schon groß zu verlieren?

Nach einer Weile hörte sie Schritte. Das Geräusch von genagelten Sohlen der Caligae kannte Ygrid inzwischen besser, als ihr lieb sein mochte. Ihr Körper versteifte sich, sie traute sich kaum mehr zu atmen, ihr Herz schlug wie wild in ihrer Brust. Sie hörte das Öffnen der Tür und wie zwei Gestalten nähertraten. Die beiden griffen das Tuch mit der vermeintlich Toten an den beiden Enden, um sie hochzuheben. Dann trugen sie sie fort. Hinter ihnen schloss sich die Tür wieder. Noch mehr Schritte waren zu hören. Man trug sie nach draußen, bis sie letztendlich mit einem Schwung höchst unsanft auf einem seltsamen Untergrund landete. Immer noch traute sich Ygrid kaum zu atmen, geschweige denn sich zu bewegen. Obwohl sie zu gerne gewusst hätte, wohin man sie gebracht hatte. Eines war sicher, sie befand sich nicht mehr in der Zelle mit all den anderen Gefangenen. Ein leichter kühler Wind drang durch den groben festen Stoff, in den sie gewickelt war. Sie war irgendwo draußen. Der Sommer musste inzwischen längst vorbei gewesen sein. Nur die Götter wussten, wie lange sie in der Zelle gefangen gewesen war.

Lange Zeit passierte gar nichts. Nicht das geringste! Von weitem drangen Stimmen an ihr Ohr. Sie verstand nicht, was gesprochen wurde, obwohl ihr der Klang mancher Wörter inzwischen vertraut war. Vorsichtig versuchte sie zu ertasten, wohin man sie geworfen hatte. Sie lag auf etwas länglichem. Vielleicht auf Holzstämmen. Aber nein! Das, was sie fühlte war kein Holz. Es war nicht so fest und hart. Vielmehr erinnerte es sie an Gliedmaßen - Beine… Arme… menschliche Körper, die sich auf seltsame Weise kalt und erstarrt anfühlten. Langsam festigte sich die Vorstellung in ihrem Kopf, dass sie auf einer unbestimmten Zahl von Leichen lag. Sie wollte diesen Gedanken nicht zu Ende denken, denn sonst hätte sie das Grauen erfasst. Im schlimmsten Fall hätte man sie entdeckt. Nein, sie zwang sich, einfach weiter ruhig liegen zu bleiben und keinen Mucks von sich zu geben.

Die Zeit schien stillzustehen. Wahrscheinlich lag Ygrid inzwischen schon Stunden auf einem Berg voller Leichen. Sie fragte sich, was mit den Toten (und letztlich auch mit ihr) geschehen würde. Ganz bestimmt würde man die Toten nicht im Lager belassen. Irgendwann musste doch nun endlich etwas geschehen!
‚Verbrennen! ‘, kam ihr plötzlich in den Sinn. Bestimmt werden sie ihre toten Gefangenen irgendwo verbrennen. Aber wo nur? ‚Bestimmt nicht im Lager‘, versuchte sie sich selbst zu beruhigen.

Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit spürte sie eine Bewegung. Es war, als setze sich ein Karren in Bewegung und glücklicherweise befand sie sich auf jenem Karren! Wohin würde man sie nun bringen? ‚Ganz gleich, wohin‘, dachte sie. Hauptsache, es gelang ihr auf diese Weise aus dem Lager zu kommen!
Zeige Beiträge 1 bis 20 von 52 Treffern Seiten (3): [1] 2 3 nächste »
Homepage des Imperium Romanum  |  Impressum
Powered by: Burning Board 2.3.6 © 2001-2003 WoltLab GmbH