[Scriptorium] Schreibstube des Praetoriums

  • Pitholaus klopfte zunächst und verharrte vor der Tür, bis er hereingerufen wurde. Er arbeitete meistens selbstständig. Sehr selten wurde er zu seinem Geld- und Auftraggeber gerufen, dessen Besitztümer er verwaltete. Ein Brief rief ihn nach Mogontiacum, also trat er vor kurzem die Reise an und heute, am ersten Tag seiner Ankunft, meldete er sich zum verabredeten Zeitpunkt.


    "Salve!" Er trat ein und schloss die Tür.

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    MAGISTER NAVIS - HERIUS CLAUDIUS MENECTRATES

    VILICUS - HERIUS CLAUDIUS MENECTRATES

  • Als sein Verwalter eintrat, schrieb Menecrates, und zwar die Verfügung mitsamt Testament ein zweites Mal. Während der Wartezeit fragte er sich, ob das Testament wohl seinen Zweck erfüllen könnte, falls der absolute Negativfall - sein Tod gepaart mit der Niederlage gegen den Usurpator - eintreten würde. Er konnte sich die Frage nicht mit einem 'Ja' beantworten, also vernichtete Menecrates die ursprüngliche Verfügung und setzte eine wortgetreu gleiche auf. Einziger Unterschied zur ersten: Das Datum korrigierte er und den Abschnitt 'in Vorsorge auf die kommenden Ereignisse' ließ er weg. Er passte nicht mehr.


    Der Text stand, das Datum fehlte noch.


    "Wann warst du noch mal gänzlich unerreichbar?" Um allen möglichen Schlichen des Enteigners den Wind aus den Segeln zu nehmen, wollte Menecrates diese Tatsache berücksichtigen.
    Noch bevor er eine Antwort bekam, stand für ihn der September DCCCLXI A.U.C fest. Er winkte ab und ritzte ein passendes Datum ein. Zu diesem Zeitpunkt lebte Valerianus noch, es gab also damals auch keine Enteignung des unrechtmäßigen Nachfolgers.


    "Prima! Folgendes Pitholaus. Du wirst ab sofort noch mehr Verfügungsgewalt von mir übertragen bekommen. Meine Grundstücke und ein erheblicher Anteil meines Barvermögens steht für befristete Zeit unter deiner alleinigen Verfügungsgewalt, denn ich werde während des Feldzugs nicht erreichbar sein. Nach dem Ende der Kriegshandlungen übernehme wieder ich die Führung, oder bei meinem Ableben mein im Testament eingesetzter Erbe. Das Schreiben ist auf den 01.09. zurückdatiert. Der Grund dafür ist für dich nicht von Belang und du erwähnst die Tatsache auch nicht. Niemals! Hier ist das Dokument."




    Treuhandvertrag


    Im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte verfüge ich:


    Mit dem heutigen Datum gilt folgender Treuhandvertrag, der sowohl im Falle meiner Unversehrtheit nach dem Feldzug als auch im Falle meines Ablebens seine Gültigkeit verliert.
    Ich übertrage heute befristet, aber ebenso vollständig das Eigentum und sämtliche Rechte über meinen gesamten Grundbesitz und über ein Barvermögen von 100.000 Sesterzen an meinen Verwalter Pitholaus Plato.


    Im Falle meiner Unversehrtheit fällt oben aufgeführtes Eigentum in Gänze wieder an mich zurück. Im Falle meines Ablebens treffe ich folgende testamentarische Verfügung:




    Testament


    Ich berufe für die bis dahin in Treuhand geführten Grundstücke sowie meine in Treuhand geführten und alle weiteren Ersparnisse meinen einzigen noch lebenden Sohn, Galeo Claudius Gallus, als Erbe.
    Er ist verpflichtet, jedem Familienmitglied, das die Kriegswirren übersteht, einen Pflichtteil von 5.000 Sesterzen auszuzahlen.
    Meine Sklaven erhalten zum Zeitpunkt meines Todes die Freiheit.




    Mogontiacum, KAL SEP DCCCLXI A.U.C. (1.9.2011/108 n.Chr.)


    [Blockierte Grafik: http://img259.imageshack.us/img259/4645/siegel.gif]  H. Claudius Menecrates



    edit: Brief nachträglich unkenntlich gemacht

  • Pitholaus nahm das Schriftstück und las es sich durch. Es trug zwar ein Siegel, aber innen und nicht zum Zweck der Versiegelung. Sonst hätte man es ja nicht zum Lesen und Prüfen vorzeigen können, sofern einmal nötig.


    "Wenn ich mir eine Feststellung erlauben darf...Ich kann mir denken, warum das Datum nicht eben taufrisch ist. Bleiben Inhalt und Datum so wie sie jetzt sind, dann könnte der Eindruck entstehen, dass du zum letzten 01.09. einen Feldzug geplant hattest. Was wiederum bedeuten würde, du hättest einen Feldzug gegen den Kaiser Valerianus geplant, denn der lebte zum damaligen Zeitpunkt noch." Pitholaus konnte zwar auf keine wohlhabende Familie oder einen nennenswerten Rang zurückblicken, aber auf den Kopf gefallen war er nicht. Seiner Klugheit verdankte er die gut bezahlte Anstellung bei dem Claudier.

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    MAGISTER NAVIS - HERIUS CLAUDIUS MENECTRATES

    VILICUS - HERIUS CLAUDIUS MENECTRATES

  • Menecrates seufzte, sah aber den Einwand ein. Er zog den Brief zu sich, überlegte zunächst, ob er den unpassenden Text einfach durchstreichen sollte, verwarft dann aber diesen Gedanken. Eine nachträgliche Änderung würde nachvollziehbar sein und eventuell das Vorhaben sabotieren.


    Voller Ungeduld schreib er den ganzen Kram noch einmal ab. Seine Schrift wurde schwer leserlich, aber Kenner der Handschrift würden sie entziffern können. Anschließend übergab er das Schreiben seinem Verwalter und entsorgte den fehlerhaften Entwurf.



    Treuhandvertrag


    Im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte verfüge ich:


    Mit dem heutigen Datum gilt folgender Treuhandvertrag, der sowohl im Falle meiner Unversehrtheit im Jahr DCCCLXIII A.U.C. (2.6.2013/110 n.Chr.) als auch im Falle meines Ablebens seine Gültigkeit verliert.
    Ich übertrage heute befristet, aber ebenso vollständig das Eigentum und sämtliche Rechte über meinen gesamten Grundbesitz und über ein Barvermögen von 100.000 Sesterzen an meinen Verwalter Pitholaus Plato.


    Im Falle meiner Unversehrtheit fällt oben aufgeführtes Eigentum in Gänze wieder an mich zurück. Im Falle meines Ablebens treffe ich folgende testamentarische Verfügung:




    Testament


    Ich berufe für die bis dahin in Treuhand geführten Grundstücke sowie meine in Treuhand geführten und alle weiteren Ersparnisse meinen einzigen noch lebenden Sohn, Galeo Claudius Gallus, als Erbe.
    Er ist verpflichtet, jedem Familienmitglied, einen Pflichtteil von 5.000 Sesterzen auszuzahlen.
    Meine Sklaven erhalten zum Zeitpunkt meines Todes die Freiheit.




    Mogontiacum, KAL SEP DCCCLXI A.U.C. (1.9.2011/108 n.Chr.)


    [Blockierte Grafik: http://img259.imageshack.us/img259/4645/siegel.gif]  H. Claudius Menecrates


  • Eigentlich lag die Verabschiedung bereits hinter ihnen, als Menecrates noch ein großartiger Einfall kam.
    "Stop! Da wäre noch was", rief er, um Pitholaus zurückzuhalten. "Das Problem, das ich sehe… Es ist schlicht nicht möglich, dass du sämtliche Dokumente, die Eigentumsurkunden, die Verträge und das vermögen fortwährend bei dir rumträgst. Ich hatte zunächst gedacht, du verwaltest, schließlich bist du ja auch mein Verwalter, aber wenn die einmal anfangen und eine Razzia - hier oder in Rom oder auf meinem Besitz in Neapolis, Sulmo usw. - machen, dann kann trotz aller Umschreibung alles konfisziert werden. Möglicherweise zerreißen Prätorianer sogar mein Testament und diesen Treuhandvertrag." Er hielt inne, um zu klären, ob er völlig überreagierte oder nur realistisch urteilte, kam aber zu keinem Ergebnis.


    "Es ist ja auch völlig egal, ob und wie was eintrifft, ich sorge einfach vor. Du bringst alle wichtigen Dokumente und das Vermögen außer Landes. Und zwar außerhalb jeglichen Landes. Du reist mit dem Vermögen, kaufst in Italia ein Schiff und bringst dich mitsamt allem Wertvollen in Sicherheit. Du kreuzt so lange, bis sicher ist, dass der Bürgerkrieg ein Ende hat. Ich werde deine Frau so lange bei mir behalten. Betrachtete es als Pfand, wir sprechen hier über Reichtümer. Du bekommst sie im Austausch für das vermögen zurück, zusammen mit einer ordentlichen Entschädigung, nach der du ausgesorgt hast und deine Kinder gleich mit."
    Menecrates überlegte, ob er etwas vergessen hatte.
    "Ach ja, vielleicht noch das: Ab sofort stelle ich dich außerdem ganz offiziell als Magister Navis ein. Und jetzt, viel Glück und der Götter Hilfe und Wohlwollen!"

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