Magistratische Mittagspause

  • Kurz kitzelte die verbliebene Haarsträhne ihre Nase, dann wurde auch diese von ihrer Hand eingefangen, ein recht geübter, energischer Griff, der verriet, dass sich gerade solches öfter zuzutragen schien und sie die Selbständigkeiten ihres Haars bereits gewöhnt war. "Du hast meine Erwartungen sogar übertroffen, denn ich muss gestehen, ich hätte nicht erwartet, dass ein Patrizier mir eine höfliche und umfassende Antwort zu geben bereit sein würde. Aber Du hast einer Frau, einer Plebejerin noch dazu, so höflich und ernst geantwortet, als hättest Du Deinesgleichen vor Dir. Es war einer der Gründe, warum ich Dir meine Stimme gab, als die Wahl anstand."
    Auch jetzt gab es keinen Grund, die Wahrheit zu verhehlen, und sie wusste, er würde sie verstehen. Zwischen ihm und ihr gab es Welten, und es würde diesen Abstand nicht ändern, wenn man ihn verleugnete oder verschwieg, egal wie sehr man noch versuchte, aus dem römischen Volk ein Volk zu machen. Es gab solche, die höher standen als andere.


    Die Worte über seine Mutter ließen sie hingegen von diesem Thema fortschweifen, und sie blickte ihn sinnierend und aufmerksam an. Von seinen Eltern hatte er bisher fast nie gesprochen, immer nur von seinem Großvater. Dies waren die ersten persönlichen Worte über seine Mutter, sie bemerkte es sehr wohl, und ihre Gedanken verloren sich für einige Momente. Was für eine bittere Erinnerung musste es sein, wenn er diese Menschen, die wichtigsten im Leben eines Kindes, eigentlich nie erwähnte? Es musste etwas Schreckliches geschehen sein, das ihn dies so verschließen ließ. "Mein Vater sagte mir stets, ich dürfe meine Ahnen nicht vergessen, was immer ich auch täte, und wenn Deine Mutter stolz darauf gewesen wäre, dass Du Consul wirst, dann ist es doch ein Grund mehr, diesen Weg zu beschreiten. Es liegt Dir im Blut."


    Genau wie es vielen anderen Familien im Blut gelegen hatte, über Generationen hinweg Consulare, sogar Kaiser zu stellen, was sollte ihn scheitern lassen? Sie blickte auf sein Amulett und griff selbst an das Lederband um ihren Hals, um den zierlichen, geschnitzten Holztaubenanhänger herauszuziehen und ihm zu zeigen. "Ich bin mir sicher, dass Deine Mutter nur das Beste für Dich wollte, als sie Dir dies gab - wie auch mein Bruder, als er mir einen Talisman schnitzte." Lächelnd nun blickte sie ihn an und just in diesem Augenblick rutschte die Haarsträhne wieder hinter ihrem Ohr hervor und wand sich im Seewind hin und her.

  • Als die zweite Strähne von ihr zurechtgerückt wurde, bedauerte er es kurz, aber er liess sich nichts anmerken, stattdessen ging er auf ihre Äusserungen über ihren Standesunterschied ein.


    "Warum sollte ich nicht ernsthaft auf deine Frage antworten, denn sie hatte wahrlich Substanz und Bedeutung. Und danach soll man eine Frage beurteilen und nicht nach dem sozialen Status des Fragenden." Er lächelte verschmitzt und überlegte dabei, wie er wohl auf eine andere Frage reagiert hätte. Und es zeugte auch von der Offenheit, die er zu ihr hatte, das er seine Gedanken laut aussprach. "Wenn du mich gefragt hättest, welche Farbe ich für meine Toga bevorzugt hättest, oder ob ich lieber Puls oder Bohnenbrei habe,.. du hättest der Imperator selbst sein können, ich hätte deine Frage mit einer vernichtenden Antwort gewürdigt... Ein Stand ist geerbt, doch es ist die Persönlichkeit, die einen Menschen ausmacht."


    Und wenn sich seine Standeskollegen sich auch einer Frau und Plebejerin gegenüber abfällig verhielten, er tat es sicher nicht, nicht ihr gegenüber. Und er wusste, was er selbst von den meisten Männern seines Standes hielt und die wenigsten hielten seinem Standard stand.


    Er spürte in ihren Worten, in ihrer Gestig das sie en Vertrauen in ihn hatte, in seine Fähigkeiten, ein Vertrauen das über das hinaus ging, das er selbst in sich hatte. Er war Soldat, Offizier und vielleicht mal ein Feldherr. Doch Consul ? So hatte er sich wirklich nie gesehen.


    "Das, was dein Vater dir sagte, meinte mein Grossvater auch stets zu mir und immer bemühe ich mich ihnen zu folgen. Doch sie sind Soldaten...."
    An dieser Stelle machte er eine kleine Pause, bevor er fort fuhr. "...Sie starben im Dienst, oder begnügten sich mit einem Kommando in der Legio." Vielleicht würde er es zu mehr bringen,... doch allein ?


    Dann offenbarte sie etwas, über das er schon desöfteren gerätselt hatte. Um ihren Hals trug sie diesen einfachen Anhänger, das Symbol ihrer Gens, geschnitzt aus einfachen Holz. Und es war ein Andenken an ihren Bruder, nicht an ihren Mann und irgendwie erleichterte ihn der Gedanke. Doch das veriet er nicht, er sprach weiter über seine Mutter und den Tag ihres Todes : "Es war meine Amme, die mir dieses Amulett gab, am Tag, als meine Mutter ins Elysium einzog,... und ich muss gestehen, meine Amme kannte ih besser und viel länger als meine Mutter. An sie habe ich nur wage Erinnerungen..."


    Und da war sie wieder, die Strähne, die ihr Gesicht umspielte,... und zog ihn in ihren Bann,... So beachtete er nicht Ajax, der sich dem Pferdekarren fast genähret hatte.

  • Bei seiner Bemerkung über Fragen, die er nicht beantwortet hätte, lachte sie leise auf. "Also wirklich, solche Fragen stellt man doch auch keinem Kandidaten. So etwas interessiert in der Politik doch auch niemanden, und ich würde, wäre ich an Deiner Stelle auf der rostra gewesen, wohl auch jeden erbarmungslos zerpflückt haben, der mir eine solche, dämliche Frage gestellt hätte. Es ging bei den meisten Reden ohnehin viel zu wenig um wirkliche Politik und viel zu viel um irgendwelche Grabenkämpfe oder das Geschlecht einer der Kandidatinnen. So bringt man doch das Imperium nicht voran." Sie schüttelte kurz den Kopf, aber sie wollte sich auch die angenehme Stimmung im Gespräch mit ihm nicht durch politische Erwägungen verderben lassen, darüber hatte sie schon oft und lange genug nachgedacht.


    Sachte legte sie die Rechte bekräftigend auf seinen Unterarm, wo schon die andere Hand ruhte, und meinte entschieden: "Wenn Deine Ahnen Soldaten waren, und Du das soldatische Leben gelernt hast, bis es Dich schließlich zum Tribun geführt hat, dann hast Du doch längst bewiesen, dass Du Deinen Ahnen ebenbürtig bist und Du fähig bist, so zu leben, wie man es von Dir erwartet. Vielleicht ist es an der Zeit für Dich, aus dem Schatten deiner Ahnen zu treten, und als das, was Du bist, auch für Deinen Sohn mehr zu erreichen, als sie erreicht haben - und gleichzeitig Deine Mutter damit glücklich zu machen," meinte sie sinnierend und betrachtete abermals sein Amulett nachdenklich.


    "Dass Du Deine Amme besser kanntest als Deine Mutter, wundert mich nicht. Ich hatte als kleines Kind auch mehr mit meiner Amme zu tun als mit meinen Eltern, und erst, als ich heranwuchs, wurden meine Eltern mehr Teil meines Lebens. Deine Mutter wurde Dir nur zu früh genommen, aber ich bin mir sicher ... dass sie über Dich wacht." Sie blickte langsam zu ihm auf und ihre Gedanken verloren sich. Wie mochte er wohl aufgewachsen sein, als der einsame Sohn toter Eltern, in der strengen Zucht eines Großvaters, der mehr Soldat war als Vaterersatz? Dagegen war ihr Leben sehr harmonisch und voller Wärme gewesen ...

  • Ihr leise Lachen berührte ihn und erfreute ihn, er genoss es einfach, dieses warme Lachen zu hören. "Du weisst, wie ich das meine, Helena," ganz selbstverständlich liess er ihren Nomen gentile weg, er grinste verschmitzt, "Ich habe es natürlich überzeichnet." Doch es sollte nun genug sein mit der Politik, mit dem Gezeter manch verbohrter Köpfe auf der Rostra. Er wusste ja, das auch Helena sich mit dem Gedanken trug, den Weg in den Cursus Honorum zu beschreiten und er wusste auch, mit welchen Gepöbel des Pöbels, der sich auch noch Patrizier nannte, sie sich rum schlagen müsste. Er wusste nur, er würde dabei sein, ihr stets seine Unterstützung zur Verfügung stellen und hoffte auch , das sie wusste, das sein Angebot mit vollem Ernst ausgesprochen wurde.


    Als sich ihre Rechte zu ihrer Linken auf seinem Unterarm legte, liess er das Amulett in seiner Hand fallen, so das es nun über seiner Tunika lag und legte seine Hand safte auf ihre Hände. "Es ist ja nicht nur die Tradition meiner Ahnen, die mich davon abschreckt, die Prätur oder das Consulat anzustreben. Ich bin einfach zum Soldaten erzogen, ich fühle mich wohl im Castellum mit seiner Ordnung, Rom hingegeh ist einfach das Chaos." Er lächelt leicht, es tat gut so reden zu können. "Aber du hast recht, vielleicht ist es Zeit, mehr zu tun und ein anderes Schlachtfeld zu betreten."
    Er blickte ihn ihr Gesicht, das Gesicht einer jungen Frau aus einer Familie mit einem grossen Namen, die grosse Männer hervorgebracht hatte, ähnlich wie die Familie seiner Mutter,... Und doch waren die beiden sich so unähnlich...
    "Meine Mutter starb, ich war vielleicht gerade erst mal 6 jahre alt. Ich weiss nicht woran sie starb, aber Mara, meine Amme meinte stets, das sie zu sehr die Villa in Roma vermisst hatte, in der sie aufgewachsen war..." Doch war nicht eigentlich nicht Mara fast so wie seine Mutter gewesen ? "Ich denke, beide werden über mich wachen und so möchte ich es auch, auch wenn meine Mutter eine Patrizierin war und meine Amme eine Sklavin."
    Er schmunzelt, lenkt das Thema von sich zu ihr : "Du bist in eurer Casa in Tarracvo aufgewachsen ?" Er hat mehr von sich erzählt, als zu vielen anderen, zu gerne würde er auch noch mehr von Ihr erfahren.

  • Kurz überlegte sie, wie wahrscheinlich es wohl war, dass ein Kandidat wirklich eine solche Frage gestellt erhielt - und kam zu dem Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit im heutigen Rom sehr erschreckend hoch war. Zumindest traute sie diese Art der Befragung doch so manchem zu, das bisherige politische Leben in der urbs aeterna hatte sie so manches positive Bild vergessen lassen, das sie über die Jahre hinweg aus der Ferne aufgebaut hatte. Der warme Klang seiner Stimme beschäftigte vielmehr ihre Gedanken, und sie mochte dieses freie Lächeln, das nun seine Züge erhellte. Es stand ihm ausserordentlich gut und sie wusste sehr wohl, dass sie es wahrscheinlich in der Zukunft nicht mehr oft zu sehen bekommen würde - wann hatte man schon die Gelegenheit, sich innerhalb der Gesellschaft zu bewegen und alleine miteinander zu sprechen, ohne Anstoß zu erregen? Umso mehr wollte sie die Augenblicke für sich bewahren, die sie noch teilen konnten.


    "Vielleicht ist es gerade die Herausforderung, ein größeres castellum in Ordnung zu bringen als das einer Legion," überlegte sie lächelnd. "Ich hätte vor einer Weile auch nicht gedacht, dass ich einmal magistratus einer Stadt werden würde, und doch ist es geschehen. Letztendlich funktioniert alles nach demselben Prinzip: In einen Haushalt Ordnung zu bringen ist genau dieselbe Arbeit wie in einer Stadt, nur dass die Stadt aus mehr Variablen besteht. Kennt man sie erst alle, kommt man damit zurecht - und in Rom ist einfach alles viel größer. Aber ich bin mir sicher, dass ein Mann, der Legionäre aus allen Ecken des Imperiums zur Ordnung bringen kann, sich auch in Rom gut schlagen wird. Es ist alles eine Frage der Organisation und natürlich auch der Kraft, die Du aus der Hilfe anderer schöpfen können musst." Sie klang seltsam zuversichtlich, denn gerade über diesen Punkt hatte sie lange alleine nachgedacht, als sie zur Magistrata berufen worden war - ob sie es schaffen würde und konnte. Letztendlich musste man den riesigen Berg Arbeit in kleine Häppchen unterteilen, um dann wieder Land zu sehen.


    "Du hast sie eben beide geliebt," sagte sie leise und schenkte ihm ein warmes, offenes Lächeln. "Allzu viele Männer vergessen ihre Ammen mit den Jahren, und ich bin froh, dass Du nicht zu ihnen gehörst." Es sprach für ihn, dass er dies offen zugeben konnte, und sie nickte zu seinen Worten. "Nicht nur. Meine ersten Jahre verbrachte ich in Rom, dann zogen meine Eltern nach Tarraco um, wo ich lebte, bis ich verheiratet wurde - dort ist auch mein Bruder Constantius aufgewachsen, wie auch meine anderen Brüder. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, erinnere ich mich vor allem an die hispanische Sonne und den Geruch der Felder in der Nähe der Stadt. Es war eine so friedliche Zeit ohne Sorgen - ausser wir hatten etwas angestellt, natürlich." Das verschmitzte Lächeln mochte ihm verraten, dass dies nicht allzu selten der Fall gewesen war.

  • Irgendwie blieb dieser Satz, natürlich auch der Kraft, die Du aus der Hilfe anderer schöpfen können musst`, von ihr ihm Gedächnis hängen. Noch wusste er nicht warum, denn es war doch eindeutig und klar, das man, in verantwortungsvoller Position Arbeit deligieren musste, um daraus Kraft zu gewinnen. Doch etwas löste dieser Satz in ihm aus, auch wenn er nicht genau wusste was und zu welchem Entschluss es ihn führen würde.


    "Eine Stadt zu Führen erfordert sicher eine andere Art der Führung als ein Castellum," meinte er lächelnd," das hattest du schon einmal erwähnt. Und die Politik erfordert noch andere Methoden. Weisst du, Helena, es ist weinger die Menge der Arbeit, die mich scheuen lässt, denn die Art der Arbeit. Ich bin es gewohnt direkte Kommandos zu geben oder zu empfangen, Und das in einem Ton, der sehr direkt ist, für Civilsten vielleicht sogar verletztend und ich so den Wähler vor den Kopf stosse. Doch so bin ich nun mal, und ich möchte mich nicht, nur um ein paar Stimmen zu buhlen, verbiegen." Seine worte waren mit grossem Ernst und sorge gesprochen, denn es waren wirklich seine grössten Bedenken. "Ich nun mal ein Mann des direkten Angriffs, nicht der feigen, hinterhältigen Intrige."


    Kurz dachte an den Tag, an dem seine Mutter gestorben war, wie er heulend im Stroh sass und Mara ihn gefunden hatte. Es war ein Tag, den er nie vergessen würde, genauso wenig, wie jenen, an dem er alle sterben sah, in Gallien, seinen Grossvater, dessen Centurio, Mara,... Einem Moment schweigt er, sein Blick schweift über das Meer und vor seinen Augen erscheint das lodernde Feuer der brennenden Casa Rustica vor seinen Augen. Doch gerade jetzt will er nicht daran denken, sich nicht die Stimmung vermiesen lassen, so verdrängt er diese Gedanken mit einem Kopfschütteln und wendet sich dann wieder seiner Begleiterin zu, wobei sich sein Gesicht wieder aufhellt und gerade ihr schmitztes Lächeln lässt ihn auch wieder lächeln, so lächeln, das es in seinen Augen aufblitzt.


    "Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen," grinst er leicht schmunzelnd, "das DU etwas angestellt hast, sicher warst du ein sehr braves Mädchen. Deine Brüder vielleicht, aber nicht du." Während er spricht, wird ihm klar, das schon der Nachmittag heran gebrochen ist und das sie doch nur ein Mittagspause hatten machen wollen und auch selbst müsste bald wieder nach Roma aufbrechen. "Ich denke, wir sollten uns langsam auf den Weg zurück machen, sonst denken die Bürger noch, ich wolle ihnen ihre Magistrata stehlen." Auch wenn seine Worte scherzhaft gemeint sind, er bedauert es, das sich so ihr zusammen sein bald dem Ende nähern würde.

  • Sinnierend nickte sie zu seinen Worten über die verschiedene Führung einer Stadt und eines Castellums, denn damit hatte er sicher Recht. Soldaten waren darauf gedrillt zu gehorchen, Zivilisten nicht, und da lag das größte Problem. Zivilisten musste man überreden, man musste um sie werben und sie langsam durch eine Mischung an Strenge und Freundlichkeit dazu bringen, was man wollte, zumindest funktionierte das meistens. Die klassischen Punkte der Menschenführung allerdings würden sowohl beim Heer als auch in der Stadt benötigt werden, und das war für sie der entscheidende Punkt.


    "Du hast eine sehr direkte Art, das ist wahr, und neben all den freundlichen Lügen der römischen Politik empfinde ich das als sehr erfrischend," meinte sie mit einem ermutigenden Lächeln auf den Lippen. "Aber die Dinge, die Du haben willst, in Worte zu kleiden, die auch allen schmecken, ohne dass sie allzu sehr anstoßen, wirst Du sicherlich sehr bald lernen. Manchmal genügt nur eine etwas variierte Formulierung und Du erreichst genau dasselbe wie mit dem soldatischen Ton, den Du hoffentlich nie vollkommen verlieren wirst, denn das ist es, woran sich alle Männer stets erinnern werden, die jemals bei der Legion waren und nun unter dem Wahlvolk stehen. Dieser Tonfall könnte Dir unter Umständen sogar Vorteile gegenüber Kandidaten bringen, die von ihrer Art her eher dem Müßiggang zugewandt sind - denn er verrät Dich stets als das, was Du bist und wofür Du stehst. Dass Du ein Soldat bist, ist nicht zu übersehen oder zu überhören," meinte sie schmunzelnd und zwinkerte ihm zu.


    Für einige Momente lang wirkte er nachdenklich, fast gedankenverloren, aber als er wieder lächelte, hoffte sie, die richtigen Worte gefunden zu haben. "Glaube mir, ich war ein wildes Kind und habe meine Eltern oft genug zur Verzweiflung getrieben - und mein Bruder genauso. Die Wildheit scheint bei uns genauso vererbt zu werden wie eine hemmungslose Sturheit und eine Gier auf Meeresfrüchte," sagte sie vergnügt, um dann leise zu seufzen. Er hatte leider nur zu Recht, sie hatte ihre übliche Pause schon auf das weiteste Maß ausgedehnt, das es geben konnte. "Ja, leider ... die Akten werden mich schon sehnsüchtig vermissen," meinte sie leise und seufzte abermals. Alles Schöne musßte wohl irgendwann einmal enden.

  • So wendeten sie, und gingen den Strand zurück in Richtung Ostias. Darauf, das das Wetter noch einmal umschlagen würde und sie erneut untzer die Klippe flüchten müssten, darauf wagte er garnicht zu hoffen. So würde sich sicherlich ihr Beisammensein wohl oder übel bald zu ende gehen. Aber, der Moment war einfach zu schön, um ihn mit tristen Gedanken zu belasten. Stattdessen stellte er sich lieber die junge Helena als unbändigen Wildfang in der Casa Iulier in Tarraco vor und das war ein Gedanke, der ihn wirklich erfreute.
    "Dann habt ihr beide die Casa richtig auf den Kopf gestellt ? Da wäre ich gerne Zeuge gewesen," lachte er leise auf, " Was habt ihr denn angestellt ? Euch vor eurem Erzieher versteckt ? Oder dem Koch die besten Meeresfrüchte aus der Küche geklaut ?" Genau das konnte er sich gut vorstellen, die kleine Helena, die sich, zusammen mit ihrem Bruder, unter dem Tisch in der Küche versteckte, und immer wenn der Koch eine Meeresfrucht auf den Tisch legte, mit ihrer Hand danach angelte und ihre Beute mit ihrem Bruder teilte.


    "Bei uns war daran kaum zu denken, stets galt es den Drill und die Übungen des Centurios meines Grossvaters zu erfüllen. Wenn wir allerdings keine Lust hatten, dann haben wir uns versteckt. Und der einzig sichere Platz war eigentlich das Reich von Mara, die Küche. Da traute sich nicht mal der Centurio das Wort zu erheben." Dies gehörte zu den schöneren Erinnerungen, die er an seine Jugend hatte und das Lächeln blitzte in seinen Augen auf, als er sie ansah.


    Ajax, der mittlerweile bemerkt hatte, das seine Reiter die richtung gewechselt hatte, trabte von hinten an genau auf die Beiden zu. Er bremste erst kurz hinter ihnen ab und schob seinen Kopf zwischen ihre, schnaubte dabei laut, anscheinend um darauf aufmerksam zu machen, das er wieder da war. Dann liess er sich wieder etwas zurück fallen.

  • "Sagen wir, wir waren beide nicht besonders für die Regeln und Anweisungen unserer Eltern zu haben. In Tarraco gab es viel zu viel zu entdecken, um uns im Haus zu halten - und da ich mich um Constantius mit gekümmert habe, seit er auf die Welt kam, war unser Verhältnis immer sehr eng. Wahrscheinlich hat er sich all seine schlechten Eigenschaften von mir, zumindest fürchte ich das heute," meinte sie vergnügt und überlegte, ob sie ihm von den heimlichen Aktionen erzählen sollte, die sie mit ihrem Bruder immer wieder durchgeführt hatte. Aber manche Dinge musste er auch nicht unbedingt wissen, am Ende hielt er sie vielleicht wirklich noch für eine Wilde ohne jegliches Benehmen. "Die Stadt war einfach deutlich anziehender als jede mögliche Lektion unserer Lehrer oder das sticken und nähen. Manchmal glaube ich, wir haben unsere Eltern ziemlich zur Verzweiflung getrieben, aber mein Vater hat sich nie etwas anmerken lassen."


    Was er allerdings erzählte, ließ einen mitfühlenden Ausdruck in ihren Augen erscheinen. Ein Kind, das gedrillt wurde, was war denn das für ein Leben? Sie konnte sich so etwas für sich selbst nicht vorstellen und als er sprach, drückte sie sachte mit der Hand seinen Arm, als könnte ihn das über die erlittenen Kindheitsjahre hinwegtrösten, auch wenn sie sich sicher war, dass es nichts ändern konnte. "Wer traut sich schon, gegen eine gestandene Köchin anzutreten? Donna führte in unserer Küche zuhause auch immer ein strenges Regiment, aber sie hatte auch immer irgendwelches Zuckerzeug für uns übrig." Wieder veränderte sich ihr Gesichtsausdruck, wurde wärmer und weicher bei der Erinnerung, auch wenn sie Ostia bei jedem Schritt näher kommen sah, wie schon einmal das Forum beider Weg beendet hatte. Dass sich Ajax allerdings aufmerksamkeitsheischend zwischen beide drängelte, quittierte sie mit einem Lachen. "Er ist eifersüchtig, weil Du zuviel mit mir sprichst und zu wenig mit ihm," sagte sie lachend und blickte sich nach dem Hengst um. "Na komm schon, Du musst nicht hinter uns her laufen, mein Dickerchen," neckte sie das Tier und streckte die freie Hand nach dem stolzen Hengst aus.

  • Er hatte ja schon bemerkt, das Ajax Helena akzeptiert hatte, was wahrlich keine Selbstverständlichkeit war, weigerte er sich doch in der Regel beharrlich andere Menschen an sich heran zu lassen. Doch nicht nur, das er sich Helena unbeschwert näherte, nein, er schnaubte noch zufrieden, als sie ihre freie Hand nach Ajax ausstreckte, trabte vor, direkt neben sie und Stubste sachte ihre Hand an. "Ich glaube, er ist eher eifersüchtig auf darauf, das Du mit mir sprichst und nicht mit ihm," meinte er mit einem schelmischen Grinsen auf den Lippen, während sie lngsam weiter gingen, "Ich muss mir ja fast sorgen machen, ob er mich überhaupt zurück nach Roma trägt, oder nicht nicht lieber dir zur Curia folgt," ergänzte er lachend.


    Ihre Erzählungen aus ihrer Kindheit liessen ihn schmunzeln, er konnte sich Bildlich vorstellen, wie die kleine Helena und ihr Bruder ungesehen aus der Casa rannten und in den Strassen von Tarraco unsinn machten. "Ich denke, Kinder lockt immer das unbekannte einer Stadt," grinste er leicht, " selbst bei uns in Gallien, weit auf dem Land, war die nächste kleine Stadt immer ein Ziel, besonders zu Markttagen. Nur waren es gute funf Meilen bis dahin, daher waren wir darauf angewiesen, mit den Centurio oder meinen Grossvater dorthin reiten zu dürfen."


    Er musste bei der Erinnerung daran leise lachen. Ihm war der Ausdruck in ihren Augen nicht entgangen, als er von dem Drill in seiner Kindheit erzählt hatte, wahrscheinlich nahm sie an, das er glitten hatte, doch das hatte er nicht wirklich, es war hart gewesen, aber es hatte ihn geprägt und gestärkt, zu dem gemacht, was er war. Und er hatte viele schöne Erinnerungen an jene Zeit.


    "Es war am Tag vor dem Markt, Cato, Lucius und Ich freuten uns darauf mit reiten zu dürfen, mein Grossvater wollte mir ein Gladius kaufen," erzählte er lebhaft, die Erinnerung an jenen Tag nur zu gut im Gedächtnis, "doch irgendwie gerieten wir in streit, Lucius und ich, nichts ernstes, ein Streit unter Freunden, nur leider stiessen wir dabei eine Vase um, so eine riesige, aber wirklich hässliche." Er lachte leise. "Stell dir den Krach vor, der durch das Atrium hallte, den der Schrei des Centurios direkt danach. Lucius und ich rannten in die Küche, Mara blickte uns an, deutete unter Tisch und wir versteckten uns darunter. Gleich darauf kam der Centurio herein und hätte er uns erwischt, wäre der Stadtausflug gestrichen gewesen, aber Mara überzeugte ihn davon, das wir Jungs draussen waren und nichts mit der kaputten Vase zutun hatte." Das der Centurio dies nicht geglaubt hatte und nur ärger mit seiner Konkubine vermeiden wollte, vielleicht sogar dankbar darüber war, das er sie nicht bestrafen musste, liess er allerdings weg.

  • Lächelnd streichelte sie die Nüstern des Hengstes und griff schließlich nach seinem Zügel, um ihn mit sich zu führen, während sich ihr Blick wieder auf Tiberius Vitamalacus richtete. "Er ist ein Hengst, was wundert es Dich, dass es ihn immer wieder zum Weib treibt?" sagte sie lachend und blinzelte Ajax verschwörerisch zu. "Du solltest ihm demnächst eine rossige Stute gönnen und danach wird er Dir sicher wieder so sanft folgen wie ein Lämmchen, da bin ich mir sicher." Dass ein Hengst ab und an auch eine Stute brauchte, lag nun einmal in der Natur der Sache und diese Art von Wissen hatte sie schon als Kind erlangt und sah keinen Grund darin, darüber zu schweigen, hoffte sie doch, dass er wusste, wie diese Worte zu nehmen waren. Ajax schien durchaus mit ihrem Vorschlag einverstanden, schnaubte er doch unternehmungslustig. Fohlen aus seiner Erbreihe würden sicherlich nicht minder stattlich werden als der Hengst selbst, dachte sie und lächelte still vor sich hin.


    "Du gehörst also zur Spezies der gemeinen Vasenmörder," sagte sie schließlich grinsend und hob tadelnd den rechten Zeigefinger, mit Ajax' Zügeln kurz in der Luft wedelnd. "Na warte, solltest Du mich jemals ärgern, werde ich Deine Verbrechen auf der rostra aufdecken und dann wird Dich sicher niemand mehr wählen!" Der Gedanke allein ließ sie wieder lachen und sie schritt vergnügt an seiner Seite auf Ostia hinzu, das mit dem lockeren Thema langsam aber sicher ein wenig von seinem Schrecken eines beendeten Gesprächs verlor. Einige Fischer am Strand, die gerade ihre Boote umdrehten, um das Wasser auszukippen, welches sich beim Regenguss darin angesammelt hatte, blickten ihnen neugierig hinterher.
    "Aber solchen Unsinn hat wohl jeder einmal angestellt, da ist es gut, wenn es jemanden gibt, der einem ein wenig hilft und für einen da ist, damit man nicht dauernd nur bestraft wird."

  • Er lacht leise, während er in ihr wundervolles Lachen blickt und irgendetwas in ihm neidet seinen Hengst es, das Helena ihm über die Nüstern streicht. Doch das zeigt er nicht, sein Lächeln ist ist fröhlich, verschmitzt und fast frech. "Nun, bisher hat er eigentlich jeden von sich weg gedrängt, egal ob Mann und Frau, daher konnte ich ihn mir überhaupt leisten." Sein Blick geht kurz auf den Strand, hält ausschau nach ihren spuren vom Hinwrg, doch hier, wo sie gerade sind, hat der Regen alle Spuren hinweg gewischt. So blickt er wieder zu ihr, blickt kurz in ihre Augen, "Aber vielleicht sollte ich ihn wirklich zur Zucht nutzen, seine Nachfahren böten sicher gute Pferde für die Venata."


    Der Pferdekarren rauschte gerade an ihnen Vorbei, der Fahrer grüsst einige der Fischer in der Nähe und Quintus Tiberius Vitamalacus entgehen nicht die neugierigen Blicke mancher Fischer und er beugt sich zu Helena und flüstert leise. "Ich hoffe, das du nicht Opfer böser Gerüchte wirst, nur weil wir zusammen von der anderen Bucht kommen." Eben jener Bucht, zu der sie junge Liebespaare aufmachten. Doch sollte man sie für ein solches Paar halten ? Das war doch Schwachsinn... Oder etwas nicht ? Nein,... sicher nicht, bestärkte er sich


    "Vasenmörde?" Er musste lachen, "Ja, ich bekernne mich schuldig, ich war an dem Mord an der Vase beteiligt, obwohl Lucius der Haupttäter war." Er legte seine free Hand auf ihre auf seinen Arm, schüttelte leicht den Kopf. "Wenn du Lucius fragst, würde er wahrscheinlich sagen, ich sei Schuld. Und wir zwei würden wieder beginnen uns zu prügeln,... " Der Schalk in seinen Augen ist kaum zu übersehen bei diesen Worten, und verstärkte sich noch, als er fortfuhr, scherzhaft drohend : "Du kennst nun mein schlimmste Geheimniss, behalte es für dich, oder ich miuss Titus auf dich ansetzen." So drohend der Ton auch ist, Augen und Gestik sprechen eine ganz andere Sprache.

  • "Es wäre schade um das verschenkte Potential. Er ist kräftig, stolz, er hat eine gute Haltung und einen breiten Hintern, was will man von einem Pferd mehr haben?" meinte sie lächelnd und blickte kurz zu Ajax, der abermals schnaubte, als wolle er ihre lobenden Worte bestätigen. "Und er hat seinen eigenen Kopf, das finde ich fast noch wichtiger. Das macht das Reiten zwar schwieriger, aber er hat wenigstens Feuer." Ihr gefiel der Gedanke irgendwie, irgendwann vielleicht an einer Weide stehen zu können, um Ajax' wilden Nachwuchs zu begutachten, der als halbstarke Füllen wahrscheinlich schon versuchte, der Herr der Weide zu sein, um dann von den älteren Stuten belustigt mit den Köpfen geschubst zu werden, mit dem stolzen Vater dahinter, der dieselbe blasierte Miene zur Schau tragen würde wie er es bereits jetzt tat. Die Vorstellung ließ sie leicht schmunzeln, und sie dachte daran, wenn genug Geld im Haus war, wieder Pferde anzuschaffen, wie sie es früher in Tarraco auch gehabt hatten.


    Zu seinen geflüsterten Worten lächelte sie nur sachte. Hatte er Angst vor dem Gerede, das vielleicht kommen würde? Oder gefiel ihm etwa der Gedanke, mit ihr als ein Liebespaar angenommen zu werden? Zu gerne hätte sie in diesem Moment in seinen Kopf geblickt. "Wenn die Menschen reden, dann werden sie immer irgend etwas finden, um einen mit Schmutz zu bewerfen, in sofern - wir wissen, was geschah und ich denke nicht, dass wir uns deswegen irgend etwas vorzuwerfen haben, dass wir unter einer Klippe Schutz suchten und im Sonnenschein spazieren gingen, um zu trocknen. Ich für meinen Teil sehe darin nichts Verwerfliches." Das klang recht entschieden, und mit einem leichten Nicken bestätigte sie den Klang ihrer Worte noch einmal. Mochten die Leute doch denken, was sie wollten - sie hatte nichts unrechtes getan, sie waren beide verwitwet, sie musste ihre Pflicht der Familie gegenüber nicht mehr zwingend beweisen, und er ebensowenig. Dass er bereitwillig auf die Vasenneckerei eingng, ließ auch sie wieder vergnügt schmunzeln.


    "Na, das überlege ich mir aber noch. Wenn Du Deine Wahlversprechen nicht einhältst, dann werde ich alle schmutzigen Details zum Volkstribunen tragen und Deine Schande öffentlich machen, ich werde bald mit ihm verwandt sein," drohte sie scherzhaft zurück und lachte leise auf dabei. Allein der Gedanke, Florus von einem Vasenmord zu erzählen, war herrlich absurd, wie er wohl schauen würde, wenn sie ihm ein solches Thema auftischte?

  • Er überlegte im Geiste die Liste seiner Besitzungen, welche er Lucius zu Verwaltung überlassen hatte. "Wenn ich es richtig erinnere, gehört ein Gestüt nicht zu meinen Besitzungen, Vielleicht sollte ich Lucius mal darauf ansprechen... " Der Gedanke an eine Zucht von Pferden gefiel ihm, an einem ruhigen Tag die eigene Pferdeherde zu besichtigen. "In Gallien hatten wir eine Herde von fast Pferden, es war herrlich sie auf sich zu gallopieren zu sehen," schwelgte er wieder in Erinnerungen an die schönen Zeiten in seiner Jugend und Kindheit, "Man durfte nur keine Angst zeigen, sonder, mit wilden Gesten dem Leithengst Zeichen geben, darauf hin würde er die Herde an einem vorbei lenken."


    Ihre entschiedenen Worte zu möglichen Gerüchten erfreuten ihn, denn um seinen Ruf machte er sich keine Sorgen. Wenn es jemand wagen sollte, falsche Gerüchte über ihn zu verbreiten, würde er Massnahmen ergreifen. Allerdings, der Gedanke daran, das jemand ihren Ruf beschädigen könnte, auch wenn nichts passiert war, für das er oder sie sich schämen müssten, war für ihn unerträglich, vielleicht gerade weil nichts wirklich unmoralisch passiert war. Und hatte er eben scherzend gemeint, er würde Titus auf sie ansetzen, würde er erfahren, jemand würde Helenas Ruf beschädigen wollen, würde er ernst machen und jener Kreatur Titus vorbei schicken.


    Doch lieber setzte er das lockere Gespräch über seine Karriere als Vasenmörder fort. "Dann muss ich ja wirklich meine Versprechen einhalten, denn ansonsten muss ich mir eine Brandrede meines früheren Kommandeurs anhören und vielleicht kommen dann auch meine anderen Verfehlungen hoch,..." Er lachte auf und imitiert im folgenden, zwar mehr schlecht als recht, eine Brandrede des Volkstribuns, "Volk von Rom, glaub dem schmarotzenden Patrizier Tiberius Vitamalacus kein Wort, es ist ein schlimmer Mörder, zu seinen Lasten geht der Mord an einer Vase...."

  • "Meine Eltern hatten auch Pferde in Hispania, aber nur für den eigenen Bedarf, nicht zur Zucht - so etwas ist einfach sehr teuer, das ist dann doch eher etwas für Patrizier," meinte sie schmunzelnd und warf ihm einen amüsierten Seitenblick zu. Aber so war es eben, die Iulier hatten längst nicht mehr genug Macht und Einfluss, um sich den Unterhalt eines teuren Pferdeguts zu leisten. "Was meinst Du, welche Art Stute wäre das richtige für Ajax? Ich könnte mir ein schlanges Tier mit langen Beinen gut vorstellen, er gibt seine Kraft und seinen Stolz dazu und schon hast Du ein perfektes Fohlen, das Dir sicher von so manchem gierig aus den Händen gerissen wird." Ajax tänzelte etwas am Zügel umher, und auch wenn er nicht würde ahnen können, wovon sie gerade sprachen, er wirkte ausgesprochen aufmerksam und schubste mit den Nüstern seinen Herrn in den Rücken, als wolle er ihm sagen, dass er sich ruhig damit beeilen könnte, ihm eine Stute zu organisieren.


    Als Tiberius Vitamalacus dann auch noch den Volkstribunen Annaeus Florus so treffend imitierte, war es um sie geschehen und sie lachte schallend über die gelungene Imitation, dass ihr der Zügel fast aus der Hand gefallen wäre.
    "Man könnte meinen, Du kennst ihn sehr gut, das hat sich wirklich sehr echt angehört," kicherte sie und schüttelte den Kopf, ihn belustigt im Blick behaltend. Dass so viel Humor in dem sonst eher etwas steif und ernst wirkenden Soldaten steckte, hätte sie nun auch wieder nicht gedacht, aber das gehörte eindeutig zu den angenehmeren Überraschungen der letzten Zeit. "Aber eigentlich ist er ja ein netter Mann und dass er eine meiner Verwandten heiraten will, spricht ebenso für seinen guten Geschmack," erklärte sie lachend und noch immer im neckenden Tonfall. Immerhin waren die Iulierinnen, auch die adoptierten, durchaus einen Blick oder mehrere wert.

  • "Sehr viel war meinem Grossvater auch nicht geblieben, nur die Casa Rustica, die zwar recht gross war, aber denoch mit den Landsitzen in Italia sich nicht messen konnte." Er liess offen, warum dies so war, denn er mochte ihr zwar vertrauen, in einem Masse, wie er eigentlich niemanden sonst vertraute, aber dieses Kapitel seiner Familie, würde er so schnell nicht offenbaren, nicht einmal ihr. Stattdessen stubste er Ajax ein bisschen. "Immer mit der Ruhe, alter Junge, wir finden schon was für dich."


    Mit einem Schmunzeln wandte er sich an Helena. "Stell es dir nicht so einfach vor, Ajax hat seinen eigenen Kopf. Ich könnte ihn eine edle Stute, mit besten Ahnen und perfekter Eignung für die Zucht, doch er würde sie vielleicht sogar ablehnen. Er wird sich seine Stute selbst suchen, er wird wissen, welche am besten zu ihm passt." Und Ajax tat gut daran, dachte er sich, an seine, arrangierte Ehe. Er würde so etwas auch nicht mehr mit sich machen lassen, dessen war er sich sicher.


    Als sie zu lachen begann, musste er auch lachen, leiser als sie zwar, aber offen und fröhlich, es freute ihn, das sie so Lachen musste. Er hatte nicht gedacht, das er so etwas konnte, jemanden, eine Frau, zum Lachen zu bringen. "Er war mein Kommandeur in der IX. während des letzten Feldzuges in Germania, von ihm erhielt ich eine Phalera und ich habe seiner Tochter das Reiten beigebracht. Ich kenne ihn ein wenig, ja. Ich habe auch kurz seine Verlobte bei der Verlobung gesehen, eine charmante Frau." Er blickt zu ihr herab, lächelt freundlich und antwortet, zwar mit einen verschmitzten Lächeln auf den Lippen, aber mit vollem ernst: "Doch neben dir würde sie voll und ganz verblassen."

  • Wieder passierten sie einige Fischerboote, und diesmal kam der Anleger, der für die größeren Fischerboote benutzt wurde, gleichzeitig in Sicht und markierte den Übergang vom Strand zu einem Teil der Stadt, der vor allem von Händlern und ihren kleinen und großen Läden bevölkert war. Ostia rückte unbarmherzig näher, und mit der Stadt auch ihre Pflichten und der Stapel an Akten, der auf ihrem Schreibtisch auf eine Bearbeitung wartete. Sie seufzte innerlich, denn eigentlich war ihr gerade sehr nach einem freien Nachmittag in angenehmer Begleitung, aber sie wusste ebenso genau, dass das nicht möglich sein würde, egal, wie sehr sie es drehte und wendete.


    "Sie muss nur rossig sein, dann würde auch er nur seiner Natur folgen," meinte die Iulierin recht trocken zur Konstruktion ihres Begleiters und schmunzelte dann breit. "Diesen Vorteil - wenn man es einen Vorteil nennen will - der Pferde sichert das Überleben ihrer Art, würden sie sich nur Partner nach ihrem Geschmack wählen, gäbe es viele prachtvolle Tiere heute wahrscheinlich nicht." Was die Pferdezucht anging, waren ihre Ansichten ausgesprochen pragmatisch, hätte sie geahnt, dass er in diesem Moment auch an die Ehe dachte, hätte sie wahrscheinlich einiges anders formuliert. So überlegte sie hingegen, wie prachtvoll ein Fohlen de Ajax wohl sein mochte und ob es ein schneller Läufer werden würde.


    "Florus hat eine Tochter?!" Es klang überrascht, denn das hatte auch sie noch nicht gewusst. Hatten er und Andreia etwa Kinder, die sie vor der Öffentlichkeit geheim hielten, weil sie noch nicht vermählt waren? Oder stammte das Kind aus einer anderen, früheren Ehe? Aber Florus war Soldat gewesen, er hatte wohl eine lange Zeit über nicht heiraten dürfen. Reichlich überrascht blickte sie Tiberius Vitamalacus an, die Brauen erhoben, wenngleich sein Kompliment eine leichte, verlegene Röte auf ihre Wangen trieb. "Nicht doch, Du schmeichelst mir über alle Maßen. Andreia ist doch sehr hübsch und hat eine sehr freundliche Art - ich mag sie sehr gerne." Damit konnte sie jetzt so gar nicht umgehen, ein Kompliment, das sie aus heiterem Himmel überfallen hatte und dann auch noch so aufrichtig klang - ihr schien es, als müsste ihr Kopf vor Hitze brennen.

  • Wieder bewiess sie, wie pragmatisch und bodenständig sie denken konnte, sich nicht scheute die Dinge so zu benennen wie sie denn waren. Und während er mit einem Lächeln ansah, dachte er sich, das ihr gefallener Ehemann sicher glücklich in seiner Ehe gewesen sein musste, denn die meisten Frauen verstanden es nicht, wie es denn war in einem Castellum zu leben. Doch davon zeugte seine Miene nicht wirklich, er sprach weiter über Ajax.


    "Vielleicht ist das bei anderen Pferden so, aber Ajax ist da anders. Das war auch einer der Gründe, warum ich ihn kaufen konnte, denn er ignorierte die Stuten, die man ihm zu führen wollte und stattdessen wollte er eine Stute aus dem Nachbardorf. Doch leider waren die Besitzer seit langem verfeindet." Vielleicht waren die Menschen ja auch unterschiedlich, Während Lucius sich an jedes weibliche Wesen heran machte, hatte er selbst eigentlich nur Augen für seine Nova gehabt. Mittlerweile war Ostia unaufhörlich näher gekommen, bald würden sich ihre Wege trennen, doch schon jetzt verspürte er den Wunsch, sie wieder zu sehen.


    "In der Tat, er hat eine Tochter, eine sehr eigenständige junge Dame, fast eigentlich noch ein Kind, aber denoch bereiste sie allein Germanien und stand eines Tages in der Taberna vor dem Castellum. Aber ich glaube gehört zu haben, das sie ist nicht seine leibliche Tochter ist, sondern seine Ziehtochter," meinte lächelnd und sollte auch gleich ihre Fragen klären, denn natürlich musste es sie stutzig machen, wenn der zukünftige Ehemann ihrer Verwandten eine Tochter hatte und sie es erst im Gespräch mit einem Dritten erfuhr.


    Diese leichte Zurückweisung seines Komplimentes irrierte ihn erst, doch dann verriet ihr Gesicht und der leichte Farbton ihrer Wangen, das ihr doch gefallen musste und ihre Worte vielleicht nur ihre Verlegenheit überspielen sollte. "Helena," meinte er mit grossem Ernst, aber einem breiten Lächeln, " erinnerst du dich daran, was ich dir neulich darüber sagte, wie ich zu Komplimenten stehe : Ich pflege nur die Wahrheit zu sagen. Es stimmt, neben dir verblasst so manche Frau." Wahrscheinlich hätte Lucius gesagt `jede` Frau, aber das ging ihm selbst zu weit, schliesslich kannte er nicht jede Frau und Lucius auch nicht, auch wenn der viel mehr Frauen kannte.


    Er wollte gerade ansetzen weiter zu sprechen, da trat einer der Fischer an sie heran, die besten Stücke seines Fanges auf einem grossem Brett präsentierend, Brassen, Barben und Eschen. "Werter Herr, werte Dame, habt ihr interesse an meinem Fang ? Beste Waren die eurer Koch sicher zu Köstlichkeiten für euere Cena verwandeln wird, heute früh gefangen und schaut doch hier." Der Fischer deutete auf einen grossen Eimer mit Wasser gefüllt, in dem sich einige lebende Hummer tummelten.

  • "Ein erstaunliches Tier," meinte sie überrascht und blickte zweifelnd zu Ajax hinauf. Ein Hengst, der trotz der Reize einer rossigen Stute nicht auf diese ansprang, war schon ausgesprochen selten. Eigentlich hatte sie so etwas noch nie erlebt. Aber es erstaunte sie gleichzeitig auch nicht besonders, dass ein Mann wie er, der für einen Patrizier ebenfalls ziemlich aus der Art schlug, ein besonderes Pferd hatte. "Solange er irgendwann seine Traumstute findet und es dann einige Fohlen gibt, die seine Stärke und Schönheit vererbt bekommen, warum nicht," schloß sie das Thema schmunzelnd ab. Ein Hengst mit einem eigenen Kopf, was die Fortpflanzung anging, davon hatte sie wirklich noch nicht gehört, aber man lernte bekanntlich schließlich nie aus.


    "Ah, eine Ziehtochter," sagte sie sinnierend und war innerlich doch gewaltig erleichtert. Keine unangenehmen Affären, keine früheren Ehen, das klang doch vielversprechend. Wenigstens aus diesem Teil der Familie schien kein weiterführendes Problem zu erwarten sein, was sie ziemlich beruhigte. Es war schon schlimm genug, auf die Tochter ihres Onkels ein Auge halten zu müssen und dabei zu versagen. "Ich hoffe sehr, dass er mit meiner Verwandten glücklich wird, aber sie scheinen auch ein gutes Paar zu sein. Beide sind sehr freundlich, und ich denke, sie können sich gut ergänzen. Wenn er wirklich den Weg eines Senators dereinst einschlägt, wird er sicherlich eine starke Stütze zuhause brauchen, und sie wird ihm diese ganz bestimmt sein." Ihr Eindruck von Andreia war wirklich positiv und sie sah der Hochzeit mit einer großen Hoffnung entgegen.


    "Ich danke Dir ... und dennoch ist das eine höchst schmeichelhafte Wahrheit," erwiederte sie auf seine Worte und lächelte etwas, mit einer Hand ihre Palla zurecht zupfend, um ein wenig Zeit zu gewinnen. Es war ihr wirklich peinlich, dass er sie so lobte, nicht zuletzt, weil sie es nicht mehr so gewöhnt war. Titus war mit Lob sparsam gewesen, und ihre Eltern nicht minder, und die lockeren Schmeicheleien der Gesellschaft hatte sie auch bisher eher wenig erlebt. Der Fischer rettete sie glücklicherweise und sie warf einen sehnsüchtigen Blick in den Eimer mit den Hummern. Wie lange war ihr letzter her? Wahrscheinlich eine halbe Ewigkeit, eine so teure Spezialität kam im Haus der Iulier nicht auf den Tisch.


    "Heute kann ich Dir leider nichts abkaufen, aber wenn Du morgen wieder etwas anzubieten hast, sehe ich gern vorbei und nehme Dir einige Fische ab," erwiederte sie freundlich, aber durchaus bestimmt. Dieser Abend würde mit Bohnenbrei und Akten vorüber gehen, sie würde nicht nach Rom zurück reisen, sondern in Ostia bleiben müssen - und in dem kleinen Zimmer, das sie für die Übernachtung angemietet hatte, blieb kein Platz für ein offenes Feuer oder Kochgegenstände. Eigentlich war es seltsam, dass sie als Magistrata lebte wie ein einfacher Arbeiter, aber etwas in ihr sträubte sich dagegen, das sauer verdiente Geld für eine bessere Unterkunft herauszuwerfen, wenn es auch so ging.

  • Es war lange her, das er selbst Nahrungsmittel eingekauft hatte, selbst in der Legion hatte er es meist Titus überlassen, alles zu organisieren, was sie zum kochen brtauchten. Doch gerade in diesem Moment verspürte er den Wunsch, dem Händler seine Ware ab zukaufen, neben einigen Fischen auch die Hummer. Dann müsste er nur noch einen Kessel organisieren und dann zusammen mit Helena ein Stück Land einwärts reiten und dann irgendwo an einem schattigen Plätzchen den Hummer Kochen und die Fische braten, einfach so, ohne Prunk und Konventionen, einfasch nur den Tag geniessen. Doch es war nicht zu realisieren, er musste zurück nach Roma und sie zurück nach Ostia in die Curia der Stadt.


    So schüttelte er nur den Kopf zu dem Fischer und führte Helen aweiter in Richtung der Stadt. Ihm war der sehnsüchtige Blick Helenas zu den Hummern nicht entgangen, irgendwie hätte gerne ihr diesen Wunsch erfüllt, doch wie hätte er das tun können. Doch er wusste schon, was es demnächst in der Villa Tiberia zu speisen gebeben würde, wenn sie seine Einladung denn annehmen würde.


    Langsam schritten sie weiter in Richtung Ostia, er schwieg dabei, sah nur hier und da mal links und rechts, auf das Treiben der Fischer am Strand, doch die meiste Zeit blickt er zu Helena herunter, lächelt dabei. Er geniesst diese Momente mit ihr, möchte einfach die letzten Momente dieses Nachmittags mit ihr nicht mit sinnloser Plauderei verschwenden, sondern einfach ihre Gesellschaft geniessen. So geht er langsam, aber nicht zu langsam, auch wenn es den baldigen Abschied von ihr bedeuete, doch er ist entschlossen, sie bald wieder zu sehen. Auch wenn es unwahrscheinlich war, das sie sich ein drittes mal zufällig aufeinander treffen, er würde einen Weg finden sie wieder zu sehen.


    An der Porta zur stadt angekommen bleibt er stehen, dreht sich zu ihr und lächelt. "Nun ist es an der Zeit, das ich dich der Stadt Ostia wieder zu gebe, Helena," sagt er leise, blickt dabei in ihre augen.

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