[Ante Oppido] Rus Ducciorum

  • Hartwig:
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    Er spürte den Ärger kommen, als er sah wie sein Sohn die Gabel ins Heu warf und zu ihm herüberstapfte. Hartwig ließ es sich nicht anmerken, aber er behielt den Jungen indirekt im Blick, als dieser sich am Wasser bediente. Dann kam es... das 'Vater', dass jedem Mann, der sich diese Bezeichnung verdient hatte, sofort klarmachte wo der Hase lief.


    "Sohn.", antwortete der alte Hartwig daher mit derselben unerschütterlichen Ruhe, mit der er alles bedachte, was potentiell Ärger bedeutete. Er seufzte laut hörbar, als er hörte, was er schon so oft in den letzten Wochen gehört hatte, und weil er wusste, dass er genauso antworten würde, wie er es schon in den Wochen zuvor getan hatte: "Wie oft denn noch? Ich kann dich nicht entbehren. Wer soll mit mir die Ernte einbringen, wer beim Frühjahrswurf helfen? Du weißt sehr genau, wieviel Arbeit hier auf uns wartet. Und ich verstehe dich nicht. Diese Arbeit gibt uns Lohn und Brot, wir haben ein gutes Leben. Soll ich Thorgall bitten, die Hros zu verlassen? Er ist Vorarbeiter und bringt gutes Geld nach Hause. Und was ist mit Iring? Soll ich einen Jungen mit auf die Felder nehmen, der noch keine zehn Sommer gesehen hat? Oder Lanthilda?"


    Gutmütig, aber ein wenig tadelnd sah der alte Mann seinen zweitältesten Sohn an. Er konnte verstehen, warum es den Jungen nach mehr verlangte, aber gleichzeitig wusste er, dass die sichere Bank, die das Leben mit den Söhnen und Töchtern Wolfriks bot, keine war, die man allzu leichtfertig aufgab. Außerdem hatten sie eine Verpflichtung gegenüber jenen. Man konnte sich nicht einfach aus der Munt einer Sippe lösen, Kyn war immerhin Kyn.

  • Auch wenn diese Diskussion in den vergangenen Wochen schon mehrere Male geführt worden war, und er die Argumente ebenso oft und öfter gehört hatte: Wut stieg in ihm auf wie ein Gewitter aus einem Tal.


    "Aber... aber...", stammelte er, denn wenngleich er es gewohnt war sich zu streiten, so war es doch etwas anderes seinem Vater die Stirn zu bieten, "..das ist nicht gerecht! Thorgall sollte hier stehen und das Feld bewirtschaften. Und Iring wird nicht immer ein Kind bleiben, Vater! Und Lanthilda! Dieser junge Mann aus dem südlichen, der sich für sie interessiert könnte genauso gut auf die Ädalam ziehen.. oder wir könnten Lando bitten, mehr Knechte in der Erntezeit einzustellen, damit sie uns hier helfen können."


    Es war zum Haareraufen, und Sönke war kurz davor, das auch wirklich zu tun.

  • Hartwig:
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    Der alte Mann seufzte threatralisch, und begann dann einfach wieder damit, das Heu umzuschichten, auch wenn seine Bewegungen nicht ganz so energisch aussahen wie die seines Sohnes.


    "Du weißt genau, warum das nicht geht.", murrte er, während er wieder eine Forke voll Heu aufhob und sie an anderer Stelle ausschüttelte, "Ich werde mich nicht wiederholen. Und Lando ist tot, das weißt du. Du warst auf seiner Beerdigung, wie wir alle. Witjon ist jetzt der neue Mann in der Stadt. Wenn du ihn bitten willst, einen neuen Knecht einzustellen, nur weil du Soldat spielen willst, dann geh in die Stadt, und frag ihn."


    Dass er nicht die Absicht hatte, das Gespräch fortzuführen, war schon fast körperlich greifbar, und mit einem Murren wandte er sich nun vollends von seinem Sohn ab, um sich weiter der Tagesarbeit hinzugeben.

  • Das nur allzu bekannte Gefühl der Verbitterung und Enttäuschung wandelte sich binnen nur eines Augenblicks in das lodernde Feuer der Hoffnung. So sehr sein Vater sich dagegen sträubte, auch nur ein Argument zu benutzen, das nicht auf seiner Autorität als eben jener Vater und Vormund einer ganzen Familie lag, so hatte er doch gerade eben einen entscheidenden Fehler begangen: frag doch Witjon.
    Witjon war der neue Mann in der Stadt, nachdem Lando einen so heldenhaften und doch tragischen Tod gestorben war, dass Sönke beinahe schwindelig wurde, wenn er daran dachte wie sehr die Frauen der Casa, vor allem Eila, ihm zugejubelt haben mussten. Und wie groß die Trauer und Verzweiflung war, als das geschah, über das heute niemand mehr redete.
    Aber Witjon war ein anderer Mann. Lando hatte die Stadt zwar souverän im Griff gehabt, aber nie hatte er einen Hehl daraus gemacht, dass er mit dem römischen Militär nicht unbedingt freundliche Gedanken verband. Ganz im Gegenteil. Seine Schwester hatte ihm irgendwann verraten, dass Lando der Ansicht gewesen war, dass die Armee nur dafür gut war, die Söhne Wolfriks zu dezimieren. Aber nun war Lando tot, selber gestorben wie ein Soldat, was einer gewissen Ironie nicht unbedingt entbehrte.


    Witjon war der neue Mann. Sönke lächelte zufrieden als er sich zurück an die Arbeit machte. Lächeln, wie es nur jemand tat, der einen letzten Strohhalm sah, und seine vollständige Hoffnung auf ein für ihn gutes Ende auf diesen Strohhalm projizierte.


  • Dreck, überall Dreck. Die letzten heißen Tage des Jahres bedeuteten nichts anderes. Und Muskelkrämpfe, fette Schwielen an den Händen und schmerzende Gelenke. Von morgens früh bis abends wenn die Sonne unterging. Und warum das ganze? Um Garben zu binden. Eine nach der anderen, Feld um Feld.
    Sönke wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß aus dem Gesicht, und zog damit eine weitere Schliere flüssigen Drecks über sein Antlitz. Mit jeder Garbe die er eindrehte beförderte er mehr trockenen Staub in die Luft, der sich überall festsetzte: in den Kleidern, in den Haaren, auf der Haut. Sönke hatte das Gefühl, dass sich das Zeug selbst in ihm festsetzte. Es war einfach überall. Und dann dieser stete Trott... sein Vater ging vor und schnitt mit stoischer Routine mit einer Sichel durch, seine Mutter hinterher um die abgeschnittenen Stengel in ungefähr gleich große Portionen einzuteilen und Sönkes Teil war es schließlich den Packen zusammen zu drücken, sich mehrere lange Exemplare herauszusuchen und mit diesen eine passende und leicht zu transportierende Garbe zu binden.


    Schneiden, packen, binden. Schneiden, packen, binden. Sönke war es so leid. Aber die Nornen hatten es wohl nicht anders gewollt, sonst wäre er Sohn eines Bürgers geworden und könnte sich jetzt als Legionär verdingen.. was nicht stimmte, natürlich. Er war ja noch zu jung. Aber die Vorstellung an sich war schön. Als Legionär, vielleicht sogar als Optio, der mit kräftigen Männern jeden Tag die Sicherheit der Bürger um sie herum sicherstellt. Mit dicken Panzerplatten bewaffnet in einer unschlagbaren Kollonne in die Schlacht schreitet, das Schwert einsatzbereit gezügt mit dem Blick starr über den Schildrand.
    Schneiden, packen, binden. Schneiden, packen, binden.
    Der Feind würde heran nahen, drohend, wild, ungeordnet. Und doch Todbringend. Und trotzdem würden sie furchtlos ihnen entgegenmarschieren, den Tod im Blick um letztenendes Ruhm und Glorie zu erlangen. Die Schwerter würden auf die Schilde geschlagen, mit jedem Schritt, ein gleichsamer Rhythmus der sie schließlich zum Sieg tragen würde.
    Schneiden, packen, binden. Schneiden, packen, binden.
    Der Centuro würde sie anfeuern, Worte der Motivation und des Ansporn schreien um mit ihnen gemeinsam in die Reihen des Feindes zu dringen, und sie schließlich zu sprengen. Blut würde spritzen, wütendes Gebrüll würde laut, und schließlich würden sich Angst und Panik in den Reihen des Feindes ausbreiten, weil die Legionäre geschlossen Schulter an Schuler stehen, undurchdringlich, unschlagbar.
    Schneiden, packen, binden.
    Und trotzdem, einer würde durchbrechen, Mord im Blick und Blutdurst in der Hand, wild um sich schlagend würde der Barbar seinen Weg durch die Reihen schlagen, bis er schließlich zum Legaten vordringen würde. Aber Sönke würde ihn aufhalten. Ja, ganz sicher, Sönke wäre der Held, der letztlich den großen Legaten vor dem sicheren Tod durch Barbarenhand rettet... Sönke würde in einem anstrengenden Kampf den Barbaren niederringen und den Legaten retten, um dann vom Kaiser selbst geehrt zu werden. Er, Sönke, Sohn eines Bauern! Er würde vom Kaiser belohnt werden! Und die Frauen würden zu ihm aufblicken, ja, das würden sie... vielleicht sogar... nein, ganz sicher... Elfleda und Eila... auch die kleine Naha... er wäre ihr Held! Er wäre der Held der Stadt! Vielleicht sogar der umliegenden Dörfer! Ja, das wäre er... er wäre...


    "SÖNKE!! SCHLÄFST DU???", bellte die Stimme seines Vaters in den Tagtraum hinein, der mit herzzereissendem Klang zerstob wie die Blase einer Lauge im groben Holzbottich, "MACH WEITER, WIR WOLLEN SCHLIEßLICH AUCH FERTIGWERDEN!!"


    ..er wäre der Held. Ganz, ganz sicher. Nach all dem schneiden, packen und binden.

  • Die Sonne stand noch nicht hoch am Himmel, als Witjon an diesem Tag auf Skagas Rücken stieg und die Ställe der Hros mit einigen Vorhaben im Kopf hinter sich ließ. Es war ein leicht windiger Septembertag. Der Himmel war hellblau, nur von wenigen gräulichen Wolken verhangen. Es roch stark nach Herbst, wenn die Baumkronen sich auch noch nicht zu färben begannen. Als die duccischen Getreidefelder in Sicht kamen, hatte Witjon bereits seinem Freund Ortwini und einem weiter außerhalb gelegenen Schäfergehöft einen Besuch abgestattet. Mit beiderlei Parteien hatte es Liefermengen abzuändern gegolten, was Witjon erfolgreich abgehakt hatte. Jetzt war die Sonne bereits ein gutes Stück am Firmament gewandert, als er seine Stute am Rand des Ackers zum Stehen brachte und seinen Blick schweifen ließ. Hartwig war mit seinem Sohn bei der Arbeit beschäftigt, mussten jedoch den herannahenden Hufschlag gehört haben. Zur Sicherheit stieß Witjon einen Pfiff aus, der ihm die gehörige Portion Aufmerksamkeit verschaffen würde. Derweil blieb er im Sattel sitzen, kostete er seine neue Position als Sippenführer doch von Tag zu Tag mehr aus, wenn er Umgang mit seinen Muntlingen pflegte. Nicht, dass er dabei arrogant oder hochnäsig wirken wollte, doch er machte sehr gut deutlich, wer der neue Führer der Söhne und Töchter Wolfriks in diesen Zeiten war. Gut, dass Elfleda ihn jeden Abend wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte, wenn sie ihn an seine Nichtigkeit erinnerte.

  • Hartwig:
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    Die Schelte für seinen mal wieder träumenden Sohn hatte er schon lange wieder vergessen. Man gewöhnte sich einfach daran, dass der Junge jede Stunde mindestens einmal in Gedanken auf fernen Schlachtfeldern weilte, und dabei die Arbeit schleifen ließ. Entweder reichte eine Schelte wie gerade eben, oder ein saftiger Schlag auf den Hinterkopf. Hartwig hatte gehofft, dass nach Sönkes letzten Versuch, sich irgendwie freizudiskutieren, Ruhe einkehrte. Natürlich hatte er sich getäuscht, die Absage Witjons hatte Sönkes Träumereien nurnoch verstärkt, und Hartwigs Verdruss im selben Maße zunehmen lassen.


    Sein Geist hatte schon lange die ruhige Monotonie seines Werks angenommen, ein kleines Lied summend strich er behende durch das reife Korn bis er schließlich von einem Pfiff aus seinem Takt geworfen wurde. Verärgert wandte er sich zu seinem Sohn um, der jedoch starrte ihn nur unschuldig an und deutete dann in Richtung des etwas entfernten Bruchwegs. Auf dem Witjon auf seinem Pferd hockte.
    Mit gerunzelter Stirn warf Hartwig die Sense ins Stroh und hieß seinen Sohn weiter zu machen, er hätte schließlich noch einen Abstand aufzuholen, den er sich durch seine Träumereien eingebrockt hatte.


    "Heilsa Witjon..", grüßte Hartwig den jungen Mann, "..was führt dich her?"

  • Hartwig unterbrach seines Arbeit und näherte sich Witjon artig. "Heilsa Hartwig," erwiderte dieser den Gruß seines Muntlings mit einem vergnüglichen Lächeln. Dem alten Mann würde es vermutlich überhaupt nicht gefallen, was Witjon zu sagen hatte. Der Arme, musste mit ansehen wie sein Sohn sich von der Arbeit abwendete, die Hartwig seit langen Jahren nun schon das Überleben sicherte. Witjon konnte sich denken, dass das so gar nicht im Sinne des Mannes war, der doch Bauer durch und durch war und es immer bliebe. "Hartwig, ich bin deines Sohnes wegen hier." Er verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln, das die Spur einer Entschuldigung hätte ausdrücken können, wenn man so wollte. Letztendlich war Witjon Sippenoberhaupt und wenn er befahl wurde gespurt. Also, sich schuldig zu fühlen dem alten Mann das Leben schwer zu machen brachte überhaupt nichts. "Ich habe Sönke das römische Bürgerrecht erkauft. Er will Soldat werden? Kann er haben. Hartwig, dein Sohn wird Legionär. Hier in Mogontiacum." Erwartungsvoll sah er den Mann an, bevor er eine Aufforderung hinterherschob. "Ruf ihn her, er soll es auch wissen."

  • Hartwig:
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    Eine Weile lang starrte der alte Hartwig den jungen Witjon nur ausdruckslos an, während in seinem Inneren sämtliche Reaktionsmöglichkeiten durchliefen. Letztendlich war der Mann doch schlau genug, sich nicht darüber aufzuregen, was hatte er denn für eine große Wahl?


    "Aha.", knurrte er daher nur einmal weniger vernehmlich, und blickte dann mit wutgefüllten Augen zu seinem Sohn.


    "SÖNKE!!! KOMM HER!!!"

  • Weitermachen. Der Mann war lustig. Wie sollte er weitermachen, wenn er ständig darüber nachdenken musste, warum Witjon auf einmal am Ackerrand auftauchte und nach seinem Vater verlangte? Würde er Hartwig von Sönkes Erscheinen erzählen? Das würde sicherlich Ärger geben; zwar hatte er seinem Sohn selbst vorgeschlagen sich bei Witjon um die Sache mit der Armee zu kümmern, doch ging er nie davon aus, dass man gegen seine Meinung handelte. Söhne hatten zu folgen bis sie verheiratet waren und selbst Söhne hatten. Dann konnten sie anfangen ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Vorher nicht.


    "SÖNKE!!! KOMM HER!!!", schallte die Stimme seines Vaters über den Acker, was ihn so erschreckte, dass der junge die Garbe fallen ließ an der er gerade arbeitete. Jetzt gab es sicherlich Ärger.. mit zögerlichen Schritten stapfte der Junge über den Acker und es dauerte seine Weile, in der Witjon und Hartwig ihn anstarrten, der eine mit gutgelauntem Lächeln, der andere finster dreinblickend. Nichts könnte ihn in diesem Moment nervöser machen.


    "Vater. Witjon."

  • Geduldig wartend stützte Witjon sich auf den Rücken seines Pferdes auf, um einmal ordentlich den Rücken durchzustrecken. Hartwig hatte nicht sonderlich begeistert geklungen. Wie sollte er auch? Er ahnte vermutlich, dass sein dummer Sohn jetzt auch noch die Bestätigung für seine lächerlichen Tagträume erhalten würde. Und Hartwig würde fortan ohne ihn auf den Feldern herumkrebsen müssen. Die Nornen waren mal wieder gut aufgelegt heute.


    "Heilsa Sönke," begrüßte er dann den jungen Mann, der nach etlichen stapfenden Schritten über den Acker zu ihnen herangetreten war. "Junger Mann, es gibt Neuigkeiten. Du bist jetzt römischer Bürger. Lasse mich wissen, wie dein lateinischer Name fortan lauten soll, damit ich ihn der Verwaltung übermitteln kann." Er hielt inne, um Gesagtes wirken zu lassen. Aber auch, um Luft zu holen für den finalen Schlag, der Sönke umhauen würde. "Sönke, du wirst zur Legion gehen. Allerdings nicht hier und heute. Dein Vater kann die Ernte hier ja nicht allein bewältigen, du wirst also noch warten müssen. Ich werde dir Nachricht schicken, wenn es soweit ist." Sein Lächeln war mittlerweile einer ernsten Miene gewichen. Das war jetzt kein Spiel mehr, kein Tagtraum. Sönke hatte bekommen was er wollte, sogar mehr noch. Wehe, wenn er das nicht zu schätzen wusste. Ein flüchtiger Seitenblick zu Hartwig verriet ihm, dass auch der alte Mann jetzt die Endgültigkeit dieser Sache erkennen musste.

  • "Marcus Marius Madarus!", kam es über Sönkes Lippen bevor er überhaupt darüber nachdenken konnte. So lange hatte er sich vorgestellt wie sein Name lauten würde, wenn er zu den Bürgern des Reichs gehören würde, so oft war Marcus Marius Madarus in seinen Träumen sturmschreiend in die Reihen der Feinde gerannt um sie alle nacheinander nieder zu machen. Dabei war hier alles auf seinen Traum von Legionärsleben geprägt: Marcus für Mars... Marius für Mars und den alten Feldherrn... Mars, Mars, Mars. Und Madarus weil es einfach nur unheimlich männlich klang. Marcus Marius Madarus. Der Dreiklang hatte was, war so rhythmisch. Wie die Trommeln, die einen in die Schlacht führten.
    "Marcus Marius Madarus soll mein Name sein!", wiederholte Sönke sternentrunken mit glasigem Blick. Sein Traum wurde wahr! Er würde zur Legion gehen! Nur noch eine Ernte! Nur noch eine Ernte würde er einbringen, dann würde sein Traum vom Legionärsleben in Erfüllung gehen!

  • Hartwig:
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    Auch wenn Hartwig nicht unbedingt der emotionalste Mensch der Welt war, das hier wühlte ihn dann doch auf. Die euphorische Reaktion seines Sohnes strafte sämtliche Standpauken der Vergangenheit lügen, letztendlich obsiegte der Sohn über den Vater. Das KONNTE er nicht einfach so hinnehmen.


    "Sönke hat noch nicht einmal die Mannbarkeit erreicht, Witjon.", versuchte er es dann mit den Regeln der Tradition. Auch wenn ihm das wahrscheinlich nur einen Winter Verschnaufpause verschaffte. Im kommenden Jahr würde er den sechzehnten Sommer erleben. Und in die Legion eintreten.


    "Wer soll mir dann auf den Feldern helfen? Soll ich etwa noch mehr Tagelöhner einstellen? Ich kann Knechte nicht aus dem Ärmel zaubern, Witjon."


  • In den ausladenden Ländereien der Duccii gab es auch einen Wald. Einen ziemlich großen Wald. Und in diesem Wald gab es einen See, von dem man sich erzählte, dass er entstanden sei als ein Riese auf den Schneeverhangenen Hügeln des Rhenustals ausgerutscht sei, und bei seinem Aufschlag ein tiefes Loch in den Boden riss, dass der Allvater Rhein bald mit seinem Wasser gefüllt hatte.


    Hierher kam Sönke oft um zu fischen, und gerade im späten Herbst konnte man sich ab uns an noch einen leckeren Karpfen hinzufangen. Manchmal vielleicht sogar einen Aal.. meißt kam er allerdings her um alleine zu sein, wenn er keine Lust hatte zuhause auszuhelfen. Zu tun gab es schließlich ständig, und die einzige Möglichkeit zum Nichtstun war die auf eine lange Weidenrute zu starren an deren Ende festes Garn angebracht war. Natürlich mit einem dünnen Haken aus Vogelknochen am Ende, der fast genauso oft brach wie die Leine riss.
    Aber was tat man nicht alles, um einfach einmal alleine sein zu können? Beziehungsweise zu zweit...


    "Weißt du..", murrte Sönke leise, um die Fische an diesem Abend nicht zu vertreiben, "..irgendwie hab ich mir das schon anders vorgestellt. So als Bürger, weißt du? Ich heiße jetzt Marcus Marius Madarus, aber geändert hat sich irgendwie nichts. Ich muss immernoch auf dem Hof schuften, Holz schlagen, Sachen schleppen und so. Und auf dem Markt schauen sie einen auch nicht anders an. Dabei bin ich jetzt richtiger römischer Bürger! Also RICHTIGER römischer Bürger, aber wem erzähl ich das? Hörst du mir überhaupt zu? Hallo?"

  • "Nun gut, dann soll das fortan dein Name sein," erwiderte Witjon, als dann Hartwig das Wort ergriff. Er klang nicht sonderlich begeistert. Warum auch? Die Argumente des alten Mannes waren jedoch nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. Gut, dass Witjon sich darüber bereits im vorheinein Gedanken gemacht hatte. "Sönke wird die Mannbarkeit bald genug erreichen. Bis dahin soll er dir noch zur Verfügung stehen." Er warf dem Jungen einen Blick zu, der klar machte, dass es darüber keine Diskussionen geben würde. An Hartwig gewandt fuhr Witjon dann fort. "Was deine Arbeit angeht, habe ich bereits eine Lösung parat. Wie dir bekannt sein dürfte hat ein Schicksalsschlag kürzlich die Sippe des Tudicius Pudens in meine Munt getrieben. Es werden sich aus ihren Reihen fleißige Helfer finden, die die Arbeitskraft deines Sohnes ersetzen werden." Womit er indirekt und nicht ganz bewusst sagte, dass ein Sohn Hartwigs nicht einfach durch einen Tudicius ersetzt werden konnte. Ob Hartwig das wohl raffte? "Ich werde sehen, wem von denen ich mittlerweile trauen kann. Ist ja schon was her, das ganze..." Kurz wurden seine Augen glasig, als sein Blick in die Vergangenheit abdriftete und einen Punkt irgendwo am weit entfernten Ackerrand fixierte. Ein Vogelzwitschern in der Nähe holte ihn zurück in das Hier und Jetzt. "Äh...also. Das sollte dir genügen. Du kannst stolz sein auf deinen Sohn."

  • Stille. Na gut, der Wald rauschte. Und zwischendurch hörte man ein leises Plätschern vom See. Aber davon mal abgesehen... Stille. Hadamar lag mit hinter dem Kopf verschränkten Armen im Gras am Seeufer und genoss mit geschlossenen Augen die Sonnenstrahlen, auch wenn sie jetzt am Abend nicht mehr die Kraft hatten, tatsächlich zu warmen. Seine Weidenrute hatte er in den weichen Boden am Ufer gesteckt, nicht gerade ideal, wenn man wirklich etwas fangen wollte, aber für Hadamar war der Satz ich geh angeln ohnehin mehr Ausrede als alles andere.


    Als die Stille schließlich von Sönke durchbrochen wurde, konnte Hadamar sich zunächst nicht dazu aufraffen, die Augen zu öffnen. Erst als Sönke nachfragte, blinzelte er zuerst, bevor er sich dann sogar dazu überredete, den Oberkörper aufzurichten und sich auf den Ellbogen abzustützen, um den anderen anzusehen. „Na was hast du erwartet? Dass sie jetzt vor dir katzbuckeln?“ Hadamar grinste bei diesen Worten, die er ebenso gedämpft aussprach wie Sönke, bevor er träge eine Hand ausstreckte und einen Grashalm ausriss, an dem er dann zu kauen begann. „Ich bin mir gar nicht mal so sicher, wem das überhaupt wirklich klar ist. Wie du sagst: hat sich ja nicht großartig was geändert bisher.“ Wieder eine Pause, dann: „Wie sieht denn der weitere Plan aus?“ Hadamar hatte irgendetwas läuten hören, dass Witjon noch Vorschriften gemacht hatte, aber so ganz genau wusste er es nicht. Das war das Problem, wenn man dazu tendierte, sich zu drücken wo immer es ging – manchmal verpasste man einfach wichtige Dinge.

  • "Du bist witzig...", knurrte Sönke zurück, den leisen Hohn seines Freundes durchaus persönlich nehmend, "..ja, irgendwie habe ich das. Ich meine, du hast leicht reden. Deine Familie ist ohnehin von gemachtem Stand. Und jetzt habe ich das Bürgerrecht, also DAS Bürgerrecht.. und... und nichts!"


    Er setzte sich auf, nur um weiter auf das Wasser zu starren. Was hatte er sich eigentlich erwartet? War es naiv gewesen, dass ihn jetzt alle so ansehen würden wie er sie früher angesehen hatte? Er hatte sie bewundert, irgendwie waren sie ihm alle so herrschaftlich vorgekommen. Entrückt von einer Welt die Sönke bisher kannte, und für unentrinnbar gehalten hatte. Jetzt war er einer von ihnen, und er musste erkennen, dass sich eigentlich nichts geändert hatte. Aber er klammerte sich fest daran, dass etwas sich ändern würde... sich ändern MUSSTE. Als Bürger hatte man doch alle Möglichkeiten, oder nicht?


    "Naja..", druckste er schließlich ein wenig herum, "..erst einmal den Winter überstehen. Und dann... dann werde ich ein Mann! Das wird sicher nicht so groß aufgezogen wie bei dir, ich meine, du bist ein Sohn Wolfriks! Ich werde sicher kein Schwert geschenkt bekommen. Aber vielleicht einen Speer, sogar mit Eisenspitze.. und dann kann ich zur Legion. Um Ruhm und Ehre zu erwerben, und meinen Vater stolz zu machen."

  • Hadamar grinste ungerührt weiter. „Wie und nichts? Du hast das Bürgerrecht. DAS Bürgerrecht!“ Nein, er äffte Sönke überhaupt nicht nach, würde ihm ja im Traum nicht einfallen... Ein wenig versöhnlich fügte er an: „Noch dazu als erster deiner Familie.“


    Natürlich hätte er jetzt auch irgendeinen der Sprüche bringen können, die seine Mutter ihm in schöner Regelmäßigkeit servierte: dass der Name allein nicht reichte, dass er schon etwas leisten musste, dass er seinem Vater nacheifern sollte, dass er... Hadamar verzog das Gesicht, teils aufgrund seiner eigenen Gedanken, teils aufgrund der weiteren Worte Sönkes. Sohn Wolfriks. Natürlich war das nicht unangenehm, dass seine Sippe den anderen vorstand, und dass sie das Bürgerrecht bereits inne hatten. Aber das Problem daran: es war halt auch mit Erwartungen verbunden. Erwartungen, die Hadamar nicht ganz so sehr behagten. Und die Bewunderung, die Sönke manchmal seiner Sippe entgegen zu bringen schien, behagte ihm fast noch weniger. Natürlich hatte er nichts dagegen, wenn andere Leute seiner Sippe – und ihm! – ein gewisses Maß an Bewunderung entgegen brachten. Es tat gut, sicher, und es öffnete mehr als eine Tür. Aber das war immer ein zweischneidiges Schwert, weil Hadamar die Erfahrung gemacht hatte, dass das auch immer irgendwie mit Erwartungen verbunden war. Und davon abgesehen: Sönke war sein Freund. „Kannst meins haben“, war es jetzt also Hadamar, der murrte. Mit gerunzelter Stirn warf er Sönke einen Blick zu, bevor er wieder aufs Wasser sah. „Du willst das also echt durchziehen, mit der Legion.“

  • Sönke feixte die spöttische Bemerkung seines Freundes weg, nur um einige Momente lang zu überlegen, ob das jetzt wirklich spöttisch gewesen war oder nicht. Manchmal hatte Hadamar seltsame Anwandlungen. Wie zum Beispiel, ihm das Geschenk zur Schwertleite zu geben.


    "Wie jetzt? Im Ernst.. ich meine, wirklich?", der Gedanke ein EIGENES Schwert zu besitzen hatte durchaus was für sich. Achwas: er war das größte! Mit dem eigenen Schwert durch die darbenden Reihen der Feinde zu marschieren, das war es, was Sönke sich nicht nur einmal am Tag vorstellte. Abgesehen von nackten Frauen, selbstverständlich. Wie zum Beispiel... oh.. Schuldbewusst wurde er sich der Gegenwart Hadamars gewahr, als seine Gedanken drohten in ein paar ganz bestimmte Zimmer der Casa Duccia abzudriften.


    "Eh... natürlich meine ich das Ernst!", schnappte er dann gespielt empört, "Ruhm und Ehre!! Ich sag es dir... ein heldenhafter Soldat zu werden, und vielleicht irgendwann vom Imperator persönlich ausgezeichnet zu werden!" Den Part, der normalerweise darauf folgte und stringent etwas mit Hadamars weiblicher Verwandtschaft zu tun hatte, ließ er geflissentlich aus. Was ihn dann aber doch auf eine andere Frage brachte: "Und was ist mit dir? Hat deine Mutter sich jetzt entschieden? Kommst du in die Stadt oder bleibst du auf dem Hof?" Wenn zweiteres der Fall wäre, würden ihre Treffen so unregelmäßig bleiben wie bisher, dessen war Sönke sich schmerzhaft bewusst.

  • „Was soll ich denn damit?“ fragte Hadamar unwillig zurück. Seine Mutter würde ihm den Hals umdrehen, wenn sie wüsste wie wenig Achtung er vor dem hatte, was ihm ohne sein Zutun geschenkt worden war, das war ihm klar. Seine Geschwister würden ihm den Hals umdrehen, wenn sie denn könnten, weil er keinem von ihnen ein ähnliches Angebot machte. Und sein Vater würde ihm vermutlich von Walhall aus den Hals umdrehen. Einfach so. „Das ist einfach nur...“ Ruckartig setzte Hadamar sich nun vollends auf, vertrieb damit vermutlich jeden Fisch, der sich in den letzten Momenten vielleicht mit dem Gedanken getragen hatte anzubeißen, und spuckte entnervt den Grashalm aus, der ihm bis dahin aus dem Mundwinkel gehangen hatte. „Ich hab keine Ahnung, was ich anfangen soll, aber nein, der Junge muss irgendwas machen... werden... was auch immer.“


    Der nächste Grashalm musste dran glauben. Ruhm und Ehre... davon sprach Sönke häufiger, gerade in letzter Zeit. Hadamar war sich nicht ganz so sicher, ob es das war, was ihn erwarten würde. Aber immerhin hatte Sönke einen Plan, ein Ziel. Wie seine Mutter, ganz nebenbei bemerkt, nicht müde wurde ihm vorzuhalten. „Bestell dem Imperator dann mal schöne Grüße von mir.“ Er grinste schon wieder, aber wie auch die vorigen Kommentare war dieser nur teils scherzhaft gemeint. Auch wenn Sönke ein Träumer war, den nötigen Ehrgeiz hatte er auch. Es war noch nicht allzu lange her, da hatte er auch Sönkes Traum vom Bürgerrecht noch verspottet, und was war nun? War der Kerl zu Witjon marschiert und hatte den dazu gebracht, ihm das Bürgerrecht zu verschaffen. Einfach so.


    Hadamar kaute weiter auf dem Halm, beobachtete die ruhige Wasseroberfläche. Er hatte keine Lust, sich Gedanken zu machen über Dinge, die er sich zur Genüge anhören musste, je älter er wurde, desto häufiger. Allein, Sönke ließ ihn nicht. „Sie will, dass ich in die Stadt geh. Hat wohl die Hoffnung, das Leben dort und die Gegenwart des Sippenführers könnten... positive Auswirkung haben.“ Er kratzte sich am Kinn. Das schlechteste war es ganz sicher nicht, in die Stadt zu ziehen. Es bedeutete Abwechslung, das ganz sicher – und es war ja nun nicht so, dass Hadamar sonderlich scharf darauf war, sein ganzes Leben damit zu verbringen, auf dem Hof zu schuften. Das nun wirklich nicht. Nur was Hadamar sich unter einem Leben in der Stadt vorstellte, verschwieg er seiner Mutter lieber. Und dann war da noch Sönke. Jetzt, wo er tatsächlich das Bürgerrecht bekommen hatte und in absehbarer Zeit nicht nur gehen konnte, sondern auch würde... Hadamar mochte sich nicht vorstellen, wie langweilig das Leben hier dann werden würde. Er würde sogar Sönkes Spinnereien von Ruhm und Ehre vermissen.

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