• Kurz dachte ich nach. Ja, da gab es noch etwas.


    "Du könntest mir noch deutlich größere Mengen an Wachstafeln und Papyrus organisieren. Ich werde ein weiteres Buch verfassen. Dieses wird aber schwieriger und ziemlich sicher mehrbändig, so dass ich mehr Material für Notizen und Entwürfe benötigen werde."

  • "Ich werde dir für dein Buch alles organisieren, was du wünschst. Wie hochwertig darf es denn sein? Für Notizen kannst du dich bis dahin an den Materialien in der Bibliothek bedienen. Dort findet sich neben der Literatur auch immer Schreibzeug, falls jemand sich etwas notieren möchte."

  • "Für die finale Version benötige ich Pergament und Tinte höchster Qualität. Die Stangen zum Aufrollen sind, denke ich, am besten aus Olivenholz mit verzierten Enden. Für die Notizen genügen günstige Materialien, Hauptsache, man kann darauf schreiben. Allerdings bevorzuge ich Papyrus. Irgendwie habe ich mich am Museion daran gewöhnt, Entwürfe auf alte Papyrusreste zu schreiben. Wachstafeln dienen nur der Sammlung von Stichwörtern."


    Ich hoffte, dass damit alle Fragen geklärt waren.

  • "So wird es geschehen." Terpander machte auf dem Absatz kehrt und entschwand, um die Abreise der Sklavin vorzubereiten. Die Schreibutensilien würde er auf dem Rückweg von den Trajansmärkten mitbringen. Er hatte da schon einen bestimmten Händler im Blick.

  • Nachdem Terpander die Bibliothek verlassen hatten, nahm ich mir eine Wachstafel, um zumindest den ersten Entwurf einer Struktur festzuhalten. Schließlich wollte ich mich auch so dazu zwingen, mit dem Verfassen des Buches zu beginnen.


    De Civitate et Legibus

    Volumen I: Theoria Civitatis

    Volumen II: De Re Publica Antiqua et Re Publica Restituta

    Volumen III: Theoria et Doctrina Legum


    Damit konnte man doch schon einmal etwas anfangen. Die Struktur erschien hinreichend logisch. Zunächst würde ich mich der Staatstheorie widmen. Damit würde ich die Grundlage beim Leser schaffen, um zu erkennen, welche "reinen" Staatsformen existierten und wie sie erkennbar wären. Im zweiten Band würde ich dann die "alte" römische Republik näher untersuchen und im Sinne der Staatstheorie einordnen. Dabei würde ich auch ihre Schwächen offenlegen, die schließlich zu ihrem Untergang führten. Ebenfalls in diesem Buch würde ich die Res Publica Restituta, also unsere aktuelle Staatsform, untersuchen und zeigen, dass es sich hierbei um die optimale Staatsform handelt. Und final würde ich mich den Gesetzen widmen. Hierbei würde ich zunächst die Theorie der Gesetze aufzeigen und belegen, dass ein gerechter Staat auch zu einer gerechten Rechtsordnung führen muss. Zugleich würde ich die Grenzen der Gesetze aufzeigen und eine allgemeine Rechtslehre definieren. Damit sollte es den Lesern gelingen, eine möglichst gute Kenntnis der Staats- und Rechtstheorie zu erhalten. Denn spätestens bei einer zweckmäßigen Auslegung der Gesetze würde dieser philosophische gute Dienste leisten.


    Das alles schien mir eine gute Idee zu sein. Die Schwierigkeit lag nun nur noch darin, das alles mit Inhalt zu füllen. Es würde sicher viel Zeit in Anspruch nehmen. Vielleicht zu viel? Hatte ich Zweifel an meiner Fähigkeit, ein solches Werk zu verfassen? Und war es nicht etwas zu früh, jetzt schon an mir zu zweifeln?


    Zu viele Fragen, zu viele Zweifel. Einfach machen, sagte mein Lehrer Alexios immer. Das war am Museion stets ein guter Rat gewesen. Warum sollte der Rat hier und jetzt an Qualität eingebüßt haben. Und doch, im Moment war mein Verstand leer. Ich würde mir in den nächsten Tagen vertiefte Gedanken zum ersten Band machen und mich erst dann ans Schreiben setzen. Es war schließlich nicht mein erstes Werk. Ich wusste also prinzipiell, wie es geht.


    So ging ich zu den Regalen und nahm mir das erste Buch der Politika des Aristoteles. Noch auf dem Weg zur Kline begann ich es zu lesen...

  • Dass der Einkauf ihn gestresst hatte, sah man Terpander wohl an, als er in die Bibliothek trat, einen übervollen Korb in seiner Hand, schützend ausgekleidet und abgedeckt mit weißem Tuch. Mit zerknittertem Gesicht schaute er sich um. Suchte man Aulus Iunius Tacitus, fand man ihn zumeist hier.

  • Ich war gerade in das dritte Buch der Politika des Aristoteles vertieft, als Terpander die Bibliothek betrat. Zwar bemerkte ich, dass jemand den Raum betrat, jedoch blickte ich nicht vom Buch hoch und gab ein Zeichen, dass ich Ruhe und etwas Geduld erwartete. So las ich in Ruhe den Abschnitt zu Ende, bevor ich aufblickte.


    "Ah, Terpander. Pergament, Papyrus et cetera, nehme ich an?"


    Ich lehnte mich leicht im Stuhl zurück, um wieder halbwegs gerade zu sitzen.

  • "Alles, was du geordert hast, Herr." Terpander trat vor Iunius Tacitus, schlug das Tuch zurück und zeigte den Inhalt des Korbes. "Pergament und Tinte höchster Qualität. Die Tinte enthält irgendeine Bleiverbindung*, so dass die Tinte schneller trocknet. Die Stangen, an denen die Papyri aufgerollt werden, sind aus Olivenholz und ich hoffe, die Zierde an den Enden gefällt dir so. Sie sind relativ lang und gut greifbar, so dass der Papyrus geschont wird. Darum habe ich sie gewählt."


    Er wühlte vorsichtig im Korb. "Hier ist außerdem noch ein Packen günstigeres Material für deine Notizen, doch nichts davon ist Billigware, damit dir nicht der Papyrus beim Schreiben reißt oder durchweicht, falls du im Eifer doch mal zu fest aufdrückst oder die Tinte kleckst." Terpander stellte sich vor, dass ein Advokat beim Verfassen eines Schreibens durchaus innerlich mal kochen konnte.


    Besonders gespannt war er, was Tacitus zu seiner letzten Errungenschaft sagen würde: "Ich habe mir außerdem erlaubt, eine Rolle mit vollständig abwaschbarem und neu beschreibbarem Papyrus mitzubringen. Vielleicht ist das ja was für dich."


    Terpander hatte, wie oft, ziemlich getrödelt, doch ihm gefiel seine Ausbeute.


    Sim-Off:

    *Quelle

  • Ich betrachtete alles genau, wobei ich mir keine Gefühlsregung anmerken ließ. Die bleihaltige Tinte war eine sehr gute Wahl. Überhaupt war alles von herausragender Qualität. Ich nahm die Stangen und betrachtete sie kurz. Schließlich nickte ich.


    "Sehr gute Arbeit, Terpander. Ich bin ausgesprochen zufrieden. Doch sei eins angemerkt: Es gibt keine Kleckse, wenn ich schreibe."


    Das war tatsächlich so. Mein Vater hatte penibel darauf geachtet und es hatte jedes Mal eine ordentliche Ohrfeige gegeben, wenn ich gekleckst hatte. Doch noch penibler waren mein Lehrer am Museion, Alexios, gewesen. Bei ihm hatte ich ständig das Gefühl, dass er einen Kalligraphen aus mir machen wollte. Dagegen sprach aber, dass die Schönheit der Schrift für ihn nie wichtig war. Er konnte nur keine Kleckse und keine unleserliche Schrift leiden.


    Den abwaschbaren Papyrus kannte ich noch nicht. Ich musterte diesen skeptisch.


    "Abwaschbar sagst du? Und die Tinte hält dennoch? Du bist dir sicher, dass das funktioniert?"

  • "Ich habe es noch nicht ausprobiert. Doch der Papyrus fühlt sich sehr glatt an. Es könnte funktionieren." Terpander freute sich, weil Tacitus den Inhalt des Korbes interessiert betrachtete. Gleichzeitig ärgerte er sich über sich selbst, weil er sich freute. Was galt schon die Meinung eines anderen? Im nächsten Moment spürte Terpander eine tiefe Trauer, dass er so dachte, dann Wut auf die gesamte Welt und noch einen Augenblick später entsetzliches Heimweh, das durch nichts hätte heilen können. "Ich freue mich, dass die Wahl gut war", sagte er etwas leiser als üblich.

  • "Ich danke dir für die gute Arbeit, Terpander. Du kannst nun deinen weiteren Pflichten nachgehen."


    Schließlich wollte ich ihn auch nicht unnötig von seiner Arbeit abhalten. Ich wusste, dass er im Hintergrund dafür sorgte, dass alles funktionierte und die anderen Sklaven ihre Pflichten ordentlich erfüllten. Andererseits...


    "Oder falls es deine Pflichten zulassen, kannst du dir den Rest des Tages frei nehmen."

  • Frei? Wenn Terpander ehrlich war - was bei ihm keine Selbstverständlichkeit war, gehörte das Lügen in seiner Heimat doch zu den allgemeinen Umgangsformen - hatte niemand so viel frei wie er. Doch mit einem Auge und einem Ohr war er trotzdem bei den Sklaven, so dass sich selten tatsächliche Entspannung einstellte. Er versuchte, sich zurückzuerinnern, wann er überhaupt das letzte Mal wirklich entspannt gewesen war und musste feststellen, dass das schon zwei Jahre her war.


    "Ich danke dir. Ich werde noch die letzten Anweisungen geben und dann die Zeit für einen Spaziergang im Grünen nutzen und vielleicht danach den öffentlichen Thermen einen Besuch abstatten."


    Terpander verabschiedete sich und flüchtete, bevor er noch die neuen Errungenschaften einsortieren sollte, vergaß aber nicht, unterwegs jemanden mit einer barschen Kopfbewegung in die Bibliothek zu schicken, wo er dann schon sehen würde, was zu tun war. So fanden die wertvollen Materialien ihren Bestimmungsort, während Terpander sich andere Kleidung, einen warmen Mantel und seine Wandersandalen anzog, seine Tasche für die Thermen vorbereitete und hinaus in das winterliche Rom marschierte.

  • Da ich in Toga gekleidet von meiner langen Reise zurückgekehrt war, hatte man mich auch in die Domus Iunia eingelassen. Nachdem meine Besitztümer - vor allem die Talente Silber und die Bücher - ordnungsgemäß verstaut worden waren, hatte ich mich in meinem Cubiculum in die dunklen serischen Gelehrtengewänder gekleidet. In diesen inspizierte ich die Geschenke für den Kaiser, die mir der Kaiser von Serica anvertraut hatte, bevor ich mich in der Bibliothek niederließ. Die verwunderten Blicke der Sklaven, die mich nun komplett in Seide gewandet sahen, ignorierte ich. Für einen Moment dachte ich darüber nach, ihnen Respektsbezeugungen zu befehlen, die mir in Serica zugestanden hätten. Ich entschied mich dann aber dagegen - vorerst.


    Mit einem Bogen serischen Papier, einem feinen Pinsel und Tusche ausgestattet, schrieb, nein, kalligraphierte ich einen Brief an den Kaiser. Schließlich ergriff ich die Dose mit roter Siegelfarbe und mein grünes Jadesiegel, um den Brief als serischer Gesandter zu siegeln, bevor ich ihn Begoas übergab, damit er ihm dem Palast zustellte. Nachdem ich dieses erledigt hatte, vertiefte ich mich in das Studium der serischen Bücher, die ich mitgebracht hatte, bis Begoas zurückgekehrt war und mir berichtete, alles wie angeordnet ausgeführt zu haben.


    Ich nickte ihm kurz zu und hatte dann noch einen weiteren Auftrag. Er sollte mir eine runde Holzscheibe anfertigen, die den doppelten Durchmesser einer Sesterze hatte. An ihrem oberen Ende sollte sie ein Loch haben. Dieses sollte dazu dienen, sie mit einem Faden an einem Zweig eines der Bäume im Garten der Domus Iunia so anzubringen, dass sie auf Höhe meines Brustkorbs hängen würde. Als Begoas den Mund öffnete, um eine Frage zu stellen, sah ich ihn nur streng an. So wagte er es nicht, die Frage auch zu formulieren, stand nur einen Moment mit offenem Mund da und nickte schließlich. Auf mein Handzeichen hin verließ er die Bibliothek.

  • Wie so oft in den letzten Tagen, konsultierte ich die Texte alter Meister aus Serica, um herauszufinden, wie ich zu einem guten Lehrer für Sporus werden könnte. Er hatte es verdient, dass ich ihn gut unterrichtete. Mir war nach einiger Lektüre schon klar, dass auch ich weiter lernen musste. Und zwar auch von Sporus. Seine Fehler zeigten, was ich nicht gut genug erklärt hatte. Seine Fragen zeigten, wo Bedarf war. Ich würde geduldig sein müssen, denn der ungeduldige Lehrer ließ seinem Schüler zu wenig Zeit. Ich würde auch streng sein müssen. Denn ohne Strenge würde der Schlendrian einziehen und der Lernerfolg wäre ebenfalls dahin. Mit Lob sollte ich sparsam umgehen, damit es dann, wenn es gerechtfertigt war, den vollen Effekt entfalten würde. Das alles ergab Sinn. Aber es würde immer noch ein für beide Seiten schwerer Weg werden.


    Ich rollte das Buch aus Bambusstreifen zusammen und zog die Stoffhülle darüber, bevor ich mich wieder im Korbsessel niederließ und nachdenklich auf den hellen Tonbecher mit Tee blickte, während ich ihn in der rechten Hand hielt und beim Nachdenken mit dem Fingernagel meines Zeigefingers immer wieder dagegen tippte, was einen kurzen, hellen Klang erzeugte.

  • Sie folgte dem schmalen Gang von der Porta, ihre Schritte leise auf dem Mosaikboden. Das schlichte Gewand raschelte sanft um ihre Knöchel.

    Die Tür zur Bibliothek stand einen Spalt offen. Sie schob sie vorsichtig auf und blieb auf der Schwelle stehen. Dort saß er: Yúnzi, versunken in Gedanken, eine Schriftrolle in der Hand, dabei gegen einen Tonbecher tippend.
    Er wirkte so konzentriert, so ganz bei sich, und doch strahlte er jene ruhige Stärke aus, die sie schon bei ihrer ersten Begegnung gespürt hatte. Eine Ordnung, die nicht unterwarf, sondern offen war für jeden.


    Ihr Herz schlug schneller, doch nicht aus Furcht. Es war eine tiefe, warme Dankbarkeit, die sich in ihrer Brust ausbreitete. Hier fühlte sie sich zum ersten Mal seit ihrer Freilassung nicht verloren. Die Last der Freiheit schien für einen Moment weniger zu werden. Sie dachte an Sporus, der irgendwo im Haus sein musste, und an die stillen Momente, in denen sie sich bei beiden sicher gefühlt hatte.

    Leise trat sie ein, die Hände vor dem Körper gefaltet, die Haltung aufrecht, aber nicht steif. Ein sanftes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie sich räusperte, nicht laut, sondern angemessen, nur genug, um ihn nicht zu erschrecken.

    „Yúnzi“, sagte sie leise, ihre Stimme warm aber ein wenig unsicher. „Verzeih, dass ich unangekündigt komme. Ich… ich wollte dich nicht stören."

  • Ich erkannte Amytis an der Stimme, noch bevor ich aufblickte und sie mit einem sanften Lächeln empfing. "Amytis, du störst nicht. Ich versuche nur herauszufinden, was einen guten Lehrer ausmacht. Nichts, was unbedingt sofort erledigt werden muss." Dass ich damit implizit sagte, dass ich mich selbst noch nicht für einen guten Lehrer hielt, war mir bewusst. Ob es Amytis auch bewusst war, wäre zwar interessant, aber letztlich ohne Belang für meine Selbsteinschätzung. Ich selbst musste allein meinen eigenen Maßstäben genügen. Zugleich wusste ich, dass es ein längerer Prozess des eigenen Lernens sein würde, der mich zu einem besseren Lehrer machte. Ob ich nun ein Stunde länger las oder nicht, wäre deshalb weder ein Gewinn noch ein Verlust auf diesem Pfad der Erkenntnis.


    "Bitte, setzt dich," sagte ich, während mir auffiel, dass ich so ziemlich alle Sitzgelegenheiten mit Schriftrollen belegt hatte. "Auch wenn du dir wohl erstmal einen Platz zum setzen schaffen musst," fügte ich deshalb schnell hinzu. "Wenn ich recherchiere, neige ich leider dazu, etwas chaotisch zu sein. Eine Schwäche, die ich irgendwann einmal korrigieren muss." Dass ich dabei leicht amüsiert klang, war unverstellt ich selbst. Wobei ich mich über meine eigene Unzulänglichkeit amüsierte. "Was treibt dich zu mir?" Während ich sprach räumte ich noch eine Schriftrolle weg, unter der sich ein weiterer Tonbecher verbarg, von gleicher Beschaffenheit, wie meiner. Nur ohne Inhalt. "Möchtest du auch chá?" Es wäre unhöflich gewesen, ihr keine Tasse anzubieten.

  • Amytis trat mit leisen, anmutigen Schritten in den Raum und ließ ihren Blick einen Moment auf Yúnzi ruhen. Ein warmes Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie die ruhige Konzentration in seinen Zügen betrachtete. Sie wählte den Platz, den er ihr freigeräumt hatte, und setzte sich mit geübter Eleganz. Das schlichte Gewand schmiegte sich weich um ihre Figur, betonte dezent die sanfte Linie ihres Halses und die Kurven ihres Körpers, das ließ sich kaum vermeiden.


    „Vielen Dank“, sagte sie leise. „Ich nehme dein Angebot gerne an. Chá… Ich weiß nicht, was es ist, aber es wäre mir eine Ehre.“

    Sie faltete die Hände locker im Schoß und schaute ihn direkt an, ihre dunklen Augen leuchteten mit einer Mischung aus Dankbarkeit und einer gewissen Neugier. „Ich bin gekommen, weil… die Tage seit meiner Freilassung seltsam leer wirken. Die Freiheit ist ein großes Geschenk, doch sie fühlt sich auch wie ein weites, unbekanntes Meer an. Ich weiß noch nicht recht, wie ich darin schwimmen soll. Und in all dieser Verwirrung habe ich gemerkt, dass ich die Nähe der wenigen Menschen suche, bei denen ich mich wirklich gesehen fühle. Bei dir, Yúnzi. Und auch bei Sporus. Bei euch beiden hatte ich nie das Gefühl, nur eine Zierde oder ein Besitz zu sein.“

    Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, während sie den Kopf leicht zur Seite neigte. „Deine Gegenwart hat etwas Beruhigendes. Sie gibt mir das Gefühl, dass ich atmen kann. Darum bin ich hier.“


    Sie hielt kurz inne, bevor sie mit ehrlichem Interesse fortfuhr: „Aber wie geht es dir? Du wirkst nachdenklich. Bist du enttäuscht, dass die Audienz ausgefallen ist? Ich weiß, wie viel Mühe du dir mit deiner Rolle als Gesandter gegeben hast.“

  • Wie immer, nahm ich die vornehme Eleganz von Amytis gerne wahr. Ja, sie war eine schöne Frau. Aber vor allem war sie gebildet und klug. Ich unterhielt mich gerne mit ihr. Dabei noch ein ästhetisches Äußeres betrachten zu können, war sicher nicht falsch, so lange ich Amytis nicht auf ihr Äußeres reduzierte.


    "Bei chá handelt es sich um einen Aufguss von Blättern eines Strauchs." Kurz erhob ich mich, um die Karaffe mit dem Tee zu holen und Amytis eine Tasse einzuschenken. Es war gelber Tee. "Leider nur noch lauwarm. Heiß ist es am besten. Aber ich hoffe, dass es dir dennoch schmeckt und gut bekommt."


    Dass ihr die Freiheit schwer fiel, konnte ich mir erklären. "Die serischen Gelehrten sind der Meinung, dass Freiheit nur genossen werden kann, wenn sie in ordnende Strukturen eingebunden ist. Das klingt vielleicht wie ein Widerspruch, doch ist es das nicht wirklich. Absolute Freiheit ohne Ordnung führt zu Ziellosigkeit. Ziellosigkeit führt dazu, dass man sich verirrt. Verirrung macht unglücklich." Auf ihr Lob, dass meine Gegenwart beruhigend auf sie wirkte, senkte ich lächelnd für einen kurzen Augenblick meinen Kopf. "Ich glaube, dass du mir zu viel Lob angedeihen lässt. Aber wenn ich dir ein wenig Ruhe geben kann, will ich dich gerne unterstützen."


    Die Frage nach meinem Wohlbefinden quittierte ich, indem ich mich wieder aus meinem Korbsessel erhob und zu einem Regal ging, während ich sprach. "Ich gehe nicht davon aus, dass die Audienz endgültig ausgefallen ist. Meine Aufgabe als Gesandter ist jedenfalls nicht beendet, sie kann es nicht sein... wo ist es denn... ach ja, hier." Ich zog ein aufgerolltes Tuch aus gelber Seide aus dem Regal. Als ich es in den Händen hielt, verneigte ich mich. Schließlich entrollte ich es und legte es auf den Tisch, wobei ich mich dreimal tief verneigte. Auf dem Tuch waren perfekt kalligrafierte serische Schriftzeichen erkennbar. Ganz unten war in leuchtendem Rot das kaiserliche Siegel des Reiches Hàn. "Dies ist der kaiserliche Befehl, der meine Aufgabe beschreibt. Ich soll dem Kaiser von Rom Geschenke und eine Grußbotschaft überbringen. Bis zur Erfüllung dieses Befehls soll ich dem Sohn des Himmels loyal sein. Das bedeutet, dass ich weiterhin als Gesandter dem Kaiser von Hàn diene." Ich rollte den Befehl wieder zusammen, verneigte mich erneut und brachte ihn zurück an seinen Platz im Regal. Dann kehrte ich zurück zum Tisch und setzte mich wieder. "Wie geht es mir also? Ich denke, dass ich in einiger Zeit den römischen Kaiser erneut um eine Audienz bitten werde. Und dann wieder. So oft, bis ich sie erhalte. Und in solchen Abständen, dass es nicht als aufdringlich gilt. Ich muss aber auch eingestehen, dass es meine Pläne durcheinander bringt. Damit ich nicht ziellos bin, werde ich nach Germanien reisen, zu meiner Familie. Und bis dahin und darüber hinaus werde ich denen ein Lehrer sein, die ich als Schüler auswähle. Sporus lernt gerade Lesen und Schreiben von mir." Ich nahm einen Schluck meines Tees. "Ich zweifle ein wenig daran, ob ich gut darin bin, solche Grundlagen zu unterrichten. Meine Bemühungen sind ernsthaft, aber meine Fähigkeiten kann ich nicht einschätzen. Wir werden sehen."


    "Doch kommen wir zurück zu dir. Was kann ich tun, damit du die Leere überwindest und auf dem Ozean der Freiheit zielsicher navigieren kannst?" Irgendwie fühlte ich mich für sie verantwortlich. Zwar hatte ich sie nicht freigelassen - das war rein formell Aurelius Pinus gewesen - doch hatte ich dessen Willen durchgesetzt und ihre Freiheit verteidigt. Außerdem war der Aurelier verstorben. Somit ich war ich dann vielleicht doch für Amytis verantwortlich.

  • Amytis hörte ihm aufmerksam zu, während die Flüssigkeit in ihrer Tasse immer noch ein wenig dampfte. Sie nahm einen kleinen Schluck, spürte die fremdartige, erdige Note auf der Zunge und nickte anerkennend. Die ruhige Art, mit der Yúnzi von Ordnung und Freiheit sprach, von seiner Pflicht als Gesandter und seiner Rolle als Lehrer für Sporus, berührte etwas in ihr. Es war dieselbe ruhige Klarheit, die sie schon bei ihrer ersten Begegnung angezogen hatte. Er meinte, was er sagte und nahm sie ernst. Das war unabhängig von ihrer Stellung bemerkenswert.


    Sie stellte die Tasse behutsam ab und faltete die Hände im Schoß. Ihr Blick ruhte einen Moment auf ihm, warm und offen.


    „Deine Worte über Ordnung und Freiheit klingen vernünftig.“, begann sie. „Ich merke selbst, wie sehr ich noch nach einer solchen Struktur suche. Ich habe die Anstellung bei dem Aemilier angenommen. Das Haus ist groß, die Arbeit fällt mir leicht und die Bedingungen besser, als ich es je erwartet hätte. Er behandelt mich mit Respekt, gibt mir ein eigenes Zimmer und lässt mich in Ruhe.“ Sie ließ kurz eine Pause, sagte dann aber doch nichts weiter dazu. „Es ist eine gute Stellung, sicher besser als alles, was ich als Freigelassene hätte erwarten können. Ich bin dankbar.“


    Sie machte eine erneute kurze Pause, und ein etwas wehmütiges Lächeln huschte über ihre Lippen. „Und doch… die Gespräche, die ich mit dir hatte, Yúnzi, sind mir lieber als alles andere. Bei dir fühle ich mich nicht nur nützlich, sondern gesehen. Nicht als Hausdame, nicht als jemand der nützlich ist, sondern als Frau. Als Mensch. Die Erinnerung daran gab mir mehr Halt als jede gut bezahlte Stellung. Deshalb bin ich heute hier. Weil ich mehr von diesen Momenten möchte. Mehr von unseren Gesprächen. Von dieser… Ruhe, die du ausstrahlst. Mehr von der Art, wie du mit Sklaven sprichst, wie du lehrst, wie du zuhörst.“


    Amytis Wangen glühten nach dieser Offenheit und sie senkte den Blick und hoffte, dass sie nicht zu weit gegangen war.

  • "Ich denke, dass Aemilius Magnus in seinem Herzen ein guter Mensch ist," stellte ich fest. So, wie sie von ihrer Anstellung sprach, musste ich das vermuten. Was sie dann über mich sagte, war mir etwas unangenehm. So viel Lob kam mir unverdient vor. Und doch zeigte die Rötung ihrer Wangen und die Art, wie sie ihren Blick senkte, dass sie es ernst meinte. Und ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Ich setzte an, etwas zu sagen, aber die richtigen Worte wollten mir nicht einfallen. Unbewusst begann ich, mit meinem Zeigefinger gegen meinen Tonbecher, wodurch mein Fingernagel darauf einen hellen Klang erzeugte. So dachte ich einen Moment lang nach, der wahrscheinlich nicht nur mir wie eine Ewigkeit vorkam.


    "Die großen Philosophen der Vergangenheit, sowohl im Westen, wie auch im Osten, scharten Schüler um sich, und teilten ihre Weisheit mit ihnen." Ich sprach leise und ruhig, sah Amytis aber direkt in die Augen, als würde ich in ihren Augen die Worte finden, die mir fehlten. Schließlich senkte ich nachdenklich den Blick. "Ich bin weder weise, noch ein großer Philosoph. Ich bin nur ein bescheidener Beamter eines fernen Kaisers." Das war im Moment mein persönliches Selbstverständnis. "Doch... alle Beamten Sericas streben dem Ideal des Meisters Kǒng nach. Er war Minister, Berater, Beamter, aber vor allem Lehrer. Und so will auch ich ihm nachstreben. Nicht, weil ich seiner würdig wäre. Sondern, weil er uns einen Weg aufgezeigt hat. Bildung ist alles. Bildung vermitteln zu können ist ein Privileg. Nicht, weil man mehr weiß als andere, sondern weil jeder echte Lehrer von seinen Schülern lernt." Nun sah ich wieder Amytis an. "Deinen Worten entnehme ich, dass du mich als Lehrer auswählen möchtest. Das ist... eine große Ehre. Ich hoffe, dieser Ehre genügen zu können. Du magst mir als Schülerin folgen, wenn es dir gefällt. Aber," ich hob ermahnend meinen Zeigefinger, "ich fürchte, dass ich dir nicht viel bieten kann. Du wirst weniger Geld zur Verfügung haben, als du jetzt bei Aemilius Magnus hast. Du wirst viel lernen müssen und du wirst mich dabei unterstützen müssen, Sporus zu unterrichten. Ich kann dir Kleidung, Essen, Unterkunft und ein kleines Taschengeld bieten, aber keine großen Reichtümer. Und ich muss dich warnen, weil ich selbst es ständig aufs Neue erfahre. Der Weg der Erkenntnis ist hart. Wenn dir tausend Fragen beantwortet werden, wirst du dafür zehntausend neue Fragen haben. Du wirst viel lernen, aber je mehr du lernst, umso bewusster wird dir, wie wenig du weißt. Wenn dir das alles nichts ausmacht, dann werde meine Schülerin und begleite mich. Aber beschwere dich nicht, du wärest nicht gewarnt worden." Es war ein feines, kaum merkliches Lächeln auf meinen Lippen.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!