Caupona Aluta

  • Über die dampfenden Rippen des geschmorten Nagers hinweg studierte Antias die Reaktion seines Bruders. Begeisterung sah anders aus, was freilich kein Wunder war. Mit den Jahren war das Lesen für Ferox sicher zu einer Art Mysterium geworden, das umso bedrohlicher wirkte, je weniger man sich damit auseinandersetzte. Ferox hatte eben das gleiche Verhältnis zur Literatur wie Antias zur Reiterei, nämlich gar keins. Antias musste da bedächtig vorgehen, im Idealfall eine gewisse Begeisterung für das geschriebene Wort in seinem Bruder wecken. Seine eigenen Reitversuche hatten sich bislang darauf beschränkt, verkrampft den Rücken eines Gaules zu erklimmen und dann dort zu warten, was weiter geschah. Natürlich war nie das geschehen, was er erwartet hatte. Entweder hatte sich das Vieh nicht von der Stelle gerührt oder ihn einmal missmutig angeschnaubt und dann abgeworfen. Auf dieses Weise durfte Ferox sich den Litterae nicht nähern.


    „Keine Sorge, Ferox..“ schmunzelte Antias verständnisvoll, spülte die Reste des Siebenschläfers mit einem gewaltigen Schluck Cervisia hinunter und ließ einen röhrenden Rülpser gegen die Tavernendecke steigen. „ ..wenn schon, gehen wir das ganze schön langsam an. In den ersten Tagen wirst du nach Dienstende ohnehin keinen Kopf für so was haben, und später muss ja auch nicht gleich ein virtuoser Scriba aus dir werden. Das wird schon. Alles, was es dazu braucht, ist ein langer Atem, und – bei den Göttern – den braucht man in der Grundausbildung sowieso.“ Gesättigt und zufrieden sah Antias sich nach der Wirtin um. Zum einen, weil er gerne noch einen Krug bestellt hätte, zum anderen, um sich zu erkundigen, ob die hübsche Griechin wohl noch weitere Dienste im Angebot hatte als kreativ zusammen geschmurgeltes Kleingetier. Immerhin war Ferox im Begriff, sein Intimleben für mindestens ein paar Monate auf Eis zu legen, da erschien es angeraten, vorher noch einmal den Aquaeductus so richtig durchzuspülen.

  • Die Taberna erzitterte regelrecht unter dem Rülpser seines Bruders. Ferox nickte anerkennend. Er trank etwas Wasser, wobei er absichtlich viel Luft mit trank und schloss sich dem Konzert an. Das Resultat, was sich seinem Brustkorb entrang, war kläglich. Das Bäuerchen jedes Säuglings war imposanter. Ohne ordentlich schäumende Cervisia war man einfach kein ernstzunehmender Konkurrent. Ferox spielte mit dem Gedanken, sich doch noch einen Krug zu gönnen.


    "Wenn du es schaffst, mir das Schreiben beizubringen, dann ... ach ich weiß auch nicht. Irgendwie bin ich grad zu einfallslos, um mir irgendeine Wette auszudenken. Viel zu satt und zu faul." Er grinste und klopfte sich auf den Bauch. "Aber ein kleiner Krug passt noch rein."


    Er sah sich nach der Schankmaid um. Antias verrenkte sich ebenfalls schon den Hals.

  • Loukia war in ihrem Element. Teller bestücken. Nachwürzen. Auftragen. Abtragen. Lächeln. Lächeln. Lächeln. Die Ochsenreifen wurden knapp. Bredica musste dringend neue schneiden und in die Marinade legen. Lächeln. Am Ecktisch fehlte die Schale für die Gräten. Lächeln und sich vor Wut auf die Zunge beißen. Das durfte nicht passieren, ihr selbst schon gar nicht! Wohliges Schmatzen. Zufriedenes Lächeln. Aufdringliche Hände am Hintern. Mühsames Lächeln. Aculeus flüchtiger Blick aus der Küchentür. Gefrorenes Lächeln. Säuisches Rülpsen. Wissendes Lächeln. Sie hätte sich nicht umzudrehen brauchen, um zu wissen, von welchem Tisch das gekommen war. Aber sie drehte sich doch um und ging hin.


    „Wie man hört, hast du die Speisen genossen, Herr.“ Lächeln.
    „Mit welcherlei Genüssen ich euch wohl sonst noch erfreuen kann?“


    Ein Blick auf die Teller offenbarte die Wahrheit. Es hatte ihnen geschmeckt. Es konnte ihnen nur geschmeckt haben.
    „Oliven vielleicht?“


    Oh je, das war ihr nur so rausgerutscht. Etwas zu laut und etwas zu schnippisch. Süß wie Honiggebäck lächelte sie die beiden jungen Männer an. Banausen. Aber so alles in allem ganz ansehnliche Banausen.

  • „Nun, das war jedenfalls mit Abstand der beste Siebenschläfer, den ich hier je gegessen habe.“ antwortete Antias der säuselnden Wirtin ohne aufzusehen. Seine Aufmerksamkeit galt Ferox. Satt schien sein Bruder ja zu sein, sehr gut. Aber war er auch befriedigt? Wahrhaft befriedigt bis in’s Mark? Wohl nicht. Wie konnte er auch? Der Kopf musste ihm dröhnen von all den neuen Eindrücken. Es war nicht gut, dem Kopf zu viel Raum zu geben, während andere Körperregionen darbten. Und dann auch noch gebratene Eier.


    Betont langsam drehte Antias sich zur Wirtin um. Ihr unverwüstliches Lächeln trieb auch ihm die Mundwinkel nach oben. Da war doch nicht etwa ein Hauch von Missbilligung in ihrer dunklen Samtstimme? Oliven? Was hatten heute denn alle mit Oliven? Antias’ Lächeln wurde breiter als das der Griechin, wenn auch nicht annähernd so süß. „Danke, keine Oliven. Aber wenn du es schon ansprichst, Pflaumen wären wohl die rechte Kost, um dieses deliziöse Mahl zu krönen. Wie heißt es doch bei Martial: Nimm Pflaumen für des Alters morsche Last, denn sie pflegen zu lösen den hartgespannten Bauch.“ Und nicht nur den. „Eine würde vollauf genügen, schön feucht und würzig. Ließe sich da etwas arrangieren?“ Nach einem forschenden Seitenblick auf Ferox fügte er schmunzelnd hinzu. „Keine Sorge, es ist für meinen Bruder.“

  • Pflaumen? Direkt nach dem Essen? Wo doch jeder wusste, wie es einem davon in den Gedärmen rumging! Wollte Antias ihn loswerden, indem er ihn für die nächsten Stunden auf die Latrine verbannte?


    Oder er wusste es einfach nicht besser. Vielleicht war Antias ja mit einer Verdauung gesegnet, welche derartige kulinarische Angriffe unbeeindruckt wegsteckte. So was gab es ja auch.


    "Äh, also ich wollte eigentlich noch ein Bier trinken ... Bier und Pflaumen, das verträgt sich nicht gut. Zumindest bei mir", informierte er darum.

  • Gerne hätte Antias noch angefügt, dass im Falle seines Bruders wohl eine etwas reifere Frucht zu favorisieren sei, jedoch, er kam nicht mehr dazu. Ferox’ treuherziger Kommentar jagte ihm einen pfeifenden Schwall komprimierter Luft aus der Nase. Bruder oder nicht, das Kerlchen musste man einfach gern haben. Bier und Pflaumen. Mit mühsam zusammen gekniffenen Lippen rammte Antias die Ellbogen auf die Tischplatte, stützte das Kinn auf die Hände und blickte seinen Bruder lange wortlos an, so lange, bis ein dünnes Kichern ihn zu schütteln begann.


    „Ferox..“ prustete er los. „..ich rede hier nicht von gastrischen Vorgängen.“ Fast schon entschuldigend blickte er wieder zur Wirtin. Die lächelte. Was sonst. „Also .. ich meine das Flötenspiel.“ klärte er seinen Bruder grinsend auf. „Pfropfen, Buttern, Nageln .. du weißt schon ..“ Natürlich, Ferox wusste es ganz sicher. Oder nicht? Antias Kichern bekam einen schiefen Unterton. Konnte es sein, dass das Lesen nicht die einzige Disziplin war, in der sein Bruder noch eher unbeleckt war?


    „Nahkampf mit Blankwaffe?“ fragte Antias versuchsweise. „Spießbratenfest? ... Nein?“ Na gut, es war wohl alles ein bisschen viel gewesen heute. Vielleicht war Ferox einfach nur müde, kein Wunder bei der verbrauchten Luft hier drin. „Äh, wir belassen’s dann mal bei zwei Krügen Bier.“ eröffnete er der strahlenden Griechin. „Auf die Pflaumen kommen wir dann vielleicht später nochmal zurück. Danke.“

  • Als Antias allerlei scheinbar zusammenhanglose Wortgebilde aufzuzählen begann, wurde Ferox`Gesichtsausdruck vollkommen verwirrt.


    Als sein Bruder dann jedoch beim 'Nageln' ankam, machte es bei ihm klick. Seine Mundwinkel zogen sich immer weiter auseinander und beim 'Nahkampf mit der Blankwaffe' brach er endgültig in Gelächter aus. Als Antias beim 'Spießbratenfest' angelangte, hatte Ferox Tränen in den Augen.


    "Pflaume!?", wiederholte er prustend. "Also Flötenspiel... meinetwegen Zierkürbis... Frischfleisch... aber wie kommt man auf Pflaume?"


    Er wischte sich die Tränen aus den Augen. Sein Kopf war knallrot, teils vom Lachen, teils wegen der Dame an seinem Tisch, teils weil er sich wegen seiner Unbedarftheit gerade vor aller Welt zum Obst gemacht hatte.


    Zum Obst ... seine Mundwinkel zuckten.


    Jetzt musste er auch noch halbwegs sinnvoll antworten! Er konnte ja schlecht durch den ganzen Raum brüllen, dass er noch Jungfrau war und sein erstes Mal garantiert nicht mit irgendjemandem verbringen würde, den er überhaupt nicht kannte, auch wenn die kleine Frau ihm durchaus gefiel. So dringend war es dann auch wieder nicht, immerhin hatte er zwei gesunde Hände.


    Ihm fiel keine höfliche Ausrede ein und immer wieder schoss ihm Pflaume und Spießbratenfest durch den Kopf, was das Nachdenken zum Kraftakt machte.


    "Hilf mir, Antias!", prustete er. "Ich weiß nicht, wie ich sie wegschicken soll, ohne sie zu beleidigen! Mir fällt keine Umschreibung ein! Spießbraten ist alle? Blankwaffe stumpf? Ein Bier! Mädel, bring mir bitte ein Bier und ich verschone dich!"


    Zum Glück erlöste Antias ihn aus der peinlichen Situation, indem er die 'Pflaume' auf später verschob.

  • Loukia schwieg zum Kommentar über ihren Siebenschläfer. Sie hatte schnell begriffen, dass dieser junge Banause sich eher die Zunge abgebissen hätte, als ihrem Essen das Lob auszusprechen, das es verdiente. Also nahm sie es wortlos hin, und lächelte. Sie lächelte auch über die Frage nach der Nachspeise. Da waren die beiden hier richtig, sie ahnten gar nicht, wie richtig.


    Aber das war nicht Loukias Geschäft. Davon wollte sie nichts wissen. Vitu würde sich darum kümmern. Natürlich erst, wenn die beiden Burschen sich einig geworden waren. Im Moment sah es nicht danach aus. Der kleinere Banause musste wohl erst einmal aufgeklärt werden. Und das sollten Brüder sein? Sie schwieg zu alldem. Und lächelte. Erst als ihr klar wurde, dass diese albernen Brüder offenbar glaubten, Loukia sei Teil des Sortiments, wurde ihr Lächeln etwas trüber. Aber es verschwand nicht. Schon zum Trotz.


    „Wonach auch immer euch gelüstet, werte Herren – lasst es mich wissen. Einstweilen entschuldigt mich. Ich werde euch euer Bier bringen, denn das ist hier meine Aufgabe.“


    Noch einmal erstrahlte sie in honigsüßestem Lächeln.
    „Das, und nichts anderes.“


    Sie würde Vitu sicherheitshalber von den Interessenten berichten, damit alles vorbereitet war, falls die Brüder sich doch noch für die Nachspeise entschieden. Ihr schauderte davor, sich mit dem finsteren Kerl unterhalten zu müssen. Daran würde sie sich nie gewöhnen. Lieber ein Schankraum voll römischer Banausen als eine Küche voll dakischer Barbaren.

  • Ferox wusste einen Moment nicht, ob er über den dezenten Wink mit dem Zaunspfahl lachen oder heulen sollte. Aber eigentlich war es müßig, sich zu entscheiden, da er ohnehin schon beides gleichzeitig tat. Er hatte der Schankmaid soeben unterstellt, eine Hure zu sein. Ging es noch peinlicher? Vor lauter Lachen senkte er die Stirn auf die Tischplatte, auch um sein rotes Gesicht zu verbergen.


    "Biiier!", flehte er, ohne den Kopf zu heben.

  • Ferox' unerwartetes Gelächter erwies sich als hochgradig ansteckend. Eigentlich gab es da überhaupt nichts zu lachen, sagte sich Antias, widerlegte diese Feststellung aber sofort wieder, indem er selbst in ein derart unkontrolliertes Gegacker ausbrach, das sogar den Siebenschläfer aus dem Schlaf gerissen hätte, wäre er nicht bereits geschmort, besoßt und verschlungen worden.
    „Na dann ..“ wieherte Antias „ .. musst du die Sache eben weiterhin persönlich handhaben, aber aufpassen ..“ Mit tränenden Augen legte er seine rechte Hand auf den Tisch, die von den täglichen Übungen mit Gladius und Hasta schwielig, schrundig und verschorft war. „.. wenn du’s übertreibst, bekommst du auch solche Pfoten.“


    Die hübsche kleine Griechin lächelte sich derweil von dannen. Antias bedauerte zwar ein wenig, dass sie ihr offensichtlich etwas zu nahe getreten waren, aber – Götter – woher sollten sie denn wissen, dass in der Caupona Aluta das Übliche unüblich war? Ferox schien das Missverständnis ebenfalls zu bedauern, wurde seiner Belustigung aber genau so wenig Herr wie Antias. Das Mädel konnte das ab, sie war Wirtin.


    Antias schnaufte ein paar mal tief durch, bekam sich langsam unter Kontrolle, blickte dann in das hochrote Gesicht seines Bruders und verlor sofort wieder die Beherrschung. „Bei aller Liebe, Bruder, Lesen muss reichen ..“ So langsam fing ihm sein zuckender Bauch an zu schmerzen, der Siebenschläfer begann zu rumoren. „ .. das andere kann ich dir nicht beibringen. Weder nach Dienstende, noch sonst irgendwann ..“ Das Bier wollte nun auch nicht länger zurückstehen und machte sich daran, ihm die Blase auszuleiern. „Vielleicht wendest du dich da mal vertrauensvoll an Vespa.“ Nach Luft japsend stierte er Ferox an. War das zu derb? Nein. Der konnte das ab, er war sein Bruder.

  • Schnaufend versuchte Ferox, sich wieder zu beruhigen. Zaghaft hob er sein tränenüberströmtes Gesicht, aber als Antias ihm seine ramponierten Hände zeigte mit dem passenden Kommentar, rammte er seine Stirn wieder auf die Tischplatte und es übermannte ihn erneut.


    Atmen!


    Schniiief!


    Ruhe jetzt! ATMEN!


    Ohne aufzublicken hob er einen Zeigefinger und verkündete: "Das braucht mir niemand beibringen, ich weiß wie das geht! Was glaubst du, wovon Pompeji untergegangen ist?"


    So schwer konnte das bisschen rein und raus ja nicht sein. Jeder Idiot bekam das hin! Ihm musste nur noch die Richtige über den Weg laufen. Der Rest war einfach. Sagte er sich.


    Er hob den Kopf und wischte sich die Tänen weg. Sein ganzer Hals tat weh vom Lachen.


    Schniiief!


    Er räusperte sich. Verkrampft versuchte er einen seriösen Gesichtsausdruck aufzusetzen, denn das Lächeln der Schankmaid hatte zum Schluss ziemlich gekünstelt gewirkt und er wollte gern noch sein Bier gebracht bekommen. Manche Leute hatten einfach keinen Humor. Wenn er jetzt noch einen dummen Spruch bezüglich seines Maultiers riss, spuckte sie ihm vielleicht vor lauter Abscheu in den Krug. Dabei hatte er so einen schönen Konter im Kopf!


    "Ob sie beleidigt ist wegen der Pflaume?" Suchend blickte er sich nach ihr um. "Also ich fand den lustig."

  • Die Pflaume kam nicht ... langsam aber sicher verlor Ferox die Lust zu warten. "Sieht so aus, als müssten wir durstig wieder heimkehren", meinte er. "Aber macht nichts, ich wollte morgen sowieso zeitig aufstehen und je später es wird, desto müder werde ich bei den Cohortes antanzen." Er streckte sich und gähnte. Irgendwo in seinem Rücke knisterte es. Er war so üppige Speisen nicht mehr gewohnt und entsprechend schwer lagen die Eier ihm im Magen. Ein Schläfchen wäre jetzt nicht schlecht."Was meinst du, Brüderchen, gehen wir nach Hause?"

  • Satt und faul hing Antias in seinem Stuhl, pulte ein paar Fleischreste zwischen den Zähnen hervor und hielt dabei müde nach seinem Bier Ausschau. Vergeblich. Der abgrundtiefe Schlund der Küche hatte die lächelnde Griechin offenbar gierig eingesogen und schien nicht bereit, sie jemals wieder auszuspucken. Wie war das gewesen? Wonach auch immer euch gelüstet, werte Herren, lasst es mich wissen? Nun, die Brüder gelüstete es lediglich nach zwei Humpen Bier und das hatten sie die Wirtin bereits wissen lassen. Wenn es schon daran gebrach, sah Antias für die Befriedigung weiterer Gelüste ziemlich schwarz.


    „Tja Ferox ..“ grinste er träge zu seinem schläfrigen Bruder hinüber. „.. wie’s aussieht ist unsere kleine Lächlerin wohl grade damit beschäftigt, neuen Nagerbraten in den Schlaf zu wiegen.“ Gähnend fummelte Antias nach seinem Geldbeutel und knallte ihn auf den Tisch. „Damit rumzuwedeln wirkt normalerweise Wunder.“ Ferox indes machte nicht den Eindruck als könne ihn ein Wunder noch einmal dauerhaft senkrecht stellen. Auf ihn wartete in der Casa Germanica ein weiters Abendessen und an dessen Ende der bärentiefe Schlaf des Gerechten. „Hast recht, Bruder. Es war viel für dich heute, verdammt viel.“ Mit einem warmen Lächeln zählte Antias einen großzügigen Haufen Sesterzen auf den Tisch und zwinkerte Ferox dann aufmunternd zu. „Die Pflaumen werden nur noch saftiger, je länger man sie liegen lässt. Komm, wir gehen Luft schnappen."

  • "Wahrscheinlich ist sie vom ganzen Wiegen gleich selber mit eingeschlafen."


    Ferox betrachtete mit hochgezogenen Augenbrauen das Sesterzenhäuflein, das Antias auf den Tisch gelegt hatte. Ihm erschien die Summe ziemlich viel für eine Mahlzeit und ein nicht geliefertes Bier.


    "Willst du für diese lausige Bedienung auch noch Trinkgeld geben? Von mir sieht sie nicht eine einzige Münze! Schließlich ist sie nicht zugegen um mir zu sagen, was die Eier überhaupt gekostet haben und ich sehe nicht ein, warum ich riskieren sollte, versehentlich mehr als unbedingt nötig zu blechen." Er sagte das gedämpft, so dass nur sein Bruder es hörte.


    Nein, es gehörte schon mehr als ein falsches Lächeln dazu, um ihn in Spendierlaune - oder sonstige Laune - zu versetzen! Aus dem Alter war er raus. So was hätte vielleicht funktioniert, als er gerade auf der Schwelle zum Erwachsenwerden stand. Aber auch nur vielleicht. Das Geld gab er lieber Menschen, die es sich auch verdienten. Oder Hilfsbedürftigen.


    Ferox erhob sich, rückte seinen Gürtel zurecht und folgte seinem Bruder hinaus auf die Straße.


    "Die Taberna müssen wir uns merken. Wo sonst bekommt man seine Speisen umsonst?" Ein schlechtes Gewissen hatte er nicht. Immerhin hatten sie lange genug gewartet.

  • Antias sog leise lachend die kalte Abendluft ein. Ach, sein treuherziger Bruder. Sollte er ihm auf die Nase binden, dass er mit dem Häuflein Sesterzen für sie beide bezahlt hatte? Wozu? Ferox hatte im Grunde ja recht damit getan, die Eier und das Bier als Entschädigung für unaufmerksame Bewirtung zu betrachten. Jeder musste sehen, wo er blieb. Die kleine Griechin hatte sicher hehre Vorsätze für das Gasthaus, allein mit der Umsetzungen haperte es noch ein wenig. Trotzdem hatte Ferox ungewollt recht: Diese Taberna würde sich Antias tatsächlich merken. Nicht der Wirtin wegen, die zugegebenermaßen ausgesprochen hübsch war, auch nicht des Essens wegen, das wohl wirklich einen Genuss bot, für Leute, die etwas davon verstanden. Nein. Irgend etwas an dieser Caupona kam Antias seltsam vor. Nachdenklich hielt er an und drehte sich zu dem großen Gebäude um. Er wusste nicht was, aber etwas stimmte hier nicht. Diesen absonderlichen Hinkefuß hatte er auch nicht zu Gesicht bekommen, obwohl angeblich er es war, der die Taberna führte.


    Ach was! Mit einem unwilligen Schnaufen versuchte Antias seine nebulösen Verdächtigungen abzuschütteln. Der Dienst als Miles hatte ihn offenbar zu einer misstrauischen alten Unke gemacht. Fröstelnd zog er sich den Mantel hoch und packte seinen Bruder beherzt um die Schultern. „Siehst du, Ferox, es hätte nicht viel Sinn gemacht, heute noch zur Castra raus zu wandern. Die läuft dir nicht weg. Gönn dir noch die freie Zeit, genieß die Gastfreundschaft der edlen Senatoren, schau dir ein wenig von der Urbs an – bei Tag versteht sich – und verschwende vor allem keinen Gedanken an die Tauglichkeitsprüfung. Das kannst du machen, wenn es so weit ist.“


    Gemütlich plaudernd schlenderten die Brüder durch das Gassengewirr auf die Straße zur Tiberisbrücke zu. Wer sie sah, konnte nur glauben, sie hätten ihr ganzes bisheriges Leben miteinander verbracht.

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