Stabulum - Männer mit Maultier

  • Nach dem erneuten Gespräch mit Sedulus hatte Antias sich seine Sachen geschnappt und war schließlich in einer seltsamen Mischung aus Erregung und Bedauern vor die Porta hinaus getreten. Die Sonne hatte sich mittlerweile zwar mäßig motiviert durch den Winterdunst gearbeitet, aber es war noch immer feucht und frisch auf der Gasse vor der Casa Germanica. Gerade richtig, um den schwirrenden Kopf wieder einigermaßen klar zu bekommen. Obwohl der Nachmittag erst angebrochen war, hatte sich der Tag bislang als ausgesprochen ereignisreich erwiesen. Alles, was seit dem Morgen geschehen war, konnte doch nur ein gutes Omen für die Zukunft sein, oder nicht? Antias beschloss, es einfach so zu sehen. Basta.


    So, und wohin war nun Ferox mit seinem vierbeinigen Gefährten verschwunden? Antias sah sich unschlüssig um, erinnerte sich dann aber an Sedulus’ Worte und bog um die Hausecke. Im Stabulum der Germanici fand er schließlich Bruder und Maultier in Harmonie vereint. Das Maultier schien von Ferox bestens versorgt worden zu sein. Zufrieden kauend glotze es Antias entgegen. „Sollte ich jemals eine eigene Familie gründen, wird das mein Wappentier.“ grinste er Ferox an. „Na, alles in Ordnung bei euch?“ Dann mit einem Nicken in Richtung Casa. „Die beiden sind wirklich sehr anständige Männer. Das kann einen schon umhauen, mir geht's genauso."

  • „Ja, sehr nette und hilfsbereite Menschen. Das hätte ich nicht erwartet, besonders nicht nach der Aktion mit dem Muli und dem anfänglichen Gebrüll von Sedulus. Der Sklave, der mich ins Atrium geführt hat, war gerade dabei, die Erde aufzukehren, du hättest seinen hasserfüllten Blick sehen sollen!“


    Er lachte und klopfte dem Tier den Hals. Das Fell stiebte nur so. Er löste die Gurte und wuchtete die Packtaschen herunter. Lieblos warf er sie in eine Ecke. Es war ohnehin nichts Wertvolles darin.


    „Ich glaub, wenn du das Maultier wirklich zu deinem Wappentier machst und es in deinem Leben zu was bringst, hassen dich alle. Die anderen mit ihren edlen Löwen, Pferden, Falken... und mittendrin ein Muli, das mit ihnen auf einer Stufe steht und sie mit seinem Anblick verhöhnt.“


    In seinem Kopf entstand das Bild eines Signifers, der statt eines Wolfsschädels die Ohren eines Maultieres auf dem Helm trug und mit grimmigem Blick das Feldzeichen empor hielt, auf dem der graue Vierbeiner prangte. Es wurde abgelöst von einem ergrauten Antias im Atrium seiner eigenen Casa, deren Bodenkacheln ein Muli zierte, das jedem Besuch spöttisch entgegen grinste. Dazu der verbiesterte Blick eines Senators, der gerade zu Gast war und sich veralbert fühlte.


    Er musste schmunzeln. „Ein solcher Scherz würde zu dir passen!“


    Es tat gut, hier draußen so ungezwungen mit seinem Bruder herumzublödeln. Die Vorstellung, mit ihm zusammen bei den Cohortes Urbanae zu dienen, schien ihm reizvoller denn je. „Angenommen ich würde mich dazu entschließen, bei den Urbanern anzufangen … was müsste ich da als erstes tun? Einfach hingehen und sagen, hier bin ich?“

  • „Was heiß hier Scherz?“ lachte Antias auf. „Du wirst es erleben. Wenn ich erst Germania Magna für unsere Gens zurückerobert und mich da zum Gegenkaiser aufgeschwungen habe, können sich die noblen Patriziergentes mit ihren Wappenviechern nur noch den Arsch abwischen.“ Aeneas’ Sackläuse, der despektierliche Ausdruck seines Vaters für den arroganten alten Adel kam ihm wieder in Erinnerung und brachte ihn erst recht zum Grinsen. Die Germanici hatten wohl nie besonders viel von der abgehobenen Aristokratie gehalten, dem Princeps dagegen waren sie stets treu ergeben. Gegenkaiser, das hatte noch Zeit.


    Vergnügt zwinkerte er seinem Bruder zu. Den Göttern sei Dank waren sie hier im Stabulum unter sich. In der Öffentlichkeit gedroschen konnten einen derlei Reden mit etwas Pech in erhebliche Schwierigkeiten bringen. Auch einen Miles, gerade einen Miles. Womit er wieder beim Thema war. „Ganz genau.“ antworte er lächelnd. „Der Torposten wird dich zum Officium Conducendi schicken, wo erstmal deine Daten aufgenommen werden. Anschließend geht’s dann in’s Valetudinarium. Da wird deine körperliche Eignung geprüft, ein paar Liegestütze, ein paar Kniebeugen, Sehkraft und Gehör testen, nichts kompliziertes. Das ist eigentlich schon alles. Danach wird dir Einheit, Ausrüstung und Unterkunft zugewiesen, und schon bist du Tiro der Cohortes Urbanae.“ Im Grunde war es sogar noch einfacher als es klang. Rein ging’s zügig, wenn man allen Anforderungen entsprach. Nur rauszukommen war ein Problem, zumal in der Grundausbildung.


    Ferox wirkte sehr nachdenklich. Kein Wunder. Mit dem Beitritt zum Exercitus Romanus würde sich für ihn ein vollkommen neuer Lebensabschnitt auftun. „Machst du dir Sorgen wegen der zwanzig Jahre Dienstzeit?“ fragte Antias seine Bruder verständnisvoll. „Ganz ehrlich, die mach ich mir selber auch. Immer noch.“

  • "Antias, der Maultierkaiser! Wenn du es wirklich irgendwann zu deinem Wappentier machst, schenke ich dir zu Feier ein leibhaftiges und es wird einen Lorbeerkranz auf dem Kopf tragen. Das schwöre ich, so wahr ich hier im Maultiermist stehe!"


    Er zeigte auf seinen rechten Schuh, mit dem er versehentlich in einen Maultierapfel getreten war. Er hob den Fuß und rieb den Dreck mit einer Handvoll Stroh ab, während sein Bruder von der Eignungsprüfung erzählte.


    "Zwanzig Jahre Dienstzeit sind schon eine ganze Menge, das stimmt. Aber weniger als fünfundzwanzig. Und die Wahrscheinlichkeit, nach Ablauf der Zeit noch zu leben, ist sicher höher als an der Front. Ich weiß ja nicht, was du heut noch so vor hast, vielleicht kannst du mir den Weg zur Castra zeigen? Aber fühl dich nicht gezwungen, falls du schon was anderes geplant hast. Die Casa Germanica habe ich nach einigem Suchen schließlich auch gefunden."

  • Mit einigem Wohlgefallen stellte Antias fest, dass Ferox bezüglich der Dienstzeit einen recht vernünftigen Standunkt vertrat. Gewiss, fünf Jahre mehr konnten eine halbe Ewigkeit bedeuten, aber ob die Überlebenschancen bei geringerer Dienstzeit stiegen? Er selbst hatte nie darüber nachgedacht. „Hm .. wirklich sicher ist gar nichts, nur dass du Mulischeiße am Hacken hast.“ grinste Antias.


    „Aber mal im Ernst, natürlich ist der Dienst in einer Metropole um ein vielfaches angenehmer als in einem kargen Castellum am Arsch des Imperiums. Andererseits befinden sich die Legionen nicht permanent im Kampfeinsatz, wir dagegen schon irgendwie. Legionäre verbringen einen großen Teil ihrer Dienstzeit mit Übungsroutine oder dem Errichten von befestigten Wegen, Brücken und Marschlagern. Ein Urbaner hält täglich seine Rübe hin.“ Ohne weiteres hätte Antias seine Tunica anheben und die frischen Blessuren zeigen können, die er erst am Vortag in der Subura davongetragen hatte. Aber seinen Bruder zu demotivieren war das letzte, was er jetzt wollte.


    „Klar haben wir es hier in Roma nicht mit hochgerüsteten Barbarenheeren zu tun. Nur, ob dich ein professionell geschleuderter Wurfspieß erwischt oder ein verdeckt gezogener Pugio, im Ergebnis spielt das keine große Rolle.“ In jedem Fall musste Ferox immer gut auf sich aufpassen. Aber das wusste er sicher selber, er war ja kein Kind mehr. Verblüfft stellte Antias fest, dass er sich anstellte wie eine verängstigte alte Matrone, die ihren Spross das erste mal alleine auf den Markt schicken muss. Heilige Magna Mater, was waren das denn für neue Charakterzüge? Schluss jetzt mit den besorgten Vorträgen!


    „Die Castra? Natürlich .. an sich gerne .. bloß, ich muss nach Trans Tiberim runter. Ist von hier nur ein kurzer Fußmarsch. Um zur Castra rauszukommen, müssten wir durch die ganze Stadt.“ Zwei Stunden würden sie für den Hin- und Rückweg um die Tageszeit mindestens brauchen, Trans Tiberim dagegen lag nur zwei drei Stadien vom Circus Flaminius entfernt. „Pass auf, ich mach dir einen Vorschlag. Ich hab Ausgang bis morgen nachmittag. Auf meinem Rückweg in die Kaserne hol ich dich dann ab und zeig dir in Ruhe den Weg. Was meinst du?“


    Ganz wohl war ihm nicht dabei, aber er war schon weit später dran als geplant. „Weißt du was? Warum begleitest du mich nicht einfach ein Stück? Hast du heute überhaupt schon was gegessen?“ Daran hatte Antias bislang noch gar nicht gedacht! Ferox musste ja Hunger haben wie ein Löwe! Sein Bruder brauchte dringend was auf die Rippen. Am Ende würde ihm noch übel werden von der ganzen Aufregung, und .... Götter! Da war es schon wieder. Dieses Geglucke musste er sich gleich wieder abgewöhnen. Herrje, das war ja peinlich.

  • Sim-Off:

    Hab herzlich gelacht bei deinem Beitrag! :D Armer Antias.


    Ferox war baff. Daran, dass ein Urbaner im Gegensatz zum Legionär sein Leben jeden Tag riskierte, hatte er gar nicht gedacht. Er hatte sich das ganze gemütlicher vorgestellt. Andererseits riskierte man sein Leben bereits, wenn man morgens seinen Fuß auf die Straße setzte. Man konnte stürzen und sich den Kopf aufschlagen oder von einem Ochsenkarrren überrollt werden. Oder zu Hause im Bett einen Herzstillstand erleiden. Nein, er würde jetzt sicher keinen Rückzieher machen!


    Als Antias meinte, er müsse noch nach Trans Tiberim, sanken Ferox` Mundwinkel einen Moment nach unten, doch als sein Bruder ihm vorschlug, ihn zu begleiten, kehrte sein Lächeln zurück. „Ich habe zwar keine Ahnung, was dieses Trans Tiberdings ist, aber ich komme gern mit um es herauszufinden! Hoffentlich gibt es dort was zu essen.“


    Er freute sich, dass sein Bruder an sein Wohlergehen dachte – als einziger bisher. Die Hausherren waren zwar sehr nett gewesen, aber keinem von ihnen war der Gedanke gekommen, dass Ferox während solch einer langen Reise nicht gerade im Essen gebadet haben konnte und nun sicher hungrig war. Seinem Bruder schon. Ferox Lächeln verbreiterte sich zu einem zufriedenen Grinsen. Mit Antias zusammen erschien die Zukunft ihm gleich ein ganzes Stück heller! Er hatte erst geglaubt, wegen der Nachricht vom Tod seines Vaters wäre es ein schwarzer Tag, aber das war es nicht. Ganz und gar nicht. Genau genommen war er sogar rundum glücklich.


    Einen Moment hatte er ein schlechtes Gewissen, doch das verschwand so rasch, wie es gekommen war. Wenn Varus aus dem Elysium auf seine Söhne herab sah, war es ihm sicher lieber, sie so zu sehen. Vielleicht hatte es so sein sollen, dass die Fäden auf diese Weise zusammenführten. Varus hatte nie für seine Söhne da sein können – dafür waren diese fortan füreinander da. Ja, es könnte von Fortuna so bestimmt sein. Und Ferox war es mehr als zufrieden.


    „Um auf deine Frage zurückzukommen, ich hab heute bloß einen vertrockneten Brotrampen gefuttert. Genauso wie gestern und vorgestern. Ach nein, vorgestern habe ich mir den Rampen aufgeweicht und `ne Suppe draus gemacht. Das reicht um nicht vom Fleisch zu fallen, aber satt ist was anderes.“


    Er lachte und klopfte sich auf den Bauch.


    „Dann las uns mal losgehen. Nicht, dass du noch zu spät wozu auch immer kommst und ich hier zum Pilum abmagere. Am Ende werden meine Arme noch so dünn wie deine.“


    Dass die Arme seines Bruders weitaus muskulöser waren als seine eigenen, ließ er geflissentlich unter den Tisch fallen.

  • „Oder noch kürzer als sie eh schon sind.“ lachte Antias gutmütig und ging mit einem aufmunternden Winken auf die Tür zu. Vor dem Stabulum drehte er sich grinsend zu Ferox um. „Übrigens .. natürlich würden die Senatores dich nie verhungern lassen. Da gibt’s gegen Abend garantiert was leckeres für dich zu beißen. Aber in Zeiten wie diesen und in unserem Alter ...“ dabei nahm er den Gesichtsausdruck eines orakelnden alten Tattergreises an, „..kann jede Mahlzeit die letzte sein.“ Tief an der Winterluft saugend schlug Antias schmunzelnd den Weg nach Süden ein. „Lieber einen Teller zu viel im Bauch als einen Becher zu wenig. Komm Ferox, vertreten wir uns ein bisschen die Beine.“ >>>

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