• "Ditschen ist ein komisches Wort", fand Scato, während er eine abgerissene Ecke Brot in die Puls tunkte. "Klingt germanisch." Mit skeptischem Gesicht kaute er. Nach einigen Augenblicken erhellte sich seine Miene, als würde er eine göttliche Offenbarung erleben. Voll Genuss kaute und schluckte er das aufgeweichte Brot. "Deliziös! Leute, das müsst ihr probieren, AUFWACHEN JETZT, meine Güte!"


    Mit viel Murren und Stöhnen quälten sich die übrigen Kameraden nach und nach aus dem Bett. Einige zogen sich um, andere folgten Pullus auf die Latrine und der Rest quetschte sich mit seiner Ration zu ihnen an den winzigen Frühstückstisch.


    "Vielleicht wohnt auch die Familie von einem von uns hier in Roma und kann einen Topf entbehren?", sinnierte Asper, der sich wohl auf das Würfelspiel freute, so oft wie er Probe würfelte. "Was spielen wir überhaupt?"

  • "Ganz genau! Nach einer alten Legende gab es in der Stadt Aquae Granni ein derart hartes Gebäck, dass die Bewohner besonders starke und dicke Zähne ausgebildet haben. Ein anderer germanischer Stamm hörte davon.


    Statt dicker Zähne, hatte er Köpfchen. Und anstatt das steinharte Gebäck mit Kaukraft zu zerbröseln fingen sie das Ditschen an. Und siehe da, es wurde weich und gaumenfreundlich. Seit dem verbreitete sich das Ditschen unter den Feinschmeckern. Es löst nicht nur die feinsten Aromen aus dem noch so tristen Gebäck, nein das Gebäck nimmt auch vorzüglich die Würze der Speisen oder Getränke auf in welches es man tunkt. So lautet die ungeschriebene Legende", erzählte Lurco mampfend und deutete dann mit seinem Löffel auf Asper.


    "Hervorragende Idee Asper, so machen wir das. Was wir spielen entscheidest Du mein Freund", sagte Lurco gut gelaunt und drückte ihm die Würfel in die Hand.

  • Scato war leider mit einer sehr visuellen Vorstellungskraft gesegnet. Bei der Vorstellung von Barbaren mit Zähnen groß und schief wie ihre berühmte Steinkreise, hätte er sich fast verschluckt und bekam Getreidebrei in die Nase.


    Während er in ein Tuch schnaubte und prustete, betrachtete Asper mit so ernstem Gesicht das Würfelspiel, als würde er einen Schlachtplan analysieren. "Ich kann nur Astragaloi, das spielt man mit Sprunggelenken. Wie würfelt man mit diesen? Ich bin gern bereit, ein neues Spiel zu lernen. Lasst uns heute Abend dann mit allen gemeinsam spielen. Der Verlierer muss den Topf organisieren, sobald die Kasse voll ist. Und du, Scato, huste mal bisschen leiser, das ist eine ernste Angelegenheit."


    Die Tür öffnete sich und die Latrinengänger kehrten plaudernd zurück, um sich am Herd zu schaffen zu machen. Viel Zeit blieb ihnen nicht mehr bis zum Beginn des heutigen Ausbildungstages, aber noch genügend, Lurco hatte sie alle zeitig genug munter gemacht.

  • "Du schüttelst sie in der Hand und wirfst sie dann locker auf den Tisch. Also leicht aus dem Handgelenk heraus. Wir könnten Tausend spielen. Sprich jeder würfelt mit einem Würfel der Reihe nach und man schreibt die Ergebnisse untereinander. Wer der Tausend am nächsten kommt hat gewonnen. Macht nicht nur Spaß, sondern man hat auch schön was zu rechnen.


    Das der Verlierer den Topf organisieren muss, ist eine gute Idee Asper. Astralagoi sagt mir wieder als Spiel nicht. Worum geht es dabei? Erzähl", bat Lurco und musterte Scato der eine seltsame Art hatte seinen Puls zu essen.


    Lurco blickte kurz auf, als die anderen Kameraden zurückkamen. Das Leben in Baracke VII war angenehm, er fühlte sich rundum wohl.


    "Scato trink was nach", sagte er freundlich und deutete auf dessen Getränk.

  • Während Scato folgsam trank, um seine Atmung wieder zu normalisieren, erklärte Asper ausführlich, wie man Astragaloi spielte.


    "Astragaloi ist das, was manche hier einen griechischen Scheiß nennen, aber mir macht es Spaß. Es ist nicht ein Spiel, sondern ein Überbegriff für alles, was man mit sogenannten Astragalen spielt. Anstelle von Würfeln spielt man mit den Sprungbeinen aus den Hinterbeinen von Paarhufern, meine sind von Ziegen. Das ist das, was man die Astragale nennt. Man verwendet diese Knochen für ganz unterschiedliche Spiele.


    Ein einfaches Ratespiel namens Artiasmos besteht daraus, dass du raten musst, ob ich eine gerade oder eine ungerade Zahl von Astragalen in der Hand verstecke.
    Bei Omilla müssen die Astragale in einen gemalten Kreis geworfen werden. Mit jedem Wurf versucht man, den Astragal eines anderen wieder aus dem Kreis heraus zu schießen.
    Das Ziel von Tropa ist es, die Astragale durch geschicktes Werfen in ein Loch im Boden zu befördern.
    Beim Fünfsteinspiel, das die Griechen pentelitha nennen, wirft man nacheinander einen von fünf Astragalen nach dem anderen in die Luft und versucht, ihn mit dem Handrücken wieder aufzufangen. Fällt ein Astragal zu Boden, muss er aufgehoben werden, ohne dass die Astragale auf dem Handrücken herunterfallen. Das scheint die beliebteste Variante dieses Spiels zu sein.


    Astragale eignen sich jedoch auch zum Würfeln. Aufgrund ihrer Form können die Knochen nur auf den vier Längsseiten landen, aber nicht auf den beiden Kurzen, die stark gekrümmt sind. Die vier möglichen Seiten sind aufgrund ihrer Form leicht voneinander zu unterscheiden. Jede hat einen anderen Wert. In acht von zehn Fällen bleibt der Astragal auf einer der beiden Breitseiten liegen. Die seltenen Schmalseiten zählten 1 und 6 , die Breitseiten 3 und 4; 2 und 5 kommen nicht vor. Du siehst, dass die gegenüberliegenden Seiten zusammen immer 7 ergeben. Meist wird mit vier Astragalen gespielt.


    Es gibt zich Regeln, wie auch beim normalen Würfelspiel. Besonders mag ich folgende Variante: Für jede 1 oder 6 muss ein Sesterz in eine Kasse gezahlt werden. Und wer den Venus-Wurf schafft, so dass jeder Astragal auf einer anderen Seite liegt - 1,3,4,6 - gewinnt das alles. Im Original wurde das wohl mit Denaren gespielt, aber so dick ist unser Geldbeutel, glaube ich, noch nicht."


    Im Hintergrund hatte Ramnus wieder zu schnarchen begonnen.

  • Lurco hörte Asper aufmerksam zu.

    "Das Spiel klingt total kompliziert, aber auch spannend. Vermutlich reine Geschicklichkeit, wie man wirft. Also lass uns mal die Variante ausprobieren mit dem Wurf und dem Handrückenauffang. Was sagst Du Asper? Bring es mir bei", grinste Lurco.


    "Was ist mit Dir Scato, bist Du auch dabei? Wir spielen um den Topf", warf Lurco ein und wartete darauf, dass Asper die Knochen auf den Tisch packte.

  • Mit Ausnahme von Tarpa, der schon fertig angezogen an der Tür wartete, um keinesfalls zu spät auf den Exerzierplatz zu kommen und darum im Stehen aß, probierten die Tirones beim Frühstück das Spiel mit den Sprunggelenken aus. Der Verlierer war am Ende Scato, da er mehr herumblödelte als richtig mitzuspielen. Sie hatten viel Spaß. Der Start in den Tag hätte nicht besser laufen können und vielleicht ahnte jemand, dass Scato absichtlich verloren hatte, um sich nützlich machen zu können. Jedoch war die neu eingerichtete Topfkasse dafür noch zu leer, er würde den Topf erst in einigen Tagen oder Wochen kaufen können. Als das Signal zum Appell erklang, fanden sich trotz des Spiels alle rechtzeitig und guter Dinge auf dem Exerzierplatz ein, um ihren täglichen Anschiss abzuholen.


    Hinter vorgehaltener Hand machte unter den Tirones das Maro-Unser die Runde. Auf dem Exerzierplatz sprach es niemand aus, jedoch hatte es der eine oder andere im Hinterkopf:


    Das Maro-Unser


    Maro unser in der Castra,
    gepriesen sei dein Name,
    deine Pein komme,
    dein Befehl geschehe,
    wie auf dem Exerzierplatz so in der Subura.
    Unseren täglich Anschiss gib uns heute.
    Und vergib uns unser Versagen,
    wie auch wir vergeben unsern Kameraden.
    Und führe uns nicht in den Tod,
    sondern heil in die Castra.
    Denn dein ist das Kommando
    und die Herrlichkeit der CU.
    Amen.

  • Lurco freute sich stets, wenn die Ausbildung weiterging. Je mehr sie lernten, umso leichter würde ihnen später der Beruf fallen. Aber heute viel es ihm schwer, denn das gemütliche Beisammensein mit Scato, Asper und den anderen hätte er noch gut und gerne einige Stunden genießen können.


    Scato hatte verdient verloren und war also der Mann, der den Topf zu besorgen hatte. Zeitgleich neben dem Maro unser, warf dies eine Frage für Lurco auf.


    "Wartet mal. Wir wohnen hier zusammen, kochen zusammen und leben wie eine Familie zusammen. Wessen Penaten beschützen eigentlich unseren Herd? Zuhause ist das klar, aber hier? Hat einer davon eine Ahnung?", fragte Lurco in die Runde.

  • Nach der heutigen Rückkehr vom Exerzierplatz warf Lurco eine existenzielle Frage in den Raum. Die meisten Kameraden waren sehr religiös und auch Scato war tiefgäubig. Scato, der gerade frisch aus den Thermen kam und seine saubere Wechseltunika angelegt hatte, verschränkte die von den Sklaven frisch manikürten Hände auf dem Tisch und blickte sehr ernst.


    "Ich weiß nicht, wie die Penaten dieser Behausung heißen. Man kann es herausfinden lassen von einem, der sieht. Aber ihre Namen halte ich für weniger bedeutsam als die regelmäßigen Opfer. Wen wir auch nicht vernachlässigen sollten, sind die Lares Loci, jene Laren, schon immer hier an diesem Ort waren, schon bevor die Castra gebaut wurde. Am allerwenigsten vergessen dürfen wir die vielleicht die machtvollsten Geister der Castra überhaupt, die Manen, die Geister unserer in Erfüllung ihrer Pflicht gefallenen Kameraden."

  • Lurco schüttelte den Kopf, denn hier war er einmal anderer Meinung als Scato. Es kam nicht häufig vor, aber es kam ab und an vor.


    "Nein Scato, ich finde den Namen unserer heiligen Schutzgeister genauso wichtig und wertvoll wie das Opfer dass wir ihnen zu erweisen haben. Schau findest Du es nicht auch schöner, wenn Dich jemand persönlich mit Namen anspricht, anstatt das er Dir einfach wort- und namenlos etwas reicht? Die Penaten, Laren und Manen sind unsere Wächter. Gerade die Penaten wachen über unseren Herd, unsere Vorräte und Getränke. Sie sind es, die hautnah mit uns leben, Freud und Leid sowie die Wärme des Herdes mit uns teilen. So wie ich Asper, Dich und alle anderen persönlich anspreche, so möchte ich auch unsere guten Hausgeister persönlich ansprechen können.


    Gleiches gilt für die Laren und Manen. Die Laren sind wie der Ort selbst, das "Urgestein" dieses Ortes und die Manen sind unsere längst verblichenen Kameraden. Ihnen allen steht es zu, sie anständig mit Namen anzusprechen. Wir müssen einen Seher befragen.


    Hin und wieder ist mir das durch den Kopf gegangen, aber bei all dem was wir so in letzter Zeit erlebt haben, hatte ich es leider immer wieder vergessen. Jetzt mit dem christlichen Amen und dem Topf den wir besorgen müssen, ist es mir wieder eingefallen.


    Vielleicht sollten wir auch einen kleinen Hausaltar aufstellen und unsere Bude etwas dekorieren. Sie sieht recht trist aus. Etwas Schmuck kann nicht schaden und ein Altar niemals. Überlegt dass ist unser Zuhause und wenn alles gut geht, werden wir hier nicht nur Tage, Monate oder Jahre, sondern ganze zwei Jahrzehnte verbringen! Da muss so etwas geklärt werden!


    Wo findet man einen Seher? Im Tempel oder wo sollen wir nach einem suchen? Und muss der Mann vor Ort mit den Hausgeistern reden? Ich glaube kaum, dass er ohne weiteres Eintritt erhält. Möglicherweise hat die Cohortes einen eigenen Seher?", fragte Lurco in die Runde.

  • "Der Ofen selbst ist der Altar für die Penaten", erinnerte Scato. "In seinem Feuer hausen sie, darin verehrt man sie. Für die Laren hingegen wäre ein kleiner Wandschrein nicht schlecht. Wir haben hier wenig Platz, aber da neben der Tür könnte einer hinpassen. Für die Manen könnten wir mal schauen, ob es eine Gedenktafel für die gefallenen Kameraden gibt. Wir haben hier einen Tempel des Mars und das Sacellum der Fortuna Restitutrix. Aber ich muss gestehen, dass ich dort noch nicht schauen war."


    Er überlegte.


    "Ob man da einen Seher oder so was findet, weiß ich allerdings nicht. Müsste es hier nicht auch einen Friedhof geben für die Gefallenen? Vielleicht dort? Ich kann mir nicht vorstellen, dass man jeden Leichnam bis in seine Heimat überführt, manche kommen ja von sonstwo aus den Provinzen." Er fummelte an seiner unzüchtigen Halskette. "Faunus sollte auch geehrt werden. Zwei Luperci in einem Contubernium, das bringt Glück und dafür muss man Faun danken. Außerdem ist er ein netter Gott. Wie wäre es mit einem entsprechenden Wandgemälde, oben auf der weißen Hälfte der Wand?"

  • "Das stimmt Scato, da hast Du Recht. Aber ein Hausaltar für alle anderen kann wirklich nicht schaden. Wo wir einen Seher herbekommen, müssen wir herausfinden. Lass uns heute Abend in den Tempel des Mars gehen. Vielleicht kann uns dort jemand weiterhelfen. Und die Wände können wir auch dekorieren, uns fällt schon was ein.


    Wie wäre es, wenn wir Faunus selbst an die Wand zeichnen? Damit wäre er doch geehrt und es würde ihm sicher gefallen. Also das machen wir, wenn alle einverstanden sind. Sie müssen sich ja auch wohl fühlen", grinste Lurco.


    "Nach dem Tempelbesuch sollten wir uns auf den Weg machen, damit Du unseren Topf besorgen kannst. Das ist wichtig", flötete Lurco.

  • "Faunus für die Wand ist eine gute Idee", freute sich Scato. "Wo er prangt, verbreitet sein Abbild gute Laune. Das ist ein interessanter Effekt, musst du mal drauf achten, jeder mag Faunus, auch wenn kaum einer im Alltag an ihn denkt. Vielleicht ein Bild, auf dem er Flöte spielt."


    Scato blinzelte zufrieden und stützte das Kinn in die Hand, während er die leere Wand betrachtete, die sich vor seinen Augen in eine jungfräuliche Malfläche verwandelte.


    "Doch, ich denke, das wird hübsch. Farben brauche ich und Zeit, dann geht es los."

  • << Lupanarbesuch-Versuch Nr. 2


    Der Tag nach dem Lupanarbesuch begann als ein Traum von einem Tag. Scato sah aus wie ein aufgequollener Frosch, weil er dermaßen übernächtigt war und trotz einer gewissen Zurückhaltung zu viel für seine Verhältnisse getrunken hatte. Trotz seines grauenhaften physischen Zustands strahlte Scato während des Diensts und war die Ruhe selbst. Dinge, die das Nervenbündel sonst rasch in Rasche versetzten, perlten heute an ihm ab wie Regen an einer gut geölten Rüstung. Da er schon immer Lurcos bester Freund gewesen war und die beiden ständig zusammen herumhingen, merkten die Kameraden an ihrem Verhalten zueinander keinen Unterschied und sie mussten sich nicht verstellen. Obendrein schien die Sonne, die Frühblüher schoben ihre Knospen aus der Erde und die Bevölkerung war brav. Keine besonderen Vorkommnisse.


    Bis Scato des Feierabends einen Brief von Tiberios überreicht bekam.


    Dazu gab es ein schweres Säckchen, das voller Münzen zu sein schien. Als er den Absender las, flüchtete er damit in eine schattige Gasse zwischen den Baracken, um ihn still für sich zu lesen. Tiberios gab ihm das Geld zurück, abzüglich einer Aufwandsentschädigung. Mit Lurcos Worten im Hinterkopf erweckte das Schreiben nicht den kaltherzigen Eindruck, den sein Autor vermutlich beabsichtigt hatte. Mit gemischten Gefühlen las Scato die Zeilen mehrmals, ehe er zurück in die Baracke kehrte. Er wartete, bis er Gelegenheit hatte, das Geld unauffällig in die Spar-Amphore klimpern zu lassen, dann schnappte er sich Lurco und zeigte ihm den Brief.

  • Der Tag begann tiefenentspannt, ebenso verlief der Dienst und auch der Feierabend. Der Besuch im Lupanar war völlig anders ausgegangen, als Lurco es erwartet hätte. Gewaltig anders, zuerst verstörend dann betörend. Was Scato und er geteilt hatten, ließ ihn schmunzeln sobald er daran zurück dachte.


    Lurco saß gerade gemeinsam mit Ramnus im Barackenvorraum. Sie widmeten sich der Pflege ihrer Ausrüstung und plauderten ausgelassen dabei, als Scato herein kam und ihn zur Seite zog. Erstaunt folgte Lurco seinem Kumpel und fragte sich, was er da wohl geheimnisvolles hatte. Das Geheimnis offenbarte sich einige Augenblicke später, als Scato ihm den Brief von Tiberios zeigte.


    Lurco las sich den Brief durch und grinste.


    "Na bitte, hatte ich Recht? Du hast ihn nicht einmal dafür aufsuchen müssen. Ein reines Gewissen ist ein gutes Ruhekissen. Aber darum wird es Tiberios allein gar nicht gegangen sein. Du bedeutest ihm etwas. Stellt sich die Frage, was bedeutet er Dir?", fragte Lurco schmunzelnd und reichte Scato den Brief zurück.

  • Gegenüber einem beliebigen Kameraden hätte Scato lachend abgewunken und behauptet, Tiberios sei eine leckere Zwischenmahlzeit gewesen, gewürzt mit einer erfundenen Anekdote, die ihn möglichst gut und den Griechen möglichst schlecht wegkommen ließ. Lurco aber verdiente eine ehrliche Antwort. Zum einen, weil er sich so aufopferungsvoll um Scatos Wohl kümmerte, zum anderen, weil er es ohnehin jedes Mal bemerkte, wenn Scato log. Scato schaute sich gründlich um, ob jemand sie hören konnte und vergaß auch nicht, nach offenen Fenstern Ausschau zu halten. Erst, als er sicher war, dass nur Lurcos Ohren seine Worte vernehmen würden, antwortete er.


    "Ich habe mich ein bisschen in ihn verguckt", räumte er leise ein. "Er ist hübsch und jung und er bereitete mir Freude mit seinen Worten. Außerdem ist er eine manipulative kleine Ratte, die ihre Fertigkeiten ausprobiert hat. Warum sonst hätte er mich für sich gewinnen sollen, nur um dann den Schlussstrich zu ziehen? Den hätte er bequem schon vorher haben können. Aber nein, vorher musste er mich noch quälen. Er wartete nicht, bis ich den Köder geschluckt hatte - sondern bis der Haken in meinem Leib hing. Er ist nicht das Lämmchen, für das er sich ausgibt, sondern ein Herzfresser, der übt. Ich hoffe, er lässt sich das von Eireann schmecken, sofern sie eins hat."


    Das alles sagte Scato auch, um sich selbst davon zu überzeugen, dass es vorbei war. Eine Schwärmerei, eine Lehrstunde und gelernt hatte er. Er faltete den Brief zusammen. Er schaute Lurco in die Augen und lächelte.


    "Den werde ich den Penaten unseres Herdfeuers zu futtern geben."

  • Luro knuffte Scato.


    "Warum? Weil er sich auch in Dich verguckt hat und sehr gerne mit Dir zusammengewesen ist. Bei Dir war er nicht der Sklave, sondern der Freund Tiberios. Du hast ihn nicht benutzt, wie eine sprechende Schriftrolle. Er zog den Schlussstrich als er merkte, dass er es jetzt tun muss oder selbst nicht mehr schafft. Hätte er Dich manipulieren und ausnehmen wollen, hätte er Dir den Geldbeutel nicht zurückgebracht.


    Du bist verletzt, Du fühlst Dich zurückgestoßen und verarscht. Das stimmt auch alles, Du vergisst leider nur das Warum. Es ist mies gelaufen Scato, aber Tiberios ist nicht mies. Behalte im Hinterkopf, dass er Dich fortschickte, als er es noch konnte für Dich Scato", flüsterte Lurco und zupfte ihm den Brief aus der Hand.


    Grinsend ging er mit Scato im Schlepptau zurück in die Baracke, stellte sich vor den Herd und hielt den Brief in die kleinen, züngelnden Flammen.


    "Guten Hunger", raunte er den Penaten zu.


    Bei den Worten war der eingenickte Ramnus schlagartig wach und schaute sich um.
    "Was gibts denn Leckeres?", fragte er, was die anderen losprusten ließ.


    Lurco musterte Scato von der Seite und tippte sacht mit einem Finger dessen Hand unauffällig an.

  • "Doch, er ist mies", lachte Scato, machte eine Bewegung, als wolle er die Arme lockern und stieß wie zufällig mit seinen Fingern gegen die Handfläche von Lurco. Dann sagte er zu Ramnus: "Heute gibt es was Leckeres, etwas ganz Besonderes: Puls!" Oh, der war böse, wenn einer richtig Schmacht auf was anderes hatte. Scato gluckste. Über das bitter enttäuschte Gesicht von Ramnus konnte er dann allerdings nicht mehr lachen. "Wir haben noch Hartkäse", fügte er tröstend hinzu. "Sehr viel Hartkäse. Und Ei."


    "Wieder kein Fleisch", maulte Ramnus und kickte ein Steinchen weg.


    Das Herdfeuer flammte auf einmal auf, als eine brennende Flocke vom Papyrus in die Asche fiel. Wenigstens schmeckte es den Penaten.

  • Lurco erwiderte kurz die Geste und streichelte Scatos Hand, ehe er sich von dem Herd und Scato losriss und nach dem Hartkäse kramte. Er schnitt ein großes Stück ab, packte noch ein Stück Brot dazu und reichte beides Ramnus.


    "Hier lass es Dir schmecken. Fleisch hatten wir schon ewig nicht mehr. Was ich auch gerne mal wieder essen würde wäre Fisch. Oder eine Bratwurst. Ich glaube ich hole mir nachher eine als Nachtschmaus. Leckere Bratwurst und süße Träume", grinste er breit.

  • "Bratwurst", wiederholte Ramnus wie im Trance, während er dankbar die Gabe entgegennahm.
    "Bratwurst", bestätigte Tarpa, der sich demonstrativ die Caligae anzog.
    In Stilos Bett kam sein Kopf hoch. "Bratwurst?"
    "Bratwurst nennt man gewolftes Fleisch im Tierdarm, verfeinert mit Gewürzen, Zwiebeln und Kräutern, anschließend gebrüht und gegebenenfalls geräuchert, bevor die Wurst auf dem Grill gebraten wird", erklärte Quietus, als wäre die Frage inhaltlicher Natur gewesen. "Oft wird hierzu die Lukanerwurst zweckentfremdet."
    "Bratwurst!", tönte Aspers Jubelruf und er warf seinen Löffel in die Luft.
    Wie zur Bestätigung knurrte Ramnus´ Magen. Rasch biss er vom Hartkäse ab. Der Löffel landete genau in der Sparamphore. Wie gut, dass die inzwischen wieder gefüllt war, sonst hätte das ein böses Erwachen dank dieses verräterischen Löffels gegeben. Die fehlenden 5 Sesterzen würde Scato hinzufügen, sobald er das Geld beisammenhatte.


    Scato wies mit dem Daumen hinter sich. "Siehst du, Lurc, man zählt auf dich. Jeder will eine. Führ uns hin!" Gedanklich merkte Scato sich die Begeisterung der Truppe. Künftig würde er verstärkt darauf achten, was sie essen wollten, damit sie später das Angebot ihrer Taberna darauf ausrichten konnten. Und gemeinsam angeln zu gehen wäre sicher auch eine gute Idee, nur nicht gerade im Tiber.

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