Jedem Ende wohnt ein Anfang inne

  • Es gehörte nicht zu Serenas Aufgaben, den Geburtstag ihres Gatten zu organisieren, zumal ein kaiserlicher Geburtstag zuweilen größere Ausmaße annahm, aber in diesem Jahr schienen sich die Organisatoren darin einig zu sein, die Augusta mittels Beschäftigung aus der Lethargie zu reißen. Sie ließen sie wissen, dass niemand sonst einen Finger rührte und es bei ihr lag, ob der Genius des Kaisers an diesem Tag geehrt wurde.

    Serena ließ sich Tage Zeit, in denen sie apathisch lag und darüber nachgrübelte, wann der geeignetste Zeitpunkt für eine solch ungewöhnliche Klärung wäre, zumal sie seit dem Todestag ihres Jungen jedem Kontakt aus dem Weg gegangen war. Sie verwarf den Gedanken an ein Gespräch im abgeschirmten Schlafraum. Stattdessen wählte sie ein gemeinsames Essen. Gäste wollte sie nicht sehen und konnte sie auch nicht gebrauchen, also vergingen weitere Tage.


    Heute gegen Ende des Tages gab es weder einen offiziellen Termin noch eine private Verpflichtung für den Kaiser. Der Zeitpunkt schien günstig, also fand sie keine Ausflüchte mehr. Während ihre Frisur noch einmal gerichtet wurde, sann sie über die Hintermänner dieses Komplotts nach. Sie gestattete es sich nicht, deren gute Absichten zu erkennen, weil sie dann eingestehen müsste, dass die "Verschwörer" geschickt handelten. Die Kaiserin benötigte Zwang, um wieder auf die Beine zu kommen. Der Boden unter ihren Füßen wankte noch zu sehr.


    Sie wollte die drapierten Blumen beim Betreten des Raumes nicht sehen, aber ihre Nase vermeldete sie. Die liebliche Seite des Lebens schob sie kontinuierlich fort. Die bereitstehenden Sklaven ignorierend, nahm sie Platz, richtete unnötigerweise ihre Tunika und wartete auf den Kaiser.

  • Der Kaiser kam etwas später, aber nicht zu spät. Er hatte sich von der Augusta ferngehalten, da er selbst nicht wusste, wie er mit der Situation umgehen sollte. Natürlich trauerte er auf andere Weise als Serena: Er hatte sich schlicht in Arbeit gestürzt. Trotzdem wurde deutlich, dass auch ihn der Verlust seines Zweitgeborenen schmerzte. Und so trug er auch heute eine schwarze Tunica, die nur von seinem goldenen Mercurius-Medaillon aufgehellt wurde. Sein Bart war nicht gepflegt, sein Haar unfrisiert. Das war nicht nur Tradition, sondern entsprach auch seiner Gefühlslage.


    Immerhin hatte seine Gattin ihn heute zum Abendessen einbestellt. Ein erster Schritt.


    Als er eintrat, ging er sofort auf Veturia Serena zu und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. "Veturia, es ist Zeit, dass wir uns wieder sehen." Er ließ sich auf seine Kline gleiten und blickte ernst zu ihr hinüber. "Wie geht es dir?"

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  • Minuten, die wartend verbracht wurden, zogen sich in die Länge, obwohl sie keinesfalls mehr Zeitvolumen bargen als aktiv verbrachte. Die erste Minute saß die Kaiserin reglos, die nächste betrachtete sie ihre Finger. Sie strich über die Nägel, musterte deren Form und legte die Hände wieder ab. Die dritte Minute kaute sie auf ihrer Unterlippe, während in der vierten das Herz zu klopfen begann. Um sich abzulenken, schloss sie die Augen und sog absichtlich den Duft der Blüten ein, dem sie sich zuvor verschlossen hatte. Als sich die Schwere ihres Gemütes für Momente lichtete, schreckte sie zusammen. Ihrem kleinen Jungen war es nicht vergönnt, sich besser zu fühlen, also durfte sie das ebenfalls nicht. Ein Zusammenhang, dem sie momentan nicht entfliehen konnte.

    Schritte drangen an ihr Ohr und sie lauschte. Ohne Zweifel traf Severus ein. Sie freute sich, ihn zu sehen, aber fürchtete sich auch davor. Die Nervosität stieg, weil sie nicht wusste, was sie erwartete. Sie würde ihr ganzes bisheriges Leben hinterfragen und umkrempeln müssen, wusste aber nicht einzuschätzen, ob sie in ihrer Ehe auch so viele Fehler gemacht hatte.


    Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als der Kaiser den Raum betrat. Serena empfing den Kuss und hörte die Zustimmung für ihr gemeinsames Essen. Sie bekam keine Zeit, sich ihrer Erleichterung bewusst zu werden, versuchte sich aber in einem Lächeln und hoffte, dass Severus es als solches identifizieren konnte. Sein ernster Blick verunsicherte sie nicht, denn er passte zur gestellten Frage. Auch Serena wurde wieder ernst. Ein tiefer Atemzug entfuhr ihr unwillkürlich, bevor sie antworten konnte.


    "An guten Tagen suche ich nach Halt. An den schlechten..." Sie brach ab, weil die Worte fehlten. "Es fällt mir oft schwer aufzustehen." Sie lag dann apathisch im Bett und brütete vor sich hin. Viel mehr, als über sich selbst zu berichten, wünschte sie Kenntnis über sein Befinden.

    "Und wie geht es dir?" Ihre Stimme klang zart.

  • Der Kaiser erwiderte das schüchterne Lächeln, wurde dann aber wieder ernst. Es schmerzte ihn, seine Gattin so zu sehen. Sie waren nie direkt verliebt gewesen, aber er litt durchaus darunter, dass es ihn schlecht ging.


    Auf ihre Gegenfrage seufzte er. "Mir geht es..." Er zeigte ein gequältes Lächeln. "...den Umständen entsprechend gut. Es gibt viel zu tun, das lenkt mich ab." Das war die Wahrheit. Er konnte nicht wirklich sagen, dass es ihm gut ging, aber er hatte einfach keine Zeit zu trauern.


    Er griff nach seinem Becher und nahm einen Schluck. "Du solltest auch nicht nur deinen Gedanken nachhängen. Unternimm etwas! Das wird dich ablenken!" Das war immer sein Rezept gegen Schmerz und Trauer gewesen. "Es wird Iulianus nicht wieder lebendig machen, wenn du dich der Melancholie hingibst. Du... wir müssen darüber hinwegkommen!" Die Worte waren nicht mahnend oder belehrend. Eher mitfühlend. Er meinte es ernst.

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  • Während Tiberius sein Befinden schilderte, betrachtete Serena sein Äußeres. Sie kannte ihn geordneter, gleichzeitig erklärte er, es ging ihm 'den Umständen entsprechend gut', was nicht schlecht klang. Bei ihr verhielt es sich genau umgekehrt. Sie bemühte sich um eine intakte Fassade, dabei ging es ihr miserabel. Sie scheute Kontakte und verweigerte Antworten. Gerade führte sie die erste Konversation seit vielen Tagen.


    Als Severus zu seinem Becher griff, läutete er den Beginn der Cena ein. Serena wollte Gleiches tun, musste sich aber zunächst festlegen, ob sie die Mahlzeit im Sitzen oder Liegen verbringen wollte. Der erste Tag, an dem sie nicht auf ihrem Zimmer aß, und schon fingen die Probleme an. Alles Bisherige stellte sie in Frage, weil sie mit ihren Entscheidungen viel zu oft danebenlag. Was würde wohl Iuno raten oder sehen wollen? Serena wusste, die Göttin half nicht, sie richtete nur, also fing sie zu überlegen an.

    Sie lebte nicht zu Zeiten der Republik und gehörte auch nicht den niederen Kreisen an, aber bedeutete dies automatisch, dass sie bei einer Cena liegen durfte? Sie musste für sich die Frage beantworten, ob liegende Frauen der Oberschicht einer neumodischen Strömung angehörten, oder ob sie dem Geist ihrer Zeit entsprachen. Serena blickte gequält, aber ihren Gatten wollte sie auch nicht fragen. Sie allein musste zukünftig die richtigen Wege finden und gehen. Sie wollte Iuno und ihrem Sohn zuliebe nie wieder neumodisch sein, aber hinter der Zeit zurückbleiben sollte eine Kaiserin ebenfalls nicht.


    Schließlich reifte ein Entschluss. Sie schlug Iuno in Gedanken einen Pakt vor, bei dem sie ab sofort als Zeichen ihrer hohen Position eine Cena nur noch im Liegen verbrachte, sich dafür aber noch heute von einem inakzeptablen Teil ihrer Vergangenheit verabschiedete. Zufrieden und mit sich im Reinen, legte sich Serena hin. Sie bemühte sich um eine anmutige Haltung. Gemütlich liegen konnte sie wo anders.


    Nachdem diese Sache geklärt war, widmete sie sich den Vorschlägen ihres Gatten.

    "Du bist in der Pflicht zu regieren, das treibt dich an. Für mich gibt es keinerlei Antrieb." Kaum ausgesprochen bemerkte sie den Irrtum. "Obwohl, das stimmt so nicht. Mir wurde nahegelegt, mich um deinen Geburtstag zu sorgen, weil es in diesem Jahr sonst kein anderer tut. Meinst du, sie machen diese Drohung wahr?" Sorge schwang mit, obwohl sich Serena gerne vor jedweder Organisation drücken und in ihrem Zimmer verkriechen würde. "Welche Form der Feier hältst du denn für angebracht?" Sie betrauerten immerhin den Tod ihres Sohnes.


    Die Worte, dass ihr Kleiner bei allem, was sie tat, nicht wieder lebendig werden würde, wollte sie nicht hören. Sie folgte Iunos Auftrag in der Hoffnung, dass es Iulianus dort, wo er jetzt war, gut gehen möge. Dafür musste sie Sorge tragen.

    Sie nippte erstmals an ihrem Getränk, gab den Becher aber sofort wieder ab. Der Appetit und Durst ließ zu wünschen übrig.

  • Der Kaiser bemerkte, dass seine Gattin zögerte, ehe sie Platz nahm. Warum sie das tat, verstand er nicht, fragte aber auch nicht nach. Lieber wandte er sich dem Gespräch zu.

    "Ich könnte deine Hilfe sehr gut gebrauchen!" bemerkte er, als sie von ihren fehlenden Aufgaben sprach. Wobei sie im nächsten Satz bereits eine nannte.

    Er lächelte über die Ermahnungen seiner Höflinge. Der Dies Natalis des amtierenden Kaisers war ein fester Termin im Kultkalender Roms, der im ganzen Imperium gefeiert wurde. Egal, ob der Kaiser traurig war oder fröhlich. "Ich denke, die Priesterschaften werden es sich nicht nehmen lassen, mir öffentlich zu opfern. Ganz zu schweigen von den Senatoren, die mir gratulieren wollen." Er strich sich durch den Bart. Eigentlich war er kein großer Fan derartiger Kulthandlungen zu seinen Ehren war. "Ich würde mich aber sehr freuen, wenn du dich um das ganze Drumherum kümmern könntest, das würde mich sehr entlasten. Und du hast sicherlich ein gutes Gefühl dafür, was in diesem Jahr angebracht ist und was nicht."

    Das Essen wurde aufgetragen und Severus bediente sich. Er hatte den ganzen Tag kaum etwas gegessen!

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  • Die Aussage des Kaisers, er könnte ihre Hilfe sehr gut gebrauchen, richtete Serena innerlich auf. Ein paar Kleinigkeiten zu übernehmen und abzuwarten, wie sie sich dabei fühlte, versprach ein guter Plan zu sein. Sie nickte auch noch zustimmend, als ihr Gatte prophezeite, die Priester würden opfern und die Senatoren gratulieren wollen. Wahrscheinlich würden auch die vielen einfachen, aber gläubigen Römer eine Prozession erwarten und erhoffen. Als aber Severus auch noch in die Kerbe der eigentlichen Organisatoren schlug und von Freude und Entlastung sprach, wenn sich Serena engagierte, öffnete sie aus Verblüffung den Mund und hob die Brauen. Das war mehr, als sie sich zutraute. Selbst wenn sie sich ab sofort nicht mehr ihrem Kummer hingab, was nicht realistisch schien, würde die Zeit kaum ausreichen, um allein eine solch große und wichtige Feier zu
    organisieren. Zum Glück lenkten den Kaiser die Speisen ab, daher wusste sie nicht zu sagen, ob er ihren Schreck bemerkt hatte. Als sie zu ihm blickte, wirkte sie verzagt.

    "Das ist viel Arbeit und viel Verantwortung, Tiberius." Sie schätzte flüchtig ab, ob Iuno etwas gegen ihr Wirken haben könnte, denn sie glaubte, jeder Fehltritt ihrerseits würde weiterhin bestraft werden, erwartete von dieser Seite aber keine Gefahr. Die Gefahr lauerte wo anders. Ihr Gatte würde sich über ihre Hilfe freuen und fast schien es, als könne sie ihn nur enttäuschen. Ihr ohnehin kleiner Appetit löste sich in Luft auf. Trotzdem griff sie zu einem gereichten Happen, um nicht nur zuzusehen.

    "Wird es reichen, die Priester zu erinnern, und sie werden dann selbstständig für die Ausrichtung der Feier sorgen?" Der Happen landete in ihrem Mund, wurde beim Kauen allerdings größer statt kleiner. Sie musste trinken, um ihn hinab würgen zu können. "Müssen alle Provinzverwalter erinnert werden? Weißt du, ob irgendjemand selbstständig an das Fest denkt?" Sie merkte, wie sie einerseits zweifelte und andererseits hoffte.

  • Während der Kaiser zufrieden zulangte, bemerkte er das Zögern seiner Gattin nicht wirklich. Erst als sie nachfragte, nahm er Notiz davon. Er lächelte. Manchmal fragte er sich, ob er Serena in den vergangenen Jahren zu sehr aus dem Tagesgeschäft herausgehalten hatte. "Das will ich doch sehr hoffen! Die Feierlichkeiten sind immerhin vor allem Loyalitätsbeweise, da wäre es schon peinlich, wenn wir das erst anschieben und auch noch organisieren müssten!" Das galt selbstverständlich sowohl für die Provinzen als auch für die Priesterschaften. "Für dich ist sicherlich nur Rom relevant und dort haben die Arvalbrüder und Pontifices normalerweise das Heft in der Hand. Am besten du sagst Flavius Gracchus und den Arvalbrüdern einfach Bescheid, dass sie alle Fragen zu den Feierlichkeiten mit dir abstimmen sollen. Die werden dann wissen, was zu tun ist und wahrscheinlich nur das ansprechen, was vom Ritual abweicht."

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  • Der verzagte Gesichtsausdruck, mit dem Serena ihren Gatten betrachtete, löste sich im Verlauf seiner Antwort in Wohlgefallen auf und machte dem ersten größeren Lächeln Platz seit der Todesstunde ihres Sohnes. Erleichterung machte sich breit, die sie zügeln musste, um das Entweichen der Anspannung nicht durch einen Seufzer hörbar werden zu lassen.

    "Das heißt im Umkehrschluss: Wer mich nicht anspricht, hat alles im Griff." Sie sprach schnell, um die Aussage als Tatsache zu statuieren. Einschränkungen würde sie nur ungern hören. "Ich muss nichts weiter machen, als allen Bescheid zu geben, dass ich in diesem Jahr die Ansprechperson bin." Vor der Cena wäre ihr auch diese Verantwortung unsäglich groß erschienen, aber nachdem sie im Geiste bereits konsultiert wurde, um die Opfertiere auszusuchen, wirkte die Verantwortung als Ansprechpartner dagegen wie ein Pappenstiel.


    Ihre Gesichtsmuskeln verrichteten ungewohnte Arbeit, weil sie schon wieder lächelte. Versonnen griff sie nach einer Olive, hielt sie mit Daumen und Zeigefinger hoch und drehte sie zum Licht. Als dunkler Punkt inmitten eines Lichtkranzes strahlte sie Magisches aus, das selbst nach dem Verspeisen blieb. Lichtpunkte, gleich wohin Serena fortan blickte, gesellte sich zu ihr.

    War das ein Zeichen von Iuno? Wenn, dann konnte es kein schlechtes sein, dachte Serena bei sich.

    Als sie zu Severus sah, tanzten die Lichtpunkte bei jedem Zwinkern auch über dessen Gesicht. Der Zeitpunkt schien geeignet.

    "Ich würde mich auch über deine Hilfe freuen." Eingangs der Cena hatte sie mit Iuno in Gedanken einen Pakt geschlossen, bei dem sie ab sofort als Zeichen ihrer hohen Position eine Cena nur noch im Liegen verbrachte, sich dafür aber noch heute von einem inakzeptablen Teil ihrer Vergangenheit verabschiedete. Den inakzeptabelsten Punkt aus ihrer Sicht stellten die Klienten dar.

    "Ich habe zwei Klientinnen: Decima Messalina, eine Vestalin, und Tiberia Lucia, die Ehefrau von Consular Duccius Vala. Ich möchte mich von ihnen trennen. Hilfst du mir, Tiberius?"

  • Der Kaiser freute sich, dass die Stimmung seiner Gattin sich offensichtlich besserte. Mit einem Lächeln erwiderte er: "Nun, vielleicht lässt du dir auch erklären, wie alles abläuft, falls irgendetwas für dieses Jahr unpassend wäre." Auch wenn er nun seit einigen Jahren dieses Ritual über sich ergehen ließ, vergaß er regelmäßig, was wann passierte. Es waren einfach zu viele Festtage. Und die Logik dahinter hatte er nie verstanden.


    Als sie dann endlich zu essen begann, holte auch der Augustus sich Nachschlag. Die nächste Frage ließ ihn aber wieder innehalten. Seine Hilfe? Sie hatte ihm doch gerade erst angeboten, ihm eine Hilfe zu sein! Erst danach erkannte er, dass Veturia das Thema gewechselt hatte.


    Das neue Thema war ihm allerdings wieder ein Rätsel. "Also bei Decima Messalina kann ich dich beruhigen: Sie ist kürzlich verstorben." stellte er fest. Das wusste er aus dem Gedächtnis. Immerhin war sie die Virgo Vestalis Maxima gewesen und unter mysteriösen Umständen verschieden. Blieb aber eine wichtigere Frage: "Warum möchtest du deine Klientinnen loswerden?"

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  • Serena erwiderte das Lächeln und entspannte sich immer mehr. Der Vorschlag, sich die Abläufe der Prozession erklären zu lassen, milderte die Sorge, sie selbst könnte versagen. Die Aufgabe schien zu bewältigen zu sein und wenn ihr Gatte sich darüber freute, umso besser. Mitentscheiden zu können, was angesichts der Trauer unpassend wäre, stärkte sie. All das löste den Knoten im Magen und Serena bekam Appetit. Sie traute sich an ein Stück Fleisch, ließ es sich in mundgerechte Happen schneiden und hoffte, es möge im Mund weniger werden und nicht wie das Brot mehr. Erstmals schmeckten Speisen nicht mehr fad. Ihre Geschmacksnerven arbeiteten wieder.


    Sie kaute, als Severus die Botschaft vom Tod ihrer ersten Klientin überbrachte. Vor Schreck weiteten sich ihre Augen, sie wollte etwas erwidern und verschluckte sich beim Luftholen. Ein Sklave sprang herbei, nahm das Besteck ab und half der Kaiserin beim Aufrichten. Sitzend rang sie nach Luft. War das schon wieder ein Zeichen von Iuno? Durfte sie nicht liegen? Innerlich schüttelte sie den Kopf. Würde Iuno sie strafen wollen, dann zum einen nicht, wenn sie Klientinnen abstoßen wollte, und zum anderen ließe sie die Kaiserin dann viel länger am Hustenanfall leiden. Der aber legte sich.

    "Was?" Ihre Stimme klang piepsig. Noch immer mangelte es ihr an Luft und die Schocknachricht tat ihr übriges. Dass auch ihre Klientin mit dem Tod bestraft wurde, entsetzte sie. Auch wenn sie ahnte, dass Tiberius ihren Gedankengängen schwer folgen konnte, denn am Sterbebett ihres Sohnes hatte ihn Serenas' Bericht über die Erlebnisse im Lararium nicht bestürzt, öffnete sie sich erneut. "Die Götter bestrafen mich! Iuno hat mir nicht am Krankenbett unseres Sohnes geholfen und nun musste sogar eine meiner Klientinnen sterben."

    Ihre Gedanken irrten umher, während Tiberius die Frage nach dem Warum stellte. Serena wirkte fahrig, als sie die Arme um sich schlag. Sie zitterte. "Mit einer Frau, die Klientinnen hat, stimmt etwas nicht." Trotz leiser Stimme sprach sie entschieden. Sie war zu dieser Überzeugung gelangt und niemand konnte sie ihr ausreden. Die Todesnachricht bestärkte sie in dem Glauben, Unrechtes getan zu haben, als sie Klientinnen annahm und sogar mit ihnen prahlte.


    Sie musste überlegen, bevor sie fortfuhr. "Es gibt für mich nur zwei Möglichkeiten, Tiberius. Entweder ich folge unserem Sohn oder ich fange noch einmal von vorn an." Sie warf einen scheuen Blick zu ihm. "Ich dachte, ich probiere den Neuanfang. Ich möchte zurück auf den Stand, wo wir uns kennengelernt haben. Zu dieser Zeit habe ich mir am besten gefallen." Sie traute sich kaum weiterzusprechen, aber sie musste es wissen, weil seine Meinung das Zünglein an der Waage bedeutete. "Und dir? Wie habe ich dir am besten gefallen?"

  • Die Nachricht hatte den Kaiser ebenso kalt erwischt wie Veturia. Er hatte sich aber schon an den Gedanken gewöhnt und vergessen, dass seine Gattin das noch gar nicht wusste. Er wartete, bis sie sich beruhigt hatte. Ihre Schlüsse waren aber wieder sehr... emotional. "Du bist nicht irgendeine Frau, du bist die Augusta. Seit Divus Iulianus hatten alle Augustae Klienten, was soll daran falsch sein?" fragte er daher verwirrt zu ihrer Erklärung. "Und der Mord an Decima war wohl ein verwirrter Christ, keine Göttin. Wir ermitteln noch, aber wenn dann steckt wohl eher dieser seltsame Widergänger aus Iudaea dahinter als Iuno."


    Irgendetwas ging in Veturia vor, das hatte sich schon am Sterbebett ihres Sohnes abgezeichnet. Damals hatte der Augustus das abgetan, aber nun musste er doch Stellung beziehen. Auf ihre Frage antwortete er nach kurzem Überlegen wahrheitsgemäß: "Du hast mir immer gefallen als selbstbewusste Frau. Manchmal ein bisschen unkonventionell" Er dachte an den Einritt Serenas in Rom zurück, der für viel Gerede gesorgt hatte. Er selbst hatte es erfrischend gefunden. "aber nie geschmacklos." Als sie sich kennengelernt hatten, war Serena ein junges Mädchen gewesen, er ein erfahrener Politiker. Die Beziehung war entsprechend nicht besonders auf Augenhöhe gewesen. Das war manchmal bequem, aber letztlich bedeutete es auch, dass man alle Verantwortung für die Beziehung trug.


    Er stellte seinen Becher ab und sah seine Gattin eindringlich an. "Ich will kein kleines Mädchen, das immer nur auf die Hand ihres Gatten schaut und nicht mehr als schmückendes Beiwerk ist. Ich brauche eine Augusta, die mich unterstützt. Die mich hier und da vertreten kann und die respektiert wird." Das war immer die Rolle der Augusta gewesen. Von der Mutter des Divus Augustus bis heute.


    Er strich sich durch den Bart und dachte wieder kurz nach. "Wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Wir sollten es auch nicht: Ich habe nichts dagegen, wenn du keine Klientinnen mehr annimmst und keine eigenen Projekte mehr verfolgst. Das ist deine Sache." Er wusste natürlich um die Konkurrenz zwischen dem Caesar und seiner Stiefmutter. Er hatte es aber nie als sonderlich gefährlich eingeschätzt, immerhin sorgte er selbst ja für entsprechenden Ausgleich. "Aber ich brauche dich nicht nur hier im Haushalt, sondern auch dort draußen." Mit einer Geste zeigte er in Richtung Fenster, wo man einen herrlichen Blick hinüber zum Capitolium hatte.

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  • Serenas Blick hing wie gebannt auf dem Antlitz ihres Gatten. Sie hörte zu, verarbeitete, aber im Entschluss schwankte sie.

    'Siehst du!' Triumphierend meldete sich das alte Ich zu Wort. 'Ich habe dir gesagt, dass du nichts ändern musst!' Es schien Serena verlockend, den gewohnten Weg weiterzugehen. Tiberius lieferte sogar überzeugende Argumente, denn anscheinend stellten Klienten keine Neuerung dar.

    Das neue Ich gab sich nicht geschlagen. Mahnend wisperte es: 'Hast du denn schon wieder alles vergessen?' Serena zuckte zusammen. Wie sollte sie die Erlebnisse im Lararium vergessen? Sie hatte die Göttin gespürt, ohne sich selbst für verrückt zu halten. Hin und her gerissen beschloss sie, die Angelegenheit weiter auszuleuchten.

    "Du punktest mit Fakten, ich habe nur ein Gefühl." Nach dem Eingeständnis ihrer mageren Argumente fühlte sie sich nicht erleichtert, dabei müsste sie es sein, denn alles sprach für Tiberius' Ansicht. Stattdessen wuchsen Zweifel.

    "Wie sah es denn vor Divus Iulianus aus? Bei Ihm gab es doch die Senatorinnen." Insofern schien seine Regierungszeit wenig geeignet, um sie zum Vorbild zu nehmen. Nachfolgende Kaiser hielten es ähnlich bei den Klientinnen, sagte Severus, allerdings nicht mit den weiblichen Senatoren, was vielleicht einen Trend einläutete.

    Plötzlich fiel Serena ein, sie durfte gar nicht wanken, denn zu Beginn der Cena schloss sie den Pakt mit Iuno. Es galt, Tiberius zu gewinnen, und erst jetzt fühlte sie sich erleichtert.

    Eine beruhigende Erklärung, warum ein Christ ihre erste Klientin tötete, ohne dass Iuno richtete, fiel ihn nicht spontan ein. Sie würde darüber nachdenken müssen. Sie könnte auch die Vestalinnen besuchen, um deren Einschätzung zu erfragen.


    Als Severus auf ihre Frage, wie sie ihm gefiel, antwortete, schaltete Serena alle anderen Gedanken ab. Sie wollte nichts missverstehen und nichts überhören, denn sein Wunschbild musste in ihr Selbstbild passen. Sie lächelte, weil er ihr ein gutes Gefühl gab, trotz der vielen Fehler. Er bezeichnete sie als unkonventionell, was sich nicht schlimm anhörte. Wenn er sie nie als geschmacklos empfand, konnte sie ihn bisher auch nicht enttäuscht haben, so schlussfolgerte sie. Serenas Erleichterung folgten prompt neue Sorgen. Was, wenn ihm nur die alte Serena gefiel, nicht aber die neue?

    Sein eindringlicher Blick ließ ihren Atem stocken. Ein kleines Mädchen war sie freilich nicht, nur aktuell verunsichert und auf der Suche nach Orientierung. Sie sah ein, dass sie nicht dauerhaft auf ihrem Zimmer bleiben konnte und die Öffentlichkeit mied. Respekt würde sie sich verschaffen können, daran zweifelte sie nicht, aber noch trug sie Trauer, noch fehlte ihr die Kraft. Ihr Blick folgte seiner Hand und sie sah aus dem Fenster. Das Capitolium erstrahlte im Sonnenlicht des Herbstes. In Gedanken sah sie die Ränge gefüllt, spürte die Luft vibrieren und hörte Getose. Rom pulste weiter, ungeachtet der Tatsache, dass das Leben um ihren kleinen Jungen zum Stillstand gekommen war. Ein Stillstand, der sie mit erfasste.

    Sie riss den Blick los und erforschte Tiberius' Augen, bevor sie eine Bitte äußerte.

    "Gib mir noch etwas Zeit zum trauern. Ich bin nicht so stark wie du." Insgeheim zweifelte sie, aus dem Tal der Trauer je herauszufinden, aber funktionieren musste sie.

  • Der Kaiser sah die Augusta fragend an, als sie auf ihr Gefühl verwies. Was sollte man da sagen?

    "Vor Iulianus gab es natürlich keine Senatorinnen, aber durchaus selbstbewusste Augustae mit eigenen Schützlingen und Netzwerken." Ob er das für Veturia wollte, wusste er selbst nicht. Ratlos strich er sich durch den Bart.


    Ganz offensichtlich war seine Gattin noch nicht so weit. Und er konnte sie auch nicht drängen. "Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Aber vertiefe dich nicht zu sehr in Gefühlen und Melancholie. Das macht es nicht besser." Er lächelte. "Probiere aus, was für dich geht und versuche behutsam, zum Alltag zurückzukehren. Vielleicht ist mein Geburtstag ein guter Anfang."

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  • Serenas altes Ich griff das Stichwort Netzwerk auf. Wer ein Netzwerk errichtete, wollte Einfluss in verschiedenen Bereichen nehmen. Aus Zeitvertreib spann niemand ein Geflecht, sondern nur derjenige mit einem Plan. Das Ziel musste Änderungen bestehender Strukturen beinhalten, alles andere machte keinen Sinn. Serena nahm sich ein Stückchen Brot und kaute, während sie nachdachte. Zaghaft meldete sich das neue Ich.

    'Was willst du ändern? Du bist Augusta und bleibst es, solange Tiberius regiert. Um seine Macht zu stärken, benötigst du kein eigenes Netzwerk.' Dem stimmte sie zu. Es gab nichts zu bewirken, daher benötigte sie auch keine Klienten, und zum Stärken von Schützlingen fühlte sie sich nicht berufen.

    Sie blickte zu Tiberius und lächelte. "Danke, das hat mir geholfen."

    Auch seine nachfolgende Empfehlung half Serena. Er drängte sie nicht, empfahl den Blick nach vorn und benutzte umsichtige Worte. Allein das Wort 'behutsam' wirkte wie Balsam und gleichzeitig anspornend. Sie wiegte lächelnd den Kopf, was der Skepsis die Bedeutung raubte, denn Tiberius hatte sie längst überzeugt.

    "Dein Geburtstag bietet Pflicht und Freude zugleich. Mir scheint, er eignet sich wirklich gut als Anfang." Die ersten Klärungen seit dem Tod ihres Jungen lagen hinter ihr. Was früher wie nebenbei gelang, erschöpfte sie heute zusehends. Ein eigenes Anliegen verfolgte sie nicht mehr, aber sollte ihr Gatte weitere Angelegenheit zur Sprache bringen, würde sie zuhören.

  • Der Kaiser lächelte und nickte. Offensichtlich hatte er Veturia wieder ein wenig aufgemuntert. Es blieb abzuwarten, ob diese Aufmunterung anhielt. Zunächst war Severus aber erleichtert und bediente sich ein wenig kräftiger am Essen.

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