• Es war bereits dunkel, als ich die schwere Holztür hinter mir schloss. Mein Rücken schmerzte vom langen Stehen, und meine Hände waren rau und rissig. Ton, Wasser und Feuer hatten ihre Spuren hinterlassen. Seit dem Morgengrauen hatte ich auf dem Markt Töpfe und Schalen verkauft. Nicht viel, aber genug, um den Tag zu überstehen. Vielleicht.


    Der warme Duft von gebratenem Fleisch und frischem Brot umhüllte mich sofort. Stimmengewirr, das Klirren von Bechern, ein knisterndes Feuer in der Ecke. Die Taberna war voll, wie immer zu dieser Stunde. Ich ließ mich auf einer Holzbank nieder, nicht weit vom Feuer, und bestellte mir einen Becher gewürzten Wein. Den hatte ich mir verdient. Ich nippte gerade an meinem Becher, als die Tür erneut aufflog. Männer in Rüstung stapften herein. Legionäre, mehrere, und einer trug einen roten Mantel. Ein Offizier? Er ließ seinen Blick über die Gäste schweifen, musterte jeden Tisch. "Sila!" hörte ich plötzlich eine Stimme rufen. Ich fuhr herum, es war Livia. Eine alte Bekannte aus besseren Tagen. Sie winkte mich zu sich herüber. Ich spürte ein ungutes Kribbeln. Etwas lag in der Luft… und ich bezweifelte, dass dieser Abend so friedlich enden würde, wie ich es mir erhofft hatte.

  • Matidia hatte sich an diesem Abend bewusst etwas abseits vom Zentrum der lärmenden Schenke niedergelassen, auf einem breiten, aber abgewetzten Holzbänkchen unter einem Wandfresko, das bessere Zeiten gesehen hatte. Sie fröstelte leicht, obwohl der Raum warm war – vielleicht, weil sie den ganzen Tag damit verbracht hatte, zwischen Ärzten, Offizieren und neugierigen Soldaten um Auskünfte über den Zustand ihrer Mutter zu ringen. Noch immer lag Tillia Ursicana im Lager, bettlägerig, erschöpft vom Angriff und von der Reise.

    Matidia jedoch hatte dringend Abstand gebraucht, wenigstens für einen Moment. Und ein Becher gewürzten Weines, der ihr versprach, die Anspannung aus Schultern und Nacken zu lösen.



    Sie saß, wie immer, tadellos zurechtgemacht: das braune Haar in kunstvoller Hochsteckung, die Tunika frisch gegürtet, der Mantel elegant über die Schulter gelegt. Aber in ihren blauen Augen lag Müdigkeit, die sich nicht so leicht überschminken ließ.

    Gerade schien alles erledigt, als die Tür aufflog. Kalte Luft, das Scheppern von Metall. Mehrere Legionäre traten ein, und mit ihnen ein Offizier im roten Mantel. Sein Blick streifte über die Tische wie der einer Raubkatze, die prüfte, wo sich Beute verbarg.

    Matidia senkte instinktiv das Kinn, genug, um nicht zu auffällig zu wirken, aber nicht so sehr, dass sie an Haltung verloren hätte. Die Atmosphäre im Schankraum spannte sich, wie kurz vor einem Gewitter. Sie kannte dieses Gefühl: wenn Soldaten etwas suchten, war es selten angenehm.

    Dann ein Rufen, nicht weit von ihr.

    Die Stimme kam vom Nachbartisch. Matidia fuhr herum. Eine Frau winkte, energisch, fast zu eilig und eine Blonde reagierte darauf. Wie hing das nun zusammen? Sie beobachtete weiter.

  • Ich setzte mich zu ihr, und sie beugte sich sofort näher. "Du hättest heute nicht hierherkommen sollen", murmelte sie. "Das sagst du immer", antwortete ich und versuchte zu lächeln. Es misslang. Mein Blick wanderte zu den Legionären. Der Offizier war inzwischen nähergekommen. Zu nah. "Was ist los?" flüsterte ich. "Sie suchen eine Frau. Eine Töpferin", sagte Livia leise. "Gestern auf dem Markt Streit mit einem Soldaten. Er liegt heute mit gebrochener Nase im Lager. Er sagt, du warst es." Mir wurde kalt. Gestern. Markt. Der betrunkene Soldat, der einen Krug nahm, ohne zu zahlen. Ich hatte ihm nur die Hand weggeschlagen. Mehr nicht.


    Bevor ich antworten konnte, spürte ich den Blick des Offiziers im Rücken, als hätte er mir ein Gewicht zwischen die Schulterblätter gelegt. Für einen Herzschlag lang sah ich nur zwei Möglichkeiten... aufstehen oder etwas sehr Dummes, sehr Mutiges tun. Ich griff nach meinem Becher, als hätte ich es mir anders überlegt, stand halb auf, stolperte absichtlich ein wenig und wandte mich vom Tisch weg. "Ups...", murmelte ich laut genug, um gehört zu werden, "ich sehe schlecht im Halbdunkel." Dann ging ich nicht zur Tür, sondern machte zwei Schritte zur Seite, direkt zu der Frau mit dem dunklen Mantel und der aufrechten Haltung, die mir schon zuvor aufgefallen war. Sie wirkte fehl am Platz zwischen all dem Lärm, zu gesammelt, zu wachsam. Wenn jemand hier wusste, wie man sich in brenzligen Momenten benahm, dann sie.


    Ich ließ mich neben ihr auf die Bank sinken, ohne zu fragen, und stellte meinen Becher auf den Tisch, als wäre ich mitten in einer längst begonnenen Unterhaltung. "Du bist spät dran", sagte ich leise, aber bestimmt, den Blick auf den Wein gerichtet. "Ich dachte schon, du kommst heute gar nicht mehr." Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Offizier innehielt. Unsicherheit. Nur ein Hauch davon, aber genug. Ich beugte mich näher zu der Frau und senkte die Stimme noch weiter. "Bitte spiel mit. Sie suchen mich." Lauter fügte ich hinzu, während ich mit dem Finger eine feuchte Spur im Holz nachzeichnete. "Wie fandest du gestern den gemeinsamen Ausflug?" Mein Herz hämmerte mir bis in die Schläfen. "Ich hoffe, es war erfreulich." Ich wagte es nun, sie anzusehen, nur kurz, flehend. Und hoffte, dass sie verstand, was hier gerade auf dem Spiel stand.

  • Matidia hatte die Szene zunächst nur aus dem Augenwinkel verfolgt, mit jener distanzierten Aufmerksamkeit, die sie sich schon lange angewöhnt hatte. Es war nie gut, zu offen zu zeigen, wenn einen etwas interessierte. Doch als die fremde Frau plötzlich neben ihr Platz nahm, ohne Einladung, spannte sich ihr Körper doch ein wenig an und sie schaute die Andere überrascht an. Die Worte der Unbekannten waren erst verwirrend, dann folgten ein paar weitere, leise, aber eindeutig.



    Für einen Atemzug lang überlegte sie, ob man ihr einen Streich spielte. Dann jedoch sah sie den Blick, der durchaus verzweifelt aussah. Ihre Hand berührte flüchtig den Unterarm der fremden Frau. Sie hatte verstanden.

    Matidia richtete sich minimal auf, legte den Kopf schief und ließ ein leises, melodisches Lachen hören, das mühelos den Raum durchdrang. „Du kennst mich doch“, erwiderte sie in gespieltem Tadel und ein wenig zu laut, als sie nach dem Becher griff. „Wenn ich mir die Haare mache, verliere ich manchmal jedes Zeitgefühl.“ Sie wandte demonstrativ ihren Kopf nun halb dem Raum zu, gerade so, dass jeder, der herüberschaute, ihre Frisur und die gezupften Augenbrauen bewundern durfte, dazu das selbstbewusste Lächeln einer jungen Römerin aus gutem Hause, die es gewohnt war, gesehen zu werden.

    Dann wandte sie sich wieder der Blonden zu. „Der Ausflug? Ach, wirklich reizend. Auch wenn ich bezweifle, dass ein weiterer Spaziergang durch den Schlamm Germanias meinem Schuhwerk zuträglich wäre.“ Sie schüttelte den Kopf, als wäre dies das größte Ärgernis seit einiger Zeit, und strich dabei beiläufig eine Falte aus ihrem Mantel.

    Erst dann ließ sie ihren Blick wieder offen über die Legionäre gleiten, blieb einen Herzschlag zu lang am Offizier hängen, als hätte sie ihn erst jetzt wirklich wahrgenommen. Dann senkte sie die Stimme, und schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, du musst mir verzeihen wenn ich zu laut bin. Der Wein hier ist stärker, als man denkt.“

  • Für einen Augenblick starrte ich sie einfach nur an. Ich hatte mit vielem gerechnet, mit Ablehnung, einem erschrockenen Aufspringen oder damit, dass sie nach den Legionären rief. Aber nicht damit. Als ihr Lachen durch die Taberna klang, begriff ich. Sie spielte mit. "Und wie ich dich kenne", erwiderte ich und zwang mich zu einem Lächeln. "Wobei ich langsam glaube, dass du deine Haare nur als Ausrede benutzt, um mich warten zu lassen."


    Ich griff nach meinem Becher und nahm einen Schluck. Dabei ließ ich meinen Blick kurz zur Seite wandern. Der Offizier war noch immer dort. Verdammt. "Und den Schlamm hättest du dir ersparen können, wenn du auf mich gehört hättest", fügte ich etwas lauter hinzu. "Aber nein, du musstest natürlich diese Schuhe tragen." Diesmal kam mein Lächeln leichter. Die Fremde war gut. Sehr gut sogar. Für jemanden, der keine Ahnung hatte, wer ich war oder weshalb ich mich ausgerechnet zu ihr gesetzt hatte, spielte sie ihre Rolle erschreckend überzeugend.


    Ich beugte mich etwas näher zu ihr und senkte die Stimme. "Danke", flüsterte ich, kaum hörbar. Dann huschte mein Blick erneut zu den Legionären. "Ich erkläre es dir später. Falls es ein später gibt."


    Sofort richtete ich mich wieder auf und verdrehte demonstrativ die Augen. "Und schieb es nicht auf den Wein. Du warst schon immer zu laut." Dabei grinste ich sie an, als wären wir tatsächlich zwei alte Freundinnen, die sich seit Jahren über dieselben belanglosen Dinge stritten. Innerlich hoffte ich nur, dass die Männer uns diese Geschichte genauso bereitwillig abkauften.

  • Matidia ließ das Lächeln auf ihren Lippen, als wäre ihr Gespräch eine vertraute Neckerei und nicht der Faden, an dem gerade ihr Schicksal hing. Soviel hatte die Römerin schnell verstanden. Ebenso, dass sie hier eine gewaltige Dummheit machte, welche aber dafür viel zu spannend war. Sie kippte den Kopf ein wenig zur Seite, strich mit zwei Fingern eine lose Strähne zurecht, die gar nicht lose gewesen war, und schenkte Sila einen Blick, der amüsiert wirkte.

    „Natürlich schiebe ich es auf den Wein“, erwiderte sie lachend, „denn sonst müsste ich zugeben, dass du recht hast. Und das, weißt du, tue ich höchst ungern.“ Das Lachen wurde zu einem Schmunzeln. „Außerdem waren es sehr hübsche Schuhe. Man opfert nicht einfach so Eleganz für ein paar Pfützen.“

    Während sie sprach, ließ sie den Blick beiläufig durch den Schankraum gleiten, und blieb wie nebenbei am Offizier hängen. Sie schaute ihn an, wie eine junge Römerin aus gutem Hause es tat, wenn sie sich wunderte, was dieser Aufruhr wohl sollte: ein Heben der Augenbrauen, eine gewisse Neugier im Blick, dazu dann mit einem Mal ein Lächeln, als sie augenscheinlich den schneidigen Mann in Uniform erstmals wirklich wahrnahm. Die Finger strichen beiläufig über den Rand ihres Bechers, sie schaute noch einen bewussten Moment, dann senkte sie den Blick, als wäre sie verschämt.

    Ihr kleines Schauspiel zeigte die erwünschte Wirkung. Die Männer schauten statt der Blonden sie an, dann tauschten sie Blicke. Einer von ihnen verzog den Mund zu einem halben Grinsen, ein anderer senkte sogar den Blick, als hätte er sich mit seinem Blick auf die junge Frau zu sehr daneben benommen. Der Offizier selbst zögerte. Sein Blick blieb einen Moment an Matidia hängen, an der kunstvollen Hochsteckfrisur, der gepflegten Kleidung, ihrem Körper darunter, der Selbstverständlichkeit, mit der sie sich hier gab. Dann schüttelte er den Kopf.

    Was auch immer sie suchten: Hier, an diesem Tisch, bei dieser Frau, lag es offenbar nicht.



    „Weiter“, hörte man ihn knapp sagen. Die Männer lösten sich vom Platz, musterten noch ein, zwei andere Tische, dann schoben sie sich aus dem Schankraum.

    Erst als das Scheppern der Rüstungen nachließ, und wieder Ruhe im Raum eingekehrt war, ließ Matidia das Lächeln fallen. Sie beugte sich zu Sila, so nah, dass ihre Stimme nur noch ein Hauch war, und ihre Finger schlossen sich fest um den Unterarm der anderen.

    „Nun aber genug des Theaters“, flüsterte sie energisch, die blauen Augen fest auf Sila gerichtet. „Wer bist du, und was, bei Fortuna, geht hier vor sich?“

  • Ich blieb noch einen Moment reglos sitzen und lauschte dem Scheppern der Rüstungen, bis es draußen verklungen war. Erst dann atmete ich aus. "Puhhh… ." Mein Blick fiel auf ihre Finger, die sich noch immer fest um meinen Unterarm geschlossen hatten, dann hinauf in ihre blauen Augen. "Ähm... ." Ein schiefes Grinsen huschte über meine Lippen. "Ich muss zugeben. Das mit dem verschämten Blick zum Offizier war beeindruckend."


    Ich ahmte für einen Augenblick ihr unschuldiges Senken des Blickes nach, ehe ich wieder zu ihr sah. "Fast hätte ich es dir selbst geglaubt." Das Grinsen hielt allerdings nicht lange. Ich griff nach meinem Becher und nahm einen ordentlichen Schluck. "Duccia", sagte ich schließlich. "Duccia Sila. Und offenbar seit heute auch Verbrecherin."


    "Sie suchen tatsächlich mich." Meine Stimme war nun deutlich leiser. Ich warf einen Blick zur Tür, bevor ich fortfuhr. "Gestern auf dem Markt wollte ein betrunkener Legionär einen meiner Krüge mitnehmen, ohne zu bezahlen. Ich habe ihm gesagt, dass er entweder bezahlt oder seine Finger davon lässt." Ich hob eine Schulter. "Er war offenbar der Meinung, ein Schwert am Gürtel ersetze Münzen." Meine Lippen verzogen sich. "Also habe ich ihm die Hand weggeschlagen." Kurze Pause. "Nur die Hand."


    Demonstrativ hob ich beide Hände. "Heute liegt der gute Mann angeblich mit gebrochener Nase im Lager und behauptet, ich hätte sie ihm gebrochen." Ich sah Matidia vielsagend an. "Ich bin Töpferin. Meine Hände sind kräftig, aber bislang wusste ich nicht, dass ich einem Legionär die Nase brechen kann, ohne sie überhaupt zu berühren." Ein leises, humorloses Lachen entwich mir. "Livia hat mich gerade noch gewarnt. Dann stand der Offizier plötzlich hinter mir und mir blieben ungefähr drei Atemzüge, um mir etwas einfallen zu lassen." Nun kehrte das schiefe Grinsen zurück. "Und da saßt du." Ich musterte sie einen Moment. "Aufrechte Haltung, wachsamer Blick, viel zu gepflegt für diesen Laden…" Mein Blick wanderte demonstrativ zu ihrer Frisur. "Und offensichtlich mit Schuhen, deren Überleben wichtiger ist als das halbe Imperium."


    "Also dachte ich mir. Entweder rettet diese Frau mich oder sie liefert mich persönlich bei den Legionären ab." Wieder ein kleiner Schluck. "Fortuna hatte heute offenbar gute Laune." Ich beugte mich ein wenig näher zu ihr. "Mehr steckt nicht dahinter. Kein Aufstand, keine Verschwörung, kein gestohlener Sold. Nur ein Legionär, der entweder lügt oder gestern nach unserer Begegnung noch jemanden getroffen hat, der weniger Geduld mit ihm hatte."


    Hielt kurz inne. "Und bevor du fragst. Nein, ich habe keine Ahnung, wer ihm tatsächlich die Nase gebrochen hat." Meine Augen blieben auf ihren. "Aber jetzt kennst du meine Geschichte."


    Ich deutete mit dem Kinn auf ihre Hand an meinem Arm. "Darf ich meinen Arm wiederhaben… oder gehört der jetzt ebenfalls zum Preis meiner Rettung?" Ein Mundwinkel hob sich. "Und vor allem. Wer bist du eigentlich? Außer einer Frau, die erschreckend überzeugend Legionäre ablenken kann?"

  • Matidia ließ die Finger noch einen Moment länger um Silas Unterarm liegen, als nötig gewesen wäre. Weil sie den kleinen Triumph auskosten wollte, und weil die Andere ihr so unverblümt ins Gesicht grinste.

    Dann erst löste sie den Griff. „Den Arm darfst du behalten“, sagte sie leise, mit gespielter Großzügigkeit. „Er war lediglich Tarnung. Und offenbar recht wirksam, alte Freundin.“


    Das schiefe Grinsen der anderen ließ sie nicht unbeantwortet. Matidia neigte den Kopf ein wenig, und in ihren blauen Augen blitzte etwas auf, das weniger Verwirrung ob der Situation als Vergnügen war.

    Sie nahm ihren Becher, drehte ihn einmal zwischen den Fingern und nippte. „Man lernt derlei Dinge, wenn man lange genug in Häusern sitzt, in denen Männer für einen entscheiden und Frauen nur lächeln sollen. Sie merken meistens gar nicht, wie leicht man sie überzeugen kann. Manchmal genügt ein Blick.“ Ein kurzes, leises Lachen. „Dass es ausgerechnet bei einem Offizier wirkt, ist Fortuna zuzuschreiben. Oder Venus. Je nachdem, wen man fragen möchte.“


    Sie musterte Sila nun offener als zuvor. Die Hände, die Kleidung, die Art, wie die Blonde den Wein trank. Keine feine Dame aus Rom. Natürlich keine Sklavin. Etwas dazwischen, und genau das machte sie interessant, denn so jemanden traf Matidia nicht so oft.

    „Iunia Matidia“, sagte sie dann ohne Umschweife, als reiche der Name allein schon aus, um den Raum ein wenig zu ordnen. „Tochter des Lucius Iunius Varus. Aus Rom. Derzeit wider Willen in Mogontiacum, weil meine Mutter im Krankenlager liegt und die Götter es für nötig hielten, mir erst einen toten Verlobten und dann einen Überfall zu schicken.“ Sie zuckte kaum merklich mit einer Schulter, als sei das eine Aufzählung wie jede andere. „Ich bin weder Töpferin noch Verbrecherin. Nur eine Frau, die heute Abend Abstand von Ärzten und neugierigen Centurionen brauchte und stattdessen in euer kleines Schauspiel geraten ist.“

    Ihr Blick wanderte kurz zur Tür, dann zurück.

    „Es ist schon ein Zufall, aber eine gebrochene Nase nun wirklich keine Besonderheit bei diesen Männern.“ Sie lehnte sich ein Stück zurück. „Ich fürchte aber, dass sie kaum einfach aufhören zu suchen, nur weil ich sie kurz abgelenkt habe.“

    Matidia setzte den Becher ab und faltete die Hände im Schoß.

    „Also, Duccia Sila.“ Der Name kam langsam über ihre Lippen, prüfend. „Du setzt dich ungeladen zu mir und ziehst mich da hinein. Wir sind also Komplizinnen.“ Ein Schmunzeln. Es störte sie offensichtlich weniger. „Was nun? Wirst du morgen deinen Stand an derselben Stelle aufbauen? Ich bin mir nicht sicher, ob die Stadt dir noch viel bieten kann, wenn man nach einer blonden Töpferin sucht.“ Sie musterte die Haare knapp. „Es gibt in Rom übrigens Frauen, die für diese Haare töten würden, weißt du das?“ Es sollte weder eine Drohung sein, noch irgendetwas anderes bedeuten, Matidia lächelte stattdessen freundlich.

  • "Wie großzügig." Ich rieb mir demonstrativ über die Stelle an meinem Unterarm, die sie gerade freigegeben hatte. "Ich hatte schon Sorge, dass ich künftig einhändig töpfern muss." Das Grinsen blieb noch auf meinen Lippen, während sie sprach. Bei ihrer Erklärung über Männer, die entschieden, während Frauen lächelten, hob ich jedoch eine Braue. "Dann muss ich mir das merken. Wenn mir das nächste Mal ein Legionär Ärger macht, schlage ich ihm nicht die Hand weg. Ich sehe ihn einfach verschämt an." Ich versuchte ihren Blick von eben nachzuahmen, senkte artig die Augen und hielt es ganze zwei Herzschläge durch, bevor ich prustete. "Nein. Bei mir würde er vermutlich denken, ich hätte etwas im Auge."


    Dann nannte sie ihren Namen. Ich hörte aufmerksam zu. Rom. Eine kranke Mutter. Ein toter Verlobter. Ein Überfall. Mein Grinsen verschwand. "Du hast eine eigenartige Art, schreckliche Dinge aufzuzählen." Ich musterte sie einen Moment, diesmal ohne Spott. "Als würdest du mir erzählen, was du heute zum Frühstück gegessen hast." Ich fragte nicht nach. Nicht hier. Aber mein Blick blieb einen Moment länger auf ihr liegen. "Dann hoffe ich wenigstens, dass Mogontiacum beschlossen hat, dich für den Rest deines Aufenthalts mit weiteren Katastrophen zu verschonen." Ein Mundwinkel zuckte wieder nach oben. "Wobei du dich vor wenigen Augenblicken freiwillig zur Komplizin einer gesuchten Töpferin gemacht hast. Deine Aussichten stehen also schlecht."


    Bei ihrer Frage nach meinem Stand sank mein Blick in den Wein. "Nein." Die Antwort kam schneller, als ich erwartet hatte. "So dumm bin ich nun auch wieder nicht." Eine kurze Pause. "Zumindest nicht jeden Tag." Ich drehte den Becher zwischen meinen Händen. "Wenn sie meinen Namen kennen, werden sie zuerst dort suchen. Danach vermutlich bei meiner Werkstatt." Ich verzog den Mund. "Und irgendwann wird diesem Offizier vielleicht auffallen, dass meine plötzlich wiedergefundene alte Freundin ein wenig zu römisch aussah, um mit mir durch germanischen Schlamm gestapft zu sein."


    Ich sah sie anklagend an. "Deine Schuhe haben unsere Geschichte beinahe ruiniert."


    Bei ihrer Bemerkung über meine Haare griff ich kurz nach einer blonden Strähne. "Für die? Dann sollte ich Rom vielleicht doch einmal besuchen." Ich ließ sie wieder fallen und grinste. "Aber du hast recht. Sie werden weitersuchen." Meine Finger trommelten einmal gegen den Becher. "Ich muss herausfinden, wer diesem Idioten tatsächlich die Nase gebrochen hat. Denn wenn ich jetzt verschwinde, obwohl ich nichts getan habe, mache ich mich in ihren Augen erst recht schuldig."


    Ich wandte mich wieder Matidia zu. "Und du, Iunia aus Rom, solltest jetzt vermutlich deinen Wein austrinken, in dein sicheres Haus zurückkehren und vergessen, dass du Duccia Sila jemals begegnet bist." Ich hielt kurz inne. Dann breitete sich langsam wieder dieses schiefe Grinsen auf meinem Gesicht aus.

    "Was du natürlich nicht tun wirst." Ich kannte sie erst wenige Augenblicke. Aber dessen war ich mir seltsamerweise ziemlich sicher.

  • Matidia grinste, als Sila den verschämten Blick nachahmte und nach kurzer Zeit dann doch lachte. Es war sicherlich eine Menge Erleichterung in diesem Lachen.

    „Genau das meine ich“, erwiderte sie. „Man muss es dir abnehmen. Auch so ein Kerl wie dieser Offizier sollte denken, er sei eben doch noch ein Mann, der Eindruck macht.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber ich natürlich gelingt es auch nicht immer, sondern wir hatten Glück.“


    Als Sila von ihren Unglücken sprach, verzog Matidia kurz den Mund. Die Finger glitten über den Rand des Bechers.

    „Man gewöhnt sich wohl daran“, sagte sie ruhiger. „Es läuft selten Mal nach Plan.“ Ein dünnes Lächeln. „Man muss das Beste daraus machen.“


    Sie lehnte sich wieder ein Stück zurück, als wolle sie die den Moment nicht zu schwer werden lassen, und warf Sila einen Blick zu, in dem sich gutmütiger Spott und Interesse mischten.

    „Meine Schuhe“, wiederholte sie betont. „Sind unschuldig. Es waren der betrunkene Legionär, eine gebrochene Nase, ein Offizier, dem ich zu gut gefiel, und der sich höchstens an mich erinnern wird. Nicht die Schuhe.“ Sie strich demonstrativ über den Stoff ihres Mantels. „Abgesehen davon bin ich dankbar für etwas Ablenkung. Und ich vermute kaum, dass Rom an einer gebrochenen Nase zugrunde gehen wird.“

    Bei dem Rat, den Wein auszutrinken, nach Hause zu gehen und sie zu vergessen, hob Matidia langsam eine Braue. Das schiefe Grinsen der Töpferin beantwortete sie mit einem eigenen, schmaleren.

    „Du kennst mich seit einem Becher Wein und vertraust mir bereits?“ Sie neigte den Kopf. „Mutig. Aber du liegst richtig.“

    Sie warf einen kurzen Blick zur Tür, dann wieder zu Sila.

    Matidia beugte sich wieder ein wenig vor.

    „Also sag mir: Wo schläfst du heute Nacht, wenn nicht in deiner Werkstatt? Und wenn du magst, dann helfe ich dir gerne. Wenn der Kerl nicht einfach zu betrunken war und selbst nicht mehr weiß, was geschehen ist.“

  • Kaum dass die Türe ins Schloß gefallen war wurde sie wieder aufgestoßen und ein Mann betrat die Taberna, hielt kurz inne und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen.

    Niemand bekanntes hielt sich momentan in der Schenke auf, bis auf den Wirt und die Maid. Aber die waren ja sowieso jeden Tag da.

    Ungetrübt der Tatsache allein hier nun einen Happen zu sich zu nehmen strebte er den nächstbesten Tisch an.

  • Ich lächelte schwach, als Matidia ihre Schuhe so entschieden von jeder Schuld freisprach. "Schon gut. Die Schuhe sind unschuldig." Mein Blick wanderte kurz zu ihr. "Und vermutlich hast du recht. An dich wird er sich eher erinnern als an mich."


    Bei ihrer Frage nach meinem Vertrauen wurde ich stiller. Ich strich mit dem Daumen über den Rand meines Bechers und ließ mir mit der Antwort einen Moment Zeit. "Vertrauen ist vielleicht zu viel gesagt. Aber du hättest mich ausliefern können und hast es nicht getan. Das vergesse ich dir nicht."


    Die Frage nach der Nacht traf einen Punkt, über den ich bisher erfolgreich nicht nachgedacht hatte. "Ich weiß es noch nicht." Mein Blick glitt kurz zur Tür. "Die Werkstatt fällt jedenfalls aus. Vielleicht finde ich irgendwo einen Platz für ein paar Stunden. Morgen sehe ich weiter." Dass ich durchaus einen Ort hatte, an den ich zurückkehren konnte, verschwieg ich ihr. Die Villa erwähnte ich mit keinem Wort.


    Gerade wollte ich auf ihr Angebot eingehen, als die Tür erneut aufgestoßen wurde. Unwillkürlich spannte ich mich an. Mein Blick schoss zum Eingang, und für einen kurzen Moment rechnete ich damit, den roten Mantel des Offiziers wiederzusehen. Doch es war nur ein einzelner Mann. Er blieb kurz stehen, ließ seinen Blick durch die Taberna schweifen und ging anschließend zu einem freien Tisch. Ich beobachtete ihn einen Augenblick länger, als vermutlich nötig gewesen wäre. "Bei den Göttern, heute Abend werde ich wohl bei jedem, der durch diese Tür kommt, zusammenzucken."


    Ich wandte mich wieder Matidia zu, hielt meine Stimme nun aber etwas niedriger. "Du musst mir nicht helfen. Du hast bereits mehr getan, als ich von einer Fremden erwarten könnte." Ich zögerte kurz. "Aber mit dem Soldaten könntest du recht haben. Er war betrunken genug, dass ich mich wundern würde, wenn ich sein einziger Streit an diesem Abend gewesen wäre."


    Noch einmal wanderte mein Blick zu dem Neuankömmling. Er schien sich nicht für uns zu interessieren, dennoch war mir die Unbeschwertheit von vor wenigen Augenblicken vergangen.

    "Wenn du es wirklich möchtest, werde ich dich nicht davon abhalten." Ein kleines Lächeln erschien auf meinen Lippen. "Aber vielleicht sollten wir solche Dinge etwas leiser besprechen. Für einen Abend hatte ich bereits genug unerwarteten Besuch."

  • Matidia nickte, als die Blonde von Vertrauen sprach, und ließ den Blick einen Moment auf dem Tisch ruhen, als wolle sie erst darüber nachdenken.

    Dann wurde die Tür erneut aufgestoßen.

    Kurz spannte sich auch Matidia an. Die Schultern zogen sich unwillkürlich zusammen, der Griff am Becher wurden fester. Es war durchaus möglich, dass gleich das Scheppern von Rüstungen erklang und die Wache nochmal genauer nachsehen wollte. Erst als sie den einzelnen Mann erkannte, der den Raum musterte und sich an einen freien Tisch setzte, löste sich die Spannung wieder. Sie atmete aus und wandte sich Sila zu, als wäre nie etwas gewesen.


    „Du hast recht“, sagte sie leise, die Stimme nun leiser. „Für einen Abend war das genug unerwarteter Besuch.“ Ein schmales Lächeln trat auf ihre Lippen. Da bezog sie SIla durchaus mit ein. „Und ja. Leiser ist klüger.“


    Sie nahm einen kleinen Schluck, setzte den Becher ab und betrachtete die Blonde. In den blauen Augen lag nun wieder weniger Vorsicht als Vergnügen.

    „Trotzdem freue ich mich über neue Bekanntschaften“, fuhr sie fort, als spräche sie über eine Einladung zum Abendessen und nicht über eine gesuchte Töpferin. „Auch wenn ich damit offenbar ein Risiko eingehe.“ Der Mundwinkel zuckte. „Immerhin könnte es ja sein, dass die Legionäre recht haben und ich soeben einer Frau Unterschlupf gewähre, die Legionären Nasen bricht.“ Sie ließ eine kurze Pause, gerade lange genug, damit Sila merkte, dass sie es nur halb ernst meinte. Das Schmunzeln verriet sie. „Aber bisher wirkst du mir nicht wie jemand, der Männern aus bloßer Laune das Gesicht zerschlägt. Wir Frauen müssen zusammenhalten."

    Matidia lehnte sich ein wenig näher.

    „Du musst meine Hilfe nicht annehmen“, sagte sie. „Aber ich biete sie trotzdem an. Dass aus meinem Abend eine Komplizenschaft geworden ist, stört mich weniger, als es sollte.“ Ein kurzer Blick wanderte zum Neuankömmling, dann wieder zurück. „Also, wen wirst du befragen?“

  • Bei Iunia Bemerkung über neue Bekanntschaften hob ich leicht eine Braue. "Eine gesuchte Töpferin zählt bei dir also als neue Bekanntschaft? In Rom muss es wirklich langweilig sein." Das Lächeln, das dabei über meine Lippen huschte, fiel jedoch zurückhaltender aus als zuvor. Als sie mir unterstellte, vielleicht doch Legionären die Nasen zu brechen, schüttelte ich langsam den Kopf. "Wenn ich jedem Mann, der mich ärgert, die Nase brechen würde, hätte ich vermutlich keine Zeit mehr zum Töpfern." Bei ihren letzten Worten hielt ich kurz inne und sah sie einen Moment an. "Aber mit dem Zusammenhalten könntest du recht haben."


    Dass sie mir nun sogar Unterschlupf anbot, überraschte mich. Ich ließ meinen Blick kurz über ihr Gesicht gleiten und blieb ungewollt einen Augenblick an ihren geschwungenen Lippen hängen. Sie passten, ebenso ausdrucksstark wie der Rest ihrer Erscheinung. Als mir bewusst wurde, dass ich hinsah, wandte ich den Blick wieder meinem Becher zu. Die Villa, in der ich selbst wohnte, erwähnte ich weiterhin nicht. So weit reichte mein Vertrauen noch nicht.


    Bei ihrer Frage sah ich nachdenklich in meinen Becher. "Den Händler gegenüber von meinem Stand zuerst. Er war gestern da und hat den Streit mitbekommen." Ich fuhr langsam mit einem Finger über den Rand des Bechers. "Vielleicht hat er gesehen, wohin der Soldat danach gegangen ist. Und falls nicht, gibt es noch die anderen Händler. Auf einem Markt bleibt selten etwas lange unbeobachtet."


    Mein Blick wanderte kurz zu dem fremden Mann am anderen Tisch. Erst danach beugte ich mich etwas näher zu Iunia und senkte die Stimme. "Aber nicht mehr heute Abend. Wenn die Legionäre tatsächlich nach mir suchen, wäre es ziemlich dumm, jetzt durch Mogontiacum zu laufen und Fragen über einen Mann mit gebrochener Nase zu stellen."


    Ein kleines Grinsen kehrte zurück. "Außerdem habe ich gerade erst gelernt, dass Zurückhaltung manchmal eine gute Idee ist. Ich würde dieses neu erworbene Talent gern wenigstens bis morgen behalten."

  • Atius hatte es sich Hersfeld halbwegs bequem gemacht, sofern dies auf den harten Sitzgelegenheiten möglich war und winkte die Schankmaid zu sich.

    "Als erster einen Krug Wasser und Wein und wenn ihr Brot und Käse habt nehmich davon auch etwas. Und danach etwas gebratenes, wenn es zu haben ist."

    Bestellung ohne ' ähm hmm öhm' Die Maid kannte den Äther auch schon länger und machte ebenso wenig Umstände mit irgendwelchen Fragen nach Firlefanz.


    Nebenbei schnappte er einige Worte auf die in der Unterhaltung zweier Damen fielen. Zuerst runzelte er die Stirn, dann schüttelte er leicht den Kopf, unbemerkt von anderen, wies sich selbst zurecht dass es ihn nichts mehr anginge.

    Aber irgendwie konnte er einfach nicht still sein und meinte, gerade so hörbar:" Grundsätzlich ist es generell ziemlich dumm sich mit der Legion anzulegen." Der Tonfall in seiner Stimme wirkte so als würde es sich um eine Nebensächlickeit handeln. Was es ja für ihn ja auch war...

    Die Maid kam mit dem Krug und einem Holzbrett an den Tisch, ein großes Stück Brot und Käse darauf.

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