VIGILLIA IN RHENO POST LIMES IN GERMANIA EXTERNA (Die Wacht am Rhein hinter dem Limes im fremden Germanien)

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    Der neue Vorposten

    Germania Superior – Im Grenzgebiet jenseits des Rhenus

    Der Befehl zur Auflösung

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    Faustus Iunius Rupa stand vor dem Eingang des alten Vorpostens und betrachtete die hölzernen Befestigungen, die ihm während der vergangenen Monate beinahe zur Heimat geworden waren.

    Der Morgen war kühl. Feuchtigkeit lag über dem Waldboden, und zwischen den hohen Bäumen hingen noch die letzten Nebelschwaden. Aus der kleinen Feuerstelle neben dem Mannschaftsgebäude stieg dünner Rauch auf. Dreißig Soldaten hatten hier ihren Dienst versehen. Dreißig Männer der Exploratio Imperii, deren Aufgabe darin bestanden hatte, die Bewegungen der germanischen Stämme zu beobachten, Nachrichten zu sammeln und ungewöhnliche Entwicklungen an die übergeordneten Dienststellen der Legio XXII Primigenia in Mogontiacum zu melden. Faustus kannte jeden einzelnen dieser Männer. Er kannte ihre Fähigkeiten, ihre Schwächen und ihre Eigenheiten. Er wusste, wer bei Regen schlechte Laune bekam, wer zu viel redete und auf welchen Mann er sich verlassen konnte, wenn es gefährlich wurde. Nun sollte dieser Vorposten aufgelöst werden. Der entsprechende Befehl war am Vortag eingetroffen. Die kleine Anlage genügte den Anforderungen nicht mehr. Ihre Gebäude waren zu eng, die Vorräte konnten nur unzureichend gelagert werden, und die zunehmenden Beobachtungsaufgaben machten eine Verstärkung der Besatzung notwendig. Die Entscheidung war in Mogontiacum gefallen. Die Exploratio Imperii sollte einen neuen, größeren Vorposten erhalten.

    Vierzig Soldaten. Nicht mehr. Nicht weniger. Faustus hatte den Befehl mehrfach gelesen. Die zusätzliche Mannschaftsstärke war willkommen. Dennoch gefiel ihm die Entwicklung nicht. Nicht wegen der Römer. Wegen der Germanen. Seit einiger Zeit verhielten sie sich anders. Nicht feindselig. Nicht aggressiv. Ganz im Gegenteil. Sie schienen auffallend friedlich geworden zu sein. Und genau das bereitete Faustus Sorgen.

    Das ungute Gefühl

    „Du siehst aus, als hätte dir jemand schlechten Wein verkauft.“

    Faustus drehte sich um. Lucan stand hinter ihm und hielt eine hölzerne Schreibtafel in der Hand.

    „Schlechter Wein wäre mir lieber“, antwortete Faustus.

    Lucan grinste.

    „Dann ist es also wieder dein Gefühl.“

    Faustus schwieg. Lucan kannte ihn gut genug, um zu wissen, wann ihn etwas beschäftigte.

    „Die Germanen?“, fragte er schließlich.

    Faustus nickte.

    „Sie verhalten sich merkwürdig.“

    „Sie greifen uns nicht an. Sie bedrohen unsere Patrouillen nicht. Sie lassen unsere Händler in Ruhe. Was willst du mehr?“

    „Genau das ist es.“

    Lucan runzelte die Stirn.

    „Dass sie friedlich sind?“

    „Dass sie uns beobachten.“

    „Das haben sie schon immer getan.“

    „Nicht so.“

    Faustus trat einige Schritte auf den freien Platz vor dem Vorposten.

    „Früher verschwanden sie zwischen den Bäumen, wenn sie unsere Männer bemerkten. Sie beobachteten aus der Entfernung. Manchmal folgten sie unseren Patrouillen, ohne sich zu zeigen.“

    „Und jetzt?“

    „Jetzt sitzen sie am Wegesrand und schauen uns an.“

    Lucan lachte.

    „Eine schreckliche Bedrohung.“

    Faustus blieb ernst.

    „Sie grüßen unsere Soldaten. Sie treiben Vieh an den Wegen entlang. Sie stehen auf den Märkten und betrachten unsere Ausrüstung, als wären wir eine wandernde Schaustellertruppe.“

    „Vielleicht gewöhnen sie sich an uns.“

    „Vielleicht.“

    Faustus sprach das Wort langsam aus. Er hatte keine Beweise für eine feindliche Absicht. Keine Meldung über eine Zusammenziehung bewaffneter Krieger. Keine Hinweise auf geplante Überfälle. Keine Angriffe auf Händler oder römische Reisende. Und dennoch hatte er das Gefühl, dass sich etwas veränderte. Er konnte es nicht erklären. Das ärgerte ihn. Faustus vertraute gewöhnlich auf Beobachtungen, nicht auf Ahnungen.

    Sein eigener Leitsatz lautete schließlich: Glaube keinem Menschen. Glaube dem, was Menschen tun. Doch was taten die Germanen? Sie verhielten sich friedlich. Sie gingen ihren gewöhnlichen Beschäftigungen nach.

    Und sie beobachteten die Römer. Ganz offen.

    „Vielleicht“, sagte Faustus schließlich, „ist es gerade das, was mich beunruhigt.“

    Lucan betrachtete ihn fragend.

    „Was?“

    „Dass ich keinen Grund finde, ihnen zu misstrauen.“

    Die vierzig Männer

    Noch am selben Vormittag ließ Faustus die gesamte Besatzung antreten. Die dreißig bisherigen Soldaten standen in zwei Reihen auf dem kleinen Exerzierplatz. Neben ihnen warteten zehn neu eingetroffene Männer aus Mogontiacum. Es waren überwiegend erfahrene Legionäre, die bereits im Grenzdienst gestanden hatten. Einige kannten die germanischen Gebiete aus früheren Einsätzen. Andere waren mit der Sicherung von Verkehrswegen und der Durchführung längerer Beobachtungsaufträge vertraut. Faustus musterte die Männer aufmerksam. Dann trat er vor die Formation.

    „Milites!“

    Die Gespräche verstummten.

    „Unser bisheriger Vorposten wird aufgelöst. An seiner Stelle errichten wir eine neue Anlage, die künftig vierzig Mann aufnehmen wird.“

    Er ließ seinen Blick über die Reihen schweifen.

    „Ich will eines von Anfang an klarstellen.“

    Seine Stimme wurde fester.

    „Wir sind keine Angriffstruppe.“

    Einige der neu eingetroffenen Soldaten blickten auf.

    „Wir haben nicht den Auftrag, germanische Siedlungen zu überfallen, Krieger zu verfolgen oder Streitigkeiten mit den Bewohnern dieses Landes zu beginnen.“

    Faustus machte eine kurze Pause.

    „Unsere Aufgabe lautet weiterhin: beobachten.“

    Er hob die rechte Hand.

    „Beobachten. Feststellen. Melden.“

    Dann fuhr er fort:

    „Wir sollen wissen, was in unserem Einsatzgebiet geschieht. Welche Wege benutzt werden. Ob sich größere Gruppen bewegen. Ob neue Siedlungen entstehen. Ob ungewöhnliche Veränderungen auftreten.“

    Er sah die Männer ernst an.

    „Aber wir werden keine feindlichen Absichten unterstellen, solange wir dafür keine Anhaltspunkte besitzen.“

    Ein Soldat hob die Hand.

    „Biarchus, was geschieht, wenn uns Germanen folgen?“

    „Dann lasst sie folgen, solange sie friedlich bleiben und die Sicherheit der Abteilung nicht gefährden.“

    „Und wenn sie uns offen beobachten?“

    „Dann dürfen sie das.“

    Ein leises Murmeln ging durch die Reihen. Faustus hob die Stimme.

    „Ich wiederhole: Ein Germane, der uns ansieht, ist kein Feind.“

    Er ließ die Worte wirken.

    „Ein Mann, der seine Rinder hütet, ist kein Feind. Ein Jäger, der aus dem Wald kommt, ist kein Feind. Und ein Händler, der unsere Soldaten neugierig betrachtet, ist ebenfalls kein Feind.“

    Sein Gesicht wurde ernst.

    „Wir werden uns gegenüber diesen Menschen anständig verhalten.“

    Er ging langsam an der ersten Reihe entlang.

    „Keine Beleidigungen. Keine unnötigen Drohungen. Keine Gewalt gegen Unbewaffnete. Niemand zieht sein Schwert, nur weil ihm ein Germane zu lange in die Augen sieht.“

    Einige Männer lächelten. Faustus blieb stehen.

    „Wenn sie friedlich sind, bleiben wir friedlich.“

    Dann fügte er hinzu:

    „Sollten sie uns tatsächlich angreifen, werden wir uns selbstverständlich verteidigen. Aber ich werde keinen Mann dulden, der durch Leichtsinn einen Kampf provoziert.“

    Er trat zurück.

    „Ist das verstanden?“

    „Ita, Biarchus!“

    Vierzig Stimmen antworteten gleichzeitig. Faustus nickte.

    „Gut. Dann beginnen wir mit der Arbeit.“

    Der Standort des neuen Vorpostens

    Der neue Vorposten sollte nicht weit vom bisherigen Standort entstehen. Faustus hatte das Gelände bereits mehrfach untersucht. Etwas weiter südlich befand sich eine leicht erhöhte Fläche, die von einem schmalen Bach begrenzt wurde. Der Boden war vergleichsweise trocken, und ein vorhandener Weg ermöglichte die Versorgung mit Wagen. Der Standort besaß mehrere Vorteile. Er bot genügend Platz für zusätzliche Mannschaftsunterkünfte, Vorratsräume und einen kleinen Verwaltungsbereich. Zugleich lag er nahe genug an den bisherigen Beobachtungswegen, sodass die Soldaten ihre gewohnten Aufgaben ohne größere Veränderungen fortsetzen konnten. Faustus wollte keine mächtige Festung errichten. Ein solcher Bau hätte den Germanen möglicherweise den Eindruck vermittelt, Rom bereite eine größere militärische Unternehmung vor. Stattdessen plante er eine zweckmäßige, befestigte Anlage. Ein Erdwall mit hölzerner Palisade sollte die Unterkünfte schützen. Ein einfacher Graben würde die Zugänge sichern. Zwei kleine Wachplattformen sollten einen Überblick über das unmittelbare Gelände ermöglichen. Im Inneren waren Mannschaftsunterkünfte, ein Magazin, ein Raum für Ausrüstung und ein kleiner Arbeitsbereich vorgesehen, in dem Meldungen geschrieben und Karten verwahrt werden konnten. Faustus betrachtete die Zeichnung, die der zuständige Vermesser auf einer Wachstafel angefertigt hatte.

    „Keine unnötigen Türme“, sagte er.

    Der Vermesser nickte.

    „Und keine Befestigungen, die aussehen, als wollten wir von hier aus ein ganzes Stammesgebiet unterwerfen.“

    „Verstanden, Biarchus.“

    „Der Vorposten soll vierzig Männer aufnehmen können. Er soll sicher sein, aber nicht bedrohlicher wirken als notwendig.“

    Lucan, der neben ihm stand, betrachtete die Zeichnung.

    „Du willst, dass die Germanen den Bau sehen.“

    „Natürlich werden sie ihn sehen.“

    „Und du willst sie nicht daran hindern?“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Weshalb sollten wir?“

    Er deutete auf den Plan.

    „Wir bauen einen neuen Vorposten. Das ist kein Geheimnis.“

    Dann blickte er zu Lucan.

    „Was wir dort besprechen, welche Nachrichten wir erhalten und welche Schlüsse wir daraus ziehen, geht sie allerdings nichts an.“

    Die Auflösung des alten Vorpostens

    Die nächsten Tage waren von Arbeit geprägt. Zunächst wurden die Vorräte gezählt. Getreide, Salz, Öl, Trockenfleisch und andere Lebensmittel mussten in den neuen Vorposten gebracht werden. Anschließend folgten Werkzeuge, Waffen, Ersatzteile und persönliche Ausrüstungsgegenstände. Die Schriftrollen und Wachstafeln aus dem kleinen Verwaltungsraum ließ Faustus persönlich überprüfen. Er wollte nicht, dass wichtige Aufzeichnungen verloren gingen. Besonders die Berichte über germanische Bewegungen sollten vollständig erhalten bleiben. Einige Soldaten begannen damit, nicht mehr benötigte Einrichtungen abzubauen.

    Andere bereiteten die neue Anlage vor. Die Arbeiten wurden so organisiert, dass die Beobachtung des Umlandes nicht unterbrochen wurde. Faustus bestand darauf.

    „Nur weil wir unsere Unterkunft wechseln, werden die Germanen nicht aufhören, ihren täglichen Beschäftigungen nachzugehen“, erklärte er Lucan.

    „Und wir werden nicht aufhören, sie zu beobachten.“

    Lucan nickte.

    „Wie viele Männer bleiben bis zum Schluss hier?“

    „Genügend, um die alte Anlage zu sichern und die letzten Vorräte zu übernehmen.“

    „Und die Patrouillen?“

    „Laufen weiter.“

    Faustus betrachtete die Männer, die gerade schwere Holzbalken auf einen Wagen luden.

    „Ich will keinen einzigen Tag, an dem wir nicht wissen, was in unserem gewöhnlichen Beobachtungsgebiet geschieht.“

    Lucan machte eine entsprechende Notiz. Dann fragte er:

    „Und wenn die Germanen uns beim Umzug beobachten?“

    Faustus lächelte schwach.

    „Dann haben sie wenigstens etwas Interessantes zu sehen.“

    Die Germanen am Waldrand

    Am dritten Tag der Arbeiten bemerkte ein Wachposten zwei Männer am Rand des südlichen Weges. Es waren Germanen. Einer führte ein kleines Pferd, auf dessen Rücken mehrere Bündel befestigt waren. Der andere trug einen Korb und einen langen Wanderstab. Sie blieben stehen und betrachteten die römischen Soldaten, die Holz und Ausrüstung transportierten. Der Wachposten meldete die Beobachtung. Faustus ließ sich den Standort zeigen. Von einer kleinen Anhöhe aus konnte er die beiden Männer erkennen. Sie standen vollkommen ruhig. Keiner trug einen Speer. Keiner zeigte eine feindselige Geste. Der ältere der beiden Germanen hob sogar die Hand, als er bemerkte, dass die Römer zu ihm hinübersahen. Lucan trat neben Faustus.

    „Da sind sie wieder.“

    „Ich sehe sie.“

    „Soll ich zwei Männer hinschicken?“

    „Wozu?“

    „Um zu fragen, was sie wollen.“

    Faustus betrachtete die beiden Gestalten.

    „Sie stehen auf einem Weg.“

    „Und beobachten unseren Bau.“

    „Das dürfen sie.“

    Lucan verschränkte die Arme.

    „Du hast selbst gesagt, dass dir ihr Verhalten nicht gefällt.“

    „Das habe ich.“

    „Und trotzdem willst du nichts unternehmen?“

    Faustus wandte den Kopf.

    „Was soll ich unternehmen? Zwei friedliche Männer festnehmen, weil sie Augen besitzen?“

    Lucan schwieg.

    „Nein“, fuhr Faustus fort. „Solange sie sich friedlich verhalten, werden wir ihnen keinen Anlass geben, etwas anderes von uns zu erwarten.“

    Er sah wieder zu den Germanen.

    „Aber ich möchte wissen, ob sie häufiger hier vorbeikommen.“

    „Soll ich sie beobachten lassen?“

    „Nur im Rahmen unserer gewöhnlichen Aufgaben. Keine Verfolgung. Keine Provokation.“

    Lucan nickte.

    „Verstanden.“

    Faustus blieb noch eine Weile stehen. Die beiden Germanen unterhielten sich miteinander. Dann setzten sie ihren Weg fort. Sie blickten nicht mehr zurück. Faustus folgte ihnen mit den Augen, bis sie zwischen den Bäumen verschwanden. Ein merkwürdiges Gefühl blieb zurück. Es war keine Angst. Auch keine unmittelbare Warnung vor Gefahr. Eher das Empfinden, dass er ein Geschehen beobachtete, dessen eigentliche Bedeutung ihm verborgen blieb.

    Ein Gespräch über Misstrauen

    Am Abend saßen Faustus und Lucan vor dem provisorischen Verwaltungsraum. Auf dem Tisch lagen mehrere Berichte der vergangenen Tage. Lucan nahm eine Wachstafel zur Hand.

    „Keine Angriffe. Keine Drohungen. Keine ungewöhnlichen Waffenbewegungen.“

    Faustus nickte.

    „Das ist erfreulich.“

    „Die Händler berichten ebenfalls von ruhigen Verhältnissen.“

    „Gut.“

    „Und unsere Patrouillen melden, dass die Germanen freundlich grüßen.“

    Faustus sah auf.

    „Du willst auf etwas hinaus.“

    Lucan lächelte.

    „Ich frage mich nur, weshalb du noch immer so unzufrieden aussiehst.“

    Faustus lehnte sich zurück.

    „Weil ich nicht weiß, was ich davon halten soll.“

    „Vielleicht gibt es nichts, was du davon halten musst.“

    „Vielleicht.“

    Lucan betrachtete ihn nachdenklich.

    „Du hast in den vergangenen Wochen genug mit falschen Namen, verschwundenen Männern und rätselhaften Nachrichten zu tun gehabt. Vielleicht siehst du inzwischen hinter jedem Baum ein Geheimnis.“

    Faustus antwortete nicht sofort. Er dachte an Aquae Mattiacorum. An den Mann, der sich Marcus Vettius genannt hatte. An Aulus Sergius Falco. An den eisernen Schlüssel. Und an die sieben Namen auf jener Liste, von denen vier angeblich zu Toten gehörten. NON OMNES MORTUI SUNT. Nicht alle sind tot. Die Worte hatten sich seinem Gedächtnis eingeprägt. Doch er wusste ebenso gut, dass diese Vorgänge nicht ohne Beweise mit dem Verhalten der Germanen in Verbindung gebracht werden durften.

    „Du könntest recht haben“, sagte er schließlich.

    Lucan hob überrascht die Augenbrauen.

    „Das höre ich selten.“

    Faustus lächelte.

    „Gewöhn dich nicht daran.“

    Dann wurde er wieder ernst.

    „Ich habe keine Beweise dafür, dass die Germanen etwas gegen uns planen. Also werde ich auch nicht so handeln, als hätten wir solche Beweise.“

    Lucan nickte.

    „Aber du wirst sie weiterhin beobachten.“

    „Ja.“

    „Auch wenn sie friedlich bleiben?“

    „Gerade dann.“

    Lucan schwieg einen Augenblick.

    „Du traust ihnen nicht.“

    Faustus betrachtete das Licht der kleinen Öllampe.

    „Ich traue ihnen nicht genug, um unaufmerksam zu werden.“

    Er hob den Kopf.

    „Aber ich misstraue ihnen auch nicht genug, um sie ungerecht zu behandeln.“

    Die neue Besatzung

    Nach mehreren Tagen waren die wichtigsten Gebäude des neuen Vorpostens bezugsfertig. Die Anlage war größer als ihr Vorgänger, blieb aber eine überschaubare militärische Einrichtung. Vierzig Soldaten bildeten nun die vollständige Besatzung der Exploratio Imperii. Faustus ließ die Männer erneut antreten. Vor ihnen standen die neuen Unterkünfte. Im Hintergrund erhoben sich die hölzernen Palisaden, und über dem Tor befand sich eine einfache Wachplattform. Der Biarchus trat vor seine Soldaten.

    „Milites!“

    Die Männer nahmen Haltung an.

    „Mit dem heutigen Tag ist der alte Vorposten außer Dienst gestellt. Unsere Aufgaben werden von dieser Anlage aus fortgesetzt.“

    Er ließ seinen Blick über die Reihen schweifen.

    „Unsere Besatzung besteht aus vierzig Mann. Das bedeutet mehr Möglichkeiten, längere Beobachtungen und eine bessere Ablösung der einzelnen Gruppen.“

    Dann hob er die Stimme.

    „Aber es bedeutet keine Änderung unseres Auftrags.“

    Er wartete einen Augenblick.

    „Wir sind hier, um zu beobachten.“

    Ein Windstoß bewegte die kleinen Stoffstreifen an den Speeren einiger Soldaten.

    „Wir werden keine germanischen Dörfer angreifen. Wir werden keine Menschen ohne Anlass festsetzen. Wir werden keine Auseinandersetzungen beginnen, nur um unsere Stärke zu zeigen.“

    Faustus ging langsam vor der Formation entlang.

    „Die Germanen haben sich in den vergangenen Wochen friedlich verhalten. Solange das so bleibt, werden wir ihnen mit derselben Friedfertigkeit begegnen.“

    Er blieb stehen.

    „Ich erwarte von jedem Mann Disziplin.“

    Dann fügte er hinzu:

    „Wer einen friedlichen Germanen beleidigt, bedroht oder misshandelt, wird sich vor mir verantworten müssen.“

    Seine Stimme wurde schärfer.

    „Und glaubt mir: Ihr wollt euch nicht wegen einer solchen Dummheit vor mir verantworten müssen.“

    Einige Männer unterdrückten ein Lächeln. Faustus ließ es geschehen. Dann sagte er:

    „Vergesst niemals, weshalb wir hier sind. Nicht jeder Mann, der uns beobachtet, ist ein Feind. Nicht jeder Fremde, der uns freundlich begegnet, ist ein Freund.“

    Er hob die rechte Hand.

    „Unsere Aufgabe ist es, den Unterschied zu erkennen.“

    Die erste Nacht im neuen Vorposten

    Als die Sonne hinter den Bäumen verschwand, kehrte Ruhe ein. Die Männer bezogen ihre Unterkünfte. Die Wachen nahmen ihre Plätze ein. Im Verwaltungsraum brannte noch eine Lampe. Faustus saß allein an seinem Tisch. Vor ihm lag der erste Bericht des neuen Vorpostens. Er hatte die Personalstärke, die Versorgungslage und die abgeschlossenen Bauarbeiten vermerkt. Dann begann er mit dem Abschnitt über die Lage im germanischen Gebiet. Er schrieb langsam: Die einheimische Bevölkerung zeigt weiterhin kein feindseliges Verhalten. Begegnungen zwischen römischen Soldaten und Germanen verlaufen überwiegend friedlich. Mehrfach wurden einzelne Germanen beobachtet, die unsere Patrouillen und Arbeiten offen betrachteten, ohne sich zu verbergen oder eine Bedrohung erkennen zu lassen. Faustus hielt inne. Er las die Worte noch einmal.

    Dann schrieb er weiter:

    Es liegen derzeit keine hinreichenden Anhaltspunkte für feindliche Vorbereitungen vor. Die Beobachtung wird fortgesetzt. Provokationen gegenüber der einheimischen Bevölkerung sind ausdrücklich untersagt.

    Er legte den Griffel nieder.

    Der Bericht war sachlich.

    Korrekt.

    Und entsprach genau dem, was seine Männer festgestellt hatten.

    Trotzdem war Faustus unzufrieden.

    Er konnte nicht sagen, weshalb.

    Schließlich stand er auf und trat vor die Tür. Die Nacht war still. Von den Wachplattformen aus blickten die Soldaten über die dunklen Wälder. Irgendwo dort draußen lagen die germanischen Siedlungen. Vielleicht saßen ihre Bewohner jetzt ebenfalls an ihren Feuerstellen. Vielleicht sprachen sie über die Römer. Vielleicht betrachteten sie den neuen Vorposten als eine belanglose Veränderung. Oder vielleicht bedeutete er ihnen mehr, als Faustus ahnte. Er wusste es nicht. Und er hasste es, etwas nicht zu wissen.

    Der Schatten einer Ahnung

    Lucan trat aus dem Mannschaftsgebäude.

    „Du solltest schlafen.“

    Faustus blickte nicht auf.

    „Später.“

    Lucan stellte sich neben ihn.

    Gemeinsam betrachteten sie den dunklen Wald.

    „Der neue Vorposten ist fertig“, sagte Lucan.

    „Ja.“

    „Vierzig Männer. Gute Vorräte. Sichere Unterkünfte. Die Beobachtung läuft.“

    „Ja.“

    „Dann könntest du eigentlich zufrieden sein.“

    Faustus lächelte schwach.

    „Eigentlich.“

    Lucan schwieg. Nach einer Weile fragte er:

    „Was glaubst du, was dort draußen geschieht?“

    Faustus betrachtete die Baumkronen, die sich dunkel gegen den Himmel abhoben.

    „Ich weiß es nicht.“

    „Aber du glaubst, dass etwas geschieht.“

    Faustus antwortete erst nach einigen Augenblicken.

    „Ich habe das Gefühl, dass die Germanen etwas verstanden haben, was wir noch nicht verstehen.“

    Lucan sah ihn an.

    „Was denn?“

    „Vielleicht gar nichts.“

    Faustus verschränkte die Arme.

    „Vielleicht sind sie einfach klüger geworden. Vielleicht haben sie erkannt, dass friedliches Verhalten ihnen mehr nützt als Streit mit unseren Patrouillen.“

    „Das wäre doch gut.“

    „Ja.“

    Faustus nickte langsam.

    „Das wäre sehr gut.“

    Dann wandte er sich seinem Kameraden zu.

    „Aber solange ich nicht weiß, was hinter dieser Veränderung steht, werde ich aufmerksam bleiben.“

    Lucan lächelte.

    „Also beobachten wir weiter.“

    „Genau.“

    „Und bleiben friedlich.“

    „Solange sie friedlich bleiben.“

    Faustus betrachtete noch einmal den dunklen Wald. Dann sprach er leise, beinahe zu sich selbst:

    „Glaube keinem Menschen. Glaube dem, was Menschen tun.“

    Lucan nickte.

    „Und was tun die Germanen?“

    Faustus schwieg einen Augenblick.

    Dann antwortete er:

    „Sie beobachten uns.“

    „Genau wie wir sie.“

    „Ja.“

    Ein schwaches Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

    „Genau wie wir sie.“

    EPILOG – DUO OCULI IN SILVA

    Zwei Augen im Wald Am folgenden Morgen verließ eine kleine römische Beobachtungsgruppe den neuen Vorposten. Die Soldaten bewegten sich auf einem bekannten Weg, der an mehreren Weideflächen vorbeiführte. Nicht weit entfernt saßen zwei Germanen unter einer großen Eiche. Sie hatten die Römer schon früh bemerkt. Als die Soldaten näher kamen, hob einer der Männer die Hand. Der römische Patrouillenführer erwiderte den Gruß. Niemand sprach ein Wort. Niemand zog eine Waffe. Die Römer gingen weiter. Die Germanen blieben sitzen. Später würden beide Seiten über die Begegnung berichten.

    Die Römer würden festhalten, dass die Germanen friedlich gewesen waren. Die Germanen würden Dankwart erzählen, dass die römischen Soldaten sie unbehelligt gelassen hatten. Und Dankwart würde diese Nachricht seinem Vater Markwart überbringen. Zwei Männer, die einander nicht gut kannten, hatten damit beinahe dieselbe Entscheidung getroffen. Markwart wollte die Römer beobachten, ohne sie zu provozieren. Faustus wollte die Germanen beobachten, ohne sie zu bedrohen.

    Beide wollten Frieden.

    Beide wollten ihre Leute schützen. Und beide wussten, dass sie die Absichten der anderen Seite nicht vollständig kannten. Noch war zwischen ihnen kein Krieg.

    Noch gab es keinen Anlass, die Waffen zu erheben. Aber auf beiden Seiten der Grenze hielten Männer ihre Augen offen. Und irgendwo zwischen den dunklen Wäldern Germaniens und den befestigten römischen Vorposten entstand eine eigentümliche Form des gegenseitigen Misstrauens. Nicht aus Hass. Nicht aus Feindschaft. Sondern aus Vorsicht.

    Faustus Iunius Rupa konnte nicht wissen, dass ein germanischer Stammesführer namens Markwart seinen Männern nahezu dieselben Anweisungen gegeben hatte wie er selbst.

    Und Markwart ahnte nicht, dass der römische Biarchus im neuen Vorposten saß und über genau dieselben Fragen nachdachte.

    Zwei Männer. Zwei Völker. Zwei Beobachter.





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    Das erste Gespräch


    Der Morgen am römischen Vorposten

    Der Morgen begann mit einem dünnen Nebelschleier, der zwischen den Bäumen hing und die niedrigen Hügel des Grenzgebietes in ein fahles Licht tauchte. Feuchtigkeit lag auf den Gräsern, und aus den umliegenden Wäldern drangen die ersten Rufe der Vögel.Faustus Iunius Rupa stand vor dem Eingang des neuen römischen Vorpostens und betrachtete die Landschaft. Seit mehreren Tagen hatte er die Berichte seiner Kundschafter sorgfältig ausgewertet. Immer wieder tauchten darin Hinweise auf germanische Männer auf, die sich in der Nähe römischer Patrouillen aufhielten. Sie versteckten sich nicht. Sie trugen keine auffälligen Waffen. Sie bedrohten niemanden. Und dennoch beobachteten sie die römischen Soldaten mit bemerkenswerter Aufmerksamkeit. Faustus hatte zunächst vermutet, dass es sich um gewöhnliche Bauern und Viehhirten handelte. Doch die Häufigkeit dieser Begegnungen ließ ihn inzwischen daran zweifeln. Es war kein Zufall mehr. Jemand hatte diesen Männern offenbar Anweisungen gegeben. Neben ihm erschien einer seiner erfahrenen Speculatores.

    „Biarchus, die Männer sind bereit.“

    Faustus nickte.

    „Wie viele?“

    „Sechs, wie befohlen.“

    „Gut. Keine vollständige Gefechtsausrüstung. Wir unternehmen heute keinen Vorstoß gegen feindliches Gebiet.“

    Der Soldat betrachtete ihn fragend.

    „Was unternehmen wir dann?“

    Faustus blickte zum Wald.

    „Wir gehen spazieren.“

    Der Speculator lächelte.

    „Mit sechs bewaffneten Männern?“

    „In Germanien ist das eine vernünftige Anzahl für einen Spaziergang.“

    Dann wurde Faustus ernst.

    „Ich will wissen, weshalb uns diese Germanen beobachten. Und ich möchte es herausfinden, ohne dass irgendjemand dabei verletzt wird.“

    Wenig später verließ die kleine Gruppe den Vorposten. Faustus ging an der Spitze. Seine Männer folgten in lockerer Ordnung. Keiner hatte den Auftrag, einen Germanen festzunehmen oder zu bedrohen. Es war eine Erkundung. Und vielleicht, so hoffte Faustus, die Gelegenheit zu einem Gespräch.

    Dankwart erhält eine Nachricht

    Zur selben Zeit befand sich Dankwart im befestigten Dorf seines Vaters Markwart. Er stand auf der hölzernen Plattform über dem südlichen Tor und betrachtete die Wege, die zwischen den Feldern und Weiden in Richtung des Waldes führten. Seit der Versammlung der Stammeshäuptlinge hatte sich die Stimmung in der Gemeinschaft verändert. Die meisten Männer waren mit Markwarts vorsichtigem Vorgehen einverstanden. Doch nicht alle. Besonders die jüngeren Krieger sprachen immer häufiger darüber, ob die Römer eines Tages versuchen würden, die germanischen Siedlungen ihrer Herrschaft zu unterwerfen. Dankwart verstand diese Sorgen. Er teilte manche davon.Aber er hatte inzwischen gelernt, dass die bloße Anwesenheit römischer Soldaten noch keinen Angriff bedeutete. Ein junger Germane näherte sich dem Tor.

    „Dankwart!“

    „Was gibt es?“

    „Unsere Männer haben wieder Römer gesehen.“

    Dankwart wandte sich um.

    „Wo?“

    „Am südlichen Waldweg. Sie kommen aus Richtung ihres neuen Vorpostens.“

    „Wie viele?“

    „Sieben.“

    „Ein gewöhnlicher Streifzug?“

    „Vielleicht. Aber einer der Männer scheint die anderen zu führen.“

    Dankwart überlegte.

    „Hat er etwas getan?“

    „Nein. Sie gehen langsam und betrachten die Wege.“

    „Dann werden wir sie ebenfalls betrachten.“

    Der junge Mann grinste.

    „Wie dein Vater es befohlen hat?“

    „Genau so.“

    Dankwart stieg von der Plattform.

    „Sattle mein Pferd. Und sag Wulfgar, dass er mitkommen soll.“

    Zwei Gruppen auf demselben Weg

    Die Sonne stand bereits höher, als Faustus und seine Männer einen schmalen Waldweg erreichten, der sich zwischen alten Eichen und Buchen hindurchzog. Der Boden war weich, stellenweise von Wurzeln durchzogen. Links des Weges öffnete sich eine kleine Lichtung. Einige Rinder grasten zwischen niedrigen Sträuchern. Faustus blieb stehen. Am Rand der Lichtung saßen zwei germanische Männer. Sie betrachteten die Römer. Einer hob die Hand. Faustus erwiderte den Gruß.

    „Schon wieder“, murmelte einer seiner Soldaten.

    Faustus blickte ihn an.

    „Was?“

    „Diese Germanen. Sie sitzen immer irgendwo und sehen uns zu.“

    „Vielleicht finden sie uns interessant.“

    „Oder sie zählen unsere Männer.“

    Faustus lächelte.

    „Dann haben sie heute keine schwierige Aufgabe.“

    Er setzte seinen Weg fort.

    Wenige Augenblicke später bemerkte einer der Speculatores eine Bewegung zwischen den Bäumen.

    „Biarchus.“

    Faustus blieb stehen.

    „Was ist?“

    „Reiter.“

    Zwischen den Stämmen erschienen drei germanische Männer. Sie kamen langsam näher. Keiner hatte eine Waffe gezogen. Der vorderste Reiter war jung, kräftig gebaut und trug einen dunklen Wollmantel über einer einfachen Tunika. Sein langes Haar war im Nacken zusammengebunden. An seiner Seite hing ein Schwert. Faustus betrachtete ihn aufmerksam. Der junge Mann saß aufrecht im Sattel und zeigte keine Unsicherheit. Auch seine beiden Begleiter wirkten ruhig. Das war keine zufällige Begegnung. Faustus hob die Hand. Seine Soldaten blieben stehen. Der germanische Reiter tat dasselbe. Für einen Augenblick betrachteten sich beide Gruppen schweigend. Dann stieg der junge Germane vom Pferd.

    Die erste Begrüßung

    Dankwart übergab die Zügel seines Pferdes an Wulfgar und trat einige Schritte vor. Faustus blieb stehen. Zwischen ihnen lagen kaum zehn Schritte. Dankwart sprach zuerst.

    „Seid gegrüßt, Römer.“

    Sein Latein war verständlich, wenn auch von einem deutlichen germanischen Akzent geprägt. Faustus antwortete in derselben Sprache.

    „Sei auch du gegrüßt.“

    Dankwart betrachtete die römischen Soldaten.

    „Ihr seid weit von euren Mauern entfernt.“

    Faustus lächelte schwach.

    „Nicht weiter, als wir gehen können.“

    Ein kurzes Lächeln erschien auf Dankwarts Gesicht.

    „Eine kluge Antwort.“

    „Ich hoffe es.“

    Dankwart trat einen Schritt näher.

    „Ich bin Dankwart, Sohn des Markwart.“

    Faustus bemerkte, wie einer seiner Soldaten den Kopf hob. Der Name Markwart war ihm aus den Berichten bekannt. Der Anführer einer größeren befestigten Siedlung. Ein Mann, über den seine Kundschafter bereits mehrfach Nachrichten gesammelt hatten. Faustus erwiderte ruhig:

    „Faustus Iunius Rupa. Biarchus der römischen Exploratio.“

    Dankwart wiederholte den Namen langsam.

    „Faustus Iunius Rupa.“

    „Ja.“

    „Ihr führt die Männer im neuen Vorposten?“

    „Einen Teil davon.“

    Dankwart nickte.

    „Dann seid Ihr also der Römer, der unsere Wege so aufmerksam betrachtet.“

    Faustus hob eine Augenbraue.

    „Und du bist offenbar der Germane, der dafür sorgt, dass wir dabei beobachtet werden.“

    Für einen Augenblick herrschte Stille. Dann lachte Dankwart. Faustus lächelte ebenfalls. Die Anspannung zwischen den beiden Gruppen ließ etwas nach.

    Über Grenzen und Freiheit

    Dankwart deutete auf einen umgestürzten Baumstamm am Rand des Weges.

    „Wollt Ihr Euch setzen?“

    Faustus betrachtete den Platz.

    Dann nickte er.

    „Warum nicht?“

    Er gab seinen Soldaten ein Zeichen, zurückzubleiben. Dankwart bedeutete Wulfgar und seinem zweiten Begleiter, ebenfalls Abstand zu halten. Die beiden Männer setzten sich.

    Eine Weile schwiegen sie. Schließlich begann Dankwart.

    „Mein Vater sagt, dass die Römer unsere Wege beobachten, weil sie wissen wollen, wer hier lebt.“

    Faustus nickte.

    „Das ist nicht ganz falsch.“

    „Und weshalb wollt Ihr das wissen?“

    „Weil wir unsere Soldaten schützen müssen.“

    Dankwart sah ihn an.

    „Vor uns?“

    „Vor Gefahren.“

    „Sind wir eine Gefahr?“

    Faustus überlegte einen Augenblick.

    „Das weiß ich noch nicht.“

    Dankwart runzelte die Stirn.

    „Eine merkwürdige Antwort.“

    „Aber eine ehrliche.“

    Der junge Germane betrachtete ihn nachdenklich.

    Faustus fuhr fort.

    „Ich weiß, dass eure Leute hier leben. Dass ihr Felder bestellt, Vieh haltet und Handel treibt. Ich weiß auch, dass ihr Krieger habt.“

    „Natürlich haben wir Krieger.“

    „Das bezweifle ich nicht.“

    „Jeder freie Mann muss seine Familie verteidigen können.“

    Faustus nickte.

    „Das verstehe ich.“

    Dankwart beugte sich vor.

    „Aber weshalb errichten die Römer immer neue Befestigungen? Weshalb bauen sie Straßen und schicken Soldaten in die Wälder?“

    Faustus blickte zwischen die Bäume.

    „Weil Rom seine Grenzen sichern will.“

    „Eure Grenzen.“

    „Ja.“

    Dankwart schüttelte langsam den Kopf.

    „Und wer entscheidet, wo diese Grenzen liegen?“

    Faustus sah ihn an.

    „Das ist eine Frage, über die in Rom Männer entscheiden, die weit über mir stehen.“

    „Dann weißt du es nicht?“

    „Ich weiß, wo meine Befehle gelten.“

    Dankwart lächelte schwach.

    „Aber nicht, wo eure Kaiser eines Tages ihre Grenzen haben wollen.“

    Faustus schwieg einen Augenblick.

    Dann antwortete er:

    „Nein. Das weiß ich nicht.“

    Dankwart nickte.

    „Siehst du? Genau deshalb beobachten wir euch.“

    Faustus betrachtete den jungen Germanen.

    „Dann haben wir offenbar denselben Grund.“

    Der Schatten der Vergangenheit

    Faustus nahm einen kleinen Stein vom Boden und drehte ihn zwischen den Fingern.

    „Du weißt, dass es zwischen Römern und Germanen schon viele Kriege gegeben hat.“

    Dankwart nickte.

    „Unsere Alten erzählen davon.“

    „Und was erzählen sie?“

    „Dass die Römer mächtig sind. Dass sie große Heere besitzen. Dass sie aber auch besiegt werden können.“

    Faustus lächelte kaum merklich.

    „Das stimmt.“

    Dankwart betrachtete ihn überrascht.

    „Du gibst das zu?“

    „Warum sollte ich etwas bestreiten, das jeder weiß?“

    „Manche Römer sprechen, als könnten ihre Legionen niemals verlieren.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Dann haben diese Männer wahrscheinlich noch nicht genügend Schlachten gesehen.“

    Dankwart schwieg.

    Faustus fuhr fort.

    „Ein Soldat, der glaubt, unbesiegbar zu sein, wird leichtsinnig.“

    „Und ein Krieger, der seine Feinde unterschätzt, wird sterben“, ergänzte Dankwart.

    Faustus nickte.

    „Genau.“

    Die beiden Männer betrachteten einander. Zum ersten Mal entstand zwischen ihnen etwas, das über bloße Höflichkeit hinausging. Nicht Freundschaft. Noch nicht. Aber gegenseitiger Respekt.

    Markwarts Name

    Nach einer Weile fragte Faustus:

    „Dein Vater führt eine größere Gemeinschaft?“

    Dankwart nickte.

    „Ja.“

    „Man sagt, euer Dorf sei gut befestigt.“

    „Das ist es.“

    „Weshalb?“

    Dankwart lächelte.

    „Weil wir unsere Familien schützen wollen.“

    Faustus erwiderte das Lächeln.

    „Eine Antwort, die ich erwartet habe.“

    „Und ist sie falsch?“

    „Nein.“

    Dankwart wurde ernst.

    „Mein Vater hat keinen Krieg mit Rom begonnen. Er will auch keinen.“

    Faustus betrachtete ihn aufmerksam.

    „Das ist gut zu hören.“

    „Aber er wird niemals zulassen, dass fremde Soldaten über unser Dorf bestimmen.“

    „Das verlangt derzeit niemand von ihm.“

    „Derzeit.“

    Faustus nickte langsam.

    „Ja. Derzeit.“

    Dankwart bemerkte die Vorsicht in seiner Antwort.

    „Du versprichst also nichts.“

    „Ich kann nur für meine eigenen Entscheidungen sprechen.“

    Der junge Germane schwieg.

    Dann sagte er:

    „Mein Vater würde dich wahrscheinlich mögen.“

    Faustus lachte leise.

    „Warum?“

    „Weil du keine Versprechen machst, die du nicht halten kannst.“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Dann ist dein Vater offenbar ein vernünftiger Mann.“

    Dankwart lächelte.

    „Das sagt er selbst auch.“

    Beide lachten.

    Die Einladung

    Die Sonne hatte inzwischen ihren höchsten Stand überschritten.

    Faustus erhob sich.

    „Wir sollten zurückkehren.“

    Dankwart stand ebenfalls auf.

    „Ich auch.“

    Einen Augenblick schwiegen beide.

    Dann sagte Dankwart:

    „Mein Vater würde vielleicht mit dir sprechen wollen.“

    Faustus sah ihn überrascht an.

    „Mit mir?“

    „Ja.“

    „In eurem Dorf?“

    Dankwart überlegte.

    „Vielleicht zunächst an einem anderen Ort.“

    Faustus nickte.

    „Das wäre vernünftig.“

    Dankwart betrachtete ihn aufmerksam.

    „Du würdest kommen?“

    „Wenn dein Vater ein Gespräch wünscht und wir einen sicheren Ort vereinbaren können.“

    „Ohne viele Soldaten?“

    „Ohne viele Krieger auf beiden Seiten.“

    Dankwart lächelte.

    „Du verhandelst bereits.“

    „Das gehört manchmal zu meinem Beruf.“

    Dankwart streckte ihm die Hand entgegen. Faustus betrachtete sie einen kurzen Augenblick. Dann ergriff er sie. Der Händedruck war fest.

    „Dann werde ich meinem Vater von dir erzählen“, sagte Dankwart.

    „Und ich werde meinen Männern berichten, dass wir heute einen vernünftigen Germanen getroffen haben.“

    Dankwart lachte.

    „Nur einen?“

    Faustus blickte zu Wulfgar und dem anderen Begleiter.

    „Die beiden kenne ich noch nicht gut genug.“

    Wulfgar, der genug Latein verstand, um den Scherz zu begreifen, grinste.

    Zwei Berichte über dieselbe Begegnung

    Als Faustus am späten Nachmittag in den Vorposten zurückkehrte, ließ er sich eine Wachstafel bringen. Er diktierte einen kurzen Bericht. Begegnung mit drei germanischen Männern am südlichen Waldweg. Einer identifizierte sich als Dankwart, Sohn des Stammesführers Markwart. Keine feindseligen Handlungen. Gespräch über die Bewegungen römischer Patrouillen und die Sicherheit der örtlichen Siedlungen. Der Germane zeigte sich ruhig, aufmerksam und gesprächsbereit. Möglichkeit eines weiteren Kontaktes mit seinem Vater. Keine besonderen Vorkommnisse. Faustus betrachtete die letzten Worte. Keine besonderen Vorkommnisse. Er lächelte. Vielleicht war das nicht ganz richtig. Denn die Begegnung hatte ihm etwas gezeigt, das in keinem gewöhnlichen Patrouillenbericht stand. Auf der anderen Seite der Grenze lebten Männer, die ähnliche Sorgen hatten wie er selbst. Männer, die ihre Familien schützen wollten. Männer, die ihre Freiheit bewahren wollten. Und Männer, die bereit waren, zunächst zu sprechen. Zur selben Zeit erreichte Dankwart das Dorf seines Vaters. Markwart erwartete ihn vor dem Langhaus.

    „Du bist spät zurück.“

    „Ich habe einen Römer getroffen.“

    Markwart hob den Kopf.

    „Einen Soldaten?“

    „Einen Anführer.“

    „Was für einen Anführer?“

    „Er nennt sich Faustus Iunius Rupa. Biarchus der Exploratio.“

    Markwart wurde aufmerksam.

    „Der Mann aus dem neuen Vorposten?“

    „Ja.“

    „Hat er dich bedroht?“

    „Nein.“

    „Hat er versucht, etwas über unsere Krieger herauszufinden?“

    Dankwart überlegte.

    „Er hat Fragen gestellt.“

    Markwart lächelte.

    „Natürlich hat er das.“

    „Aber ich habe ebenfalls Fragen gestellt.“

    „Und?“

    Dankwart setzte sich auf die Bank neben seinem Vater.

    „Er ist anders, als ich erwartet hatte.“

    Markwart betrachtete ihn.

    „Inwiefern?“

    „Er hört zu. Er spricht ruhig. Und er behauptet nicht, alles zu wissen.“

    Markwart schwieg. Dankwart fuhr fort.

    „Ich glaube, er will tatsächlich keinen Krieg mit uns.“

    „Glauben ist nicht wissen.“

    „Das hat er beinahe genauso gesagt.“

    Markwart lächelte.

    „Dann sollten wir uns vielleicht kennenlernen.“

    Dankwart nickte.

    „Ich habe ihm gesagt, dass du möglicherweise mit ihm sprechen möchtest.“

    Markwart betrachtete seinen Sohn lange.

    „Und was hat er geantwortet?“

    „Dass er kommen würde, wenn wir einen sicheren Ort vereinbaren.“

    Der alte Stammesführer stand auf. Er ging langsam zur Tür und betrachtete den Dorfplatz. Kinder spielten zwischen den Langhäusern. Frauen trugen Wasser von einem Brunnen. Aus der Schmiede erklangen die regelmäßigen Hammerschläge. Schließlich sagte Markwart:

    „Dann werden wir einen Ort finden.“

    Das Misstrauen bleibt

    Am Abend saß Faustus allein in seinem kleinen Arbeitsraum. Vor ihm lagen die Berichte seiner Kundschafter. Er dachte an Dankwart. Der junge Germane war mutig gewesen, aber nicht überheblich. Er hatte Fragen gestellt, ohne zu drohen. Und er hatte offen ausgesprochen, was viele seiner Landsleute vermutlich dachten. Die Römer waren mächtig. Vielleicht zu mächtig.

    Und niemand konnte sicher wissen, ob ihre Grenzen eines Tages weiter nach Osten verschoben werden sollten. Faustus verstand diese Sorge. Er wusste zugleich, dass seine eigenen Männer ähnliche Befürchtungen hegten. Sie sahen germanische Krieger, befestigte Dörfer und unbekannte Stammesbündnisse. Sie wussten nicht, ob aus diesen Gemeinschaften eines Tages ein Heer entstehen würde. Faustus legte die Wachstafel beiseite. Ein Gedanke ließ ihn nicht los. Vielleicht bestand die größte Gefahr nicht darin, dass Römer und Germanen einander hassten. Vielleicht bestand sie darin, dass beide Seiten zu wenig voneinander wussten. Und dass sie ihre Unwissenheit irgendwann mit Waffen beantworten würden. Er stand auf und trat vor die Tür. Die Nacht senkte sich über den Vorposten. Jenseits der Palisaden begann der dunkle Wald. Irgendwo dort lebte Dankwart. Und irgendwo hinter diesen Bäumen lag das befestigte Dorf seines Vaters. Faustus wusste nicht, ob er Markwart jemals vertrauen konnte. Aber er war bereit, mit ihm zu sprechen.

    EPILOG – INTER DUOS MUNDOS

    Zwischen zwei Welten In jener Nacht saßen zwei Männer an verschiedenen Feuern. Faustus Iunius Rupa im römischen Vorposten. Markwart in seinem germanischen Langhaus. Beide dachten über dieselbe Begegnung nach. Faustus fragte sich, ob Markwart tatsächlich ein friedlicher Stammesführer war oder lediglich ein geschickter Mann, der seine wahren Absichten verbarg. Markwart fragte sich, ob Faustus wirklich nur seine Soldaten schützen wollte oder ob er bereits Vorbereitungen für eine größere römische Unternehmung traf. Keiner kannte die Antwort. Und dennoch hatten beide einen ersten Schritt getan. Nicht durch einen Vertrag. Nicht durch einen Eid. Nicht durch ein Bündnis. Sondern durch ein Gespräch, das Dankwart und Faustus an einem gewöhnlichen Waldweg geführt hatten. Noch wussten sie nicht, dass unter den germanischen Stammesführern Männer lebten, die einen Krieg mit Rom herbeisehnten.

    Noch wussten sie nicht, welche politischen Entscheidungen eines Tages in Mogontiacum oder gar in Rom getroffen werden würden. Und noch ahnten sie nicht, wie schnell ein einzelner Zwischenfall den mühsam bewahrten Frieden zerstören konnte. Aber an diesem Tag war etwas geschehen, das weder die römischen Soldaten noch die germanischen Krieger erwartet hatten. Zwei Männer hatten einander zugehört. Und ein dritter, Markwart, war bereit, dasselbe zu tun. Drei Männer. Zwei Völker. Eine Grenze. Und die vorsichtige Hoffnung, dass Worte vielleicht erreichen konnten, wozu Waffen niemals imstande waren.

  • 582-speculatores-im-einsatz

    Der Schatten des Krieges

    PARS PRIMA – FAUSTUS IUNIUS RUPA: Die römischen Beobachtungsposten melden ungewöhnliche Bewegungen germanischer Krieger. Faustus versucht, die Absichten der Stammesführer zu verstehen, während aus Mogontiacum neue Anweisungen eintreffen. Zwischen militärischer Pflichterfüllung und seinem Wunsch, einen unnötigen Konflikt zu verhindern, gerät er zunehmend unter Druck.

    Die Augen Roms

    DER MORGEN IM VORPOSTEN

    Der Morgennebel lag schwer über den Wäldern östlich des römischen Grenzgebietes. Zwischen den hohen Buchen und Eichen drang nur wenig Licht auf den feuchten Waldboden. Der Geruch von Moos, nassem Holz und kalter Asche erfüllte die Luft. Im römischen Vorposten begann der Tag lange vor Sonnenaufgang. Die vierzig Soldaten, die Faustus Iunius Rupa unterstanden, hatten sich inzwischen an das Leben jenseits der befestigten Grenzanlagen gewöhnt. Der kleine Stützpunkt bestand aus mehreren hölzernen Gebäuden, einem Vorratsraum, einer Unterkunft für die Wachmannschaften und einem bescheidenen Kommandoraum. Ein Erdwall mit einer hölzernen Palisade umgab das Lager. Zwei erhöhte Beobachtungsstände ermöglichten den Blick auf die unmittelbar angrenzenden Waldwege. Die Anlage war nicht für eine längere Belagerung ausgelegt. Sie sollte beobachten. Melden. Und im Notfall rechtzeitig den Rückzug ermöglichen. Faustus hatte diese Grundsätze seinen Männern mehrfach eingeschärft. Niemand durfte ohne ausdrücklichen Befehl einen germanischen Siedlungsplatz betreten. Bewaffnete Zusammenstöße waren nach Möglichkeit zu vermeiden. Die Kundschafter sollten ihre Beobachtungen unauffällig durchführen und keine unnötigen Provokationen verursachen.

    Doch seit der Begegnung mit Dankwart hatte sich die Lage verändert. Zum ersten Mal hatte ein Angehöriger eines benachbarten Stammes freiwillig mit einem römischen Offizier gesprochen. Nicht als Gefangener. Nicht als Unterhändler nach einer Niederlage. Sondern als freier Mann, der wissen wollte, weshalb römische Soldaten in der Nähe seines Dorfes erschienen waren. Faustus erinnerte sich an das Gespräch. Dankwart hatte aufmerksam zugehört, aber keineswegs unterwürfig gewirkt. Er hatte Fragen gestellt, die zeigten, dass er die Absichten Roms nicht einfach hinnehmen wollte. Vor allem hatte er deutlich gemacht, dass sein Vater Markwart die Anwesenheit römischer Soldaten mit wachsender Sorge betrachtete.

    Faustus konnte das verstehen. Für die Bewohner des Grenzlandes waren römische Soldaten nicht nur Männer in Rüstung. Sie waren Vertreter eines Reiches, dessen Macht weit über die Grenzen ihrer eigenen Stammesgebiete hinausreichte. Ein Reich, das Straßen baute, Kastelle errichtete, Verträge schloss und gelegentlich ganze Völker unterwarf. Faustus wusste, dass selbst ein kleiner römischer Beobachtungsposten deshalb Misstrauen hervorrufen musste. Er stand vor dem Eingang des Kommandoraumes, als sich einer seiner Kundschafter näherte.

    „Biarchus.“

    Faustus wandte sich um.

    „Was gibt es?“

    „Unsere Männer sind zurück.“

    „Alle?“

    „Ja. Aber sie haben etwas beobachtet.“

    Faustus folgte dem Soldaten in den Kommandoraum.

    DIE BEWEGUNGEN IM WALD

    Auf einem groben Holztisch lag eine Wachstafel mit den bisherigen Beobachtungen. Daneben befand sich eine einfache Skizze des umliegenden Gebietes.

    Faustus hatte die wichtigsten Wege, Wasserläufe und Siedlungen eintragen lassen. Auch das Dorf Markwarts war verzeichnet, allerdings nur mit einer ungefähren Lageangabe.

    Zwei Kundschafter standen vor dem Tisch. Der ältere von ihnen, Marcus Flavius Celer, begann seinen Bericht.

    „Wir haben gestern gegen die neunte Stunde eine Gruppe bewaffneter Germanen beobachtet.“

    „Wie viele?“

    „Ungefähr dreißig.“

    Faustus runzelte die Stirn.

    „Aus welcher Richtung kamen sie?“

    Celer deutete auf die Karte.

    „Von Nordosten. Sie folgten einem alten Waldweg, der in Richtung der Siedlungen am oberen Bachlauf führt.“

    „Habt ihr sie erkannt?“

    „Nein. Ihre Schilde trugen unterschiedliche Zeichen. Es könnte sich um Männer mehrerer Siedlungen gehandelt haben.“

    Faustus dachte nach.

    „Waren sie auf dem Weg zu Markwarts Dorf?“

    „Möglicherweise.“

    „Haben sie euch bemerkt?“

    „Nicht, soweit wir feststellen konnten.“

    Der zweite Kundschafter ergänzte:

    „Wir haben außerdem Spuren weiterer Gruppen gefunden. Pferdehufe und zahlreiche Fußabdrücke.“

    „Wie alt?“

    „Nicht älter als zwei Tage.“

    Faustus betrachtete die Skizze. Dreißig bewaffnete Männer waren für sich genommen keine ungewöhnliche Erscheinung. Germanische Stammesführer reisten häufig mit bewaffneten Gefolgsleuten. Versammlungen, Streitigkeiten zwischen Sippen oder gemeinsame Jagden konnten größere Gruppen zusammenführen. Doch die gleichzeitige Bewegung mehrerer solcher Gruppen musste untersucht werden.

    „Habt ihr Anzeichen für einen bevorstehenden Angriff entdeckt?“

    „Nein, Biarchus.“

    „Waffenlager?“

    „Nein.“

    „Vorbereitete Sammelplätze?“

    „Ebenfalls nicht.“

    Faustus nickte.

    „Dann werden wir vorerst auch nicht von einem bevorstehenden Angriff sprechen.“

    Celer sah ihn überrascht an.

    „Aber die Bewegungen sind ungewöhnlich.“

    „Ungewöhnlich bedeutet nicht feindlich.“

    Er blickte die beiden Männer ernst an.

    „Wir sind hier, um Tatsachen zu sammeln. Nicht, um aus jeder Beobachtung eine Bedrohung zu machen.“

    Die Kundschafter salutierten. Faustus gab ihnen den Auftrag, die betreffenden Wege weiterhin zu beobachten. Doch eine Anweisung fügte er ausdrücklich hinzu.

    „Keine Annäherung an bewaffnete Gruppen. Keine Verfolgung bis in ihre Dörfer. Und vor allem keine eigenmächtigen Festnahmen.“

    „Verstanden, Biarchus.“

    Als die Männer gegangen waren, blieb Faustus allein zurück. Er betrachtete die Karte. Wenn Markwart tatsächlich eine Versammlung benachbarter Häuptlinge vorbereitete, konnte das zwei Bedeutungen haben. Entweder wollte er die anderen Stammesführer über seine Begegnung mit den Römern informieren. Oder er suchte Unterstützung für ein gemeinsames Vorgehen gegen den Vorposten. Faustus wusste nicht, welche Möglichkeit zutraf. Und gerade diese Ungewissheit bereitete ihm Sorgen.

    DIE NACHRICHT AUS MOGONTIACUM

    Gegen Mittag traf ein kleiner berittener Trupp aus Richtung der römischen Grenzanlagen ein. An seiner Spitze ritt ein erfahrener Unteroffizier der Legio XXII Primigenia.

    Er überbrachte ein versiegeltes Schreiben aus Mogontiacum. Faustus erkannte das Dienstsiegel sofort. Die Nachricht stammte aus dem militärischen Führungsbereich des Legionslagers.

    Er öffnete das Schreiben und begann zu lesen. Der Inhalt war knapp, aber eindeutig. Die Führung verlangte einen ausführlichen Bericht über die jüngsten Kontakte zu germanischen Stammesangehörigen. Besonders sollten die Identität der beteiligten Personen, die Stärke der benachbarten Siedlungen und mögliche politische Verbindungen zwischen den Häuptlingen untersucht werden. Außerdem wurde Faustus angewiesen, ungewöhnliche Bewegungen bewaffneter Gruppen unverzüglich zu melden. Der letzte Abschnitt erregte seine besondere Aufmerksamkeit. Eine eigenmächtige Ausweitung militärischer Unternehmungen über den bestehenden Beobachtungsauftrag hinaus ist nicht gestattet. Gleichzeitig sind alle Maßnahmen zu treffen, die erforderlich erscheinen, um die Sicherheit der eingesetzten Soldaten zu gewährleisten.

    Faustus las den Satz zweimal. Die Anweisung war typisch für die römische Militärverwaltung. Er sollte keinen Konflikt auslösen. Aber er war für die Sicherheit seiner Männer verantwortlich.

    Sollte etwas geschehen, würde man später fragen, ob er rechtzeitig gehandelt hatte. Er setzte sich an den Tisch. Dann begann er seinen Bericht. Zunächst beschrieb er die Begegnung mit Dankwart. Er hielt fest, dass der junge Germane weder feindselig noch unterwürfig aufgetreten war. Dankwart hatte die Anwesenheit der Römer kritisch hinterfragt, zugleich aber Bereitschaft zu weiteren Gesprächen erkennen lassen. Faustus fügte hinzu, dass Markwart offenbar eine einflussreiche Stellung innerhalb seiner Siedlung innehatte.

    Über dessen Beziehungen zu anderen Stammesführern lagen bislang keine gesicherten Erkenntnisse vor. Dann beschrieb er die jüngsten Bewegungen bewaffneter Gruppen.

    Er vermied bewusst jede Formulierung, die einen unmittelbar bevorstehenden Angriff vermuten ließ. Am Ende seines Berichtes schrieb er: Die gegenwärtige Lage ist angespannt, jedoch nicht offen feindlich. Nach meiner Einschätzung besteht weiterhin die Möglichkeit, durch begrenzte und kontrollierte Kontakte zu den örtlichen Führungspersonen eine Eskalation zu vermeiden. Faustus legte das Schreibrohr beiseite. Er wusste, dass diese Einschätzung nicht überall Zustimmung finden würde. Manche Offiziere betrachteten jede selbstbewusste Haltung germanischer Stammesführer als Zeichen einer möglichen Rebellion. Andere hielten militärische Stärke für das einzige Mittel, um die Grenze dauerhaft zu sichern.

    Faustus teilte diese Auffassung nicht uneingeschränkt. Er hatte genügend Gewalt gesehen, um zu wissen, dass ein militärischer Sieg nicht zwangsläufig einen dauerhaften Frieden bedeutete.

    DIE BERATUNG DER OFFIZIERE

    Am Abend versammelte Faustus die erfahrensten Männer des Vorpostens. Neben Celer nahmen zwei Unteroffiziere und der für die Versorgung verantwortliche Soldat an der Besprechung teil. Faustus berichtete von den Beobachtungen und den Anweisungen aus Mogontiacum.

    „Wir müssen damit rechnen, dass sich mehrere germanische Gruppen in der Umgebung versammeln“, erklärte er.

    Einer der Unteroffiziere, Quintus Aelius Varus, verschränkte die Arme.

    „Dann sollten wir Verstärkung anfordern.“

    Faustus sah ihn an.

    „Weshalb?“

    „Weil vierzig Mann gegen mehrere Hundert Krieger kaum etwas ausrichten können.“

    „Wir wissen nicht, ob überhaupt mehrere Hundert Krieger zusammenkommen.“

    „Aber wir müssen damit rechnen.“

    Faustus nickte.

    „Mit der Möglichkeit müssen wir rechnen. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir bereits eine feindliche Absicht unterstellen dürfen.“

    Varus wirkte unzufrieden.

    „Wenn wir warten, bis sie uns angreifen, könnte es zu spät sein.“

    „Und wenn wir jetzt zusätzliche Soldaten heranführen, könnte Markwart glauben, dass wir einen Angriff vorbereiten.“

    „Dann soll er es glauben.“

    Faustus betrachtete den Unteroffizier lange.

    „Genau darin liegt das Problem.“

    Varus schwieg. Faustus trat an die Karte.

    „Stellt euch vor, ihr wärt Markwart. Ihr lebt mit euren Familien seit Jahren in diesem Gebiet. Eines Tages erscheinen fremde Soldaten. Sie errichten einen befestigten Posten und beobachten eure Wege.“

    Er blickte in die Runde.

    „Was würdet ihr denken?“

    Niemand antwortete.

    „Und wenn kurz darauf weitere Soldaten eintreffen?“

    Celer nickte langsam.

    „Dann würden wir annehmen, dass sie etwas vorbereiten.“

    „Eben.“

    Faustus legte die Hand auf den Tisch.

    „Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Vorsichtsmaßnahmen selbst zur Ursache eines Konfliktes werden.“

    Er ordnete an, die Wachen zu verstärken, die Vorräte zu überprüfen und die Rückzugswege freizuhalten.

    Eine zusätzliche Truppenanforderung sollte jedoch vorerst unterbleiben.

    Varus akzeptierte die Entscheidung widerwillig.

    Als die Besprechung beendet war, blieb Celer zurück.

    „Biarchus, darf ich offen sprechen?“

    „Natürlich.“

    „Ihr vertraut diesem Dankwart.“

    Faustus überlegte.

    „Ich halte ihn für einen Mann, mit dem man sprechen kann.“

    „Das ist nicht dasselbe.“

    „Nein.“

    „Und seinem Vater?“

    Faustus blickte zur Tür hinaus.

    „Markwart kenne ich bisher nur aus Berichten und aus den Worten seines Sohnes.“

    „Dann wissen wir nicht, ob er Frieden will.“

    „Richtig.“

    Celer wartete.

    Faustus fuhr fort:

    „Aber wir wissen ebenso wenig, ob er Krieg will.“

    DER ZWEITE BOTE

    Zwei Tage später meldete ein Wachposten eine einzelne Gestalt am Waldrand. Der Mann trug keinen Schild und keine sichtbare Kriegswaffe. In der Hand hielt er einen langen Wanderstab.

    Er blieb in einiger Entfernung stehen und wartete. Faustus ließ ihn beobachten. Erst als deutlich wurde, dass der Fremde keine feindlichen Absichten zeigte, schickte er zwei Soldaten zu ihm. Wenig später wurde der Mann vor den Eingang des Vorpostens geführt. Es handelte sich um einen älteren Germanen, dessen Haar bereits von grauen Strähnen durchzogen war. Er sprach nur wenige Worte Latein. Doch er konnte sich verständlich machen.

    „Markwart“, sagte er und deutete nach Nordosten.

    Faustus trat näher.

    „Du kommst von Markwart?“

    Der Mann nickte. Dann zog er ein kleines, sorgfältig bearbeitetes Holzstück hervor. Darauf waren einfache Zeichen eingeritzt. Faustus erkannte eines davon.

    Es war dasselbe Zeichen, das Dankwart bei ihrer ersten Begegnung verwendet hatte, um seine Zugehörigkeit zu Markwarts Sippe kenntlich zu machen.

    Der Bote sprach langsam.

    „Markwart. Reden. Faustus.“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Markwart möchte mit mir sprechen?“

    Der Germane nickte erneut. Dann deutete er auf den Wald.

    „Drei Tage.“

    Faustus ließ sich den Treffpunkt erklären. Es handelte sich um eine offene Stelle nahe einem Bachlauf, nicht weit von jenem Weg entfernt, an dem er Dankwart erstmals begegnet war.

    Der Bote machte deutlich, dass Markwart nur wenige Begleiter mitbringen würde. Faustus überlegte. Eine persönliche Begegnung mit dem Stammesführer konnte wertvolle Erkenntnisse liefern. Sie konnte aber auch gefährlich sein.

    „Sag Markwart“, antwortete er schließlich, „dass ich kommen werde.“

    Der Germane nickte.

    Faustus fügte hinzu:

    „Keine große bewaffnete Begleitung.“

    Der Bote verstand.

    Er hob drei Finger.

    „Drei.“

    Faustus nickte.

    „Drei.“

    Als der Mann gegangen war, trat Celer neben ihn.

    „Ihr wollt wirklich hingehen?“

    „Ja.“

    „Es könnte eine Falle sein.“

    Faustus betrachtete den Wald.

    „Das könnte es.“

    „Und trotzdem?“

    „Wenn wir jedes Gespräch aus Angst vor einer Falle vermeiden, werden wir niemals erfahren, was diese Männer tatsächlich wollen.“

    Celer schwieg.

    Dann fragte er:

    „Was soll ich vorbereiten?“

    Faustus antwortete:

    „Drei Männer. Leichte Ausrüstung. Keine unnötige Demonstration militärischer Stärke.“

    Er hielt kurz inne.

    „Und einen sicheren Rückweg.“

    DER SCHATTEN DES KRIEGES

    In der folgenden Nacht konnte Faustus lange nicht schlafen. Er saß vor einem kleinen Feuer innerhalb des Vorpostens. Die meisten Soldaten ruhten bereits. Nur die Wachmannschaften waren noch unterwegs. Faustus betrachtete die Flammen. Er dachte an Dankwart. An Markwart. An die bewaffneten Gruppen im Wald. Und an die Männer in Mogontiacum, die seine Berichte lesen und daraus politische oder militärische Schlussfolgerungen ziehen würden. Er wusste, dass er nicht allein über die Zukunft dieses Grenzabschnittes entscheiden konnte. Seine Aufgabe war begrenzt. Er sollte beobachten, berichten und die Sicherheit seiner Männer gewährleisten. Doch manchmal konnten Entscheidungen von geringer Bedeutung weitreichende Folgen haben. Ein unbedachtes Wort. Ein missverstandenes Zeichen. Ein nervöser Soldat, der im falschen Augenblick nach seiner Waffe griff. Faustus hatte oft genug erlebt, wie schnell aus Unsicherheit Gewalt entstehen konnte. Er nahm ein kleines Holzstück und warf es ins Feuer. Die Flammen schlugen kurz höher. Dann dachte er an die bevorstehende Begegnung mit Markwart. Vielleicht würde der Stammesführer ihm offen erklären, weshalb er die Römer misstrauisch betrachtete. Vielleicht würde er Forderungen stellen. Vielleicht würde er versuchen, Faustus über die tatsächliche Stärke seines Stammes zu täuschen. Doch wenigstens würden sie miteinander sprechen. Faustus erhob sich. Er war entschlossen, diesen Versuch zu wagen.

    Nicht weil er den Germanen vertraute. Sondern weil er wusste, dass Misstrauen allein niemals Frieden schaffen konnte.

  • INTER PACEM ET BELLUM (Zwischen Frieden und Krieg)

    Drei Tage vor der vereinbarten Begegnung am Bachlauf


    Die Wälder Germaniens lagen unter einem grauen Himmel. Zwischen den hohen Eichen und Buchen hing der Morgennebel, während der Wind durch die noch feuchten Blätter strich. Die Wege waren schmal, die Entfernungen zwischen den Siedlungen beträchtlich, und jenseits der römischen Grenze bestimmten die germanischen Stammesgemeinschaften weitgehend selbst über ihre Angelegenheiten. Seit der ersten Begegnung zwischen Faustus Iunius Rupa und Dankwart hatte sich etwas verändert. Die Römer wussten nun, dass nicht alle germanischen Stammesführer ihnen feindlich gegenüberstanden. Und Markwart hatte erkannt, dass zumindest einige römische Offiziere bereit waren, zunächst zu sprechen, bevor sie zu den Waffen griffen. Doch nicht jeder teilte diese Auffassung. Hagomar, einer der einflussreicheren germanischen Häuptlinge, betrachtete jede Verständigung mit Rom als Gefahr. Für ihn bedeutete Frieden mit den Römern nicht Sicherheit, sondern den ersten Schritt zur Unterwerfung. Während Faustus und Markwart ihre zweite Begegnung vorbereiteten, begannen sich Gerüchte auszubreiten. Markwart habe den Römern freien Zugang zu seinem Gebiet versprochen. Markwart wolle römische Soldaten in germanischen Siedlungen dulden. Markwart habe sich heimlich mit Rom verbündet. Keine dieser Behauptungen war bewiesen. Doch Gerüchte benötigten keine Beweise, um Misstrauen zu erzeugen. Und während zwei Männer nach einem Weg suchten, einen Krieg zu verhindern, begann ein dritter, die Voraussetzungen für einen solchen Krieg zu schaffen.

    CASTELLUM IN SILVA – DER VORPOSTEN IM WALD

    Faustus Iunius Rupa stand vor einer ausgebreiteten Wachstafel, auf der die unmittelbare Umgebung des römischen Vorpostens skizziert war.

    Die Zeichnung war unvollständig.

    Sie zeigte den Bachlauf, mehrere Waldwege, eine kleine Anhöhe und jene Lichtung, auf der seine Soldaten während der vergangenen Tage wiederholt germanische Spuren entdeckt hatten.

    Faustus war sich der Grenzen dieser Darstellung bewusst. Jenseits des römisch kontrollierten Gebietes kannten seine Männer weder alle Wege noch sämtliche Siedlungen. Was auf der Karte wie ein zusammenhängender Wald erschien, konnte in Wirklichkeit aus zahlreichen unterschiedlichen Stammesgebieten bestehen. Neben ihm stand Lucan, einer der erfahrenen Soldaten des Vorpostens.

    „Die Männer sind eingeteilt,Optio.“

    Faustus blickte auf.

    „Wie viele befinden sich heute außerhalb der Befestigung?“

    „Zwei kleine Beobachtungstrupps. Die übrigen Männer sind im Lager oder unmittelbar in dessen Umgebung.“

    „Gab es besondere Vorkommnisse?“

    Lucan schüttelte den Kopf.

    „Keine unmittelbaren Bedrohungen. Allerdings haben unsere Beobachter gestern drei bewaffnete Germanen am nördlichen Waldweg gesehen.“

    „Haben sie sich dem Lager genähert?“

    „Nein.“

    „Haben sie unsere Soldaten bedroht?“

    „Ebenfalls nicht.“

    Faustus nickte.

    „Dann haben wir zunächst keinen Grund, sie als Feinde zu betrachten.“

    Lucan verschränkte die Arme.

    „Mit Verlaub, Optio, sie könnten unser Lager auskundschaften.“

    „Das könnten sie.“

    „Und das beunruhigt Euch nicht?“

    Faustus betrachtete den Soldaten.

    „Doch. Aber ich werde keinen Krieg beginnen, weil drei Männer durch ihren eigenen Wald gehen.“

    Lucan schwieg.

    Faustus deutete auf den Bachlauf.

    „In drei Tagen werde ich Markwart hier treffen.“

    „Mit nur zwei Begleitern?“

    „So ist es vereinbart.“

    „Das halte ich für gefährlich.“

    „Es wäre gefährlicher, mit zwanzig bewaffneten Männern zu erscheinen.“

    Lucan betrachtete die Karte.

    „Und wenn Markwart uns täuscht?“

    Faustus antwortete ruhig:

    „Dann werden wir es erfahren. Aber wenn wir ihm von Anfang an unterstellen, dass er lügt, brauchen wir gar nicht erst mit ihm zu sprechen.“

    DUO COMITES – DIE ZWEI BEGLEITER

    Faustus hatte seine Begleiter sorgfältig ausgewählt. Der erste war Gaius Valerius Crispus, ein erfahrener römischer Soldat, der seit mehreren Jahren an der Rheingrenze diente.

    Crispus war kein Mann großer Worte. Er hatte gelernt, dass unüberlegte Bewegungen in unbekanntem Gelände ebenso gefährlich sein konnten wie unüberlegte Befehle. Der zweite Begleiter war Numerius Fabius Longinus, ein jüngerer Soldat, der über einige Kenntnisse germanischer Dialekte verfügte. Longinus hatte während seiner bisherigen Dienstzeit häufig mit Händlern, Grenzbewohnern und germanischen Reisenden gesprochen. Er verstand nicht jede regionale Ausdrucksweise, doch seine Kenntnisse waren ausreichend, um einfache Gespräche zu erleichtern. Faustus ließ beide Männer in sein Arbeitszimmer rufen. Als sie eintraten, erhoben sie die rechte Hand zum militärischen Gruß.

    „Optio.“

    Faustus erwiderte den Gruß.

    „Ihr werdet mich in drei Tagen zu einer Unterredung mit einem germanischen Stammesführer begleiten.“

    Crispus nickte.

    Longinus wirkte überrascht.

    „Mit Markwart, Optio?“

    „Ja.“

    „Dem Vater Dankwarts?“

    „Genau.“

    Faustus deutete auf die Karte.

    „Wir treffen ihn an diesem Bachlauf. Er wird ebenfalls zwei Männer mitbringen.“

    Crispus betrachtete die Zeichnung.

    „Ein offenes Gelände wäre günstiger.“

    „Der Bachlauf liegt zwischen zwei bewaldeten Hängen. Aber dort haben unsere Männer bereits mit Dankwart gesprochen.“

    „Dann kennt der Germane den Ort besser als wir.“

    „Davon gehe ich aus.“

    Crispus schwieg einen Augenblick.

    „Welche Bewaffnung sollen wir tragen?“

    „Unsere gewöhnliche Seitenbewaffnung. Keine schweren Schilde, keine Speere und keine Ausrüstung, die den Eindruck eines Kampftrupps erweckt.“

    Longinus fragte:

    „Und wenn Markwart bewaffnete Krieger im Wald versteckt?“

    Faustus sah ihn an.

    „Dann wird uns unsere Ausrüstung kaum retten.“

    Die beiden Soldaten wechselten einen Blick. Faustus fuhr fort:

    „Wir gehen dorthin, um zu sprechen. Nicht um eine Schlacht zu schlagen.“

    Er trat näher an die Karte.

    „Ich möchte außerdem, dass keiner von euch ohne meine ausdrückliche Anweisung eine Waffe zieht.“

    Crispus nickte.

    „Verstanden.“

    „Auch dann nicht, wenn einer der Germanen laut wird oder uns beleidigt.“

    Longinus lächelte schwach.

    „Das könnte schwierig werden.“

    Faustus erwiderte das Lächeln.

    „Dann betrachtet es als besondere militärische Übung.“

    DE FINIBUS – ÜBER DIE GRENZEN

    Am folgenden Tag saß Faustus allein in seinem Arbeitszimmer. Vor ihm lag eine noch unbeschriebene Wachstafel. Er wollte sich auf das Gespräch mit Markwart vorbereiten.

    Doch je länger er darüber nachdachte, desto deutlicher wurde ihm, dass es nicht allein um die Sicherheit des Vorpostens ging. Es ging um eine grundsätzliche Frage. Wo endete die Sicherheit Roms? Und wo begann die Freiheit jener Menschen, die außerhalb seiner Grenzen lebten? Faustus hatte während seiner Dienstzeit viele Offiziere kennengelernt, die darauf eine einfache Antwort besaßen. Rom musste stark sein. Rom musste seine Grenzen schützen. Rom durfte keine Schwäche zeigen. Er widersprach diesen Grundsätzen nicht.

    Aber er fragte sich, ob Stärke zwangsläufig bedeutete, jeden Nachbarn als möglichen Feind zu betrachten. Er erinnerte sich an Dankwart.

    Der junge Germane hatte bei ihrer ersten Unterredung offen gesprochen. Er hatte nicht versucht, die Römer einzuschüchtern. Er hatte vielmehr wissen wollen, weshalb sie sich überhaupt in diesem Wald aufhielten. Faustus hatte ihm erklärt, dass seine Männer den Auftrag besaßen, Bewegungen jenseits der Grenze zu beobachten und mögliche Gefahren frühzeitig zu erkennen. Dankwart hatte daraufhin eine Frage gestellt, die Faustus nicht vergessen konnte.

    „Und wer schützt uns vor euch?“

    Damals hatte Faustus keine einfache Antwort gefunden. Nun wollte er Markwart eine geben. Nicht in Form eines großen Versprechens. Sondern durch konkrete Vereinbarungen.

    Er schrieb mehrere Punkte auf die Wachstafel:

    Keine Angriffe auf unbewaffnete Reisende.

    Keine eigenmächtigen Überfälle auf Siedlungen.

    Keine Überschreitung vereinbarter Grenzen durch größere bewaffnete Gruppen ohne vorherige Verständigung.

    Nachrichtenübermittlung bei Zwischenfällen.

    Regelmäßige Gespräche zwischen den Verantwortlichen.

    Faustus betrachtete seine Aufzeichnungen. Es war kein Friedensvertrag. Dazu fehlte ihm die politische Vollmacht. Er konnte weder im Namen des Kaisers noch im Namen des Statthalters von Germania Superior weitreichende Zusagen machen. Aber er konnte versuchen, im unmittelbaren Umfeld seines Vorpostens Missverständnisse zu vermeiden. Und vielleicht war das bereits ein Anfang.

    UMBRA DUBITATIONIS – DER SCHATTEN DES ZWEIFELS

    Am Abend meldete Lucan eine neue Beobachtung. Zwei germanische Männer waren am westlichen Waldweg gesehen worden. Sie hatten sich auffällig lange in der Nähe einer alten Furt aufgehalten. Faustus hörte aufmerksam zu.

    „Waren sie bewaffnet?“

    „Mit Speeren.“

    „Haben sie unsere Männer bemerkt?“

    „Vermutlich.“

    „Und was geschah dann?“

    „Sie zogen sich zurück.“

    Faustus nickte.

    „Gab es weitere Beobachtungen?“

    Lucan zögerte.

    „Einer unserer Männer glaubt, dass sie Zeichen an einem Baum hinterlassen haben.“

    Faustus sah auf.

    „Welche Zeichen?“

    „Drei kurze Kerben.“

    Faustus wurde nachdenklich.

    „Könnte es sich um eine gewöhnliche Wegmarkierung handeln?“

    „Möglich.“

    „Dann behandeln wir es zunächst als solche.“

    Lucan wirkte unzufrieden.

    Optio, wir sollten die Männer vielleicht verfolgen.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    „Aber …“

    „Lucan, wir wissen nicht, wer diese Männer sind. Wir wissen nicht, weshalb sie dort waren. Und wir wissen nicht, ob ihre Anwesenheit überhaupt etwas mit uns zu tun hat.“

    Er hielt inne.

    „Wenn wir sie verfolgen, könnten wir genau jenen Zwischenfall auslösen, den wir vermeiden wollen.“

    Lucan senkte den Kopf.

    „Verstanden.“

    Faustus trat ans Fenster. Der Himmel über dem Wald hatte sich dunkel gefärbt. Er dachte an die bevorstehende Begegnung.

    Dann sagte er leise:

    „Ich hoffe, Markwart ist ebenso entschlossen wie ich.“

    Lucan fragte:

    „Wozu, Optio?“

    Faustus antwortete:

    „Den Frieden zu bewahren.“

    NOX ANTE COLLOQUIUM – DIE NACHT VOR DEM GESPRÄCH

    In der letzten Nacht vor der Begegnung ging Faustus noch einmal durch den Vorposten. Die Wachen standen an ihren Plätzen. In den Unterkünften hatten sich die meisten Soldaten bereits zur Ruhe gelegt. Aus einer kleinen Feuerstelle stieg Rauch auf. Faustus blieb am Tor stehen. Jenseits der Befestigung lag der Wald.

    Dunkel.

    Still.

    Und voller Dinge, die seine Männer nicht kannten.

    Crispus trat neben ihn.

    "Optio."

    „Crispus.“

    „Die Ausrüstung für morgen ist vorbereitet.“

    „Gut.“

    Der Soldat zögerte.

    „Darf ich offen sprechen?“

    „Natürlich.“

    „Ich halte die Begegnung weiterhin für riskant.“

    Faustus nickte.

    „Das ist sie.“

    „Warum geht Ihr dann hin?“

    Faustus betrachtete den dunklen Wald.

    „Weil wir irgendwann entscheiden müssen, ob wir jeden Menschen jenseits unserer Grenze als Feind betrachten wollen.“

    Crispus schwieg.

    Faustus fuhr fort:

    „Wenn Markwart tatsächlich Frieden will, müssen wir ihm die Möglichkeit geben, das zu zeigen.“

    „Und wenn er lügt?“

    „Dann werde ich mich geirrt haben.“

    Faustus wandte sich zu seinem Begleiter.

    „Aber ein Irrtum aus Vorsicht vor jedem Gespräch kann ebenso gefährlich sein wie ein Irrtum aus zu großem Vertrauen.“

    Crispus nickte langsam. Dann verließen beide das Tor. Faustus begab sich in seine Unterkunft.

    Bevor er sich schlafen legte, betrachtete er noch einmal die Wachstafel mit seinen Gesprächspunkten.

    Er wusste nicht, dass zur selben Stunde in mehreren germanischen Siedlungen Männer zusammensaßen, die einen ganz anderen Ausgang der bevorstehenden Begegnung wünschten.

    Er wusste nichts von Hagomars Boten.

    Nichts von den Gerüchten.

    Und nichts von den Kriegern, die bereits begannen, ihre Waffen bereitzulegen.

    Für Faustus war der kommende Tag eine Gelegenheit.

    Für andere war er eine Bedrohung.

  • INTER PACEM ET BELLUM - Zwischen Frieden und Krieg

    Die Entscheidung am Bachlauf


    Drei Männer stehen vor Entscheidungen, die über Krieg und Frieden an einem kleinen Abschnitt der römisch-germanischen Grenze bestimmen könnten.

    Faustus Iunius Rupa will eine Verständigung erreichen, ohne die Sicherheit seiner Soldaten zu gefährden. Markwart möchte sein Volk vor einem Krieg bewahren, ohne sich dem Willen Roms zu unterwerfen. Hagomar hingegen betrachtet jede Annäherung an die Römer als Bedrohung der germanischen Freiheit.

    FIDES IN INCERTO - Vertrauen im Ungewissen

    PRIMA LUX - Das erste Licht

    Der Morgen brach langsam über dem römischen Vorposten herein. Feiner Nebel hing zwischen den Bäumen. Auf den hölzernen Palisaden glänzte die Feuchtigkeit der vergangenen Nacht, während die ersten Soldaten aus ihren Unterkünften traten. Faustus Iunius Rupa hatte nur wenig geschlafen. Die bevorstehende Begegnung mit Markwart beschäftigte ihn mehr, als er seinen Männern gegenüber erkennen ließ. Er hatte die vergangenen Tage genutzt, um Informationen über die Umgebung zusammenzutragen, die Wege zum Bachlauf zu überprüfen und seine beiden Begleiter auszuwählen. Gaius Valerius Crispus und Numerius Fabius Longinus sollten ihn begleiten. Beide waren erfahren genug, um zu verstehen, dass ihre Aufgabe nicht darin bestand, Stärke zu demonstrieren. Sie sollten einen friedlichen Gesprächsversuch ermöglichen. Als Faustus sein Arbeitszimmer betrat, wartete Lucan bereits auf ihn.

    „Optio, die Nachtwachen haben ihre Meldungen abgegeben.“

    Faustus legte seinen Mantel über eine Bank.

    „Gab es besondere Vorkommnisse?“

    „Keine unmittelbaren Bedrohungen. Aber einer unserer Beobachter hat gestern Abend erneut Männer am westlichen Waldweg gesehen.“

    Faustus blickte auf.

    „Wie viele?“

    „Vier. Vielleicht fünf. Sie hielten sich in der Nähe der alten Furt auf.“

    „Waren sie bewaffnet?“

    „Mit Speeren und Schilden.“

    Faustus ging zu seiner Wachstafel.

    „Haben sie versucht, sich unserem Lager zu nähern?“

    „Nein.“

    „Dann wissen wir noch immer nicht, was sie dort wollten.“

    Lucan verschränkte die Arme.

    „Mit Verlaub, Optio. Ich halte es für möglich, dass jemand unsere Bewegungen beobachtet.“

    Faustus betrachtete die unvollständige Karte.

    „Das halte ich ebenfalls für möglich.“

    „Sollten wir nicht einen Trupp aussenden?“

    Faustus schwieg einen Moment. Er wusste, dass Lucans Sorge nicht unbegründet war. Aber er wusste ebenso, dass eine bewaffnete römische Patrouille jenseits der Grenze leicht als Provokation verstanden werden konnte.

    „Wir werden unsere Beobachtungen fortsetzen“, antwortete er schließlich. „Aber niemand überschreitet eigenmächtig den vereinbarten Bereich.“

    Lucan nickte widerwillig.

    „Wie Ihr befehlt.“

    CONSILIUM MILITUM - Die Beratung der Soldaten

    Später versammelte Faustus seine beiden Begleiter in einem kleinen Raum des Vorpostens. Auf dem Tisch lag eine Skizze des Bachlaufes. Crispus deutete auf eine Anhöhe.

    „Von dort aus könnte man den Treffpunkt beobachten.“

    Longinus schüttelte den Kopf.

    „Aber wenn wir dort Soldaten aufstellen, werden die Germanen es bemerken.“

    „Vielleicht“, erwiderte Crispus. „Doch wir müssen auch an unsere Sicherheit denken.“

    Faustus hörte beiden zu.

    „Wir haben vereinbart, dass jede Seite mit drei Männern erscheint“, erklärte er. „Markwart wird sich auf diese Vereinbarung verlassen.“

    Crispus betrachtete ihn ernst.

    „Und wenn er sich nicht daran hält?“

    Longinus fragte:

    „Soll ich während des Gesprächs übersetzen, falls einer der Germanen unsere Sprache nicht ausreichend beherrscht?“

    Faustus nickte.

    „Ja. Aber übersetze möglichst genau. Ich möchte nicht, dass aus einer ungeschickten Formulierung eine Beleidigung wird.“

    Longinus lächelte schwach.

    „Dann hoffe ich, dass alle Beteiligten langsam sprechen.“

    Crispus deutete erneut auf die Karte.

    „Wir sollten zumindest festlegen, wie wir uns zurückziehen können, falls das Gespräch scheitert.“

    Faustus betrachtete den Bachlauf. Er wusste, dass sein Begleiter recht hatte. Doch er wollte auch vermeiden, dass die Begegnung bereits vor ihrem Beginn wie eine militärische Unternehmung wirkte.

    TABULA PACIS - Die Wachstafel des Friedens

    Am Nachmittag saß Faustus allein. Vor ihm lag jene Wachstafel, auf der er seine Vorschläge für das Gespräch notiert hatte. Er hatte fünf Punkte festgehalten: Schutz unbewaffneter Reisender, Vermeidung eigenmächtiger Überfälle, Verständigung über Bewegungen größerer bewaffneter Gruppen, Nachrichtenübermittlung bei Zwischenfällen und regelmäßige Gespräche.

    Es waren bescheidene Vorschläge. Kein Friedensvertrag.

    Keine politische Vereinbarung zwischen Rom und den germanischen Stämmen.

    Dazu besaß Faustus keine Vollmacht. Doch vielleicht konnten diese wenigen Regeln verhindern, dass aus einem Missverständnis ein bewaffneter Zusammenstoß entstand. Ein Klopfen unterbrach seine Gedanken.

    Crispus trat ein.

    „Optio, die Männer sind für morgen vorbereitet.“

    Faustus nickte.

    „Gut.“

    Crispus zögerte.

    „Darf ich Euch noch etwas fragen?“

    „Natürlich.“

    „Glaubt Ihr wirklich, dass Markwart Frieden will?“

    Faustus sah ihn an.

    „Ich glaube, dass er bereit ist, darüber zu sprechen.“

    „Das ist nicht dasselbe.“

    „Nein“, erwiderte Faustus. „Aber es ist mehr, als wir vor einigen Tagen hatten.“

  • LIBERTAS ET PRUDENTIA - Freiheit und Besonnenheit

    DOMUS PRINCIPIS - Das Haus des Stammesführers

    Im großen Langhaus Markwarts brannte das Feuer bereits seit den frühen Morgenstunden. Rauch stieg zum Dachfirst empor, während mehrere Angehörige des Haushalts mit ihren täglichen Arbeiten beschäftigt waren. Markwart saß auf einer hölzernen Bank. Vor ihm stand sein Sohn Dankwart. Der junge Mann hatte während der vergangenen Tage mehrfach mit seinem Vater über die bevorstehende Begegnung gesprochen.

    „Du wirst also wirklich hingehen?“, fragte Dankwart.

    Markwart blickte auf.

    „Ich habe mein Wort gegeben.“

    „Manche Männer halten das für einen Fehler.“

    „Ich weiß.“

    Dankwart setzte sich ihm gegenüber.

    „Hagomar behauptet, du wolltest den Römern erlauben, sich in unserem Gebiet festzusetzen.“

    Markwarts Gesicht verdüsterte sich.

    „Das habe ich niemals gesagt.“

    „Ich weiß, Vater.“

    „Und dennoch erzählen sie es weiter.“

    Dankwart nickte.

    „In einigen Siedlungen glauben die Männer inzwischen, dass du mit Rom verhandeln willst, ohne die anderen Häuptlinge zu fragen.“

    Markwart schwieg. Er wusste, wie gefährlich solche Gerüchte werden konnten. Ein Stammesführer, der den Eindruck erweckte, fremden Interessen zu dienen, konnte rasch die Unterstützung seiner eigenen Krieger verlieren.

    „Ich werde keinen Vertrag schließen, der unser Volk unterwirft“, erklärte Markwart schließlich.

    Dankwart sah ihn an.

    „Aber du willst mit den Römern sprechen.“

    „Ja.“

    „Warum?“

    Markwart blickte in das Feuer.

    „Weil ich gesehen habe, was Krieg aus einem Dorf machen kann.“

    DIE STIMMEN DER KRIEGER - Consilium Germanorum

    Noch am selben Vormittag trafen mehrere angesehene Männer der Siedlung im Langhaus ein. Unter ihnen befanden sich ältere Krieger, Familienoberhäupter und Männer, die bereits an Auseinandersetzungen mit römischen Grenztruppen beteiligt gewesen waren. Einer der Krieger, ein breitschultriger Mann namens Sigmar, erhob sich.

    „Markwart, wir müssen wissen, was du den Römern versprechen willst.“

    Markwart betrachtete ihn.

    „Ich habe nicht vor, ihnen unser Land zu versprechen.“

    „Und warum triffst du ihren Anführer?“

    „Weil ich wissen möchte, was sie hier wollen.“

    Ein anderer Mann meldete sich zu Wort.

    „Sie sagen, sie wollten nur beobachten. Aber weshalb errichten sie dann einen befestigten Vorposten?“

    Markwart nickte langsam.

    „Das ist eine Frage, die ich ihnen stellen werde.“

    Sigmar verschränkte die Arme.

    „Und wenn sie verlangen, dass unsere Krieger den Wald verlassen?“

    „Dann werde ich ihnen erklären, dass dieser Wald unser Lebensraum ist.“

    „Und wenn sie nicht zuhören?“

    Markwart schwieg einen Augenblick.

    „Dann werden wir wissen, woran wir sind.“

    Ein älterer Krieger namens Aldric erhob sich.

    „Ich habe Römer kämpfen sehen. Ihre Soldaten sind gut ausgebildet, und sie können Verstärkungen heranführen. Wer einen Krieg mit ihnen beginnt, sollte wissen, was er seinem Volk damit zumutet.“

    Sigmar wandte sich zu ihm.

    „Willst du uns Angst machen?“

    Aldric schüttelte den Kopf.

    „Nein. Ich will verhindern, dass wir aus Stolz unüberlegt handeln.“

    Die Männer begannen durcheinanderzureden. Markwart hob die Hand. Langsam wurde es still.

    „Wir werden unsere Freiheit nicht aufgeben“, erklärte er. „Aber Freiheit bedeutet auch, selbst entscheiden zu können, wann wir kämpfen und wann wir sprechen.“


    DANKWARTS WARNUNG - Monitio Filii


    Am Nachmittag ging Markwart mit Dankwart am Rand der Siedlung entlang. Jenseits der letzten Häuser begann der Wald.

    „Vater“, sagte Dankwart schließlich, „ich glaube, Hagomar versucht, die anderen Häuptlinge gegen dich aufzubringen.“

    Markwart blieb stehen.

    „Warum glaubst du das?“

    „Seine Boten waren in mehreren Siedlungen. Sie erzählen überall dieselbe Geschichte.“

    „Welche?“

    „Dass du bereits eine Abmachung mit den Römern getroffen hast.“

    Markwart schüttelte den Kopf.

    „Dann lügen sie.“

    „Ja. Aber manche hören ihnen zu.“

    Markwart blickte über die Felder. Er kannte Hagomar seit vielen Jahren. Der Mann war ehrgeizig, stolz und von tiefem Misstrauen gegenüber Rom geprägt. Doch Markwart wusste nicht, wie weit Hagomar gehen würde, um eine Verständigung zu verhindern. Dankwart fragte:

    „Soll ich mit dir zum Bachlauf kommen?“

    Markwart sah seinen Sohn an.

    Die Frage war berechtigt. Dankwart hatte bereits mit Faustus gesprochen. Er kannte dessen Auftreten und konnte möglicherweise helfen, Missverständnisse zu vermeiden. Aber die Entscheidung, wen Markwart mitnehmen würde, war noch nicht endgültig gefallen.

    DIE NACHT VOR DER BEGEGNUNG - Vigilia in Silva

    Als die Dunkelheit über die Siedlung hereinbrach, saß Markwart vor seinem Langhaus. Die Geräusche des Dorfes wurden leiser. Aus der Ferne hörte er das Bellen eines Hundes.

    Dankwart trat aus dem Haus.

    „Die Männer warten auf deine Entscheidung.“

    Markwart blickte auf.

    „Welche Männer?“

    „Diejenigen, die dich morgen begleiten möchten.“

    Markwart nickte.

    Er musste seine Begleiter auswählen. Zugleich musste er entscheiden, ob er vor dem Treffen noch einmal mit den übrigen Häuptlingen sprechen wollte.

  • UMBRA BELLI - Der Schatten des Krieges

    VERBA CONTRA PACEM - Worte gegen den Frieden

    In einer Siedlung mehrere Wegstunden von Markwarts Dorf entfernt hatte Hagomar eine Gruppe von Kriegern und Familienoberhäuptern zusammengerufen. Das Langhaus war gut gefüllt.

    Die Männer saßen auf hölzernen Bänken, während in der Mitte ein Feuer brannte. Hagomar stand vor ihnen.

    „Markwart wird sich mit den Römern treffen“, erklärte er.

    Ein älterer Mann nickte.

    „Das wissen wir.“

    „Aber wisst ihr auch, was daraus werden könnte?“

    Niemand antwortete sofort.

    Hagomar fuhr fort:

    „Heute sprechen sie miteinander. Morgen verlangen die Römer vielleicht freien Durchgang durch unsere Wälder. Und übermorgen errichten sie neue Befestigungen.“

    Ein jüngerer Krieger erhob sich.

    „Hat Markwart ihnen das versprochen?“

    Hagomar betrachtete ihn.

    „Das weiß ich nicht.“

    „Dann sollten wir nicht behaupten, dass er es getan hat.“

    Einige Männer murmelten zustimmend.

    Hagomar verzog das Gesicht.

    „Ich sage nur, dass wir vorsichtig sein müssen.“

    Der junge Krieger ließ sich wieder nieder. Doch die Frage blieb im Raum. Hagomar wusste, dass seine Befürchtungen allein noch keine Beweise waren. Er wusste aber auch, dass viele Männer an der Grenze schlechte Erfahrungen mit römischen Soldaten gemacht hatten. Und dass die Erinnerung an vergangene Gewalt leicht neue Ängste wecken konnte.

    CONSILIUM HAGOMARI - Hagomars Beratung

    Später traf Hagomar drei seiner engsten Vertrauten. Unter ihnen befand sich ein erfahrener Krieger namens Berengar.

    „Du hast die Männer zum Nachdenken gebracht“, sagte Berengar.

    Hagomar setzte sich.

    „Aber noch nicht genug.“

    „Was erwartest du von ihnen?“

    „Dass sie erkennen, wie gefährlich Markwarts Vorgehen ist.“

    Ein anderer Mann, Wulfgar, schüttelte den Kopf.

    „Markwart ist kein Verräter.“

    Hagomar sah ihn scharf an.

    „Das habe ich nicht behauptet.“

    „Aber einige deiner Boten sagen es.“

    Hagomar schwieg.

    Wulfgar fuhr fort:

    „Wenn du ihn öffentlich beschuldigst, ohne etwas beweisen zu können, werden sich die Stämme gegeneinander wenden.“

    Berengar nickte langsam.

    „Und genau das könnten die Römer ausnutzen.“

    Hagomar betrachtete die beiden Männer. Er wollte verhindern, dass Rom größeren Einfluss auf die germanischen Siedlungen gewann. Doch inzwischen stellte sich ihm eine andere Frage.

    War Markwart tatsächlich eine Gefahr? Oder wurde Hagomars eigener Widerstand gegen die Römer durch die Angst bestimmt, seinen Einfluss unter den Stammesführern zu verlieren?

    BOTSCHAFTEN IM WALD - Nuntii in Silva

    Am folgenden Morgen kehrten zwei Boten zu Hagomar zurück. Sie hatten mehrere benachbarte Siedlungen besucht. Der erste berichtete:

    „Einige Häuptlinge wollen abwarten, was Markwart mit den Römern bespricht.“

    Hagomar runzelte die Stirn.

    „Und die anderen?“

    „Sie halten das Treffen für gefährlich. Aber niemand will ohne weitere Beratung einen Kampf beginnen.“

    Der zweite Bote trat vor.

    „Es gibt noch etwas.“

    „Sprich.“

    „Einige Krieger fragen, ob wir selbst einen Mann zum Bachlauf schicken sollten, um zu beobachten, was dort geschieht.“

    Berengar sah Hagomar an.

    „Das könnte sinnvoll sein. Aber wir sollten nichts unternehmen, was Markwart als Drohung verstehen könnte.“

    Wulfgar ergänzte:

    „Vielleicht wäre es besser, ihn offen um Auskunft zu bitten.“

    Hagomar ging einige Schritte durch den Raum. Er hatte mehrere Möglichkeiten. Er konnte Markwart direkt zur Rede stellen. Er konnte die übrigen Häuptlinge zu einer Versammlung einladen. Oder er konnte versuchen, sich unabhängig von Markwart ein Bild von den Absichten der Römer zu machen. Jede dieser Entscheidungen würde Auswirkungen auf seine Stellung unter den germanischen Anführern haben.

    Consilium Ante Bellum

    Am Abend saß Hagomar mit Berengar und Wulfgar am Feuer.

    „Morgen treffen sich Markwart und der Römer“, sagte Berengar.

    Hagomar nickte.

    „Ich weiß.“

    „Was sollen unsere Männer tun?“

    Hagomar betrachtete die Flammen.

    Wulfgar sprach ruhig:

    „Wir sollten keinen Streit beginnen, bevor wir wissen, was dort besprochen wurde.“

    Berengar erwiderte:

    „Aber wir dürfen auch nicht untätig bleiben, wenn die Römer weitere Forderungen stellen.“

    Beide Männer sahen Hagomar an. Sie warteten auf seine Entscheidung.

    Offener Spielabschluss – Hagomar

    EPILOG – ANTE DIEM DECISIONIS - Vor dem Tag der Entscheidung

    In jener Nacht brannten an drei verschiedenen Orten Feuer. Im römischen Vorposten betrachtete Faustus Iunius Rupa die Wachstafel mit seinen Gesprächspunkten. Er wusste, dass er nicht im Namen des gesamten Römischen Reiches sprechen konnte. Aber vielleicht konnte er verhindern, dass seine Soldaten und die Menschen jenseits der Grenze zu Feinden wurden.

    In seinem Langhaus saß Markwart und dachte an die Zukunft seines Stammes. Er wollte keinen Krieg. Doch er würde auch keine Vereinbarung akzeptieren, die die Freiheit seines Volkes gefährdete. Weiter entfernt saß Hagomar vor einem Feuer und hörte den Berichten seiner Vertrauten zu. Für ihn war die Annäherung an Rom ein gefährlicher Weg. Noch hatte er nicht entschieden, wie weit er gehen würde, um diesen Weg aufzuhalten.

    Drei Männer.

    Drei unterschiedliche Vorstellungen von Sicherheit, Freiheit und Verantwortung.

    Noch war kein Schwert gezogen worden.

    Noch war kein Blut geflossen.

    Und noch bestand die Möglichkeit, dass aus einem Gespräch ein Anfang werden konnte.

    Doch die Entscheidung darüber lag nicht bei einem einzigen Mann.

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