Die Gärten Roms
Rom am Morgen nach dem ersten Kuss
Die Liebe zwischen Titus Aurelius Romanus und Claudia Calvina hatte eine neue Schwelle überschritten. Was mit einem flüchtigen Blick begonnen und sich während mehrerer Begegnungen in der Bibliotheca Annaea zu einer tiefen Zuneigung entwickelt hatte, war nun zu einer gegenseitigen Liebeserklärung geworden. Doch die Bibliothek war kein Ort, an dem zwei Liebende ungestört miteinander sprechen konnten. Zu viele Besucher, zu viele neugierige Augen und zu viele gesellschaftliche Regeln bestimmten das Verhalten der Angehörigen vornehmer römischer Familien. Beide sehnten sich nach einem Ort, an dem sie einander näherkommen konnten, ohne ständig auf ihre Umgebung achten zu müssen. Die weitläufigen Gartenanlagen Roms boten dafür eine verlockende Möglichkeit. Besonders die Horti Sallustiani, die Gärten des Sallust, mit ihren schattigen Wegen, Brunnen, Baumgruppen und versteckten Sitzplätzen versprachen eine gewisse Abgeschiedenheit. Noch ahnten beide nicht, dass sie unabhängig voneinander denselben Gedanken fassen würden.
Ein Morgen voller Sehnsucht
Die ersten Sonnenstrahlen fielen durch die geöffneten Fenster des Schlafgemachs in der Villa Aurelia. Titus Aurelius Romanus war bereits seit geraumer Zeit wach. Er hatte schlecht geschlafen, allerdings nicht aus Sorge oder wegen jener düsteren Erinnerungen, die ihn seit seiner Kindheit immer wieder heimsuchten. Diesmal war es etwas vollkommen anderes gewesen.
Calvina.
Immer wieder hatte er ihre Stimme gehört, ihr Gesicht vor sich gesehen und den Augenblick ihres ersten Kusses erneut durchlebt. Er erinnerte sich daran, wie sie zunächst etwas unsicher vor ihm gestanden hatte. An das leichte Zittern ihrer Stimme, als er sie gefragt hatte, ob er sie küssen dürfe. Und an den wunderbaren Augenblick, als sie ihre Zustimmung gegeben hatte.
Ja, Titus.
Zwei einfache Worte. Und doch hatten diese Worte für ihn eine größere Bedeutung als vieles, was er in seinem bisherigen Leben erreicht hatte. Titus setzte sich auf die Bettkante und lächelte. Er, der sich sonst kaum von Gefühlen beherrschen ließ, konnte plötzlich an nichts anderes mehr denken als an eine junge Frau aus dem Hause der Claudier. Ein leises Klopfen unterbrach seine Gedanken.
„Herein.“
Massad betrat das Gemach. Der Syrer blieb stehen und betrachtete seinen Herrn mit einem prüfenden Blick.
„Du bist bereits wach.“
„Wie du siehst.“
„Und du lächelst.“
Titus hob eine Augenbraue.
„Ist das verboten?“
„Keineswegs. Es ist nur ungewöhnlich.“
Massad verschränkte die Arme.
„Du hast gestern Abend gelächelt. Du lächelst heute Morgen. Entweder hast du einen Feind besiegt, von dem ich nichts weiß, oder es gibt eine Frau.“
Titus musste lachen.
„Du wirst mit jedem Tag unerträglicher.“
„Also eine Frau.“
„Ja, Massad. Eine Frau.“
Der Syrer nickte langsam.
„Dann möge Astarte dir beistehen.“
„Warum?“
„Weil ich noch nie erlebt habe, dass du einem Gegner so vollkommen wehrlos gegenüberstandest.“
Titus griff nach einem Kissen und warf es nach ihm. Massad fing es mühelos auf. Zum ersten Mal seit langer Zeit lachten beide unbeschwert.
Ein ungewöhnlicher Entschluss
Beim Frühstück im kleinen Innenhof der Villa Aurelia saß Titus gemeinsam mit Selina. Die ehemalige parthische Prinzessin beobachtete ihn schweigend. Schließlich legte sie ihren Becher ab.
„Du bist heute anders.“
„Das behauptet Massad ebenfalls.“
„Dann hat er ausnahmsweise recht.“
Titus betrachtete sie aufmerksam.
„Und was genau soll anders sein?“
Selina lächelte.
„Du wirkst glücklich.“
Dieses einfache Wort ließ ihn nachdenklich werden. Glücklich. Er hatte in seinem Leben Reichtum kennengelernt, Erfolge errungen und die Achtung bedeutender Männer gewonnen. Doch Glück? Wirkliches Glück?
Er wusste nicht, ob er dieses Gefühl jemals zuvor so deutlich empfunden hatte.
„Ich glaube“, sagte er schließlich, „dass ich mich verliebt habe.“
Selina hob überrascht den Kopf.
„Du glaubst?“
„Nein.“
Titus lächelte.
„Ich weiß es.“
Eine Weile sagte Selina nichts. Dann fragte sie leise:
„Ist sie es? Die junge Frau aus der Villa Claudia?“
Titus nickte.
„Claudia Calvina.“
Selina sprach den Namen langsam aus.
„Eine Claudia. Aus einer der angesehensten Familien Roms.“
„Ja.“
„Dann solltest du vorsichtig sein.“
Titus seufzte.
„Du klingst bereits wie ein besorgter Familienältester.“
„Ich kenne die römischen Familien gut genug. Liebe und Heirat sind für sie nicht immer dasselbe.“
„Für mich schon.“
Selina betrachtete ihn lange.
„Dann hoffe ich, dass du es ernst meinst.“
Sein Gesicht wurde ernst.
„Selina, ich habe ihr gesagt, dass ich sie liebe.“
Die Partherin schwieg. Sie kannte Titus lange genug, um zu wissen, wie viel Überwindung ihn ein solches Geständnis gekostet haben musste.
„Dann“, sagte sie schließlich, „solltest du dafür sorgen, dass sie dir glaubt.“
Die Einladung
Titus zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. Auf dem Tisch lagen noch immer die Unterlagen seiner Ermittlungen. Namen, Zahlen und Vermerke erinnerten an die ungelösten Fragen um Lucius Cassius Varro und die geheimnisvollen Verbindungen nach Ostia. Doch heute konnte er sich nicht darauf konzentrieren. Er nahm eine kleine Wachstafel zur Hand. Mehrfach setzte er den Griffel an, ohne zu schreiben. Was sollte er Calvina sagen? Dass er sie wiedersehen wollte? Das wusste sie längst. Dass er sie vermisste? Seit dem gestrigen Abend hatte er an kaum etwas anderes gedacht. Schließlich schrieb er:
"Calvina,
seit wir uns gestern voneinander verabschiedet haben, wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dich wiederzusehen.
Die Bibliothek hat uns zusammengeführt. Doch ich möchte mit dir sprechen können, ohne dass jeder unserer Blicke von fremden Augen beobachtet wird.
Wenn es dir recht ist, erwarte ich dich morgen zur fünften Stunde in den Gärten des Sallust, nahe dem großen Wasserbecken unter den Zypressen.
Dort möchte ich mit dir spazieren gehen.
Und vielleicht darf ich dich dort noch einmal küssen.
Titus."
Er betrachtete die letzten Worte. Dann lachte er leise über sich selbst.
Er rief einen zuverlässigen Haussklaven.
„Bring diese Nachricht zur Villa Claudia. Sie ist ausschließlich für Claudia Calvina bestimmt.“
„Jawohl, Herr.“
„Und warte auf eine Antwort.“
Als der Bote gegangen war, trat Titus ans Fenster. Zum ersten Mal seit Jahren erschien ihm die Zeit zwischen zwei Begegnungen unerträglich lang.
Die Gärten des Sallust
Am folgenden Vormittag ließ Titus sich von Massad bis in die Nähe der Horti Sallustiani begleiten. Er hatte sich bewusst schlicht gekleidet. Eine helle Tunika aus feinem Leinen, darüber eine leichte Toga. Keine auffälligen Schmuckstücke. Heute wollte er kein Angehöriger einer bedeutenden Familie sein. Er wollte einfach Titus sein. Massad blieb am Eingang der Gartenanlage zurück.
„Soll ich dich begleiten?“
„Nein.“
„Du weißt, dass Selina darüber nicht begeistert sein wird.“
„Dann erzähle es ihr nicht.“
Massad grinste.
„Ich habe nicht versprochen, ein guter Lügner zu sein.“
Titus schüttelte den Kopf und ging weiter. Die Gartenanlage erstreckte sich vor ihm wie eine eigene Welt. Zwischen hohen Zypressen und Platanen verliefen gepflegte Wege. Marmorstatuen standen zwischen blühenden Sträuchern. Aus kleinen Brunnen plätscherte Wasser in steinerne Becken. Titus erreichte den vereinbarten Treffpunkt. Noch war Calvina nicht zu sehen. Er setzte sich auf eine niedrige Marmoreinfassung und wartete. Dabei fiel ihm auf, dass seine Hände ungewöhnlich unruhig waren. Er lachte über sich selbst. Bei allen Göttern, Titus. Du bist schlimmer als ein Jüngling bei seiner ersten Verabredung. Dann hörte er Schritte auf dem Kiesweg. Er wandte den Kopf. Und sein Herz begann schneller zu schlagen. Calvina kam.
Die Frau, auf die er gewartet hatte
Titus erhob sich sofort. Für einen Augenblick vergaß er alles, was er sich vorgenommen hatte zu sagen. Calvina stand wenige Schritte entfernt. Das Sonnenlicht fiel durch die Zweige einer Zypresse auf ihr Gesicht. Ihr helles Gewand bewegte sich leicht im Wind. Sie lächelte ihn an. Und Titus empfand plötzlich denselben überwältigenden Augenblick wie bei ihrer ersten Begegnung. Er ging auf sie zu.
„Calvina.“
„Titus.“
Er nahm ihre Hände.
„Du bist gekommen.“
Sie lachte leise.
„Hast du daran gezweifelt?“
„Ein wenig.“
„Warum?“
Titus betrachtete sie.
„Weil mir das alles manchmal noch immer wie ein Traum erscheint.“
Calvinas Lächeln wurde sanfter.
„Dann träumen wir offenbar beide.“
Er führte ihre rechte Hand an seine Lippen und küsste sie.
„Du bist wunderschön.“
„Das hast du mir bereits in der Bibliothek gesagt.“
„Dann werde ich es wohl noch sehr oft wiederholen müssen.“
Sie lachte.
Dieses Lachen.
Titus hätte stundenlang zuhören können.
Er bot ihr seinen Arm an.
„Möchtest du mit mir spazieren gehen?“
„Sehr gern.“
Gemeinsam gingen sie einen schmalen Weg entlang, der zwischen blühenden Sträuchern hindurchführte.
Eine Weile sprachen sie über belanglose Dinge.
Über Bücher.Über die Schönheit der Gartenanlage.
Über das Wetter.Doch Titus wusste, dass sie beide eigentlich über etwas anderes sprechen wollten.
Schließlich blieb er stehen.
„Calvina.“
Sie blickte ihn an.
„Ja?“
„Ich habe seit gestern über vieles nachgedacht.“
„Über uns?“
„Nur über uns.“
Er nahm beide ihrer Hände.
„Ich möchte dich nicht nur heimlich in einer Bibliothek treffen. Ich möchte dich kennenlernen. Alles über dich erfahren. Was du liebst. Was du fürchtest. Worüber du lachst.“
Er zögerte.
„Und ich möchte, dass du mich kennenlernst.“
Claudia sah ihn ernst an.
„Auch die Dinge, über die du nicht gern sprichst?“
Diese Frage überraschte ihn.
Er dachte an seine Kindheit.
An seine Brüder.
An die Demütigungen.
An die Jahre in Germanien.
An Entscheidungen, die er niemals rückgängig machen konnte.
„Ja“, antwortete er schließlich. „Auch diese Dinge.“
Calvina trat einen kleinen Schritt näher.
„Dann haben wir hoffentlich sehr viel Zeit.“
Titus hob langsam eine Hand und strich ihr eine Locke aus dem Gesicht.
„Das hoffe ich mehr als alles andere.“
Ein Versprechen
Titus führte Calvina zu einer steinernen Bank unter einer alten Platane.
Von hier aus konnte man einen Teil des großen Wasserbeckens sehen, doch hohe Sträucher schirmten den Platz gegen die Hauptwege ab.
Sie setzten sich nebeneinander. Calvina ließ ihre Hand in seiner. Eine Weile genossen beide das Schweigen.
Dann fragte Titus:
„Was wünschst du dir von deinem Leben, Calvina?“
Sie sah ihn überrascht an.
„Das ist eine große Frage.“
„Ich habe Zeit.“
„Dann muss ich nachdenken.“
Er lächelte.
„Ich warte.“
Calvina blickte auf das Wasser.
„Ich möchte glücklich sein. Ich möchte Bücher lesen, reisen und Dinge sehen, die ich bisher nur aus Erzählungen kenne.“
Sie schwieg kurz.
„Und ich möchte eines Tages einen Mann heiraten, den ich wirklich liebe.“
Titus spürte, wie sein Herz schneller schlug.
„Hast du bereits einen solchen Mann gefunden?“
Calvina wandte sich ihm zu.
Ihre Augen glänzten.
„Vielleicht.“
„Vielleicht?“
Sie lachte.
„Er ist manchmal ein wenig ungeduldig.“
„Das klingt nach einem schwierigen Mann.“
„Oh, sehr schwierig.“
„Und wie heißt dieser bedauernswerte Mensch?“
Calvina legte ihre Hand an seine Wange.
„Titus Aurelius Romanus.“
Er beugte sich zu ihr und küsste sie.
Als sie sich wieder voneinander lösten, wurde sein Gesicht ernst.
„Calvina, ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird.“
Sie nickte.
„Das weiß niemand.“
„Aber ich möchte, dass du eines weißt.“
Er hielt ihre Hand fest.
„Ich werde niemals leichtfertig mit deinen Gefühlen umgehen.“
Calvina betrachtete ihn lange.
Dann antwortete sie:
„Und ich werde niemals leichtfertig mit deinen umgehen.“
Es war kein feierlicher Eid.
Kein Versprechen vor Zeugen.
Und doch bedeutete es beiden mehr als viele öffentliche Erklärungen.