Zwischen Hoffnung und Erinnerung
EIN BRIEF AN CALVINA
Seit jener Begegnung in der Bibliotheca Annaea hatte sich etwas Grundlegendes in Titus Aurelius Romanus verändert. Noch immer erinnerte er sich an den Augenblick, in dem Claudia Calvina ihm ihre Liebe gestanden hatte. An ihre Stimme, die zunächst beinahe unsicher geklungen hatte. An ihren Blick, der sich schließlich mit einer Entschlossenheit auf ihn gerichtet hatte, die ihn tief berührte. Und vor allem an ihren Kuss, der ihm deutlicher als alle Worte gezeigt hatte, dass seine Gefühle erwidert wurden. Er hatte Frauen kennengelernt, die seine Gesellschaft gesucht hatten. Manche wegen seiner Herkunft, andere wegen seiner militärischen Stellung oder der gesellschaftlichen Verbindungen seiner Familie. Einige hatten ihn bewundert, andere hatten versucht, ihn für ihre eigenen Zwecke zu gewinnen. Doch Calvina war anders. Sie interessierte sich für seine Gedanken. Sie stellte Fragen, denen er gewöhnlich auswich. Sie widersprach ihm, wenn sie anderer Meinung war, und sie schien weder von seinem Rang noch von seinem Vermögen besonders beeindruckt zu sein.
Vor allem aber hatte sie etwas getan, womit er nicht gerechnet hatte. Sie hatte ihm vertraut. Und sie erwartete offenbar, dass er ihr ebenfalls vertrauen würde.
An diesem Morgen saß Titus in seinem Arbeitszimmer in der Villa Aurelia. Vor ihm lag ein unbeschriebenes Blatt Papyrus. Er wollte Calvina einladen. Nicht zu einer weiteren Begegnung in der Bibliotheca Annaea. Nicht zu einem Spaziergang in einem öffentlichen Garten, bei dem sie ständig auf neugierige Beobachter achten mussten. Er wollte sie in seinem eigenen Haus empfangen. Dieser Gedanke erfüllte ihn mit einer Freude, die er nur schwer erklären konnte. Zugleich verspürte er eine ungewöhnliche Unruhe. Die Villa Aurelia war sein Rückzugsort. Hier konnte er die strenge Haltung des Offiziers ablegen. Hier musste er niemandem beweisen, dass er ein würdiger Angehöriger der Gens Aurelia war. Hier lebte er mit Menschen zusammen, denen er mehr vertraute als den meisten Angehörigen seiner eigenen Familie. Selina und Massad gehörten zu diesen Menschen. Calvina sollte sie kennenlernen. Er griff nach dem Schreibrohr und begann:
"Claudia Calvina,
seit unserer letzten Begegnung sind einige Tage vergangen, doch meine Gedanken kehren immer wieder zu jenen Stunden zurück, die wir gemeinsam verbracht haben.
Ich würde mich freuen, wenn Du meiner Einladung zu einem Besuch in der Villa Aurelia folgen würdest. Es wäre mir eine besondere Ehre, Dir mein Zuhause zu zeigen und Dich mit zwei Menschen bekannt zu machen, die mir seit vielen Jahren eng verbunden sind.
Sollten Deine familiären Verpflichtungen es gestatten, würde ich Dich am dritten Tage nach Erhalt dieses Schreibens zur vierten Stunde erwarten.
In herzlicher Zuneigung,
Titus Aurelius Romanus."
Er las die Zeilen zweimal. Sie waren höflich und angemessen. Vielleicht sogar ein wenig zu förmlich. Doch er wusste, dass der Brief möglicherweise auch von Calvinas Familie gelesen werden würde. Er durfte nichts schreiben, was sie in Verlegenheit bringen konnte. Gerade als er das Schreiben zusammenrollen wollte, hörte er hinter sich eine vertraute Stimme.
„Du hast diesen Brief jetzt mindestens dreimal gelesen.“
Titus drehte sich um. Massad stand im Türrahmen.
„Wie lange stehst du schon dort?“
„Lange genug, um festzustellen, dass unser tapferer Militärtribun offenbar größere Schwierigkeiten mit einem Liebesbrief hat als mit einem bewaffneten Gegner.“
„Es ist kein Liebesbrief.“
Massad betrachtete ihn mit gespieltem Erstaunen.
„Nein? Dann habe ich die Situation völlig falsch verstanden.“
Titus seufzte.
„Ich lade Calvina zu einem offiziellen Besuch ein.“
„Natürlich. Ein offizieller Besuch.“
Der Syrer trat näher.
„Mit einem offiziellen Empfang, einem offiziellen Mahl und vermutlich einem äußerst inoffiziellen Blickwechsel zwischen euch beiden.“
„Massad!“
„Ich wollte nur wissen, ob wir uns auf eine längere Anwesenheit vorbereiten sollen.“
Titus konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
„Du wirst dich anständig benehmen.“
„Das wird schwierig.“
„Versuche es wenigstens.“
„Für Claudia Calvina werde ich sogar das Unmögliche versuchen.“
Massad verneigte sich übertrieben und verließ lachend das Zimmer. Titus blickte ihm nach. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich zuletzt so sehr auf einen Besuch gefreut hatte.
SELINAS BEDENKEN
Selina nahm die Nachricht weniger ausgelassen auf. Als Titus sie am Nachmittag im Peristyl aufsuchte, saß sie an einem kleinen Tisch und überprüfte einige Ausrüstungsgegenstände, die sie für die nächste Reise benötigte.
„Claudia Calvina wird uns besuchen“, begann er.
Selina blickte auf.
„Die junge Frau aus der Bibliothek?“
„Ja.“
„Du hast also beschlossen, sie in dein Haus einzuladen.“
Titus bemerkte den prüfenden Ton ihrer Stimme.
„Du scheinst davon nicht begeistert zu sein.“
„Ich habe nicht gesagt, dass ich dagegen bin.“
„Aber du hast Bedenken.“
Selina legte ihre Arbeit beiseite.
„Titus, ich kenne dich seit vielen Jahren. Ich weiß, wie schwer es dir fällt, einem anderen Menschen wirklich zu vertrauen.“
Er schwieg.
„Du hast mir erzählt, dass du Claudia liebst.“
„Ja.“
„Und du glaubst, dass sie dich ebenfalls liebt.“
„Sie hat es mir gesagt.“
Selina betrachtete ihn aufmerksam.
„Dann hoffe ich, dass ihre Worte aufrichtig sind.“
Titus runzelte die Stirn.
„Du zweifelst an ihr?“
„Ich kenne sie nicht.“
„Sie ist kein Mensch, der mit den Gefühlen anderer spielt.“
„Das hoffe ich.“
Selina stand auf und trat näher.
„Du weißt, weshalb ich vorsichtig bin.“
Titus senkte kurz den Blick. Natürlich wusste er es. Selina kannte die Geschichte seiner Kindheit. Nicht jede Einzelheit, doch genug, um zu verstehen, warum er gegenüber anderen Menschen häufig misstrauisch war.
Sie wusste von seinen Brüdern Paullus und Lucius, von den Demütigungen im Elternhaus und von den Jahren, in denen er gelernt hatte, Schmerz und Angst hinter einer unbewegten Miene zu verbergen.
„Calvina ist anders“, sagte er schließlich.
Selina betrachtete ihn lange.
„Dann möchte ich sie kennenlernen.“
„Das wirst du.“
„Und ich verspreche dir, dass ich ihr mit aller Höflichkeit begegnen werde.“
Titus lächelte.
„Mehr verlange ich nicht.“
„Aber ich werde aufmerksam sein.“
„Daran habe ich keinen Zweifel.“
Als er sich zum Gehen wandte, hielt Selina ihn noch einmal zurück.
„Titus?“
„Ja?“
„Ich wünsche dir, dass du recht hast.“
Ihre Stimme war nun ungewöhnlich sanft.
„Du hast es verdient, glücklich zu sein.“
Titus antwortete nicht sofort. Dann nickte er dankbar.
DIE VORBEREITUNGEN
Am Morgen des Besuchstages herrschte in der Villa Aurelia eine Geschäftigkeit, die Massad mit zunehmendem Vergnügen beobachtete. Titus hatte persönlich Anweisungen für das Mahl gegeben. Er hatte darauf bestanden, dass die Gäste im Peristyl empfangen wurden, sofern das Wetter es erlaubte. Außerdem hatte er die Räume kontrolliert, durch die er Clalvina führen wollte. Massad begleitete ihn bei einem dieser Rundgänge.
„Die Blumen stehen bereits seit gestern an derselben Stelle“, bemerkte er.
„Ich habe sie nicht verändert.“
„Nein. Du hast lediglich dreimal überprüft, ob sie richtig stehen.“
Titus blieb stehen.
„Hast du heute keine anderen Aufgaben?“
„Doch. Ich soll darauf achten, dass unser Herr nicht vor Aufregung den Verstand verliert.“
„Wer hat dir diesen Auftrag erteilt?“
„Selina.“
„Das glaube ich nicht.“
„Dann war es möglicherweise meine eigene Initiative.“
Sie betraten die Privatbibliothek. Massad sah sich um.
„Willst du Calvina auch diesen Raum zeigen?“
„Selbstverständlich.“
„Dann solltest du vielleicht einige der weniger erfreulichen Schriften beiseitelegen.“
Titus sah ihn fragend an. Massad deutete auf ein Regal.
„Zum Beispiel das Werk deines alten Lehrers.“
Titus folgte seinem Blick. Dort lag die Schriftrolle des Sokrates.
Perì paideías kaì psychês. Über Erziehung und Seele.
Er betrachtete sie einen Augenblick.
„Warum sollte ich sie verstecken?“
Massad zuckte mit den Schultern.
„Weil du nicht gerne darüber sprichst.“
„Das bedeutet nicht, dass ich sie verbergen muss.“
„Dann lass sie liegen.“
Der Syrer wurde ernst.
„Vielleicht ist es ohnehin an der Zeit, dass Claudia mehr über dich erfährt.“
Titus antwortete nicht. Er wusste, dass Massad recht haben könnte. Doch zwischen diesem Wissen und der Bereitschaft, seine Vergangenheit offenzulegen, lag ein großer Unterschied.
CALVINAS ANKUNFT
Als Claudia Calvina schließlich eintraf, stand Titus bereits im Atrium. Sie wurde von einer älteren weiblichen Verwandten und zwei Dienerinnen begleitet. Ihre Kleidung war geschmackvoll, aber nicht übertrieben kostbar. Sie trug eine hellfarbige Stola, und ihr Haar war sorgfältig aufgesteckt. Titus bemerkte kaum etwas davon. Er sah nur ihr Gesicht. Und ihr Lächeln.
„Calvina.“
„Titus.“
Für einen kurzen Augenblick vergaß er beinahe die übrigen Gäste. Er hätte sie am liebsten in seine Arme geschlossen. Stattdessen begrüßte er sie mit der gebotenen Zurückhaltung.
„Ich freue mich sehr, dass du meiner Einladung gefolgt bist.“
„Ich habe mich seit Tagen darauf gefreut.“
Ihre Worte erfüllten ihn mit einer Wärme, die er kaum verbergen konnte. Nachdem er ihre Begleitung begrüßt hatte, führte er Cakvina in das Peristyl. Dort warteten Selina und Massad. Titus bemerkte sofort, dass Selina Calvina aufmerksam musterte. Nicht unfreundlich. Aber mit jener stillen Wachsamkeit, die er von ihr kannte.
„Clalvina, ich möchte dir Selina vorstellen.“
Die beiden Frauen begrüßten einander.
„Titus hat mir von dir erzählt“, sagte Calvina.
Selina blickte kurz zu ihm.
„Dann hoffe ich, dass er nur Gutes berichtet hat.“
„Er hat mit großer Achtung von dir gesprochen.“
Titus bemerkte, wie Selinas Gesichtsausdruck etwas weicher wurde. Dann stellte er Massad vor. Der Syrer verneigte sich.
„Claudia Calvina. Es ist mir eine außerordentliche Freude, endlich die Frau kennenzulernen, die unseren Herrn seit geraumer Zeit seiner gewohnten Selbstbeherrschung beraubt.“
Titus erstarrte.
„Massad!“
Calvina begann zu lachen.
„Dann hoffe ich, dass ich keine allzu großen Schwierigkeiten verursacht habe.“
„Nur für seine Umgebung“, erwiderte Massad. „Er selbst scheint diesen Zustand ausgesprochen zu genießen.“
Titus schüttelte resigniert den Kopf. Doch als er Calvinas fröhliches Lachen hörte, war sein Ärger bereits verschwunden.
DIE MENSCHEN SEINES VERTRAUENS
Während des gemeinsamen Mahls beobachtete Titus mit wachsender Erleichterung, wie Calvina mit seinen beiden Vertrauten sprach. Sie stellte Selina Fragen über ihre Herkunft aus dem Partherreich, ohne dabei aufdringlich zu werden. Sie hörte Massads Erzählungen aus Syrien aufmerksam zu und ließ sich von seinen gelegentlichen Übertreibungen nicht täuschen. Besonders erfreute Titus, dass Calvina die beiden nicht wie gewöhnliche Angehörige seines Haushalts behandelte. Sie begegnete ihnen mit derselben Aufmerksamkeit, die sie auch ihm entgegenbrachte. Als Massad eine besonders abenteuerliche Geschichte aus seiner Jugend erzählte, unterbrach Selina ihn.
„Du hast vergessen zu erwähnen, dass du damals vor drei bewaffneten Männern davongelaufen bist.“
„Ich habe mich strategisch zurückgezogen.“
„Du bist über eine Mauer geklettert.“
„Eine ausgezeichnete strategische Entscheidung.“
Calvina lachte herzlich. Titus betrachtete sie. Er kannte dieses Lachen inzwischen. Und er liebte es. Schließlich fragte Calvina, wie Selina und Massad in sein Leben getreten seien. Titus antwortete zunächst ausweichend. Doch dann erzählte er von gemeinsamen Reisen, gefährlichen Begegnungen und Situationen, in denen sie einander das Leben gerettet hatten.
„Selina und Massad sind nicht einfach meine Begleiter“, erklärte er.
Er blickte zu den beiden.
„Sie gehören zu meiner Familie.“
Massad verstummte. Selina sah Titus überrascht an. Er hatte diese Worte bisher nur selten ausgesprochen. Doch er meinte sie ernst. Seine Herkunftsfamilie hatte ihm in seiner Kindheit kaum Geborgenheit vermittelt. Erst später hatte er Menschen gefunden, bei denen er nicht ständig auf der Hut sein musste. Calvina hörte aufmerksam zu. Dann sagte sie:
„Eine Familie besteht vielleicht nicht immer nur aus Menschen, mit denen man durch Geburt verbunden ist.“
Titus sah sie an.
„Nein“, antwortete er leise. „Ganz sicher nicht.“
DAS MANUSKRIPT DES SOKRATES
Nach dem Mahl führte Titus Calvina durch die Villa. Er zeigte ihr die Gärten, den kleinen Übungshof, die Arbeitsräume und schließlich seine Privatbibliothek. Als er die Tür öffnete, bemerkte er sofort ihr Erstaunen.
Calvina ging langsam zwischen den Regalen entlang und betrachtete die zahlreichen Schriftrollen.
„Du besitzt eine außergewöhnliche Sammlung.“
„Ein großer Teil stammt aus meiner Jugend.“
„Du hast schon damals so viel gelesen?“
„Bücher waren gute Gefährten.“
Er hatte den Satz ausgesprochen, ohne darüber nachzudenken. Calvina wandte sich zu ihm um.
„Bessere als Menschen?“
Titus lächelte schwach.
„Manchmal.“
Sie stellte keine weitere Frage. Stattdessen betrachtete sie die Werke griechischer Philosophen. Schließlich blieb sie vor einem Regal stehen.
„Sokrates“, las sie.
Titus spürte, wie sich seine Schultern anspannten. Clalvina nahm die Schriftrolle vorsichtig heraus.
„Perì paideías kaì psychês.“
Sie sah zu ihm.
„Über Erziehung und Seele?“
„Ja.“
„Von deinem Lehrer?“
„Von ihm.“
Calvina bat darum, einige Abschnitte lesen zu dürfen. Titus nickte. Er wusste nicht, warum er es zuließ. Vielleicht, weil er ihr vertraute. Vielleicht, weil er sich nicht länger hinter einer sorgfältig errichteten Fassade verbergen wollte. Während Calvina las, beobachtete er ihr Gesicht. Zunächst war sie interessiert. Dann wurde sie nachdenklich. Schließlich veränderte sich ihr Ausdruck. Titus wusste genau, welchen Abschnitt sie erreicht hatte. Sokrates beschrieb darin einen jungen römischen Adeligen, der als schwächliches Kind unter seinen älteren Brüdern gelitten hatte. Ein Kind, das für Verfehlungen bestraft worden war, die es nicht begangen hatte. Ein Kind, das von seiner Mutter keine Hilfe erwarten konnte und dessen Vater nur selten anwesend gewesen war. Titus erinnerte sich plötzlich an eine Szene aus seiner Kindheit. Er war vielleicht neun Jahre alt gewesen. Paullus hatte eine kostbare Schale zerbrochen und behauptet, Titus sei dafür verantwortlich. Lucius hatte die Lüge bestätigt. Seine Mutter hatte ihm nicht geglaubt. Die Schläge waren schmerzhaft gewesen. Doch schlimmer war die Erkenntnis, dass niemand seine Unschuld hören wollte.
„Titus?“
Calvinas Stimme holte ihn in die Gegenwart zurück. Er sah sie an. Sie hielt die Schriftrolle in den Händen.
„Dieser Junge ... warst du das?“
Titus schwieg lange. Dann antwortete er:
„Ja.“
Er hatte erwartet, Mitleid in ihrem Gesicht zu sehen. Vielleicht auch Bestürzung. Doch Calvina legte das Manuskript beiseite und trat zu ihm.
„Warum hast du mir nichts davon erzählt?“
Titus senkte den Blick.
„Weil ich nicht möchte, dass meine Vergangenheit bestimmt, wie du mich siehst.“
„Aber sie gehört zu dir.“
„Das weiß ich.“
Er wandte sich zum Fenster.
„Ich habe viele Jahre damit verbracht, diese Erinnerungen hinter mir zu lassen.“
Calvina trat neben ihn.
„Und ist es dir gelungen?“
Titus antwortete nicht sofort.
„Nicht vollständig.“
Er spürte, wie sie seine Hand nahm.
„Dann musst du nicht länger alles allein tragen.“
Diese Worte trafen ihn tiefer, als er erwartet hatte. Er drehte sich zu ihr.
„Calvina, ich bin nicht immer der Mensch gewesen, den du heute kennst.“
„Niemand bleibt sein ganzes Leben derselbe.“
„Es gibt Dinge, auf die ich nicht stolz bin.“
„Dann erzählst du sie mir, wenn du dazu bereit bist.“
Titus betrachtete sie lange. Schließlich zog er sie vorsichtig in seine Arme Calvina erwiderte seine Umarmung. Er schloss die Augen. Zum ersten Mal hatte er einem Menschen, den er liebte, einen Teil seiner schmerzhaften Vergangenheit offenbart. Und dieser Mensch war geblieben.
EIN ABSCHIED VOLLER HOFFNUNG
Als der Nachmittag zu Ende ging, begleitete Titus Calvina zum Ausgang der Villa. Selina und Massad verabschiedeten sich ebenfalls. Titus bemerkte, dass Selina Calvina nun mit deutlich größerer Herzlichkeit begegnete.
Auch Massad verzichtete für einige Augenblicke auf seine spöttischen Bemerkungen. Calvina wandte sich noch einmal zu Titus.
„Danke für diesen Tag.“
„Ich habe dir zu danken.“
„Ich würde gerne wiederkommen.“
„Du bist jederzeit willkommen.“
Sie lächelte.
„Auch in deiner Bibliothek?“
„Besonders dort.“
Ihre Hände berührten sich. Nur für einen kurzen Augenblick. Dann verabschiedete sie sich. Titus blieb zurück, bis ihre Sänfte verschwunden war. Massad trat neben ihn.
„Sie ist eine bemerkenswerte Frau.“
„Ja.“
„Und sie liebt dich.“
Titus sah ihn überrascht an.
„Woher willst du das wissen?“
Massad zuckte mit den Schultern.
„Weil sie dich ansieht, als gäbe es in ganz Rom keinen anderen Mann.“
Titus lächelte.
„Du übertreibst.“
„Möglich. Aber diesmal glaube ich es nicht.“
Selina trat zu ihnen.
„Ich denke, sie meint es ernst.“
Titus blickte sie an.
„Du vertraust ihr?“
Selina überlegte.
„Ich beginne damit.“
Für Titus bedeuteten diese Worte mehr, als Selina ahnen konnte. Später, als er allein in seiner Bibliothek saß, betrachtete er erneut das Manuskript des Sokrates. Sein Lehrer hatte darin geschrieben, dass die Verletzungen der Kindheit den erwachsenen Menschen ein Leben lang begleiten konnten. Vielleicht hatte Sokrates recht. Doch Titus begann zu begreifen, dass diese Verletzungen nicht zwangsläufig seine Zukunft bestimmen mussten. Er dachte an Calvina. An ihre Stimme. An ihre Berührung. An ihre Worte. Du musst nicht länger alles allein tragen. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren glaubte er, dass dies vielleicht tatsächlich möglich war.