INVITATIO AD CLAUDIAM CALVINAM MIRABILEM (Einladung an die wundervolle Claudia Clavina)

  • Zwischen Hoffnung und Erinnerung

    EIN BRIEF AN CALVINA

    Seit jener Begegnung in der Bibliotheca Annaea hatte sich etwas Grundlegendes in Titus Aurelius Romanus verändert. Noch immer erinnerte er sich an den Augenblick, in dem Claudia Calvina ihm ihre Liebe gestanden hatte. An ihre Stimme, die zunächst beinahe unsicher geklungen hatte. An ihren Blick, der sich schließlich mit einer Entschlossenheit auf ihn gerichtet hatte, die ihn tief berührte. Und vor allem an ihren Kuss, der ihm deutlicher als alle Worte gezeigt hatte, dass seine Gefühle erwidert wurden. Er hatte Frauen kennengelernt, die seine Gesellschaft gesucht hatten. Manche wegen seiner Herkunft, andere wegen seiner militärischen Stellung oder der gesellschaftlichen Verbindungen seiner Familie. Einige hatten ihn bewundert, andere hatten versucht, ihn für ihre eigenen Zwecke zu gewinnen. Doch Calvina war anders. Sie interessierte sich für seine Gedanken. Sie stellte Fragen, denen er gewöhnlich auswich. Sie widersprach ihm, wenn sie anderer Meinung war, und sie schien weder von seinem Rang noch von seinem Vermögen besonders beeindruckt zu sein.

    Vor allem aber hatte sie etwas getan, womit er nicht gerechnet hatte. Sie hatte ihm vertraut. Und sie erwartete offenbar, dass er ihr ebenfalls vertrauen würde.


    An diesem Morgen saß Titus in seinem Arbeitszimmer in der Villa Aurelia. Vor ihm lag ein unbeschriebenes Blatt Papyrus. Er wollte Calvina einladen. Nicht zu einer weiteren Begegnung in der Bibliotheca Annaea. Nicht zu einem Spaziergang in einem öffentlichen Garten, bei dem sie ständig auf neugierige Beobachter achten mussten. Er wollte sie in seinem eigenen Haus empfangen. Dieser Gedanke erfüllte ihn mit einer Freude, die er nur schwer erklären konnte. Zugleich verspürte er eine ungewöhnliche Unruhe. Die Villa Aurelia war sein Rückzugsort. Hier konnte er die strenge Haltung des Offiziers ablegen. Hier musste er niemandem beweisen, dass er ein würdiger Angehöriger der Gens Aurelia war. Hier lebte er mit Menschen zusammen, denen er mehr vertraute als den meisten Angehörigen seiner eigenen Familie. Selina und Massad gehörten zu diesen Menschen. Calvina sollte sie kennenlernen. Er griff nach dem Schreibrohr und begann:

    "Claudia Calvina,

    seit unserer letzten Begegnung sind einige Tage vergangen, doch meine Gedanken kehren immer wieder zu jenen Stunden zurück, die wir gemeinsam verbracht haben.

    Ich würde mich freuen, wenn Du meiner Einladung zu einem Besuch in der Villa Aurelia folgen würdest. Es wäre mir eine besondere Ehre, Dir mein Zuhause zu zeigen und Dich mit zwei Menschen bekannt zu machen, die mir seit vielen Jahren eng verbunden sind.

    Sollten Deine familiären Verpflichtungen es gestatten, würde ich Dich am dritten Tage nach Erhalt dieses Schreibens zur vierten Stunde erwarten.

    In herzlicher Zuneigung,

    Titus Aurelius Romanus."

    Er las die Zeilen zweimal. Sie waren höflich und angemessen. Vielleicht sogar ein wenig zu förmlich. Doch er wusste, dass der Brief möglicherweise auch von Calvinas Familie gelesen werden würde. Er durfte nichts schreiben, was sie in Verlegenheit bringen konnte. Gerade als er das Schreiben zusammenrollen wollte, hörte er hinter sich eine vertraute Stimme.

    „Du hast diesen Brief jetzt mindestens dreimal gelesen.“

    Titus drehte sich um. Massad stand im Türrahmen.

    „Wie lange stehst du schon dort?“

    „Lange genug, um festzustellen, dass unser tapferer Militärtribun offenbar größere Schwierigkeiten mit einem Liebesbrief hat als mit einem bewaffneten Gegner.“

    „Es ist kein Liebesbrief.“

    Massad betrachtete ihn mit gespieltem Erstaunen.

    „Nein? Dann habe ich die Situation völlig falsch verstanden.“

    Titus seufzte.

    „Ich lade Calvina zu einem offiziellen Besuch ein.“

    „Natürlich. Ein offizieller Besuch.“

    Der Syrer trat näher.

    „Mit einem offiziellen Empfang, einem offiziellen Mahl und vermutlich einem äußerst inoffiziellen Blickwechsel zwischen euch beiden.“

    „Massad!“

    „Ich wollte nur wissen, ob wir uns auf eine längere Anwesenheit vorbereiten sollen.“

    Titus konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

    „Du wirst dich anständig benehmen.“

    „Das wird schwierig.“

    „Versuche es wenigstens.“

    „Für Claudia Calvina werde ich sogar das Unmögliche versuchen.“

    Massad verneigte sich übertrieben und verließ lachend das Zimmer. Titus blickte ihm nach. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich zuletzt so sehr auf einen Besuch gefreut hatte.

    SELINAS BEDENKEN

    Selina nahm die Nachricht weniger ausgelassen auf. Als Titus sie am Nachmittag im Peristyl aufsuchte, saß sie an einem kleinen Tisch und überprüfte einige Ausrüstungsgegenstände, die sie für die nächste Reise benötigte.

    „Claudia Calvina wird uns besuchen“, begann er.

    Selina blickte auf.

    „Die junge Frau aus der Bibliothek?“

    „Ja.“

    „Du hast also beschlossen, sie in dein Haus einzuladen.“

    Titus bemerkte den prüfenden Ton ihrer Stimme.

    „Du scheinst davon nicht begeistert zu sein.“

    „Ich habe nicht gesagt, dass ich dagegen bin.“

    „Aber du hast Bedenken.“

    Selina legte ihre Arbeit beiseite.

    „Titus, ich kenne dich seit vielen Jahren. Ich weiß, wie schwer es dir fällt, einem anderen Menschen wirklich zu vertrauen.“

    Er schwieg.

    „Du hast mir erzählt, dass du Claudia liebst.“

    „Ja.“

    „Und du glaubst, dass sie dich ebenfalls liebt.“

    „Sie hat es mir gesagt.“

    Selina betrachtete ihn aufmerksam.

    „Dann hoffe ich, dass ihre Worte aufrichtig sind.“

    Titus runzelte die Stirn.

    „Du zweifelst an ihr?“

    „Ich kenne sie nicht.“

    „Sie ist kein Mensch, der mit den Gefühlen anderer spielt.“

    „Das hoffe ich.“

    Selina stand auf und trat näher.

    „Du weißt, weshalb ich vorsichtig bin.“

    Titus senkte kurz den Blick. Natürlich wusste er es. Selina kannte die Geschichte seiner Kindheit. Nicht jede Einzelheit, doch genug, um zu verstehen, warum er gegenüber anderen Menschen häufig misstrauisch war.

    Sie wusste von seinen Brüdern Paullus und Lucius, von den Demütigungen im Elternhaus und von den Jahren, in denen er gelernt hatte, Schmerz und Angst hinter einer unbewegten Miene zu verbergen.

    „Calvina ist anders“, sagte er schließlich.

    Selina betrachtete ihn lange.

    „Dann möchte ich sie kennenlernen.“

    „Das wirst du.“

    „Und ich verspreche dir, dass ich ihr mit aller Höflichkeit begegnen werde.“

    Titus lächelte.

    „Mehr verlange ich nicht.“

    „Aber ich werde aufmerksam sein.“

    „Daran habe ich keinen Zweifel.“

    Als er sich zum Gehen wandte, hielt Selina ihn noch einmal zurück.

    „Titus?“

    „Ja?“

    „Ich wünsche dir, dass du recht hast.“

    Ihre Stimme war nun ungewöhnlich sanft.

    „Du hast es verdient, glücklich zu sein.“

    Titus antwortete nicht sofort. Dann nickte er dankbar.

    DIE VORBEREITUNGEN

    Am Morgen des Besuchstages herrschte in der Villa Aurelia eine Geschäftigkeit, die Massad mit zunehmendem Vergnügen beobachtete. Titus hatte persönlich Anweisungen für das Mahl gegeben. Er hatte darauf bestanden, dass die Gäste im Peristyl empfangen wurden, sofern das Wetter es erlaubte. Außerdem hatte er die Räume kontrolliert, durch die er Clalvina führen wollte. Massad begleitete ihn bei einem dieser Rundgänge.

    „Die Blumen stehen bereits seit gestern an derselben Stelle“, bemerkte er.

    „Ich habe sie nicht verändert.“

    „Nein. Du hast lediglich dreimal überprüft, ob sie richtig stehen.“

    Titus blieb stehen.

    „Hast du heute keine anderen Aufgaben?“

    „Doch. Ich soll darauf achten, dass unser Herr nicht vor Aufregung den Verstand verliert.“

    „Wer hat dir diesen Auftrag erteilt?“

    „Selina.“

    „Das glaube ich nicht.“

    „Dann war es möglicherweise meine eigene Initiative.“

    Sie betraten die Privatbibliothek. Massad sah sich um.

    „Willst du Calvina auch diesen Raum zeigen?“

    „Selbstverständlich.“

    „Dann solltest du vielleicht einige der weniger erfreulichen Schriften beiseitelegen.“

    Titus sah ihn fragend an. Massad deutete auf ein Regal.

    „Zum Beispiel das Werk deines alten Lehrers.“

    Titus folgte seinem Blick. Dort lag die Schriftrolle des Sokrates.

    Perì paideías kaì psychês. Über Erziehung und Seele.

    Er betrachtete sie einen Augenblick.

    „Warum sollte ich sie verstecken?“

    Massad zuckte mit den Schultern.

    „Weil du nicht gerne darüber sprichst.“

    „Das bedeutet nicht, dass ich sie verbergen muss.“

    „Dann lass sie liegen.“

    Der Syrer wurde ernst.

    „Vielleicht ist es ohnehin an der Zeit, dass Claudia mehr über dich erfährt.“

    Titus antwortete nicht. Er wusste, dass Massad recht haben könnte. Doch zwischen diesem Wissen und der Bereitschaft, seine Vergangenheit offenzulegen, lag ein großer Unterschied.

    CALVINAS ANKUNFT

    Als Claudia Calvina schließlich eintraf, stand Titus bereits im Atrium. Sie wurde von einer älteren weiblichen Verwandten und zwei Dienerinnen begleitet. Ihre Kleidung war geschmackvoll, aber nicht übertrieben kostbar. Sie trug eine hellfarbige Stola, und ihr Haar war sorgfältig aufgesteckt. Titus bemerkte kaum etwas davon. Er sah nur ihr Gesicht. Und ihr Lächeln.

    „Calvina.“

    „Titus.“

    Für einen kurzen Augenblick vergaß er beinahe die übrigen Gäste. Er hätte sie am liebsten in seine Arme geschlossen. Stattdessen begrüßte er sie mit der gebotenen Zurückhaltung.

    „Ich freue mich sehr, dass du meiner Einladung gefolgt bist.“

    „Ich habe mich seit Tagen darauf gefreut.“

    Ihre Worte erfüllten ihn mit einer Wärme, die er kaum verbergen konnte. Nachdem er ihre Begleitung begrüßt hatte, führte er Cakvina in das Peristyl. Dort warteten Selina und Massad. Titus bemerkte sofort, dass Selina Calvina aufmerksam musterte. Nicht unfreundlich. Aber mit jener stillen Wachsamkeit, die er von ihr kannte.

    „Clalvina, ich möchte dir Selina vorstellen.“

    Die beiden Frauen begrüßten einander.

    „Titus hat mir von dir erzählt“, sagte Calvina.

    Selina blickte kurz zu ihm.

    „Dann hoffe ich, dass er nur Gutes berichtet hat.“

    „Er hat mit großer Achtung von dir gesprochen.“

    Titus bemerkte, wie Selinas Gesichtsausdruck etwas weicher wurde. Dann stellte er Massad vor. Der Syrer verneigte sich.

    „Claudia Calvina. Es ist mir eine außerordentliche Freude, endlich die Frau kennenzulernen, die unseren Herrn seit geraumer Zeit seiner gewohnten Selbstbeherrschung beraubt.“

    Titus erstarrte.

    „Massad!“

    Calvina begann zu lachen.

    „Dann hoffe ich, dass ich keine allzu großen Schwierigkeiten verursacht habe.“

    „Nur für seine Umgebung“, erwiderte Massad. „Er selbst scheint diesen Zustand ausgesprochen zu genießen.“

    Titus schüttelte resigniert den Kopf. Doch als er Calvinas fröhliches Lachen hörte, war sein Ärger bereits verschwunden.

    DIE MENSCHEN SEINES VERTRAUENS

    Während des gemeinsamen Mahls beobachtete Titus mit wachsender Erleichterung, wie Calvina mit seinen beiden Vertrauten sprach. Sie stellte Selina Fragen über ihre Herkunft aus dem Partherreich, ohne dabei aufdringlich zu werden. Sie hörte Massads Erzählungen aus Syrien aufmerksam zu und ließ sich von seinen gelegentlichen Übertreibungen nicht täuschen. Besonders erfreute Titus, dass Calvina die beiden nicht wie gewöhnliche Angehörige seines Haushalts behandelte. Sie begegnete ihnen mit derselben Aufmerksamkeit, die sie auch ihm entgegenbrachte. Als Massad eine besonders abenteuerliche Geschichte aus seiner Jugend erzählte, unterbrach Selina ihn.

    „Du hast vergessen zu erwähnen, dass du damals vor drei bewaffneten Männern davongelaufen bist.“

    „Ich habe mich strategisch zurückgezogen.“

    „Du bist über eine Mauer geklettert.“

    „Eine ausgezeichnete strategische Entscheidung.“

    Calvina lachte herzlich. Titus betrachtete sie. Er kannte dieses Lachen inzwischen. Und er liebte es. Schließlich fragte Calvina, wie Selina und Massad in sein Leben getreten seien. Titus antwortete zunächst ausweichend. Doch dann erzählte er von gemeinsamen Reisen, gefährlichen Begegnungen und Situationen, in denen sie einander das Leben gerettet hatten.

    „Selina und Massad sind nicht einfach meine Begleiter“, erklärte er.

    Er blickte zu den beiden.

    „Sie gehören zu meiner Familie.“

    Massad verstummte. Selina sah Titus überrascht an. Er hatte diese Worte bisher nur selten ausgesprochen. Doch er meinte sie ernst. Seine Herkunftsfamilie hatte ihm in seiner Kindheit kaum Geborgenheit vermittelt. Erst später hatte er Menschen gefunden, bei denen er nicht ständig auf der Hut sein musste. Calvina hörte aufmerksam zu. Dann sagte sie:

    „Eine Familie besteht vielleicht nicht immer nur aus Menschen, mit denen man durch Geburt verbunden ist.“

    Titus sah sie an.

    „Nein“, antwortete er leise. „Ganz sicher nicht.“

    DAS MANUSKRIPT DES SOKRATES

    Nach dem Mahl führte Titus Calvina durch die Villa. Er zeigte ihr die Gärten, den kleinen Übungshof, die Arbeitsräume und schließlich seine Privatbibliothek. Als er die Tür öffnete, bemerkte er sofort ihr Erstaunen.

    Calvina ging langsam zwischen den Regalen entlang und betrachtete die zahlreichen Schriftrollen.

    „Du besitzt eine außergewöhnliche Sammlung.“

    „Ein großer Teil stammt aus meiner Jugend.“

    „Du hast schon damals so viel gelesen?“

    „Bücher waren gute Gefährten.“

    Er hatte den Satz ausgesprochen, ohne darüber nachzudenken. Calvina wandte sich zu ihm um.

    „Bessere als Menschen?“

    Titus lächelte schwach.

    „Manchmal.“

    Sie stellte keine weitere Frage. Stattdessen betrachtete sie die Werke griechischer Philosophen. Schließlich blieb sie vor einem Regal stehen.

    „Sokrates“, las sie.

    Titus spürte, wie sich seine Schultern anspannten. Clalvina nahm die Schriftrolle vorsichtig heraus.

    „Perì paideías kaì psychês.“

    Sie sah zu ihm.

    „Über Erziehung und Seele?“

    „Ja.“

    „Von deinem Lehrer?“

    „Von ihm.“

    Calvina bat darum, einige Abschnitte lesen zu dürfen. Titus nickte. Er wusste nicht, warum er es zuließ. Vielleicht, weil er ihr vertraute. Vielleicht, weil er sich nicht länger hinter einer sorgfältig errichteten Fassade verbergen wollte. Während Calvina las, beobachtete er ihr Gesicht. Zunächst war sie interessiert. Dann wurde sie nachdenklich. Schließlich veränderte sich ihr Ausdruck. Titus wusste genau, welchen Abschnitt sie erreicht hatte. Sokrates beschrieb darin einen jungen römischen Adeligen, der als schwächliches Kind unter seinen älteren Brüdern gelitten hatte. Ein Kind, das für Verfehlungen bestraft worden war, die es nicht begangen hatte. Ein Kind, das von seiner Mutter keine Hilfe erwarten konnte und dessen Vater nur selten anwesend gewesen war. Titus erinnerte sich plötzlich an eine Szene aus seiner Kindheit. Er war vielleicht neun Jahre alt gewesen. Paullus hatte eine kostbare Schale zerbrochen und behauptet, Titus sei dafür verantwortlich. Lucius hatte die Lüge bestätigt. Seine Mutter hatte ihm nicht geglaubt. Die Schläge waren schmerzhaft gewesen. Doch schlimmer war die Erkenntnis, dass niemand seine Unschuld hören wollte.

    „Titus?“

    Calvinas Stimme holte ihn in die Gegenwart zurück. Er sah sie an. Sie hielt die Schriftrolle in den Händen.

    „Dieser Junge ... warst du das?“

    Titus schwieg lange. Dann antwortete er:

    „Ja.“

    Er hatte erwartet, Mitleid in ihrem Gesicht zu sehen. Vielleicht auch Bestürzung. Doch Calvina legte das Manuskript beiseite und trat zu ihm.

    „Warum hast du mir nichts davon erzählt?“

    Titus senkte den Blick.

    „Weil ich nicht möchte, dass meine Vergangenheit bestimmt, wie du mich siehst.“

    „Aber sie gehört zu dir.“

    „Das weiß ich.“

    Er wandte sich zum Fenster.

    „Ich habe viele Jahre damit verbracht, diese Erinnerungen hinter mir zu lassen.“

    Calvina trat neben ihn.

    „Und ist es dir gelungen?“

    Titus antwortete nicht sofort.

    „Nicht vollständig.“

    Er spürte, wie sie seine Hand nahm.

    „Dann musst du nicht länger alles allein tragen.“

    Diese Worte trafen ihn tiefer, als er erwartet hatte. Er drehte sich zu ihr.

    „Calvina, ich bin nicht immer der Mensch gewesen, den du heute kennst.“

    „Niemand bleibt sein ganzes Leben derselbe.“

    „Es gibt Dinge, auf die ich nicht stolz bin.“

    „Dann erzählst du sie mir, wenn du dazu bereit bist.“

    Titus betrachtete sie lange. Schließlich zog er sie vorsichtig in seine Arme Calvina erwiderte seine Umarmung. Er schloss die Augen. Zum ersten Mal hatte er einem Menschen, den er liebte, einen Teil seiner schmerzhaften Vergangenheit offenbart. Und dieser Mensch war geblieben.

    EIN ABSCHIED VOLLER HOFFNUNG

    Als der Nachmittag zu Ende ging, begleitete Titus Calvina zum Ausgang der Villa. Selina und Massad verabschiedeten sich ebenfalls. Titus bemerkte, dass Selina Calvina nun mit deutlich größerer Herzlichkeit begegnete.

    Auch Massad verzichtete für einige Augenblicke auf seine spöttischen Bemerkungen. Calvina wandte sich noch einmal zu Titus.

    „Danke für diesen Tag.“

    „Ich habe dir zu danken.“

    „Ich würde gerne wiederkommen.“

    „Du bist jederzeit willkommen.“

    Sie lächelte.

    „Auch in deiner Bibliothek?“

    „Besonders dort.“

    Ihre Hände berührten sich. Nur für einen kurzen Augenblick. Dann verabschiedete sie sich. Titus blieb zurück, bis ihre Sänfte verschwunden war. Massad trat neben ihn.

    „Sie ist eine bemerkenswerte Frau.“

    „Ja.“

    „Und sie liebt dich.“

    Titus sah ihn überrascht an.

    „Woher willst du das wissen?“

    Massad zuckte mit den Schultern.

    „Weil sie dich ansieht, als gäbe es in ganz Rom keinen anderen Mann.“

    Titus lächelte.

    „Du übertreibst.“

    „Möglich. Aber diesmal glaube ich es nicht.“

    Selina trat zu ihnen.

    „Ich denke, sie meint es ernst.“

    Titus blickte sie an.

    „Du vertraust ihr?“

    Selina überlegte.

    „Ich beginne damit.“

    Für Titus bedeuteten diese Worte mehr, als Selina ahnen konnte. Später, als er allein in seiner Bibliothek saß, betrachtete er erneut das Manuskript des Sokrates. Sein Lehrer hatte darin geschrieben, dass die Verletzungen der Kindheit den erwachsenen Menschen ein Leben lang begleiten konnten. Vielleicht hatte Sokrates recht. Doch Titus begann zu begreifen, dass diese Verletzungen nicht zwangsläufig seine Zukunft bestimmen mussten. Er dachte an Calvina. An ihre Stimme. An ihre Berührung. An ihre Worte. Du musst nicht länger alles allein tragen. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren glaubte er, dass dies vielleicht tatsächlich möglich war.

  • DIE EINLADUNG

    Claudia Calvina hatte den Brief bereits mehrfach gelesen. Sie saß im Garten der Villa Claudia, während das Sonnenlicht durch die Blätter der Bäume fiel. Auf ihrem Schoß lag das Schreiben des Titus Aurelius Romanus. Seit ihrer letzten Begegnung in der Bibliotheca Annaea hatte sie beinahe täglich an ihn gedacht. Sie erinnerte sich an seinen ersten Kuss. An das Gefühl seiner Arme um ihren Körper. An sein Liebesgeständnis, das so unvermittelt gekommen war, dass sie zunächst kaum eine Antwort gefunden hatte. Und an den Ausdruck seines Gesichtes, als sie ihm schließlich gesagt hatte, dass sie ihn ebenfalls liebte. Calvina war in einer Familie aufgewachsen, in der gesellschaftliche Verpflichtungen einen hohen Stellenwert besaßen. Schon früh hatte ihre Mutter mit ihr über die Pflichten einer römischen Ehefrau gesprochen. Über die Bedeutung einer guten Verbindung. Über die Verantwortung gegenüber der eigenen Familie.

    Calvina hatte diese Erwartungen niemals grundsätzlich infrage gestellt. Bis sie Titus kennengelernt hatte. Nun begann sie zu verstehen, dass zwischen einer gesellschaftlich angemessenen Ehe und einer Verbindung aus Liebe ein gewaltiger Unterschied bestehen konnte. Titus hatte sie in die Villa Aurelia eingeladen. Er wollte ihr sein Zuhause zeigen. Und zwei Menschen vorstellen, die ihm besonders nahestanden. Selina und Massad. Diese Namen hatte er bereits mehrfach erwähnt. Doch Calvina wusste bislang nur wenig über die beiden. Selina stammte aus dem Partherreich und begleitete Titus als Vertraute und Beschützerin. Massad war ein Syrer aus Bosra, dessen Lebensgeschichte offenbar ebenso ungewöhnlich war wie sein Charakter. Calvina war neugierig. Vor allem aber freute sie sich darauf, Titus außerhalb der Bibliothek zu erleben. Sie wollte wissen, wie er lebte. Welche Dinge ihm Freude bereiteten. Wie er mit den Menschen umging, die ihm nahestanden. Und vielleicht würde sie endlich mehr über seine Vergangenheit erfahren. Denn obwohl Titus ihr seine Liebe gestanden hatte, blieb ein Teil seines Wesens für sie rätselhaft. Manchmal war er offen und herzlich. Dann wieder schien sich eine unsichtbare Mauer zwischen ihn und seine Umgebung zu schieben. Calvina hatte längst beschlossen, diese Mauer nicht gewaltsam einzureißen. Sie wollte warten, bis Titus selbst bereit war, sie einzulassen.


    DIE ERSTE BEGEGNUNG MIT SELINA UND MASSAD


    Als Calvina die Villa Aurelia betrat, war sie zunächst von der Atmosphäre des Hauses überrascht. Sie hatte ein prachtvolles Anwesen erwartet, wie es einem Angehörigen einer angesehenen römischen Familie entsprach. Doch die Villa wirkte anders. Nicht weniger wohlhabend. Aber persönlicher. Die Einrichtung war geschmackvoll, ohne aufdringlich zu sein. Die Räume waren hell und großzügig. Überall fanden sich Gegenstände, die von Reisen und unterschiedlichen kulturellen Einflüssen zeugten. Besonders auffällig waren einige kunstvoll gearbeitete Gegenstände aus dem Osten des Reiches. Calvina vermutete, dass sie mit Selina und Massad zusammenhingen. Als Titus ihr entgegenkam, verschwanden diese Gedanken für einen Augenblick. Sie sah sein Lächeln. Und sofort verspürte sie jene vertraute Freude, die inzwischen jede Begegnung mit ihm begleitete. Wie gerne hätte sie ihn umarmt. Doch ihre Begleitung befand sich in unmittelbarer Nähe. Also beschränkte sie sich auf einen freundlichen Gruß. Titus führte sie in das Peristyl. Dort warteten Selina und Massad. Calvina bemerkte Selinas Haltung sofort. Die junge Frau stand aufrecht, aufmerksam und vollkommen selbstsicher. Ihre Bewegungen waren ruhig und kontrolliert. Sie wirkte nicht wie eine gewöhnliche Dienerin, sondern wie jemand, der es gewohnt war, Gefahren frühzeitig zu erkennen. Ihr Blick war höflich. Aber prüfend. Calvina verstand rasch, dass Selina sie zunächst einschätzen wollte.

    Sie empfand das nicht als Beleidigung. Im Gegenteil. Es zeigte ihr, wie wichtig Titus dieser Frau war. Massad dagegen machte keinen Versuch, seine Neugier zu verbergen.

    Seine erste Bemerkung brachte Calvina zum Lachen. Der Syrer behauptete, Titus habe seit Tagen kaum noch vernünftig gearbeitet und beschäftige sich mehr mit ihrer bevorstehenden Ankunft als mit seinen militärischen Angelegenheiten. Calvina beobachtete, wie Titus verlegen wurde. Es war ein ungewohnter Anblick. Der Mann, den sie in der Bibliothek als selbstbewussten, gebildeten und gelegentlich beinahe herausfordernden Gesprächspartner kennengelernt hatte, konnte offenbar durch einige harmlose Bemerkungen seines Vertrauten aus der Fassung gebracht werden. Sie fand das ausgesprochen liebenswert. Und sie begann zu verstehen, weshalb Titus die Gesellschaft dieser beiden Menschen so schätzte.

    EINE UNGEWÖHNLICHE FAMILIE

    Während des gemeinsamen Mahls lernte Calvina die beiden Vertrauten näher kennen. Selina sprach zurückhaltend über ihre Herkunft. Sie erzählte von ihrer Heimat im Partherreich, von langen Reisen und von ihrer Ausbildung im Umgang mit Waffen. Calvina war beeindruckt. Sie hatte bisher nur wenige Frauen kennengelernt, die ein derart selbstständiges Leben führten.

    Selina schien ihre Entscheidungen weitgehend selbst zu treffen. Sie sprach mit Titus ohne Unterwürfigkeit und widersprach ihm, wenn sie anderer Meinung war. Calvina bemerkte, dass Titus dies nicht nur duldete. Er schätzte es offenbar. Massad war das genaue Gegenteil. Er erzählte lebhaft, gestikulierte ausgiebig und schmückte seine Geschichten mit zahlreichen Einzelheiten aus. Calvina vermutete bald, dass nicht jede dieser Einzelheiten vollkommen der Wahrheit entsprach. Doch gerade das machte seine Erzählungen unterhaltsam. Besonders erstaunte sie das Verhältnis zwischen den drei Menschen. Titus behandelte Selina und Massad nicht wie Untergebene. Er hörte ihnen zu. Er scherzte mit ihnen. Und er vertraute ihnen offensichtlich. Als er schließlich erklärte, dass die beiden für ihn zu einer Art Familie geworden seien, verstand Calvina plötzlich etwas, das ihr zuvor verborgen geblieben war.

    Titus hatte offenbar in seinem eigenen Elternhaus nicht jene Geborgenheit erfahren, die er heute bei seinen Gefährten fand. Sie erinnerte sich an seine wenigen Bemerkungen über seine Kindheit. An das ungewöhnlich distanzierte Verhältnis zu seinen Brüdern. An seine Zurückhaltung, wenn sie nach seiner Mutter fragte. Und an jene seltsame Traurigkeit, die manchmal in seinen Augen erschien. Calvina beschloss, ihn nicht darauf anzusprechen. Noch nicht. Sie wollte diesen Tag nicht durch Fragen belasten, die er möglicherweise als unangenehm empfand.

    Stattdessen begann sie, Selina und Massad mit anderen Augen zu betrachten. Sie waren nicht nur Begleiter. Sie waren Menschen, die Titus Halt gaben. Und Calvina empfand plötzlich eine tiefe Dankbarkeit ihnen gegenüber.

    DIE BIBLIOTHEK UND DAS GEHEIMNIS

    Als Titus sie später in seine Privatbibliothek führte, war Calvina begeistert. Schon als Kind hatte sie Bücher geliebt. Ihr Vater besaß eine umfangreiche Sammlung griechischer und lateinischer Werke, doch die Bibliothek des Titus unterschied sich deutlich davon. Hier standen nicht nur die üblichen Schriften der großen Dichter, Redner und Philosophen. Calvina entdeckte militärische Abhandlungen, juristische Texte, historische Werke, medizinische Schriften und Untersuchungen über die menschliche Natur. Sie betrachtete die Sammlung aufmerksam.

    „Du musst sehr viel Zeit mit Lesen verbringen“, sagte sie.

    Titus lächelte.

    „Mehr, als Massad für vernünftig hält.“

    Calvina lachte. Doch dann entdeckte sie eine Schriftrolle, deren Titel ihre Aufmerksamkeit erregte. Perì paideías kaì psychês. Über Erziehung und Seele. Der Verfasser war ein gewisser Sokrates. Calvina erinnerte sich sofort daran, dass Titus diesen Namen bereits erwähnt hatte. Sein früherer Lehrer. Sie fragte, ob sie das Werk lesen dürfe. Titus erlaubte es.

    Doch Calvina bemerkte eine Veränderung in seinem Gesicht. Er wurde still. Beinahe angespannt. Sie fragte sich, weshalb. Dann begann sie zu lesen. Der Text beschäftigte sich mit der Frage, wie Erziehung, Angst, Zuneigung und Gewalt die Entwicklung eines Menschen beeinflussen konnten. Calvina fand die Überlegungen zunächst faszinierend. Doch dann stieß sie auf die Beschreibung eines jungen römischen Adeligen. Ein schwaches, kränkliches Kind. Zwei ältere Brüder, die es demütigten. Eine Mutter, die den Anschuldigungen der Brüder glaubte. Ein Vater, der kaum anwesend war. Ein Lehrer, der die außergewöhnlichen geistigen Fähigkeiten seines Schülers erkannte, aber dessen seelische Verletzungen nicht ausreichend berücksichtigte. Calvina las den Abschnitt ein zweites Mal. Plötzlich erinnerte sie sich an Titus' Erzählungen. Er hatte zwei ältere Brüder. Er war als Kind häufig krank gewesen. Er hatte einen griechischen Lehrer namens Sokrates gehabt. Und er sprach nur ungern über seine Familie. Ihr Herz zog sich zusammen. Sie blickte zu Titus. Er stand am Fenster und betrachtete den Garten. Seine Haltung war ungewöhnlich steif. Da wusste sie es. Der Junge aus dem Manuskript war Titus. Sie fragte ihn dennoch. Nicht, weil sie an ihrer Vermutung zweifelte. Sondern weil sie wollte, dass er selbst entscheiden konnte, ob er die Wahrheit aussprechen wollte. Als er schließlich mit einem leisen Ja antwortete, empfand Claudia eine tiefe Traurigkeit.

    Nicht wegen seiner Herkunft. Nicht wegen seiner gesellschaftlichen Stellung. Sondern wegen des Kindes, das er einmal gewesen war. Sie stellte sich einen kleinen Jungen vor, der von seinen Brüdern gequält wurde. Der versuchte, seiner Mutter die Wahrheit zu erklären. Der darauf hoffte, dass sein Vater ihn beschützen würde. Und der schließlich lernen musste, dass niemand ihm helfen würde. Calvina spürte Tränen in ihren Augen. Doch sie wollte nicht weinen. Nicht vor Titus. Er sollte nicht glauben, dass sie ihn bemitleidete. Sie trat zu ihm und nahm seine Hand. Als er erklärte, dass er nicht anders betrachtet werden wolle, verstand sie seine Angst. Titus hatte gelernt, dass Schwäche gefährlich war. Nun fürchtete er offenbar, dass auch sie seine Verletzlichkeit gegen ihn verwenden könnte. Calvina wusste, dass sie ihm diese Angst nicht mit einigen wenigen Worten nehmen konnte.

    Aber sie konnte ihm zeigen, dass sie bleiben würde. Sie sagte ihm, dass sie ihn nicht weniger liebte. Und als er sie schließlich in seine Arme schloss, spürte sie, wie sehr ihn diese Worte bewegten. Calvina legte den Kopf an seine Schulter. Sie hätte gerne mehr erfahren. Über seine Kindheit. Über seine Eltern. Über seine Brüder. Und darüber, wie aus diesem verängstigten Jungen der Mann geworden war, den sie heute liebte. Doch sie fragte nicht weiter. Titus sollte selbst bestimmen, wann er bereit war, darüber zu sprechen.

    SELINAS VERTRAUEN

    Später begegnete Calvina Selina allein im Peristyl. Die Partherin betrachtete sie mit jener Aufmerksamkeit, die Calvina bereits bei ihrer ersten Begegnung bemerkt hatte. Doch diesmal wirkte ihr Blick weniger prüfend.

    „Du hast Titus' Bibliothek gesehen“, begann Selina.

    Calvina nickte.

    „Ja.“

    „Er lässt nicht jeden Menschen dort hinein.“

    „Das habe ich vermutet.“

    Selina schwieg einen Augenblick. Dann fragte sie:

    „Hat er dir etwas über seine Vergangenheit erzählt?“

    Claudia überlegte. Sie wollte Titus' Vertrauen nicht verletzen.

    „Er hat mir erlaubt, eine Schrift seines Lehrers zu lesen.“

    Selina verstand sofort.

    „Das Werk über Erziehung und Seele?“

    „Ja.“

    Die Partherin senkte kurz den Blick.

    „Dann weißt du jetzt etwas mehr über ihn.“

    Calvina nickte.

    „Ich glaube, ich beginne zu verstehen, weshalb er manchmal so verschlossen ist.“

    Selina betrachtete sie aufmerksam.

    „Titus hat lange gebraucht, um Menschen wieder zu vertrauen.“

    „Das weiß ich.“

    „Und er kann sehr verletzt werden, wenn dieses Vertrauen enttäuscht wird.“

    Calvina erwiderte ihren Blick.

    „Ich liebe ihn, Selina.“

    Die Worte kamen ohne Zögern. Selina schwieg. Calvina fuhr fort:

    „Ich liebe nicht nur den selbstbewussten Patrizier, den gebildeten Gesprächspartner oder den Mann, der mich in der Bibliothek geküsst hat.“

    Sie hielt kurz inne.

    „Ich liebe auch den Menschen, der manchmal Angst hat, seine Gefühle zu zeigen.“

    Selina betrachtete sie lange. Dann lächelte sie. Es war kein höfliches Lächeln. Es war aufrichtig.

    „Dann hoffe ich, dass du ihm lange erhalten bleibst.“

    Clalvina erwiderte das Lächeln. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, dass Selina sie nicht mehr als Fremde betrachtete.

    DER ABSCHIED

    Als Calvina die Villa Aurelia verließ, war sie glücklich. Der Tag hatte ihr mehr über Titus gezeigt als alle bisherigen Begegnungen. Sie hatte seine Freunde kennengelernt.

    Sein Zuhause gesehen. Seine Bücher betrachtet. Und einen ersten Blick auf jene Vergangenheit geworfen, die er bislang vor ihr verborgen hatte. Während der Rückfahrt dachte sie über alles nach. Besonders über das Manuskript des Sokrates. Calvina konnte kaum begreifen, dass der Mann, der ihr so viel Zuneigung entgegenbrachte, als Kind offenbar selbst so wenig davon erfahren hatte. Sie nahm sich vor, ihm niemals Anlass zu geben, an ihrer Liebe zu zweifeln. Doch sie wusste auch, dass Liebe allein nicht alle Schwierigkeiten beseitigen konnte.

    Titus war ein Mann mit Verpflichtungen. Seine Laufbahn würde ihn immer wieder von Rom fortführen. Und sie selbst war eine Tochter der Gens Claudia. Ihre Familie würde eines Tages eine Ehe von ihr erwarten. Bisher hatte sie über diese Frage nur selten ernsthaft nachgedacht. Nun jedoch wusste sie, wen sie heiraten wollte. Titus Aurelius Romanus. Dieser Gedanke erschreckte sie ein wenig. Nicht, weil sie daran zweifelte. Sondern weil ihr bewusst wurde, wie schnell ihre Gefühle gewachsen waren. Noch vor wenigen Wochen war Titus ein Fremder gewesen. Nun konnte sie sich kaum noch vorstellen, ihr Leben mit einem anderen Mann zu verbringen.


    DIE PLÄNE DER GENS CLAUDIA

    Am Abend erwartete Calvina eine unangenehme Überraschung. Ihre Familie hatten sie zu einem Gespräch gebeten. Ihr Onkel, saß im Tablinum. Er wirkte ungewöhnlich ernst. Calvina setzte sich.„Du wolltest mit mir sprechen?“

    Ihr Onkel nickte.

    „Ja, Calvina. Es geht um deine Zukunft.“

    Sie ahnte sofort, worauf das Gespräch hinauslaufen könnte.

    „Meine Zukunft?“

    „Du weißt, dass deine verstorbene Mutter und ich seit einiger Zeit über eine angemessene Eheverbindung nachdenken.“

    Calvina spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

    „Ja, Onkel.“

    „Du gehörst einer angesehenen Familie an. Eine Ehe muss daher sorgfältig überlegt werden.“

    Ihr Onkel ergänzte:

    „Es geht nicht nur um persönliche Zuneigung, Calvina. Es geht auch um die Zukunft unseres Hauses.“

    Calvina schwieg. Diese Worte hatte sie schon oft gehört. Doch heute empfand sie sie anders.

    Ihr Onkel fuhr fort:

    „Die Familie der Valerier hat Interesse an einer Verbindung erkennen lassen.“

    Claudia blickte überrascht auf.

    „Die Valerier?“

    „Ja. Marcus Valerius Aelianus.“

    Sie kannte den Namen.

    Marcus Valerius Aelianus war ein junger Angehöriger der römischen Oberschicht. Seine Familie verfügte über erheblichen Besitz und ausgezeichnete Beziehungen zum Senat.

    Er galt als gebildet, ehrgeizig und gesellschaftlich vielversprechend. Calvina hatte ihn bei mehreren Veranstaltungen gesehen. Doch sie hatte niemals besondere Gefühle für ihn entwickelt.

    „Warum erzählt ihr mir das?“, fragte sie vorsichtig.

    Ihr Onkel betrachtete sie.

    „Weil wir beabsichtigen, ihn demnächst zu einem Besuch einzuladen.“

    Calvina wurde blass.

    „Als möglichen Ehemann?“

    „Als einen Mann, den du näher kennenlernen solltest.“

    Ihre Onkel lächelte beruhigend.

    „Es ist noch nichts entschieden.“

    Doch Calvina wusste, dass solche Gespräche selten ohne Absicht geführt wurden. Sie dachte an Titus. An seine Umarmung. An sein Lächeln. An die Worte, die er ihr in der Bibliotheca Annaea gesagt hatte. Ich liebe dich. Sie richtete sich auf.

    „Onkel, ich möchte dir etwas sagen.“

    Der Onkel nickte.

    „Sprich.“

    Calvina holte tief Luft.

    „Es gibt bereits einen Mann, für den ich Gefühle empfinde.“

    Ihr Onkel blickte sie überrascht an.

    „Calvina ...“

    Doch Calvina ließ sich nicht unterbrechen.

    „Ich habe ihn in den vergangenen Wochen näher kennengelernt.“

    Ihr Onkel runzelte die Stirn.

    „Von wem sprichst du?“

    Calvina antwortete ruhig:

    „Titus Aurelius Romanus.“

    Ein langes Schweigen folgte. Schließlich sagte der Onkel:

    „Der junge gutaussehende Patrizier?“

    „Ja.“

    „Du hast heute sein Haus besucht.“

    „Ja, Onkel.“

    „Und du behauptest, Gefühle für ihn zu haben?“

    Calvina sah ihrem Onkel fest in die Augen.

    „Ich behaupte es nicht.“

    Sie hielt kurz inne.

    „Ich liebe ihn.“

    Ihr Onkel atmete hörbar ein.

    Er betrachtete Calvina lange.

    „Calvina, Liebe ist eine Angelegenheit, die junge Menschen häufig überschätzen.“

    „Vielleicht“, antwortete sie. „Aber ich weiß, was ich empfinde.“

    „Du kennst diesen Mann erst seit kurzer Zeit.“

    „Das stimmt.“

    „Und du weißt wenig über seine Familie.“

    Calvina dachte an das Manuskript des Sokrates. An Titus' Kindheit. An seine Verletzlichkeit.

    „Ich weiß genug, um zu erkennen, dass er ein guter Mensch ist.“

    Ihr Onkel schüttelte langsam den Kopf.

    „Das genügt nicht für eine Ehe.“

    Calvina schwieg.

    Der Onkel fuhr fort:

    „Ich werde mich über Titus Aurelius Romanus erkundigen. Über seine Herkunft, seine Laufbahn und seine gesellschaftlichen Verbindungen.“

    "Onkel ...“

    „Und bis dahin erwarte ich, dass du keine unüberlegten Entscheidungen triffst.“

    Calvina nickte langsam. Doch innerlich hatte sie ihre Entscheidung längst getroffen.

    CALVINAS ENTSCHLUSS

    Später zog sich Calvina in ihre Gemächer zurück. Sie saß lange am Fenster und betrachtete die dunkler werdenden Gärten. Die Worte ihres Onkels beschäftigten sie.

    Marcus Valerius Aelianus. Ein möglicher Ehemann. Eine Verbindung, die ihrer Familie Vorteile bringen würde. Sie versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, diesen Mann zu heiraten.

    Mit ihm ein Haus zu teilen. An seiner Seite gesellschaftliche Verpflichtungen zu erfüllen. Vielleicht eines Tages Kinder mit ihm zu haben. Doch jedes Mal, wenn sie sich dieses Leben vorstellte, erschien vor ihrem inneren Auge ein anderes Gesicht. Titus. Sie erinnerte sich an seine Freude, als sie die Villa Aurelia betreten hatte. An seine Verlegenheit, als Massad ihn aufzog. An die stille Zuneigung, mit der Selina ihn betrachtete. Und an den Augenblick in der Bibliothek, als er ihr zum ersten Mal einen Teil seiner schmerzhaften Vergangenheit anvertraut hatte. Calvina wusste, dass Titus kein einfacher Mensch war. Er war stolz. Mitunter verschlossen. Manchmal misstrauisch. Und er trug Erinnerungen mit sich, die ihn bis heute belasteten. Doch sie hatte auch seine andere Seite kennengelernt. Seine Aufmerksamkeit. Seine Großzügigkeit. Seine Fähigkeit, Menschen unabhängig von ihrer Herkunft zu achten. Und jene tiefe Sehnsucht nach Zuneigung, die er hinter seiner Selbstbeherrschung zu verbergen versuchte. Sie liebte ihn. Nicht trotz seiner Vergangenheit. Sondern als den Menschen, der aus dieser Vergangenheit hervorgegangen war. Calvina stand auf und trat an ihren Schreibtisch. Sie nahm eine Wachstafel zur Hand. Sie wollte Titus schreiben. Ihm erzählen, wie viel ihr der heutige Tag bedeutet hatte. Doch sie zögerte. Sollte sie ihm bereits von den Plänen ihrer Eltern berichten? Von Marcus Valerius Aelianus? Von der Möglichkeit, dass ihre Familie eine andere Verbindung bevorzugen könnte? Sie fürchtete, Titus damit zu beunruhigen. Gerade jetzt, da er begonnen hatte, ihr zu vertrauen. Schließlich legte sie die Wachstafel beiseite. Sie würde persönlich mit ihm sprechen. Nicht in einem Brief. Nicht durch einen Boten. Sondern von Angesicht zu Angesicht. Calvina trat erneut ans Fenster. Über den Dächern Roms standen die ersten Sterne. Sie dachte an Titus, der vermutlich noch in seiner Bibliothek saß. Vielleicht las er. Vielleicht arbeitete er an seinen militärischen Aufzeichnungen. Vielleicht dachte er ebenso an sie, wie sie an ihn dachte.

    Calvina lächelte traurig.

    „Titus“, flüsterte sie.

    „Ich werde nicht zulassen, dass andere über unser Glück entscheiden, ohne uns anzuhören.“

    Sie wusste noch nicht, wie sie dieses Versprechen erfüllen sollte. Doch sie war entschlossen, es zu versuchen.


    EPILOG – ZWEI HERZEN, EINE UNGEWISSE ZUKUNFT

    In der Villa Aurelia hatte Titus Aurelius Romanus zum ersten Mal seit vielen Jahren einem geliebten Menschen einen Einblick in seine Vergangenheit gewährt. Er begann zu hoffen, dass seine Kindheit nicht länger bestimmen musste, wie er seine Zukunft gestaltete. In der Villa Claudia dagegen stand Claudia Calvina vor einer Entscheidung, die ihr bisheriges Leben verändern konnte. Sie liebte Titus. Doch ihre Familie betrachteten eine Ehe vor allem als Verbindung zweier Familien, deren gesellschaftlicher Rang und politische Interessen miteinander vereinbar sein mussten. Noch wusste Titus nichts von Marcus Valerius Aelianus. Noch hatte Calvina ihrem Geliebten nicht erzählt, dass ihre Familie bereits über andere Heiratsmöglichkeiten nachdachten. Und beide ahnten nicht, dass ihre Liebe schon bald eine erste ernsthafte Bewährungsprobe bestehen musste.

    Denn in Rom war die Liebe zweier Menschen nicht immer ausreichend, um eine gemeinsame Zukunft zu ermöglichen.

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