Portus Mogontiaci - Der Hafen

  • "Klare Flüsse, dort findest Du die Flussmuschel. Ach und wenn sie keine Perle in sich trägt, sie schmeckt vorzüglich. Das ist wenigstens eine Entschädigung nicht wahr?", grinste Nero und wuchtete sich Sabaco auf die Schultern.


    "Eure Rationen sind zu großzügig bemessen, ich spüre es. Das sollten wir wiederholen, aber dann bitte so, dass Du am Ende selbst in die Castra laufen kannst ohne Verdacht zu erregen oder Schlimmeres. Ja in die Taberna. Wärme, Essen, Getränke und Du kannst Gesprächen lauschen und Dich so fühlen als gehörst Du dazu. Auch wenn es nicht der Fall ist. Ein kleines bisschen Illusion je später der Abend wird. Manchmal braucht man einfach Wärme Sabaco und nicht jeder hat eine derart warme Tunika, dass er frostige Nächte gut übersteht. Gleich wie kalt es draußen ist. Die erste Runde geht auf Dich für diese Schlepperei, dass schwöre ich Dir", murrte Nero und trabte zähneknirschend los.

  • Da war sie wieder, die poetische Ader von Nero, die er sogar jetzt noch zeigte, während er Sabaco buckelte. Wahrscheinlich dichtete er noch, wenn sein Kahn unterging und seine letzten Worte waren Geblubber, das sich reimte. "Ich lad dich ein", versprach Sabaco. "Du kannst fressen, bis du platzt und so viel trinken, bis es dir zu den Ohren rausläuft. Ich schulde dir was."


    Viele Soldaten des Exercitus Romanus waren drahtig gebaut. Sie trainierten täglich und wurden gut ernährt, aber man achtete auch darauf, dass die Portionen nicht über das vernünftige Maß ausfielen. Das hatte logistische Gründe - eine Legio samt allem, was darin kreuchte, fraß am Tag elf Tonnen Getreide*, die organisiert, finanziert und transportiert werden wollte. Die strenge Rationierung hatte aber auch alltagspraktische Bewandtnis, denn ein schwerer Soldat hatte beim Marschieren am eigenen Gewicht zu schleppen.


    Und trotzdem gab es sie, die Wuchtbrummen, die es schafften, ihr Gewicht auf zwei Zentnern zu halten, indem sie bei den Kameraden schnorrten oder tauschten, in die umliegenden Tabernae und Garküchen einkehrten oder einfach die entsprechende Veranlagung besaßen. Sabaco, von Natur aus groß und mit stabilem Knochenbau gesegnet, vor allem mit gesundem Appetit, gehörte dazu. Zwei Zentner wog er, die nun quer über den Schultern des Gubernators hingen und sich dort wohlfühlten.


    'Schlepp mich, Pferdchen', befahl er gedanklich. Er sprach aus: "Ab morgen kann ich allen erzählen, dass ich den Gubernator geritten habe."


  • "Erzähle das herum und der Gubernator reitet Dich dafür und zwar in die Scheiße, dass schwöre ich Dir Sabaco. Die Einladung nehme ich an, bei der ganzen Scheiße ist dann wenigstens unser Geschmacksknorpel feucht, wo wir sonst auf dem Trockenen sitzen. Hätte ich gewusst wie viel Du wiegst, wäre ich zweimal gelaufen", lachte Nero leise und wuchtete Sabaco murrend zur Castra.


    Die Rationen mussten scheinbar halbiert werden, wenn die Männer derart viel wogen. Oder es war der Wein, im Grunde schleppte er hier zig Amphoren Fusel die Sabaco schon intus hatte. Nero fragte sich, wer die Castra ans andere der Welt verschoben hatte. So weit weg war ihr Lager doch nicht auf dem Hinweg gewesen. Gefühlt wurden seine Beine immer kürzer, der Weg immer länger und Sabaco immer schwerer. Das konnte heiter werden!

  • So riesig, wie Sabaco quer über den Schultern des Gubernators hing, konnte man Zweifel bekommen, ob er sich den Namen phoca einst wirklich selbst gegeben hatte, denn er erinnerte gerade an eine fette, zufriedene Robbe. Andere hätten vielleicht ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn jemand, der ein gutes Stück älter war als man selbst und deutlich leichter, einen wegen Trunkenheit schleppen musste. Sabaco fläzte auf dem Gubernator wie auf einer Sandbank oder einem wandelnden Thron.


    "Ich sag gar nichts hierüber, Nero ... sonst erzählst du rum, dass ich dichte."


    Er schaute in die kleine Amphore mit dem Wein, die er immer noch in der Hand hielt, und bewegte sie kreiselnd. Da war noch was drin. Der Gubernator konnte spüren, wie Sabacos Muskulatur sich anspannte, als er den Rest austrank und die Amphore dann hinter ihnen auf die Straße schleuderte, wo sie klirrend zerbarst. Dann machte er es sich wieder gemütlich und wurde schlaff wie ein nasser Sack.

  • Nero fragte sich, warum Sabaco ausgerechnet jetzt noch trinken musste, während er ihn schleppte. Aber mit dem Wein in der Amphore oder im Bauch, dass machte auch nicht mehr viel Unterschied. Nero wuchtete Sabaco in die Castra und schaute die Wachhabenden derart an, dass jede Nachfrage schon im Keim erstickt wurde. Auf den Kommentar von Sabaco antwortete er nicht. Als ob er verraten würde, dass dieser dichtete. Aber bitte, sollte dieser in dem Glauben bleiben, dann hatte er auch nichts zu befürchten. Sabaco musste ja nicht alles wissen und seinen fiesen Ruf hatte sich Nero nicht umsonst erarbeitet.


    Nero schleppte sich auf sein Zimmer und kippte Sabaco dort fast behutsam auf den Boden ab. Er selbst ließ sich in sein Bett fallen, befreite sich umständlich von seinen Sandalen und war einen Augenblick später eingeschlafen.

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