Beiträge von Lucius Flavius Furianus

    "Ich habe die Wahl. Entweder ich sage, dass das Testament aufgrund der Form nicht rechtskräftig und samit unwirksam ist und handle entgegen dem eigentlichen Wunsch des Helvetius Tacitus, das Vermögen fällt den Verwandten zu. Oder ich entscheide erst nach einer gründlichen Untersuchung der Sache, ob das Dokument annehmbar ist oder nicht.
    Natürlich könnte ich es mir einfach machen und die erste Option wählen, diese ist naheligender und würde auch von späteren Praetoren wohl auch so angewandt werden. Man könnte mir natürlich, besonders dieser Agrippa, falls er davon weiß, eben das unterstellen, unterstellen faul gehandelt zu haben, anstatt zu versuchen die Sache zu klären.
    Um diesen Umstand zu vermeiden wird dieser Sonderermittler auf meine Kosten, nicht, dass mir später nachgesagt wird ich hätte die Gerichtskassen unnötig belastet, Informationen einholen."


    Er glaubte selbst nicht daran, dass diese Informationen genügen würden, doch er musste es tun, um keine üblen Nachreden zu ernten. Er würde nicht mehr und nicht weniger tun als das, er war es keinem schuldig, nur sich selbst.


    "Obwol ich selbst nicht sonderlich viel von diesen Informationen erwarte. Ein Mann in seiner Position hätte sich durchaus einen geeigneten Advocatus kaufen können. Ein armer Bauer war er sicherlich nicht."

    "Berechtigte Einwände, Gracchus. Doch Geld spielt hier keine Rolle, es ist nicht nur dafür da, um materielle Werte zu erreichen."


    Er gab einem Sklaven zu verstehen, dass er Getränke reichen sollte, da er seinen Vetter, der eigentlich sein Onkel war, und sich selbst nicht verdursten lassen wollte.


    "Als Politiker sind wir auf unseren Ruf bedacht und ein guter Ruf ist mir einige Sesterzen wert. Man wird sagen, dass Praetor Flavius Furianus keine Kosten und keinen Aufwand schont, um einem Römer, einem Magistraten, den letzten Wunsch zu erfüllen.
    Wenn ich des Volkes Moral und Verantwortung schon öffentlich anzweifle, muss ich stets Gegenteiliges präsentieren, um meine Glaubwürdigkeit und den Respekt nicht zu verlieren. So ein Fall ist auch ein Politikum, wenn man es will."

    "Ich ahne da etwas, bin jedoch in meiner Meinung noch nicht derweit gefestigt, um sie auszusprechen. Doch Bestechung erscheint mir in diesem Zusammenhang nicht passend.
    Wir werden sehen, der Sonderermittler, falls ich einen finden würde, wird hoffentlich Früchte tragen."


    Angestrengt überlegte er schon seit seinem ersten Gedankengang im Zusammenhang mit dieser Rolle, wer sich dazu bereit erklären konnte. Einen Sklaven würde er nur im äußersten Notfall hinschicken können, ein Klient wäre ihm nicht verlässlich genug.
    Er musste Gracchus fragen, jedoch vorsichtigt.

    "Du hast eindeutig recht, Commodus, ich glaube nicht, dass man mit geistreichen Witzen um Philosophen und Denker eine nach Blut lechzende Menge erfreuen kann."


    Er scholt sich nicht so gründlich darüber nachgedacht zu haben, bevor er die Frage stellte. Nun war es sowieso zu spät und er nickte zur Bestätigung für sich selbst.


    "Dann hätten wir insoweit alles, bis auf den Termin besprochen."

    Nach dem Betreten des Raumes musste Furianus feststellen, dass der Gastgeber schon von Gratulanten umlagert wurde. Aufgrund dieser Tatsache, natürlich wäre er unter anderen Umständen mit einem Lächeln auf Durus zugeeilt, ging er erst einmal auf Erkundung und durchschritt den Raum zu einem Tablett mit Kelchen, von denen er sich einen nahm. Verdünnter Wein, Furianus lechzte zwar nicht danach, doch es war immer gut einen Becher in der Hand zu halten, schon aus dem einfachen Grund, dass man dadurch Zeit gewinnen konnte, falls eine unangemessene oder peinliche Frage gestellt wurde.
    Nicht weit von ihm entfernt entdeckte er seinen alten Lehrmeister in der Legio, damals noch Centurio, heute schon scheidender Tribun. Ihm nickte er zu, befand es jedoch nicht für nötig einen Schritt auf jenen Mann zuzugehen, der Furianus mitsamt seinem Bruder als einzige Flavier zu dem kürzlich stattfindenden Bankett in Mantua nicht eingeladen hatte. Diese offene Beleidigung ertrug er zwar mit Fassung, sie verfehlte ihre Wirkung dennoch nicht. Er wusste bis heute nicht warum.

    "Danke mir erst, Myrtilus, wenn du Augur bist."


    Lächelte Furianus, wurde dann jedoch plötzlich ernst, einige Augenblicke später betrübt, als Myrtilus Claudias Tod ansprach.
    Stumm nickte er mit gesenktem Haupt.


    "Ja, das Elysium ist ein Trost. Ich hätte sie lieber hier als dort, doch ich kann es mir nicht aussuchen und ins Elysium schreiten will ich dann doch noch nicht."


    Die Hand auf seiner Schulter holte Furianus dann doch ein wenig zurück und er lächelte leicht, Myrtilus verstand es mit Menschen umzugehen, was Furianus ihm anerkennen musste.
    Zusammen durchschritten sie den Palast und bestiegen die Sänften, um sich zu trennen und auf ein baldiges Wiedersehen zu warten.

    "Vale, Helvetius Falco."


    Verabschiedete Furianus den Helvetier und wandte sich an seinen Vetter, der eigentlich sein Onkel war.


    "Recht eigenartig, meinst du nicht, Gracchus? Mich hat schon die Initiative der Tochter des Verstorbenen überrascht, hat sie sich doch von ihrem Erbe durch die Erwähnung des Agrippa losgesagt. Und nun steht Falco hier und fordert Klärung in ihrem Sinne."


    Es war ihm weniger schleierhaft, als er sich vor Gracchus gab. Doch auch wenn es ein Verwandter war, so war es besser seine Mutmaßungen vorerst bei sich zu behalten und die Beweise sprechen zu lassen.

    Auch Furianus verrichtete seine Pflicht. Der Rede hatte er kommentarlos gelauscht und schien doch abwesend. Ihm war in diesem Moment alles gleich, er erinnerte sich nur der glücklichen Tage mit Claudia, deren Anzahl sicherlich höher sein konnte, doch auch genügte, um ihn aus der Realität zu entreissen.
    Gesenkten Hauptes nahm er die Bahre auf und spürte wieder diese Last auf seiner Schulter, die Last, die er eigentlich in sein Haus tragen wollte, nun aber weg tragen musste.

    Furianus hatte sich nach seinen unbeantworteten Fragen an Avarus wieder hingesetzt und zufrieden gelauscht, wie die anderen Senatoren das relativ Gleiche an Avarus´Gegenstimme anprangten.
    Doch, dass Avarus nun ein Prophet geworden war, verblüffte ihn schon.


    "Hast du diese Schauergeschichten, die über uns hereinfallen werden, wie auch die in Zukunft begrabenen Projekte, aus dem Vogelflug gedeutet, Senator Avarus? Oder bist du Prophet?"


    Ein leichtes Lächeln war auf seinen Lippen, denn genau so präsentierte sich der Senator. Natürlich war Senator Avarus zu dem Moralapostel des Senates avanciert, nachdem er seinen Frevel an den Göttern erfolgreich leugnen konnte.


    "Ich wiederhole mich, dass ich keine Parallelen zwischen den Aufgaben der Ämter des Auguren und des Sacerdos Publicus sehe, zumindest nicht solche, die einem späteren Augur bei der Vogeldeutung behilflich sein könnten.
    Das Wissen um unsere Götter wird schon früh zu Hause gelehrt, zumindest ist es in Rom üblich. Dieses erfolgreich erworbene Wissen hat der Candidatus schon in seinen zwei erfolgreich abgelegten Probationes unter Beweis gestellt. Das wissen um den Vogelflug wird innerhalb des Kollegiums gelehrt, nicht innerhalb der Tempelmauern eines der zahlreichen Tempeln Roms im Dienste der Götter als Sacerdos Publicus."


    Furianus bezweifelte, dass dieses Wissen im Hause Germanica gelehrt wurde, geschweige denn, dass Avarus selbst etwas von den Göttern wusste, die Probationes hatte der wohl nicht, bestehen würde er sie auch nicht, wenn er wollte.
    Er setzte sich wieder in seine Reihe, die nicht so weit von Avarus entfernt lag, da es eben die der Praetoren war.

    "Natürlich werde ich deinen Namen in den Senat bringen, Myrtilus, nach der Entscheidung des Kaisers ist dies der einzige Schritt."


    Auf die Worte des Claudiers, man hätte beidseitige Freund im Senat, nickte Furianus zustimmend und schritt weiterhin an des Claudiers Seite.


    "Die Zeit, bis ich vor den Senat trete, sollte nicht ungenutzt bleiben. Wir brauchen so viele Verbündete im Senat, wie nur möglich. Schriftliche Zeugnisse, zum Beispiel eine Forderung des Kollegiums nach dir, sind auch sehr überzeugend. Außerdem solltest du mir deine Vita, alle positiven Ausführungen, übergeben, denn es werden dazu sicherlich Fragen fallen und ich wäre gerne vorbereitet darauf.
    Dennoch können wir zuversichtlich sein."

    "Gut, nur wo."


    Er breitete die Hände aus, um ein wenig zu gestikulieren, was er doch gerne tat, auch unabsichtlich.


    "Es gibt viele Möglichkeiten. Wir könnten diese kleinen Einlagen in den Pausen vollführen, ich meine in den Pausen eines Stückes oder wechselndem Bühnenbild.
    Oder auch in den Pausen im Theatrum Flavium. Was denkst du?"

    "Ich werde da sein."


    Antwortete er ruhig und gefasst, gab sich wenigstens die größte Mühe gefasst zu wirken.
    Er hatte Vitamalacus nichts mehr zu sagen und auch sein Gegenüber schien sich allem entledigt zu haben, so dass Furianus ihn nur noch stumm anblicken konnte.

    Durch die jüngsten Ereignisse aufgeschreckt, wurde Furianus bewusst, dass er schon vor seiner Praetur den Göttern, besonders den flavischen, nicht genug huldigte.
    So begab er sich, im Schlepptau eine Kolonne aus Trägern, zum Tempel seiner Gens. Er wusste nicht, ob man ihn hier schon vergessen hatte, war er doch gealtert, die Priester ebenso. Heute jedoch sollte er selbst opfern, er war es den Göttern schuldig.


    Furianus durchschritt die Cella und kam zu den Marmorbildnissen seiner Ahnen, die noch heute voller Glanz und Gloria schienen, so, als wäre die Zeit vor vierzig Jahren stehen geblieben, damals, als die Flavier über Rom herrschten.
    Durch einen Wink von Furianus trat der erste Sklave vor und übergab dem Flavier einen Beutel. Dieser war gefüllt mit Goldmünzen, die Furianus vorsichtig in die eigens dafür vorgesehene Schale aus dem Beute rieseln ließ, ein paar Worte an die Götter richtete und mit einem weiteren Wink zu verstehen gab, dass es weitergehen konnte.
    Zwei Sklaven mit großen Tonkrügen traten nun an ihn heran und übergaben diese nacheinander Furianus, der die rote Flüssigkeit, es war Wein, in eine ebenfalls dafür vorgesehene Schale goss. Ein paar Worte wurden danach ebenfalls an die Götter gerichtet.
    Ein weiterer Wink, eine weitere Gabe, die Worte folgten sogleich. In dieser Manier wurden so Kekse, Kuchen und anderes Gebäck, Früchte und Obst, Parfüm und edle Hölzer verbrannt, bis man bei der letzten Gabe angelangt war, dem vielen Weihrauch.
    Dieser wurde von Furianus, wie auch die vorigen Gaben, geopfert und wie zuvor stülpte er sich den Zipfel seiner Toga über das Haupt und begann, nachdem sich der wohlige Geruch ausbreitete, zu beten.


    "Ahnen, die ihr über uns wacht,
    Ahnen, die ihr uns flüstert so sacht,
    Ahnen, aus dem irdischen Sein,
    Ahnen, in des göttlichen Schein.


    Ich rufe Euch an, um mir die Gunst zu erbitten, derer ich mir in den letzten Tagen nicht sicher sein konnte. Meine Verlobte nahmen die Götter von mir. Nach dem Lethe sehne ich mich, sind doch die nächsten Tage, Monate und Jahre, mein ganzes Leben, von diesem Ereignis geprägt. Führt sie an der Hand, zeigt ihr die Schönheit des Unsterblichen und dem Elysium.
    Meine Gaben nehmt an, Ahnen, als Zeichen der Reue, als Zeichen der Schuld. Euer Gesicht war mir in den letzten Monaten nicht vor den Augen, mein sträfliches Fernbleiben dieser Räume unentschuldbar. Nehmt meine Opfer und tut euch gütlich daran, sie sollen euch erfreuen.
    Ahnen, die ihr so gnädig zu mir wart, haltet weiterhin aufrecht meinen Weg, wacht über mich am Tage und in der Nacht.
    Beschützt die Meinen und straft die Feinde."


    Erleichtert, dass nichts passiert ist, nicht Schlimmes jedenfalls, zog er sich den Zipfel vom Kopf und stand auf. Nach einigen Minuten des Nachdenkens wandte er sich ab und ging aus dem Tempel in Erleichterung.

    Furianus beobachtete das Treiben aus seiner Loge mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite gaben die Füchse ein abscheuliches Bild ab, sie würden entweder verbrennen oder aufgespiest werden, so oder so stand ihnen der Tod bevor. Auf der anderen Seite war dies Spektakel schön anzusehen, doch er selbst hätte diese Jagt nach der Dämmerung beginnen lassen, vielleicht kurz davor. Denn dann würde man die gequälten Füchse sehen, aber schon nach einigen Minuten nur die Lichter, die auf ihnen angebracht waren. Die Jäger müssten dann nur auf die Lichter zielen und hätten damit wohl auch ihre Schwierigkeiten, das Spektakel wäre eine Lichtershow und wohl auch von längerer Dauer.


    Dennoch fragte er sich, ob die Füchse in der Lage waren zu erkennen, in was sie hinein gerieten. Mit dieser Frage keimte auch gleichzeitig eine neue auf. Und zwar, ob die Füchse vor dem Feuer aus Angst flohen oder nur, um ihren Tod hinaus zu zögern, indem sie nicht ruhig standen, sondern den Jägern mit ihren schnellen Bewegungen Schwierigkeiten bereiteten sie zu töten.
    Er versuchte Vergleiche zu ziehen, Vergleiche zu anderen Tieren, anderen Situationen, es war jedoch vergebens. Furianus musste noch einmal in der Bibliothek nachschauen, ob irgend ein Philosoph zu dieser Frage eine Antwort fand.


    Bis dahin erfreute er sich an den vielen Lichtern im Stadion.

    "Augustus, ich danke für die Audienz. Mögen die Götter dich schützen, vale."


    Sprach auch Furianus nach Myrtilus und wartete, bis der Augustus verschwunden war, um sich dann wieder dem Claudier zuzuwenden.


    "Nun, ich habe es wenigstens versucht. Jetzt bleibt nur der Senat, Myrtilus, ich hoffe die Worte des Kaisers werden sich bewahrheiten und der Senat sich dahingehend fügig zeigen.
    Dennoch rechne ich mit Gegenstimmen, die wird es immer geben."

    Da der Senator seine Worte nicht direkt an den Candidatus richtete, erhob sich Furianus, um einen Einwand gegen diesen Einwand vorzubringen.


    "Es mag mir entgangen sein, dass ein Sacerdos Publicus die Praktiken eines Augurs erlernt oder es ist keinesfalls so. Doch wohl eher Letzteres.
    Wenn ein Sacerdos Publicus durchaus die Pflichten der Auguren übernehmen könnte, so bräuchten wir ja keine Auguren, ist das so?
    Natürlich wird der Kandidat nach seiner Ernennung zum Augur keine Auspizien führen, schließlich muss er zuerst die Bücher der Auguren lesen und von den älteren Mitgliedern eingeführt und unterrichtet werden.
    Ich sehe daher keine entscheidenden Parallelen zwischen diesen beiden Ämtern und halte den Vorschlag, der Kandidat soll sich in einem dreimonatigen Dienst als Sacerdos Publicus für das Amt des Augurs bewähren, für absurd.


    Damit setzte er sich und schwieg vorerst.