Durch die vescularische Herrschaft hindurch hatten die Sänftenträger der flavischen Familie ein durchaus angenehmes Dasein gefristet, doch mit der Rückkehr des Lebens in die Villa Flavia folgte schlussendlich auch für sie die Rückkehr zu mühevoller Normalität. Vier von ihnen trugen an diesem Tage eine schmucklose Sänfte, welche nur durch die erlesene Auswahl ihrer Materialien aus der Masse der zahllosen Sänften Roms mochte hervorstechen, über das Pflaster der Stadt, den Quirinal hinab zum Forum Romanum und von dort wieder ein Stück hinauf auf den Caelius Mons bis vor die Porta der Casa Decima hin. Geleitet wurden sie durch den flavischen Vilicus Sciurus, sowie zwei Sklaven der Decima, Raghnall und Álvaro, welche die zurückliegenden Wochen in der Villa Flavia hatten verbracht, nun in ihr eigenes Heim würden zurückkehren.
"Salve", grüßte Sciurus den Ianitor der Decima pflichtgemäß. "Mein Herr, Senator Flavius Gracchus, lässt anfragen, ob Decima Seiana im Augenblick anwesend und geneigt ist, ihn zu empfangen."
Beiträge von Manius Flavius Gracchus
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Letztlich war Gracchus selbstredend überzeugt davon, dass Minor die Argumentation zur Notwendigkeit einer adäquaten Ehe würde begreifen, so dass dessen Eingeständnis ihn nicht weiter verwunderte, einzig die Notwendigkeit der Iteration seiner eigenen Worte echauffierte ihn ein wenig, da ihm Repetitionen stets überaus lästig waren.
"Wie ich dir bereits er..läutert habe, wird dies auch von Cornelius Scapula abhängen, und mag nach Erkiesen eines passablen Termines noch einige Zeit in der Zukunft liegen."
Kurz sann Gracchus über weitere notwendige Schritte nach, welche nun für Minor zu gehen waren - Beginn der ersten politischen Aktivitäten, Eintritt in eine Kultgemeinschaft, weiterführende Studien -, doch er mochte dies nur allzu gerne selbst noch ein wenig hinauszögern.
"Über alles weitere werden wir nach deiner Liberalia spre'hen - denn wenn auch nicht zum intendierten Augenblicke, so wollen wir der Tradition dennoch genüge tun."
Er versuchte sich in einem Lächeln, welches ihm doch nicht wollte gelingen.
"Schlussendlich wären wir keine Römer, würden wir einem Usurpatoren ge..statten, uns von unseren Traditionen abzuhalten."
Ebenso wie sie keine Römer wären, würden sie ihrem Kaiser gestatten, ihre Traditionen zu ignorieren oder gar mit Füßen treten zu lassen. Ebenso wie sie keine Römer wären, würden sie einen Bürgerkrieg initiieren. Ebenso wie sie keine Römer waren, würden sie ihren Kindern die Sicherheit des Imperiums rauben. Ein Schaudern kroch über Gracchus' Nacken, ein eisiger Hauch, welcher bis in seinen Kopf hinauf zog. -
~~~ Gefangen in Morpheus' Reich ~~~
Nichts war zu sehen, nichts zu hören oder riechen außer der diffusen Szenerie der verlassenen Brücke, auf welcher er stand - grober, graufarbener Stein unter seinen bloßen Füßen, das leise Säuseln des trüben Flusswassers unter ihm und ein Hauch von feuchtem, schwerem Nebel, welcher dies alles umschloss. Es schien ihm als warte er bereits seit Stunden in der Kälte der Einsamkeit, in welcher nur das Flüstern des Windes zart über seine Wangen rieb, als stürben Tag und Nacht zum wiederholten Male ohne dass die Welt sich gnädig zeigte und ihn mit ihrem atemlosen Kuss erlöste - bis dass endlich in der Ferne zuerst ein Rauschen sich erhob, ein wiederholtes Glucksen und Gurgeln im Wasser vom Sog des harten, hölzernen Paddels, welches unermüdlich seine Spuren zog, alsbald gefolgt von der leisen Melodie zarter Lippen, welche unablässig sich ihm näherten.
"Dein Antlitz seh ich stets, und schließ ich auch die Lider, Dein golden warmes Licht umschmeichelt meine Glieder, vertreibt die Kälte und durchglüht mich ganz. Du überragst sie alle – drum stehst Du allein, und ich, verzehrt von Sehnsucht, will Dir Gefährte sein! Im Fieber folge ich dem Feuerglanz"
, schoben die Worte des Geliebten sich näher und näher bis dass endlich auch Faustus' Antlitz sich aus dem milchfarbenen Nebel schälte.
"Faustus"
, hauchte er ergeben, streckte dem Geliebten, welcher auf der goldfarbenen Sonnenbarke der Brücke zustrebte, seine Hände entgegen.
"Bis endlich Deine Hand sich um die meine schließt. Die Welt verstummt."
Seine Hand schloss sich um die Faustus', die Welt verstummte - doch nicht um ihr Blut zu erhitzen, in ungestüme Leidenschaft sie zu versetzen, nicht um das Sonnenfeuer zu entfachen, zerbrach doch unversehens das Gefährt unter Faustus' entzwei, stürzte ihn hinab, dass die Fluten des Flusses ihre gierigen Klauen nach dem Geliebten ausstreckten.
"Faustus!"
Mit aller Kraft hielt er Faustus' Hand umschlossen, Entsetzen in seinen Augen, denn er war zu schwach, viel zu schwach um den Leib des Geliebten zu halten, viel zu schwach, ihn vor dem Unheil zu bewahren, viel zu schwach, sie beide zu retten.
"In Ewigkeit im Jetzt. Vergehen und Erblühn"
, beschloss Faustus mit traurigem Blicke, löste seine Finger und gab sich dem Zerren des Flusses hin.
"Faustus!"
Unfähig, ihn zu halten, konnte er nur tatenlos zusehen wie das eisige, dunkle Wasser seinen Geliebten verschluckte, wie es ihn umschloss, ihn hinabzog in das Reich endloser Stille, in welcher seine Rufe ungehört verklangen. Unermüdlich floss der Fluss unter ihm dahin, unermüdlich trieb er mit sich, was er dem Land hatte entrissen - Geäst, Gehölz und Blattwerk, alsbald einen bleichen Fuß, ein Leib dem folgend. Leontia, hehr und anmutig zugleich, ein epiphanes Wesen im glitzernden Nass, ihre Haare Algen gleich in den Wogen schaukelnd, ihre Hand in einer Bewegung pendelnd als würde sie ihm zum Gruße winken - doch war es nur der Sog des Fluss, welcher ihrem toten Leibe einen Anschein von Leben spendete. Ihre Augen indes in hellem Blau leuchtend, Sternenfunkeln in der Dunkelheit der Nacht, zwei einsamen Kerzen gleich, welche über den oceanos dahin trieben. Lautlos glitt ihr toter Körper unter der Brücke hinfort, untätig er darauf verharrend, viel zu schwach sie zu halten, viel zu schwach, sie vor dem Unheil zu bewahren, viel zu schwach, sie beide zu retten. Zwei weitere Kerzen folgten dem Schaukeln der Wellen, nur undeutlich war der Leib seiner Mutter zu erahnen, ihre Finger verwoben mit denen Agrippinas, deren Antlitz bedeckt war von einem schimmernden Schleier aus Morgentau. Minervina und Quintus, sein Vater und sein geliebter Sklave, Caius und Piso, Celerina und selbst das Sklavenbalg Ikarus - sie alle brachte das Meer mit sich, ihre Augen wie stille Feuer im Wasser glimmend, ihre Leiber Treibgut gleich dem Willen der Gezeiten ausgeliefert. Doch nicht nur die Seinen brachte die Strömung, mehr und mehr bleiche Körper sammelten sich um ihn, in welchen er den hingerichteten Veteranen erkannte, gefallene Soldaten, welche er nie zuvor hatte gesehen, Männer, Frauen, allfällig gar Kinder, welche der Bürgerkrieg hatte mit sich gerissen, deren Leben er selbst hatte gefordert, mehr und mehr tote Leiber welche die Insel, auf der er nun stand, umspülten.
"Faustus!"
erkannte er plötzlich inmitten der Toten seinen Geliebten dahintreiben, doch mit jedem Schritt, welchen er auf ihn zu tat, zog das Meer vor ihm sich zurück, fraß das Land hinter ihm auf, dass er stets auf seiner Insel verharrte, je schneller, je weiter er auch rannte, stets nur Sand vor sich erschuf, welcher das Meer verdrängte.
"Faustus!"
streckte er verzweifelt seine Hände aus, um doch nur in Leere zu fassen, bemerkte dabei nicht wie die sandigen Körner unter ihm allmählich seine eigenen Füße umfassten, wie der Strand mit jeder Bewegung seinen Leib mehr und mehr verschluckte. Als nurmehr sein Kopf noch aus dem Land herausragte spülte eine Welle einen Kuss von Faustus' Lippen zu den seinen hin, und begierig leckte er das Salz von seiner Haut, doch war es längst zu spät. Er war viel zu schwach, sich am Leben zu halten, viel zu schwach, sich vor dem Unheil zu bewahren, viel zu schwach, sie beide zu retten.~~~
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Es war nicht das erste Mal, dass Gracchus durch die Gänge des Palastes schritt, zudem waren ihm viele andere monumentale Gebäude - die Verwaltungsgebäude, Tempel, Thermen und Theater der ewigen Stadt - mehr als traut, und doch schien ihm die Domus Flaviana an diesem Tage in ihren Ausmaßen erdrückend, beinah als müsse er ihre Mauern auf seinen eigenen Schultern balancieren. Still und in sich gekehrt, sein Leib angespannt, sein Geist aufgewühlt folgte er dem Soldaten bis zum Officium des Kaisers - indes bemerkte er erst als er die Türe schon hatte durchschritten, dass dies bereits sein Ziel war. Einige Herzschläge lang blickte er Cornelius nur an als hätte er einen anderen Mann dort erwartet, als würde er eines Geistes angesichtig werden oder als hätte sein Verstand mit einem Male aufgehört zu arbeiten. Erst als sein eigenes Blinzeln ihn dessen erinnerte, dass die Zeit nicht stehen geblieben war, dass mit jedem Augenblicke das Leben verrann, suchte er die Gedanken zusammen, welche er ein dutzend und mehr Male hatte durchdacht.
"Salve ... Im..perator Caesar Augustus!"
So oder ähnlich musste es letztlich stets beginnen.
"Ich danke dir, dass du be..reit bist, mich zu em..pfangen."
Allein die Tatsache, dass er versuchte, den Worten die Couleur seiner Anspannung zu nehmen, führte dazu, dass er mehr als üblich an ihnen stockte - eine Gegebenheit, welche ihn sonstig nur noch gegenüber seiner Gemahlin behelligte. -
Gracchus quittierte die Erläuterung mit einem langsamen Nicken. Zweifelsohne war die Vorsicht der Palastwachen angebracht, allfällig gar zu jeder Zeit, doch letztlich passte dies inmitten in Rom nicht zu jener perfekten römischen Welt, welche der flavische Senator nur allzu gern wollte um sich wissen, sich darob bisweilen selbst schuf. Da wie zu erwarten an ihm keine Waffen zu finden waren, konnte er indes alsbald passieren, betrat den kaiserlichen Palast und folgte stumm dem Soldaten, welcher ihn zum Officium des Augustus in der Domus Flaviana führte.
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Der Senator blickte den Soldaten ein wenig konsterniert an.
"Waffen?"
Hatte es dies zu früheren Zeiten auch gegeben oder war es ein Effekt der zurückliegenden Ereignisse? Ein wenig perplex schüttelte Gracchus den Kopf und hob seine Arme an, so dass der Miles theoretisch die Falten der toga praetexta, welche der Senator zu diesem Anlasse selbstredend trug, würde prüfen können, obgleich sich dies in der Praxis ob der schieren Masse des Stoffes wegen zweifelsohne nicht ganz so einfach würde gestalten. Zu einer anderen Gegebenheit hätte Gracchus womöglich sich an einem Scherz versucht über spitze Zungen oder andere Waffen der Rhetorik, doch an diesem Tage war ihm wenig nach scherzen zumute, und obgleich er das Gespräch gerne noch ein wenig hätte durch intensive Kontrollen der Palastwachen hinausgezögert gewusst, so wollte er es doch ebenso dringlich beginnen. -
Während die flavische Sänfte sich durch Rom schlängelte, mehr oder minder belebte Straßen passierte, das Forum Romanum überquerte und den palatinischen Hügel empor getragen wurde, saß Gracchus tief versunken in die weichen Kissen, wiewohl in seine Gedanken, hielt die Welt um sich her durch dichte Vorhänge von sich fern. Er hatte die Nacht schlecht geschlafen, weniger noch am Morgen gegessen als er es ohnehin pflegte und hatte doch das Empfinden, sein Magen würde mit jenen paar Bissen einen Kampf austragen. Im Grunde war eine Audienz bei einem Kaiser nicht derart besonders, mit Cornelius gar teilte er Entscheidungen und Taten, welche sie über alle äußeren, politischen oder gesellschaftlichen Normen hinweg verbanden, und doch hatte es selten einen Augenblick in seiner Karriere, seinem Leben allfällig gegeben, in welchem er mehr Unsicherheit und Nervosität in sich hatte verspürt. Den gesamten Leib angespannt - als könne das Geflecht aus Knochen, Fleisch und Haut auch das Chaos in seinem Geiste in einem stabilen Rahmen halten - verließ er schlussendlich die Sänfte vor dem Tor des kaiserlichen Palastest, während einer der Sklaven ihn bei den Wachen ankündigte.
"Salvete! Mein Herr, Senator Manius Flavius Gracchus, ist zu einer Audienz des Imperator Caesar Augustus geladen. " -
Sukzessive schob Gracchus' linke Augenbraue sich ein wenig empor, klang Auctrix der Acta Diurna in seinen Ohren doch nicht unbedingt bedrohlich, andererseits indes wusste er nicht, was die Decima zu Zeiten des Vesculariers womöglich alles hatte auf eigene Initiative hin veröffentlicht und inwieweit dies dem Bestehen seiner Herrschaft mochte zuträglich gewesen sein. Wieder einmal bemerkte er, dass ihm schlichtweg Informationen fehlten, die Grundlage aller Entscheidungen, dass er nicht konnte abwägen ohne mehr Hintergründe zu kennen, andererseits sich auch nicht auf die Einschätzung des Sklaven der Decima konnte verlassen, da dieser zweifelsohne stets dem Wohl seiner Herrin würde ergeben sein. Letztlich jedoch hatte Decima Seiana seinen Aufenthalt in der Casa Decima toleriert, allfällig gar protegiert, so dass sie wohl kaum eine loyale Anhängerin des Vesculariers war gewesen, die es verdient hatte im Carcer inhaftiert zu werden. Gracchus seufzte, denn in gleichem Ausmaße wie er überzeugt war, dass Decima Seiana in keinem Falle im Carcer sollte gefangen gehalten werden, in eben dem gleichen Ausmaße war er ratlos, was ob dessen zu tun war. Cornelius Palma war der einzige, zu dem er in diesem Bürgerkrieg noch eine Verbindung hatte, doch jener schien noch kaum erreichbar. Früher einmal, im Brettspiel mit seinem Vetter Aristides, hatte Gracchus geglaubt, kein allzu schlechter Stratege zu sein, doch die Jahre seines Lebens hatten ihn eines besseren belehrt, die Konspiration und deren Folgen indes wohl sogar das exakte Gegenteil dessen bewiesen. Römer, die Römer töteten, darbende Römer, Plünderungen im Reich, Frauen im Carcer - er wollte nicht einmal im Ansatz wissen, was noch alles geschehen war, von dem er noch nichts wusste, nur weil er hatte geglaubt, eine bessere Zukunft für Rom erzwingen zu können.
"Lasse mich allein"
, wies er Raghnall an, denn er wollte nichts mehr wissen von dem Bürgerkrieg, von dem Schrecken, in welchem Rom noch immer fest steckte obgleich der Sieger bestimmt schien. Als der Sklave den Raum hatte verlassen, ließ Gracchus seinen Kopf auf die Tischplatte sinken. Er wollte weinen, doch er konnte es nicht, er wollte wüten, doch er konnte es nicht, er wollte die Welt fassen und schütteln, dass sie in eine rechte Ordnung wieder verfiel - doch er konnte es nicht. Sein Leib schien begraben unter einem Berg aus Trümmern, dass kein Regen mehr möglich war, sein Geist schien eingesperrt auf einem fernen Wolkengetürm, dass er nur machtlos hinabblicken konnte auf die Welt unter sich, sein Herz war einem schweren Stein gleich hinabgesunken auf den dunklen Grund des Oceanos, begraben von endloser Masse an Wasser, ertrunken, erstickt an seiner eigenen Hoffnung. -
Ohne Anzuklopfen - es war dies schlussendlich das Gemach seines Sohnes, welcher ohnehin keine Geheimnisse gegenüber seinem Vater würde hegen - betrat Gracchus das Spielzimmer seines jüngsten Sohnes, welcher vor kurzem erst mit Sciurus aus dem Exil in Patavium war zurückgekehrt - und erstarrte im Anblick des Jungen, welcher inmitten des Raumes auf dem Boden eine hölzerne Figur dirigierte, mit ihr in phantastischen Ländereien noch phantastischere Abenteuer erlebte. Wie stets wenn er Titus wurde angesichtig, so sah Gracchus auch in diesem Augenblicke den Schatten um den Jungen herum, die Larve welche er am Tage seiner Geburt hatte hervor gebracht, das tote, dunkelhäutige Sklavenkind, welches seit diesem Tag an der Seite seines Sohnes aufwuchs, untrennbar mit dessen Schicksal verbunden. Doch es war nicht der Geist eines Toten, welcher in diesem Augenblicke ein wenig seine Contenance ihm raubte, es war der Anblick Titus' selbst, der Knabe im Spiel versunken. Weit mehr als sein Bruder Minor, welcher in seiner etwas fülligen Art wohl mehr nach einer Linie der Claudier - wenn auch zweifellos nicht nach Antonia selbst - mochte schlagen, glich Titus vielmehr seinem Vater in diesem Alter, ob seiner schmächtigen Art allfällig in etwas jüngerer Zeit noch, weshalb Gracchus mit einem Male glaubte, die Vergangenheit seiner selbst zu erblicken. Es schien ihm als könne er die Stimme seiner Mutter vernehmen, als husche der Schemen seiner Schwester im Hintergrund vorüber, wiewohl ihm seltsam schien, dass er sich selbst so deutlich vor Augen sah.
"Quintus!"
entfuhr es ihm schlussendlich erstaunt, denn nicht er war es, den er in seiner Erinnerung hatte vor Augen, sondern sein Bruder Quintus - Quintus Gracchus, welcher viele Jahre später sich Quintus Tullius hatte genannt - und ein feines Lächeln kräuselte Gracchus' Lippen. -
Seufzend schloss Gracchus die Augen und lauschte den Ausführungen seines Vilicus. Zu lange hatte er das Wohl seiner Gemahlin, seiner Tochter und seines jüngsten Sohnes verdrängt, zu fern schien ihm dieses Leben als dass er daran wollte erinnert werden, zu groß die Misere, welche er über sie alle hatte gebracht. Es konnte nur konvenieren, dass Antonia mit Flamma weiterhin im fernen Patavium weilte, wiewohl ihn ein Schaudern überkam bei dem Gedanken, dass Titus mit Sciurus zurück in die Villa gekommen war. Seit seiner Geburt mied er den Jungen, mehr noch als er Minor je hatte gemieden aus dem schlichten Grunde, da er ein Kind gewesen war, er mit Kindern nicht viel mochte anfange können, erinnerte der Anblick Titus' ihn doch noch immer an den schmachvollen Tag seiner Geburt, hing dem Jungen gleichsam doch noch immer die Larve an, welche er an diesem Tage hatte erschaffen.
"Gut, gut ..."
, beschloss er den Bericht, mit einem Empfinden, welches er nur allzu gerne von sich wollte drängen, langte nach dem Sklaven, welcher noch auf der Bettkante saß, gleichsam indes war er sich sicher, dass nun alles einfacher würde werden, da Sciurus wieder an seiner Seite war.
"Komm zu mir"
, wies er den Sklaven an, welcher sich bereits anschickte, wieder aufzustehen. Er hatte nicht vor ihn allzu schnell zu entlassen, sehnte er sich doch nach der vertrauten Nähe, welche Sciurus selbst nach der langen Zeit der Trennung anhaftete. -
Obgleich er noch im Augenblicke zuvor über die theoretische Natur der Bedürfnisbefriedigung - im Generellen, wiewohl insbesondere seines Sohnes - hatte referiert, so verstörte Manius Maior im nächsten Moment doch überaus, dass Manius Minor tatsächlich über seine außer-eheliche, amouröse Liaison schien informiert zu sein, deren reale Existenz er doch seit jeher hatte versucht nicht nur vor der Öffentlichkeit, sondern insbesondere auch vor der Familie verborgen zu halten.
"Nun … ich …"
, rang er sich ab, ohne ein Ende des begonnenen Anfangs zu wissen.
"Ich... es … es ist doch eben dies, was ich … was ich ver..suche, dir ... begreiflich zu machen."
Wäre dies eine Anhörung vor dem Senat gewesen, vermutlich wäre Gracchus es einfacher gefallen, dort an der Wahrheit vorbei zu sprechen, doch vor seinem Sohn blieb nichts andres, als die Thematik ein wenig zu verschieben.
"Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun! Die Ehe ist ein Grundpfeiler unserer Gesellschaft, sie ist Voraussetzung für einen der wi'htigsten Werte unseres Lebens - der Familie. Du entsinnst dich doch zweifelsohne jener drei Werte, deren Bestehen unsere unabdingbare Pflichterfüllung muss gelten - die Familie, Rom und die Wahr..heit."
Früher einmal war die Reihenfolge dieser Aufzählung eine andere gewesen, die Wahrheit hatte alle Werte angeführt, gefolgt von Rom und der Familie, doch nach den Ereignissen der Konspiration, des Verrates, des Bürgerkrieges und ihren Folgen konnte Gracchus dies so nicht mehr vertreten, hätte gar die Wahrheit nicht einmal mehr erwähnt, hätte dies nicht Fragen aufwerfen müssen. Doch auch dies suchte er zu verdrängen, suchte sich auf seinen Sohn zu konzentrieren.
"Was wäre diese Familie ohne deine Mutter? Du, deine Geschwister wären nicht einmal geboren. Zudem … nun, eine Ehefrau erfüllt darüber hinaus viele weitere essentielle Aufgaben innerhalb einer Familie, so dass du auch hierbei profitieren wirst, abgesehen von jenen bereits erwähnten Vorteilen, welche dir die Ver..bindung zu einer adäquaten Gens wird bieten."
Ein wenig ungehalten waren die letzten Worte bereits, sah sich Gracchus mit diesem Abschluss doch wieder am Beginn seiner Ausführung.
"Darob wirst du die Cornelia ehelichen." -
Mit nachdenklicher Miene stand Gracchus vor dem Spiegel in seinem Cubiculum, blickte angestrengt dort hinein und sah doch nicht sich selbst darin.
"Ich verlange seine Freiheit, Cornelius, sonstig werde ich ..."
Er stockte.
"Nein, ... nein, … keine Drohung … andern..falles lässt er mich stante pede mit in den Kerker werfen."
Er straffte die Schultern, wandte sich an die Gestalt im Spiegel.
"Ich bitte dich um seine Freiheit, Cornelius, denn dies ist es was mir die Ehre gebietet. Glei'hwohl soll dies alles sein, was ..."
Ein Klopfen unterbrach das Studium der Möglichkeiten, mit welchen er gedachte Cornelius Palma zu begegnen - so dieser überhaupt irgendwann einmal würde gewillt sein, ihn zu empfangen -, wiewohl es unmöglich war, den Laut zu ignorieren, da beinahe noch im gleichen Augenblicke die Türe sich öffnete. Schon wollte Gracchus seinem Unmut über die Dreistigkeit dieses Einfalles erbost Ausdruck verleihen, da erstarrte sein Antlitz, denn kein geringerer als sein geliebter Sklave Sciurus trat in das Cubiculum und grüßte ihn mit einem tonlosen "Herr", ganz so als wäre es nicht eine halbe Ewigkeit her, dass sie sich zuletzt hatten gesehen, sondern als wäre sein Vilicus nur eben kurz fort gewesen, um eine Besorgung zu erledigen.
"Sciurus!"
, entfuhr es dem Flavier in großer Freude, dass die Welt um ihn her augenblicklich vergessen war, trat er mit wenigen Schritten auf den Sklaven zu und zog ihn an seine Brust.
"Sciurus, mein Sciurus!"
Er herzte ihn wie einen verlorenen Sohn - welchen Gracchus niemals in dieser Art und Weise würde bedenken -, überhäufte ihn mit Küssen und wurde darüber des Drängens in sich bewusst, welches in ihm verschlossen war seit er den Sklaven hatte aus dem Hause gesandt. Fahrig fuhren seine Finger zum Saum Sciurus' Tunika und tasteten voller Begierde nach dem Leib, welcher darunter verborgen war.~~~
Ein wenig später - nicht allzu lange jedoch - lag Gracchus zufrieden auf seinem Bett und starrte an die Decke. Seit langem nicht mehr war er so entspannt wie in diesem Augenblicke, seit langem war die Realität nicht mehr derartig ohne Belang. -
Keine Einwände, willkommen in der Familie!
Fusus im Stammbaum bitte folgendermaßen anhängen:
Vater: Titus Flavius Milo
Mutter: Aemilia Lepida -
Mit Disputationen auf kindlichem Niveau hatte Gracchus seit jeher seine Schwierigkeiten und selbst im Laufe des Lebens seines Ältesten hatte er weder gelernt, noch verstanden, weshalb er die Art und Weise seiner Gesprächsführung gegenüber Kindern musste ändern, wiewohl weshalb deren Replik von anderer Güte mochte sein als jene eines Erwachsenen. Darob erwartete der Vater auch bei diesem Gespräch nur ernsthafte Nachfragen und Kommentare, konnte ob dessen den kindlichen Trotz des Sohnes nicht nachvollziehen und deutete die Gefühlsregungen auf dem Antlitz Minors, wiewohl dessen Einspruch und schlussendlich körperliche Abwehrhaltung in gänzlich falsche, durch seine eigenen Erfahrungen geprägte Richtung.
"Eine Ehe folgt nicht unseren Präferenzen, Minimus, es ist dies eine rein politische Abwägung. Sie basiert auf gegen..seitigem Respekt, wiewohl du dich deiner Pflichten gegenüber deiner Gemahlin stets musst bewusst sein, doch die Befriedigung deiner Bedürfnisse ist nicht Teil einer Ehe."
Womit die grundsätzlichen Rahmenbedingungen geklärt sein sollten. Gracchus seufzte tief, hatte er doch stets gehofft, der weitere Teil dieses Gespräches würde ihm, wiewohl die Konsequenz für dessen Zukunft Minor erspart bleiben, denn obgleich sie nicht per se als Unzulänglichkeit mochte gelten, so verkomplizierte diese Neigung das Leben doch in mancher Lage.
"Weiters ist es keinerlei Schwäche, so du dich zu Mädchen und jungen Frauen nicht hin..gezogen fühlst, deine Neigungen sich indes anderen Knaben, oder später einmal Männern zuwenden, doch deine Neigungen sind ein Aspekt deiner Bedürfnisse, somit gänzlich irrelevant für die Eheschließung. Es mag nicht immer einfach sein und es mag dies nichts sein, was du öffentlich solltest aus..leben, doch letztlich steht es einem Manne unseres Standes ohnehin nicht gut zu Gesicht, die Befriedigung seiner Bedürfnisse außerhalb einer Ehe in der Öffentli'hkeit zu offenbaren, dabei gänzlich ohne Belang auf welche Weise dies geschehen mag."
In diesem Augenblick kam Gracchus eine väterliche Pflicht zu Sinnen, welche er mit der Mannwerdung seines Sohnes ebenfalls nicht mehr länger würde hinauszögern können, respektive für deren Vollzug er würde Sorge tragen müssen. Allfällig würde er Scato darum bitten können, diese Aufgabe zu übernehmen. -
Aufmerksam, ein wenig lauernd gar, folgte Gracchus der Erläuterung des duccischen Senators bezüglich seines zweiten Projektes - der Bildungsreform -, während der jedoch kein weiteres Anzeichen von Tücke zu erkennen war, so dass er schlussendlich leicht nickte.
"Diesem Ansinnen mag ich meine Zustimmung gewähren. Mir ist der Sinn dieser Einri'htung ohnehin nie gänzlich verständlich geworden."
Gezwungenermaßen hatte er ein paar Kurse an der Schola absolviert - weshalb diese als Erforderlichkeiten bestimmter Ämter galten, jedoch die umfassende Ausbildung, welche er in Athena hatte genossen, nicht, hatte er dabei nie nachvollziehen können. Das Ansinnen des Duccius, die Bildung wieder in private Hände zu legen, würde indes zweifelsohne auch den patrizischen Stand stärken, denn letztlich war die Möglichkeit, ohne weitere Verpflichtungen sich auf Erziehung und Ausbildung konzentrieren zu können, doch eines ihrer wertvollsten Privilegien.
"Was indes gedenkst du bezüglich der Voraus..setzungen zu Ämtern, welche derzeitig durch Absolvieren diverser Kurse an der Schola erlangt werden, zu tun? Willst du diese ersetzen oder gänzli'h abschaffen?" -
Deutlich verhärteten sich Gracchus' Züge weiter mit jedem Wort des duccischen Senators über die Ächtung der schwarzen Schafe, respektive deren Ausbleiben, über Vergehen an der Res Publica, über Ehrenmänner und seine eigenen Einordnung zu eben jenen, über den Usurpator und das Vertrauen des Volkes. Als hätte Vala eine Lawine losgetreten auf dem Gipfel Gracchus' Gedanken rollten diese in unkontrollierbarer Masse über den flavischen Senator hinweg, suchte er unzählige Möglichkeiten abzuwägen, suchte er Gegebenheiten zu sondieren, an welchen er keinen Anteil hatte gehabt, suchte er die Wahrheit zu ergründen, welche hinter diesen Worten lag. Was wusste Vala? Was wusste er über die Konspiration, über Gracchus' Beteiligung an eben dieser, über die Tugenden, welche er mit Füßen hatte getreten? Die Worte tönten einer subtilen Anspielung gleich durch den fragilen Raum der Lügenkonstrukte, in welche sein Leben war eingewoben, gleichwohl mochte er nicht glauben, dass einer der anderen Konspiranten sich einem Fremden hatte anvertraut. Mochte es allfällig möglich sein, dass auf Seiten der ursprünglichen Verschwörung mehr Männer beteiligt gewesen waren als der Vescularier und Tiberius? War Vala nur deswegen nicht durch den Usurpator beseitig worden, da er zur gefahrvollen Zeit im Norden hatte geweilt und sich rechtzeitig der anderen Seite hatte angeschlossen? Langsam drehte Gracchus seinen Kopf zur Seite hin, fixierte argwöhnisch die Kante zwischen Grund und Wand, ließ seinen Blick bis zur Decke hin wandern, doch obgleich das leise Scharren und Kratzen in seinem Kopfe nicht zum Erliegen kam, war dort nichts zu sehen. Allfällig war der Sinngehalt der Worte des Ducciers schlichtweg zu subtil, so dass es nicht vonnöten war, darauf einzugehen, womöglich sucht er auch nur zu verifizieren, wessen er sich nicht sicher war. Der Flavier wandte sich wieder seinem Gegenüber zu und beugte sich ein wenig vor.
"Allfällig hast du Recht. Tatsächlich habe ich keinerlei Kenntnis darüber, wie der Senat derzeit gestaltet ist, in Anbetra'ht der letzten Jahre jedoch gibt es womöglich mehr Pferde darin als Schafe, ihre Farbgebung indes bleibt schwarz. Das Volk täte gut daran, keinem Manne im Senat mehr Ver..trauen zu schenken."
Ein wenig resigniert, bezwungen durch die eigene Unzulänglichkeit, lehnte Gracchus sich zurück, legte seine Fingerspitzen aneinander und suchte die Schemen und Schatten zu ignorieren, welche er in seinem Nacken wähnte.
"Von diesem Standpunkt aus betrachtet mag jede Maßnahme, dieses Ver..trauen wiederherzustellen, opportun sein. Was ist das größere Projekt, welches du anvisierst?" -
"Aber nein"
, negierte der Vater die Frage des Sohnes.
"Als Römer von patrizischem Stande ist es keine Obliegenheit, den Militärdienst vor Beschreiten des Cursus Honorum zu ab..solvieren, und selbst so dies dein Wunsch ist, steht einem Tribunat das Vigintivirat zuvor."
Gracchus selbst hatte nie einen Zugang zum Militär gefunden, hatte spätestens seit den Kampfunterweisungen im Knabenalter keinerlei Motivation mehr verspürt, eine solche Karriere - selbst für ein kurzes Stück des Weges - einzuschlagen, mochte er doch weder Hiebe austeilen, noch einstecken, wiewohl seine Unpässlichkeit im Angesichte menschlichen Blutes, wiewohl Ohnmacht im Angesichte des eigenen Lebenssaftes in großem Widerspruch zu übermäßiger Präsenz in militärischen Stellungen stand - denn selbst auf solch vermeintlich ruhigen Positionen wie jenen bei den Cohortes Urbanae war der Kontakt mit dererlei kaum vermeidbar. Zuguterletzt musste ebenso das Faktum bedacht werden, dass niemand konnte vorhersehen, wann ein Krieg sich ereignete - es reichte für solcherlei schlussendlich bereits eine kleine Konspiration aus. Abrupt wandte Gracchus sich von seinem Sohn wieder ab, brachte das schützende Gewicht des Schreibtisches zwischen ihre Leiber, denn zu groß schien die Gefahr, dass Minor allein durch seine Anwesenheit neuerlich in eine solch abominable Szenerie wie jene des zurückliegenden Bürgerkrieges könnte gerissen werden.
"Weshalb möchtest du die Cornelia nicht eheli'hen?"
, suchte er sich stattdessen in die Zukunft zu flüchten, welche weitaus angenehmere Aussichten bot, nahm Platz und wies Minor mit einem Wink an dies ebenso zu tun.
"Die Cornelia ist eine ehrbare Gens, in entfernter Weise ist Scapula gar mit dem Kaiser verwandt."
Es war dies zugegebenermaßen eine überaus weitläufige Verwandtschaft, welche in Hinblick auf den Kaiser wohl kaum zum Vorteile würde gereichen, doch letztlich zählte bei solcherlei ehelichem Bündngis durchaus auch das daraus gewonnene Prestige.
"Die Cornelia ist Scapulas Nichte, so dass dir sowohl im Senat, wie auch im Collegium Pontificium stets Wohl..wollen wird entgegen gebracht werden, zudem ist sie nicht unvermögend. Was also sollte gegen sie sprechen?" -
Er konnte sich nicht entsinnen, mit Titus Decimus Varenus je persönlich gesprochen zu haben, obgleich er sich des Tages, an welchem jener war gefangen genommen worden, nur allzu deutlich entsann. Für einige Augenblicke glaubte Gracchus das Klirren zu hören, mit welchem Porzellan zu Boden fiel, das Schaben von Möbelstücken, welche achtlos wurden verrückt, das leise Winseln und bisweilen Aufschreien einzelner Sklaven, wiewohl er das Blut roch, das rotfarbene Blut, welches den Boden im Atrium der Casa Decima bedeckte. Abwesend blickte er auf seine Hände hinab, rieb mit dem Daumen der Linken durch die Handfläche der Rechten, doch das unsichtbare Blut, welches an seinen Händen klebte, ließ sich nicht entfernen. Die Informationen über Faustus' Verbleib indes zogen seine Aufmerksamkeit zurück in die Gegenwart. Faustus im Carcer, dies war ein unerträglicher Gedanke, von welchem er nur schwer sich konnte losreißen, welcher jede Überlegung einer possiblen Zukunft beinah unmöglich werden ließ. Was konnte es bedeuten am Leben zu sein, wenn der Leib eingesperrt war in den Carcer? Es konnte nur einen Weg geben zu Faustus, jener über Cornelius, von welchem indes bis zu diesem Zeitpunkt keine Antwort zu erhalten gewesen war. Ein wenig vergrämt über diesen Umstand ließ Gracchus seine Hände zurück auf den Tisch sinken.
"Wer hat die Inhaftierung der Decima angeordnet, und was genau wirft man ihr vor?"
Dies letztlich war ihm noch immer ein Rätsel. -
Ein gänzlich unbedeutender Sklave überbrachte einen Brief aus der Villa Flavia Felix für den Imperator Cornelius Palma, verfasst auf feinstem Ziegenpergament.
Ad IMPERATOR CAESAR AUGUSTUS APPIUS CORNELIUS PALMA
Senator M' Flavius Gracchus Imperatori Caesari Augusto Ap. Cornelio Palmae s.d.
Ob einer dringlichen Angelegenheit bitte ich um die Ehre einer persönlichen Audienz.
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Rastlos wanderte Gracchus vor dem Fenster zum Garten hin auf und ab, hatte keine Acht für Blütenpracht und Spätsommerglanz, nicht für das Schimmern der Sonne auf den Wasserflächen, noch für den leisen Duft vollreifer Früchte, nicht für das Summen der Insekten, noch das Zirpen der Zikaden oder das Trällern der Vögel. Seine Welt war ein Moloch graufarbener Schwere, ein ausgedörrter, endlos tiefer Brunnenschacht, eine karge, steinige Insel im Nirgendwo, auf welcher selbst die Gedanken an all die Pracht, welche irgendwo allfällig noch existierte, welken Gräsern in der Wüste gleich vertrockneten. Wie lange war es her seit Cornelius Palma in Rom war eingezogen, wie lange war es her seit die neu-kaiserlichen Truppen die Castra in Beschlag hatten genommen? Viel zu lange. Viel zu lange. Konnte ein Mensch überhaupt derart lange Zeit ohne das Licht der Sonne überleben? Allfällig überleben, doch womöglich nicht ohne irrsinnig zu werden. War es sein Vater gewesen oder sein Vetter Felix, welcher den Sklaven mit dem flavischen Keller hatte gedroht mit den Worten, dass es nur einen Ort im Imperium Romanum gab, welcher schlimmer war als dieser – den Carcer der Castra Praetoria? Er konnte nicht länger warten, nicht länger tatenlos verharren, er musste etwas tun – jetzt, in diesem Augenblick.
"Ein Scriba!"
blaffte Gracchus den Sklaven an, welcher auf dem Gang herum stand, kaum dass er die Türe seines Cubiculums hatte geöffnet, und nur wenige Augenblicke darauf trat ein schriftkundiger Sklave, bewaffnet mit Tabula und Griffel in den Raum.
"An den Imperator, die üblichen Floskeln, ob einer dringlichen Angelegenheit bitte ich um die Ehre einer persönlichen Audienz, Siegel et cetera, auf Ziegenpergament."
Kurz hielt er inne, präzisierte sodann:
"Auf dieses sehr feine, elfenbeinfarbene Ziegenpergament."
Es war ein überaus kostspieliges Vergnügen, wurde die Haut doch ungeborenen Ziegen abgezogen, doch letztlich hatte Gracchus ohnehin keine Vorstellung von diesen Kosten.
"Beeile dich mit dem Aufsetzen der Schrift, lege sie mir zur Signatur vor und bringe sie sodann umgehend zum Palast."
Noch ein wenig später war dies bereits geschehen, während Gracchus längst wieder ruhelos durch seine Gedanken wanderte.