Allein die kleine Runde durch das kalte Becken hatte genügt, Marcus trägen Kreislauf anzukurbeln und das Blut durch seinen Körper schneller zu pumpen, sein Gesicht nahm eine gesunde Röte an, auch die sonstige Haut färbte sich in einem Roséton, insbesondere dort, wo die Haut deutlich blasser war als an anderen Körperstellen, selbiger Stelle, wo er ob Sommers oder Winters seine Tunika trug und die Sonne selten die Oberfläche seines Körpers erreichte. Und natürlich waren die Nachwirkungen von seiner Militärzeit, wo er fast jeden Tag bei jedem Wind und Wetter draußen gewesen war, in den letzten Wochen auch sukzessiv verblaßt und die Gebratene-Hähnchen-Bräune aus Parthien war sowieso schon längst verschwunden; und selbst wenn Marcus eher ein dunkler italischer Typus war, so war er doch nicht von Natur aus mit einer dunkleren Haut ausgestattet. Indes grübelte Marcus noch über das Mysterium, warum Asny die Gebühr erlassen worden war, hatte sie die Aufseher bestochen, sie an der Nase herum geführt oder einfach nur zu Tode genervt, so daß sie auch so umsonst hinein kam? Doch dieser Gedankengang ob dieses kleinen Geheimnisses, das im Grunde kaum der Aufmerksamkeit wert war - oder doch? -, verweilte nicht lange in Marcus' Geist, wohingegen ihm die spätere Antwort auf seine immer wieder leichthin in den Raum geworfene Fragen mehr sein Augenmerk auf das Gesagte lenkte. Alsbald brachte Asny wieder hervorragend ihre dünkelhafte, prätentiöse und selbstverblendete Arroganz zum Ausdruck, mit mancher Bemerkung eine deutliche, unterschwellige Beleidigung vermittelnd - etwas, was Marcus schon recht gut zu ignorieren wußte - doch welch Wunder, gänzlich beleidigend schienen nicht alle Worte zu sein, oder war es Ironie? Ganz sicher war sich Marcus bei Asny eben nie und langsam glaubte er, sie machte das mit Absicht. Einige kalte Wassertropfen perlten über seine Stirn, sprangen über seine dunklen und dichten Augenbrauen hinweg und floßen über seine Wangen, ehe ein schnelle Wischen seiner Hand sie vertrieb. Doch auch noch andere kleinere und größere Sturzbäche von Tropfen suchten sich ihren Weg über seinen Körper, der doch einige Rundungen enthielt, gerade an seinem Bauch, der etwas über dem Leinentuch überstand und der einen langen Weg für mancher von den kleinen Wasserflüssen bedeutete. Keine Tunika verbarg jetzt seine nicht unbeträchtliche Leibesmitte und kaschierte, daß Marcus eben zwei Zentner auf die Wage bringen würde. Aber völlig ob dieser Tatsache ungeniert und vollkommen mit sich im Reinen, mal von kleineren, aber eher äußerlichen Umständen in seinem Leben abgesehen, die aber eben von Außen kamen, und natürlich dem steten Schmerz in seinem rechtem Knie, das ihn ständig erinnerte, daß es nicht mehr voll funktionsfähig war. Doch nach dem kühlenden Bad fühlte es sich für den Moment weniger störend an, ein Grund, warum Marcus gerne zuerst einen kleinen Sprung ins kalte Wasser wagte, ehe er sich in die heißeren Gefilde der Thermen begab.
"Die Flöte und die Lyra? Hm, hervorragend."
, meinte Marcus und drehte sich um, um an ein paar miteinander plauschenden Männern vorbei in Richtung des caldarium zu marschieren, dabei mit jedem Schritt eine kleine Pfütze hinterlaßend, die sich um seine bloßen Füße bildete, mit jedem Auftreten wurde das Zeugnis seines Wandelns auf dem Marmor kleiner und am Ende des Raumes hinterließ er nur noch wenige Tropfen. Durch einen schmalen Gang und entgegen des allgemeinen Stroms an Besuchern trat er schließlich in den Heißbaderaum und schlüpfte gleich im Eingang wieder in die hölzernen Schuhe, die seine Füße vor dem heißen Boden schützen sollten. Erst dort setzte er das Gespräch fort, nichtsahnend, wie wenig Asny das caldarium zu schätzen wußte.
"Die Lyra ist ein sehr schönes Instrument, sehr löblich, daß Du Dich mit ihr auseinandersetzt."
Wie sehr sie sich mit diesem Instrument wirklich auseinander gesetzt hatte und woher der Eifer für jenes Musikgerät wirklich stammte, das wußte Marcus auch nicht; es hätte ihn aber wahrscheinlich nicht sonderlich gestört.
"Dann wirst Du mir Beizeiten zeigen, welches Können Du im musischen Bereich aufweist."
Vielleicht konnte sie dahin gehend auch nützlich sein, denn Marcus brauchte noch jemanden, mit dem er musizieren konnte, das Spiel hatte er in den letzten Monaten, insbesondere seit des Krieges stark vernachlässigt, obwohl es ihm in all den letzten Jahren immer eine große Freude bedeutet hatte auf seiner Kithara zu spielen, dem Instrument, das ihn auf all seine Reisen begleitet hatte, von Achaia, Ägypten, Afrika, bis hin zu dem entfernten Syria und Parthia; immer in weichen Stoff gehüllt und einem hölzernen Kasten verpackt hatte das Instrument viele Widrigkeiten überstanden.
Klock, klack, rhythmisch setzten sich die hölzernen Schuhe auf den steinernen Boden während Marcus noch darüber nachsann, welches unverständliche Wort Asny jetzt - bzw. vorhin - schon wieder gebraucht hatte und das den Sinn eines Satzes völlig verfremden würde, wenn er das falsch interpretierte, also überging er diesen Punkt erstmal und würde noch einen Moment länger darüber sinnen - oder auch nicht, je nachdem, wie sehr ihm der heiße Dampf geistig zu schaffen machte und seine Gedanken träge und lahm machte wie einen zähen Batzen Schleim -; jetzt jedoch bewegte er sich erstmal auf eine der Sitzgelegenheiten zu, an denen man es sich gut gehen laßen konnte und nahm dort auch Platz, sah einen Augenblick aus einem der hohen Fenster hinaus, durch das man die trüben Regenwolken draußen sehen konnte und den feinen Regenschleier, der sich in langen Bahnen den Himmel hinab zog, wie lange Spinnenfäden; sprich, es war zwar ein hypnotischer Anblick, wie die Wasserschlieren sich in einem zarten Reigen auf die Erdoberfläche zu bewegten, aber kein sonderlich erhebender oder aufmunternder Ausblick; einige Herzschläge vermochte der Regen jedoch Marcus' Gedanken gefangen zu nehmen, er hörte wie aus weiter Ferne das Murmeln der Menschen um sich herum, das Bad verschwomm und er sah nur noch den silbergrauen Schleier, doch dann riß er seine Augen von dem Anblick ab und spähte zu den Heißwasserbecken, in denen hölzerne Schöpfkellen lagen, mit einer Kinnbewegung deutete Marcus auf diese und wartete ruhig ab, daß Asny ihrer Aufgabe für den heutigen Tag nachging, nämlich das Mädchen für Alles bei seinem Thermenbesuch zu sein - von der Leinentuchträgerin, der Wasserübergießerin bis hin zur Gesellschafterin. Gemieden? Ianus? Opfer...Opfer! Ja, so Unrecht hatte Asny mit dem Hinweis nicht, es war fast so als ob sie darauf deutete, das er es bisher versäumt hatte und tatsächlich keime so etwas wie ein schlechtes Gewißen in Marcus auf, schließlich durfte man nie die Götter vergeßen und solche Ereignisse ohne ein entsprechendes Opfer paßieren laßen; Ianus? Hm, Marcus grübelte einige Momente, er würde da Gracchus fragen müßen, was er für richtig erachten würde, weswegen er jetzt erstmal unbestimmt nickte.
"Ein Opfer? Mithin ist das eine recht gute Idee, Asny, dem sollte ich wohl tun, wenn meine Amtszeit nicht ein völliges Desaster werden soll...was ohnehin paßieren wird."
Die letzten Worte murmelte er mehr in seinen nicht vorhandenen Bart hinein, denn er hatte sich an diesem Morgen ausgiebig in der villa rasieren lassen und das mit reichlich Öl, damit seine Gesicht danach nicht knallerot aussah.
"Aber Ianus? Ich weiß nicht so recht, wahrscheinlich ist er natürlich eine gute Wahl für den...Anfang eben, aber hm...hm...es gibt da soviel zu bedenken dabei..."
, meinte Marcus zögerlich und fügte in Gedanken hinzu: Und ich habe von all dem keinen blaßen Schimmer; nachdenklich schnalzte er mit der Zunge und seine Gedanken wanderten ein Stück weiter, weg von dem Eingang und Anfang und hin zu der Strecke, die er bald gehen mußte.
"Du meinst also eher Ianus? Hm..."
Von dem heißen Wasser in all den Becken stieg stetig der heiße Dampf in die Höhe und verteilte sich gemächlich wie Nebelschleier in dem Raum, selbst der heiße Dunst schien keine Lust auf das eher trübe Wetter zu haben und verzog sich wenig nach draußen, so daß alsbald der Schweiß aus Marcus' Poren triefte und sich auf seiner Stirn zu sammeln begann, aber auch an seinem Rücken, seinen Schultern, an der Brust, seinem prominenten Bauch und sogar an seinen Beinen; doch diese kleine Schwitztour tat ihm gut und er mochte es, lange in der feuchten Hitze zu verharren, denn danach fühlte er sich wunderbar träge, aber entspannt und durchaus hungrig, so daß das Abendessen umso köstlicher und deliziöser schmeckte. Und langsam begann er in diesen Zustand zu gleiten, der entspannten Erschöpfung – obwohl er am heutigen Tage wirklich nichts geleistet hatte.
„Soso, es gibt also viele Fähigkeiten, die Du besitzt und die ich nicht kenne, dann scheinst Du wohl ein unendlicher Brunnen zu sein, deßen Tiefen genauso unauslotbar sind, hm? Na, egal, dann berichte mir mal von diesen unendlich mannigfaltigen Fertigkeiten, die Du Dein Eigen nennst, Asny.“
Es gab einen großen Unterschied zwischen dem Genie von Asny und die seines Vetters Gracchus – mal von den unbedeutenden Tatsachen abgesehen, daß Asny weiblich und versklavt war, weder eine Patrizierin, noch eine Flavierin – aber das lag in dem großen Makel, den Asny besaß - oder war es eher der Fehler des Gracchus? Ihr fehlte schlichtweg ein kleiner Funken an Bescheidenheit, der Größenwahnsinn hatte sich wie ein Schmarotzer an ihre Klugheit geklammert und ließ nicht locker, so daß der letztere Part keine Chance zu haben schien, einige Momente klar zu sehen was die eigene Person anging – derart erschien es Marcus in manchen Momenten, in anderen Augenblicken machte er sich hinwieder keine großen Gedanken darum; und auch jetzt war es nur ein kurzes Aufflammen eines Geistesfunken, der sofort von dem heißen Schwaden in dem Raum erstickt wurde und keine Chance hatte, richtig Aufzuglühen oder gar Feuer zu fangen.