Beiträge von Marcus Flavius Aristides

    Allein die kleine Runde durch das kalte Becken hatte genügt, Marcus trägen Kreislauf anzukurbeln und das Blut durch seinen Körper schneller zu pumpen, sein Gesicht nahm eine gesunde Röte an, auch die sonstige Haut färbte sich in einem Roséton, insbesondere dort, wo die Haut deutlich blasser war als an anderen Körperstellen, selbiger Stelle, wo er ob Sommers oder Winters seine Tunika trug und die Sonne selten die Oberfläche seines Körpers erreichte. Und natürlich waren die Nachwirkungen von seiner Militärzeit, wo er fast jeden Tag bei jedem Wind und Wetter draußen gewesen war, in den letzten Wochen auch sukzessiv verblaßt und die Gebratene-Hähnchen-Bräune aus Parthien war sowieso schon längst verschwunden; und selbst wenn Marcus eher ein dunkler italischer Typus war, so war er doch nicht von Natur aus mit einer dunkleren Haut ausgestattet. Indes grübelte Marcus noch über das Mysterium, warum Asny die Gebühr erlassen worden war, hatte sie die Aufseher bestochen, sie an der Nase herum geführt oder einfach nur zu Tode genervt, so daß sie auch so umsonst hinein kam? Doch dieser Gedankengang ob dieses kleinen Geheimnisses, das im Grunde kaum der Aufmerksamkeit wert war - oder doch? -, verweilte nicht lange in Marcus' Geist, wohingegen ihm die spätere Antwort auf seine immer wieder leichthin in den Raum geworfene Fragen mehr sein Augenmerk auf das Gesagte lenkte. Alsbald brachte Asny wieder hervorragend ihre dünkelhafte, prätentiöse und selbstverblendete Arroganz zum Ausdruck, mit mancher Bemerkung eine deutliche, unterschwellige Beleidigung vermittelnd - etwas, was Marcus schon recht gut zu ignorieren wußte - doch welch Wunder, gänzlich beleidigend schienen nicht alle Worte zu sein, oder war es Ironie? Ganz sicher war sich Marcus bei Asny eben nie und langsam glaubte er, sie machte das mit Absicht. Einige kalte Wassertropfen perlten über seine Stirn, sprangen über seine dunklen und dichten Augenbrauen hinweg und floßen über seine Wangen, ehe ein schnelle Wischen seiner Hand sie vertrieb. Doch auch noch andere kleinere und größere Sturzbäche von Tropfen suchten sich ihren Weg über seinen Körper, der doch einige Rundungen enthielt, gerade an seinem Bauch, der etwas über dem Leinentuch überstand und der einen langen Weg für mancher von den kleinen Wasserflüssen bedeutete. Keine Tunika verbarg jetzt seine nicht unbeträchtliche Leibesmitte und kaschierte, daß Marcus eben zwei Zentner auf die Wage bringen würde. Aber völlig ob dieser Tatsache ungeniert und vollkommen mit sich im Reinen, mal von kleineren, aber eher äußerlichen Umständen in seinem Leben abgesehen, die aber eben von Außen kamen, und natürlich dem steten Schmerz in seinem rechtem Knie, das ihn ständig erinnerte, daß es nicht mehr voll funktionsfähig war. Doch nach dem kühlenden Bad fühlte es sich für den Moment weniger störend an, ein Grund, warum Marcus gerne zuerst einen kleinen Sprung ins kalte Wasser wagte, ehe er sich in die heißeren Gefilde der Thermen begab.
    "Die Flöte und die Lyra? Hm, hervorragend."
    , meinte Marcus und drehte sich um, um an ein paar miteinander plauschenden Männern vorbei in Richtung des caldarium zu marschieren, dabei mit jedem Schritt eine kleine Pfütze hinterlaßend, die sich um seine bloßen Füße bildete, mit jedem Auftreten wurde das Zeugnis seines Wandelns auf dem Marmor kleiner und am Ende des Raumes hinterließ er nur noch wenige Tropfen. Durch einen schmalen Gang und entgegen des allgemeinen Stroms an Besuchern trat er schließlich in den Heißbaderaum und schlüpfte gleich im Eingang wieder in die hölzernen Schuhe, die seine Füße vor dem heißen Boden schützen sollten. Erst dort setzte er das Gespräch fort, nichtsahnend, wie wenig Asny das caldarium zu schätzen wußte.
    "Die Lyra ist ein sehr schönes Instrument, sehr löblich, daß Du Dich mit ihr auseinandersetzt."
    Wie sehr sie sich mit diesem Instrument wirklich auseinander gesetzt hatte und woher der Eifer für jenes Musikgerät wirklich stammte, das wußte Marcus auch nicht; es hätte ihn aber wahrscheinlich nicht sonderlich gestört.
    "Dann wirst Du mir Beizeiten zeigen, welches Können Du im musischen Bereich aufweist."
    Vielleicht konnte sie dahin gehend auch nützlich sein, denn Marcus brauchte noch jemanden, mit dem er musizieren konnte, das Spiel hatte er in den letzten Monaten, insbesondere seit des Krieges stark vernachlässigt, obwohl es ihm in all den letzten Jahren immer eine große Freude bedeutet hatte auf seiner Kithara zu spielen, dem Instrument, das ihn auf all seine Reisen begleitet hatte, von Achaia, Ägypten, Afrika, bis hin zu dem entfernten Syria und Parthia; immer in weichen Stoff gehüllt und einem hölzernen Kasten verpackt hatte das Instrument viele Widrigkeiten überstanden.


    Klock, klack, rhythmisch setzten sich die hölzernen Schuhe auf den steinernen Boden während Marcus noch darüber nachsann, welches unverständliche Wort Asny jetzt - bzw. vorhin - schon wieder gebraucht hatte und das den Sinn eines Satzes völlig verfremden würde, wenn er das falsch interpretierte, also überging er diesen Punkt erstmal und würde noch einen Moment länger darüber sinnen - oder auch nicht, je nachdem, wie sehr ihm der heiße Dampf geistig zu schaffen machte und seine Gedanken träge und lahm machte wie einen zähen Batzen Schleim -; jetzt jedoch bewegte er sich erstmal auf eine der Sitzgelegenheiten zu, an denen man es sich gut gehen laßen konnte und nahm dort auch Platz, sah einen Augenblick aus einem der hohen Fenster hinaus, durch das man die trüben Regenwolken draußen sehen konnte und den feinen Regenschleier, der sich in langen Bahnen den Himmel hinab zog, wie lange Spinnenfäden; sprich, es war zwar ein hypnotischer Anblick, wie die Wasserschlieren sich in einem zarten Reigen auf die Erdoberfläche zu bewegten, aber kein sonderlich erhebender oder aufmunternder Ausblick; einige Herzschläge vermochte der Regen jedoch Marcus' Gedanken gefangen zu nehmen, er hörte wie aus weiter Ferne das Murmeln der Menschen um sich herum, das Bad verschwomm und er sah nur noch den silbergrauen Schleier, doch dann riß er seine Augen von dem Anblick ab und spähte zu den Heißwasserbecken, in denen hölzerne Schöpfkellen lagen, mit einer Kinnbewegung deutete Marcus auf diese und wartete ruhig ab, daß Asny ihrer Aufgabe für den heutigen Tag nachging, nämlich das Mädchen für Alles bei seinem Thermenbesuch zu sein - von der Leinentuchträgerin, der Wasserübergießerin bis hin zur Gesellschafterin. Gemieden? Ianus? Opfer...Opfer! Ja, so Unrecht hatte Asny mit dem Hinweis nicht, es war fast so als ob sie darauf deutete, das er es bisher versäumt hatte und tatsächlich keime so etwas wie ein schlechtes Gewißen in Marcus auf, schließlich durfte man nie die Götter vergeßen und solche Ereignisse ohne ein entsprechendes Opfer paßieren laßen; Ianus? Hm, Marcus grübelte einige Momente, er würde da Gracchus fragen müßen, was er für richtig erachten würde, weswegen er jetzt erstmal unbestimmt nickte.
    "Ein Opfer? Mithin ist das eine recht gute Idee, Asny, dem sollte ich wohl tun, wenn meine Amtszeit nicht ein völliges Desaster werden soll...was ohnehin paßieren wird."
    Die letzten Worte murmelte er mehr in seinen nicht vorhandenen Bart hinein, denn er hatte sich an diesem Morgen ausgiebig in der villa rasieren lassen und das mit reichlich Öl, damit seine Gesicht danach nicht knallerot aussah.
    "Aber Ianus? Ich weiß nicht so recht, wahrscheinlich ist er natürlich eine gute Wahl für den...Anfang eben, aber hm...hm...es gibt da soviel zu bedenken dabei..."
    , meinte Marcus zögerlich und fügte in Gedanken hinzu: Und ich habe von all dem keinen blaßen Schimmer; nachdenklich schnalzte er mit der Zunge und seine Gedanken wanderten ein Stück weiter, weg von dem Eingang und Anfang und hin zu der Strecke, die er bald gehen mußte.
    "Du meinst also eher Ianus? Hm..."


    Von dem heißen Wasser in all den Becken stieg stetig der heiße Dampf in die Höhe und verteilte sich gemächlich wie Nebelschleier in dem Raum, selbst der heiße Dunst schien keine Lust auf das eher trübe Wetter zu haben und verzog sich wenig nach draußen, so daß alsbald der Schweiß aus Marcus' Poren triefte und sich auf seiner Stirn zu sammeln begann, aber auch an seinem Rücken, seinen Schultern, an der Brust, seinem prominenten Bauch und sogar an seinen Beinen; doch diese kleine Schwitztour tat ihm gut und er mochte es, lange in der feuchten Hitze zu verharren, denn danach fühlte er sich wunderbar träge, aber entspannt und durchaus hungrig, so daß das Abendessen umso köstlicher und deliziöser schmeckte. Und langsam begann er in diesen Zustand zu gleiten, der entspannten Erschöpfung – obwohl er am heutigen Tage wirklich nichts geleistet hatte.
    „Soso, es gibt also viele Fähigkeiten, die Du besitzt und die ich nicht kenne, dann scheinst Du wohl ein unendlicher Brunnen zu sein, deßen Tiefen genauso unauslotbar sind, hm? Na, egal, dann berichte mir mal von diesen unendlich mannigfaltigen Fertigkeiten, die Du Dein Eigen nennst, Asny.“
    Es gab einen großen Unterschied zwischen dem Genie von Asny und die seines Vetters Gracchus – mal von den unbedeutenden Tatsachen abgesehen, daß Asny weiblich und versklavt war, weder eine Patrizierin, noch eine Flavierin – aber das lag in dem großen Makel, den Asny besaß - oder war es eher der Fehler des Gracchus? Ihr fehlte schlichtweg ein kleiner Funken an Bescheidenheit, der Größenwahnsinn hatte sich wie ein Schmarotzer an ihre Klugheit geklammert und ließ nicht locker, so daß der letztere Part keine Chance zu haben schien, einige Momente klar zu sehen was die eigene Person anging – derart erschien es Marcus in manchen Momenten, in anderen Augenblicken machte er sich hinwieder keine großen Gedanken darum; und auch jetzt war es nur ein kurzes Aufflammen eines Geistesfunken, der sofort von dem heißen Schwaden in dem Raum erstickt wurde und keine Chance hatte, richtig Aufzuglühen oder gar Feuer zu fangen.

    Zitat

    Original von Aurelia Prisca


    Einen wirklich genauen Blick auf das, was er denn eigentlich immer wieder aß von seinem Teller, konnte Marcus nicht werfen, nur ein Teil von seinem Geist – dem, der solche kulinarischen Genüße stets die vollste Aufmerksamkeit entgegen brachte – bemerkte immer mal wieder, was für Leckerbißen er da zu sich nahm. Doch der Mammutbatzen seines Bewußtseins war in diesen Herzschlägen eben auf die junge Frau gerichtet – sie schien ihm wirklich blutjung zu sein, wie seine Tochter; und Marcus fühlte sich in dem Moment doch wieder älter als sein normales Selbstgefühl es ihm sonst vorgaukelte, aber es war nicht zu leugnen, er könnte wahrscheinlich der Vater jener Patrizierin sein. Wetter? Wieso Wetter? Einen Herzschlag wirkte Marcus irritiert, bis ihm aufging, daß er ja das Thema ungeschickterweise darauf gelenkt hatte, in dem mangelhaften Versuch, etwas sinnvolles von sich zu geben, was der Situation und vor allem seiner Betretenheit dienlich sein konnte. Er nickte andeutungsweise bei ihrer Antwort, selbst wenn es jedoch jetzt anfing zu regnen, wäre es wohl für die Hochzeit auch nicht mehr so schlimm, der Brautzug war schließlich unter das trockene Dach gebracht worden. Sie hatte also seine Frau kennen gelernt, im Iunotempel, herrje, und dann auch noch über ihn gesprochen? Was Frauen wohl so miteinander sprachen, wenn sie alleine waren? Marcus hatte dabei eine recht lebhafte Phantasie, doch natürlich in eine gänzlich andere Richtung, und war somit doch recht ahnungslos; Frauen waren an sich für ihn ein Mysterium, wie Feuer und Wasser gemischt, flacker- und flatterhaft, reizbar, mit vielen Tiefen und steter Bewegung ausgestatttet; und man konnte sich schnell die Finger an ihnen verbrennen. Oha, Parthien...Marcus aß ein Stück von etwas in mulsum getauchtem Geflügel und kaute nachdenklich, ehe er marginal mit der Schulter zuckte und den Bißen hinunter schluckte.


    „Die Fürstenhäuser? Öhm, da muß ich ehrlich gesagt paßen, werte Aurelia, denn wir sind nie in die große Hauptstadt der Parther vorgedrungen, nur einige kleiner Städte konnten wir erobern.“
    Einige war vielleicht auch übertrieben.
    „Aber es kann gut sein, denn die Parther haben durchaus ihren Reichtum und man sagt, daß der Shah der Parther hundert Ehefrauen hat. Wer so viele Ehefrauen hat, der muß unglaublich reich sein, denn eine Einkaufsrunde all der Ehefrauen könnten einen normalen, selbst vermögenden Römer doch in den Ruin treiben.“
    Es zuckte um Marcus' Mundwinkel, denn er gab sich der Vorstellung hin, daß Frauen am Liebsten webten, tratschten, sich mit Freundinnen trafen und eben einkaufen gingen, mal von besonderen Frauen abgesehen, wie seine eigene Mutter; auch bei Epicharis nahm er nichts anderes an, was ihre liebsten Beschäftigungen anging, außer noch die Vorliebe für Brettspiele.
    „Sie nennen das Harem; und in den Harem darf nur ihr Ehemann, ansonsten leben dort nur die Frauen und Eunuchen.“
    Marcus fand die Vorstellung ja irgendwie schrecklich, aber vielleicht gefiel es den Frauen ja dort; eine entsprechende Diskussion hatte er ja schon mit Cassim geführt; und beide hatten festgestellt, daß sie von der jeweils anderen Art, mit ihren Frauen umzugehen, nichts hielten, zumal Marcus eben seine Mutter als Mutter hatte!


    Seine Augen schweiften über die zahlreichen Köpfe der munteren Hochzeitsgesellschaft und dann erblickte er auch seine Frau wieder, die sich am anderen Ende des Raumes aufhielt; täuschte er sich, oder schickte sie ihm Blicke zu, die töten könnten? Zumindest sprühte es unleidige Blitze aus ihren Augen und Marcus hatte das Gefühl, ertappt worden zu sein, wobei auch immer, er hatte keine Ahnung, aber Frauen fanden ja immer etwas, woran sie nörgeln konnten; Marcus hoffte, daß die Stimmung seiner Frau nur an dem üblichen Leiden der Frauen lag und in ein paar Tagen verflogen war und sich nicht dauerhaft in ihr manifestierte.
    „Die Parther sind auf jeden Fall wie die meisten Orientalen, etwas verlogen, sehr auf ihren Prunk bedacht und reichlich geschminkt, sogar die Männer.“
    Hatte Prisca das überhaupt auch wißen wollen? Marcus war durch seine Frau etwas aus dem Konzept gebracht worden.
    „Ich glaube, Du mußt mich jetzt jedoch entschuldigen, meine Frau scheint sich nicht ganz wohl zu fühlen heute.“
    , meinte Marcus, immer noch zu ihr rüber spähend, doch dann richtete er seinen Blick wieder auf Prisca und lächelte freundlich.
    „Es hat mich auf jeden Fall gefreut, Deine Bekanntschaft zu machen, Aurelia Prisca, ich hoffe, wir laufen uns noch mal über den Weg.“

    Mit trüben und ganz und gar nicht hochglücklichen Ausdruck auf dem Gesicht erreichte Marcus etwas später als der Sklave seines Vetters das Forum, tief besorgt und betrübt über den Zustand seines Vetters, brachte Marcus auch die letzten Schrite bis zu den Amtsträgern, Vorgängern, Senatoren, Consulen, und was sich sonst mit vielen Titeln dort versammelt hatten und Marcus reihte sich in die zukünftigen Vingintivire ein, und wartete Gedanken verloren, bis sie an die Reihe kamen. Er wurde auch aus diesen heraus gerißen, als einer seiner zukünftigen Kollegen sich dezent räusperte und ihm dann leicht in die Seite stieß, Marcus blinzelte einige Male ehe er ebenfalls nach vorne trat und wie so viele hunderte, tausende womöglich vor ihm den Eid sprach und von einer Schriftrolle ablas, so lange Eidesformeln lagen ihm nicht, da lobte man sich doch den Kurzen des Militärs. Nach dem ersten Holperstein, der nämlich so anfing und den Marcus erst überlass: Ego, - nomen -..., und einem neueren Ansetzen, nachdem ihm aufgegangen war, daß mit nomen, sein eigener Name gemeint war, sprach Marcus dann den Eid einigermaßen flüssig, was wohl an der Aufregung lag und sein übliches Stocken eher auf ein Minimum reduzierte, wobei er nicht ganz so flüßig den Eid aus sich heraus brachte, wie wohl der Rest der neuen Würdenträger.



    EGO, MARCUS FLAVIUS ARISTIDES, HAC RE IPSA DECUS IMPERII ROMANI
    ME DEFENSURUM, ET SEMPER PRO POPULO SENATUQUE
    IMPERATOREQUE IMPERII ROMANI ACTURUM ESSE
    SOLLEMNITER IURO.


    EGO, MARCUS FLAVIUS ARISTIDES, OFFICIO TRESVIR CAPITALIS IMPERII ROMANI ACCEPTO,
    DEOS DEASQUE IMPERATOREMQUE ROMAE IN OMNIBUS MEAE VITAE
    PUBLICAE TEMPORIBUS ME CULTURUM, ET VIRTUTES ROMANAS
    PUBLICA PRIVATAQUE VITA ME PERSECUTURUM ESSE IURO.


    EGO, MARCUS FLAVIUS ARISTIDES RELIGIONI ROMANAE ME FAUTURUM ET EAM
    DEFENSURUM, ET NUMQUAM CONTRA EIUS STATUM PUBLICUM ME
    ACTURUM ESSE, NE QUID DETRIMENTI CAPIAT IURO.


    EGO, MARCUS FLAVIUS ARISTIDES, OFFICIIS MUNERIS TRESVIR CAPITALIS
    ME QUAM OPTIME FUNCTURUM ESSE PRAETEREA IURO.


    MEO CIVIS IMPERII ROMANI HONORE, CORAM DEIS DEABUSQUE
    POPULI ROMANI, ET VOLUNTATE FAVOREQUE EORUM, EGO
    MUNUS TRESVIR CAPITALIS UNA CUM IURIBUS, PRIVILEGIIS, MUNERIBUS
    ET OFFICIIS COMITANTIBUS ACCIPIO.

    Bo- In -nhe! Selbst in Gedanken konnte Marcus den Namen dieses Flußes nicht mit der Betonung wiedergeben, die Bridhe benutzte, es klang sehr fremd in seinen Ohren, wie auch die Sprache der Germanen in seinen Ohren klang, damals, als er noch in Germania stationiert gewesen war und ab und an den Einheimischen hatte lauschen können, auch manchen Kelten, die dort lebten, des Handels wegen; aber für ihn klang alles recht ähnlich und gar Unterschiede zwischen den Kelten hatte er nie wahrgenommen, weil er auch nie auf sie achtete. Er nickte hinwieder langsam und nachdenklich, na, wenn ihre Familie lebte, hatte sie nicht den Wunsch, in die Heimat zurück zu kehren, jetzt, wo sie frei war? Oder war sie in der villa Flavia einfach inzwischen zu sehr zu Hause, daß sie gar nicht mehr auf den Gedanken kam? Natürlich war das Marcus nicht unrecht, nicht, weil er es Bridhe nicht gönnen würde, ihre Familie wieder zu sehen – gerade er als Familienmensch konnte das wirkliche nachvollziehen – aber sie hatte auch seinen Neffen als ihren Sohn, den Sohn seines Vetters, und es war Marcus gar nicht recht zu sehen, daß der kleine Wurm in der Fremde und unter lauter Barbaren aufwuchs und sie damit seine Chancen im Römischen Imperium minderte oder gar zerschlug, indem sie wieder nach Britannia zurück kehrte, doch er schwieg sich dazu aus, jedes falsch gesetzte Wort konnte bei solchen Dingen und jungen Müttern auf den falschen Nerv treffen und genau das Gegenteil verursachen. Einen Moment zauderte Marcus, denn ein Funke von Neugier glomm in ihm, wie der rote Schimmer im Ofen, doch er schwieg und stellte die unausgesprochenen Fragen nicht; warum war sie in die Sklaverei gekommen? Warum nach Rom? Warum ihre Familie nicht? Oder doch und sie hoffte nur und wußte es gar nicht richtig, daß sie wirklich in ihrer Heimat waren? Nein, das war nicht gut, solche Fragen zu stellen und Marcus schluckte sie herunter, noch ehe sie seine Kehle hinauf finden und sich aus seinem Mund kitzeln konnten.
    „Zweiundzwanzig? Hm, dann bist Du...öhm...fast halb so alt wie ich!“
    Marcus lächelte verschmitzt und selbst wenn man dieses in dem rötlichen Dämmerlicht der culina nicht sah, so hörte man es doch deutlich aus seiner Stimme heraus, selbst wenn sich Marcus in solchen Momenten alt fühlte, es war doch gar nicht so lange her gewesen, daß er selbst kaum älter als Zwanzig gewesen war; gar nicht so lange.
    „Meine Tochter Arrecina, meine kleine Cinilla, wäre fast so alt wie Du...wenn sie nicht gestorben wäre!“
    Es war eigentlich nie gut für Marcus, über seine Tochter zu sprechen und schon als er die Worte aus seinem Mund purzeln hörte, selbst wenn sie wie aus einer traurig versiegenden Quelle zu stammen schienen, bereute er es sofort wieder und das Lächeln war schon längst hinweg geschmolzen, leise seufzend betrachtete er den Geschirrhaufen und kämpfte mit der wachsenden Trauer in sich, die sich immer wieder durch sein Innerstes bohrte.
    „Ich denke, wir können das Geschirr bis morgen stehen laßen und noch ein paar Familienmitglieder verdonnern, daß sie uns helfen, geht ja nicht an, daß die Flavier an den Saturnalien auf der faulen Haut liegen, hm? Und wir gehen jetzt erstmal schlafen, der Tag war lang genug. Meinst Du nicht auch, Bridhe?“
    , fragte er sie freundlich, mit leicht gedämpfter Stimme.

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    Original von Asny
    ....


    Es war irgendwie erheben, der Zeremonie folgen zu dürfen, dem Austausch der Ehegelübde zu folgen – die beiden Brautleute schienen sich ehrlich zugetan zu sein, zumindest glaubte Marcus das in ihren Blicken und der Art, das Gelübde abzulegen zu erkennen, aber vielleicht hatte er auch einfach nur zuviel Rosa an seiner Sklavin gesehen, daß kleine, derart gefärbten Wolken vor seinen Augen schwebten – es war jedoch nicht nur eine Freude, daß seine bezaubernde und liebreizende, dabei doch flavisch taffe junge Verwandte unter die Haube kam und somit wohl gut vorgesorgt war – denn eigentlich wäre Marcus sonst in eher finsterer Stimmung, schließlich war er bei den weiblichen Verwandten immer recht eigen! – es war mehr die Freude, daß nicht er hier und heute heiraten mußte! Ungeachtet der Tatsache, daß er auch nicht mehrere Frauen – wie Cassim – ehelichen konnte, so war jede Hochzeit, auf der er nicht der Bräutigam war, eine gute Hochzeit; so lächelte er dementsprechend selig und leutselig, wartete dabei geduldig, daß jeder Form und jedem Ritus genüge getan wurde, selbst wenn sein Blick immer wieder zu dem Segelschiff glitt – wie von einem Magneten angezogen. Nur einmal sah er kurz irritiert über seine Schulter, hatte Asny etwas gesagt? Aber es war im Rascheln der Stoffe, der Schritte auf den Holzbohlen des Steges und anderen Geräuschen der Kulisse untergegangen, Marcus war sich nicht sicher, ob es von seiner Sklavin, oder manch einem munter plappernden Gast gekommen war, scheinbar war es jedoch nicht wichtig gewesen, denn Asny – so er sie kannte! - hätte Wert darauf gelegt, daß er ihre Worte vernommen hätte, wenn sie es für wichtig befunden hätte, Asny war ein gründlicher Mensch, das ist ihm mehr als einmal aufgefallen, eine Perfektionistin mithin und in manchen Bereichen eine richtige Künstlerin, wenn er auch nie den begeisterten Funken eines Inspirierten in ihr gesehen hat, aber vielleicht verbarg sie diesen gut vor ihm; schließlich arbeiteten die Sklaven nur für die Herrschaften und Marcus gehörte auch nicht zu der Sorte von Römern, die sich allzu viele Gedanken um ihre Sklaven machten, meistens zumindest, es sei denn, sie drängten sich ihm einfach mit ihrer Präsenz auf oder es gab etwas an ihnen, was seine Aufmerksamkeit weckte – egal ob Positiv oder eben auch Negativ.


    Hunger!, dachte Marcus plötzlich. Warum? Die Salzluft eingesogen, einmal mehr den Mund zu einem Lächeln auseinander gezogen, etwas das Gewicht von einem Fuß auf den Anderen verlagert und dann war es geschehen, das Frühstück – das Magere – war einfach zu lange her gewesen und der Sonnenwagen schon ein gutes Stück über das Firmament geholpert. Zuerst geschah es leise, daß sein Magen dem einfachen Wunsch seines Geistes folgte – oder war er der Grund für den Gedanken, wie die Sache mit dem Henne und dem Ei? - nun ja, zumindest grummelte er leise, blubberte als sich der frisch gebackene – oder war er doch noch nicht ganz durch? Fehlte ja noch die Ehenacht! - Ehemann sich an die Gäste wandte; und als er die Worte bitte euch an Bord in Kombination mit Festmahl hörte, jubelierte sein Magen prompt mit einem lauteren und crescendohaften Gluckern, was von einem seligen Lächeln auf dem Gesicht von Marcus kommentiert wurde, somit mußte er nicht lange leiden, so daß er in Vorfreude doch recht gut gelaunt war und seinen Kopf zu Asny wandte, um die Worte zu vernehmen, die sie bewußt an ihn richtete als Antwort auf seine vorigen Fragen. Er nickte langsam, als er von der Identität des Prudentiers vernahm, also ein gewichtiger Mann, doch noch nicht so alt und mit einer jungen, schönen Frau- mit dem consul sogar verwandt? Dem Kaiser?-, der würde es bestimmt noch weiter nach oben bringen; was wohl das Geheimnis solcher Männer waren, die leichthin ihren Weg gingen? Die Beziehungen, die Richtigen? Das mit dem Adoptivsohn leuchtete Marcus ein, denn das gehörte schließlich durchaus zum guten Ton in Rom; mindestens seit Iulius Caesar und seinen Neffen Octavian, der jetzige Kaiser hatte ja dieselbe Ehrung erhalten; was wäre das Imperium heute, wenn der göttliche Caesar den Schritt nicht getan hätte? Vielleicht immer noch hauptsächlich vom Senat regiert, ohne eine starke Hand des Imperator – mal von den irren Auswüchsen mancher Kaiser abgesehen, die Marcus gut zu verdrängen wußte – welch schreckliche Vorstellung! Marcus, der mit dem Senat immer nur schrecklich langweilige Reden verband, schüttelte entgeistert bei diesem kleinen gedanklichen Ausflug den Kopf– alles geweckt durch Asnys Worte, anscheinend fruchteten ihre Bemühungen schon, ihn herauszufordern, denn er dachte deutlich mehr nach als noch vor Monaten, oder?


    Seine Augen wanderte noch mal zu seinem eher nutzlosen Vetter, über den seine Meinung durch seine Lieblingsbase Leontia schon verdorben war, und er schüttelte andeutungsweise den Kopf; nun ja, seine Sache. Marcus suchte im Gesicht der jungen, sehr hübschen jungen Decima Ähnlichkeiten zu einer der wuchtigsten und grandiosesten Frauen des Imperium – Decima Lucilla – aber außer einem Hang zu dunklen Haaren, eben ihrer Schönheit, war doch kaum Ähnlichkeiten zu sehen, zumindest in Marcus' Augen nicht, und damit war das Thema des Vater-Tochter-Paares für ihn abgehakt und er wandte sich dem Schiff zu. Er nickte Asny noch einmal marginal zu, was ein Zeichen war, daß er mit dem Gesagten sehr zufrieden war und er somit im Bilde war, zumindest was einige Gäste anging; daß sie die Gestik verstehen würde oder nicht, das war ihm relativ egal, nein, eigentlich erwartete er es doch, schließlich wollte sie die perfekte Sklavin sein, dann hatte sie auch sowas zu verstehen und deuten zu können; er sah sich suchend um, denn irgendwie war ihm seine Frau erneut abhanden gekommen, was auf Hochzeiten, die nicht ihre Eigene war, wohl eine Gewohnheit zu werden schien, aber wahrscheinlich hatte sie als Brautführerin genug heute zu tun, darum winkte er nur Asny mit einer ebenso dezenten Geste, ihm zu folgen, als er sich dem Strom anschloß und auf das Schiff zustrebte. Der Steg ächzte leise unter seinem Gewicht, um sich wohl über jedes Pfund zuviel, was er unter der farbigen toga gut zu verbergen wußte, zu beschweren, aber unbeschwert und mit sicherem Schritt überwand Marcus das schmale Hindernis und betrat mit deutlichem Glücksgefühl, was sich im fröhlichen Funkeln seiner dunklen Augen wieder spiegelte, das Schiff; die hohe Neugier obsiegte über die niederen Triebe – den Hunger – in diesen Herzschlägen, obgleich Marcus im Weiterschreiten ein halbes Ei von einer Silberplatte stibitzte, doch seefest und fest marschierte er weiter über das Deck.
    „Hast Du schon mal eine Schiffspartie mitgemacht, Asny?“
    , fragte er, sich sicher, daß Asny gleich in seiner Nähe weilte, wie sonst hätte sie eine perfekte Sklavin sein wollen, da er doch gerade seiner Freude über das Schiff Ausdruck verleihen wollte, perfekte Sklaven wußten schließlich, wann ihr Herr einen aufmerksamen Zuhörer brauchten. 8)
    „Dieses Schiff ist eine corbita! Eigentlich sind solche Schiffe eher für den Handel im Einsatz, da sie einen großen Laderaum haben und somit ein etwas bauchförmiges Äußeres; solche Schiffe sind nicht ganz so schnell wie zum Beispiel eine triere, die wie ein Pfeil durch das Wasser schnellen kann, wenn gute und trainierte Soldaten die Ruder bedienen – und nicht nur ausgemergelte und abgearbeitete Sklaven und Sträflinge – oder solche wie mit Deinen Armen.“
    Marcus konnte sich eines feixenden Grinsens nicht verkneifen und tippte dabei Asny an die Arme, die - wie er dann heraus fand- gar nicht so puppenhaft waren, selbst wenn sie niemals den Umfang eines trainierten Gladiators oder Ruderers haben konnten. Marcus pfiff leise und anerkennend durch die Zähne.
    „Trainierst Du?“
    , fragte er und sah gleichzeitig zu dem Segel hoch.
    „Das Hauptsegel nennt sich siparum und das kleine Segel am zweiten Mast nennt man auch das artemon Segel. Der Vorteil von diesem Schiff ist, daß es recht gut mit dem Wind segeln kann, aber aufgrund der Last – insbesondere wenn sie nicht balanciert verteilt ist und optimal dem Schiff angepaßt – und der Dickbäuchigkeit, hat sie die Tendenz land- und luvgierig zu sein und schwer zu navigieren, da gehört schon etwas Geschick dazu.“
    Marcus sah sich suchend um, ob er Matrosen oder den Kapitän erkennen konnte, um ihn vielleicht später noch ins Gebet zu nehmen, und etwas ausquetschen zu können.
    „Bist Du seefest, Asny?“
    Marcus früherer Leibsklave war es nicht gewesen, ein Schritt zu weit an das Meer heran und der Sklave war grün geworden und hatte gleich seinen Kopf zu einem nicht ungewöhnlich neptunischen und nicht sonderlich appetitlichen Opfer senken müßen.

    Zitat

    Original von Manius Flavius Gracchus
    ...


    :( Völlig verständlich, aber dennoch geht wohl einer der besten Spieler - meiner Meinung nach - vom IR...nicht nur schade darum. Du wirst eine wohl kaum zu schließende Lücke hinterlaßen und sowieso eine der Hauptsäulen verschwindet, warum man - zumindest ich - im IR noch spielen mag...

    Eiskalt waren die Augen von Marcus als sie sich doch für einen Moment auf den Parther richteten, jetzt fing er also an, ihn auch noch zu erpressen? Etwas, was bei Marcus natürlich nicht zu der Reaktion führte, die der Sklave wohl provozieren wollte, nämlich ein Umschwenken der Strafe auf eine milde oder gar nicht vorhandene Form, aber im Gegenteil und Marcus durchbohrte ihn mit diesem Blick.
    „Dann, Cassim, ist Dein Leben nicht mal ein Sesterz mehr wert!“
    Es ging ihm weniger darum, daß Cassim das Geheimnis ausplauderte, es hätte Marcus mehr in tiefe Verlegenheit und Peinlichkeit gestürzt, sondern darum, daß der Parther sich als falsche Schlange erweisen würde und da war Marcus – bei den Göttern – wirklich nicht gnädig oder nachsichtig; insbesondere, da er sich niemals von einem Sklaven erpreßen laßen würde, das war kein Sklave wert. Marcus sah zurück zu Celerina und der harte Ausdruck auf dem Gesicht schmolz etwas, er lächelte sogar andeutungsweise.
    „Mein Liebe, ich hoffe, daß Dir etwas genüge getan wurde, aber wenn Du mich vielleicht entschuldigst...die Pflichten...“
    Welche Pflichten? Marcus wollte nur der Neugier von Celerina entkommen. Pflichten hatte er natürlich keine mehr.
    „...ähm...die noch...von...der letzten Dienstzeit angefallen sind...da liegen noch ein paar Sachen herum...also...wir sehen uns dann bei der cena, meine Liebe.“
    Marcus lächelte etwas verkrampft dann doch, da es ihm unangenehm war, die ganze Situation jetzt, und er erhob sich, um aus seinem eigenen Gemach zu fliehen, selbst wenn er das mit den letzten Resten seiner Würde versuchte.

    [SIZE=4]Simoff: Tschuldigung.[/SIZE]



    Zufrieden nickte Marcus, als er die Amazone erblickte, die sich jedoch etwas zu reichlich Zeit gelassen hatte, aber Marcus wollte mal heute nicht so sein und verzog dieses Mal sein Gesicht nicht zu einer strengeren Miene; sie war ja schließlich noch Frischfleisch für die villa Flavia; er musterte kurz, was sie so alles bei sich trug und es schien ihm nicht sonderlich viel zu sein, aber hatte er etwas anderes erwartet? Nein, eigentlich nicht, so nickte er ihr zu und wandte sich ab, um durch das Tor zu schreiten, dabei erwartend, daß sie ihm folgte; und ohne Umwege und ohne Zaudern führte er sie schließlich in die villa Flavia, wo er sie erstmal an einen der Sklaven ablieferte, wenn Gracchus später nicht Zeit hatte, würde er sich die neue Sklavin in den nächsten Tagen einmal vornehmen.

    Der Wassertropfen löste sich von der grauen Ader, die sich durch die silberweiße Marmorplatte zog, ganz langsam geschah dies, zuerst sammelte sich immer mehr von dieser flüssigen Konsistenz in dem Gebilde, das die geometrische perfekte Form mit der geringsten Oberfläche aufwies, das Wasser zog sich zu einem birnenförmigen Tropfen auseinander und dann löste es sich von dem Gestein, völlig lautlos und von niemandem bemerkt sauste die kugelige Gestalt durch die feucht geschwängerte Luft und traf auf nackte Haut, explodierte dort in vielen winzig kleinen Fragmenten und vereinigte sich mit den Geschwistern, um mit anderen Rinnsalen den Körper herunter zu gleiten. Weißer, feuchter Nebel aus verdunstetem Wasser schwebte wie ein Sichtvorhang in diesem Raum, in dem wir uns befanden, in den Agrippathermen zu Rom, und es handelte sich um den caldarium, in dem die Hitze jeden der Besucher ordentlich zum Schwitzen gebracht werden sollte; und in eben selbigen Raum der sehr luxuriös ausgestatteten Thermen saß Marcus mit geschloßenen Augen, den Holzsandalen an den Füßen, die seine bloßen Sohlen vor der Hitze des Bodens schützen sollten, und nur mit einem Linnentuch um die Hüften geschlungen...doch Moment, zwei Schritte zurück an diesem Tag und eine gute hora zuvor:
    Es war eigentlich ein recht trüber Tag, die Sonne verbarg sich hinter den zahlreichen Wolken aus weißgrauer Konsistenz, immer mal wieder schickte der Wettergott einen feinen Nieselregen auf die Erde hinab, der sich wie ein feines Gespinst auf Marcus' schwarzes Haar legte und deren Regentropfen wie silbrige Perlen wirkten; unbeeindruckt vom nicht so prallen Regenwetter schlenderte Marcus, stets jedoch hinkend und in den letzten Wochen hatte sich dieser Makel an seinem Bein noch verstärkt, trotz der Behandlung, des alle paar Tage vorbei schneienden medicus, durch die Straßen Roms, um zu den großen und prachtvollen Thermen zu gelangen, wenig verriet an ihm seine Herkunft, vielleicht mehr der geübte Blick, der seine grüne Tunika aus mehr gutem Stoff erkannte, den Siegelring an seiner Hand mit der korallfarbenen Gemme erkannte, aber weder seine Stiefel verrieten einen Halbmond, noch trug er gar eine toga oder sonstige heraus stechende Merkmale, und da Markus vom Äußeren eher wie ein typisch arbeitender Mann wirkte, hätte man ihn auch glatt für einen Plebejer vom Aventin halten könnten, insbesondere, da er den Fußweg vorzog, statt sich mit der Sänfte zu den Thermen tragen zu laßen. Auch Asny, seine neue Leibsklavin, die ihm jetzt schon seit einigen Monaten in ihrer neuen Position diente, mußte somit ihm zu Fuß folgen, dabei hatte Marcus ihr die Badesachen in die Hand gedrückt, da er keine Lust hatte, selbige zu tragen – wofür hatte man bitte die Sklavenschaft, hm?


    Seine Sandalen traten über eine braune, schlammige Pfütze hinweg, spritzte etwas von der dunklen Brühe hoch, als er auf die geöffneten Tore der Thermen zuschritt, die sie dem Freund des ersten Kaisers verdankten, dem General und Feldherrn des Augustus; doch Marcus verlor weder einen Gedanken ob der Geschichte dieser Thermen, noch lauschte er den Worten von Asny mit sonderlich großer Aufmerksamkeit, obwohl er sie noch vor wenigen Momenten eben dazu aufgefordert hatte, ihm einen kurzen Bericht über ihre letzte Arbeit zu geben, aber Marcus' Gedanken verweilten ganz woanders, bei den Pflichten, die anstanden, der auf ihn zu kommenden Amtszeit – er wußte immer noch nicht, wann die Magistrate endlich vereidigt werden sollten, selbst sein Vetter war darob recht ratlos, aber schien unbesorgt zu sein; Marcus wußte ohnehin nicht, ob er dem Ganzen entgegen fiebern sollte, um das Jahr schnell herum zu bekommen, oder sich davor fürchten, aber immerhin hatten die Senatoren ihm den Posten zugesprochen, der ihm als ehemaliger Soldat doch am Nächsten lag. Gerade als sie an einer Gruppe von jungen Männern vorbei kamen, die wohl noch auf einen Freund warteten und sich lachend und scherzend unterhielten, drangen wieder einige Worte von Asny an sein Ohr, worüber hatte sie eben gesprochen? Marcus hatte nichts mitbekommen; er drehte den Kopf leicht zu seiner Sklavin.
    „Hm? Was hast Du gesagt?“
    , fragte er darum zerstreut nach, und war im nächsten Augenblick schon wieder mit den Gedanken ganz weit fort, nämlich bei einer Frau, die gerade einer Sänfte entstieg und aufsehend erregend dekadent, aber recht freizügig bis unsittlich gekleidet war, womit man all ihre Rundungen ausgiebig studieren konnte, da sie nur mit einem Hauch von Nichts bedeckt schienen; fror sie nicht?, der Gedanke schoß Marcus einen Herzschlag in den Kopf, doch seine Mundwinkel hoben sich ein wenig und er begaffte einige Herzschläge länger die schöne Frau, die sich ungeniert und mit souverän erhobenem Haupte in die Thermen begab, vielleicht eine Kurtisane? Darum waren Marcus' Gedanken wieder zerfahren wie weiße Wolken an einem windigen Tag; zerfasert und ohne Konsistenz.
    „Ah, ja...ja...“
    , murmelte Marcus und nickte, hätte Asny jetzt gefragt, ob er ihr die Freiheit schenkt, ob er ihr sein Vermögen überträgt, ob er sich gar von ihr kastrieren laßen möchte, Marcus hätte wohl mit dem vertrottelten Blick, den Männer bekommen, wenn sie eine schöne und begehrenswerte Frau sehen, genickt und auch nur Ja, ja! gemurmelt, doch es dauerte nicht lange, nachdem die aufsehen erregende Frau in dem Bad verschwunden war, daß sich Marcus aus dieser tollen Männerträumerei löste; er warf ihr einen schnellen Seitenblick zu.
    „Warst Du schon mal in den Thermen?“
    Als Bewohnerin der Stadt konnte es sich Marcus unschwer vorstellen, daß sie die Thermen nicht kannte, denn der Eintrittspreis war nicht sehr hoch und selbst für die ärmeren Leute erschwinglich; nur war es das erste Mal, daß er Asny zu seinen – beinahe – täglichen Badeausflügen mitnahm; und Marcus hoffte sehr, daß er es am Ende des Tages nicht bitter bereuen würde, denn mit Asny war es stets ein Tanz auf Messers Schneide, ein falscher Schritt und schon tat es höllisch weh.


    Während Marcus auf Asnys Antwort wartete und vielleicht sogar die Güte hatte, die vorigen Worte noch mal zu wiederholen – wobei Marcus sich hütete, da noch mal nachzufragen, um eventuellem Spott zu vermeiden, dem er kaum, außer mit rabiaten oder strengen Disziplinarmaßnahmen, etwas erwidern konnte; das Treiben um die Thermen war in den ersten Räumen natürlich genauso munter wie auf dem Weg zu der Agrippatherme; in einem der großen Umkleideräume, den Marcus betrat, das apodyterium, waren sie natürlich nicht alleine; doch das war etwas, was Marcus als Römer natürlich kannte und sich nicht daran störte, im Gegenteil, gerade die Geselligkeit und die Stimmen aller anderen Besucher, vielleicht sogar das eine oder andere bekannte Gesicht, waren einer der Gründe, warum er in die Thermen ging, denn ein großartiges Bad besaßen sie auch in der villa, doch hier in den Thermen war es etwas ganz anderes, dies war ein Ort der Zusammenkunft; Marcus trat auf eine Marmorbank zu und ließ sich dort nieder, um eigenhändig seine Stiefel aufzuschnüren und abzustreifen, dann löste er den Gürtel um seine Tunika, warf alles recht unordentlich neben sich und zog ungeniert und ohne Scheu die Tunika über seinen Kopf, um diese grob gefaltet neben sich zu legen; dann streckte er die Hand aus, um Asny zu bedeuten, daß sie ihm das Linnentuch zu reichen hatte, das er aus der villa mitgebracht hatte; Marcus erhob sich und schlang das Tuch um seine Hüften, wartend, daß sich auch Asny sich für die Thermen bereit machte, denn in ihrem Schuhwerk von Draußen konnte sie selbstredend ihn nicht begleiten, das stand natürlich außer Frage; Marcus, der heute besonders ungeduldig schien, trat jedoch schon einige Herzschläge später in das frigidarium, lief mit bloßen Füßen an das kalte Wasserbecken heran und legte das Leinentuch zur Seite, seine Fußspitzen berührten die aufgeworfene Wasseroberfläche, die immer wieder von Badegästen durchbrochen wurden.
    „Brrrr....“
    , murmelte er.
    „Kalt...!“
    , schloß er unnötigerweise an, dann machte er einen beherzten Schritt in das Wasser und ließ sich in das kalte Naß sinken, das ihn eiskalt und wie eine Ohrfeige ins Gesicht, aufnahm; ein wenig erinnerte ihn das an das Bad in dem fernen Parthien, dem Fluß dort, deßen Namen er bereits vergeßen hatte, aber Marcus liebte es zu schwimmen und das war auch etwas, was er gut konnte, denn schon im nächsten Herzschlag zog er mit kräftigen Schwimmzügen durch das kleine Becken, das war leider der Nachteil der Thermen, lange und ausgiebig schwimmen, wie in einem Fluß oder gar dem Meer, konnte er hier nicht, aber es gelang ihm, sich ein wenig zu bewegen, das Wasser verlor schnell seine erschreckende Kälte und nach einer doch deutlich längeren Zeit als die meisten Gäste in dem Kalt verweilten, erhob sich Marcus aus dem Wasser und wartete hinaus, um nach dem Tuch zu greifen, sofort schoß das Blut durch seinen Körper, wurde von seinem Herzen wieder in die Peripherie getrieben und rötete seine Haut kräftig, nur dort, wo seine früheren Verletzungen waren und an den Stellen er Narben zurück behalten hatte – an seinem Torso gab es einige, an seinem Bein auch, aber ebenso an seinem Arm-, blieb die Haut unnatürlich blaß.
    „Ich habe gehört, daß Du ein Instrument spielst, Asny!“
    Eine halbe Frage, eine halbe Feststellung, denn er bedachte die blonde Sklavin mit einem derartigen Blick; erst vor einigen Tagen war die Neuigkeit an seine Ohren gedrungen und er fragte sich, warum Asny es nicht selber erwähnt hatte, oder hatte sie es und es war einer jener Momente, in denen ihre Worte einfach an ihm vorbei rauschten und er ihr nicht zuhörte?

    Mir ist eine prinzipielle Frage aufgekommen als ich in einem Internettext eben las, daß in den römischen Thermen gemeinsam gebadet wurde: balnea mixta also. Das änderte sich erst nach einer Reihe von Skandalen und unter Kaiser Hadrian mit einem Gesetz vom dem Selbigen - so der Text, den ich gelesen habe. Weiß jemand was genaueres?
    Da es Hadrian ja noch nicht gab bei uns und es ihn wohl - leider - nie geben wird, hat das natürlich Aktualität für das Spiel hier ;) - da ich nur ein uralt Aediledikt finden konnte bisher, das was dazu sagt - und das wäre in dem Sinne ja völlig ahistorisch.

    Die Spiele waren vorbei, die Verlosung vollzogen und die ersten glücklichen Gewinner holten schon ihre Preise ab; Marcus ließ die Nummer mit dem Trostpreist verschwinden, es sollte wohl nicht sein, aber wie sagte man so schön? Pech im Spiel, Glück in der Liebe? Ob er da so ein glückliches Händchen hatte, da war sich Marcus nicht sicher, selbst wenn er seiner Frau von Herzen zugetan war; er warf noch mal einen Blick in das flavische Theater, wo noch einige Enten liegen geblieben waren, die erst später einige fleißige Sklavenhände aufräumen sollte; auch immer mehr an Bewegung entstand in den vielen Rängen des Theaters; Marcus spähte noch mal zu der Prominenz um sich und ob Salinator wohl noch was anfügen wollte, aber da der Sog der Zuschauer sich langsam nach draußen bewegte, lößte sich die Veranstaltung immer mehr auf.
    „Nun, meine Herrn, es war mir eine außerordentliche Freude, euch bei den Spielen anwesend gehabt zu haben.“
    Das war keine Ausgeburt der politischen Eloquenz, aber das kümmerte Marcus in dem Moment weniger.
    „Wenn ihr mich nun entschuldigen würdet? Ich wünsche euch auf jeden Fall noch einen angenehmen Tag, valete!“
    , verabschiedete sich Marcus freundlich von den beiden – wie er fand – doch sehr umgänglichen Zeitgenoßen, und Marcus fühlte sich bestätigt, an dem Tag, an dem Salinator so griesgrämmig gewirkt hatte bei den CU, mußte ihm wohl eine Laus über die Leber gelaufen sein. Marcus nickte den Beiden noch mal zu und erhob sich, um noch einige andere bekannte Gesichter zu verabschieden, nach der Familie zu sehen und irgendwann später, als sogar schon die Enten weggeräumt waren und der Sand gefegt wurde, auch den Heimweg anzutreten.

    Marcus' Augen schweiften in der Zelle herum, eine leere Pritsche, Stroh auf dem Boden, grobe Wände und ein ziemlich enger Raum war das doch hier, aber die Sklavenunterkünfte in der villa Flavia waren auch kaum beßer und es wohnten mehr Sklaven in einem Raum – der jedoch ein klein wenig größer war – dennoch war soetwas wie Privatssphäre sowohl hier als auch dort wohl nicht möglich, aber an solche Dinge dachte Marcus nicht, als er wieder zu der Amazone sah und sie noch mal eingehend musterte; ihr vorwitziger Tonfall war ihm nicht entgangen, aber er war in letzter Zeit so viel an offener und versteckter Rebellion, an Widerworten in einem einzigen Wasserfall und Zeichen sklavischer Aufsäßigkeit gewöhnt, daß ihn diese marginale Unterton gar nicht sonderlich störte. Marcus umrundete die Kämpferin mit langsamen, und leicht hinkenden Schritten und betrachtete sie wie ein Stück Ware von jeder Seite, doch, das paßte ihm, was er sah, selbst wenn es die Sklavin seines Vetters war, womöglich würde er sie ihm auch mal ausleihen, wenn er ihn darum bat. Es würde sich noch zeigen, ob die Sklavin überhaupt taugte, oder ob sie nur das Pack an rebellischen und ziemlich unnützen Sklaven in der villa bereichern würde, denen man kaum Herr werden konnte, wenn man sie nicht allesamt der Löwung übereignete; Marcus nickte marginal bei der Überlegung, war nicht auch irgendwo hier der Löwe von Serenus untergebracht worden, der mittlerweile eine stattliche Größe haben sollte?
    „Also gut, Penthesilea, dann pack' Deine Sachen, was Du halt so hast, und dann wirst Du mit in die villa kommen! Ich warte am Ausgang auf Dich!“
    , sprach er und drehte sich um, und verließ die karge Zelle wieder, sich sicheren Schrittes zu dem Tor begebend, wo auch wieder der Mann von vorher auftauchte, der ihm die Rechnungen präsentiert hatte; diesem teilte Marcus in knappen Worten mit, daß er gedachte, die Amazone mitzunehmen und wartete gegen eine Mauer gelehnt schließlich, bis die Ägypterin – Nubierin? Wie auch immer, die Amazone zu ihm stieß, mitsamt Kind und Kegel, beziehungsweise ihren Sachen.

    Sie ruhten, die Geschoße ihres verbalen Streits, die Kanonen von Widerworte und zornigen Ausbrüchen, das Feld des mentalen Kampfes, der in physische Übergriffe entartet war, lag für den Moment verlaßen vor Marcus' Füßen, selbst wenn es große Opfer gegeben hatte, bei ihm – der doch eher ein Mann der Physis war – waren es die mentalen Verletzungen, bei Asny – der mehr Vergeistigten – die körperlichen Wunden; jedem, wie es ihm wohl zugestand; düster und grimmig starrte Marcus auf die Bewegungen und gedachte nicht einen winzigen Bruchteil eines Herzschlages lang, ihr zu Hilfe zu kommen; er labte sich sogar an ihren Schwierigkeiten – nicht aus einem flavischen Sadismus heraus, der auch ihn manchmal überkam, wenn er genug gereizt wurde, wie an jenem Nachmittag – sondern aus purer und niederträchtiger Rachsucht heraus – ein Wesenszug, den er selten an sich entdeckte und darum sich auch nicht bewußt war, womöglich weil er selten dazu getrieben wurde oder sich treiben ließ, er neigte seinen Kopf und runzelte die Stirn nachdenklich, dieser Tag war wirklich einer der Ärgerlichsten in seinem Leben gewesen und es hatte ihn wohl noch nie ein Mensch so sehr auf die Palme gebracht, wie es Asny vermocht hatte; ob er zu verweichlicht war? Hätte er Asny nicht gleich verbannen sollen und ihr die Strafe angedeihen sollen, die eine derart unverschämte Sklavin auch verdient hätte? Was hätte sein Bruder getan? Und ganz besonders, wie hätte seine Mutter reagiert? Aber wahrscheinlich wäre es unter der Leitung seiner Mutter niemals so weit gekommen; Marcus seufzte lautlos in sich hinein und bedauerte es abermals, so wenig von seiner Familie geerbt zu haben, was diese mentalen Vorzüge anging. Die Öllampe zischte leise in der stetig wachsenden Dunkelheit, die letzte klägliche Flamme erzitterte ängstlich, ob ihrer letzten Lebenszüge und dann verlosch sie mit einem marginalen Zischen, der graue Rauch, der sich langsam gen Decke wölbte, um wie viele hundert andere Öllampenrauchsäulen etwas mehr den Ruß an den Wänden und der Decke der Unterkunft zu mehren und den weißen Kalk darunter verschwinden zu laßen, war in der nun vorherrschenden Schwärze nicht mehr wahrzunehmen; nur der schal brandige Geruch drang Marcus in die Nase und kitzelte ihn zu einem beinahe Nieser. Wie ein schwarzer Vorhang fiel es über ihn her und er sah einige Herzschläge lang nichts mehr, nur noch die Ausläufer der Nacht; so blinzelte er wenig gleichmütig als aus dem Nichts plötzlich Asny heran gewankt kam und ihre Konturen geisterhaft sich auf ihn zu stürzen schien; wollte sie sich bei ihm rächen? Marcus spannte sich an und preßte seine Kiefer fest aufeinander, doch die junge Frau berührte ihn nicht, kam keine Handbreit an ihn heran; und sobald sie den Mund aufmachte, floßen schon die Worte der Unverschämtheiten wieder hinaus, als ob sie eine nicht versiegende Quelle der Frechheit auf ihrer Zunge trug; Marcus entspannte sich ein wenig und lehnte sich wieder gegen das Gemäuer.
    „Wieder etwas, was uns unterscheidet, Asny, die Liste wird immer länger; denn Du bist schon in Ferne unerträglich.“
    Was sie mit evalu- und -ieren meinte, bot ihm genug an Rätsel, die er jedoch ignorieren würde, gleichwohl er sie für zwei griechische Fremdwörter mit einem ominösen Klang hielt und nicht für ein Wort, daß es bilden sollte; aber man hätte ihm auch Nonsenswörter an den Kopf werfen können, Marcus hätte sein Nichtverstehen auf seine Unwißenheit geschoben.


    Marcus rührte sich nicht als Asny ihn schon längst paßiert hatte, er lehnte weiterhin an Ort und Stelle und sah in die dunkle Unterkunft, er hörte laut und deutlich ihre schlurfende Schritte, die nur von seinem eigenen Atmen und ihrem angestrengten Röcheln überlagert wurde; leise begann er in seinem Kopf zu zählen. Ein Schritt, vier Herzschläge, zwei Schritte, fünf Herzschläge, eine Pause, nächster Schritt, noch mehr Herzschläge, sie schien immer länger zu brauchen für das bißchen Weg und er wartete jeden Moment auf das Geräusch, wenn ein Körper auf Stein fiel, bis dahin würde er sich nicht rühren. Er lehnte den Kopf etwas zur Seite als er ihre Stimme und flüstern vernahm, was hatte sie gesagt? Asau, Asax? Marcus drehte sich nun doch ein wenig, so daß er mit dem Rücken zur Wand stand und in den Gang sehen konnte, der wieder von dem schwachen Schein von Öllampen erhellt wurde; erschreckend geschunden und kaum noch mit Kräften ausgestattet, so sah Asny aus; dennoch fragte sie nicht um Hilfe, wie konnte man nur so einen grenzenlosen Stolz besitzen? Marcus' Falte zwischen den Augenbrauen wurde noch steiler und seine Augen sahen die Sklavin äußerst mißbilligend an; doch er tat nichts, er würde warten, denn das Straucheln zeigte ihm, daß ihre letzten eisernen Kräfte, die nur noch von ihrem Willen und Dickkopf entstammen konnten, schwanden.


    Sie ist verrückt, dachte Marcus, als er ihren weiterem Gefaßel lauschen konnte, ein brillantes, kluges Mädchen, und doch einfach nur vom Wahnsinn ergriffen; er schüttelte den Kopf, denn er hatte diesen Schluß doch früher gezogen. Ihre Worte, die von ihrer Schwäche eindeutig erzeugt wurden, waren bestimmt ein Ausdruck ihres Seins und Denkens, wie der Wein, so brachte auch der Schmerz so manch eine Wahrheit über einen Menschen ans Tageslicht, ob der Mensch ein Feigling war, ein Sturkopf – wie Asny -, welche Leichen er vergraben hatte und ob er ein cholerischer Wahnsinniger war; Asny war mehr eine phlegmatische Irre. Spöttisch hoben sich seine Mundwinkel darum; doch das mit dem Werkzeug gab ihm wieder zu denken; es war nicht das erste Mal, daß wohl jemand das Gefühl hatte, er könne ihn – Marcus – leichthin manipulieren, vielleicht war das auch nicht schwer und er oftmals dem Willen von Frauen ausgeliefert – von seiner Mutter, seiner ersten Ehefrau, seiner Tochter und vielleicht bald seiner zweiten Ehegattin! Aber gefallen tat es ihm natürlich trotzdem nicht! Freßt ihn? Irre, einfach nur spinnert! Ein dunkles und leises Lachen löste sich aus seiner Kehle, Marcus richtete sich auf als Asny gen Boden sank und schritt durch die asny'schen Erscheinungen, die sich an seinem Leib laben wollten, leichthin durch und auf die Sklavin herunter, die nun doch bewußtlos geworden war; sinnend betrachtete er den zarten Körper der jungen Frau und wo nun ihr Geist hinfort verschwunden war, in die völligen Tiefen von Morpheus' Reich, dort wo die hinkamen, die auch leicht den Weg in den Hades finden konnten, wirkte sie noch viel zerbrechlicher als zuvor, wo ihr Wille und ihre eiskalten Augen ihr eine Stärke verliehen hatte, die über ihre reine Physis hinaus ging; immer noch zierte sein Gesicht sein vermeintlich erkennendes Lächeln und er sah nachdenklich auf die Sklavin.


    Mit ruh'gem Gleichmut wappne die Seele dir
    Am Tag des Unheils, aber am glücklichen
    Den ausgelassnen Rausch der Lust auch
    Mäßige, Dellius. Denn du stirbst einst,


    Ob stets in Sorg' und Qual du dahingelebt,
    Ob fern vom Weltlärm, müßig ins Gras gestreckt,
    In ew'gem Festtag du die Stunden
    Heiter verschwärmt beim Falernerausbruch

    Selbst wenn Marcus mit einem schlechten Gedächtnis ausgestattet war, es ihm an Bildung mangelte, so gab es zwei Dinge, jenseits der Legion, in dem er ein Talent entwickelte hatte, es war das Vermögen sich Verse zu merken, aber auch seine Passion für das Spiel seiner Kitharra, die ihm schon im Krieg Balsam für seine Seele gewesen war, immer wenn die Verzweiflung zu schlimm wurde über den Tod seiner Tochter und den Bildern all des Mordens, die auch Marcus an die Substanz gingen. Er beugte sich hinunter und strich Asny eine blonde Strähne hinfort, die ihr beim Fall übers Gesicht gerutscht war; doch, ein hübsches Mädchen war sie, jetzt, wo diese häßlichen Züge auf dem Gesicht verschwunden waren, die von der Ironie und der Kälte stammte; wie konnte ein Mensch nur so werden wie Asny, was hatten die Götter bloß bei ihr falsch gemacht? Irgendwo hinter sich hörte er den Sklaven, aber er kümmerte sich in dem Moment nicht um den Mann, sondern er griff vorsichtig unter die Schulter von Asyn, umfaßte ihre Beine und hob sie hoch, leicht und zart wie ein Fliegengewicht war sie und selbst wenn Marcus immer noch keine sonderlich positiven Gefühle für sie empfinden konnte oder wollte, so war der Zorn und die Wut längst verflogen; Marcus war nun mal nicht ein Mensch, der gerne nachtragend und jähzornig sein wollte.
    „Wo ist ihre Unterkunft, servus?“
    , fragte er nun doch an die stille Präsenz hinter sich gewandt.
    „Auf der Ostseite, Herr, ich führe Dich, wenn Du es wünschst!“
    Marcus nickte gnädig und drehte sich um, um dem Sklaven hinter her zu laufen; langsam löste sich auch der Kosmos, der sich für die kurzen Momente gebildet hatte, in dem er mit Asny in der fremden Unterkunft gestritten hatte, Licht überflutete Marcus, so daß er blinzeln mußte, als er in einen hellen Gang trat, die Menschen mehrten sich wieder; geschäftig, emsig, arbeitsam bereinigten sie die Reste der cena, die Marcus heute verpaßt hatte, aber daran verschwendete er keine Gedanken, ebensowenig an die scheuen bis erstaunten Blicke, die er von den Sklaven erntete, an denen er mit Asny vorbei kam. So viele fremde Gänge, so viele unbekannte Türen, es war ein ganz eigenes Reich, hier in seiner villa, so daß Marcus meinte, in einem fremdem Haus zu sein; auch die Unterkunft, in der er schließlich kam, war ihm nicht bekannt, sie sah aber genauso schlicht und vollgedrängt aus, wie die anderen Sklavenunterkünfte, die ihm schon unter die Augen geraten waren; auf das Deuten des Mannes hin trug Marcus die junge Asny zu einem Lager, vorsichtig bettete er sie auf das helle und dann doch recht grobe Lacken hinunter, so daß sie auf der Seite zu liegen kam und nicht mit ihrem empfindlichen Rücken den rauhen Stoff berühren mußte, er tupfte mit seiner Fingerspitze in einen dort noch stehenden Becher und benetzte die ausgetrockneten Lippen der Sklavin, an denen etwas Blut getrocknet war.
    „Asny, Asny, welch Daimon mag Dich bloß reiten? Welch unglückliche Seele schlummert in Dir und tobt wie ein Ungeheuer?“
    Marcus richtete sich auf und sah zu dem Sklaven, kalt und gefaßt.
    „Der medicus Kosmas soll nach Asny sehen und sich um sie kümmern; und Du sorgst dafür persönlich, auch dafür, daß sie in den nächsten Tagen in Ruhe gelaßen wird, sollte ich erfahren, daß einer der Sklaven sie drangsaliert, dann wird das, was ihr heute widerfahren ist, auch Dir – und all jenen, die sie belästigt haben - paßieren. Haben wir uns verstanden?“
    Das ängstliche Nicken und leise Stammeln des Sklaven genügte ihm als Antwort, er betrachtete seinen teuren und widerspennstigen Besitz noch ein letzte Mal, ehe er sich umwandte und die Sklavenunterkunft verließ, womöglich war der heutige Tag eine Katharsis, die ihm die Götter aufgelegt hatten, und die Asny als Werkzeug nutzten, vielleicht auch nicht. Marcus wandte Asny für den heutigen Tag und die nächsten Wochen auch erstmal den Rücken zu, ehedem er sich ihr wieder stellen würde.

    Es war eine einsame insula, mitten in dem lebendigen und pulsierenden Viertel, das auch noch viele Jahrhunderte später sehr berühmt war, ein Viertel, in dem sogar Iulius Caesar gelebt hatte, und obwohl es solch eine noble Person, einem vergöttlichten menschlichem Wesen mal als Wohnort gedient hatte, war es wirklich kein feines Viertel, noch verziert mit prunkvollen und vornehmen Villen; es war die subura, wie sie leibte und lebte. Handwerksbetriebe sorgten genauso für den täglichen Lärm, wie auch all die vielen tausend Menschen, die sich zwischen den Häusern, in den Garküchen, den tabernae und auf den Straßen tummelten, manche, um den Tag, an dem sie mal wieder keine Tagelohnarbeit erhalten hatten, tot zu schlagen, andere, um ihren Geschäften nachzugehen oder um die familia zu versorgen, zwischen all diesen mehr oder minder unbescholtenen Menschen tummelten sich auch das zahlreich unehrliche und verbrecherisch ambitionierte Gesindel; und eben inmitten all dem lag die insula, die genauso unauffällig wirkte wie die Meisten ihrer Art. Die Gemäuer waren vielleicht ein wenig schief, die Fassade hatte schon vor vielen Jahren das leuchtende Rot verloren, es wirkte jetzt mehr gräulich braun und an vielen Stellen war der Putz bereits abgebröckelt; die Risse wirkten schon wie ein eigenes Kunstwerk, als ob sich ein Baum über die Fassade zog, die Äste bildeten die weit verzweigten Riße. Das Dach hätte auch eine neue Abdeckung vertragen können, es hing reichlich durch an vielen Stellen, sehr zum Leidwesen der oberen Bewohner; die alte Camilla schimpfte immer wieder, wenn es regnete und die Sturzbäche vom Himmel an jeder Stelle durch das Gebälk der Dächer ran und sich in den zahllosen Eimern, Tontöpfen und Kannen versammelte.


    Eben neben diesem Rohrspatz wohnte Jaref; auch in seiner kleinen Wohnung standen bemalte Tontöpfe, verbeulte Eimer und sogar sein Nachttopf unter den schrägen Balken, es tropfte in einem munterem Konzert von Wassertropfen in all die Behältnisse hinein, denn es regnete am heutigen Tage, graue Wolken hingen über der ewigen Stadt und entluden all die Wasserschlieren über den Dächern der Stadt. Das Trommeln des Wasser auf den stetig wachsenden Pfützen bemerkte Jaref jedoch nicht, der hagere und großgewachsene Mann mit der ausgeprägten Adlernase, den eingefallenen Wangen und den großen, grauen Augen hatte sich über eine trockene Schüssel gebeugt; seine Hände entzweiten geschickt ein großes Ei, das womöglich von einer Gans stammte, das Eigelb ran in die Schüssel hinein, er verührte es dort mit seinem Finger und murmelte leise etwas vor sich hin, in einer fremden Sprache.
    „Jaref?“
    „Nicht jetzt...!“
    Eine junge Frau trat auf spitzen Zehen in den Raum und schloß die Tür hinter sich, neugierig spähte sich über die Schulter auf das, was Jaref dort tat; dieser griff nach einem Bastkäfig und öffnete die Tür, seine Finger griffen nach einer weißen Tauge, die aufgeregt mit dem Schnabel nach ihm piekte und versuchte, sich mit ihrem Flügelschlag zu befreien, doch Jarefs knochigen Finger umgriffen die Taube zu fest, als daß sie sich entwinden könnte. Er hielt die Taube über die Schüssel, griff nach einem scharfen und gebogenem Dolch, schnitt damit in einer schnellen Bewegung der Taube den Bauch auf; das Blut spritzte in die Schüssel und glitt über die gelbe Eimasse hinweg, den toten Taubenkörper legte Jaref achtlos zur Seite und rührte in der blutigen Masse herum, dabei drehte und wendete er die Schüssel im mageren Licht der Öllampe. Grübelnd biß er auf seiner Unterlippe herum, dann sah er zu der jungen, recht hübschen Orientalin hoch.
    „Was ist, meine Schöne?“
    „ Du hast Besuch, er wartet bereits unten. Und dann hat die alte Sophia eine Nachricht geschickt, sie möchte Dich noch heute sprechen, der Eunuch hat eine Versammlung einberufen. Des neuen Aedils wegen!“
    Jaref nickte, es überraschte ihn alles nicht, er lächelte schmal als er in Gedanken schon das durchging, was er bereits wußte.
    „Schicke ihn hoch!“
    Die junge Frau lächelte, sie hatte nicht erwähnt, wer der Besuch war, doch sie war es gewöhnt, daß Jaref ihr immer etwas voraus war. Jaref lehnte sich auf dem dicken Kissen zurück, das ihm als Sitzgelegenheit diente, seine Augen wanderten zu dem halb geöffnetem Fensterladen, hinter dem der Regen wie graue Perlenschnüre nach unten floßen. Heute war kein guter Tag, aber es würde sich zeigen, was die Götter damit bezweckten, noch hatten sie sich Jaref gegenüber nicht offenbart.