Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Ich wandle einsam,
    Mein Weg ist lang;
    Zum Himmel schau ich
    Hinauf so bang.

    Kein Stern von oben
    Blickt niederwärts,
    Glanzlos der Himmel,
    Dunkel mein Herz.


    Peter Cornelius



    Auf und ab gegangen war ich. Stetig. Unaufhörlich. Fast meinte ich, Spuren auf dem Boden meines cubiculums hinterlassen zu haben. Draußen war die Sonne hernieder gesunken. Düsternis erfüllte den Raum, als ich schließlich stehen blieb. "Helena. Es tut mir leid", sagte ich zu einer formschönen Vase. So ein Schwachsinn. Natürlich tat es mir leid, aber ihr das zu sagen, würde es nicht besser machen. Es musste etwas sein, dass sie nicht sogleich in Tränen ausbrechen ließ. Wenn nicht meine Anwesenheit schon ebendies bewirken würde. Ich fuhr mir durch die Haare und legte die Hand anschließend in den Nacken. "Wie geht es dir?" Schon besser, doch das war auch eine heikle Frage. Ich sah bereits den vorwurfsvollen Blick, den sie mir zuwerfen würde, so ich es tatsächlich wagte, sie das zu fragen. Irritiert schüttelte ich den Kopf. Die Vase stand stumm vor mir auf ihrem Sims, so unberührt von den Worten, wie es Helena wohl niemals bleiben würde.


    Die grauen Schlieren am Abendhimmel waren bereits endgültig verblasst, als ich mir endlich einen Ruck gab und das Zurechtlegen der Worte einfach bleiben ließ. Nur wenige Sätze gab es, die ich imstande zu sagen war, ohne dass ich befürchten musste, sogleich eine Tränenkaskade auszulösen oder vor bösen Worten in Deckung gehen zu müssen. Ein letztes Mal atmete ich tief durch, dann verließ ich meine Gemächer und schritt zu jenen meiner Cousine Helena. Je näher ich der Tür kam, desto mehr verließ mich der Mut, bis er sich schlussendlich zur Gänze verzehrt hatte, kaum dass ich vor der dunkel gemaserten Tür stand und zu klopfen bereit war. Der wohlbekannte Kloß war nun wieder da, wie immer, wenn es um Helena ging. Zögerlich hob ich die Hand und formte eine lockere Faust, die nur einen digitus über dem Holz schwebte. Ich konnte es nicht. Ein septemvir und quaestor, der auctor der Staatszeitung und zudem pater familias und damit Herr dieses Hauses - und ich konnte nicht einmal an einer simplen Tür klopfen aus Angst vor dem, was dahinter lauerte. Erneut fuhr ich mir über Haar und Gesicht, schwankte unschlüssig und klopfte in einem Anflug von Verzweiflung schließlich doch an. Die Ruhe nach dieser Tat rauschte augenblicklich in meinen Ohren, brandete gleich einem Crescendo auf und ließ meinen Körper elektrisiert kribbeln. Vielleicht... Vielleicht, schlief sie schon. Vielleicht hatte sie das Klopfen nicht gehört. Ich hoffte mit jeder Faser meines feigen Seins, dass dem so war.

    Allmählich bildete sich ein immer noch weiter anschwellender Kloß in meinem Hals. Selten schienen meine Worte dieser Tage vor Freude glänzende Augen zu bewirken, vielmehr war das Gegenteil der Fall, wenn denn überhaupt eine Reaktion stattfand, die Gefühle verriet. In Helenas Fall war ich einfach nur ratlos, so unendlich unwissend und zugleich erfüllt von Furcht, etwas Falsches zu sagen und ein neuerliches Drama damit auszulösen. Hinzu kam der ständig präsente Erwartungsdruck seitens der Familie und von außerhalb. Prisca jedoch schenkte mir einen flüchtigen Moment der Ruhe. Wärme durchströmte mich und schmolz den hartnäckigen Kloß ein wenig, als sie ihren Kopf an meine Brust bettete und mir zeigte, dass sie mir Vertraute, obwohl ich annähernd alles falsch anging. Ich hatte nicht gemerkt, dass ich den Atem angehalten hatte, stieß ihn jetzt jedoch langsam und langgezogen aus.


    "Nein", erwiderte ich leise mit gesenktem Kopf und hielt Prisca fest umarmt. "Nie könnte ich mich der Verantwortung entziehen. Das würde mich nicht besser machen als einen dahergelaufenen Peregrinen. Es würde das Ansehen der Familie beschmutzen, und noch dazu das Andenken an meinen Vater." Niemals würde ich es übers Herz bringen, einfach fortzulaufen, auch wenn ich in anderer Hinsicht durchaus feige zu nennen war - das beste Beispiel bot gegenwärtig der ausstehende Besuch bei Helena. Als Prisca den Kopf hob und mich ansah, erwiderte ich ihren Blick ein wenig zerknirscht und schief lächelnd. Ihre Augen wirkten so lebhaft und zuversichtlich, und muteten nahezu ansteckend an, wenn da nicht dieser dunkle Abgrund gewesen wäre, dieser Sog, der Strudel, der mich anzog und meine Seele in den Abgrund zu saugen suchte. Noch hielt ich stand, doch ich ahnte, dass es mir nicht mehr allzu lange gelingen würde. Schwer schluckte ich, machte hernach eine unwirsche Geste und schickte die wenigen Sklaven damit fort, die uns noch umgaben. Leise verklangen die Füße auf dem unebenen Boden, als sie Prisca und mich allein ließen. Ihr Rat war mir teuer, und ich wollte ihn wirklich beherzigen. Doch Helena aufzusuchen war für mich ein Gräuel, etwas, vor dem ich gleichsam Angst hatte wie ich unsicher war. Bedrückt schwieg ich, einen Sonnenstrahl auf Priscas Haar betrachtend.


    "Was, wenn sie es falsch versteht?" brach es schließlich gequält aus mir heraus. "Sie...sie könnte das... Sie würde es wiederholen, nicht? Wie kann ich sie davor bewahren, Prisca? Wie könnte ich ihr versichern, für sie da zu sein, wenn ich doch niemals wieder Vertrauen darin haben könnte, dass sie... Dass sie...es...nicht wieder versucht?" wollte ich von ihr wissen, und einmal angefangen, sprudelte nun alles aus mir heraus, wohlweißlich, dass nur Prisca es hörte und für sich verwahren würde. "Es ist meine Schuld, dass sie es versucht hat. Was gibt mir die Sicherheit, sie nicht erneut unglücklich zu machen, ohne es zu ahnen? Ein falsches Wort, Prisca, und es passiert wieder. Und beim nächsten Mal ist vielleicht niemand da, der sie zufällig findet." Ich schwieg und schluckte. "Ginge es um mich - ich würde mit der Schuld leben können. Ich würde es müssen. Aber Helena - sie ist meine Base. Sie hat das ganze Leben noch vor sich! Ich könnte mir nie verzeihen, derjenige zu sein, der ihr dies nimmt."

    Wie der Thementitel schon verrät, geht es um den Aufgabenbereich des o.g. quaestor. SimOff ist er deutlich definiert, SimOn jedoch wirft er einige Fragen auf.


    Fakt ist, dass die beiden Stadtquästoren die Aufsicht über den Staatsschatz inne hatten. Wie sich jener zusammensetzt, ist mir ebenfalls klar - nur was wurde daraus gezahlt? Nutzte man das aerarium zur Tempelinstandhaltung? Zu Sanierungsmaßnahmen der cloaca oder Verschönerungen am Kaiserpalast? Ich habe da leider absolut keinen Anhaltspunkt und google ist diesbezüglich auch nicht gerade ergiebig. Vielleicht weiß jemand ja genaueres darüber, dann wäre ich über eine Wortmeldung recht dankbar.


    Zudem heißt es im IR-Wiki, dass die Quästoren die Aufsicht über Feldzeichen und Urkunden geführt haben. Weiß jemand näheres dazu? Wurden alle Feldzeichen dauerhaft (bis auf den Kriegsfall) im aerarium aufbewahrt? Welche Urkunden wren dort zu finden? Man findet so erstaunlich wenig Informationen darüber im Netz, und ich komme auch nicht ohne weiteres in eine entsprechend bestückte Bibliothek.


    Danke im Voraus.

    Am Rande der Menschenmenge vor der rostra an diesem für Aquilius wichtigen Tag stand ich und hörte ihm bei seiner Abschlussrede zu. Während seiner Amtszeit hatte er nur wenig Zeit zur Verfügung gehabt, weshalb unser letztes zeitlich unbeschränktes Treffen schon eine ganze Weile her war. Es war eine Crux, denn nun hatte wiederum ich ein Amt inne, das meine Aufmerksamkeit erforderte. Soweit mir bekannt war, würde Aquilius zudem kein Tribunat absolvieren, ob niemals oder nur während des kommenden Jahres, konnte ich nicht sagen.


    Wie er dort oben stand und redete, fragte ich mich, warum er jemals Zweifel an sich selbst gehabt hatte, an sich und seinem Weg. Er schien ein orator, dem der alltägliche Trott noch nicht die einfachen und dennoch präziisen Formulierungen aus dem Kopf geweht hatte. Als er geendet und die Anwesenden zu applaudieren begonnen hatten, stimmte ich mit ein und nickte meinem Freund anerkennend zu, als ich meinte, seinen Blick kurz auf mir ruhen zu sehen. Die mich begleitenden Klienten der Familie zollten ebenso ihren Respekt.

    Dem Prätorianer folgte ich den Weg entlang, betrat hinter ihm das Gebäude und kurz darauf den Korridor, in welchem das officium des Aeliers lag, wie ich bereits von einigen Besuchen hier wusste. Dankend nickte ich der Wache zu und klopfte an die Tür. Der Soldat wartete noch einen Moment, dann ging er wieder seines Weges, wohl zurück zum Eingang, um auch den nächsten Besucher zielsicher an seinen Bestimmungsort zu führen.

    Beinahe hätte ich meiner Meinung Ausdruck verliehen, dass ich kaum einem andereren römischen Mann mehr zutraute, seine Pflichten zu vereinen, doch hatte Gracchus zuvor bereits so reagiert, wie ich es bei schmeichelnden Worten ebenfalls tat, also beließ ich es bei meinen Gedankengängen und sagte stattdessen: "Ich bin sicher, dass die anderen pontifices dich ebenso entlasten werden wie mich die weiteren septemviri. Soweit ich weiß, kandidiert sonst nur Rutilius Scorfa", und besagter septemvir war gelinde gesagt ein Taugenichts, der sich einen schönen Lenz machte und auf den Lorbeeren ausruhte, die seine Vorväter Jahrzehnte zuvor im Krieg gegen die Germanen geernet hatten. Da er so gut wie jeder Arbeit auswich, würde es für meine Amtskollegen ein Leichtes sein, unser beider eingeschränkte Abwesenheit entsprechend zu kompensieren. "Ja, die Cornelier sind nicht zu unterschätzen. Doch bleibt dennoch zu hoffen, dass die Korruption nicht soweit um sich greift, dass weitaus fähigere Männer hinter stümperhaften Kleingeistern zurückbleiben. Möge Minerva zaudernde Männer mit ihrer Weisheit und Weitsicht segnen, um das zu verhindern", erwiderte ich ernst und runzelte die Stirn etwas. Als auctor der Acta Diurna bekam man Senatsinterna zwangsläufig mit, selbst wenn man kein Senator war. Die zahlreichen staatlichen Schreiber und auch die Liktoren ließen zudem gern das ein oder andere Wort fallen, um sich selbst in den Vordergrund zu rücken. Sie waren unsere wichtigsten Informationsquellen was Dinge betraf, über die kein Senator aus freien Stücken heraus öffentlich sprechen würde.


    Kurzweilig schien der Wein Gracchus' Geist zur Gänze zu beanspruchen, so intensiv, wie er die blutroten Perlen auf blauem Glas musterte. Ich ließ mir selbst noch etwas nachschenken und betrachtete den Flavier aufmerksam. Es schien, als würde ihn etwas beschäftigen. Die ludi konnten es nicht sein, oder doch? Szenische Spiele, Theaterinszenierungen und Aufführungen also. Unverhohlen interessiert nickte ich ob der Eröffnung dessen. Ich war mir sicher, dass der bescheidene Gracchus ein Spektakel sondergleichen aufstellen würde, und wenn ich selbst dereinst aedilis war, dürfte ich es damit schwer haben, gleichzuziehen. Gleichwohl jedoch war ich gespannt, wie genau das ausfallen würde, was Gracchus auf die Beine stellen würde. War ich auch sonst eher weniger jemand, der sich für große Ansammlungen von geruchsvollen Menschenmassen, Blut und Gewalt begeistern konnte, so blickte ich doch mit Interesse und Vorfreude auf dieses in Aussicht stehende Ereignis. "Nun, da ich in ungefähr weiß, was Rom erwarten darf, hoffe ich noch stärker auf die Vernunft der Wankelmütigeren unter den Senatoren. Ich gestehe gern, ein Anhänger von guten Inszenierungen zu sein, und wenn besagter Autor wahrhaftig so gut ist, wie du sagst, wird es mir eine Freude sein, der Aufführung beizuwohnen", entgegnete ich und schmunzelte anschließend.


    "Mir scheint, den Verwandter hat seinen Weg nicht nur gewählt, sondern ist bereits im Begriff, ihn zu beschreiten", gab ich als Antwort auf seine Frage Lucanus betreffend zurück. "Er suchte mich mit der Bitte auf, ihm einen Termin für seine beaufsichtigte Opferung zu nennen - er ist fest davon überzeugt, dem cultus Iunonis beizutreten. Gerade gestern habe ich ihm den Termin mitgeteilt. Vielleicht kennst du Domitia Domitilla, sie ist die Vorsteherin des Tempels der Iuno moneta. Sie wird gemeinsam mit mir selbst das Opfer beurteilen. Nun ja, wir sprachen in diesem Zusammenhang auch über die ludi des Germanicus", schloss ich schließlich und ließ einen weiteren Schluck die Kehle hinunter rinnen. "Wo du gerade hier bist, kann ich mir vielleicht auch einen Weg sparen. Am selben Tag suchte mich der Spross des Claudius Menecrates auf und bat gleichsam darum, seine Opferfertigkeiten einer eingehenden Prüfung unterziehen zu dürfen. Sein Termin steht noch aus, da er sich nicht einer Gottheit noch eines Tempels sicher ist. Er beabsichtigt zudem, eine Provinz zu leiten. Eine Aussage, die ich mit Missfallen aufgenommen habe, wenn ich ehrlich bin. Er muss zeigen, dass er im Stande ist, Verantwortung zu übernehmen. Ein Unding, würde man ihm sogleich einen wichtigen Posten innerhalb einer Provinz gewähren. Angesichts dieser Umstände würde ich ihn gern unter die Fittiche eines pontifex stecken und wollte dich fragen, ob du vielleicht diese Aufgabe übernehmen möchtest, deiner Ehefrau wegen." Schließlich war er mit einer Claudierin verheiratet, sein Vetter würde baldig eine weitere Verbindung mit der Claudia eingehen - und ich selbst würde gewiss nicht wertfrei urteilen können, wessen ich mir bewusst war. Daher erschien mir diese Möglichkeit naheliegend, sollte Gracchus jedoch ablehnen, würde ich vielleicht Durus fragen, ob er sich des Jungen annehmen würde.

    Insgeheim überlegte ich, ob mein Patron von der Entlobung wusste. Wenn ja, so fragte ich mich, was er davon hielt. Gefragt hätte ich ihn das niemals freiwillig, und wenn es mich noch so brennend interessierte. Es gab Dinge, über die man nicht sprach. Dies war so eine Sache, und dessen war ich mir bewusst. Es gehörte einfach eine Ehe dazu, wenn man gemäß den römischen Sitten und Traditionen leben wollte, und dies war anzustreben, wollte man es in den Senat schaffen und dort zumindest respektiert werden. Ich überlegte, wie lange die Trauerzeit bei meinem Patron noch andauern mochte. Ob er schon eine Dame im Auge hatte?


    Hungaricus' Worte setzten mich indes etwas unter Druck. Mehr als versichern, dass ich mich umsah, konnte ich nicht. Oder doch? "Ich gebe mir Mühe. Mein nomenclator berichtete mir, dass eine Flavierin aus Hispania in Rom angekommen sei. Die Flavia ist eine alte, angesehene Familie, sie stammt damit aus gutem Hause. Andererseits sollte ich mich angesichts der Abstammung des neuen Kaisers vielleicht noch zügeln. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Aelier damals die Flavier ins Exil geschickt haben", dachte ich laut nach. Auch Priscas Geplante Verbindung warf diesbezüglich Fragen auf. Andererseits, wenn meine Familie loyal zum Kaiserhaus und den Flaviern stand, bestand vielleicht eine Möglichkeit, im Falle des Falles den Kaiser zu beeinflussen. Doch noch war es nicht an der Zeit für derlei Gedanken.

    Sim-Off:

    Alles klar. Ich hatte zuvor eigentlich noch eine kleine Unterhaltung mit dir ausspielen wollen... Das hole ich dann später in diesem Thread nach.


    Prisca schien auch nicht besser Bescheid zu wissen als ich selbst, sah sie doch gleichsam verwundert aus. Was der medicus hernach berichtete, ließ meine Brauen sich noch weiter zusammenziehen, sowohl in leichter Sorge als auch in geringer Missstimmung über die erwähnten Gründe für Helenas Gebaren. Es schien tatsächlich an der Zeit zu sein, dass ich sie besuchte. Doch darüber würde ich später in Ruhe nachsinnen.


    "Ich soll Tilla ans Meer schicken?" fragte ich überrascht und zog eine Braue nach oben. Fragend blickte ich zu Prisca und wieder zurück. "Moment", fuhr ich hernach fort und hob eine Hand, um Einhalt zu gebieten. Forschenden Blickes wandte ich mich erneut Mattiacus zu. "Du bist wegen Helena gekommen, ist das korrekt? Wer hat dich zu Tilla gebracht? Ich verstehe gerade nicht, muss ich gestehen." Da kam mir eine Idee, und ich wandte mich zu meiner Nichte um. "Weißt du etwas darüber, dass Tilla ernsthaft krank ist und Mattiacus' Dienste in Anspruch nehmen muss?" fragte ich sie. Und bei den Göttern, ich würde Matho durch den Wolf drehen, wenn er mir verschwiegen hatte, dass er nach einem Arzt geschickt hatte, ohne es als nötig zu erachten, mich darüber in Kenntnis zu setzen.

    Pyrrus murmelte einen gruß und beschäftigte sich dann weiter mit seinen Wachstafeln. Ich selbst hob erstaunt eine Braue und wandte mich vollends meinem Besucher zu. Noch ehe er sich vorgestellt hatte, wusste ich, wen ich da vor mir hatte. Scheinbar erlaubten sich heute die Götter einen kleinen Scherz mit mir, indem sie mir ausgerechnet den Spross des Claudiers schickten. Und der wollte nun sacerdos werden? Prüfend verengten sich meine Augen, ich nickte grüßend und verwies auf den Besucherstuhl.


    "Salve, Claudius. Setz dich", sagte ich und gab mir nur wenig Mühe, freundlich zu klingen. Es war sonst nicht meine Art, andere für Fehlbarkeiten weiterer zu strafen, also fügte ich leicht verzögert ein kurzes Lächeln an. "Du möchtest demnach dem cultus deorum beitreten. Trägst du deine bulla* noch?" fragte ich ihn, nachdem ich mich selbst gesetzt hatte, denn anhand der Kleidung war für mich nicht ersichtlich, ob ich nicht vielleicht auf die Zustimmung seines Vaters pochen musste. "Präferierst du eine Gottheit oder einen Tempel für deinen späteren Dienst an den Göttern?"



    Sim-Off:

    * Man möge mir mein Unwissen nachsehen, aber ich bin tatsächlich unschlüssig, ob männliche adulescentes zum sacerdoswerden die Zustimmung des Vaters brauchen oder nicht. Ist in deinem Fall zwar ohnehin nur Rollenspielelement, aber interessant wär es trotzdem zu erfahren.

    "Das kann man so sagen, ja", erwiderte ich gut gelaunt auf die Frage nach meinem Befinden. Die Vorsteherin schnappte sich derweil das Ferkel und trug es die Treppe hinauf. Opferprüfungen waren eine wichtige Sache, und da dem angehenden sacerdos im Tempelinneren zwei Opferhelfer zur Verfügung gestellt werden würden, wollte Domitia Domitilla zumindest noch einen Moment lang so tun, als sei ihre Anwesenheit recht wichtig. Voller Stolz und Umsicht trug sie das kleine Schweinchen nach drinnen und warf dem schmucken Flavier hin und wieder verstohlene Blicke zu. Keiner der Anwesenden zweifelte daran, dass ihm das Opfer mit Bravour gelingen und er in den cultus aufgenommen werden würde, mich eingeschlossen. Da gab es andere Kandidaten, die weitaus fragwürdigerer Natur waren.


    "Domitia wird die Opferherrin sein, und einen expliziten Rahmen, den es zu erfüllen gilt, gibt es nicht. Ein Opfer zum Wohle Roms ist also durchaus der Situation angemessen." Schließlich konnte ein fehlgeleitetes Opfer aus der Hand eines Lehrlings auch viel Negatives anrichten, wobei ich nicht an Lucanus dachte, sondern an diverse andere Schüler des Kultes. Große Zeremonien würde man also gewiss nicht als Prüfungen auslegen, und nach dem letztlich erfolgten Sühneopfer lag zudem kein eilendes Anliegen an.


    Inzwischen hatte Domitia Domitilla gestoppt und warf den beiden - weiblichen - tuschelnden Opferhelferinnen einen strafenden Blick zu. Sie verstummten augenblicklich und warteten in neugieriger Haltung auf Lucanus, mit dem ich soeben hinzu trat. Alle für das Opfer benötigten Dinge befanden sich sorgfältig gereinigt an ihren angestammten Plätzen, einschließlich der nun schweigenden Helferinnen. Das Schweinchen quiekte und zappelte kurz, hielt wieder inne und wartete nun ebenfalls. Domitia drückte es einem der Mädchen in die Hand, wischte sich schnell die Hände ab und lächelte den Prüfling dann aufmunternd an. "Bist du bereit?" fragte ich und hob eine Braue.

    Was Meridius ankündigte, entsprach ganz seinem Stil. Selbst aus einer eher kleinen Pflichtveranstaltung machte er eine kleine Feier, an die man später gern zurückdachte. Nun ja, womöglich würden die Damen noch viel lieber an den heutigen Abend zurückdenken, wenn neben gutem Essen sogar für Musik und die Abwesenheit von Männern gesorgt war, denn wir sollten uns anschließend um die factiointernen Angelegenheiten kümmern. Lange hatte eine solche Versammlung nicht stattgefunden, und so lag mit Sicherheit so einiges an.


    Prisca und Seiana indes schienen sich sehr gut zu verstehen, was mich für beide freute, da mir zum einen meine Nichte am Herzen lag, zum anderen die Decima einen angenehmen Eindruck auf mich machte. Vielleicht würde es beiden gut tun, mehr miteinander zu unternehmen, und wenn Prisca tatsächlich bald heiratete, konnte sie Freundinnen gewiss gut gebrauchen. Alsbald rief der Hausherr zum Essen auf, und ich entschuldigte mich bei meiner Gesprächspartnerin und schritt an Ursus' Seite ins triclinium. Auch hier hatte Meridius nicht zuviel versprochen. Ich ließ mir vom leitenden Sklaven eine Liege entsprechend der vorgesehenen Sitzordnung weisen und legte mich. Kaum später hatte ich bereits wieder einen gefüllten Weinbecher in der Hand. "Senator, es ist jedes Mal eine Freude, in dein Haus geladen zu werden", sagte ich und trank einen Schluck. "Wenn du mir die Frage gestattest - planst du, auf der Leiter des cursus honorum noch eine weitere Sprosse zu erklimmen?" fragte ich nach. Meridius war bisher Aedil gewesen, vielleicht reichte es ihm persönlich, vielleicht war bisher nur noch keine Zeit gewesen. Nun, da er keinem offiziellen Amt nachging, bot sich allerdings die Möglichkeit.

    Nach unserem Aufeinandertreffen war die Stimmung zwischen Siv und mir seltsam gewesen. Sie hatte mich begleitet, wenn ich es gewünscht hatte, und war auch ihren sonstigen Arbeiten nachgekommen, wie ich es von ihr kannte. Als sie nun zögerlich näher kam, drängten sich einige Fetzen jener Gedanken in mein Bewusstsein, die ich an besagtem Abend gehabt hatte. Siv war in den Nächten darauf nicht bei mir gewesen, und auch ich hatte auf eine erneute Konfrontation verzichten wollen und sie deswegen nicht gerufen. Wie sie nun dort stand und zu mir aufsah, sich bedankte und kurz lächelte, wirkte sie, als fiele eine Last von ihr ab. Mich überkam der eigentümliche Wunsch, ihre zarten Lippen zum Abschied zu kosten, verwarf den irrwitzigen Gedanken jedoch gleich wieder - wir waren hier nicht allein. So erwiderte ich das Lächeln nur, wenn auch kurz, und strich ihr das Haar hinters Ohr. "Enttäusche mich nicht", sagte ich schlicht und nickte ihr dann noch einmal zu. Nachdem ich den Blick losreißen konnte, wandte ich mich um, wünschte auch Ursus eine gute Reise und verschwand schließlich in einem der Flure.

    Sim-Off:

    Welche Zeitschiene haben wir denn jetzt? Nach Helena oder nach Tilla oder nach beiden? Und wurde irgendwo erwähnt, dass Corvinus nach dem Arzt geschickt hat? Dann müsste ich gleich editieren. Geht gerade etwas drunter und drüber hier. ;)


    Prisca und ich spazierten gerade den Säulengang entland und genossen das frühlingshafte Wetter, als Dina uns Decimus Mattiacus ankündigte und sich hernach zurückzog. Ich wandte mich mit hochgezogenen Brauen meiner Nichte zu. "Uns beide?" fragte ich sie rein rhetorisch, denn natürlich konnte auch Prisca nicht wissen, warum er gleich uns beide sprechen wollte. Einen kurzen Moment später war bereits der medicus heran, den wir beide bereits kannten. "Decimus Mattiacus, schön dich zu sehen. Was führt dich denn her?"

    Siv schwieg, starrte mich an. Ich starrte zurück. Die Veränderungen, die kurz darauf auf ihrem Gesicht vor sich gingen, machten mir deutlich, wie sehr sie meine Worte zuvor getroffen haben mussten. Erneut schluckte ich, hielt ihrem Blick jedoch stand. Ich hatte es ausgesprochen, ob ich es so meinte oder nicht, spielte keine Rolle in diesem Moment. Sie war nun einmal eine Sklavin, und ich ihr Herr. Auch, wenn ich bisher jeden Gedanken, der in diese Richtung ging, ignoriert hatte. Auf ihre Fragen reagierte ich demnach nicht, sondern sah nur weiterhin zu Siv nach oben. Ich hätte zudem nicht gewusst, was ich hätte antworten sollen, hätte sie mir die Frage gestellt, was ich ihn ihr sah. Ich blinzelte, drehte den Kopf fort und sah zur Tür, als gäbe es dort etwas Interessantes, was natürlich nicht der Fall war. Viel mehr wollte ich ablenken und Siv nicht anschauen müssen.


    Einen Moment war es daraufhin ruhig, Siv schwieg. Doch ein heftiges Zusammenzucken am Rande meines Gesichtsfeldes ließ mich den Kopf erneut wenden. Vollkommen entgeistert sah Siv mich an. Ganz so, als hätte ich sie geschlagen. Unwillkürlich zogen sich meine Brauen zusammen, während ich sie fragend musterte. Sie schien mit sich zu kämpfen und schien gerade so, als könnten sie jeden Moment anfangen zu weinen. Ich wusste nicht, was mich in jenem Moment mehr erschreckte: Sivs Aufbegehren oder die Tatsache, dass sie den Tränen nahe war. Um ein Haar wäre mir eine Entschuldigung heraus gerutscht, doch gab es eigentlich nichts, um für ihr ich mich hätte entschuldigen müssen. Gut, es wäre nicht nötig gewesen, noch zusätzlich Salz in die Wunde zu streuen. Ich presste meine Lippen aufeinander und überlegte. Im Grunde war es egal, was ich mit Merit anstellte, für Siv würde es immer ungerecht sein. Da musste sie nun durch. Ich war mir sicher, dass sie es verstehen würde, wenn sie nur eine Weile darüber nachdachte. Und doch fühlte ich mich schlecht. Mit meiner Bemerkung hatte ich alle Sklaven in einen Topf geworfen, etwas, das ich sonst auch nicht tat, schon gar nicht bei Siv. Doch konnte ich es mir leisten, jetzt nachzugeben? Noch während ich mir die Frage stellte, wusste ich bereits die Antwort: ich würde es mir niemals leisten können. Eine Erkenntnis, die Bedauern in mir auslöste und mich zudem verwirrte.


    So ging der Moment vorüber, ohne dass einer von uns etwas sagte. Siv standen die Tränen in den Augen, das sah ich wohl. Und obwohl ich sonst ein Mensch war, der weder Tränen verschulden noch sie und tätig fließen ließ, so fühlte ich mich doch machtlos gegenüber Sivs Tränen. Als sie sich wieder gefangen hatte und mir das Gesicht erneut zuwandte, war ein harter Ausdruck auf ihr Antlitz getreten. Ich glaubte sogar, etwas von dem alten Trotz darin erkennen zu können. Der Ton, mit dem sie dann sprach, kratzte etwas in meinem Inneren an, von dem ich bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht einmal gewusst hatte, dass es da war. Nur kurz war ich darüber erstaunt, dann gewann das schlechte Gewissen die Oberhand über mein Inneres, und ich presste die Kiefer aufeinander. Dass Sie mich Herr nannte, setzte dem Ganzen noch die Krone auf. Dann wandte sie sich um und ging. Kurz war ich tatsächlich versucht, sie zurückzurufen, doch ihre Schritte näherten sich unaufhörlich der Tür, bis sie schließlich aus dem Raum verschwunden war und nichts als Stille zurückließ.


    Irgendwann legte ich mich tatsächlich schlafen, zumindest versuchte ich es. Doch meine Gedanken strichen einem eingesperrten Panther gleich immerfort um die Frage, welche Siv aufgeworfen hatte. Als ich schließlich einschlief, hatte ich noch keine Antwort gefunden.



    ~ finis ~

    Ohne die kleinen Sklavin in Dunkelbraun auch nur eines Blickes zu würdigen, schritt ich durchs atrium und auf das kleine Grüppchen um Ursus herum zu. "Na, alles bereit für die große Reise?" fragte ich ihn und klopfte ihm zweimal auf die Schulter. Seit unserem kleinen Gelage hatte sich das Verhältnis zwischen uns etwas gelockert, was ich doch sehr begrüßte. Ich ließ den Blick schweifen über kleine Bündel, Pakete und Proviant, tastete hernach die anwesenden Sklaven ab, bis mein Blick an Matho hängen blieb. Ihn winkte ich heran, ging ihm gleichermaßen der Hörweite wegen etwas entgegen und sagte: "Ich zähle auf dich, Matho." "Ja, dominus. Du kannst dich auf mich verlassen", erwiderte er und ich nickte ihm zu. "Ruf diejenigen zusammen, die nicht mit meinem Neffen in Germanien bleiben", wies ich ihn dann an, woraufhin er tat, was ich gebot. Es dauerte einen Moment, dann aber lagen die Aufmerksamkeiten größtenteils bei mir.


    "Ich möchte euch noch einmal daran erinnern, dass diese Reise ein Privileg darstellt", begann ich. "Ihr seid dazu angehalten, nicht länger als nötig fort zu bleiben. Zu Schutzzwecken habt ihr Waffen mitbekommen. Matho wird die Aufsicht über Proviant und Geld führen. Sollten Fragen bestehen oder während der Reise aufkommen, wendet euch an Matho, er wurde entsprechend instruiert. Das wäre dann alles. Ich wünsche euch eine gute Reise." Mein Blick fing den Sivs ein. Nur kurz zögerte ich. "Siv, kommst du bitte noch mal her?" fragte ich und trat ein wenig beiseite. Als sie bei mir angekommen war, betrachtete ich sie einen Moment stumm, ehe ich sprach. "Ich vertraue dir", sagte ich, hielt inne und disponierte meine weiteren Worte um, da mir ihr eigentlicher Konsens nun unangebracht schien. "Gib auf dich acht und kümmere dich ein wenig um die anderen, sie kennen dein Land nicht."

    Ihm wurde allerdings nicht aufgemacht. Lediglich ein Ruf war zu hören, der den Klopfenden bat, einzutreten. Würde er jenem Folge leisten, so würde er zum einen meinen scriba erblicken, der im Diktat inne gehalten hatte und nun an seiner Feder kaute, zum anderen mich selbst, der ich am Fenster stand und eben jenes Diktat diktiert hatte - bis zum Klopfen. Nun hatte ich fragend den Kopf gewandt und sah zum Eingang.

    Es war eindeutig, dass Siv sich nicht wohl fühlte. Sie schien marginal zu erzittern, geradezu zu erbeben vor Wut. Oder war es etwas anderes? Ihr Verhalten indes nahm ich bewegungslos zur Kenntnis. Ich hatte ihr gesagt, was ich davon hielt. Das musste genügen. Genau genommen musste ich mich nicht einmal rechtfertigen vor ihr, denn schließlich war auch Siv nur eine Sklavin, auch wenn ich bisher erfolgreich darin gewesen war, diese Tatsache selbst aus meinen eigenen Gedanken zu verbannen. Auch jetzt dachte ich nicht weiter darüber nach, sondern betrachtete Siv nur, die ein Stück zurückgetreten - oder zurückgewichen? - war. Auf ihrem Gesicht spiegelten sich noch einen Momentzorn und Unverständnis wieder, dann jedoch löste Resignation den Ausdruck auf ihren Zügen ab. Erneut folgte ein Widerspruch, gepaart mit ihrem unverständlichen Germanisch. Ich runzelte die Stirn, verstand auch dieses Mal nur wenige Worte. "Trotzdem? Du denkst also, ich sollte sie mit offenen Armen empfangen und dafür belohnen, dass sie wieder zurückgekommen ist? Und das, obwohl es doch ihr eigenes Verschulden war das Sie überhaupt erst fort gelaufen ist? Ich kann schwerlich glauben, dass du das wirklich denkst, Siv. Hier geht es auch gar nicht um Merit. Hier geht es um dich." Und das war mein Ernst. Warum sonst interessierte es sie so, was mit einer ihr unbekannten Sklavin passierte?


    Ich hattet Siv bereits unmissverständlich zu erkennen gegeben, dass sie gehen konnte, und doch ging sie nicht, sondern bohrte weiter. Meine Laune besserte das allerdings nicht gerade. Missmutig sah ich sie an, während sie mir ihre Strafpredigt hielt. Mit jedem weiteren gesprochenen Wort verengten sich meine Augen mehr. Ich hatte bereits den Mund geöffnet, um auf die unverfrorene Frage zu antworten, als Siv sich bereits selbst eine Antwort gab. Ich schluckte hart. War ich eben noch dazu bereit gewesen, mit Siv darüber zu reden, so verschloss ich mich nun davor. "Warum stellst du mir eine Frage, wenn du sie kurz darauf dir selbst beantwortest? Da du tatsächlich zu glauben scheinst, dass dies meine Ansicht sei und sie auf alles und jeden zuträfe, sehe ich keinen Grund, weiter mit dir darüber zu diskutieren. Aber weißt du, Siv, im Grunde hast du recht: Ihr seid Sklaven, nicht mehr und nicht weniger", entgegnete ich bissig. Ihre Worte hatten mich getroffen. Ich hob den rechten Arm und wies erneut zur Tür. "Ich bin müde und will schlafen. Wenn du also die Güte hättest...?" sagte ich entnervt. Ich würde allerdings ohnehin nicht gut schlafen, auch wenn mir das noch nicht bewusst war. Unser Gespräch hatte eine Frage aufgeworfen, die ich bisher mit Erfolg verdrängt hatte.