Verbissen musterte mich Helena. Ich fragte mich insgeheim schon, was ich nun falsch gemacht hatte, als Helena den Blickkontakt abbrach und auf ihre Händen hinunter sah. Während sie mit sich und ihren Gedanken haderte, musterte ich das verkniffen wirkende Gesicht meiner Cousine eingehender. Sie schien befangen, oder irrte ich mich da? Unwillkürlich bereute ich es, überhaupt auf die Frage bezüglich Deandra geantwortet zu haben, denn nun war erneut ich es, waren es meine Probleme um die sich das Gespräch drehte. Warum wollte es nicht klappen, dass wir uns ganz normal unterhielten über alltägliche Dinge?
In meine Gedanken hinein drangen Helenas Worte. Ich dachte daran, wie ich ihr als kleiner Junge immer die Puppen entführt und an Orten versteckt hatte, die sie mit ihrer Größe noch nicht erreichen konnte. Eigentlich hätte ich an dieser Stelle geschmunzelt, aber mir war nicht nach Lachen zumute. Stattdessen stand ich langsam auf, kippte das Wasser des Bechers wahllos in eine Vase und schenkte mit purem, unverdünnten Wein nach. Noch war es nicht einmal Mittag, und doch verspürte ich das dringende Bedürfnis, meinen Geist ein wenig zu betäuben. Mit einer zweiten Nachfüllung - die erste hatte ich in einem Stoß hinuntergekippt - begab ich mich ans Fenster und lehnte mich mit dem Rücken an den Sims, um Helena weiterhin meine Aufmerksamkeit unter anderem in Form eines Blickes zu schenken.
Ja, ich war in der Tat ein Mensch, der gerne lachte. Über andere, mit anderen und auch gern mal über mich selbst. Aber wann ich das letzte Mal gelacht hatte, wollte mir nicht einfallen. Ob ein Schmunzeln auch zählte? Vermutlich nicht. Es schien lange her zu sein, das wurde mir durch Helenas Worte klar. Einen weiteren halben Becher Wein und einige Worte seitens Helena später schwieg ich mich beharrlich darüber aus, was ich dachte, denn meine Gedanken konnte ich einfach nicht ordnen. Geben und nehmen. Es kann nicht gut gehen. Wo war sie, als es mir schlecht ging? Geht es mir denn jetzt gut? Und wo ist sie jetzt? Ich tat Deandra Unrecht, das wusste ich, denn schließlich war ich es gewesen, der sie fortgeschickt hatte. Dennoch klagte ich sie stumm an in meinem Kopf und schenkte Helena ein offenes Ohr, gepaar mit einer nachdenklichen Miene. Deswegen denke ich, dass sie nicht gut für dich ist. Ich blickte in den Becher hinunter, schwenkte die blutrote Flüssigkeit lagsam herum und kippte den letzten Rest Wein hinab.
Als ich mich vom Sims abstieß, um zurück zu Helena zu gehen, bemerkte ich die geröteten Wangen meiner Cousine. Ihre Augen schimmerten sanft und sie erschien mir so zart wie eine Feder. Ich setzte mich wieder ihr gegenüber, das Gesicht unbewegt. Eine ganze Weile musterte ich sie stumm, sah ihr in die Augen, ließ den Blick über Nase und Wangen schweifen, streifte die Lippen - und seufzte schließlich, den Blick gesenkt. "Vorgefallen ist nichts. Ich war vielleicht ein wenig ruppig, als die Nachricht kam....du weißt ja. Seitdem verhält sie sich so seltsam. Ich habe keine Ahnung, was ich falsch mache. Ich weiß nur, dass mich dieses Verhalten zermürbt und ich nicht gedenke, mir ihren Willen aufzwingen zu lassen. Deswegen wird sie warten. Ich vermute, dass sie sich in Ostia aufhält, aber wenn sie denkt, ich würde alles stehen und liegen lassen...." Ich spürte, wie Zorn in mir aufwallte. Schnaubend ließ ich den Satz unvollendet, Helena würde auch so wissen, was ich meinte. Ich sah sie erneut an. "Ich habe das alles so satt, dieses sprunghafte Verhalten. Wer weiß schon, warum sie sich so verhält? Wenigstens ihrer neuen Familie hätte sie doch mitteilen können, wo sie hin wollte!" ereiferte ich mich und hob in einer Geste die Hand. Als es mir auffiel, ließ ich sie sinken, seufzte und fuhr ruhiger fort: "Aber wir reden stets nur von mir, Helena. Ich muss da nun durch, mich entscheiden. Das ist alles..."