Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Ein Rascheln ließ mich wieder aufblicken. Die Liebenswürdigkeit, die Siv dem Pferd mit wenigen Berührungen entgegen brachte, war beiläufig, doch deswegen nicht weniger herzlich. Dann wandte sie sich um und trat mit Elan aus dem Pferch hinaus, in dem sie bis eben noch gearbeitet hatte. Die Heugabel schwebte kurz über dem Boden. Ich blickte Siv an, streckte dann die Hand aus und nahm sie ihr ab, um sie zur Seite zu stellen. Lange maß ich sie daraufhin mit einem Blick, sagte jedoch immer noch nichts. Irgendwo schräg hinter uns schnaubte eines der Tiere. Schwalben und Spatzen tschirpten hoch oben im Gebälk.


    Endlich schwankte mein Blick, riss ich ihn los von diesen meerblauen Augen, und ließ ihn an einen unbestimmten Ort irgendwo weit hinter Siv irren. Ich trat zwei Schritte vor, umarmte sie. Zunächst vorsichtig, als könne ich sie zerbrechen, dann inniger. Die Augen hatte ich nun verschlossen, stattdessen konzentrierte ich mich vollauf auf den Geruch, den sie verströmte. Er war herb, hatte sich ein wenig mit Schweiß gemischt. Die Götter allein wussten, wie sie es fertig brachte, ein wenig nach Tannengrün zu duften. Der Kloß in meinem Hals wuchs ins Unermessliche, während ich so stand und sie hielt. Langsam hob ich eine Hand und fuhr ihr durch das lange Haar, pflückte einige lose Strohhalme daraus und ließ sie achtlos zu Boden fallen. Dann strich ich ihre goldenen Strähnen von einer Schulter. Meine Nase suchte den Kontakt zu ihrer Haut, blies einige Male den Atem darüber, bis meine Lippen sachte ihren Hals berührten. Einmal, zweimal, dann zog ich sie zurück. "Es tut mir leid", flüsterte ich. Dass sie es missverstehen konnte, kam mir nicht in den Sinn, so klar war mir selbst der Zusammenhang, in dem ich die Worte sprach.

    Eine Reise, deren Ende weder auf einer Karte verzeichnet, noch mir selbst klar war. Damit ließe es sich wohl am ehesten beschreiben. War ich nun angekommen? Würde Zufriedenheit mich erfüllen, wenn ich verweilte? Ich wusste es nicht, ebenso wenig, wie ich wusste, was ich mit Celerina machen sollte. Wie Hohn schienen die Wellen des Lebens mich zu umspülen. Jene, die perfekt schien, konnte ich nicht an meiner Seite haben, und jene, die ich an meiner Seite haben konnte, war nicht so tugendhaft, wie ich vor Tagen noch vermutet hatte. Ein klebriges Wirrwar aus tückischen Spinnweben war das. Und mittendrin das ungeborene Kind Sivs, über dem mein Schatten wie das Damoklesschwert schwebte. Was wäre das für ein Leben? Und wäre es nicht besser dran, wenn es diese unglückselige Welt niemals erblickte?


    Schwer waren meine Schritte, als ich sie schlussendlich zur villa lenkte. Beinahe kam ich mir vor wie ein alter Mann. Gramerfüllt, den Rücken gebeugt, erdrückt von der Last der Verwantwortung, gepeinigt von den Wirren der Pflichten eines Mannes meiner Position. Leone hatte ein Lächeln auf den Lippen. Es erstarb, als ich es nicht beachtete, sondern ihm nur meinen Mantel übergab und ohne inne zu halten weiter ging. Vor der Tür in meine Privatgemächer blieb ich stehen. Wohin eigentlich? "Siv." sagte ich schlicht, und es war ein Glück für den mich begleitenden Caecus, dass er sogleich verstand, obwohl es weder eindeutig Frage noch Forderung gewesen war. "Im Stall, Herr", sagte der Sklave, sich in der Litanei der Berichterstattung unterbrechend, und deutete eine Verneigung an. Ich hatte nicht einmal halb hingehört, was es Neues gab, seitdem ich das Haus verlassen hatte. Wortlos wandte ich mich nach links und ging den Flur hinunter. Einige Minuten später hatte ich das Haus wieder verlassen und strebte an grünen Rabatten und farbenfröhen Beeten auf das flache Gebäude des Stalls zu. Heute hatte ich kaum einen Blick übrig für die Schönheit des Gartens.


    Ein schummriges Zwielicht umfing mich. Durch kleine Ritzen und Löcher drangen vereinzelte Strahlen in das Gebäude ein. Stäubchen tanzten darin. Der Geruch nach frischem Heu und durchgelegenem Stroh war übermächtig. Leise Geräusche drangen an meine Ohren. Das Trippeln kleiner Füße, die zu pelzigen Körpern gehörten, entferntes Stampfen von Hufen in Stroh. Leises Plätschern von Wasser ganz in der Nähe, als eines der Pferde trank und mir die Lauscher aufmerksam zuwandte. Alles wirkte friedlich hier, und ich verstand schlagartig, warum sich Siv und Tilla so gern hierher zurückzogen. Nur ein wiederkehrendes Geräusch störte die Idylle. Ich zog die Tür hinter mir zu und ging den breiten Mittelgang entlang. Zur Rechten und Linken standen Tiere in ihren Verschlägen. Einer stand offen. Siv befand sich darin und schichtete Stroh. Ich blieb stehen, mein Kommen nur durch das leise Rascheln meiner Schritte ankündigend. Hineingehen wollte ich nicht. Ich mochte keine Pferde, wohl aber den Geruch hier drinnen. So stand ich nur dort und sah zu, wie Siv Heugabel um Heugabel frische Streu verteilte. Braungelbe Halme hatten sich im blonden Haar verfangen. Sie wirkte so unschuldig. Ich fühlte mich schlecht. Auch nur daran gedacht, es tatsächlich erwogen zu haben. Stumm senkte ich den Kopf und heftete den Blick auf die Hufe der Stute, die diesen Verschlag bewohnte. Unfähig, etwas zu sagen. Etwas Dunkles in mir sehnte sich nach Wein. Keinem Becher, einem Krug.

    Einige Wochen zuvor...



    Entgeistert starrte ich ihn an, meinen Klienten. "Und du bist dir sicher?" fragte ich mehr rhetorisch, denn welchen Grund würde er haben, mich zu belügen? "Sicher, Herr. Viele haben es gesehen. Ich war nicht der einzige." Vipstana Cara rang mit den Händen, seine Kappe dazwischen knautschend. Ich lehnte mich im Stuhl zurück und blickte angestrengt auf meinen Senatorenring. Konnte denn das sein... Wusste sie denn nicht, mit wem sie es zu tun hatte? Oder wer sie war? "Berichte." Eine Geste nur, herrisch, unterstrich das Wort, den Blick hob ich nicht. "Meine Frau und ich hatten lange für den Eintritt gespart, Herr. Wir wollten einen schönen Tag haben, also haben wir die Kinder zu ihren Großeltern gebracht und sind dann ins Theater. Ich weiß ja, wer sie ist, die Frau von den Flaviern, mit der du dich verloben willst. Also habe ich öfter hingeschaut, denn es ist immer besser, wenn man gut informiert ist. Und da war dieser Platzanweiser, der sie zu einem Platz geleitet hat, der gar nicht ihrem Stand entsptricht. Eine Rose hat er ihr gegeben." Schweigen breitete sich aus, Vipstana Cara sah mich abwägend an. "Hmh!" machte ich nur und erwiderte flüchtig seinen Blick. Er deutete es richtig und fuhr fort, während ich mit dem Daumen meinen Siegelring drehte. "Da war dieser Sergier, von dem du sagtest, dass du bei der Wahl gegen ihn gestimmt hast, patronus. Er hat auf die edle Dame gewartet. Als das Stück dann begann, habe ich nicht mehr ganz so genau aufgepasst, aber immer wenn ich geschaut habe, saßen sie ein Stück näher beieinander.... Angefasst hat er sie auch. Und dann hat er sie auf die Arme genommen und ist mit ihr hinauf gegangen, zu den Säulen."


    Forschend blickte ich meinen Klienten an. Es gab keinen Grund, aus dem er lügen mochte, nicht einmal aus Eigennutz, denn was hätte er schon davon, wenn er Celerina verfemte? Missbilligend schnaufte ich. Es war eine Sache, eine Liebelei unter verschluss zu haben. Damit konnte ich noch leben, aber sich öffentlich derart gehen zu lassen, als Patrizierin? Niemals hätte ich gedacht, dass eine Flavia sich so sehr unter Wert verkaufte. "Ehe der erste Akt vorüber war, sind sie wiedergekommen", sagte Vipstana Cara schließlich kleinlaut und blinzelte mich an. Ich winkte einem Sklaven, der dem Mann eine Münze gab. Ratlos starrte ich vor mich hin. Sollte ich ihr unter diesen Umständen überhaupt noch einen Antrag machen? Würde ich mir nicht ins eigene Fleisch schneiden, wenn ich sie nach diesem ungehörigen Gebaren ehelichte? Ich wusste es nicht. Andererseits würde ich mir nicht leisten können, von meinem Wort zurückzutreten. Die Flavia war nach allem immer noch eine ehrbare Familie, und es mochte vielleicht schwerer wiegen, sie gegen mich aufzubringen, als eine Frau zu heiraten, die sich öffentlich so gehen ließ. In jenem Moment jedenfalls hatte ich nicht die geringste Lust, sie zu sehen. Und was die Zukunft brachte, würde ich noch sehen müssen.


    Ich erhob mich. Damit war die salutatio beendet, noch ehe ich alle meine Klienten gehört hatte. Sie wurden mit ihren sportulae nach Hause geschickt, und ich selbst zog mich grübelnd und nicht ohne Wut und Enttäuschung im Bauch in mein Arbeitszimmer zurück.

    "In Ordnung", gab ich zurück und zog einen abschließenden Strich über das Wachs. Das war ja mal schnell und unkompliziert vonstatten gegangen."Dann werde ich dein Anliegen weiterleiten. Du wirst von mir hören - das heißt, sofern du mir verrätst, wo ich dich postalisch erreichen kann."

    Ah, ein Interessent also. Ich öffnete eine Schublade, während er sprach, und zog eine jungfräuliche tabula heraus, um mir Notizen zu machen. Lucius Iunius Merula stand da, Tarraco. "Du ahnst, dass mich tagtäglich solche Ansuchen erreichen, Iunius. Fast immer stelle ich die gleichen Fragen. So sage mir, ob du fundiertes Wissen mit dir bringst oder eine Vertiefung deiner Kenntnisse in einer Ausbildung zu erlangen suchst."



    Sim-Off:

    SimOff gesagt: Hast du die probatio rerum sacrarum I abgelegt, kannst du direkt als sacerdos publicus einsteigen. Fehlt sie dir, steht dir frei, ob du sie jetzt ablegst (sie ist SimOff) oder dich als Schüler einschreibst. Die Anmeldung zur Prüfung erfolgt SimOff in der schola und kostet für Nicht-CD-Mitglieder 500 HS und ist für CDler kostenlos. Um als Schüler einzusteigen, benötigst du keine bestandene Prüfung, wohl aber Geduld, um deine Ausbildung auszusimmen.

    Sim-Off:

    Entschuldige die Wartezeit


    "Sehr gut, dann werde ich das tun. Du kannst meinem scriba später deine gegenwärtige Adresse nennen, damit ich dich auch erreichen kann, sobald sich etwas ergibt in dieser Sache." Ich nickte untermauernd und hob den Becher, um mir Wein nachschenken zu lassen. Mit einem Wink gebot ich dem Sklaven, auch meinem Klienten nachzufüllen.


    "Nun, Quintus Philo aus Patavium. Ich weiß nicht recht, was du bereits über mich und meine Familie weißt. Meine beiden Neffen befinden sich gegenwärtig in der Politik, der ältere von beiden dürfte bald in den Senat berufen werden. Ich habe mich kürzlich mit einer Flavia verlobt, und auch meine Nichte wird jemanden aus dieser Familie ehelichen, einen guten Freund von mir. Gibt es denn etwas, das du gern wissen möchtest?" Wenn ich Offenheit und Ehrlichkeit verlangte, sollte ich schließlich auch bereit sein, dies zu geben, und das war ich.

    "Dann gratuliere ich dir, denn du hast ihn gefunden", witzelte ich, als nach einem Klopfen plötzlich ein Mann in meinem officium stand. Ich deutete auf den Platz vor meinem Schreibtisch. "Bitte, setz dich. Wie kann ich dir helfen?"

    Gefesselt und gebannt verfolgte Celerina das Geschehen im Bühnenrund. Die Flammen in den Kohlebecken züngelten mal hierhin, mal dorthin und warfen tanzende Schatten auf das Geschehen. Damit verliehen sie der Situation ein bedrohliches Ambiente, das sehr zum wilden Ringen mit den Räubern passte. Das Krachen der Holzschwerter und Stöcke war bis hierher zu vernehmen, die plötzliche Stille dann beinahe greifbar. Celerina stieß plötzlich einen Laut aus und war unruhig. Ihre Hand umklammerte nun meine, vermutlich unbewusst. Unschlüssig, ob ich zur Beruhigung mit dem Daumen streicheln sollte, ließ ich es bleiben und widmete mich stattdessen wieder den Schaustellern.


    Und die Sonne versendet glühenden Brand,
    Und von der unendlichen Mühe
    Ermattet sinken die Knie.
    »O hast du mich gnädig aus Räubershand,
    Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
    Und soll hier verschmachtend verderben,
    Und der Freund mir, der liebende, sterben!«

    Damon lag nun niedergestreckt und wehmütig am Ufer. Schließlich richtete er sich auf, Überraschung auf dem Gesichte, und sah sich um.
    Und horch! da sprudelt es silberhell,
    Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
    Und stille hält er, zu lauschen;

    Damon hob eine Hand an sein Ohr und lehnte sich zu einem graubraunen Tuch hin, aus dem der Erzähler nun ein schmales blaues Band herauszog. Von unserem Sitz aus war es kaum zu erkennen, lediglich unterschiedliche Schattierungen mochte man wahrnehmen, doch nicht die verschiedenen Farben.
    Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
    Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
    Und freudig bückt er sich nieder
    Und erfrischet die brennenden Glieder.
    Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
    Und malt auf den glänzenden Matten
    Der Bäume gigantische Schatten;
    Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,
    Will eilenden Laufes vorüber fliehn

    Am Rande der Bühne liefen tatsächlich zwei Menschen vorbei, augenscheinlich aufgeregt. Flink passierten sie Damon, der sich noch der Quelle widmete. Doch horchte er plötzlich auf.
    Da hört er die Worte sie sagen:
    »Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.«

    Und Damon sprang auf, setzte über den Stein hinweg und verschwand hinter dem rückwärtig der Bühne gespannten schwarzen Tuch.


    Kurz darauf kam er zurück, von der anderen Seite, hastete und spurtete, lief mehrmals im Kreise und zwang sich, nicht länger zu verweilen um Atem zu schöpfen.
    Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
    Ihn jagen der Sorge Qualen;
    Da schimmern in Abendrots Strahlen
    Von ferne die Zinnen von Syrakus,
    Und entgegen kommt ihm Philostratus,
    Des Hauses redlicher Hüter,
    Der erkennet entsetzt den Gebieter:
    »Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,
    So rette das eigene Leben!
    Den Tod erleidet er eben.
    Von Stunde zu Stunde gewartet' er
    Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
    Ihm konnte den mutigen Glauben
    Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.«

    Der Mime, der Philostratus verkörperte, stütze nun Damon, der zusammenzubrechen schien. Behutsam half er ihm, sich niederzuknien und schüttelte traurig den Kopf. Leiser, langsamer Paukenschlag setzte nun wieder ein.

    Ob ich es tun würde. Einen Moment verblüfft ob dieser Frage, blinzelte ich Celerina an. Würde ich es tun? Eigentlich beantwortete sich diese Frage beinahe von selbst, betrachtete man meinen näheren Bekanntenkreis. Es gab niemanden, dem ich so sehr vertraute, dass ich ihm mein Leben anvertrauen würde. Von meiner Familie einmal abgesehen. Meine Konzentration auf das Stück war vorerst dahin, denn ich grübelte nun viel zu intensiv darüber nach, woran es liegen mochte, dass ich niemanden so sehr meinen Freund nannte, dass ich mein Leben in seine Hände legen würde. Selbst mit Aquilius war ich nicht mehr so eng befreundet wie damals, als wir beide noch am Anfang unserer Karrieren standen. Eigentlich schade, wenn ich genauer darüber nachdachte. "Vielleicht", gab ich schließlich als Antwort auf ihre Frage zurück, eindeutig zu spät zwar, aber wenigstens erwiderte ich überhaupt etwas. Im nächsten Moment schon rief Celerina bewegt etwas, und ich konzentrierte mich wieder auf das Stück.


    Damon sah sich nun also in Schwierigkeiten. Der Rückweg war ihm versperrt und seine Zeit lief ab. Celerina wirkte ganz aufgeregt. Ich musterte sie von der Seite. Ein wenig vorgebeugt saß sie da, und sie wirkte sichtlich besorgt. Ich dachte nicht lange nach, sondern tat es einfach. Griff nach ihrer Hand und bedachte sie mit einem flüchtigen Lächeln. "Das will ich doch hoffen." Immerhin wäre es wohl nur wenig angemessen, wenn Damons Freund starb und ich einer betrübten Celerina den Antrag würde machen müssen. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen verfolgte ich das Geschehen auf der Bühne weiter.


    Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
    Die Hände zum Zeus erhoben:
    »O hemme des Stromes Toben!
    Es eilen die Stunden, im Mittag steht
    Die Sonne, und wenn sie niedergeht
    Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
    So muß der Freund mir erbleichen.«

    Verzweifelt, wie Damon kang, konnte man regelrecht nachempfinden, was in ihm vorgehen musste. Die Hände hatte er langsam sinken lassen, und selbst oben auf der Tribüne konnte man noch das Schluchzen erkennen, das vermeintliche, das seine Schultern erbeben ließ.
    Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,
    Und Welle auf Welle zerrinnet,
    Und Stunde an Stunde ertrinnet.
    Da treibt ihn die Angst, da faßt er sich Mut
    Und wirft sich hinein in die brausende Flut
    Und teilt mit gewaltigen Armen
    Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

    Heldenmutig bahnte sich Damon nun einen Weg durch das blaue Tuch auf der Bühne. Manches Mal wirkte es gar, als würde er wahrhaftig ertrinken, doch schließlich erreichte er das andere Ufer.
    Und gewinnt das Ufer und eilet fort
    Und danket dem rettenden Gotte;

    Erneut die Hände zum Himmel erhoben, schnaufend und erschöpft wirkend, stand Damon dort. Plötzlich setzte Paukenschlagen ein. Zuerst langsam, dann immer schneller. Und mit einem mächtigen Schlag und einem Satz standen plötzlich mehrere Mimen auf der Bühne, die Damon wie Raubtiere umkreisten. In den Händen hielten sie Holzschwerter und Stöcke.
    Da stürzet die raubende Rotte
    Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
    Den Pfad ihm sperrend, und schnaubert Mord
    Und hemmet des Wanderers Eile
    Mit drohend geschwungener Keule.
    »Was wollt ihr?« ruft er vor Schrecken bleich,
    »Ich habe nichts als mein Leben,
    Das muß ich dem Könige geben!«

    Noch ehe einer der Angreifer etwas erwidern konnte, sprang Damon direkt auf einen der Schurken zu.
    Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
    »Um des Freundes willen erbarmet euch!«
    Und drei mit gewaltigen Streichen
    Erlegt er, die andern entweichen.

    Und tatsächlich lagen nach einem hektischen und wilden Ringen drei der Angreifer inmitten der Bühne. Damon indes schwankte nun hin und her, keuchte. Er war erschöpft vom Weg durch den Fluss und dem heftigen Kampf. Langsam sank er auf die Knie...

    Der Blick, den Durus im Raum schweifen ließ, war nur zu offenkundig. Ich hatte also richtig gelegen mit der Annahme, dass er nicht allzu viel von Valerianus hielt. Unterbewusst folgte ich seinem Blick und gewahrte die drei Sklaven, die sich noch im Raum befanden, zwei von ihnen servierend, der dritte mit Krügen in Habachtstellung. "Danke, ihr könnt gehen", sagte ich und untermauerte die Worte mit einem entsprechenden Wink. Zunächst irritiert, ließen die Sklaven Platten und Krüge zurück und entfernten sich dann.


    Als wir allein waren, musterte ich Durus. Er wirkte sichtlich verstimmt. Nun wurde es brenzlig. Wenn er auch nur ein Wort in der Öffentlichkeit anders darlegen würde als ich es ausgesprochen hatte, konnte mir das als Hochverrat ausgelegt werden. Ein seltsames Gefühl... "Durus, lass uns offen reden. Ich glaube nicht, dass er sonderlich viel Energie daran verschwendet, sich einzugewöhnen", fuhr ich also fort. "Er stützt sich auf Quarto und diesen Vescularius. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Er ist nicht gerade in bester Verfassung. Allein die Götter wissen, ob er nicht bereits jetzt eine Marionette ist. Sein Volk kennt ihn kaum, es bekommt ihn ja nie zu Gesicht. Und wenn er sich zeigt, umgibt er sich mit seinem Stadtpräfekten." Mehr nebensächlich schob ich mir ein gefülltes Ei in den Mund. "Was hältst du von diesem Mann? Sein Auftritt im Senat neulich war eine Beleidigung der Senatorenwürde schlechthin. Ich traue ihm nicht. Und mir gibt zu bedenken, dass der Kaiser einen wie ihn seinen Freund nennt."



    /edit: Link kenntlich gemacht. Schriftfarbe und URL passen einfach zu gut zueinander...

    Fhionn schwieg. Sie nickte nur. Vermutlich tat sie auch gut daran, denn meine Geduld war heute wahrlich überstrapaziert worden. Der Kopfschmerz schien mir noch immer den Schädel spalten zu wollen, und zugegebenermaßen entschied ich die Sache zu einem Teil auch nur deshalb so schnell, da ich allein sein und mich eine Weile hinlegen wollte.


    Damit war es also besiegelt, das Schicksal Fhionns. Sie würde nach Sardinien gehen und dort auf der Plantage arbeiten. "Du wirst die Gelegenheit haben, bei der Arbeit darüber nachzudenken, ob es rechtens war, was du getan hast. Es mag sein, dass Matho euch unterdrückt hat, ohne dass ich es bemerkt habe. Es mag auch sein, dass ihr allesamt zu feige wart, mich davon in Kenntnis zu setzen. Was ich jedoch nicht dulden kann, ist dass eine Sklavin - noch dazu eine, die nicht einmal ein Jahr unter dem Dach dieses Hauses lebt - sich anmaßt, über meinen maiordomus zu richten. So höre denn mein Urteil, Sklavin." Damit stand ich auf und stützte mich mit beiden Händen auf den Schreibtisch vor mir.


    "In zwei Monaten wirst du hier aufbrechen, in Begleitung eines meiner Klienten, der sich auf Sardinien zur Ruhe setzen will. Du wirst dich nie wieder anmaßen, dich an meinem Besitz zu vergehen, sei es Sklave oder Krug oder was auch immer. Du wirst tun, was man dir sagt, und du wirst jeden Befehl meines vilicus ohne Zögern ausführen. Deine Strafe wird sein, mit der Gewissheit leben zu müssen, in deinem Leben niemals die Freiheit erlangen zu können. Du hast die Aussicht darauf mit deiner Tat verwirkt. Weiters wirst du härter arbeiten als die anderen Sklaven der Plantage, auf dass deine Aufsässigkeit gebrochen wird und du lernst, wem du mit Repekt zu begegnen hast. Und ich warne dich, Fhionn - solltest du versuchen, dir das Leben zu nehmen, werde ich nichts unversucht lassen, den Rest deiner Familie ausfindig zu machen und sie dafür zu strafen." Stille erfüllte den Raum. Ich richtete mich auf. "Geh jetzt. In acht Wochen wirst du diese villa verlassen, bis ich entscheide, ob deine Schuld abgegolten ist und du vielleicht wiederkehren darfst. Bis dahin will ich dich nicht in meiner Nähe wissen. Du wirst das Haus nicht verlassen und dich verborgen halten, wenn Gäste uns beehren."

    Endlich kam Bewegung in die beiden, allerdings nicht wie beabsichtigt. Während Tilla um mich herumtänzelte, stolperte Hektor rücklings beinahe über die Kiste, welche die beschränkte Sklavin genau hinter ihm stehen gelassen hatte. Ich verdrehte die Augen und schloss sie dann entnervt. Der Grieche verlor im gleichen Moment den Teppich, der mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden aufschlug und begann, sich zu entrollen. Mit gerunzelter Stirn entdeckte ich schließlich zunächst ein Paar sich drehender Füße und dann plötzlich Prisca. Die im Teppich verborgen gewesen war. Ich blinzelte und runzelte unverständlich die Stirn. Augenblicklich kam mir Cleopatra in den Sinn, selbst einen Vergleich mit dem trojanischen Pferd zog ich hinter der Stirn. Dann aber war die Freude größer, Prisca zu sehen, und ich ging zu ihr hin, die beiden Sklaven und den Rest schlichtweg ignorierend.


    "Prisca!" Selbstverständlich half ich ihr auf, zog sie in der gleichen Bewegung in eine fest Umarmung, bei der ich kurz die Augen schloss. "Es ist so schön, dich wieder hier zu haben... Wie geht es dir?" Die letzte Frage stellte ich ihr, als ich ihr wieder ein wenig Luft gelassen und eine Armlänge von mir geschoben hatte. Kritisch wie über die Maßen zufrieden, musterte ich sie. Ihr Haar war länger als ich es in Erinnerung hatte, und auch ihr Teint wirkte frischer. "Und was soll diese Maskerade?" fragte ich, doch keineswegs missbilligend, sondern schlichtweg in Unverständnis. "Kannst du gehen? Bist du hungrig, hast du Durst? Es gibt viele Neuigkeiten."

    Zwei Sklaven betraten nun den Raum und trugen silberne Tabletts mit den Happen, auf welchen die Vorspeise angerichtet waren - kleine Happen verschiedenster Art, die den Appetit anregen sollten. Schweigend und perfekt einstudiert, boten die beiden Durus die Auswahl dar, und nachdem er gewählt hatte, ließ auch ich mir einige Köstlichkeiten zusammenstellen. Natürlich schmeckte es mir, doch war am heutigen Abend das Essen eher nebensächlich für mich.


    "Tatsächlich", bemerkte ich erstaunt und hing alsdann kurz meinen Gedanken nach. Er schien sich Zeit zu lassen, was mich verwundern sollte, es allerdings nicht tat. Der Tonfall Durus' zeugte von gelindem Missfallen. Prüfend musterte ich ihn, räusperte mich schließlich. Es war ein schmaler Grat, auf dem ich entlangwandern würde. Selbstverständlich war ich kaisertreu, doch kritisierten nicht selbst die allerbesten Freunde einander, um existierende Schwächen aufzuzeigen, damit sie behoben werden konnten? "Bisweilen scheint er die Dinge eher...weniger zu gewichten als selbst sein Vater es tat", sagte ich vorsichtig und nahm einen Schluck Wein, um Durus' Reaktion über den Rand des Bechers hinweg zu beobachten. Sollte er Valerianus nun über den Klee loben, würde ich wissen, dass ich fortan besser meine Gedanken für mich behielt, dies Thema betreffend.

    Eine Weile blieb der sacerdos schweigend über die patera gebeugt stehen, zupfte hier und dort mit spitzen Fingern und kritischem Blick an der blutigen vitalia herum und befühlte letztlich auch die Leber genaustens, um Verknotungen oder ähnliches zu erfühlen, denn sichtbar waren wohl keine, sonst hätte er längst das Scheitern des Opfers verkündet. Schlussendlich richtete sich der Priester auf, suchte meinem Blick mit seinem. "Die vitalia ist frei von Abnormalitäten, ehrwürdiger septemvir, die allmächtige Göttin hat dein Opfer akzeptiert", sagte er mit graver Stimme, und ich nickte nur. Besser fühlte ich mich nicht, auch tendierte ich zu keiner eindeutigen Entscheidung hin. Was ich mir erhofft hatte, was ausgeblieben. Die Göttin hatte zwar mein Opfer angenommen, doch nichts in die Waagschale geworfen, um meine Entscheidung zu beeinflussen.


    Das Opfer war beendet. Der Priester ließ sich eine Schale reichen und säuberte seine Hände, trocknete sie hernach an einem weißen Tüchlein ab und musterte mich derweil. Leergefegt war mein Kopf, sah man von dieser einen Sache ab, die eine Entscheidung verlangte. Ich fragte mich, ob Iuno das Opfer akzeptiert hatte, weil sie wollte, dass dem Kind nichts widerfuhr. Wäre es missglückt, wenn sie gewollt hätte, dass ich Siv dazu zwang, es zu verlieren? Umwölkte von Gedanken, innerlich selbst eine Entscheidung forcierend, begann ich damit, auf diese Weise zu interpretieren. Den Priester entlohnte ich mit einem Wink zu meinem Sklaven hin mit einigen Münzen, das Fleisch sollte der Tempel behalten. Mit knapper Verabschiedung verließ ich den Tempel, um mir auf dem Heimweg Zeit zu lassen. Vermutlich hatte Iuno meine Entscheidung nicht beeinflussen wollen, weil sie sehen wollte, ob ich mich recht entschied - was es nicht leichter machte, denn was war die rechte Entscheidung, wenn nicht die, welche mir unangenehme Fragen und vielleicht sogar einen Ansehensverlust ersparen würde?

    Knapp, aber dennoch besser als dieser seltsame Sergier hatte Avianus die Wahl für sich abgeschlossen. Er war damit gewählt worden, dies war die erste Hürde gewesen, nun galt es, sich zu beweisen. Vermutlich lagen derzeit nicht sonderlich viele Erbfälle vor, was sich allerdings ändern konnte, sobald der Winter erst einmal Einzug gehalten hatte. Viele, gerade die Älteren, klagten dann über allerlei Gebrechen, und nicht selten geschah es, dass jene zum Grund für den Tod wurden. Über Ursus' Ergebnis wunderte ich mich nicht, es hatte schließlich nichts zu klagen gegeben und er hatte seine Sache bisher gut gemacht - soweit ich das anhand der spärlichen Informationen beurteilen konnte.


    Als ein wenig fehl am Platze empfand ich die Glückwünsche des Germanicers, immerhin hatten kaum viele der gewählten Magistraten bereits die Senatorenwürde inne, sodass die Glückwünsche nur bei einer Hand voll der neuen Magistrate überhaupt Gehör fanden. "Ich schließe mich Senator Tiberius an", ließ ich also nur verlauten, denn mehr gab es tatsächlich nicht zu sagen.

    "Gut gut...ja, natürlich Prisca, wen denn sonst?" Was sie an dem Sklaven nur fand? Bisweilen war er mir eindeutig zu langsam, was das Denken betraf. Andererseits hatte sie ihn nicht der Gewitztheit wegen erworben, sondern der aufgrund der Muskeln. Deswegen konnte ich noch darüber hinwegsehen. Ungeduldig war ich dennoch. Sie hatte sich angekündigt und nun war sie ganz plötzlich hier, aber...auch wieder nicht. Ich seufzte und musterte den Teppich, den Hektor trug. Irgendein Knüpfwerk aus dem Norden wohl.


    "Nein, ich habe sie noch nicht gesehen..." Ob er dieses Ratespielchen lustig fand? Tage-, wochen-, monatelang hatte ich gewartet, und nun verkaufte mich ein recht naiver Sklave für dumm. Ich musterte Hektor mit zunehmend verengten Augen, sah dann Tilla an. "Hast du Prisca gesehen?" Gehört hatte ich sie eben auch nicht, was einer Sklavin zu verdanken war, die allein versuchte, eine schwere Truhe hineinzuschleifen. "Heda, pass auf das Mosaik auf!" rief ich mit untermalender Geste auf den Boden hin, und schüttelte den Kopf. Wieder wandte ich mich Hektor zu. Auf gewisse Weise wirkte er nervös. Aber warum? Nun ja. "Ich bitte darum", erklärte ich steif, als er anbot Prisca suchen zu gehen. Weit konnte sie ja nicht sein, wo sie eben erst angekommen war.


    Vielleicht klapperte sie auch die Orte ab, an denen sie mich vermutete? Ich ließ die beiden stehen und ging hinüber zu meinem Arbeitszimmer, öffnete die Tür und sah kurz hinein. "Prisca?" natürlich war sie nicht hier, das hatte ich auf den ersten Blick schon gesehen, denn wo hätte sie sich auch verstecken sollen? Also schloss ich die Tür wieder und sah zurück zu Tilla und Hektor. "Na!" kommentierte ich. Erstarrte Salzsäulen würden mir Prisca schließlich nicht herbeischaffen.

    Zitat

    Original von wikipedia.org
    Walther Leonhard hat 1911 eine Gleichsetzung der Amazonen mit den Hethitern postuliert. Eine solche Identifikation würde zwar zwei Probleme lösen: Die Hethiter waren ein mächtiges reales Volk, das griechische Quellen jedoch mit keiner Silbe erwähnen; die Amazonen dagegen sind ein archäologisch nicht fassbares Volk, das eine große Rolle in Schrifttum und Kunst der Griechen spielte. Zudem waren rechtlich bei den Hethitern die Frauen den Männern gleichgestellt, was bei indogermanischen Völkern ungewöhnlich war.


    Ich hege den Verdacht, dass hier im IR mit "Amazone im übertragenen Sinn eine selbstständige und streitbare junge Frau" gemeint ist. Die Amazonen selbst entspringen mit großer Wahrscheinlichkeit der griechisch-römischen Mythologie.