"Ich weiß." Das war alles, was ich bezüglich der Hochzeit entgegnete. Ich gab nicht zu, dass ich vor der Ungewissheit zurückschreckte, die eine Ehe für das eigene Leben mit sich brachte. Ich hatte keine Ahnung, wie es sich anfühlen würde, eine Ehefrau zu haben, mich um sie zu kümmern. Dass es war, wie eine Schwester zu haben, wusste ich seit der Sache mit Deandra besser. Inzwischen hatte Prisca diese Stelle eingenommen, ohne bewusst etwas dafür zu tun. Dass ich manchmal noch an Deandra dachte, wie es früher war, erzählte ich keinem. Ich wusste, wie die meisten darüber dachten, und im Grunde war ich froh, dass mein Verlöbnis mit der vermeintlichen Schwester allmählich in Vergessenheit geraten war. Dennoch, ich konnte nicht einmal mir selbst eingestehen, dass ich Angst hatte vor dem, in das ich mich selbst hinein bugsierte. Eine Ehe brachte schon Veränderungen und Pflichten zur Genüge mit sich, doch würde ich nicht irgendwen heiraten, sondern eine Flavia, die Nichte meines besten Freundes. Dieser Umstand verschärfte all jenes nochmals, sodass ich nur mehr vorwärts, nicht aber zurück gehen konnte. Auch hier verbot es mir mein Stolz, mit jemand anderem außer Prisca darüber zu reden. Mit Aquilius, der schließlich direkt mit von der Partie war, war es mir ebenso wenig möglich, darüber zu regeln.
Und nun das. Als wäre all dies nicht schon kolossal genug gewesen, hatte sich die Situation nochmals verschärft. Es war ein Kind auf dem Weg, ein Kind, dessen Geburt die Götter guthießen. Ich konnte mich unmöglich dagegen stellen, selbst wenn...selbst wenn ich es wollte. Was ich nicht tat, wie mir bewusst wurde. Der Duft von Sivs goldenem Haar kitzelte in meiner Nase, die kuriose Mischung von Herbem und Fruchtigem, die mir so vertraut war und nun so fremd schien. Kurz blitzte eine falsche Realität in meinem Geiste auf, die Langhäuser und einen See beinhaltete, gleichsam sommerliches Wetter und eine Welt abseits allem Standesdenken, doch beim nächsten Lidschlag schon wähnte ich mich wieder mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen, dem römischen Boden der Tatsachen. Wenn ich in jenem Moment einen Sinn dafür gehabt hätte, so wäre mir sicher das Klischee aufgefallen, dem Siv mit ihrer Was-denkst-du-Frage mehr denn entsprach. So aber, den Kopf angefüllt mit so vielschichtigen Gedanken, bemerkte ich nicht, wie klischeehaft dieser Moment war. Sie wollte wissen, was möglich war. Alles. Sie wollte wissen, was machbar war. Nicht weniger. Sie wollte wissen, an was ich dachte. An vieles und doch nichts Relevantes. Und sie wollte wissen, was ich wollte.
Die Klarheit, die Prägnanz und Präzision dieser Frage schien vonnöten gewesen zu sein, dass ich mich näher damit auseinandersetzte. Sivs Hände, die den Stoff meiner tunica so kräftig zerknitterten, waren wie Haken, die mich in der Gegenwart hielten. Ich hielt sie gleichsam fest, weiterhin starrend und zugleich starr, gedankenverloren und zugleich gedankenlos. Mein Verstand wusste sich nicht klar zu artikulieren, und nach mehreren vergeblichen Ansätzen, etwas zu sagen, ganz gleich ob harsch, abschmetternd, aufbauend oder hoffnungschenkend, schwieg ich weiterhin. Ich hatte das Gefühl, ein jedes Wort würde falsch sein und doch nicht vermitteln können, was ich wirklich und wahrhaftig dachte. Stille zog sich wie zäher Honig dahin, nur unterbrochen vom rhythmischen Klopfen meines Herzens und dem Sivs. Gleich wie quälend ihre Worte auch gewesen waren, ich wusste keine Antwort. Nicht, weil ich sie nicht wissen wollte, sondern weil ich es wahrhaftig nicht wusste. Gequält schloss ich die Augen, gab mich der trügerischen Sicherheit der gewollten Düsternis hin, auch wenn sie erzwungen war, dem Duft ihres Haares, der Gewissheit, ihr Nahe zu sein. "Ich weiß es nicht, Siv. Ich weiß es nicht."
Nicht mehr als eine Sekunde verstrich, bis ich mich von ihr löste, vermied, sie anzusehen. Mehr Aufmerksamkeit schenkte ich dem Boden zu meinen Füßen, betreten betrachtete ich die Maserung der feinen Mosaiksteinchen. "Ich... Entschuldige mich." Zerstreuung war es nicht, die mich diese Worte murmeln und dem Raum entschwinden ließ, ganz so, als sei es ein Rückzug aus feindlichem Gebiet. Ich ahnte nicht, nein, ich wusste, dass ich Siv damit nur mehr Fragen zurückließ als sie ohnehin schon hegen musste, und doch konnte ich nicht anders als zu fliehen vor der Wirklichkeit, gleichwohl sie mich verfolgte wie mein eigener Schatten, wohin ich auch ging. Dennoch, es galt, zu opfern, und dies würde ich tun und, so die Götter es wollten, eine Antwort finden - und wenn nicht dies, so zumindest ein kleines Stück der mir verlustig gegangenen inneren Ruhe.