Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Ich dachte darüber nach, warum ich Siv nicht gesagt hatte, wer zu Besuch kommen würde. Im Grunde war die Antwort denkbar einfach, dennoch sah ich sie nicht deutlich. Während sie sich in kurzbündigen Ergüssen erging, fragte ich mich, wie dieser Tag wohl noch verlaufen mochte für mich. Der Kaiser hatte seit seiner Ausrufung nicht erkennen lassen, ob die Flavier ihm ein Gräule waren, ob er sie ignorieren oder beschneiden wollte. Insofern hatte ich keine Ahnung, ob es klug war, mich an Celerina zu interessieren, oder ob nicht vielleicht sogar eine plebejische Senatorentochter nicht die bessere Wahl war. Es mochte dieser Tage nicht so eng gesehen werden, doch manche älteren Senatoren legten durchaus Wert darauf, dass man verheiratet war, wenn man im Gremium saß.


    Sivs rasche Reaktion ließ mich irritiert blinzeln. Ihre Verständnislosigkeit musste gespielt sein - oder war sie tatsächlich echt? Ihr Ausruf hing eine Weile im Raum, einer schweren Parfumwolke gleich. Interessiert und aufmerksam musterte ich sie. Seit Mathos Tod erschien mir ihr Fluchtversuch wie in weite Ferne gerückt, verschwommen und ausgebleicht wie ein Traum. Oder so, als bertäfe das alles nicht mehr mich selbst. "Ich hasse dich nicht", entgegnete ich schließlich, denn das tat ich wirklich nicht. "Aber ich bin maßlos enttäuscht von dem, was du getan hast. Oder tun wolltest. Letztendlich spielt das keine Rolle." Zum ersten Mal nach all den Wochen, die sie nun schon alle von der Reise zurück waren, konnte ich einigermaßen ruhig darüber sprechen. Das bedeutete jedoch nicht, dass ich geneigt war, dies auch zu tun. "Aber das ist jetzt auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass du darauf achtest, was du sagst, wenn Celerina gleich hier eintrifft." Ich schwang die Beine von der cline und setzte mich. Ich musste mich noch umziehen. Eine toga wäre wol zuviel des Guten gewesen, aber gewandet in diese schlichte tunica wollte ich die Flavierin schließlich auch nicht empfangen. Also erhob ich mich, drängte all jene Gedanken beiseite, die sich mit Siv befassten und deutete ins Haus hinein. "Hilf mir bei der Kleiderwahl, ihr Frauen habt einen besseren Geschmack", wies ich sie in nebensächlichem Tonfall an und setzte mich in Bewegung, um vorauszugehen.

    Das Voropfer ging verhältnismäßig schnell über die Bühne. Allerdings waren auch bei weitem nicht alle Gaben der spendablen Menschen der Fortuna geopfert worden. Am Abend würde man die Reste wohl an Bedürftige verteilen. In gemächlichem Gang strebte die Menge nun dem Tiberufer entgegen. Gelegentlich drangen unangenehme Gerüche aus einer der Seitenstraßen und wehten durch die Menge.


    Das Opfer am Ufer verlief unkompliziert und gut, die Kühe waren ohne Makel, und so war es kein Wunder, dass die litatio bald verkündet wurde. Ich hatte uneingeschränkte Sicht auf das Treiben, einer der Vorteile, die man hatte, wenn man in einem der stadtrömischen Collegien saß. Der pontifex hatte das Wort kaum zu Ende gesprochen, da schoben sich bereits die ersten Menschen vom Schauplatz weg und auf die festlich geschmückten Boote zu. Ich selbst wollte mir keinen Platz in einem von ihnen sichern, sondern lieber auf festem Boden der Prozession beiwohnen. Ein Verkäufer von faulig riechenden Muscheln, die angeblich Perlen enthielten - was man wohl nur sah, wenn man sie auch aufbrechen konnte - schwenkte seinen Bauchladen in meiner Nähe und wollte mir etwas andrehen, doch hatte ich kein Interesse, und meine custodes sorgten dafür, dass sich der Fremdling alsbald wieder verzog.


    Eine ganze Weile später war ich auf einer der nicht ganz so überfüllten, über den Tiber geschwungenen Brücken angelangt und suchte mir einen Platz am Geländer. In einiger Entfernung waren die ersten Boote bereits besetzt und fuhren gemächlich den Tiber hinunter. Laute Musik drang von einigen von ihnen ans Ufer und auf die Brücken hinauf, irgendwo pries jemand ein nie zu leerendes Füllhorn an und es gab zahlreiche Römer, die trotz der Tatsache, dass es nicht einmal Mittag war, schon durch die Menge taumelten Obszönitäten und lallten.


    Ich sah mich um - (er)kannte ich vielleicht jemanden?

    Siv wirkte angespannt, aber darüberhinaus war nichts weiter feststellbar. Dafür verbarg sie ihre Gefühle zu gut. Ich ließ noch einen Moment verstreichen, in dem ich sie nicht ansah, sondern den Blick in den Garten gerichtet hielt. Das Schweigen zog sich in die Länge, und ich war mir sicher, dass nicht nur mir das unangenehm war.


    Schließlich räusperte ich mich, bedachte eine in Blüte stehende Magnolie mit langem Blick und sprach, ohne Siv anzuschauen. "Ich bin zufrieden damit, wie der Garten aussieht." Dann wandte ich doch den Kopf. Siv sah mich nach wie vor nicht an, wirkte aber dennoch recht aufmerksam, vielleicht auch ein wenig ängstlich. Ich gab mir Mühe, nebensächlich zu klingen. "Gleich kommt Besuch hierher. Ich möchte, dass du dir eine saubere tunica anziehst und uns begleitest. Dieser Tag könnte wichtig für mich sein, daher solltest du dich benehmen. Ich würde jemand anderen bitten, mit uns durch den Garten zu streifen, aber du bist diejenige mit dem Grünen Daumen." Ich befeuchtete die Lippen mit der Zungenspitze. Ein wenig leid taten mir die reservierten Worte schon. Siv hatte seit der Rückkehr nicht versucht, zu fliehen. Vielleicht war ich ein wenig zu streng mit ihr. Andererseits saß der Dorn tief in meinem Fleisch, und er schmerzte immer noch. Ich war mir nicht sicher, ob sie mein Vertrauen verdiente, nach allem, was geschehen war. Gebüßt hatte sie ganz bestimmt, allein schon wegen der Schikanierungen der anderen und der schlechten Arbeiten, die nun zum Großteil ihr zufielen. Ich schnalzte mit der Zunge und seufzte. "Du hasst mich", stellte ich nüchtern fest.

    Die Einladung war überbracht worden, eine positive Antwort hatte ich ebenfalls bereits erhalten. Beseelt von einer mir unerklärlichen Anspannung, lag ich auf einer cline der Terrasse in der Sonne und musterte nachdenklich die Pflanzen im Garten, die man von hier aus sehen konnte. Träge summten Bienen von Blütenkelch zu Blütenkelch, Amseln stritten sich um die fettesten Würmer des guten Bodens und die Sonne beseitigte die letzten Tautropfen. Es war ein klarer Morgen, und er verkündete, dass der Tag sehr warm werden würde.


    Leise Schritte hinter mir ließen mich den Kopf drehen. Ich erwartete jemanden, genau genommen hatte ich nach Siv schicken lassen. Ich blickte sie kurz an und deutete wahllos auf eine Sitzgelegenheit. "Setz dich" sagte ich zu ihr und wartete.

    Gewandet in eine weiße toga und einige Sklaven im Schlepptau, die ihrerseits verschieden große Körbe mit privaten Gaben für die Göttin trugen, bahnte ich mir einen Weg am Rande der Menschen entlang. Selbst hier war das Drängen und Murmeln allgegenwärtig, sodass die beiden custodes ihre liebe Mühe hatten, den Weg freizumachen. Schließlich aber gelangte ich auf den Stufen des Tempels an und stieg einige empor. Von hier aus hatte man einen guten Blick über die Menge, die von einigen wohlplatzierten Tempeldienern so weit auf Abstand gehalten wurden, dass später noch Platz für das Blutopfer sein würde, das man Fortuna zu zollen gedachte.


    "Glücksmünzen, archaische Glücksmünzen... Nur vier Asse das Stück.... Glücksmünzen.... Na, ein wenig Glück gefällig der Herr? Nein? Na gut... Glücksmünzen....archaische Glücksmünzen....." Ich wandte den Kopf und sah einen dicklichen, in Seide gewandeten Händler, der mit einem Bauchladen durch die Menge zog. Und er war bei weitem nicht der einzige. So manches Mal glaubte ich, dass diverse Kleinsthändler und Ganoven in ihren Löchern nur darauf warteten, dass ein weiterer Feiertag anstand, an dem sie ihren Tand verkaufen konnten. Dann kamen sie alle aus ihren Löchern gekrochen und verbreiteten Fälschungen und Dinge, die nicht hielten, was sie versprachen. Das Schlimmste aber war, dass es genug Leute gab, die solcherlei Sachen erwarben. Doch deswegen war ich nicht hier, zumal ich dem ohnehin nicht viel abgewinnen konnte. Allmählich füllte sich der Platz um und auf der Tempelvortreppe mit potifices, Haruspexen, septemviri, Auguren und anderen Mitgliedern der stadtrömischen Collegien. bei weitem nicht alle würden eine Rolle im kommenden Opfer erhalten, doch war darauf geachtet wurden, dass zumindest einer aus jedem Gremium eine Rolle spielen sollte. Ich selbst hatte zugunsten von Fulvius Frugi abgelehnt, mich zu beteiligen, und jener wuselte nun aufgeregt zwischen den pontifices herum und verbreitete Nervosität. Ich selbst hielt nach bekannten Gesichern Ausschau.

    Amüsiert über die Reaktion meines nur wenige Jahre jüngeren Neffen, schmunzelte ich vor mich hin, bis schließlich das Geräusch schwerer Schritte die Rückkehr des Accoleianus ankündigte. Während er die tabulae auf seinem Schreibtisch platzierte, beobachtete ich Avianus, der wohl nicht mit dieser Fülle an Arbeit gerechnet hatte.


    Ich nickte ob der Information, dass der zweite Teil der Tafeln sich bereits im Anmarsch befand, und griff mir eine Hand voll Wachstafeln des ersten Stapels. Der scriba, der nun herein kam, platzierte die restlichen Akten und stand daraufhin unschlüssig herum. Wohl fragte er sich, ob er bleiben und helfen oder ins Archiv zurückkehren sollte. "Wir suchen nach Überweisungen, die im Zusammenhang mit dem Namen des Fabius Antistes stehen. Jegliche Eintragungen, die einen Geldtransfer in oder von seiner Kasse belegen, können wichtig sein. Wichtigster Anhaltspunkt für uns ist eine an den Iden des Dezember DCCCLVIII A.U.C. durchgeführte Überschreibung von Geldern der Staatskasse auf seinen Namen. Diese Summe sollte sich vollumfänglich in den Belegen des cultus deorum wiederfinden. Ich gehe davon aus, dass dieser Betrag in den Akten des stadtrömischen Kults verzeichnet ist." Wenn er überhaupt zu finden war, hieß das. Ich klappte ebenfalls eine Tafel auf und begann damit, die Eintragungen auf Hinweise zum rex sacrorum hin zu prüfen.



    SEPTEMVIR - COLLEGIUM SEPTEMVIRORUM
    AUCTOR - ACTA DIURNA
    TUTOR - AURELIA PRISCA
    TUTOR - AURELIA HELENA
    SODALIS FACTIO AURATA - FACTIO AURATA

    Ob ihre Tränen von Reue zeugten oder aber berechnet waren, wusste ich nicht zu sagen. Doch ich sah sie, sah und ignorierte sie. Ein Mord war nicht so einfach mit ein wenig Salzwasser fortzuspülen, erst recht nicht, wenn es kaum einen Grund gegeben haben mochte, der diese Gräueltat rechtfertigte. Einen Moment später war Fhionn aus dem Raum verschwunden. Ich ließ noch einen Moment verstreichen, ehe ich mich von meiner Position loslöste und langsam zu dem großen Regal hinüber ging, um gedankenversunken davor zu verharren.


    Orestes' Stimme hatte ich zuvor gehört, ebenso registriert, dass Siv ihm nicht geantwortet hatte. Ohne mich umzudrehen, ging ich doch davon aus, dass Orestes inzwicshen näher heran gekommen war. Dennoch schwieg ich, denn ich wusste nicht, was ich hätte sagen sollen. Zum zweiten Mal aufs Derbste enttäuscht - von Siv und Fhionn und auch von mir selbst, denn ich war es schließlich, der Fhionn erstanden hatte - ließ ich den Blick über die kleine Sammlung der mir liebsten Schriften schweifen, die ich hier aufbewahrte. Später an diesem Abend sollte ich mich schlaflos im Bett herumwälzen.

    Gefesselt blickte ich auf das verkohlte Hölzchen hinab. Es hatte klaglos seine Bestimmung erfüllt und gedient. Ich bückte mich und hob es auf, um das Glimmstäbchen auf den Altar zu legen. Die Flammen leckten und zitterten im lauen Hauch, der durch die offenstehende Tür eindrang, und so wandte ich mich um und lehnte die Tür an. Da ich niemanden im atrium vermutete, achtete ich auch nicht auf die Umgebung und nahm so den verborgenen Zuschauer nicht wahr.


    Zurück an dem schmalen Tischchen, wo die Figuren der Ahnen gespenstisch große und flackernde Schatten an die Wand warfen, betrachtete ich stumm das Schattenspiel, versunken in sich endlos im Kreis drehenden Gedanken, bis mir irgendwann auffiel, dass das Licht abgenommen hatte und die Kohlen nur mehr Hitze abstrahlten und sachte glommen. Wie lange ich so gestanden hatte, wusste ich nicht zu sagen. Mein Körper schien kelin Teil von mir zu sein, und ich nur ein stummer Beobachter meines eigenen Handelns, als ich träge die Hand nach der Weihrauchmischung ausstreckte und viel zu viel in den foculus rieseln ließ. Ich bewegte mich ohnehin schon wie in Trance, von Müdigkeit geplagt und doch zum Wachen verdammt, in einem stillen Haus, welches mit Schatten angefüllt war. Obwohl ich wusste, dass es nicht förderlich war, wollte ich genau dies - und ich beugte mich so tief, wie es die gleißende Hitze erlaubte, über die Kohlenschale und sog den sich entfaltenden Rauch tief ein. Bald schon strauchelte ich am Rand des kleinen Beckens und musste mich mit einer Hand in Position halten, um nicht zu stürzen, doch ich wich nicht fort von der Stelle, an der sich kräuselnd und knisternd der umnachtende Duft entfaltete und meine Sinne umnebelte. Das Husten bemerkte ich nicht einmal am Rande.


    Bald schon musste ich auch die andere Hand zur Hilfe nehmen, um mich am weiß getünchten, edlen Holz des schmalen Altars abzustützen. Die Arme zitterten inzwischen, und die Luft in dem kleinen Raum war dicht und schwer geworden. Aber vor allem hatten die Gedanken aufgehört, sich beständig um sich selbst zu drehen. Alles wirkte wie betäubt. Und es war gut so. Ich war des Grübelns so müde, der endlosen Diskussionen mit mir selbst und meinem Gewissen. Ich tat recht daran, Fhionn hinrichten zu lassen, und ich tat recht daran, Siv zu ignorieren, auch wenn ich sie damit verunsicherte und im schlimmsten Fall dazu brachte, mich zu fürchten. Ich hatte ohnehin jedem bisher nichts als Unglück gebracht. Es war nicht nur für die Familie besser so, es war auch das Beste für mich. Und für sie vermutlich auch. Ohnehin war es nur Spinnerei gewesen, wie damals. Wie die Sache mit Deandra. Ich sollte mich um die Flavia bemühen und einen Erben zeugen, wie es sich gehörte. Alles weitere war ohnehin purer Luxus und nicht zu realisieren.


    Trunkenheit war es, die ich herbeisehnte. Mein Geist sehnte sich nach Ruhe, danach, dass er sich fallen lassen konnte, ohne hart auf dem Boden der Tatsachen aufzuschlagen. Was ich nun brauchte, war etwas Stärkeres, doch diesen Hort der Abgeschiedenheit, des Verborgenen zu verlassen, erschien mir unmöglich. So musste denn die Statue des dis pater weichen, welche in der Ecke stand und ein verborgenes Fach vor säubernden Sklavenhänden und neugierigen Fingen bewahrte. Zittrig tastete ich nach der Nische unter dem Sockel der kleinen Marmorstatue, mich fragend, ob es wohl noch gut war, nach all den Jahren, die ich es nicht angerührt hatte. Das Leder sah noch intakt aus, und auch die klebrige Masse, die neben der Pfeife dort drinnen eingeschlagen war, wirkte annehmbar. Wenig, doch verwendbar. Das sanfte Glühen des Kohlebeckens und die durch den Raum ziehenden Schwaden gaben mir ein Gefühl der Geborgenheit. Schnell war ein weiterer Span entfacht, der als Zündstoff diente. So, wie du es bei ihm gesehen hast. Marcus. Trockene Lippen schlossen sich um das Mundstück der Pfeife. Der erste Zug war unerwartet herb und ließ meine Lungen protestierend schnaufen, doch ich konnte den Hustenreiz nach einigen Sekunden bezwingen. Nicht zuletzt, weil ich mich plötzlich angenehm fühlte. Der Geschmack war gewöhnungsbedürftig, doch annehmbar, weckte lang verborgene und wohl gehütete Erinnerungen an ausschweifenden Lastern - und ließ den Wunsch keimen, dies noch einmal zu erleben.


    In einer Hand die Pfeife, ergriff ich mit der anderen das Figurchen meiner Mutter. Verklärt blickte ich sie an, nachdem ich einen weiteren Zug genommen hatte, diesmal ohne zu husten. "Mutter...wie schön d..du bist", nuschelte ich kaum wahrnehmbar vor mich hin und meinte im nächsten Augenblick, die Figur blinzeln zu sehen. Erschrocken ließ ich sie fallen und fluchte, als sie unter den Altar rollte. Ich tastete den Boden ab, den ich nicht einsehen konnte, und fand sie irgendwann. Peinlich berührt stellte ich sie zurück zu den übrigen Ahnen, hielt inne und zog erneut an der Pfeife, nur um danach jeden der Ahnenfiguren zweifelhaft und mit geweiteten Pupillen anzuschauen. Mir war, als würden sie alle missbilligend die kleinen Holzköpfe schütteln. "Was guckt ihr so?" blaffte ich mit schwerer Zunge in den Raum, der beständig seine Form zu verändern schien. Er waberte. Furcht keimte in mir und fand fruchtbaren Boden. Die Schatten schienen noch anzuwachsen, bebten und zappelten bedrohlich. Hastig nahm ich noch einen Zug, und noch einen. Doch das Gefühl der Bedrohung stieg noch weiter an, und ich begann zu zittern. Ich ließ die Pfeife fallen, und das nur halb verbrauchte Opium verteilte sich um den Ort herum, an dem sie aufschlug. Taumelnd stieß ich gegen die Wand, stützte mich dort ab und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Doch es kam anders, und einen Moment später rutschte ich besinnungslos an der Wand hinab, um mich herum nichts weiter als, beängstigende, bedrückende und immerwährende Schwärze.

    "Da hast du recht, aber nötig ist es dennoch", erwiderte ich auf Accoleianus' Worte hin. Bevor er den Raum verließ, nickte ich ihm zustimmend zu. Kaum war der Mann hinaus, ließ sich mein Neffe zu einer frechen Bemerkung hinreißen. Tadelnd sah ich ihn an. "Er wird andere Qualitäten haben, Tiberius. Vermutlich fragt er sich gerade, warum du ihn nicht einmal begrüßt hast", gab ich zu bedenken und hob die Mundwinkel zu einem belustigten Schmunzeln an. Vielleicht verstand er ja den Wink, nicht abfällig über andere zu reden, während man darauf wartete, dass sie zurückkehrten. Später, zu Hause, war noch genug Zeit hierfür.


    "Es wird zwar unschön sein, sämtliche Einträge zu prüfen, aber wenn sich hinterher herausstellt, dass der Verdacht begründet ist, dürfte das weitreichendere Folgen nach sich ziehen als nur das Gefühl, recht gehabt zu haben. Andererseits, wenn wir nichts finden und alles in Ordnung scheint, haben wir gleichsam etwas bewirkt, nämlich einen Fehler in den Büchern entdeckt. - Genaugenommen hast du diesen entdeckt." Ich lächelte ihm zu und blickte dann wartend aus dem Fenster, bis ich meinte, Schritte näher kommen zu hören. Da wandte ich mich um und sah zur Tür.



    SEPTEMVIR - COLLEGIUM SEPTEMVIRORUM
    AUCTOR - ACTA DIURNA
    TUTOR - AURELIA PRISCA
    TUTOR - AURELIA HELENA
    SODALIS FACTIO AURATA - FACTIO AURATA

    An diesem Abend lag ich noch lange wach und grübelte über die kürzlich geschehenen Ereignisse und mein Leben nach. Wer war ich eigentlich? Was war ich? Warum war ich, wie ich war? Marcus Corvinus von den Aureliern, Sohn des Marcus Antoninus, der in seinem Leben noch weniger erreicht hatte als ich selbst mit noch nicht einmal dreißig Jahren. Doch was hatte ich denn erreicht? Ich hatte meine Base um ein Haar in den Tod getrieben. Ich wäre beinahe in einer auf Bruderliebe begründeten Ehe gefangen gewesen. Ich hatte ein grottenschlechtes Tribunat absolviert und obendrein noch meine Quästur versaut. Man hatte mich zu Unrecht zum septemvir berufen und im Vigintivirat hatten mir wie so oft die rechten Worte gefehlt, um das Leid der Hinterbliebenen auch nur ansatzweise zu lindern. Ich hatte meine Sklaven teilweise bevorzugt und an diesem Abend zum zweiten Mal den Preis dafür erhalten. Einen weiteren Preis für die törichsten Dummheiten, die Rom jemals gesehen hatte. Mein Leben kam mir wie eine Parodie auf den Römer an sich vor, nur dass ich selbst nicht darüber lachen konnte, denn dazu war das alles zu traurig. Armselig.


    Ich wälzte mich auf die andere Seite und wünschte mir, meine Ohren vor den Gedanken verschließen zu können, die unaufhörlich rumorten und weiterbohrten. Nicht nur, dass meine Cousine um einen digitus am Tod vorbeigeschlittert war - meinetwegen - nun hatte ich auch noch meinen maiordomus auf dem Gewissen. Stöhnend presste ich die Lider aufeinander. Ich wollte das alles nicht hören, und doch gelang es mir nicht, endlich in den Schlaf zu fallen, in dem mich bestenfalls Alpträume erwarteten. Ich wünschte mir diese seltsamen Träume zurück, die ich größtenteils genossen hatte. Alles war besser, wenn es mich nur von mir selbst ablenkte. Und dann die res gestae. Erschüttert bis in die Grundfeste hatte ich von Gracchus' Rede gehört. Schwach und gebrechlich sollte er gewirkt haben, seine Amtszeit mehr abgesessen als mit Bravour absolviert haben. Als ob jemand das glaubte! Besah ich hingegen das Jahr, welches hinter mir selbst lag, glaubte ich es sofort. Wen interessierte schon, wie viele endlose Schriftrollen irgendein kleiner Magistrat durchgesehen oder wie viele Reisegenehmigungen er erstellt hatte?


    Die Möblierung schien mir höhnisch zu grinsen, als ich in die Dunkelheit starrte. Ich wollte doch nur jemanden zum Reden haben. Vor Orestes oder Ursus würde ich niemals dies alles darlegen wollen. Geschweige denn können. Prisca... Nun, mit ihr konnte ich über all das sprechen, doch wusste ich, dass sie die Schwere dieser Tatsachen nicht erfassen konnte - was nicht ihr Fehler war, sondern schlicht daraus resultierte, dass sie es nur ansatzweise nachvollziehen konnte. Und Siv? Der Stich der Enttäuschung schoss erneut durch meine Gedärme. Im Geiste sah ich ihre Mimik von vorhin. Die Furcht in ihren Augen. Hörte ihr Flehen. Und es beengte meine Brust. Ich presste die Lider aufeinander, bis ich grüngoldene Funken sah, presste die Kiefer aufeinander, bis sie schmerzten. Irgendwie musste ich noch ein wenig durchhalten. Irgendwie würde ich das alles überstehen, auch wenn die Götter sich von meiner Familie, von mir abgewandt hatten. Ich dachte an Camillas Totenmaske. Ob sie glücklich war, wo sie nun war? Ich fragte mich, ob es wohl leicht war, den Styx zu überqueren. Es schien so verlockend, dies alles hinter sich zu lassen. Wenn ich doch nur mit jemandem reden konnte, ohne mich lächerlich zu machen.


    Ich schlug die Augen auf, starrte die dunkle Decke über mir an. Dann erhob ich mich und verließ baren Fußes mein cubiculum. Mein Weg führte mich, einer inneren Eingebung folgend, zum Hausaltar. Die villa war still zu dieser Zeit. Kein Wunder, es war mitten in der Nacht. Alles schlief. Das Knarren des alten Holzes erschien mir unnatürlich laut. Der edel wirkende Altar kam mir zugleich fremd und vertraut vor. Einen Moment hantierte ich herum, dann entzündete ich ein Glimmstäbchen. Die kleine, grelle Flamme schrumpfte schnell in sich zusammen. Ich blinzelte ins Licht und entzündete hernach die paar Kohlklumpen. Kleine Flammen züngelten empor, und ich starrte abwesend in die Opferschale, bis mir der Glimmstab die Finger verbrannte und ich ihn erschrocken zu Boden fallen ließ, wo er verlosch. Ausgehaucht.


    Ad
    Decima Seiana
    habitatio Aeliana in Alexandria
    AEGYPTUS



    M. Aurelius Corvinus Decimae Seianae s s.d.


    Überrascht erhielt ich Kenntnis darüber, dass du dich gegenwärtig in Alexandrien aufhältst. Für den Wunsch einer guten Reise ist es zu spät, so bleibt es mir nur, zu hoffen, dass du den alexandrinischen Hafen gut erreicht hast.


    Mein vilicus brachte mir gestern die Abschrift eines Aushangs von den Trajansmärkten. Ich dachte mir, dass dich jenes Schriftstück interessieren könnte. Die Abschrift liegt anbei. Sonst gibt es nicht viel zu berichten. Wie ich hörte, befindest du dich in Gesellschaft eines Aeliers, daher sende ich den Brief an seine Adresse. Er mag dir diesen Brief aushändigen. Gib gut auf dich acht und halte stets Augen und Ohren offen, du weißt, die Acta veröffentlicht auch Reiseberichte.


    Mögen die Unsterblichen dich behüten.


    [Blockierte Grafik: http://img408.imageshack.us/img408/7103/siegelmacsvbx5.gif]



    ROMA, KAL IUL DCCCLVIII A.U.C. (20.6.2008/105 n.Chr.)



    Sim-Off:

    Wertkarte :)

    Ich schloss die Augen, als Siv mich beim Namen nannte. Ich wusste um die Seltenheit dessen, doch ich durfte mich jetzt nicht beirren lassen. Glücklicherweise sprach Fhionn in diesem Moment, und auch sie suchte danach, Matho zu diskreditieren. Meine Wut nahm rapide ab, zurück blieb der Ärger und das Gefühl, zur falschen zeit am falschen Ort zu sein. Ich wünschte mich einfach nur fort, weg von hier, weit weg von der Verantwortung, die so schwer auf meinen Schultern lastete in diesem Moment. Ich konnte es nicht verantworten, dass Fhionn ob dieser Schuld am Leben blieb. Und ich konnte es nicht verantworten, dass sie Matho in den Schmutz zog. Obwohl nur ein Sklave, so hatte er dies nicht verdient. Dieser Meinung war ich, und sie vertrat ich auch. Selbst, wo Siv hinter mir flehte, es zu glauben. Doch wie könnte ich das, wo ich ihr doch auch geglaubt hatte, dass sie mich nicht hintergehen würde?


    "Nein, ich glaube es nicht. Und das war mein letztes Wort. Raus jetzt", entgegnete ich emotionslos und seltsam ruhig. Vielleicht aber wirkte es gerade deswegen so drohend. Ich machte einen Schritt zur Seite, damit Fhionn ebenfalls den Raum verlassen konnte.

    Wenn ich gewusst hätte, was meine hübsche Begleitung in jenem Moment dachte - ich hätte wohl reißaus genommen. So aber schritt ich weiterhin neben ihr einher und betrachtete sie dann und wann unauffällig - und arglos ob ihrer Gedanken - von der Seite. Als das Tor quietschte, blickte ich voraus, dann blieb ich stehen und sah Celerina an.


    "Bedauerlicherweise haben wir kaum etwas sehen können von der mannigfaltigen Flora", sagte ich und spielte damit auf die Dunkelheit an. Langweilig war unser Spaziergang aber dennoch nicht gewesen. Celerina strahlte mich förmlich an, einer kleinen Sonne gleich. Ihre Freude ließ mich schmunzeln. Abermals nahm ich mir vor, jemanden auf die Neigung des Kaisers bezüglich der Flavier anzusetzen. Ein wenig halbherzig fragte ich mich, ob ich es mit ihr als Ehefrau wohl lange aushalten würde. Sie schien mir keine von denen zu sein, die sich lange und ohne aufzubegehren selbst im stillen Kämmerlein zu beschäftigen wussten. Jedoch, wenn sie sich dereinst als wahre Sirene herausstellen würde, konnte ich mich in die Arbeit flüchten und ausharren, wie es eben jeder römische Mann tat, wenn sich sein Eheweib als Furie entpuppte. Und das war nur allzu oft der Fall, wie ich mir anhand des Eheweibs von Claudius Menecrates in Erinnerung rief.


    "Es wäre vielleicht ein wenig dreist, zuzugeben, dass ich gern hübsche Frauen neugierig mache, aber in deinem Fall stimmt diese Tatsache durchaus, Flavia. Es wird mir eine Freude sein, dir den Garten zu zeigen. Wenn alles gut verläuft, kannst du dich sogar auf eine kleine Überraschung freuen", sagte ich. Einer der fackeltragenden Sklaven trat dezent hinzu und wartete darauf, dass wir uns voneinander verabschiedeten. Er würde zusammen mit drei weiteren Sklaven die kleine Eskorte bilden, welche die Flavia sicher die wenigen letzten Meter in den heimischen Hort begleiten würde. "Nun denn, es war nicht zuletzt dank meiner Begleitung ein gelungener Abend", leitete ich höflich den Abschied ein. Aquilius würde mir gewiss den Hals herumdrehen, wenn Celerina noch später heimkehrte, Eskorte hin oder her. "Ich werde dir eine Nachricht senden. Und Brix hier wird dich mit seinen Männern nach Hause geleiten. Es ist ja nicht mehr weit."

    Zitat

    Original von Numerius Duccius Marsus
    meine nerven lagen in den letzten 15 minuten absolut blank


    Da warst du nicht der einzige... Das war, als würden sie für den Pokal für's spannendste Spiel spielen. Für das Halbfinale ist dann public viewing angesagt, das lass ich mir nicht entgehen. Sollte es Kroatien werden, werden die sich umgucken. :D

    "Nein." Ich presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen und gab mir wahrhaftig Mühe, mich zu beherrschen. Von Fhionn kam immer noch nichts, stattdessen begann nun Siv, mich zu nerven. Ich warf ihr einen meines Erachtens unmissverständlichen Blick zu. Dennoch konnte ich nicht umhin, ihr Courage zuzugestehen. In dieser Situation und trotz des eigenen Vergehens noch für jemanden einzustehen, der nicht zu retten war, war schlicht und ergreifend mutig. Das gab ich insgeheim zu. Dennoch aktivierte sie nun allmählich die sonst so tief in meiner Selbst vergrabene Sturheit. Meine Nasenlöcher blähten sich ein wenig. Es schien alles zusammen zu kommen an diesem Abend. Eigentlich wollte ich nur noch schlafen und alles um mich herum vergessen, damit ich micht nicht weiter damit würde beschäftigen müssen. Siv begann nun erneut, mich mit eindringlichen und flehenden Worten zum Zuhören zu zwingen, und zum dritten Mal schnitt ich ihr das Wort ab, nun ihretwegen verärgert. "Es reicht", wiederholte ich und packte sie kurzerhand am Oberarm, der wunderbar weich in meiner Hand lag. Ein wenig Abwechslung hätte ich nur allzu gut gebrauchen können, doch der Gedanke war genauso schnell verdrängt, wie ich mir Sivs Flucht in Erinnerung gerufen hatte. Statt sie also an mich heranzuziehen, führte ich sie energisch zur Tür, die ich öffnete. Kurz darauf fand sich Siv davor wieder, und ich hatte mich bereits wieder abgewandt, um Fhionn auffordernd anzuschauen. "Wenn du tatsächlich nichts weiter vorzubringen hast, dann geh mir aus den Augen", sagte ich kühl.

    Am Rand meines Blickfeldes kam Siv in Bewegung, trat neben Fhionn und legte ihr in vertrauter Geste die Hand auf die Schulter. Missbilligung mischte sich in die anderen Empfindungen, als ich von Fhionn zu ihr und wieder zurück sah. Ich knirschte mit den Zähnen und wartete darauf, dass Fhionn etwas - irgendetwas - erwidern würde. Da begann Siv zu sprechen, und ich sah sie grimmig an. Statt es dabei zu belassen, teilten sich ihre unverschämt anziehenden Lippen, um zuerst an Fhionns Stelle zu sprechen und schließlich sogar Partei für sie zu ergreifen. Entnervt schloss ich die Augen und schnitt ihr mit einer abrupte Geste zur Seite hin das Wort ab. "Schluss damit, ich will nichts davon hören. Schon gar nicht von einer Sklavin, die auf ihre Weise ebenfalls mein Vertrauen missbraucht hat, Siv", fiel ich ihr ins Wort, als sie danach trachtete, Matho noch nach seinem Tod zu diskreditieren. Der Tonfall war härter als ich beabsichtigt hatte, und eine leise Reue regte sich für einen winzigen Moment in mir, als ich Siv erneut darauf stieß, dass sie mich enttäuscht hatte. Doch dem war nun einmal so, da gab es nichts zu beschönigen.


    Fhionns Fassade indes schien zu bröckeln wie schlecht verarbeiteter Mörtel. Unverstehen breitete sich in mir aus, als sie immer noch nichts sagte. Ich ging also davon aus, dass sie auch weiterhin schweigen würde. Den Kopf schnüttelnd, bedachte ich die beiden vor mir stehenden Frauen mit einem abweisenden Blick. "Was haben wir den Göttern nur getan", murmelte ich vor mich hin und blickte zur Seite. Eine wegwerfende Geste begleitete meine nächsten Worte. "Verschwindet. Ich will euch beide hier nicht mehr sehen. Und Fhionn? Dies wird deine letzte Nacht in diesem Haus sein, doch glaube nur nicht, dass du unbeobachtet sein wirst", drohte ich ihr, für den Fall, dass sie versuchen würde zu fliehen. Sollte sie doch mit Siv zusammen in der Unterkunft sitzen und sich grämen, es war mir gleich. Auch, wenn bei der Vorstellung dessen ein schaler Geschmack zurückblieb. Doch als ich an Matho dachte, war auch der verschwunden.