Gefesselt blickte ich auf das verkohlte Hölzchen hinab. Es hatte klaglos seine Bestimmung erfüllt und gedient. Ich bückte mich und hob es auf, um das Glimmstäbchen auf den Altar zu legen. Die Flammen leckten und zitterten im lauen Hauch, der durch die offenstehende Tür eindrang, und so wandte ich mich um und lehnte die Tür an. Da ich niemanden im atrium vermutete, achtete ich auch nicht auf die Umgebung und nahm so den verborgenen Zuschauer nicht wahr.
Zurück an dem schmalen Tischchen, wo die Figuren der Ahnen gespenstisch große und flackernde Schatten an die Wand warfen, betrachtete ich stumm das Schattenspiel, versunken in sich endlos im Kreis drehenden Gedanken, bis mir irgendwann auffiel, dass das Licht abgenommen hatte und die Kohlen nur mehr Hitze abstrahlten und sachte glommen. Wie lange ich so gestanden hatte, wusste ich nicht zu sagen. Mein Körper schien kelin Teil von mir zu sein, und ich nur ein stummer Beobachter meines eigenen Handelns, als ich träge die Hand nach der Weihrauchmischung ausstreckte und viel zu viel in den foculus rieseln ließ. Ich bewegte mich ohnehin schon wie in Trance, von Müdigkeit geplagt und doch zum Wachen verdammt, in einem stillen Haus, welches mit Schatten angefüllt war. Obwohl ich wusste, dass es nicht förderlich war, wollte ich genau dies - und ich beugte mich so tief, wie es die gleißende Hitze erlaubte, über die Kohlenschale und sog den sich entfaltenden Rauch tief ein. Bald schon strauchelte ich am Rand des kleinen Beckens und musste mich mit einer Hand in Position halten, um nicht zu stürzen, doch ich wich nicht fort von der Stelle, an der sich kräuselnd und knisternd der umnachtende Duft entfaltete und meine Sinne umnebelte. Das Husten bemerkte ich nicht einmal am Rande.
Bald schon musste ich auch die andere Hand zur Hilfe nehmen, um mich am weiß getünchten, edlen Holz des schmalen Altars abzustützen. Die Arme zitterten inzwischen, und die Luft in dem kleinen Raum war dicht und schwer geworden. Aber vor allem hatten die Gedanken aufgehört, sich beständig um sich selbst zu drehen. Alles wirkte wie betäubt. Und es war gut so. Ich war des Grübelns so müde, der endlosen Diskussionen mit mir selbst und meinem Gewissen. Ich tat recht daran, Fhionn hinrichten zu lassen, und ich tat recht daran, Siv zu ignorieren, auch wenn ich sie damit verunsicherte und im schlimmsten Fall dazu brachte, mich zu fürchten. Ich hatte ohnehin jedem bisher nichts als Unglück gebracht. Es war nicht nur für die Familie besser so, es war auch das Beste für mich. Und für sie vermutlich auch. Ohnehin war es nur Spinnerei gewesen, wie damals. Wie die Sache mit Deandra. Ich sollte mich um die Flavia bemühen und einen Erben zeugen, wie es sich gehörte. Alles weitere war ohnehin purer Luxus und nicht zu realisieren.
Trunkenheit war es, die ich herbeisehnte. Mein Geist sehnte sich nach Ruhe, danach, dass er sich fallen lassen konnte, ohne hart auf dem Boden der Tatsachen aufzuschlagen. Was ich nun brauchte, war etwas Stärkeres, doch diesen Hort der Abgeschiedenheit, des Verborgenen zu verlassen, erschien mir unmöglich. So musste denn die Statue des dis pater weichen, welche in der Ecke stand und ein verborgenes Fach vor säubernden Sklavenhänden und neugierigen Fingen bewahrte. Zittrig tastete ich nach der Nische unter dem Sockel der kleinen Marmorstatue, mich fragend, ob es wohl noch gut war, nach all den Jahren, die ich es nicht angerührt hatte. Das Leder sah noch intakt aus, und auch die klebrige Masse, die neben der Pfeife dort drinnen eingeschlagen war, wirkte annehmbar. Wenig, doch verwendbar. Das sanfte Glühen des Kohlebeckens und die durch den Raum ziehenden Schwaden gaben mir ein Gefühl der Geborgenheit. Schnell war ein weiterer Span entfacht, der als Zündstoff diente. So, wie du es bei ihm gesehen hast. Marcus. Trockene Lippen schlossen sich um das Mundstück der Pfeife. Der erste Zug war unerwartet herb und ließ meine Lungen protestierend schnaufen, doch ich konnte den Hustenreiz nach einigen Sekunden bezwingen. Nicht zuletzt, weil ich mich plötzlich angenehm fühlte. Der Geschmack war gewöhnungsbedürftig, doch annehmbar, weckte lang verborgene und wohl gehütete Erinnerungen an ausschweifenden Lastern - und ließ den Wunsch keimen, dies noch einmal zu erleben.
In einer Hand die Pfeife, ergriff ich mit der anderen das Figurchen meiner Mutter. Verklärt blickte ich sie an, nachdem ich einen weiteren Zug genommen hatte, diesmal ohne zu husten. "Mutter...wie schön d..du bist", nuschelte ich kaum wahrnehmbar vor mich hin und meinte im nächsten Augenblick, die Figur blinzeln zu sehen. Erschrocken ließ ich sie fallen und fluchte, als sie unter den Altar rollte. Ich tastete den Boden ab, den ich nicht einsehen konnte, und fand sie irgendwann. Peinlich berührt stellte ich sie zurück zu den übrigen Ahnen, hielt inne und zog erneut an der Pfeife, nur um danach jeden der Ahnenfiguren zweifelhaft und mit geweiteten Pupillen anzuschauen. Mir war, als würden sie alle missbilligend die kleinen Holzköpfe schütteln. "Was guckt ihr so?" blaffte ich mit schwerer Zunge in den Raum, der beständig seine Form zu verändern schien. Er waberte. Furcht keimte in mir und fand fruchtbaren Boden. Die Schatten schienen noch anzuwachsen, bebten und zappelten bedrohlich. Hastig nahm ich noch einen Zug, und noch einen. Doch das Gefühl der Bedrohung stieg noch weiter an, und ich begann zu zittern. Ich ließ die Pfeife fallen, und das nur halb verbrauchte Opium verteilte sich um den Ort herum, an dem sie aufschlug. Taumelnd stieß ich gegen die Wand, stützte mich dort ab und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Doch es kam anders, und einen Moment später rutschte ich besinnungslos an der Wand hinab, um mich herum nichts weiter als, beängstigende, bedrückende und immerwährende Schwärze.