Wirklich eine schöne Frau, dachte ich bei mir, als mein Blick wohlgefällig auf der geschmückten und sorgsam zurecht gemachten Gestalt der Aureliern verharrte - nun, die Entwicklungen der letzten Tage und Wochen hatten mir zwar den ewig brennenden Hunger etwas stillen können, der sich anstatt auf meinen Liebsten stets auf das andere Geschlecht gerichtet hatte, und auch von der faszinierendsten Frau nicht zum Erlöschen hatte gebracht werden können, aber blind für die Reize einer Frau hatte mich dies nicht gemacht, und diese Frau vor uns hatte zweifelsohne eine Menge Reize, die ansonsten meine Sinne mehr verlockt hätten, als es mir lieb gewesen wäre.
"Ob die Götter wirklich etwas damit zu tun haben, scheint mir angesichts der letzten Entwicklungen hier in der Stadt mehr als zweifelhaft - aber sicherlich hatte Venus heute gute Laune, dass sie zwei unbedarfte Kerle gleich einem ihrer Ebenbilder hat begegnen lassen. Lucanus, erinnere mich daran, dass wir nachher am Venustempel vorbeigehen und zum Dank eine Taube opfern," entgegnete ich Aurelia Helena mit dem leisen Lächeln eines Mannes, der gewillt ist, einer schönen jungen Frau so viele Komplimente zu machen wie möglich, damit diese sanfte Röte nicht von ihren Wangen wich, damit sah sie einfach zu entzückend aus. Leider entpuppte sich mein Neffe, was das tändlerische Gespräch mit der Aurelierin anging, als ziemlicher Komplettversager.
Aber wo hätte er das auch lernen sollen, in diesem Provinznest Flaviobriga dürfte die Auswahl an adäquaten Patrizierinnen recht gering gewesen sein. Dieser Heiterkeitsausbruch war jedenfalls nicht ganz das, was eine Frau erwarten mochte, wenn ein Mann versuchte, auf sie Eindruck zu machen.
"Solche Tage gibt es wohl, wenngleich ich mich dann eher mit einer Schriftrolle in mein Arbeitszimmer zurückziehe und mich von den unsterblichen Worten unserer Dichter in eine andere Welt entführen lasse - aber so hat ein jeder Mensch seine Vorlieben, und Du bist gewiss nicht die einzige Frau, die an der Vielfalt bunter Muster und Farben Vergnügen findet, das sie ein wenig zu zerstreuen weiß. Im Bezug auf Dein Unterfangen, etwas Schönes zu finden, kann ich Dir also nur Glück wünschen, vielleicht versuchst Du es einmal bei Joopus vorbeizuschauen, meine Schwägerin Claudia Antonia kauft dort sehr gern ein."
Und was für ein grauenhafter Einkauf es gewesen war, ich hatte mich nur mit viel Beredsamkeit um eine Seidentoga drücken können. Die Tierdiskussion unterbrach ich erst einmal nicht, immerhin schienen sie ein Thema gefunden zu haben, bei dem sie miteinander sprechen konnten, und das sollte man nicht unterbrechen.
"Ich habe lange keine Tiger mehr auf dem Markt gesehen, sie sind auch sehr selten und schwer zu transportieren - und sie werden ohnehin meist an die Circusschulen verkauft, um sie auf die Arena vorzubereiten, es dürfte also nicht nur schwer, sondern auch sehr teuer sein, sich ein solches Tier zu beschaffen, das für den Haushalt gar nicht taugt. Tiger sind Raubkatzen, und egal wie weit man eine Raubkatze zähmt, sie wird immer ein Tier bleiben, das Fleisch frisst und jagen muss, um nicht zu verkümmern."