Sich in Rom einleben. Sicherlich kein allzu leichtes Unterfangen, denn selbst für mich, der ich ja schon in meiner Kindheit hier erlebte, war es schwer, sich nun in der riesigen Metropole einzufinden. Überall änderte sich Rom, an der einen kleinen Straße tauchte ein neuer Stand auf, auf der anderen Straßenseite wurde einer abgerissen und abgesehen von den großen, zeitlosen Bauwerken war wohl nur das traute Heim ein Zufluchtsort. Ein Zufluchtsort, den man nur zu oft durch Pflicht und Gefühl verließ. Was nützte also dann das Heim, wenn nicht dafür, sich zu erholen? Was nützt es, wenn man eh ständig unterwegs war? Was nützte es, wenn man aus der wohlbekannten Idylle herausgezogen wird, um einen weiteren Tag damit zu verbringen, hinter alten und neuen, vollen und leeren, schweren wie auch leichten Papyri seinen Lebensunterhalt und nicht zuletzt ein klein wenig Luxus zu verdienen – in meinem Fall? Aber dieses Treffen ... ihre Anwesenheit ... sie war wie die Luft, die eine fast ausgebrannte Kohlenglut wieder entfachen konnte. Nein, vielmehr war sie selbst das Feuer, unbarmherzig, vielleicht aber auch ungewollt, verzehrte sie all jene, die nach ihr begehrten, wie sie es auch mit mir an jenem Tag unseres ersten Treffens machte. Ja, sie stachelte einen in gewisserweise an, nur um dann wieder einen kleinen Rückzieher zu machen, um dann zu sagen 'Nein, das will ich nicht'.. So schien es zumindest. Aber war nun allein die Tatsache, dass sie sich mit mir, trotz des doch recht bitteren Endes, hier traf, mehr als nur häufig, dieses kleine, wenn auch zauberhafte – wie auch verzaubernde – Lächeln auflegte und in ihren Augen fast schon eine Herausforderung steckte, einfach wieder die Lippen auf ihre zu legen, nicht Antwort genug auf meine Fragen? Auf ihre Gefühle oder ihre Gedanken? Nein, wie konnte ich mir nur ein Urteil über ihre Gedanken und Gefühle bilden, wenn ich nicht einmal mit meinen eigenen im Reinen war?
Und wie konnte es diese niedere Sklavin wagen, diese Atmosphäre, diese Zweisamkeit mit einem so simplen, wie auch zerstörerischen Tippen zu vertreiben, während ihre zarte, beinahe noch kindliche Stimme wie ein klar geschärftes Messer den verschlossenen Raum, in dem nur Sabina und ich waren, zerteilten? Von einen auf den anderen Wimpernschlag war die mühselig erarbeitete Nähe zweier doch noch so fremder Personen wieder zunichte gemacht und der Tisch klaffte wie ein breiter und unüberwindbarer Abgrund zwischen diesen beiden Personen ... uns beiden. Alles durch eine so einfache und selbstverständlich erscheinende Tat dieser Leibeigenen ausgelöst. Ansehnlich war sie, das musste ich zugeben. Sie beherrschte es sicherlich, der breiten Masse von willigen Männern, ob gebunden oder ungebunden, den Kopf zu verdrehen und sie zu einem kleinen, aufregenden Abenteuer zu verleiten. Um so überraschter war ich darüber, mit welch nüchternen Blick ich sie anschauen konnte, ohne dass das Blut in meinen Adern anfing, vor Begierde zu kochen. Stattdessen blickte ich sie einfach an, wie ich jeden normalen Menschen anblickte. Ich sah ihre Augen als Augen, und nicht als Werkzeug, sie durch Komplimente eben dieser gefügig zu machen, ich sah ihren Mund als Mund, nicht als etwas, was es mit meiner Zunge zu spalten galt ... ihren ganzen Körper sah ich als Körper und nicht als begehrenswertes Lustobjekt, obwohl sie das eigentlich sein müsste. Zorn schwang eigentlich sogar in diesem Blick mit, denn Zorn war es, den ich ihr gegenüber empfand, aber ich musste mich davon abreagieren ... Sabinas Worte gaben Anlass genug dafür.
“Schon gehen?“ fragte ich fast schon entgeistert, während man im Unterton ein klein wenig die Enttäuschung vernehmen konnte. Wieso hatte Lynn uns nur so schnell gefunden? Wieso hätte sie nicht noch ein wenig durch die Händlergassen irren können? Wieso floh sie nicht? Wieso nur?