Serenus lauschte den Worten seines Lieblingsonkels, fragte sich aber zugleich was dieser von ihm erwartete. Worin sollte dieser bunt gekleidete und wie ein Schauspieler geschminkte Mann ihn unterrichten? In der Theaterkunst, im Possen reissen, Bespaßen von Leuten und Jonglieren? Brauchte man das, wenn man in den Cultus Deorum oder den Cursus Honorum wollte? Irgendwie konnte sich Serenus seinen Onkel Gracchus nicht gerade Bälle oder Keulen jonglierend auf der Rostra vorstellen.
Oder war das etwa der neue Kampflehrer, welcher ihn im Faustkampf unterrichten sollte? Hatte Onkel Senator Felix den Wunsch von Serenus etwa an Onkel Gracchus weitergeleitet? Na ja, der mußte dann aber schon besonders gut sein, daß er es sich leisten konnte so aufzutreten. Aber der schien für einen Kampflehrer etwas panisch auf kleine Hunde zu reagieren.
Da Onkel Gracchus aber von Bildung sprach, dämmerte es Serenus langsam, daß dieses sonderbare Subjekt ihm wohl kulturelles Wissen vermitteln sollte. Nur warum wollte Onkel Gracchus, daß dieser Mann ihn unterrichtete, wenn er andererseits von Serenus erwartete, daß er ihn aus der Villa ekelte. Onkel Gracchus hatte doch gerade wortwörtlich gesagt: ich erwarte, dass du dich schrecklich benimmst.
Er wandte seine Aufmerksamkeit diesem hellenischen Peregrinus zu, welcher ja offensichtlich nicht einmal Latein sprechen konnte, sondern ein verstaubtes Griechisch sprach. Das war ja genauso verstaubt, wie das Griechisch von Oma. Und Oma war uralt. Wer sprach denn heute noch so „altertümlich“? Selbst Hannibal hörte sich ganz anders an und der war aus Athen, wie Serenus zu wissen glaubte. Gut man konnte diesen Theodoros verstehen, aber der da war sicher aus der tiefsten Provinz und hatte dann seinen Namen „aus Alexandria“ ergänzt, weil sein Provinzdorf keiner kannte.
Sich an das Lieblingsthema von Onkel Gracchus erinnernd, dignitas et gravitas, legte Serenus einen patrizisch-arroganten Gesichtsausdruck auf und antwortete höflich als Akt des Entgegenkommens ebenfalls auf Griechisch, da er die vermutlich rudimentären Lateinkenntnisse des Mannes nicht hier und jetzt austesten wollte.
„Salve, Theodoros von Alexandria, ich bin erfreut dich kennen zu lernen. Gelernt habe ich schon vieles. Deine Frage ließe sich besser beantworten, wenn du konkreter fragen würdest. Was genau soll ich denn schon gelernt haben?“
Vielleicht bekam man so ja raus, was der Mann ihn lehren sollte.
Serenus antwortete Theodorus in langsamen Worten und korrektem Satzbau, allerdings ließ die bedächtige Sprechweise vermuten, daß er nicht jeden Tag Griechisch sprach. Unter Berücksichtigung eines verständlichen Akzentes (wenn auch mit einer persönlichen Note von Serenus) ließ die Wortwahl und Betonung von Silben und Wörtern den sprachkundigen Kenner im Raum sofort erkennen, daß der bisherige Hauslehrer von Serenus für die griechische Sprache eindeutig aus Rhodos kam.