Beiträge von Lucius Flavius Serenus

    Serenus lauschte den Worten seines Lieblingsonkels, fragte sich aber zugleich was dieser von ihm erwartete. Worin sollte dieser bunt gekleidete und wie ein Schauspieler geschminkte Mann ihn unterrichten? In der Theaterkunst, im Possen reissen, Bespaßen von Leuten und Jonglieren? Brauchte man das, wenn man in den Cultus Deorum oder den Cursus Honorum wollte? Irgendwie konnte sich Serenus seinen Onkel Gracchus nicht gerade Bälle oder Keulen jonglierend auf der Rostra vorstellen.


    Oder war das etwa der neue Kampflehrer, welcher ihn im Faustkampf unterrichten sollte? Hatte Onkel Senator Felix den Wunsch von Serenus etwa an Onkel Gracchus weitergeleitet? Na ja, der mußte dann aber schon besonders gut sein, daß er es sich leisten konnte so aufzutreten. Aber der schien für einen Kampflehrer etwas panisch auf kleine Hunde zu reagieren.


    Da Onkel Gracchus aber von Bildung sprach, dämmerte es Serenus langsam, daß dieses sonderbare Subjekt ihm wohl kulturelles Wissen vermitteln sollte. Nur warum wollte Onkel Gracchus, daß dieser Mann ihn unterrichtete, wenn er andererseits von Serenus erwartete, daß er ihn aus der Villa ekelte. Onkel Gracchus hatte doch gerade wortwörtlich gesagt: ich erwarte, dass du dich schrecklich benimmst. :P


    Er wandte seine Aufmerksamkeit diesem hellenischen Peregrinus zu, welcher ja offensichtlich nicht einmal Latein sprechen konnte, sondern ein verstaubtes Griechisch sprach. Das war ja genauso verstaubt, wie das Griechisch von Oma. Und Oma war uralt. Wer sprach denn heute noch so „altertümlich“? Selbst Hannibal hörte sich ganz anders an und der war aus Athen, wie Serenus zu wissen glaubte. Gut man konnte diesen Theodoros verstehen, aber der da war sicher aus der tiefsten Provinz und hatte dann seinen Namen „aus Alexandria“ ergänzt, weil sein Provinzdorf keiner kannte.


    Sich an das Lieblingsthema von Onkel Gracchus erinnernd, dignitas et gravitas, legte Serenus einen patrizisch-arroganten Gesichtsausdruck auf und antwortete höflich als Akt des Entgegenkommens ebenfalls auf Griechisch, da er die vermutlich rudimentären Lateinkenntnisse des Mannes nicht hier und jetzt austesten wollte.


    „Salve, Theodoros von Alexandria, ich bin erfreut dich kennen zu lernen. Gelernt habe ich schon vieles. Deine Frage ließe sich besser beantworten, wenn du konkreter fragen würdest. Was genau soll ich denn schon gelernt haben?“


    Vielleicht bekam man so ja raus, was der Mann ihn lehren sollte.


    Serenus antwortete Theodorus in langsamen Worten und korrektem Satzbau, allerdings ließ die bedächtige Sprechweise vermuten, daß er nicht jeden Tag Griechisch sprach. Unter Berücksichtigung eines verständlichen Akzentes (wenn auch mit einer persönlichen Note von Serenus) ließ die Wortwahl und Betonung von Silben und Wörtern den sprachkundigen Kenner im Raum sofort erkennen, daß der bisherige Hauslehrer von Serenus für die griechische Sprache eindeutig aus Rhodos kam.

    Die Götter des Imperium Romanum wenden sich jenen zu, welche sie aufrichtig verehren. Und da die Bewohner der Villa Flavia durchweg götterfürchtige Menschen waren, kamen sie in den Genuss der Aufmerksamkeit ihrer Götter.


    Jene entschlossen sich allen Bewohnern der Villa einen Augenblick des Friedens zu schenken, vom Hausherren Senator Flavius Felix (welcher fand, dass die Sonne seinen Rosenstocken gut tat) bis zum Sklaven Horus (welcher bereits zum dritten Mal in dieser Woche bunte Kreidezeichnungen an der Wand und auf dem Boden zum Garten hinaus wegwischte, da die Karikaturen Dominus Flavius Furianus zu ähnlich sahen (reiner Zufall, der wahre Kunstkenner erkannte Sciurus auf den ersten Blick) und auch die Dominas Flavia Leontia und Claudia Antonia zu füllig erscheinen ließen (auch reiner Zufall, außerdem zeigten die Bilder Arrecina und Tante Calpurnia).


    Und so saßen Dido und Serenus brav auf einer Bank im Garten, während die Sonne ihre warmen Strahlen auf sie herab fallen ließ. Der Hund lag schlafend mitten im Weg, die Pfoten und den Kopf auf einen großen Knochen gelegt.
    Beide Kinder hatten einen Apfel in der einen und große Wachstafeln in der anderen Hand und beobachteten das lustige Spiel von Sica, Hannibal und Sciurus auf der Wiese. Und in diesem Moment war es gar nicht langweilig. Aufmerksam beobachteten die Kinder, wie Sica geschickt im Haselnussbaum kletterte, während Hannibal Wache schob und Sciurus hektisch über die Wiese sprang und den Boden absuchte. Das sah sehr lustig aus und ging geraume Zeit so weiter bis Sica vom Haselnussbaum 2 Nüsse auf den Boden warf und geschickt vom Baum sprang um eine Nuss zu ergreifen. Sofort stürzten sich Hannibal und Sciurus auf die andere Nuss und begannen darum zu streiten, während Sica sie nur abwartend beobachtete. Es gab ein kurzes Handgemenge, dann hatte Hannibal die Nuss erbeutet und sprang mit weiten Sprüngen über die Wiese und verschwand in einer großen Holunderhecke. Sciurus folgte im dicht auf den buschigen Schwanz. Sica dagegen knabberte in aller Ruhe seine Nuss, bevor auch dieses Eichhörnchen den beiden anderen in die Holunderhecke folgte.


    Als alle 3 Eichhörnchen verschwunden waren, befanden die Götter, dass diese wenigen Minuten des Friedens für die Villa reichen mussten, eine Wolke schob sich vor die Sonne und in Dido und Serenus kam wieder Leben. Die beiden Apfelkrutzen flogen in hohem Bogen über die Mauer der Villa nach draußen. Dann nahmen die Kinder ihr wissenschaftliches Gespräch wieder auf.


    „Und der Daphus hat als Eunuche keinen „Schniepie“ mehr? Kann der dann überhaupt im Stehen pinkeln?“


    „Nein, Dominus. Einen „Schniepie“ hat er schon, aber ich vermute, dass er sich trotzdem hinsetzt, wenn er Wasser ablässt. Der ist ja kein richtiger Mann, so wie der sich benimmt. Aber er hat wohl trotzdem da unten was abgeschnitten bekommen. Das sagen zumindest die anderen Sklaven, Dominus.“


    „Aha, dann ist er vermutlich wie ein Hund kupiert worden oder er ist ein Kastrat. Das ist nicht gut. Kastrierte Hunde und Kater neigen dazu fett und faul zu werden. Aber zumindest ist er nicht makellos und damit ist er für die Sklavenzucht ungeeignet. Dann muß ich mir für Salambo einen anderen Zuchtpartner einfallen lassen.“


    Beide Kinder beschäftigten sich wieder mit ihren Wachstafeln. Serenus studierte die Thematik „Praktische Haushaltsführung am Beispiel eines Bauernhofes“ und Dido übte sich im Schreiben von Buchstabenreihen.

    Serenus rollte mit den Augen. Manche Erwachsene hatte echt Probleme mit seinem kleinen Hund, seinem Freund und Leibwächter. Entweder hatte die als Kinder nie Hunde gehabt oder waren neidisch. Vermutlich letzteres.


    Serenus wandte sich an Nero.


    "Nero! Aus! Sofort! Nero! Bei Fuß! Nero vor die Tür und artig Platz!"


    Gehorsam folgte der Hund den Befehlen und legte sich vor der Tür als übergroße Stolperfalle hin. Dido schloss die Tür hinter dem Hund.


    Serenus widmete seine Aufmerksamkeit belehrend dem unwissenden "Gaukler".


    "Zerberus hatte aber drei Köpfe und mein kleiner Hund hat nur einen. Außerdem hat er eine andere Aufgabe als Zerberus. Nero ist für die Sklavenjagd und als mein Leibwächter ausgebildet worden."

    Es war schon sehr spät am Abend, aber Nero mußte einfach noch einmal raus und einen Haufen setzen. Heute hatte er Probleme und es wollte am frühen Abend beim regulären Gassi gehen mit dem Haufen im Garten nicht so recht klappen. Serenus konnte das gut verstehen, denn heute gab es kein gutes Futter. Heute war Spinat- und Gerstenbreitag gewesen. Bäh! “Ein wichtiger Bestandteil einer kindgerechten Ernährung” wie Oma gerne zitierte. Und so hatte sie dem Koch in der Villa per Brief aus Baiae ganz genaue Anweisungen gegeben. Drei Mal im Monat war Spinat- und Gerstenbreitag angesetzt. Das war der Tag, wo scheinbar jeder in der Familie eine Ausrede hatte nicht an den gemeinsamen Mahlzeiten teil zu nehmen, so daß Serenus es meistens alleine durchstehen mußte. Selbst Dido und Hannibal schienen an diesem Tag immer ihren “religiösen Fastentag der Sklaven” zu haben. Mit den Obsttagen, dem vielen Gemüse und drei Mal die Woche Fisch und einmal die Woche Fleisch hatten sie und die anderen Bewohner der Villa weniger Probleme. Zumindest hatte er keine Beschwerden seitens der Familie gehört, daß es seit seiner Ankunft deutlich mehr Fisch und Meeresfrüchte und dafür weniger Fleisch auf dem Speiseplan gab. Und immer Gemüse. Alles Anweisungen von Oma wie Serenus wußte.


    Serenus ging also totmüde Gassi mit Nero durch den Garten. Dido pennte tief und fest und war nicht wach zu bekommen und er hatte auch schon gepennt. Aber der Hund mußte raus, hatte gequengelt und er sollte seinen Haufen ja nicht bei Onkel Furianus oder Onkel Milo vor die Tür setzen. das würde Ärger geben.


    Serenus sah eine Gestalt im Mondlicht in einem der Fischteiche stehen, mit einem Spieß in der Hand. Er kannte die Person nicht, aber da die Mauern der Villa sehr hoch waren und auch Glas- und Tonscherben auf der Krone das Überklettern erschwerten, musste es ein Sklave aus der Villa sein. Alle Familienmitglieder waren im Haus. Bei Onkel Furianus und Onkel Senator Felix brannte noch Licht in den Arbeitszimmern. Onkel Gracchus hatte er am Abend bei Tante Leontia reingehen gesehen. Und dort brannte auch noch Licht. Bei Tante Antonia war alles dunkel. Tante Minervina war nicht da. Onkel Lucullus und Onkel Milo wollten in die Stadt gehen, wenn er es richtig mitbekommen hatte, aber um diese Zeit durfte er nicht mit. Bei Arrecina war auch schon alles dunkel, ebenso bei “der Anderen”, mit der er nicht sprechen sollte, Callpunistra oder so. Und Papa und Tante Agrippina waren auch nicht da. Tante Agrippina mußte wohl jede Nacht im Haus der Vesta verbringen. Sie kam ab und an tagsüber, aber blieb nie nachts. Also war das da ein Sklave. Und er spiesste heimlich die Karpfen auf, dabei konnten die Haussklaven sich doch nicht beschweren, daß sie schlecht gefüttert wurden. Von Dido wusste er, daß sie jeden Tag zu Essen bekamen und auch ab und an die Reste von der Familie. Dido bekam dasselbe wie er selbst, denn sie war seine Leibsklavin und leistete ihm oft Gesellschaft, wenn sich der Rest der Familie wieder rar machte.


    Er schlich näher und schnipste mit den Fingern.


    “Na warte, Sklave! Für diese Frechheit wirdt du schlimm bestraft. Onkel Gracchus und Onkel Senator Felix werden da sehr böse. Nero! Fass! Nero! Apport!”


    Der riesige Kampfhund, Modell 103 n.Chr., setzte seine gut 80 Kg Fell, Knochen und Muskeln in Bewegung und machte Anstalten zähnefletschend und bedrohlich knurrend die Gestalt am Teich anzuspringen.

    “Och, das ist nichts, Onkel Gracchus. Dido und ich haben den Faustkampf geübt, weil in 15 Tagen Cornelius Brutus meinen besten Freund Cornelius Cicero besuchen kommt. Und der ist immer noch böse auf uns, weil wir ihn letzten Sommer mit 6 Kindern gleichzeitig verhauen haben. Jetzt will er uns einzeln verhauen. Er ist groß und schwer und kann gut ringen, aber er ist schlecht im Faustkampf. Onkel Senator Felix will mich nicht kämpfen lernen, obwohl er ein ausgebildeter Soldat in der Classis war. Ich frage jetzt mal Hannibal, aber Dido ist auch gut im Faustkampf. Sie kennt viele gemeine Tricks und meine Deckung muß besser werden. Sie übt jeden Tag mit mir. Und sie schlägt gemeinerweise immer von links zu. Das muß ich auch noch lernen. Aber ich habe sie ein paar Mal auf die kurze Rippe getroffen und ich bin bereits besser als mein Freund Cicero. Wie gut bist du im Faustkampf Onkel Gracchus? Ich könnte noch einen Sparringspartner gebrauchen, der was einstecken kann. Aber du musst dich hinknien.”

    Serenus betrat mit Nero und Dido das Atrium und sah sich um. Dann ging er gemütlichen Schrittes zu seiner Lieblingstante.


    "Salve Tante Leontia! Das wird aber schön. Können wir die Wände rot und gelb anstreichen? Und malen wir auch bunte Muster auf die Außenwände?"


    Serenus hielt Ausschau nach Pinsel und Farbe, während sein Kampfhund Nero es lustig fand, daß die Sklaven scheinbar alle woanders eine Arbeit zu erledigen hatten und schnell wegliefen, wenn er sich neben sie stellte. da er aber gut erzogen war, unterdrückte der Hund seinen Jagdinstinkt. Dafür tappste er in einen kleinen Becher mit Farbe und hinterließ fortan in regelmäßgen Abstanden einen blauen Pfotenabdruck auf dem Boden. Sein Schwanzwedeln ließ den Schluss zu, daß der Hund heute ebenfalls gut gelaunt war.

    Sciurus hatte Serenus ausgerichtet, daß Onkel Gracchus ihn sehen wollte. Unverzüglich und in unheilsvollem Ton.


    Da Serenus sich nicht vorstellen konnte, was er heute oder gestern angestellt haben sollte, war unverzüglich also relativ. So nahm er sich die Zeit gründlich zu überlegen und noch einmal die Latrine aufzusuchen. Ob es mit der hohen Einkaufsrechnung vom Forum zusammen hing? Aber die Rechnungen von Tante Antonia und Tante Leontia waren viel höher gewesen als seine Rechnungen. Und er war noch am Wachsen. Gute Ausrede für die Kosten. Die hatten seine Tanten nicht, was die neuen sachen anging. Angeblich war Onkel Gracchus umgefallen und ein Medicus musste ihm wieder auf die Beine helfen. Bestimmt waren die Schuhe von Tante Antonia so teuer gewesen. Und die kaputte Vase aus Pergamon war sicher nicht teuer gewesen. Was stand der Sklave mit der Vase auch im Weg als Serenus, Dido und Nero um die Ecke rannten. Und laut waren sie gestern und heute auch nicht gewesen. Sie hatten erst 1 Stunde nach Sonnenaufgang Lärm gemacht und da waren seine Onkel und Tanten doch sicher schon alle wach gewesen? Zumindest hatte er Onkel Senator Felix beim Gassi gehen mit Nero im Garten angetroffen, als dieser seine Rosen besuchte.


    Mit Dido und Nero im Gefolge machte sich Serenus auf zum Arbeitszimmer von Onkel Gracchus.


    KLOPF! KLOPF! KLOPF!


    Serenus war sich ganz sicher, daß Onkel Gracchus bereits beim ersten KLOPF! “Herein” gesagt hatte, denn beim zweiten KLOPF stand er schon im Arbeitszimmer. Gefolgt von seinem Kampfhund und der Leibsklavin Dido.


    (Serenus) “Salve Onkel Gracchus!”


    (Nero) “WUFF!” *schwanzwedel*


    (Dido) “Salve Dominus!”


    Nero nieste und gab anschließend ein leises Winseln von sich und zog sich 2 kleine Schritte neben Dido zurück. Einige Augenblicke später wusste Serenus warum. Es war eine weitere Person im Raum. Die andere Person im Raum roch ja schlimmer als Omas Duftöl “Leidenschaft der Nacht”, welches sie immer auftrug, wenn ihre Wade schmerzte und dieser breitschultrige Ägypter zum Massieren kam. Die bunte Kleidung und Schminke ließ darauf schließen, daß es sich hier um einen Gaukler handeln mußte. Wollte Onkel Gracchus ihn, seine Schwester Arrecina und Dido etwa unterhalten lassen und zum lachen bringen. Weil Arrecina immer so traurig war in der letzten Zeit. Serenus vermutete, daß sie in Sciurus verliebt war, denn den schaute sie ab und an so komisch an. Also ein Gaukler wäre jetzt nicht nötig gewesen. Das gute Wetter schrie ja geradezu nach Spielen im Garten. Und Dido wollte ihm später noch Unterricht im Faustkampf geben. seie Deckung war miserabel, wie sein blaues Auge bewies.


    So nickte er dem Mann nur höflich zu und sagte “Salve”.

    Hatte man in der ersten Runden von Serenus und den beisitzenden Sklaven der Gens Flavia noch folgendes gehört:


    TRRRRRRÖÖÖÖÖÖÖÖTTTTTTT !!!
    TÖÖÖÖÖÖÖÖÖTTTTTTTÖÖÖÖÖÖÖÖÖ !!!


    so waren die Jubelrufe, Fanfarenstösse und die begeisterten Rippenstösse von Serenus bei seinem Onkel Gracchus immer mehr im Verlauf des Rennens abgeebbt und bestenfalls gab es ab und an noch ein verhaltenes:


    TUTÖÖÖÖTUUUUUUT


    Serenus saß mit enttäuschtem Gesicht neben seinem Onkel. Nicht nur, daß der grüne Kloakenschleim auch noch gewonnen hatte, NEIN! Alle Fahrer der Russata waren hinten. Das konnte doch nicht normal sein. Das roch nach Betrug! Nach Schiebung! Nach Bestechung! Zumindest hatte Onkel Gracchus genug Würde, daß er nicht auch noch für die grünen Popel oder die blauen Sackratten applaudierte.


    Serenus sprang auf und machte seinem Unmut Luft.


    "Betrug am Zuschauer! So mies kann doch die Russata niemals fahren! Das riecht nach Bestechung der Factio-Leitung oder der Verfluchung unserer Fahrer! STEINIGUNG! BUUUUUUUH! STEINIGT DEN VORSITZENDEN TROTZDEM! Und für so etwas zahlt mein Onkel auch noch Geld für den Eintritt!"


    Serenus hätte man vielleicht in der Menge ja noch überhört, aber so wie die Sklaven zuvor angewiesen worden waren zu jubeln, so griffen sie jetzt dessen Protest lauthals auf.


    "Betrug am Zuschauer! So mies kann doch die Russata niemals fahren! Das riecht nach Bestechung der Factio-Leitung oder der Verfluchung unserer Fahrer! STEINIGUNG! BUUUUUUUH! STEINIGT DEN VORSITZENDEN TROTZDEM!"


    Kindermund tut Wahrheit kund!
    Und so schien im Fanblock der Russata die Unmutsbekundungen auf fruchtbaren Boden zu fallen. Man ging zwar weniger auf die Steinigung der Factio-Leitung ein, wohl aber auf den Punkt, daß die Fahrer der Russata sicher verflucht worden waren. Lautstark wurde die Durchsuchung der Wagen nach Fluchtäfelchen diskutiert und gefordert. Daß drei Fahrer hinten landeten, das schaffte selbst ein inkompetente Factio-Leitung nicht wie eine Mehrheit befand. Aber die Verfluchung ... das war eine ganz einleuchtende Erklärung. Und dafür kam ja auch nur ein krimineller Haufen in Frage: die Praesina!



    Sim-Off:

    @Onkel Gracchus: freue mich schon auf das nächste Rennen mir Dir.

    “Was heißt vorheucheln? Ich kann deinem Interesse an der Rosenzucht genauso wenig abgewinnen, wie Omas Interesse an der Zierfischzucht. Dennoch akzeptiere ich diese Freizeitbeschäftigung und binde die Rosensträucher in meine Ziegenrennen als Hindernisse ein, die nicht touchiert werden dürfen. Ebenso die kleinen Teiche.


    Also, zunächst einmal würde ich gerne Kämpfen lernen. Im Ringen bin ich ganz gut, aber im Faustkampf miserabel. Und mit einem Dolch oder einem Gladius kann ich überhaupt nicht umgehen. Ich habe zwar meinen Kampfhund Nero als meinen Leibwächter von Oma bekommen, aber der darf mich nicht überall hin begleiten. Und als Patrizier sollte ich mich zumindest meiner Haut erwehren können, wenn man mich mal angreift und zu entführen versucht. Oder ich einmal Streit mit einem meiner Freunde bekomme. Oder verzweifelte Klienten zudringlich werden.
    Da Papa weit weg in Mantua ist dachte ich an dich. Du kannst mir doch sicher alles beibringen. Oma hat immer erzählt, daß du auf der Militärakademie warst und sogar mal der Praefectus der Classis gewesen bist. Du bist also im Gegensatz zu Onkel Lucullus und Onkel Gracchus ein ausgebildeter Soldat. Und du musst sehr gut gewesen sein, denn sonst hättest du nicht so lange überlebt bis du deren Praefectus wurdest.


    Desweiteren brauche ich mehr Platz. Ich muß mich entfalten können. Und dafür ist mein Cubiculum mit dem kleinen Ankleidezimmer, wo auch meine Leibsklavin schläft, zu klein. In meinem Cubiculum kann ich ja nicht mal richtig spielen, wenn es regnet und ich nicht in den Garten kann. Da ist zuwenig Platz und wenn ich durch den Rest des Hauses tobe, dann fühlt sich wieder jemand gestört. Also ist mir folgendes überlegt. Tante Minervina ist ja für lange Zeit nach Hispania gereist. Und ihr Cubiculum liegt genau neben meinem. Ich nehme dieses Zimmer zusätzlich für mich in Besitz, lasse es ausräumen und richte mir dort ein Studier- und Spielzimmer ein, wobei wir noch einen Wanddurchbruch in mein Cubiculum machen.


    Das letzte Anliegen bezieht sich auf meine Kaiser-Ulpius-Sparbüste.”


    Serenus stellte die Büste auf den Tisch.


    “Wenn du die schüttelst, dann wirst du feststellen, daß der Kopf des Augustus ganz hohl ist. Und ich sehe mich nicht in der Lage ihn zu füllen. Mein Taschengeld von Oma und Papa war ausreichend für Baiae, aber Roma ist eine ganz teure Stadt. Meine Spareinlagen schrumpfen ständig. Und arbeiten kann ich ja noch nicht, weil ich dafür viel zu jung bin. Wir sollten uns über eine Taschengelderhöhung unterhalten. Bekomme ich Taschengeld von Dir?”


    Serenus schaute Onkel Senator Felix mit seinen Augen und seinem Engelchengesicht so lieb an, wie er es bei Oma immer getan hatte. Serenus, der Brave und Artige, dem man so schlecht etwas abschlagen konnte.

    Serenus trug die Farben der Russata und war so mit einer marsroten Tunika, marsroten Sandalen und einem roten Halstuch bekleidet. An seinem Gürtel hingen seine Caesti ( :evil: )und in der einen Hand schwenkte er einen kleinen Wimpel der Russata, während er in der anderen Hand eine kurze Fanfare hatte, in welche er immer wieder mit den anderen Fans schmetterte.


    TRRRRRRÖÖÖÖÖÖÖÖTTTTTTT !!!
    TÖÖÖÖÖÖÖÖÖTTTTTTTÖÖÖÖÖÖÖÖÖ !!!


    Und begeistert wieder den Wimpel schwenkte.


    Dido, seine kleine Leibsklavin war ebenfalls in die Farben der Russata gekleidet. Von ihrem Gürtel baumelten ebenfalls Caesti herunter. Auch sie hielt einen Wimpel in der Hand, allerdings schien dessen Stab sehr, sehr solide und dicker auszusehen als bei Serenus. In einem Beutel trug sie einige gammelige Äpfel, hartgekochte Eier und drei überreife, kleinere Melonen mit sich. Serenus wollte sich lieber nicht darauf verlassen, daß Onkel Gracchus auch an so etwas gedacht hatte.


    Serenus hatte Platz genommen. Die Sitzplätze waren hervorragend und der Gens Flavia angemessen. Wenn es einen Unfall auf der Rennbahn gab, dann konnte das Blut sogar noch bis zu den Flaviern spritzen so nah saß man am Geschehen. Sogar an ausrechend Kissen war für Dido und Serenus gedacht worden. Na gut, Serenus hatte hier ganz klare Anweisungen in weiser Voraussicht erteilt. In der ersten Reihe saßen Dido, Serenus und Onkel Gracchus. Hinter den beiden Flaviern saßen die Aufpassersklaven, welche auf einen Wink von Serenus ein Transparent entrollten, während der Sklave unmittelbar hinter Onkel Gracchus noch einmal ein Plakat hochhielt. Eigentlich sollte dieser ja hinter Serenus sitzen, aber in dem Tumult und Trubel war das irgendwie unter gegangen.



    Dido Serenus Onkel Gracchus


    Das Transparent:

    RUSSATA


    Das Plakat hinter Onkel Gracchus, welches mit einem aufgemalten Pfeil auf diesen zeigte.

    BRINNO
    ICH BIN DEIN ALLERGRÖßTER FAN

    Serenus betrat den Raum und gab seinem Kampfhund mit einer Handgeste zu verstehen, daß er artig Sitz machen sollte.


    “Salve Onkel Senator Felix. Ich hoffe es geht Dir gut. Ich möchte einen Augenblick deiner Zeit in Anspruch nehmen. Wenn du wenig Zeit hast, dann komme ich gleich mit meinen drei Anliegen zur Sache. Wenn du viel Zeit hast, dann unterhalten wir uns am Besten zuerst noch etwas über das Wetter, deine geliebten Rosen und andere Themen die du magst, bevor wir auf die eigentlichen Anliegen kommen. Onkel Gracchus meinte, daß man erst einmal aus Höflichkeit über andere Sachen spricht. Aber ich weiß ja wie wenig Zeit du hast, weil du dem Augustus als sein Vertrauter immer mit Rat und Tat in den vielen Conventi und im Senat zur Seite stehen mußt.”

    Serenus folgte eine Zeitlang artig seinen Tanten über den Markt.


    Vorbei ging es an Obsthändlern, wo Serenus großzügig für sich und Dido Kirschen, Trauben, Aprikosen, Pfirsische, Erdbeeren und anderes Obst erstand, welches zu dieser Jahreszeit horrende Preise hatte, da es von weit, weit her angeliefert wurde. So kam ein reichhaltiger Obstkrob und einige Melonen zu den Paketen der Tanten hinzu.


    Die Fischhändler ignorierte er, denn die meisten Fische und Schalentiere und Meeresfrüchte waren nicht frisch. Serenus stammte aus Baiae. Da wurde man selbst als Patrizier zum Meeresfrüchteexperten, da diese fast immer Bestandteil der Mahlzeiten waren. Bei Oma hatte es immer recht wenig Fleisch gegeben, was nicht am Geld gelegen hatte. Fisch macht schlau hatte Oma immer gesagt. Wenn es hier in Roma nur solchen halbvergammelten Fisch gab ... Nun, dann war er jetzt schon schlauer als viele andere hier in Roma.


    Schnell ging er weiter zum Gemüsehändler, wo er Gemüse als ergänzendes Kraftfutter für die Rennziegen erstand.


    Die Weinhändler, Bäcker und Zuckerbäcker ließ er dagegen unbeachtet. Süßes hatte er genug erstanden. Er wollte es nicht übertreiben. Und Wein trank er quasi nie.


    Dann erregte Tante Leontia seine Aufmerksamkeit. Hui! Hier gab es aber ganz viele tolle Sachen. Serenus nahm eine Reitgerte und ließ diese mehrfach durch die Luft schwingen. Dann entschied er sich noch für 2 weitere Gerten, eine Peitsche, eine mehrschwänzige Peitsche, 2 Paar Caesti, 2 kleine Dolche mit denen man unwilligen Sklaven die Haut abziehen konnte und zuletzt noch 2 leicht gepolsterte Keulen mit denen man feste zuschlagen konnte, was sehr weh tat, aber wenig Spuren hinterließ.


    “Tante Leontia. Darf ich das alles mal an deinem neuen Sklaven ausprobieren? Dem aus der Bibliothek. Dido ist ja noch so klein. Die hält ja nichts aus.”


    Dido würde die Tage noch sehr viel Prügel einstecken müssen, dachte sich Serenus. Aber nicht durch diese Instrumente.

    Sim-Off:

    Argh, hier ging es ja weiter. Auf dem Markt schaue ich nicht so oft nach. Vor allem, wenn es um Frauen und Schuhe geht. Laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaangweilig. :P



    Serenus feilschte derweil auf dem Tiermarkt um ein paar Rennziegen, nachdem er das Angebot ausgiebig gesichtet hatte. Er fleischte unerbittlich, daß selbst Mercurius sicher schon Tränen in den Augen gehabt hätte. Der Händler jammerte herzerweichend. Nur brachte das bei einem Patrizier als Kunden nichts. Schließlich einigte man sich auf einen akzeptablen Preis. Serenus war zufrieden. Da er die Ziegen von seinem Taschengeld bezahlen mußte, galt es sparsam zu sein und gleichzeitig beste Qualität zu erwerben. Die Ziegen würde der Händler in die Villa liefern.


    Wenig später kam Serenus wieder zu seinen Tanten und stöhnte innerlich auf. Es ging um das Thema Schuhe. Das konnte dauern ...

    "Na gut! In Anbetracht der Umstände, daß du der verlängerte Arm von Papa bist, kaufen wir sie zu deinem Gebot. Allerdings hätte ich sie nicht für so häßlich gehalten, daß du sie direkt weiterverschenken tust. Wir hätten sie Papa doch wenigstens mal zeigen können. Oder hast du Angst, daß sie dich ersetzen kann? Das glaubst du doch im Leben nicht. Was würde Papa denn ohne dich tun."


    Serenus zuckte mit den Schultern. Dann schien etwas seine Aufmerksamkeit zu erregen. Dido flüsterte ihm etwas ins Ohr. Offensichtlich wurde auf dem Viehmarkt in Kürze ein kleiner Löwe versteigert. Ja, so ein Löwe war für Papa viel besser als eine Sklavin. Und wenn Papa den Löwen nicht im Castellum halten durfte, da gab es sicher Vorschriften in der Legio, dann würde der Löwe natürlich von ihm in der Villa aufgenommen werden müssen.


    "Wir gehen dann mal auf den Viehmarkt und ersteigern dort einen kleinen Löwen für Papa. Bis später!"



    edit: farbe will nicht so, wie serenus will

    Serenus bahnte sich einen Weg durch die Menge um mit dem Händler den Kauf in sachen Sesterzen unter Dach und Fach zu bringen. Er würde den Vertrag siegeln und später Hannibal zum bezahlen vorbei schicken. Und dann würde er sich mal umhören, welcher Depp den Preis hier so in die Höhe getrieben hatte. 803 Sesterzen und 2 Asse für eine Putzfrau für seinen Papa waren zwar angemessen, aber weniger wäre auch gut gewesen. Vor allem, da er ja erst einmal mit seinem gesparten Taschengeld in Vorlage gehen mußte.


    Zu seiner Überraschung entdeckte er ganz vorne auch schon Hannibal, den Leibsklaven von Papa.


    "Salve Hannibal! Ich habe gerade eine Sklavin für Papa als Putzfrau in Mantua gekauft, weil du ja bei mir mehr in Roma bleiben sollst. Papa sprach ja davon, daß du mich in Sachen Verwaltungsaufgaben und Haushaltsführung unterweisen sollst. Na, was denkst du? Ob sie Papa nicht zu häßlich ist? Allzu hübsch soll sie ja nicht sein, denn sonst werden seine ganzen Soldaten neidisch. Hast du zufällig 800 Sesterzen noch dabei? 3 Sesterzen und 2 Asse habe ich selber noch einstecken. Ansonsten zahle ich mit meinem Namen."

    Teil 4


    Sklave Gaius ist der Beste - die Literatur der römischen Jugend


    „Dominus! Ich habe den gewünschten Schriftsteller und seine Scribas gefunden! Er hat seinen Handkarren so ziemlich in der Mitte des Forums aufgebaut. Und vertreibt dort auch schon die neuste Ausgabe.“ brummte einer der Trägersklaven.


    Und schwupps waren Serenus und Dido zusammen mit dem Hund in der Menge verschwunden. Serenus nahm Dido an der Hand, damit er sie nicht verlor, während er selbst sich am Halsband des Kampfhundes festhielt. Geschickt bahnte er sich einen Weg in Richtung Mitte des Forums um ein begehrte Ausgabe der recht auflagenkleinen Fortsetzungsgeschichte von „Sklave Gaius ist der Beste“ zu erhalten, welche regelmäßig so alle vier bis sechs Wochen neu herauskam.


    Dank eines knurrenden und ab und an zähnefletschenden Neros kamen die Kinder recht zügig durch die Menge. Keinen Augenblick dachte Serenus daran, daß seine Tanten jetzt die Krise bekommen könnten. Warum auch. Er war immerhin neue Jahre alt und wußte wo die Villa Flavia lag. Wenn er seine Tanten mit Neros Hilfe auf dem Forum nicht wiederfand, dann würde er sich einige Praetorianer oder Mitglieder der Cohortes Urbanae suchen, welche ihn für eine Gehaltsaufbesserung zur Villa zurück eskortierten.