”Ähm… bald, sobald die ganze Sippschaft eingetroffen ist.“ Das war nicht sehr präzise, musste ich zugeben. Licinus würde ja sicher um Urlaub ersuchen müssen. In meinen Augen überstrahlte die welterschütternde Nachricht von Livianus‘ Rückkehr alles andere, aber beim Militär musste eben alles seine Ordnung haben. Das brachte mich auf einen anderen Gedanken.
“Oh, und kannst Du mir einen Gefallen tun?! Ich hab ja zwei Vettern in der Prima, Vestinus und Celsus, könntest Du, ähm, vielleicht ein gutes Wort für sie einlegen, damit sie auch kommen können?“
Beiträge von Faustus Decimus Serapio
-
-
Ich muss mich leider auch bis zum Wochenende abmelden.
-
Da stand sie, und so trafen wir uns also zum ersten Mal bei Tageslicht. Sie wirkte in dieser Umgebung zurückhaltender als bei den vorigen Treffen, und beinahe... ertappt? Hoffentlich beschloss sie nicht, uns die Casa auszurauben... ach nein, ein bisschen Vertrauen musste ich schon in sie setzen, sonst würde das alles nicht funktionieren.
”Salve Celeste! Wie geht’s? Hast Du Dich schon umgesehen? Hier, ich hab mal ein bisschen Arbeit mitgebracht...”
Ich marschierte an ihr vorüber und liess all die Tafeln und Rollen aus meinen Armen auf den Tisch gleiten. ”Auf Vorrat sozusagen. Das sind die Abrechnungen einiger Landgüter, die mir meine Tante neulich überschrieben hat, aus heiterem Himmel, weil sie nach Hispania umgezogen ist, und naja, es ist ein Wust von Zahlen und ich blicke da irgendwie nicht durch...”
Das war noch gelinde ausgedrückt. Ich zog uns zwei Stühle an den Tisch, wies einladend auf den einen, setzte mich auf den anderen und begann den Berg zu Stapeln umzuschichten. Mit einem Seitenblick auf die Acta unter Celestes Arm erkundigte ich mich dabei: ”Und, was gibt es neues im Imperium?” -
”Oh, schade, ich hätte sie gern mal kennengelernt.” Es hätte mich brennend interessiert, meine germanische Tante einmal zu treffen. In meiner Vorstellung überragte sie uns alle um Haupteslänge und hatte strohblonde Zöpfe wie Schiffstaue.
”Ich bin Faustus Serapio” versuchte ich Onkel Magnus meinen Namen ins Gedächtnis zu rufen - es war aber kein Wunder, dass er Schwierigkeiten hatte mich einzuordnen, denn ich hatte mich ja sehr verändert, ”der jüngste Sohn von Silanus und Cara, der Dir damals unbedingt sein Pony vorführen wollte... - Bleibst Du denn jetzt länger in Rom, wenn ich fragen darf?” -
”Ja, ich auch nicht. War schon ein herber Verlust, dass er den Dienst quittieren musste.”, meinte ich mit gerunzelter Stirn. Verdammte Parther, blöde Quacksalber.
Mantua schien laut Licinus’ Äusserung noch ebenso verschlafen zu sein wie ich es kannte, und wieder mal war ich froh, in Rom Dienst zu tun, wo ständig was los war - wirklich ein Privileg. Als Licinus auf mein Glück trank, wurde mein Grinsen immer schiefer, bis es ordentlich Schlagseite hatte. ”Und auf Deins!”, prostete ich zurück. (Das ‘romantische Treffen’ war nicht sehr erbaulich gewesen. Ich war ja auch nur notgedrungen hingegangen, damit es niemandem auffiele, dass ich nicht hinginge.)
Strassenbau - puh, ich war froh dass wir davon verschont blieben, auch wenn ich natürlich wusste wie essentiell unsere guten Strassen für das Imperium waren. ”Nein, da haben wir Glück, solche Arbeiten müssen wir nicht machen. Aber wir haben auch so jede Menge zu tun, es gibt immer genug Arbeit um nicht auf dumme Gedanken zu kommen.”Die Veteranensiedlung in Mantua kannte ich nur von ferne. ”Kann man ja irgendwie verstehen, das...” meinte ich leise, beklommen bei der Vorstellung dass ich selbst, oder Licinus, wenn wir im Krieg weniger Glück gehabt hätten, jetzt in der selben Lage sein könnten. Wobei - ich war ja seit kurzem, seit Tante Lucilla mir diese ganzen Ländereien vermacht hatte, auf einmal richtig reich... in dem Moment schämte ich mich fast dafür... lebendig, unversehrt und reich, wer von den Kameraden konnte das schon von sich behaupten. Ich sollte unbedingt etwas an einen der Veteranen-Vereine spenden, das könnte mein Gewissen erleichtern.
Ich steckte das Brot in dem Mund und kaute, während ich Licinus lauschte, nickte dann heftig.
”Genau! Du bringst es genau auf den Punkt. Es wäre treulos gewesen, zu dem Zeitpunkt zu gehen. Ihre Verluste können gar nicht so hoch wie unsere gewesen sein...” Zahlen kannte ich natürlich keine, die wurden bei so was ja grundsätzlich unter Verschluss gehalten.
”Aber naja, später habe ich dann ja gesehen, dass in der Prima auch nicht alles Gold ist was glänzt, da hab ich dann schon manchmal gedacht... also, eben genau das was Du eben formuliert hast.” Und die schönen Garderüstungen... die waren sowohl farblich als auch in ihrer leicht archaisierenden Formensprache sehr ansprechend für einen ästhetisch empfindsamen Menschen wie mich. ”Aber, auch wenn ich früher nie gedacht hätte, dass ich mal bei den Urbanern landen würde - die Arbeit hier liegt mir. Und sie ist gar nicht so ruhmlos wie ich anfangs dachte. Neulich war sogar jemand von der Acta bei mir, um über uns zu berichten.”Wir sassen noch eine Weile gemütlich zusammen und plauderten über dies und das und die alten Zeiten. Ich krönte den Abend mit einem leckeren Thunfischgericht, denn ich koche ja gern, bloß lohnt es sich für gewöhnlich nicht, nur für eine Person. (Ich kann ja schlecht meinen Sklaven bekochen.)
Der nächste Tag war der, an dem ich die unglaubliche Neuigkeit von Livianus’ Rettung erfuhr. Wie berauscht von diesem Glück überfiel ich meinen Gast sofort damit, als er des abends zur Türe hereinkam.
”Licinus! Du glaubst nicht was ich heute erfahren habe. Livianus lebt, irgendwie ist er den Parthern entkommen, und er ist schon auf dem Weg hierher, angeblich schon in Ostia! Unglaublich, nicht?!” Ich strahlte bis über beide Ohren und liess den Freund gar nicht zu Wort kommen. ”Wir, also wir Decimer werden anlässlich seiner Rückkehr ein Fest geben, in unserer Casa, und dazu möchte ich Dich auch herzlich einladen!” -
Erst schmeichelte sie mir, darauf trat sie den Rückzug an. Ich betrachtete aufmerksam ihre Bewegungen, erhob mich als sie aufstand, und hätte aus Gründen der Ritterlichkeit beinahe angeboten, sie nach Hause zu geleiten. Aber soweit reichte das Vertrauen dann sicherlich doch noch nicht, also liess ich es sein und beschränkte ich mich auf ein artiges: ”Es war mir eine Freude Deine Gesellschaft geniessen zu dürfen. Auf bald, Celeste!”
Nachdenklich blickte ich ihr hinterher, der schmalen Gestalt, im Türrahmen noch vom Lichtspiel der Taverne beschienen, einen Augenblick später von der Nacht verschluckt... und meine Mundwinkel zuckten, als ich kurz an meine alberne Capa-und-Sica Geschichte denken musste. (La Especialista und El Cachetero hatten sich mittlerweile geeinigt gemeinsame Sache zu machen. In Wirklichkeit versuchten sie aber alle beide, sich gegenseitig über den Tisch zu ziehen, und dazu kam - natürlich - noch die geradezu magnetische Anziehungskraft zwischen den beiden. Oh ja, das hatte Potential für mannigfaltige Verwicklungen.)
In mich hineingrinsend wandte ich mich wieder dem Wein zu. In aller Ruhe leerte ich den Krug, und lauschte noch eine Weile dem Harfenisten, bis auch ich mich schliesslich zum Aufbruch entschloss, zahlte und zur Castra zurückkehrte. Wie auch immer diese Sache sich weiter entwickeln würde - ich war sehr neugierig darauf. -
Vor einigen Wochen:
Das Arbeitszimmer, dass ich, nach kurzer Verhandlung mit unserem Maiordomus, für meine neue Scriba und mich requiriert hatte, lag im hinteren Teil unseres Hauses. Es war nicht besonders gross, aber ruhig, da es auf den Garten hinaus ging, und die Wände waren mit geschmackvollen, ockerfarbenen Ornamenten verziert. Ein grosser Schreibtisch mit Löwentatzen und blankpolierter Platte dominierte den Raum, darauf standen in Reih und Glied Tinte, Schreibrohr und Stylus, Siegelwachs und Sand parat. Regale und eine schwere Truhe warteten darauf mit Schriftrollen gefüllt zu werden.
Der Tag an dem Celeste dann also wie abgemacht mit ihrer (offiziellen) Arbeit für mich anfangen sollte war gekommen, und ich steuerte dynamischen Schrittes auf eben dieses Zimmer zu, beide Arme voll mit Papyrusbündeln und Stapeln von Wachstafeln. Gewissenhaft wie ich bin, hatte ich unserem Ianitor Bescheid gesagt, dass ich meine neue Scriba erwartete. Gespannt ob sie schon da war - und mit immer noch etwas Bedenken, ob sie es sich in der Zwischenzeit nicht doch noch anders überlegt hatte - schob ich die Türe mit dem Fuß auf und trat herein. -
”Salve Verus, ja, das hoffe ich doch!”, erwiderte ich fröhlich. ”Salve Mattiacus!” Die beiden hatten sich wirklich sehr schick gemacht und ich kam mir angesichts dieser strahlenden Togen mit einem mal etwas leger gekleidet vor. Aber bei dem Wetter brachten mich keine zehn Pferde in eine Toga, und sowieso, ich war eben Soldat.
Beide waren bester Laune, ich grinste bei Mattiacus’ Bemerkung, und scherzte, wobei aber immer noch der Respekt durchklang: ”Kann mir gar nicht vorstellen, dass er mal ein Kind war...” (Vielleicht sollte ich Mattiacus, der doch der zugänglichste meiner Onkel war, mal anstiften, etwas aus dem Nähkästchen zu plaudern.)
Bei dem nächsten Verwandten, der den Garten betrat, musste ich zweimal hinsehen bevor ich mir sicher war. ”Salve Onkel Magnus! Kennst Du mich noch? Ich glaube, ich war nicht grösser als so, oder naja, eher so” - meine Hand schwankte zwischen Hüft und Brusthöhe - “als wir uns zuletzt gesehen haben.”
Auf irgendeinem Familienfest war das natürlich gewesen, und meine Mutter war damals nicht müde geworden, mir, der ich gerade die Faszination des Theaters entdeckt hatte und somit schon die Anzeichen der Mißratenheit zeigte, alle meine anwesenden Onkel als Vorbilder für ein erfolgreiches und gutrömisches Leben vorzuhalten.
”Kommt Deine Frau auch? - Lucilla hat leider absagen müssen, und auch Großtante Drusilla, ihr wäre die Reise zu beschwerlich gewesen, aber beide senden uns die besten Grüsse.” -
Als ich sah wie mein grosspuriger Cousin auf einmal so kleinlaut war, da regte sich tatsächlich so was wie Mitgefühl in meinem viel zu empfindsamen Herzen.
”Worauf denn? Komm schon, er beisst ja nicht.”
Dass er ihm früher oder später gegenübertreten musste, das musste ich Flavus ja wohl nicht erklären... es sei denn, er entschloss sich spontan, doch lieber das nächste Schiff nach Britannia zurück nehmen - was von meiner Seite aus auch völlig in Ordnung gewesen wäre! Allerdings konnte ich mir nicht vorstellen, dass Flavus’ unsinnige Vorurteile der direkten Begnung mit seinem Vater standhalten würden - sie würden einfach dahinschmelzen angesichts von Livianus’ Präsenz, und ich würde zusehen können wie die beiden sich glücklich in die Arme fielen. Großartig.
In einer nicht so ganz ehrlichen, ermutigenden Geste berührte ich Flavus kurz am Oberarm, mit sanftem Druck in Richtung von Livianus, und meinte nochmal, so freundlich ich es vermochte: “Komm...”
Darauf ging ich auf meinen Onkel zu, wobei ich tief Luft holte. Ich konnte sie förmlich spüren, die Schicksalsschwere, die über all dem lag, feierlich und drückend zugleich, wie die Schwüle vor einem Gewitter. (Was jetzt noch fehlte war ein Chor.)
”Onkel Livianus, ich möchte Dir jemanden vorstellen” verkündete ich, mit dem Anschein von Freude, wies dabei präsentierend auf den verlorenen Sohn.
”Dies ist Marcus Decimus Flavus. Er ist, während Du fort warst, aus Britannien zu uns gekommen.....”
Ich liess den Satz in der Schwebe, wollte nicht sofort mit der Türe ins Haus fallen. Ob jetzt die Stimme des Blutes zu den beiden sprechen würde? -
[Blockierte Grafik: http://img165.imageshack.us/im…cepspriorgargoniusrl1.jpg] | Princeps Prior M. Gargonius Marsus
Gargonius vertiefte sich in die Antworten und musste seine Hoffnungen begraben - er fand nichts auszusetzen, ganz im Gegenteil, und schliesslich gab der alte Optio, wenn auch widerwillig, sogar ein anerkennendes ”Hmpf... ganz ordentlich.” von sich. Wieder kritzelte er vor sich hin, diesmal auf einer neuen Tafel, dann klappte er diese mit einem lauten Klacken zu, und hielt sie dem Rekruten hin.
”Geh ins Valetudinarium, gib das dem Miles Medicus. Wenn du für tauglich befunden wirst meldest du dich wieder hier. Wegtreten!” -
In der letzten Zeit hatten die Götter unserer Familie endlich wieder zugelächelt. So war ich gar nicht überrascht, als der Tag unseres Festes sich in strahlenden Sonnenschein hüllte. Heute würden wir, Familie und Freunde, die Rückkehr von Livianus feiern, über dessen Schicksal wir so lange im Ungewissen gewesen waren, und der zuletzt doch der Hand des ruchlosen Feindes entkommen und mit dem Segen der Götter und der Hilfe beherzter Männer zu uns heimgekehrt war.
Da unsere Großfamilie über das ganze Imperium verstreut lebte, hatten wir den Tag des Festes mit Bedacht so spät gewählt, dass all unseren Verwandten nach dem Empfang der Einladungen noch genug Zeit für die weite Reise bleiben würde. Heute war es endlich soweit, und das Haus schwirrte schon seit dem Morgengrauen wie ein Bienenstock vor Aktivität.Gegen Nachmittag begab ich mich als einer der ersten in den Peristylgarten. Die Farben der Blumen leuchteten nur so, tiefblau die Schwertlilien, rot der Klatschmohn, sattgelb die Dolden des Goldregens, und von ihnen hoben sich weiss die ranken Säulen des Wandelganges ab, um die wiederum bunte Blütengirlanden herumgewunden war. Wie mit leichtem Pinsel in das Bild getupft standen Klinen und Korbstühle in kleinen Gruppen zwanglos verteilt, und luden dazu ein, sich hier niederzulassen. Sonnensegel spendeten Schatten, und auch von dem Bassin in dem Mitte des Innenhofes, in dem klares Wasser vor sich hinplätscherte, ging eine angenehme Kühle aus.
Einige unserer Sklaven standen schon bereit, und boten den Gästen verdünnten Wein oder Obstsaft (für die Kinder und die altmodischen Frauen) und kleine Vorspeisen an. Bei den Weinen handelte es sich natürlich um gute hispanische Tropfen von den Weinbergen der Familie, und auch die Speisen hatten einen stark iberischen Einschlag - hier suchte man vergeblich nach Nachtigallenzungen oder Haselmausleber, statt dessen gab es geröstetes Brot mit Olivenöl, gegrilltem Gemüse und holzgeräuchertem Schinken, Sardellen mit viel Knoblauch, scharfe Wurst, gebackenen Ziegenkäse mit Kräutern und andere kleine, gutgewürzte Happen. Ich hatte bei der Vorbereitung Wert auf diese Heimatverbundenheit gelegt, denn schliesslich liegen unsere Wurzeln am Ebro, nicht am Tiber, und ich jedenfalls finde, dass wir das auch hier im gewaltigen Rom nicht vergessen sollten. Zur musikalischen Untermalung hatte ich ebenfalls hispanische Künstler angeheuert, die sich aber im Moment noch im Hintergrund hielten.
Mit einem Glas Tempranillo in der Hand schlenderte ich durch die Szenerie und sah mich um, wer denn auch schon da war. Auch wenn ich heute eine etwas festlichere Tunika mit schmückenden Clavi gewählt hatte, sie war trotzdem scharlachrot, und auch von meinem Cingulum militare hatte ich mich nicht trennen können, und klimperte bei jedem Schritt. Ein Windhauch trug aus Richtung der Küche den köstlichen Duft des gegrillten Tintenfisches, den es später noch geben würde. Ich sog die Luft ein, und freute mich auf ein fröhliches Fest.Sim-Off: Alle Gäste dürfen gerne die Porta umgehen und gleich hier schreiben
-
[Blockierte Grafik: http://img165.imageshack.us/img165/3010/princepspriorgargoniusrl1.jpg] | Princeps Prior M. Gargonius Marsus
Während der Anwärter mit den Fragen beschäftigt war, kramte Gargonius gelangweilt auf seinem Schreibtisch herum und starrte Löcher in die Luft, als er das ‘Fertig’ vernahm wurde sein Blick wieder scharf.
”Gib mir die Tafel!” kommandierte er, und streckte die verbliebene Hand danach aus, in der Hoffnung einen Fehler darauf zu entdecken, der es erlaubte, den Anwärter so richtig zur Schnecke zur machen. Aber bevor er überhaupt einen Blick darauf warf, schnauzte er den Iunier schon mal aus einem anderen Grund an:
”Hast du nicht eben was vergessen, Tiro? Hm?! Ich hatte Dich was gefragt! Jetzt aber zack-zack! Krankheiten? Schwerhörigkeit vielleicht? Geistesschwäche?!” -
Ich hatte noch nie jemandem davon erzählt. Nur Macro wusste davon, weil ich einmal in seiner Gegenwart ausgetickt war, bei dem Brand, aber Macro würde mich nicht verraten. Sonst durfte niemand davon wissen. Man würde mich für verrückt halten... oder für schwach... zu schwach für einen Soldaten des Kaisers. Sowieso, über so etwas sprach man nicht.
Stockend, leise und verschämt begann ich nun meine Worte an den Gott zu richten.
”Grosser Apoll, das Übel an dem ich leide... es hat mich in Parthien befalle. Vieles was dort geschehen ist, das... lässt mich nicht mehr los, es taucht einfach plötzlich wieder auf, und ist doch schon längst vergangen, aber in diesen Moment ist es echt... und es kriecht auch in meine Träume hinein, und zerfrisst sie, es gibt Tage und Nächte in denen ist es allgegenwärtig und lässt mich überhaupt keine Ruhe mehr finden... und manchmal... manchmal weiss ich nicht mehr was wirklich ist... und was nicht...”
Verzweifelt starrte ich hinauf, zu dem schönen Antlitz, welches weiß durch die wogenden Rauchschwaden schimmerte.
”Apollo Medicus, Schützender und Rettender, der Du einst unsere Stadt vor dem Grauen der Pest bewahrt hast, ich flehe Dich an, hilf mir! Ich habe Angst den Verstand zu verlieren! Manchmal bin ich wieder dort, von einem Augenblick auf den andren, alles ist wie damals, und... es kann doch nicht sein!!! Es passiert immer wieder! Und vor einigen Tagen, da habe ich einen Mann getötet, nachts, als ich ihn für einen Parther hielt, der mich mit seinem Krummschwert erschlagen wollte - aber es war kein Parther, und er war zudem... unbewaffnet. Er war trotzdem ein Halunke, der sich an einer Frau vergreifen wollte, und er hat mich wohl wirklich angegriffen, es ist also nicht schade um ihn, aber, grosser Apoll, ich habe entsetzliche Angst dass mir so etwas wieder passiert! In einer anderen Situation...”
Die Worte kamen gepresst aus meinem Mund.
”Bitte, hilf mir! Apoll, Du spendest Licht, du bist Klarheit und Reinheit... ich flehe Dich an, erfülle diese... Schwärze mit Licht, und vertreibe das Chaos, all diese Schlangen, die sich in meinem Geist und Gemüt eingenistet haben! Gewähre mir Deine Heilkunst, Apollo Medicus...”Vollkommen aufgewühlt brachte ich die anderen Opfergaben dar - goss einen edlen, goldfarbenen Massiker in die Schale auf dem Foculus, daneben stellte ich eine kleine, kunstvoll gearbeitete Bronzestatuette eines Kitharoden. Das hier war mir sehr, sehr wichtig, da wollte ich auf keinen Fall zu wenig geben. Ich bendete das Voropfer, wandte mich nach rechts und ging mit schnellen Schritten hinaus aus dem Innenraum, zum Altar vor dem Eingang, wo sich ein alter Priester und zwei Opferdiener mit dem geschmückten Tier eingefunden hatten. Der Priester gebot Schweigen, Wasser besprengte mein Gesicht, und benetzte meine Hände. Ich stand dort, und ich stand neben mir, während auch der Priester Apollo noch einmal anrief. Es klang arg routiniert - er hatte das heute sicher schon oft gemacht. Die Mola salsa kam zum Einsatz, dann reichte man mir das Opfermesser, und ich strich dem Widder vom Kopf aus den Rücken entlang. Das Tier stand nicht ganz still, aber es wehrte sich auch nicht, versuchte nur, sich die Stirn an meinem Knie zu schaben. Da juckte es ihn wohl, aber das würde bald vorbei sein.
”Apollo Medicus, sieh dieses Opfer Dir zu Ehren! Erfreue Dich an seinem Blut und Fleisch wenn die Flammen es verzehren, und wenn der Dampf seines Fettes zum Himmel aufsteigt, gedenke gnädig meiner Bitte und gewähre mir Heilung!”
Oder, sollte ich gefrevelt haben, sollte dies der Grund sein - zeig mir wie ich mich reinwaschen kann... (Aber das glaubte ich nicht, dass es daran lag. Schliesslich hatte ich doch immer nur meine Pflicht getan.)
”Agone?”
”Age!”
Der Opferhammer traf das Genick des Widders mit einem feuchten Knirschen, dann glitt die Klinge durch den weisswolligen Hals, und das Tier brach zusammen, tat seine letzten Zuckungen vor meinen Füssen. Das Blut strömte reichlich, das war gut... Bevor ich zurücktreten konnte, hatte es schon meine Caligae befleckt. Dann der warme Gestank der Gedärme, als sie dem Tier den Bauch aufschlitzten, und der Priester mit seinen knotigen Händen darin herumwühlte. Wie Spinnenbeine glitten sie über das lappige Gekröse, wendeten hier ein rotspiegelndes Stück Eingeweide, haschten dort nach einem blutgetränkten Leberzipfel. Ich habe ja echt schon sehr viel heftigere Dinge gesehen, aber an diesem Tag wurde mir bei dem Anblick ziemlich flau in der Magengegend. Angespannt verlagerte ich das Gewicht von einem Bein auf das andere, schluckte, und wartete nervös darauf, dass der alte Mann mir endlich verkünden würde was er da sah. -
Das Verhängnis liess noch etwas auf sich warten. Ich wusste nicht, ob ich diese Pause gut fand - so konnte ich mich ein wenig erholen - oder schlecht - ich hätte den Kampf mit dem Ungetüm gerne ganz schnell hinter mir Wer mich aus diesen düsteren Erwägungen riss, war mein Gegner von eben - echt ein netter Kerl! (Er erinnerte mich ein bisschen an meinen Freund Sparsus.)
”Oh, äh” - ich glaubte zwar, ganz im Gegenteil, dass der nächste noch viel schlimmer werden würde, aber das konnte ich ja nicht zugeben - ”...ja natürlich!!”
Ich grinste zurück, aufrecht und so ‘siegesgewiss’ wie möglich. Die Einladung überraschte mich, ich stutzte und beschloss meine Vorurteile gegenüber der Classis vielleicht mal ernsthaft zu überdenken. Und eigentlich sollte ich mich ja nicht mit den einfachen Soldaten verbrüdern, aber wenn es fern von meiner eigenen Einheit war, fand ich nicht unbedingt was dagegen einzuwenden.
”Wenn ich die Zeit finde, gern!”, gab ich erfreut zurück. ”Vale Classicus!”Auf der anderen Seite der Arena war die nächste Runde schon in vollem Gang, und wer da kämpfte war niemand anderes als mein früherer Ausbilder. Der hatte natürlich das einheimische Publikum auf seiner Seite. Pris-cus, Pris-cus! dröhnte es nur so in der Arena. Ich dehnte meine Arme, und sah aufmerksam zu. Ja, der Optio hatte es wirklich drauf, und er war noch ebenso gestählt wie früher. Und ebenso wie früher gefiel mir dieser Anblick wirklich sehr.
”Priscus!”, brüllte ich begeistert mit unzähligen anderen, als er seinen Gegner scharf attackierte, ich liess mich mehr und mehr mitreissen. ”Pris-cus! Pris-cus!! Jaaaah! Mach ihn fertig! Gibs ihm dreckig!! PRISCUS!!!” -
Nach meinem Gang in die Castra erreichte schliesslich auch ich das Haus unserer Familie. Draussen auf der Strasse standen überall Grüppchen von Leuten herum, und besprachen die grosse Neuigkeit. Wie auf Wolken ging ich an ihnen vorüber, das ständige Lächeln noch immer im Gesicht, und betrat die Casa. Ich fand die Familie im Triclinium, um meinen Onkel gescharrt, und beim Eintreten ging mein erster Blick zu ihm, bewundernd und liebevoll (vergleichbar wohl am ehesten mit dem Blick eines glücklichen Hundewelpen).
Der Fremde, der mit ihm gekommen war, und jetzt auf einer Kline Platz genommen hatte, der machte mich neugierig. Er sah weitgereist aus, und trotz seiner Kahlköpfigkeit auf eine rauhe Weise gut... ich brannte darauf zu erfahren welche Rolle er bei der ganze Sache gespielt hatte.
Aber wer mir auch gleich auffiel, war mein Cousin aus Britannien, der sich ziemlich im Hintergrund hielt. Flavus. Sofort war da wieder... der Neid. Flavus, der sein unverschämtes Glück überhaupt nicht zu schätzen wusste. Flavus, der es sich anmasste, schlecht über seinen Vater zu sprechen, und auch über mich und über alle Soldaten! Wäre er doch in Britannien geblieben... Meine Lippen wurden für einen Moment schmaler, als ich versuchte, diese unedlem Impulse niederzukämpfen: Vielleicht hatten wir uns einfach auf dem falschen Fuss erwischt. Ja, vielleicht hatte er sich nur so zornig gezeigt, weil er im Grunde seinen Vater schmerzlich vermisste. Das würde ich verstehen können. Ach verdammt. Für meinen Onkel war es doch ein Göttergeschenk, seine Kinder kennenlernen zu dürfen. Er hatte es verdient, dass ihm, nach der Gefangenschaft, nun wie zum Ausgleich etwas unbeschreiblich Gutes widerfuhr. Ich sollte mich für Livianus freuen, und, wer weiss, vielleicht war Flavus ja im Grunde ganz in Ordnung.
Gerade schien er jedenfalls nicht so glücklich, und es sah ganz so aus, als ob die grosse Enthüllung noch nicht stattgefunden hätte. Ich gab mir einen Ruck und ging zu ihm rüber.
”Salve Flavus...” grüsste ich, und mein Lächeln war nur ein klein wenig verkrampft, ”möchtest Du, dass ich Dich, ähm, vorstelle?” -
Zitat
Original von Potitus Vescularius Salinator
Potitus hatte sich zurückgelehnt und tappte mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte, als Serapio eintrat. Nachdenklich schaute er den Centurio an und erwiderte den zackigen Gruß mit einem leichten Nicken. "Salve, Centurio." Ja, das war tatsächlich eine wissenswerte Neuigkeit. "Nun, er wird Erholung sicher nötig haben. Hattest Du schon Gelegenheit, Deinen Verwandten zu begrüßen?" War Serapio nicht der... hm, Neffe von Livianus?“Ja Praefectus, aber nur ganz kurz.”, antwortete ich mit leuchtenden Augen. ”Ich weiss also noch nichts über die genaueren Umstände.”
Die Freude machte mich redselig. ”Es ist wie ein Wunder, ihn nach all der Zeit wohlbehalten wiederzusehen. Er ist ja mein Onkel, und er war mein Legat, und ich danke allen Göttern dafür, dass sie ihn am Ende doch in die Heimat zurückgeführt haben.” -
”Ja! Die Götter sind endlich wieder mit unserer Familie!” Ich nickte euphorisch. ”Und Du musst uns allen später unbedingt noch von eurer Reise erzählen!” Mein Onkel Mattiacus wirkte gar nicht so abenteuerlich, aber er war schon wirklich weit rumgekommen, und er konnte tolle Geschichten erzählen!
”Aber jetzt gibt es eine Menge zu tun, komm, wir müssen alles vorbereiten, und natürlich die ganze Familie einladen... ” Mit diesem Worten stürzte ich mich wieder in die Aktivität, ging, nein, schwebte durch den Garten, um den Rest der Blumen bei der Diana-Laube loszuwerden. -
[Blockierte Grafik: http://img165.imageshack.us/img165/3010/princepspriorgargoniusrl1.jpg] | Princeps Prior M. Gargonius Marsus
”So.” Schreiber. Schon wieder so ein Intellektueller. ”Irgendwelche Krankheiten? Geistesschwäche? Bei dir oder in der Familie?”
Gargonius notierte, dann schob er dem Anwärter brüsk eine Tabula über den Tisch, auf der die Fragen des Aufnahmetests vermerkt waren, dazu einen Stylus, und kommandierte:
”Setzen, Fragen beantworten!” -
[Blockierte Grafik: http://img165.imageshack.us/img165/3010/princepspriorgargoniusrl1.jpg] | Princeps Prior M. Gargonius Marsus
Heimat, Ehre, Imperator, 'Ich leiste meinen Beitrag!'... - ”Das sagen sie alle.”, kommentierte Gargonius mürrisch. Auf die Jugend von heute gab er keinen Pfifferling. Den Stylus in der Linken, ritzte er recht mühsam Buchstaben für Buchstaben in das Wachs, sah dann wieder auf und fixierte den Anwärter inquisitorisch. Ein saurer Geruch lag im Atem des Princeps Prior - die Ausdünstung billigen Weins.
”24? Was hast du bisher getrieben? Was ist dein Beruf? Und - sag die Wahrheit, Tiro, wir finden es sowieso raus, und dann wirst du dir wünschen nie geboren zu sein - hast du jemals gegen das Gesetz verstossen?! Eine Straftat begangen? Dich eines Verbrechens schuldig gemacht?” -
”Er ist in die Politik gegangen”, begann ich zu erzählen, was ich so von meinem früheren Centurio mitbekommen hatte, ”und wurde zum Vigintivir gewählt. Ich war bei den Spielen, die er zum Wahlkampf veranstaltet hat, die waren wirklich gut gemacht. Vor allem ist da so eine wilde Amazone aufgetreten, ich kann Dir sagen, die hatte Kampfgeist!” Ich erhob mich, kramte in einer Kiste, und zeigte dann Licinus den Becher, den ich mir von dort als Souvenir mitgenommen hatte. Wählt M'. Flavius Gracchus und M. Flavius Aristides! , war dort eingebrannt.
”Die haben wirklich in die Vollen gegriffen. Sogar einen Pudelkampf gab es. Und eine grosse Verlosung...” Nur nicht an Hannibal denken... dort auf der Tribüne... einfach nicht dran denken. Ich setzte ein schiefes Grinsen auf und erzählte trocken: ”Ich hab auch was gewonnen, ein romantisches Treffen mit der Hetäre Euphrosyne, sehr exclusiv. Ja, bei sowas hab ich immer Glück... - Seit den Spielen habe ich Flavius aber nicht mehr gesehen. Ich schätze, er wird wohl bald Senator sein.”Da Licinus keine Einwände hatte, trug ich Ziaar auf: ~”Also, kauf frischen Thunfisch und Artischocken, und, ähm, Knoblauch und Petersilie. Und Garum und Pomeranzen.”~ Die Namen der Kräuter kannte ich allerdings nicht auf Griechisch, also gab ich ihm ausser einem Beutel mit Sesterzen auch eine Einkaufsliste mit, auf eine Wachstafel geritzt, die konnte er ja dann beim Händler vorzeigen. ”~Na los!~ Age!”
Licinus hatte recht, es war viel passiert seitdem... Nur CU? Nur CU?!
”Hey!”, fuhr ich auf ”Hast du noch nie von den hochelitären Stammeinheiten gehört, die die grosse Ehre haben, hier im Herzen des Imperiums Dienst zu tun, anstatt in so einem götterverlassenen Kaff wie Mantua Steine zu klopfen! Ich glaubs nicht! Ne, und so was nennt sich Centurio!” Ich schüttelte breit grinsend den Kopf, Licinus würde mir diese Kabbelei hoffentlich ebensowenig übel nehmen wie ich ihm.
Über das Lob für Vestinus dagegen freute ich mich sehr. ”Das ist gut zu hören!” Licinus war ja eher nüchtern von seiner Art her, da war ‘ganz ordentlich’ schon eine richtige Auszeichnung. Meine nächste Frage erschreckte ihn offenbar, ich klopfte ihm freundlich auf den Rücken bis der Hustenanfall vorbei war. ”Hätte auch nichts anderes gedacht. - Mhm, ist vernünftig... Ja... da kann’s einem echt dreckig gehen. Weisst Du, neulich hab ich an den Tibertreppen einen Krüppel gesehn, der da gebettelt hat, und ich glaube ich hab ihn wiedererkannt, das war ein Kamerad aus der zweiten Cohorte gewesen, ich hatte mal in Zeugma mit ihm zu tun... wenn ich mich recht erinnere. Naja, er hat sich dann so weggedreht, als ob er nicht erkannt werden wollte.”
Im Nachhinein dachte ich natürlich, dass ich ihn trotzdem hätte ansprechen sollen, aber in dem Moment war ich einfach weitergegangen. Bedrückt stellte ich meinen Becher zur Seite, brach mir ein Stück Brot ab und tunkte es in das Olivenöl.
”Hast Du es eigentlich... jemals bereut?”, fragte ich dann nachdenklich, und wies dabei mit dem Brot in Richtung des Teils der Castra, in dem die Garde ihre Quartiere hatte. ”...die Entscheidung damals.”