Cimon nickte nur und gab Phaeneas damit recht. Ja, recht hatte er in jedem Fall, auch wenn das, was aus seiner Folgerung resultierte, alles andere als schön war. Nämlich ein Leben in Einsamkeit ... Aber das Schicksal fragte einen schließlich nicht, fragte nicht, ob einem das recht war ...
„Singen?“, wiederholte der Bithynier. „Sang deine Mutter oft?“ Was der andere sagte, kam ihm bekannt vor, auch wenn es bei ihm nicht allein seine Mutter war. Er gab nichts auf materielle Dinge, denn wenn man die einmal verloren hatte, waren sie weg, unwiederbringlich weg. An Menschen, mit denen man Schönes erlebt hatte, konnte man sich dagegen in jeder noch so widrigen, einsamen Situation erinnern und die Erinnerungen wärmten einem das Herz.
„Lebt ... lebt sie wohl immer noch?“, fragte der Bithynier mit zugeschnürtem Hals. Zu viele Gedanken, Erinnerungen, Empfindungen waren nun in ihm, als dass er noch Cimons momentan fröhliche Art hätte erwidern können. Zudem wollte Phaeneas sich auf das konzentrieren, worüber sie redeten, denn auch wenn er selbst gerade nicht viel erzählte, wollte er im Augenblick nichts mehr als zuhören.
Was der aurelische Sklave dann nach einer Pause aussprach, ließ Phaeneas‘ Herz gefühltermaßen für einen Moment stillstehen. Mit einer solchen Eröffnung hatte er kein bisschen gerechnet, eigentlich hatte er schließlich auf etwas ganz anderes hinausgewollt. Seine Augen waren längst starr geworden, zu sehr beschäftigte ihn das, was er hörte. „Nun ... dann, dann kann deine Mutter wahrscheinlich wirklich nicht sicher gewusst haben, wer dein Vater war ...“
Cimons Blick erwiderte er fest und ließ ihn wieder in Ruhe bedenken. „Erziehung?“, wiederholte er wieder, mehr für sich. Schmerz hatte man in Phaeneas‘ Vergangenheit Strafe genannt und Strafe war als Teil der ewig währenden Erziehung eines Sklaven bezeichnet worden. Zu recht? Warum betonte Cimon das so? Als er von Atonis‘ Tod erzählte, schüttelte der Bithynier den Kopf. „Es ist nicht Pflicht eines Sklaven, um seinen Herrn zu trauern. Bei so gut wie keinem von denen, denen ich bisher gehört habe, hätte ich das getan.“ Jetzt war seine Stimme wieder fest, bestimmt, so wie man das von Phaeneas kannte, wenn er von Pflicht sprach.
Was Cimon als seine Aufgaben aufzählte, war nichts ... na ja, nichts außergewöhnliches. Das, was jeder durchschnittliche Unfreie mindestens einmal im Leben erledigen musste. Kostbare Haut? Etwas irritiert sah er nun aus.
„Du hast ihn belauscht???“, fragte er dann ziemlich ungläubig. Niemals hätte er so etwas gewagt und niemals, da war er sich sicher, hätte er so etwas unbeobachtet und dementsprechend straflos hinbekommen.
„Ich glaube, das war auch gut so ...“, war Phaeneas‘ Fazit zu der Sache mit dem Fernhalten. Er hätte es genauso getan. Hatte es, wann immer er konnte.
Cimons Furcht blickte in des Bithyniers verstörte Augen, der Angst niemals so leicht offen zeigte, sie in sich verschloss, in eine enge Ecke drängte.
Es überraschte ihn dann etwas, als der andere so gar nichts zu seinen Darlegungen sagte und stattdessen zu seinen Belangen in dieser Hinsicht überging. Auch weckte es Besorgnis in ihm, als Cimon viele, seeehr persönliche Frage stellte. Die zu beantworten er eigentlich nicht durchweg gewillt war. Entsprechend langsam raffte er sich auf zu reden. Nur die Augen des aurelischen Sklaven ließen ihn an die gute Absicht hinter diesen seinen Worten glauben. Was sein Misstrauen aber nicht schrumpfen ließ.
Konnte die Schrift warten? , das war die dringendste Frage, die sich Phaeneas aufdrängte, während er das Blut in seinen Ohren rauschen hörte.
„Nein, tue ich nicht“, antwortete er, etwas gedehnt. „Ich bete nicht, auch wenn ich genug Auswahl hätte, zu wem. Ich opfere nicht, ich bitte nicht, ich hoffe nicht.“ An dieser Stelle kam besonders gut zur Geltung, wie kühl seine Stimme oft war. Dann versuchte er seine Faszination für die Textstelle darzulegen. „In der Schrift ist ja beschrieben, welchen übertriebenen Befürchtungen sich manche Leute aussetzen, ihres Glaubens wegen. Und viele scheinen zu glauben, sie könnten die Götter auf so einfache Weise gnädig stimmen, indem sie bestimmten festgelegten Ritualen folgen – ohne sich dabei auch nur annähernd Gedanken zu machen. Für viele scheinen jegliche Götter nur noch eine festgeschriebene Funktion zu haben, die eine bestimmte Auswirkung auf ihr Leben hat – ein fester Teil ihres Lebens sozusagen. Und das Ganze nimmt dann noch schier unglaubliche Auswüchse an! Ich kann mit dieser Art des Glaubens nichts anfangen“, schloss der Bithynier.
„Wie kann man etwas nicht mögen und sich gleichzeitig dabei wohlfühlen?“, fragte er dann stirnrunzelnd.
Insgesamt hatte er nun nur Dinge preisgegeben, die er vor jedem hätte verantworten können, ganz gleich wie vertrauensunwürdig derjenige wäre.
Beiträge von Phaeneas
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Wie gesagt, solche Katastrophen drohten kein bisschen und Lucianus wendete auch nur den geringsten Schatten von so etwas ab, als er jetzt sprach.
Zum einen war durch Italia zu reisen für Phaeneas nichts neues, ungewöhnliches, nichts was sein Leben oder seine Vorstellung davon irgendwie durcheinander bringen könnte.
Und zum anderen betonte er, dass er nicht alleine aufbrechen würde, seinen Leibsklaven in Rom zurücklassend, sondern dass Phaeneas ganz selbstverständlicher Teil dieser neuen Aufgabe sein würde.
Deshalb sagte der Bithynier nur, mehr oder minder schulterzuckend: „Ja, gut. Wann brechen wir auf?“ Das war sozusagen alles, was Phaeneas in dieser Sache noch als offen empfand. -
Wann immer Phaeneas diese Stimme hörte, wurde ihm leicht ums Herz, und wann immer er mit der Person zu tun hatte, zu der sie gehörte, entstand in ihm so etwas wie ein ausgewogenes, angenehmes Wohlbefinden, ein Gefühl, als wäre alles in Ordnung – oder würde es zumindest noch eine Zeit lang so bleiben.
Sich nur einen Tag ohne diese Stimme und diese Person vorzustellen, war für den Bithynier komplett unmöglich und musste unweigerlich darin enden, dass dieses Gefühl der Ausgewogenheit aus ihm herausgerissen würde und sich Leere und wirre Empfindungen in ihm ausbreiten würden. So wie vor Lucianus‘ Zeit eben.Aber dergleichen Katastrophenszenarien standen schließlich kein bisschen ins Haus, die Stimme rief ja und entfernte sich nicht und Phaeneas folgte ihr in Lucianus‘ Arbeitszimmer.
„Lucianus“, sprach er freudig den an, den er da wie zu erwarten vorfand. „Was gibt es?“ -
„Das kommt darauf an, in welcher Gesellschaftsschicht man sich bewegt bzw. in welche Kreise man gelangen will. In ... einfacheren Kreisen kann man auch mit entsprechend weniger rhetorischer Bildung bestehen. Wenn man Karriere machen will, dann hast du recht, dann braucht man einen Lehrer und Fleiß und Ehrgeiz und alles, was dazu gehört.“ Auf Sermos in der Tat sehr anschauliche Schlussbemerkung ging Phaeneas nicht ein, denn die fiel seiner Differenzierung zum Opfer.
„Na ja, das kam jeweils darauf an, auf meine Position im jeweiligen Haushalt und auf die Großzügigkeit des Herrn. Aus Städten herausgekommen bin ich natürlich meistens nur bei einem Aufbruch in eine andere Stadt. Und zum einen gibt es Aufgaben, die bedingen es, das Haus zu verlassen, und dabei sieht man eben ganz automatisch. Zum anderen gehören für manche Herrschaften Haussklaven ganz klar ins Haus. Aber manche gewährend ihren Sklaven ganz selbstverständlich Ausgang – wenn es sich denn mit den eigenen Pflichten verträgt. Weil sie wissen, dass ihre Sklaven wieder zu ihnen zurückgehen. Mal habe ich von den Städten also viel gesehen, mal gar nichts.“Phaeneas rechnete ja mit wirklich allem, wenn er mit anderen – erst recht Freien – zu tun hatte, aber das war so ziemlich das Verrückteste, was man ihm je erzählt hatte. Noch immer konnte er nicht fassen, was Sermo ihm da gerade eben allen Ernstes eröffnet hatte.
Entsprechend überrascht war der Bithynier auch, dass sein Gegenüber auf seine Reaktion auf dessen höchsteigene Äußerung hin so sprachlos zurückblieb. Als der sich auch noch so plötzlich bewegte und mit dem Zeigefinger auf Phaeneas deutete, erschrak der launen- und missfallensgewöhnte Sklave innerlich. Doch dann kam doch nicht, was Sermo eigentlich spontan hatte tun wollen – was auch immer es gewesen wäre. Der Bithynier war ziemlich überfordert, mit dem sichtlich mitgenommenen, hin- und hergerissenen Mann vor ihm. Er hatte absolut keine Ahnung, was er davon halten sollte.
Heftige Reaktionen bedeuteten Unbeherrschtheit und Unbeherrschtheit bedeutete Schwäche. Das war die lebens- und gesundheitsrettendste Lektion, die ein Sklave lernen musste. Und das war das einzige, was Phaeneas dazu einfiel. Aber das nützte ihm hier momentan nichts.
Hörbar vorsichtiger ging er auf Sermos Fragestellung ein: „Ich weiß es nicht, warum sich jemand keine Haussklaven zulegt, erst recht nicht, wenn er ein Ritter ist und dementsprechend das Geld dazu hat. Ich kenne niemanden in bzw. über deinem Stand, der auf die Hilfe von Dienern verzichten wollen würde. Sklaven bringen doch nur Vorteile – wenn man sie unterhalten kann – und absolut gar keine Nachteile. Auf Reisen kann man sie mitnehmen, man kann sie zu Hause abstellen, man muss keine Rücksicht nehmen, sie binden nicht in irgendeiner Form. Es gibt doch nichts unkomplizierteres als Unfreie. Ich habe wirklich nicht den Schimmer einer Ahnung, warum du keine Haussklaven besitzt.“
Besonders wohl war Phaeneas bei der Aussicht darauf, was dieser Teil des Gesprächs wohl noch bringen mochte, nicht. Wenn Sermo jetzt schon kaum gewusst hatte, wie er reagieren sollte, dann bestand die Gefahr, dass sich das in naher Zukunft auch nicht ändern würde. Nichts hatte der Bithynier mehr fürchten gelernt, als die Gegenwart von innerlich aufgewühlten und in Folge dessen unkontrollierten Leuten.Entsprechend schwer fiel es ihm im Moment zu essen. Eine unklare Situation erforderte seine ganze Aufmerksamkeit und Konzentration und Essbares lenkte da nur ab. Außerdem schien sich bei akuter Sorge im Bauch sogar die Kaumuskulatur zu weigern, etwas in den Magen zu befördern. Deutlich zu gut erinnerte sich der Bithynier an die vor Jahren mit Gelassenheit erfolgte großzügige Aufforderung, sich die Trauben schmecken zu lassen, seine Unfähigkeit dazu sowie die Schwierigkeit, sie überhaupt hinunterzubringen. Wenn man die Maus in der Falle war, hatte man auch vom köstlichsten Speckduft nichts mehr.
Trotzdem versuchte er, sich nichts anmerken zu lassen.
„Wieso?“, erwiderte er auf Sermos Kommentar zur geschwürartigen Faulheit. „Früher war doch alles anders – besser, zumindest wenn du dir die Schwärmreien über die Vorfahren anhörst.“ Es war mehr eine satirische Bemerkung.
„Du scheinst zu haben, was anderen fehlt, nämlich Ehrgeiz. Vielen Senatorensöhnen zumindest scheint es nicht darum zu gehen, es zu etwas zu bringen, als vielmehr ihr Leben zu genießen. Na ja, ich kann es irgendwo verstehen, warum sich nicht auf seinem Reichtum ausruhen, wenn man ohnehin schon mehr hat, als die meisten je erträumen können. Die paar Herausforderungen, die da noch bleiben, kann man auch ruhig auf später aufschieben - oder ganz sein lassen.“ So ging der Sklave weiterhin auf das von Sermo hinter ihm gelassene Thema ein.
Es wirkte jovial, wie der andere lächelte, als er Phaeneas direkt in seinen Worten erwähnte. Deshalb ließ der sich nur auf die Sache mit den Parzen ein: „In der Tat. Das sind sie ...“ Schließlich konnte sich der Bithynier kein bisschen auch nur annähernd erklären, warum es ihm – seit er Lucianus gehörte – so gut ging. Eigentlich durfte es laut seinem eigenen Weltbild nicht sein. Nicht für so lange Zeit. -
Auf Sichtweite mit seinen Herrschaften war Phaeneas dem Zug gefolgt, hatte über die (meistens schlecht gedichteten) Sprüche innerlich nur die Augen verdrehen können und es ansonsten insgesamt ziemlich unspektakulär gefunden – aber den Bithynier unterhielt schließlich so gut wie nie etwas. Dass Cimon nun eine gute Gesellschaft gewesen wäre, daran wollte er nicht denken – schließlich hatte er nur zweimal mit ihm zu tun gehabt und nach zweimal schon nach jemandes Gegenwart zu verlangen, würde eine absolut inakzeptable Abhängigkeit bedeuten, und Phaeneas vermied jegliche Abhängigkeiten.
Im Atrium versuchte er sich wiederum abseits zu halten, zum einen um nicht im Weg umzugehen, wie sich das für einen Sklaven gehörte, im Moment vor allem aber um sich selbst das Miterleben der Feier in großen Teilen zu ersparen.
Demnächst standen ja auch wieder die Saturnalien ins Haus, da würde das Gleiche wieder von vorne losgehen. Man sagte ja generell, das Fest des Saturn wäre die einzige Möglichkeit im Jahr für Sklaven, ihre Meinung zu sagen und zu tun, was sie wollten. Für Phaeneas bedeutete es, weniger zu tun, was er wollte, als das ganze restliche Jahr über. Lächeln und winken. Lächeln und winken. Auch wenn einem gar nicht danach war. -
Phaeneas sah Cimon an, wie dessen Antwort ausfallen würde, und jetzt, wo ihm diese Möglichkeit erstmals in den Sinn gekommen war, überraschte es ihn auch nicht mehr sonderlich.
Was ihr Alter anbelangte, konnte er dem aurelischen Sklaven nur nickend zustimmen, es war nicht wichtig. Auch wenn er den letzten Teil kindungeeignet wahrscheinlich eher so formuliert hätte, dass man sich das Leben gegenseitig nicht unnötig schwer machen sollte. Mensch. Was interessierte diese Welt schon ein Mensch? Das interessierte nur die Philosophen und da auch nur die stoischen. Aber für das Mädchen war es in jedem Fall schön und verständlich gesagt. Soweit Phaeneas das beurteilen konnte (also eigentlich gar nicht).
Als Cimon ihm also nun „absagte“, nickte der Bithynier nur. „Kein Problem, Cimon. Das verstehe ich. Bring nur gut Marei zu Bett.“ Damit blickte er noch einmal auf das Mädchen, auch wenn er dabei (was ihm natürlich nicht auffiel) etwas über sie hinwegsprach.
„Danke noch für den Saft und den Käse und das Brot.“ Jetzt erschien auf seinen Lippen ein Lächeln. „Valete, ihr zwei, gute Nacht.“
Dass Cimon und er nun noch eine ausstehende Verabredung im Garten hatten, sagte Phaeneas natürlich nicht.
Dann verließ er eilends die Küche und die Villa Aurelia, um sich dem Zug anzuschließen. -
Sobald Lucianus und der Aurelier zu sprechen begannen, war Phaeneas auch schon damit beschäftigt, den anderen Sklaven zu signalisieren, dezent die Leute von den beiden wegzuhalten, damit niemand Uneingeweihter zuhören konnte. Nur aus den Augenwinkeln bekam er Cimons Nicken und die entsprechenden Handbewegungen mit, die letzten Endes doch ein beruhigtes Gefühl in dem Bithynier zurückließen – auch wenn es in dieser Situation natürlich nie auch nur annähernd eine Alternative für sie beide gegeben hätte!
So konzentrierte er sich auf die Besprechung und deren politischen Inhalt.
Aber auch jede noch so wichtige Unterhaltung war irgendwann einmal beendet und das bedeutete für Cimon, zusammen mit seinem Herrn die Villa Vinicia zu verlassen. Der Moment nach beziehungsweise vor einem Klientengespräch brachte für den mitschreibenden Phaeneas immer eine Pause mit sich und in genau dieser konnte er aufschauen, zu Cimon. Der ebenfalls zu ihm hersah und nickte. Mit einem Lächeln hob der Bithynier den Saturnalien-Stilus wie zum Gruß und folgte dem aurelischen Sklaven noch mit Blicken, bis sich der nächste Klient an Lucianus wandte und ihn mit Dank, Unterwürfigkeit und Bitten überhäufte. -
Sobald der Hausherr sich zu seinen Gästen begeben hatte, wurde den Lagernden Wasser zum Händewaschen gereicht sowie anschließend ein Handtuch zum Abtrocknen. Genauso schenkten Sklaven ihnen ein, in jeweils dem Wein-Wasser-Verhältnis, wie jeder es mochte.
Mehr oder minder zeitgleich wiesen Lucianus und Phaeneas die anderen Unfreien an, die Gustatio aufzutragen. Es dauerte nur wenige Momente, bis das silberne Repositorium, in dem die verschienen Vorspeisen transportfähig beieinander standen, im Raum war und die flachen Schüsseln (befüllt mit Eiern, Salaten und verschiedensten Kleinigkeiten) auf weiteren Tischen abgestellt wurden. Von dort aus wurde den Tellern Inhalt beigegeben und an die Herrschaften weitergereicht. Als Aperitif zur Promulsis gab es ... oh, Wunder ... Mulsum, Honigwein.
All das beobachtete Phaeneas aus etwas Abstand, selbst momentan nicht aktiv in die Vorgänge eingebunden. Er brauchte nur zuzuschauen. -
Nicht über alles redete man gern. Ja, oft gefiel es Phaeneas auf eine undefinierbare Art und Weise mit unbewegter Miene und ausdrucksloser Stimme Episoden aus seinem Leben zu erzählen, vollkommen unkommentiert natürlich; einfach nur sachlich nüchtern zu sagen, was gewesen war. Aber einiges verschwieg man lieber und über so manches senkte der Bithynier scheinbar ewiges Vergessen, als wäre es längst aus seinem Gedächtnis getilgt. Dabei war genau das unvergesslich.
Das Mädchen bekam also auch etwas zu essen. Während des Erziehungsgesprächs widmete sich Phaeneas seinerseits dem Brot und dem Käse. Nach einem Ei verlangte es ihn nicht. Aber Mareis Fixierung darauf war unterhaltsam anzuschauen. Insgesamt erschien sie im Moment sehr vernünftigt – wenn der vinicische Sklave daran dachte, wie Menyllus sich oft gegen das Bettgehen wehrte.
Was sie aber erzählte, beunruhigte Phaeneas prompt. Herrje, daran hätte er denken müssen – die Küche war tatsächlich so ruhig, dass man gar nichts mehr von außen mitbekam. Marei sei Dank war sie noch rechtzeitig gekommen. „Ja, das war der Aufbruch zum Brautzug mit dem Brautraub als Einleitung. Dann müssen wir sofort los!“ Und schon stand er auf und ließ von der Verpflegung ab, mit der Cimon ihn versorgt hatte. Nur der aurelische Sklave saß da so fest und unbewegt an seinem Platz, dass der Bithynier in seiner Überzeugung, die sich während des Redens und Essens wie von selbst bei ihm gefestigt hatte, verunsichert wurde: „Ähm, du kommst doch auch mit zur Villa Tiberia, Cimon? ... als Begleitung für deinen Herrn ... ?“ So wie eben bei der Salutatio in der Villa Vinicia. Dass es nicht so sein könnte, daran hatte er bisher noch gar keinen Gedanken verschwendet.Schon wieder kam ein „Ähm.“ über Phaeneas‘ Lippen (heute war er wirklich absolut gar nicht eloquent), diesmal in diesem Zusammenhang: „Ähm, nein, Marei. Ich meinte, dass Cimon älter ist als du und du deshalb auf ihn hören solltest.“ Einen Blick warf er zu dem anderen (Erwachsenen) und fügte an: „Ich weiß gar nicht, wer von uns älter ist ...“ Problematiken konnte so ein kleines Mädchen aufwerfen, das ahnte man gar nicht, bis man ungefähr so zwischen 26 und 30 war und es erfuhr.
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Ein Teil von Phaeneas wollte schön finden, was er da sah und hörte, aber ein anderer Teil wehrte sich gegen jegliche Form von Tröstung und sei sie noch so konstruktiv. „Manchmal kann man aber nicht anders“, wandte er ein. „Das heißt ... meistens. Gerade wenn andere nämlich nicht gewillt sind, sich sinnvoll in der Welt einzubringen, sondern in ihrem eigenen, elitären Kosmos leben. Die nicht dankbar sind und es um so weniger gut mit anderen – die ihre Umgebung ausmachen – meinen. Dann ist es Selbstschutz, sich nicht mit solchen Leuten abzugeben, bevor sie einem nur Kummer bereiten.“
Auf das Nicken des aurelischen Sklaven schüttelte der Bithynier nur den Kopf.
„Wieso ... bei deiner Mutter?“, fragte Phaeneas.So wie Cimon aussah, musste man ihn wohl nur anpieksen und er würde wieder in Lachen ausbrechen. Deshalb schaffte es der Bithynier auch nur zurückzugrinsen.
Phaeneas ließ ihm die Zeit, die er brauchte. Viele Dinge ließen sich nicht gleich auf Anhieb formulieren und – es war sinnvoll nur zu reden, wenn man auch etwas zu sagen hatte.
„Ich war nie dort, aber ich bin Bithynier“, meinte er zu Cimons Ausführungen. „Es ist auch für mich das einzige, was ich von meinen Eltern habe, meine Herkunft und meinen Namen. Phaeneas.“ Er liebte seinen Namen.
Kunden ... Oje, er verstand. Allein die Vorstellung, seine Mutter hätte ähnlicher Profession nachgehen müssen, war für Phaeneas unerträgliche Qual. Seine heißgeliebte Mutter. Die seinen Vater geliebt hatte. Und von ihm geliebt worden war. Und die nach der vom Herrn angeordneten Trennung keinen anderen Mann mehr angesehen hatte - ihr Sohn war dann der Mann ihres Lebens geworden. Diese stolze, wundervolle Frau, voller Kraft und Stärke, die nachwievor leuchtender Stern in seinem Leben war. Niemals hätte er sie so benutzt und beschmutzt sehen wollen. Seine Mutter.
„Hast du Geschwister?“, erkundigte sich Phaeneas nur zu den Zweifeln des anderen.
Dann die Geschichte vom niedergeschlagenen Freier. Auch diese Erzählung fand eine dafür empfängliche Stelle in dem bithynischen Sklaven. Nie hatte er herausfinden können, warum sein Vater dessen kleine Familie hatte verlassen müssen. Seine Mutter hätte es ihm nie erzählt und Phaeneas hätte nie gewagt zu fragen. Das hatte sie von ihm erbeten, keine Fragen zu diffizilen Themen ihres Lebens zu stellen. Aber ein Gerücht, das der kleine Phaeneas auffangen hatte können, war gewesen, er hätte seine Frau und sein Kind schützen wollen ... Hätte damit etwas getan, was ein Sklave nie durfte, was ein absolutes Sakrileg für jeden überzeugten Unfreien war, der nur ein bisschen Pflichtbewusstsein im Leib hatte. Kurz gesagt, sein Vater, der ihm von seiner Mutter als das Idealbild an (sklavischer) Tugend angepriesen worden war, hatte vielleicht etwas getan, was ein guter Sklave laut Phaeneas‘ Mutter niemals tun würde.
Aber all das kam ihm im Gegensatz zu Cimon nicht über die Lippen.
„Was folgte dann? Atonis? Und ...“, fügte der Bithynier hinzu, „ ... was hast du für den Herrn deiner Mutter gearbeitet?“
Was der aurelische Sklave erzählte, war dem so ähnlich, was Phaeneas seinerseits erlebt hatte. Auch wenn er nicht schuld daran war, dass seine Mutter von ihm weggehen hatte müssen. Abschied ... schemenhafte, in Dunkelheit ertränkte Bilder stiegen in seinem Geiste auf. Nach Strahlen war ihm gerade eher gar nicht, denn im Gegensatz zu Cimon machten es ihm die Erzählungen nicht leichter, sondern berührten ihn tief und zwar dort, wo notdürftig verarztete Wunden nicht heilen wollten. So übersah er auch die neugierigen Augen des anderen. Dafür war er zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Mit seinem Innenleben.Als Cimon sich dann in die Schrift vertiefte, betrachtete Phaeneas ihn mit wachen Augen. Seine eigene Begeisterung für diese Textstelle stand außer Frage, jedes Mal wieder, wenn er sie las, war er hingerissen – aber ganz unprovokant war sie nicht gerade. Was der aurelische Sklave wohl dazu sagen würde? Anzusehen war ihm jedenfalls nur, dass er von Plinius‘ Worten gebannt war.
„Na ja, eine Kritik am Aberglauben vieler Menschen ist es in jedem Fall“, versuchte der Bithynier es harmlos auszudrücken – und redete damit ein bisschen außen herum. „Du hast den Sinn des Textes erfasst, Cimon, das ist nämlich die Hauptaussage der bisherigen Stelle. Dass man nichts wissen kann über das Wesen und den Willen der Götter, zumindest nichts konkretes. Dass wir nur auf Vermutungen angewiesen sind und deshalb keine krampfhafte Angst vor dem Göttlichen haben und uns nicht in unzumutbarer Weise unnötig einengen sollten.
Plinius hält es für in Ordnung und berechtigt, zu beten, doch brauchst du es nicht aus panischer Furcht heraus zu tun, um irgendwelche möglicherweise zürnenden Götter zu besänftigen.“ Hoffentlich textete er Cimon, vor lauter Liebe zu sachlichen Vorträgen, nicht zu sehr zu ...
Dann bat er Phaeneas, laut weiterzulesen. Worauf der etwas verlegen wurde. Was die Dinge anbelangte, die er als Sklave tun sollte, hatte er gelernt, möglichst nichts zu zeigen, was er nicht voll und ganz beherrschte. Ihm selbst war es komplett egal, ob er etwas konnte oder nicht, ob er sich blamierte oder nicht – aber die eingeübte sklavische Alarmglocke, die ihn stets vor gefährlichen Situationen warnen sollte, schrillte. „Ähm, na ja, wie ich gesagt habe, ich lese erst seit kurzem und dementsprechend ‚gut‘ tue ich es“, gestand der Bithynier. „Also, wenn ich vorlese, dann geht das ziemlich langsam und stockend und teilweise geht der Zusammenhang verloren, wegen tausender Pausen, in denen ich den Sinn des Satzteiles vor mir zusammensuchen muss ...“ Deswegen hatte er sich die Naturkunde ja mit hierher genommen, um die Zeit dazu zu nutzen, vorlesen zu üben. -
Dass seine Frage eine solche Reaktion auslösen würde, hatte Phaeneas nicht erwartet. Auf Erkundigungen nach seinem/n früheren Alltagsleben antwortete der Bithynier selbst tendenziell eher gleichmütig. Nur die Erinnerung ... an einen einzigen Herrn schaffte es, ihm den neutralen Ausdruck vergleichbar aus dem Gesicht zu wischen wie gerade eben bei Cimon.
Ein ‚Lehrern?‘ lag Phaeneas schon auf der Zunge, doch die Bitte des aurelischen Sklaven ließ ihn sie zurückhalten. Wünsche anderer sollte man respektieren, würde doch der Lucian’sche Leibsklave selbst das gleiche wollen. Wenn es um so eine Thematik ging.
So nickte er nur. „Gut, Cimon.“Sofort half Cimon dem kleinen Mädchen, kümmerte sich um sie, überschüttete sie mit zwar strengen, doch fürsorglichen Anweisungen. Wie ... wie ein Vater, so nahm er sich prompt ihrer an.
Das war auch nötig, denn laut Mareis Ausführungen war sie von den Erwachsenen dieses Hauses für diesen Abend wirklich schwerlich vernachlässigt worden, wenn sie noch nichts zu essen bekommen hatte und nicht ins Bett gebracht worden war.
„Sie ist weggegangen?“, wiederholte Phaeneas. „Ach ja, genau, der Brautzug zur Villa Tiberia“, erinnerte er sich dann. „Herrschte allgemeine Aufbruchstimmung, Marei?“Die sehr lebendige Mimik des Mädchens war absolut sehenswert; und dann traf ihr Blick wieder Phaeneas. Auf ihre Bemerkung hin musste er kurz lachen. Typische Kinderlogik. „Ja“, nickte er schmunzelnd und fügte an: „Ich frage ihn, weil Cimon der Gastgeber ist, und du fragst ihn, weil er der Ältere ist.“ Bei diesen Worten nahm er noch einmal einen Schluck Saft.
Cimons entschuldigenden Gesichtsausdruck beantwortete der Bithynier mit einem optimistisch gehaltenen Nicken. -
Am Rande bekam Phaeneas mit, wie Cimon an den Tabulae herumrichtete. Herrje, kein Sklave konnte wohl wirklich dauerhaft aus seiner Haut; sobald es wieder um Lucianus‘ Sachen ging, würde der Leibsklave es genauso machen.
Immer noch war es für ihn ungewohnt, in jemandes Lächeln zu blicken, wenn er gerade wieder in Zynismus und Schwermut verfiel - anders konnte er nicht mit den Gegebenheiten der Welt umgehen, diese Haltung war das einzige, was ihm in Hinblick auf die Unschönheiten der Welt Trost gab, ohne an der eigenen Hilflosigkeit und Ausgeliefertheit ersticken zu müssen. Doch nun saß da Cimon und versuchte diese, Phaeneas‘ düstere Gedanken zu vertreiben. Er wusste nicht recht, ob er dafür dankbar sein sollte. Nachdenklich, ohne jede Wertung, fragte er nach: „Wie meinst du das?“
Ein leicht resignierendes Seufzen folgte auf des aurelischen Sklaven Worte. Das war ja klar gewesen. Wahrscheinlich würde er nie, nie etwas über das Herkunftsland seiner Eltern erfahren. „Trotzdem danke, Cimon“, bemühte sich Phaeneas um ein halbherziges Lächeln.
„Weniger belesen? Das glaube ich kaum. Schau, Cimon“, erklärte der Bithynier, „ich lese erst seit kurzem. Davor hatte ich von Lesen und Schreiben keine Ahnung. Und bisher kenne ich nur die kurzen Texte, die mein Lehrer in Germania mir gegeben hat – und den Teil der ‚Naturkunde‘, mit der ich mich seither befasse. Es ist meine erste Lektüre, meine allererste.“ Wie es dementsprechend um ihn stand, wenn es ums laute Vorlesen ging, verschwieg er.
Auf Cimons Begeisterung und den ersten Teil seiner Bemerkung hin musste Phaeneas kurz lachen. Der andere war bei allem so dankbar und konnte sich so spontan freuen, wie der Bithynier es von sich selbst (und er war schließlich die meiste Zeit seines Lebens seine einzige Gesellschaft gewesen) kaum kannte. Bei ihm selbst lief seine Stimmung meist gleichförmig dahin, ohne Höhen und ohne Tiefen (oder zumindest versuchte er letzt Genannte gering zu halten), neutral und immer fest am Boden der Tatsachen.
„Nein nein“, beeilte sich Phaeneas nach Cimons Warnung zu sagen, „frag nur nach, wenn dir danach ist! Die meisten Dinge versteht man erst, wenn man eine Zeit lang darüber nachgedacht oder darüber geredet hat. Es wird für uns beide für das Verständnis des Werkes gut sein.“ Aber wieder spielte des anderen früherer Herr dabei eine Rolle. Hm, vielleicht war es schlecht, zu sehr auf einen Herrn und dessen Ansprüche fixiert zu sein? Phaeneas selbst jedenfalls hatte erfahren, dass letzten Endes jeder wieder andere Wünsche hatte und sich dementsprechend um die Anforderungen einzelner wenig Gedanken gemacht. Es war wie Mode. Es änderte sich ständig. Und bei ständiger Veränderung wurde etwas irgendwann bedeutungslos.
„Aus Nubien“, wieder holte er und erkundigte sich mit einem Schmunzeln: „Bezeichnest du dich dann selbst als Nubier? Und woher ist dein Vater?“, erfolgte prompt die nächste Frage. Man kannte Phaeneas an, dass ihn das Thema faszinierte. Schließlich klang das, was Cimon erzählte, so vertraut, so sehr nach der eigenen Geschichte des Bithyniers. Erst recht als es zu diesem Punkt kam: „Wann musstest du von ihr weg?“ Leiser war seine Stimme geworden. Noch nachdenklicher als vorher.
Als Cimon entschuldigend grinste, erklärte Phaeneas: „Das sind meine Notizen, untereinander komplett unzusammenhängend, deshalb werfe ich sie fast immer so durcheinander. Aber du musst mir nicht hinterherräumen ...“ Nun erschien der gleiche Ausdruck auf seinem Gesicht wie auf dem seines Gegenübers.
Dann nahm er die Schriftrolle zur Hand und warf auf Cimons Erkundigungen hin einen kritischen Blick auf den bereits gelesenen Teil. (Den las er nicht noch einmal, sondern rief sich nur in Erinnerung, von was er gehandelt hatte. So schnell konnte er schließlich nie und nimmer den Sinn von Buchstaben erfassen.) „Hm, es ist ziemlich komplex. Lies den Anfang dieser Textstelle am besten selber.“ Bei diesen Worten zog er seinen eigenen Hocker um den kleinen Tisch herum neben den von Cimon und legte die Papyrusrolle auf dessen Schoß ab. „Von da bis da“, zeigte er ihm noch mit dem Finger an.Dass die Sonne der ganzen Welt Seele und, deutlicher, ihr Geist ist, dass sie die oberste Herrschaft der Natur und eine Gottheit ist, ist angebracht zu glauben, wenn man in Betracht zieht, was sie bewirkt. Sie nämlich bringt den Dingen das Licht und vertreibt die Finsternis, sie verbirgt und beleuchtet die übrigen Sterne, sie lenkt den Wechsel der Zeiten und das sich immer wieder erneuernde Jahr nach den Naturgesetzen, sie zerstreut am Himmel das Trübe und lässt auch die Wolken des menschlichen Geist- es sich aufhellen, sie leiht ihr Licht genauso den übrigen Sternen, hervorleuchtend, hervorragend, alles schauend, alles auch hörend, wie, soweit ich sehe, der erste Dichter, Homer, es nur an ihr so befunden hat.
Ich halte es deshalb für ein Zeichen menschlicher Schwäche, nach dem Bild und der Gestalt der Gottheit zu suchen. Wer auch Gott sein mag, wenn es überhaupt einen anderen gibt als die Sonne, und in welchem Teil des Alls er auch sein mag, er ist ganz Gefühl, ganz Gesicht, ganz Gehör, ganz Seele, ganz Geist, ganz er selbst. Unzählige Götter anzunehmen – und sogar entsprechend den Lastern der Menschen - , wie etwa eine Gottheit der Keuschheit, der Eintracht, des Geistes, der Hoffnung, der Ehre, der Milde, der Treue, oder, wie es Demokritos für richtig gehalten hat, nur zwei, Strafe und Belohnung, grenzt an noch größere Leicht- fertigkeit. Die gebrechlichen und geplagten Sterblichen haben, ihrer Schwäche bewusst, die Gottheit in Teile zerlegt, damit jeder in seinem Anteil das verehre, was er am meisten braucht.
Deshalb finden wir bei verschiedenen Völkern verschiedene Götternamen und bei jeweils denselben zahllose Gottheiten; sogar die unterirdischen Mächte, Krankheiten und auch viele schlimme Seuchen wurden in Arten geteilt, während wir sie in banger Furcht besänftigt wissen möchten. So hat man sogar von staatswegen auf dem Palatin einen Tempel dem Fieber geweiht, einen anderen der Göttin der Kinderlosigkeit neben dem Tempel der Laren und einen Altar dem bösen Schicksal auf dem Esquilin.
Deshalb kann man sogar die Zahl der Götter für größer ansehen als die der Menschen, da ja auch die einzelnen auch sich selbst heraus ebensoviele Götter machen, indem sie sich eine Iuno oder einen Genius wählen, die fremden Völker auch gewisse Tiere und sogar widerwärtige als Götter betrachten und vieles, das auszusprechen noch beschämender ist, indem sie bei stinkenden Speisen und ähnlichen Dingen schwören. Der Glaube, dass unter Göttern auch Ehen geschlossen würden und doch seit so langer Zeit daraus niemand geboren worden wäre, ferner dass die einen immer alt und grau, andere jugendlich und Kinder, wieder andere schwarz, geflügelt, lahm, einem Ei entsprossen, abwechselnd einen Tag lebend und tot seien, ist eine fast kindische Faselei; aber alle Unverschämtheit übersteigt es, wenn man ihnen Ehebrüche andichtet, dann für Streitigkeiten und Hassgefühle oder sogar für Diebstahl und Verbrechen Götter annimmt.
Gott sein bedeutet für den Sterblichen, dem Sterblichen zu helfen, und das ist der Weg zum ewigen Ruhm. Ihn gingen die vornehmsten Römer, auf ihm wandelt jetzt göttlichen Schrittes zusammen mit seinen Kindern der größte Herrscher aller Zeiten, Vespasianus Augustus, der erschöpften Welt zu Hilfe kommend. Dies ist die älteste Sitte, sich hochverdienten Männern dankbar zu erweisen, dass man solche Helfer unter die Götter versetzt. Denn auch die Namen anderer Götter und die oben erwähnten Namen von Gestirnen sind aus verdienstvollen Taten der Menschen entstanden.Dass Iuppiter oder Merkur sich so oder andere sich anders untereinander nennen und dass es eine himmlische Benennungsweise gibt: wer gibt da nicht zu, dass das bei Ausdeutung der Natur lächerlich ist. Dass das höchste Wesen, was es auch immer sein mag, sich um die Angelegenheiten der Menschen kümmert oder dass es durch eine so traurige und vielseitige Tätigkeit nicht beschmutzt wird: was davon sollen wir glauben oder bezweifeln? Es lässt sich kaum entscheiden, was den Menschen zuträglicher ist, da die einen die Götter überhaupt nicht, die anderen sie in beschämender Weise achten. Fremden Heiligtümern dienen sie und tragen Götter an den Fingern, auch Ungeheuer verehren sie, verbieten und ersinnen Speisen und unterwerfen sich selbst einer so strengen Herrschaft, dass sie nicht einmal im Schlaf Ruhe haben. Nicht Ehen, nicht Kinder, nicht überhaupt sonst irgendetwas wählen sie ohne die Hilfe von heiligen Handlungen. Andere üben Betrug sogar auf dem Kapitol und schwören Meineide beim blitzschleudernden Iuppiter, und den einen helfen ihre Verbrechen, die anderen werden von ihren heiligen Handlungen mit Strafen verfolgt.
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Na ja, vielleicht – das heißt bestimmt, versuchte Phaeneas optimistisch zu sein – hatte eine Dame ihres Ranges Freude daran, sich Geschenke für Leute ihrer Gesellschaftsschicht zu überlegen. Schließlich repräsentierte sich die Gens Vinicia dadurch und das lag, musste ja in ihrem Interesse liegen. Das dachte der Bithynier und darin fühlte er sich bestätigt, als er Lucianus‘ Schwägerin lächeln sah. Erst recht sobald sie sprach, fiel es ihm nachwievor schwer zu fassen, wie großmütig die Leute (oder das Schicksal?) sein konnten, wenn man sie erst einmal bat (das machte Phaeneas schließlich sonst nie, wenn es nicht sein musste). Lucianus hatte ihm wirklich in vieler Hinsicht ungeahnte Welten aufgezeigt, wobei der Sklave den Grund für das Funktionieren solcher Aktionen ganz klar bei dessen Unterschützung und Schutzschild sah.
„Danke, Herrin!“, erwiderte er entsprechend höflich.
Wie üblich war Phaeneas zu unbedarft, um zu ahnen, worauf Lucianus‘ Schwägerin hier spekulieren könnte. Nachwievor sah er sich zu sehr in der Rolle des schwachen, hilflosen und ausgelieferten Sklaven, um zu vermuten, dass sich jemand einen Gefallen von ihm erhoffen könnte (wie sollte jemand mit oben genannten Eigenschaften schließlich zu so etwas fähig sein?). Der einzige Punkt, in dem der Bithynier naiv war.
Ihre spontane Zusage führte er insgesamt am ehesten auf das in Aussicht stehende Gewand zurück.
Sobald er entlassen wurde, nickte er also und zog sich wortlos aus ihrem Gemach zurück.
Am nächsten Tag ... -
Pünktlich machte sich Phaeneas also auf, um rechtzeitig an der Porta zu erscheinen, von wo aus Lucianus‘ Schwägerin mit ihm einkaufen gehen wollte. Es würden seltsame Besorgungen werden, hatten sie doch beide etwas davon, Lucianus hatte ihn schließlich mit einem Auftrag losgeschickt. Es ging diesmal also nicht nur rein um das, was die Herrin, mit der er unterwegs war, zu erwerben gedachte – sowas hatte der Bithynier noch nie erlebt. Nicht, dass ihm je großartig daran gelegen hätte. Aber seltsam war die Perspektive schon.
Da Lucianus‘ Schwägerin ihm nur aufgetragen hatte zu kommen, hatte Phaeneas nur den Beutel mit den Münzen bei sich, sich aber sonst um nichts, insbesondere Begleitschutz, gekümmert. Vieles konnte man von einem Sklaven verlangen. Aber nicht selbst zu denken. Wenn es denn nicht ausdrücklich verlangt war ... -
Und der Begleitsklave gab die alles entscheidende Antwort. „Ah, die Herren Germanici! Nur herein, sie werden erwartet!“ Konnte man ja wohl auch erwarten.
Evanoridas trat also bei Seite und ließ sowohl den Sklaven ein als auch die beiden Herrn. Ersterer wurde von einem vinicischen Unfreien übernommen und in den Sklaventrakt geführt, wo man sich während der Cena der Herrschaften um ihn kümmern würde.
Der offiziell Eingeladenen nahm sich Evanoridas an, indem er sie durch das Vestibulum zum Atrium und von dort weiter zum Ort, an dem das Abendessen stattfinden würde, führte. „In der Culina herrscht längst Hochbetrieb. Ich hoffe, mein Liebster in der Küche gibt sich entsprechend Mühe!“, versicherte er nebenbei, während er den beiden Senatoren zuzwinkerte. -
Die beiden Germanicer wurden von Evanoridas ins Triclinium geleitet, wo die Arbeit der Sklaven längst abgeschlossen war. Das Geschirr stand nämlich bereit, Salzfass und Essigflasche aus Silber zierten bereits den Tisch. Über die Polster waren Decken aus edlem Stoff gezogen und kunstvoll Vorhänge an den Wänden des Zimmers drapiert. Klar, was Mode anbelangte war der Orient seit jeher Roms großes Vorbild.
Um die anbrechende Dunkelheit abzuhalten, waren im ganzen Raum Kandelaber aufgestellt, deren Öllampen munter vor sich hinbrannten. Den ganzen Abend über würden die Sklaven dafür sorgen, dass sie nicht ausgingen.
„Die Herrschaften müssten gleich kommen“ – nun gut, bei Damen war das immer so eine Sache – , „einen kleinen Moment nur! Wenn ihr es euch in der Zwischenzeit schon einmal bequem machen wollt ...“, deutete Evanoridas einladend auf die Klinen. -
Nach diesem herzlichen Lachen schaffte Phaeneas es letzten Endes doch, es wieder einzustellen, aber inzwischen waren auch seine Augen leicht feucht geworden. So zu lachen war auf angenehme Weise anstrengend (und so oft strengte sich der bithynische Sklave inklusive Belohnung auch nicht an) und so lächelte er noch einmal zufrieden Cimon zu.
„Das hört sich gut an“, nickte Phaeneas langsam. „Dort wird es den Gästen noch zu kühl sein, erst später, wenn sich die Räumlichkeiten des Festes wegen der vielen Leute aufgeheizt haben, werden sie den Garten für sich entdecken.“
Dann lag dem Bithynier noch eine Frage auf der Zunge, die sich in dieser Situation mehr oder minder von selbst ergab: „Bei deinem früheren Herrn, Cimon ... Hattest du dort viel mit anderen zu tun?“ Andere Welten als die der festefeiernden Oberschicht Roms (und dementsprechend der in edelste Gewänder geschmissenen Menschenmassen) mussten es in jedem Fall sein.Plötzlich stand ein kleiner Junge am anderen Ende der Bank und vergleichbar schnell wie der kleine Menyllus in der Villa Vinicia stand er auch prompt schon neben Cimon. Dann ließ er einen Wortschwall über den aurelischen Sklaven ergehen, wie ihn Phaeneas von der Geschwindigkeit her höchstens aus der Ferne von aufgebrachten Herrinnen kannte. Der Junge machte Cimon auch Vorwürfe, doch klang es weniger nachtragend, eher wie ein abgesprochenes Spiel. Der Bithynier war mit Kindern meistens leicht überfordert, unter anderen wegen ihres teilweise ziemlich lebendigen Wesens.
Oh, ein Mädchen war es, dem Namen nach. „Ähm, Phaeneas“, antwortete derselbe und sah dann zu, wie sie sich einfach so ein Ei schnappte und es allmählich in ihrem Mund verschwinden ließ. Wieder etwas, was ihn irritierte.
Wenn er da an seine eigene Kinderheit dachte. Wie wenig ein Sklavenkind in Mareis Alter auf die Idee gekommen wäre, so etwas eben mal so zu tun. Und was dann passiert wäre, wenn es das getan hätte. -
Wieder sagte er nichts zu dem, was sie für sich festhielt, ließ sie folgern, was sie wollte. Dass Lucianus auch über Phaeneas‘ Angelegenheiten informiert war, hätte man vielleicht noch erwähnen können, aber zum einen war das beim ereignislosen Leben des Bithyniers keine große Kunst und zum anderen interessierte das niemanden außer den Leibsklaven selbst. Und es sollte auch niemanden interessieren.
Die Erkundigung nach Lucianus‘ Gattin ließ ihn ein weiteres Mal aufhorchen. Ah ja, daher wehte der Wind. Das war für sie natürlich wichtig zu wissen.
Schmeicheleien. Ja, das musste sie gerade Phaeneas sagen. Wo er sich ja schließlich immer darum bemühte beliebt zu sein, er immer gefallen wollte. Er, der ihm ja so sehr an seiner Karriere lag, der am liebsten mit allen x-beliebigen Herrschaften engste Kontakte hatte, wo es ihm schließich stets so gefiel zu gefallen, er immer der absolute Lieblingssklave aller zu sein versuchte. Genötigt. Nun ja, das schon ...
„Nun, Herrin, wie soll sie schon sein“, begann er, bemüht neutral, „sie interessiert sich für Mode und Kosmetik“ – und schien damit den größten Teil ihres Lebens zu verbringen – „und für Neuanschaffungen in dieser Richtung. Bei offiziellen Anlässen ist sie an der Seite ihres Gatten zu finden und ist ihm generell eine pflichtbewusste Ehefrau.“ Was neben ihren eifrigen Bemühungen um Nachwuchs (was ja vor allem gar nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fiel) bedeutete, dass sie ihn in Frieden ließ und ihr eigenes Leben lebte. „Sie ist sich ihres Standes bewusst und darüber hinaus eine wohlmeinende Herrin, wenn man sich ihr gegenüber angemessen verhält.“ Eine gewisse persönliche Note verlieh Phaeneas seinen Ausführungen mit diesem Punkt doch noch. -
Um den Boden brauchte der Senator sich keine Sorgen zu machen, vom „schönen“ Wetter würden er und sein Begleiter auch bald nichts mehr haben, schließlich sorgten fleißige Sklavenhände Tag um Tag für angenehm warme Temperaturen innerhalb der vinicischen Mauern. Hatte Lichas diesmal die Drecksarbeit mit dem Hypocaustum übernehmen dürfen? Evanoridas wusste es nicht mehr recht.
Schon längst hatte eben derselbe Sklave das Wappen auf der Sänfte erspäht, längst waren die Vorbereitungen für die Cena in der Villa in vollem Gange und alle wussten haargenau, wer das Haus heute abend mit seinem Besuch beehren würde. Trotzdem stellte Evanoridas unbeirrbar die alles entscheidende Frage: „Schönen guten Abend! Wer begehrt warum Einlass?“ Selbstverständlich an den Anmeldediener. -
Die Lachtränen, die in Cimons Augen schimmerten, waren ihrerseits neuer Zunder für Phaeneas‘ Lachen.
Vertrauen, tja. Na ja, der Bithynier lachte einfach (wenn auch oft ziemlich zynisch), wenn er etwas amüsant fand – nur in Gegenwart von Herrschaften (Lucianus wie üblich ausgenommen) selbstverständlich nicht. Es war schön mit Cimon, wirklich schön, und dass er den aurelischen Sklaven ausgesprochen sympathisch fand, wollte sich Phaeneas natürlich wieder einmal nicht bewusst eingestehen.
Aber er genoss es schlicht nur, in dessen Gesellschaft zu sein, das lockere, ungezwungene Gespräch – klar, warum sollte er auch nicht? An Phaeneas‘ Haltung an sich gegenüber Cimon änderte das dagegen gar nichts, schließlich war der genau das Gleiche wie jeder andere, nämlich ein Fremder – und die mussten mit Vorsicht betrachtet werden, eine Zeit lang zumindest.Gemeinsam mit dem schwarzen Sklaven trank der Lucian’sche Leibsklave und aß etwas Käse. Sobald sein Gegenüber grinste, sah er ihn aufmerksam an.
Der Klang seines Namens mit Cimons Stimme blieb in seinem Gedächtnis kleben. Phaeneas. Der Bithynier liebte es mit seinem Namen angesprochen zu werden. Es war so herrlich persönlich. Ganz anders, als einfach irgendwer – irgendein Sklave – zu sein, der einfach per Wink zu irgendetwas aufgefordert wurde. Sein Name.„Hm ja, angenehmer ist es schon“, bestätigte er erst, doch nicht ohne einen Einwand: „Aber wird hier nicht wieder das gleiche Kommen und Gehen herrschen wie vorher, wenn der zweite Gang ansteht?“ Und – was war mit den anderen zweien, die Phaeneas bisher gar nicht vermisste.