Anstatt Hektor fand sie ihre Herrin mit ihrem Verehrer vor. Ausgerechnet mitten im Umkleiden platzte sie bei diesen beiden Erwachsenen hinein. Bevor sie auch nur einen längeren Blick auf die schlanke und kräftige Gestalt von Aquilius werfen oder den Blick von Prisca erhaschen konnte, berührte sie jemand am Arm und nahm sie zudem auch noch an die Hand. Tilla liess es geschehen, folgte der anderen wieder in die Kälte hinaus. Auch jetzt fragte sie sich, was das jetzt eben gewesen war? Hatte sie eben tatsächlich die Kühnheit besessen einfach da rein zu gehen? Von der Inneneinrichtuing hatte sie ein bisschen wahrgenommen. Äußerst prächtige Stoffe... unter anderem auch ein blaues Tuch. Irgendwie ein gutes Zeichen, wenn es da drinnen bei den beiden hing, oder?
Aus den Gedanken riss sie Hektors Stimme, der sie nach ihrem Tun fragte. Still zuckte sie die Schultern, setzte eine Miene auf, dass sie selbst ganz durcheinander war. So kannte sie sich gar nicht. Inzwischen wieder mit den Zähnen klappernd, entzog sie ihre Hand der Sklavin, trat sie von ihr weg und näher zu Hektor hin, um in seinem Windschatten Schutz vor dem Wind zu suchen. Hektor überfiel sie mit Fragen zu den Delphinen. Wenn sie das wüsste... diese passenden Antworten, die eine Erklärung parat hatten. Froh, irgendeinen Halt im ganzen Trubel zu haben, ergriff sie Lunas Leine und trottete los. Ich hab gesagt, die Schwarzen bekommen Prisca nicht. Und dann waren die Hellen auf einmal da. Sie haben ihn gemeinsam abgedrängt und der Älteste hat mich begrüßt. Der hat sich gefreut, dass ich da bin. Ein magerer Versuch. Naja.. besser als nichts.
Sie musste ihre Gebärden unterbrechen, weil sie eine Decke bekam. Tief kuschelte Tilla sich in diese hinein, liess Lunas Leine nicht los. Nicht, dass die noch weglief. Scheu sah sie zu Straton auf, der übrigens nicht der flavische Sklave war, der ihr böse war. Ersatzkleidung. Aufwärmen. Brühe essen. Das klang gut. Ihre Miene hellte sich auf. Das waren ganz tolle Aussichten! Si. Mach ich. Danke. Sie sah sich um, wo die Pferde standen und trabte los. Luna tat es ihr gleich, folgte ihr hintendrein. Tilla band die Stute ganz außen an und kehrte wieder um. Unter der dicken Decke wurde ihr vom Rennen ein wenig warm. Beeil dich, Hektor. Das Essen ruft. neckte sie den anderen und erreichte das Zelt wieder. Dort bekam sie die Wechselkleidung in die Hand gedrückt und verschwand für einige Sandkörner-Minuten hinterm Zelt.
Mit sichtlich verlegener Miene tauchte Tilla wieder auf, knautschte den viel zu langen Saum des neuen Kleides zusammen, die überlangen Ärmel hatte sie mehr schlecht als recht hochgekrempelt. In der anderen Hand hielt sie ihre nassen Sachen und ihre vom Umziehen zersausten Haare wollten nicht gehorchen. Der weiche wollene Stoff umspielte ihre magere, nicht sehr weiblich ausgeformte Figur. Wahrscheinlich sah sie gerade wirklich wie ein Irrwisch aus, der aus seiner Baumhöhle gekrochen kam. Oder eher wie ein ungezähmtes wildes Mädchen. Die nassen Sandalen hatte sie wieder an den Gürtel geknotet, grub ihre Zehen tief in den weichen weißen Sand ein, bevor sie am Feuer einen Platz aussuchte. Das Meer ist ganz ruhig. Die Möwen setzen sich nicht drauf. Der Schwarzen wegen? Die sind böse. teilte sie niemandem bestimmten mit. Der einzige, der sie hier unter den Sklaven verstand war Hektor. Die dicke Decke hing schlapp auf ihrem Rücken hinab. Die langen Beine in den Schneidersitz schlingend sah sie aufs Meer hinaus.