Beiträge von Tilla Romania

    Fiona kommentierte den Flug das Balles mit lustigen Worten. Tilla lachte stumm mit und wurde wieder still wie Fiona sich um Minna kümmerte. Sie sah Minna verschreckt an und wartete sehnsüchtig auf die Worte, die ihr sagten, dass alles in Ordnung wäre. Und die kamen auch sogleich!! Tilla atmete auf und drückte den Ball feste an sich. Was für ein dummer Ball... oder war sie die Dumme, weil sie zu fest geschossen hatte? Leider stellte sich beim nächsten Aufblicken zu Minna heraus, dass sie zu früh aufgeatmet hatte. Minna blutete nämlich aus der Nase. Erschrocken trat Tilla einige Schritte rückwärts gehend von ihr weg. Und jetzt? Sie sah nicht mehr zu Minna hin, denn Blut war die Farbe vor der sie Angst hatte. Eben, weil es nichts Gutes bedeutete, wenn das Rot auftauchte. Dann hiess es, dass doch noch Ärger kommen würde. Mit dem Rücken zu einer anderen Mauer gewandt lehnte sie sich an, starrte auf den Ball in ihren Händen. Sie konnte nichts tun. Das hatte ihr alter Herr seinen Sklaven unmissverständlich beigebracht. Es tut mir leid... sprachen ihre zitternden Hände.

    In Ordnung... er hatte ihre Gebärdensprache nicht verstanden. Sie zog die Tafel wieder aus dem Spalt im Ziehkarren hervor und machte Sertorio mit ein paar Schritten seitwärts Platz. Was hat er gesagt? Ich hab es nicht verstanden. Warum fragt er dich ob du ihn heranlässt? Erklärst du es mir? Ich habe nicht gefragt, ob ich helfen soll, dazu bin ich nicht so stark wie du. Meint der Uhu, der Händler, etwas anders mit 'heranlassen'? Und wohin gehen wir jetzt? Sie reichte ihm die Tafel und wartete nun auf seine Antwort. Fragen stellen konnte sie schon immer ganz gut. Ein Umstand den Ursus und Prisca schon zu lesen bekommen hatten. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie kurz an die beiden dachte.

    Aber hallo? Das habe ich nicht gefragt und gemeint. 'sprachen' ihre Hände und ihr Gesichtsausdruck zeigte Verwirrung. Anscheinend war Sertorio nun dran mit Ohren putzen. Tilla kratzte sich hinterm Ohr, blieb am Karren stehen und sah ihm zu. Nun hatte er ihr eben gesagt, sie sollte nix machen. Wieder still geworden behielt sie zur Sicherheit den seltsamen Uhu, also den Händler, im Auge. Da der Getreidekauf nun erledigt war, fragte sie sich, wohin es nun gehen sollte. Die Tafel brauchte sie derzeit auch nicht, die legte sie in den Spalt zwischen Karrenwand und Dinkel-Sack hinein. Und nun? Meinte er was anders mit 'heranlassen'? Die kalt gewordenen Hände im Umhang verbergend sah sie zaghaft zu Sertorio auf.

    Aufmerksam sah sie Sertorio zu, der sich inzwischen um die Bezahlung kümmerte und einen Sack hochwuchtete. Schweigend sah sie zum Händler rüber und bekam seinen Satz mit. Wie? Was? Wen ranlassen? Ihre Frage, ob sie den halben Sack hoch heben kann, verpuffte schlagartig. Mit halboffenen Mund sah sie Sertorio an und wieder zum Händler, der werwegen mit den Münzen klimperte. Aber... aber.. Hallo? Was ging denn hier ab? Sertorio sah ganz schön wütend aus und schenkte ihr beim Näherkommen wundersamerweise ein Lächeln. Sah sie gerade recht oder träumte sie? Tilla eilte Sertorio nach, zupfte an seiner Kleidung. Was hat er gesagt? Ich hab es nicht verstanden. Erklärst du es mir? Während sie auf seine Antwort wartete, nahm sie den halben Sack auf und trug ihn mit zusammengebissenen Lippen zum Karren. Uff... Hatte der Händler wirklich gesagt, er sollte Sertorio ranlassen? Seltsamer Uhu! Waren 175 Sesterzen der übliche Preis für die Bestellung? Gehörte das 'heranlassen' mit dazu?

    Immer noch ganz darauf bedacht, nicht irgendwie Ärger zu machen oder unangenehm aufzufallen, sah sie zu ihm auf und beobachtete seine Hände, die fast wie die ihren durch die Luft tanzen. Grobe, eckige Bewegungen sind das. Tilla ist nun bald fünf Jahre ohne Stimme, hat die Zeichensprache vom alten Sklaven ihres ehemaligen Herrn und auch von den Straßenkindern gelernt, wenn sie auf Diebestour waren. Zeichensprache hat was an sich. Man braucht nur gut hinzuschauen und man kann sich ohne Worte und ohne zu schreien über größere Entfernungen verständigen, falls man denn die Bewegungen und seine Bedeutungen kennt. Mit einem scheuen Lächeln nickte sie, fand die Gebärde, die Sertorio da vormachte, in Ordnung. Si. Sonnenblumenkerne. erwiderte sie, seine Gebärde nach zeichnend. Er wollte einen Sack mitnehmen? Nein.. gleich drei und einen halben sogar. Tilla mümmelte eilig die Sonnenblumenkerne auf, trat zum Karren und zog die Decke auseinander, auf der die Säcke liegen sollen. Vielleicht ist war stark genug um den halben Sack zu tragen? So schwer müsste der gar nicht sein, wenn es nur ein halber ist. Sie trat beiseite, um Platz für die Männer, Sertorio und den Händler zu machen.

    Wie sie es mit den Händen sagen würde? Tilla zog die Nase kraus, betrachtete die Körner. Keine Ahnung. Sie zuckte mit den Schultern. Körner... rundes eßbares. Mit den Fingern formte sie die Körner-Form in der Luft nach und steckte sich imagninären Dinkelschrot in den Mund. Gibt es hier auch diese anderen Körner? Die von den Blumen stammen die gelbe Blätter haben? Zögernd löste sie sich vom Ziehkarren, trat zu den Säcken. Zwei Säcke weiter entdeckte sie die Sonnenblumenkerne. Der Händler bediente einen anderen Kunden. Tilla ahmte Sertorio nach, nahm sich einen viel kleineren Haufen heraus und trat den Weg zum Karren wieder an. Körner.. von der Sonne. Gut. Wenn das nicht ein Beitrag zum Einkaufen war. Tilla linste aus den Augenwinkeln scheu zu ihm rauf.

    Sie hielt gehörig Abstand zu Sertorio und sah ihn kaum mehr an. Durch die Menschenmenge zu gehen war kein leichtes Unterfangen, wenn man so unscheinbar eingekleidet war wie sie mit ihrem grauen Umhang, einem Mantel ohne Knöpfe. Öfters zog sie ihren Fuß gerade noch rechtzeitig unter einem anderen Fuss zurück oder wich schlenkernden Armen und stoßenden Ellenbogen aus. Tilla blieb stehen, als der Karren auch stehen blieb und sah erstmals auf. Still folgte sie seinem Zeigefinger, nickte gehorsam. Ja, da waren die Mehlsorten die Niki, die Köchin benutzte. Den Kopf schüttelnd winkte sie das Angebot ab. Sie machte in seinen Augen schon arg viel falsch und war unnütz.


    Doch als er gerade nicht zu ihr schaute, schoß ihre Hand nach vorne und pickte ein paar Körner heraus. Mhm.. es schmeckte nicht schlecht. Und es machte Appetit. Tilla knabberte an den Körnern, mied immer noch seinen Blick. Gut. gebärdete sie mit erhobenem Daumen, verdrückte die restlichen Körner. Wenn sie an ihre Straßenzeit zurückdachte, war sie noch nie hier auf diesem Markt gewesen. Der eine oder andere Beutel blickte an den Gürteln seiner Trägern hervor. Nein, Sertorio gegenüber würde sie nicht ihr Talent offenbaren. Langsam wandte sie sich um, blickte auf die prall gefüllten Säcke. Überhaupt wusste noch niemand wie sie es geschafft hatte auf diesen Straßen zu überleben.

    Sie bekam zu trinken und schluckte alles hinunter, was gut genug war, um diesen schrecklichen Durst loszuwerden. Kaum war hatte sie den letzten Schluck hinunter bekommen, schlief sie auch schon wieder ein. Tilla vergaß sogar sich zu kratzen. Erneut vergingen Stunden ihres Lebens, die sie im langsam sinkenden Fieberschlaf verbrachte. Es war nicht immer jemand bei ihr... es wurde sogar ruhiger um sie herum, weil alle anderen ihrer Arbeit in der Villa nachgehen mussten.


    Als sie das nächste Mal aufwachte, saß Siv bei ihr. Tilla brauchte eine Weile, um die Ältere durch die vom Schlafen verklebten Augen zu erkennen und freute sich, dass Siv bei ihr war. Nur konnte sie die Freude nicht so wie gewollt zeigen, weil sie immer noch ziemlich kaputt und sich wie erschlagen fühlte. Ich bin krank, ne? fragte sie Siv mit langsamen Gebärden. Ihre ersten klaren Worte.


    Unter der Bettdecke juckten die Blasen, aber sie war so gut zugedeckt, dass sie nicht darankam und sich kratzen konnte. Am Ellenbogen juckte es wieder einmal ganz fürchterlich. Wann hörte das denn endlich auf? Stumm aufstöhnend lenkte sie die Hand dorthin und wurde von einem Klopfen an der Tür abgelenkt. Tilla hielt inne, blickte Siv fragend an und erkannte bald darauf eine ihr bekannte männliche Statur. Wer war denn das? Wegen dem Stockbett konnte sie sein Gesicht nicht sehen. Siv sprach mit dem noch gesichtslosen Mann erlaubte ihm sogar, sich zu ihnen zu setzen. Was ist los? Sie versuchte Sivs Hand, die sich um ihre Haare kümmerte, aufzufangen und hielt sich an ihr fest. Wer ist das? fragte sie weiter, wusste sie doch noch nicht, wer sie gefunden hatte. Wusste nicht, dass schon einige Tage vergangen waren, seit sie Prisca in ihrem cubiculum besucht hatte. Wusste nicht, dass sie blass und kränklich aussah.

    Ein Ungeheuer war also ein gefährliches Tier? Und sie sollte vor diesem dann weg schwimmen. Ja, das hatte sie auch gemacht. Hatte die Aufmerksamkeit des schwarzen Fisches auf sich gelenkt, damit es nicht mehr zu ihrer Herrin schwamm. Sie war dann also in Gefahr gewesen! Und Luna! Und Hektor! Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die Delphine nicht gekommen wären. Tilla hörte wie von weitem, dass sie gehen durfte und sah Duccia Clara schwach lächelnd an. Diese Frau wusste viel.. und sie hatte Bücherrollen! Langsam verneigte sich Tilla vor ihr, was so gar nicht ihre Art war, drehte sich um und verliess das cubiculum durch die Tür. Unbedingt musste sie noch einmal mit Clara sprechen, doch nicht mehr heute. Später vielleicht... auf jeden Fall. Leise zog sie die Tür hinter sich zu und verschwand in einem der Gänge. Dass sie zudem Ursus Bescheid sagen sollte, wenn Clara mit allem fertig war, kam ihr nicht in den Sinn. Tilla hatte im kalten Wasser einem Ungeheuer gegenüber gestanden.

    Sie sah Minna an. Zuwerfen? Aber ja.. das ginge auch. Fiona schnappte sich den Ball und meinte, man solle es besser mit dem Fuß versuchen. Was denn nun? Tilla kratzte sich hinterm Ohr und betrachtete den Ball der nun auf sie zugerollt kam. Warum überlegte sie neuerdings immer so lange? Das war eine neue Angewohnheit. Die musste sie schleunigst loswerden, denn sie waren hier auf der Straße. Einer nächtlichen dazu. Mondbeschienenen leeren Strasse. Es war sonst keiner da..


    Tilla visierte den Ball an, traf mit dem Fuß und schoß ihn zu den Frauen zurück. Nur leider und ohne, dass es Absicht war, traf er nach einem schlingernden Luftflug Minnas Kopf. Achherrjeh... Tilla schreckte zusammen und lief wieder auf die Frauen zu. Alles in Ordnung? fragte sie Minna und sah sich nach ihrem Ball um. Der war in einem leeren Blumenkübel gelandet. Du hast einen Topf vollgemacht. kommentierte sie den neuen Aufenthaltsort des Balles mit einem verdutzten Kopfschütteln und holte ihn wieder raus. Ganz still stehend, den Ball an sich drückend sah sie beide an, wartete auif Minnas Geschimpfe.

    Seeungeheuer? Das wurde ja immer interessanter und seltsamer. Verwirrt sah sie Clara an. Es gab eine Geschichte über ein Androdings? Das klang fast so wie Hektor sie genannt hatte... kleine Atlanterin. Und was waren Seeungeheuer? Das neue unbekannte Wort hörte sich irgendwie beängstigend an. Sie nahm die Tafel aus Claras Händen wieder an sich. Über das Tier. Den Hai. Ein Fisch. Mit Dreiecksflosse auf dem Rücken. Es ist schwarz. Das war alles was sie vom Haifisch gesehen hatte, der da plötzlich im Wasser aufgetaucht war. Und die Absicht gehabt hatte ihre badende Herrin anzugreifen. Tilla gab die Tafel an Duccia Clara zurück und schüttelte sich. Hmm.. warum hatte sie jetzt so ein seltsames Gefühl im Magen? Langsam stand sie auf. Was nun? Sie hatte Clara gehorcht, ihr Gepäck ausgepackt, sie aus dem Bad begleitet, hatte ihr zudem die Haare gekämmt und einen blauen Saphir in der Hand gehabt. War es an der Zeit sie alleine zu lassen? Entschuldige, mir ist nicht gut. Kann ich gehen? fragte sie langsam. Deutete auf ihren Magen, verzog das Gesicht und zeigte bittend auf sich selbst und auf die Tür.

    Die schwere Tür fiel hinter ihnen zu. Der Mond war gut zu sehen, tauchte die Umgebung in ein flirrendes silber-milchig-weiss ein. Tilla liess die Hände der beiden Frauen los, um beinahe spielerisch die Stufen zur Strasse hinunter zu hüpfen. Eins.. zwei.. drei.. vier... FÜNF.


    Tadaaa.. nun war sie unten auf der Strasse angelangt. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht, wartete auf die Frauen. Hm... brauchten die immer so lange? Tilla bückte sich, sammelte einige Steine auf. Die erinnerten sie an ihr Saturnaliengeschenk.. an den Grasball. Wo war dieser eigentlich? Ah! Tilla atmete auf. da war er ja. Sie hatte ihn nicht im Garten vergessen. Das wäre ja echt blöd gewesen. Und sie hätte noch mal zurückgehen müssen... an Luca vorbei. Gucket mal her. forderte sie die näherkommenden Frauen auf. Das ist meiner. Von Marcus. Er sagt man kann damit spielen... mit Händen und Füßen. erklärte sie gestikulierend und warf den Ball kurz in die Luft, um ihn mit einem Sprung nach rechts wieder aufzfangen. Oha.. das war ja gar nicht so einfach! Verdutzt blickte sie den Ball in ihren Händen an.

    Sie schlief recht schnell ein. Trotz ungewohnter Umgebung und unüblichem Schlafplatz. Nunja.. als Straßenmädchen hatte sie sich schnell an die wechselnden Bedingungen anpassenden müssen und das kam ihr jetzt zugute. Tilla träumte von einem Brunnen, an dessen Brunnenrand sie saß. Der Mond schien und in ihren Händen hielt sie einen Strauß Blumen. Welche Blumenart es es war konnte sie nicht sagen... da lag ein dunkler Schatten drauf. Von wo dieser Schatten abstammte oder herkam konnte sie ebensowenig sagen. Sie meinte Schritte zu hören und sah eine größere Person auf sich zukommen. War er es? Oder jemand anders der sie ins Bett schicken wollte, weil es schon so spät war? Seltsamerweise schien die unbekannte Person nun schneller zu gehen und nun auf sie zurrennen. Tilla konnte sich nicht mehr rühren, saß wie erstarrt auf eben diesem Brunnenrand. Die Person kam näher und näher, ergriff ihre Füße und schien sie in den Brunnen hineinstoßen zu wollen. Sie wollte sich dagegen wehren. Mit einem letzten Ruck riss sie sich los. Endlich war sie frei. Tilla fuhr erschrocken hoch, als jemand in nächster Nähe laut wurde.


    Gänzlich unerwartet sah sie plötzlich in Minnas Augen, die irgendetwas über einen Umhang sagte und sich kurz danach entschuldigte. Die Ältere sah recht groß aus, wenn sie so vor ihr stand. Glücklicherweise kniete sie sich vor ihr hin. Mit klopfendem Herzen rutschte Tilla aus dem palla heraus und schob ihn Minna zu. Allmählich registrierte sie wo sie sich befand und wer bei ihr war. Fiona war auch noch anwesend! Erschrocken, aber auch völlig verschlafen blickte sie die beiden an, die anboten sie nach Hause zu bringen. Wenn ihr das machen würdet. Das wäre toll. Ich mag nicht mehr hier bleiben. gebärdete sie schliesslich. Ja klasse Idee! Auf zum Nachtspaziergang!! Spontan ergriff sie Minnas Hand, rutschte von der Kline und ergriff nach einigem Zögern auch die von Fiona. Irgendwie wollte sie damit gut Wetter machen wegen dem verschütteten Wein. Die Tunika, die Fiona jetzt trug stand ihr viel besser!! Zwischen den beiden jungen Frauen in der Mitte hüpfend, zog sie beide zum Ausgang, fühlte die Müdigkeit gar nicht mehr so sehr.

    Sie war ein gutes Mädchen? Wenn Clara wüsste, was sie für Prisca und ihren Verlobten getan hatte. Sachte klopfte sie auf den Beutel, nickte lächelnd. Ich tue drauf aufpassen. Ja, die Nadel ist schön blau. gebärdete sie langsam. Immer noch kam ihr das plötzlich aufgetauchte Bild mit den riesigen Meereswellen seltsam vor. Ob sie es erzählen sollte? So gut kannte sie Clara auch wieder nicht... erst wenige Stunden.


    Erneut nahm sie Clara die Tafel aus der Hand, schrieb auf, was sie gebärdet hatte und fügte hinzu. Das wäre schön. Was weisst du über cetus? Sie sind schwarz, haben glänzende Dreieckflosse und tauchen immer wieder woanders auf. So schnell schwimmen sie durchs Meer. Etwa so.. Tilla verdeutlichte das ganze, indem sie den Daumen von der flachen Hand abwinkelte und den Hand-'Hai' schlängelnd auf und ab durch die Luft bewegte. So jedenfalls war das ihre Vorstellung wie er sich durchs Wasser bewegte.

    Ihre Herrin hatte bereits eine Decke bekommen und unterhielt sich mit dem Mann, wegen dem sie hergekommen war. Aurelia Prisca sah sie nicht einmal an oder schien sie nicht ansehen zu wollen. Sie ging dann fort über den weißen Strand auf eines der Zelte zu. Enttäuscht aber auch verdutzt, weil es nicht die Reaktion war, die sie erwartet hatte, sah Tilla ihr über Hektors Schulter hinweg nach und legte schliesslich ihren Kopf auf Hektors Schulter ab. Der fremde Mann wandte sich auch nicht einmal direkt an sie, teilte einem anderen mit, was sie gleich bekommen würden: Wärme und Essen. Das war Tilla mehr als recht. Ihr war recht kalt geworden. Hektor und sie bekamen keine Decke für den Weg hinauf zu einem weiteren Zelt. Der Mann, von dem sie immer noch nicht den Namen wusste ging ebenfalls fort, auf das Zelt zu in dem Prisca sich befand.


    Tilla hob den Kopf, sah Hektor an. Was war das denn jetzt? fragte sie ihn zitternd. Bist du in Ordnung? Ich möchte runter. Zuerst nach Luna gucken. verlangte sie. Das Mädchen fand sich auf dem weichen Sand wieder und trottete, zugleich die Arme warmreibend, zu Luna rüber. Sie nahm deren Leine auf, klopfte ihren Hals und streichelte sie. Die Stute schien in Ordnung zu sein. Die Kälte und die klammen Finger liessen sich nicht mehr ignorieren. Tilla drehte sie sich um und führte Luna an der Leine zu dem Zelt. Der flavische Sklave, der wegen ihrem wilden Ritt hatte wegspringen müssen, drehte sich um, sobald er ihr gewahr wurde und ging weg. Traurig sah Tilla ihm nach. Was hatte sie ihm denn getan? Inzwischen mit den Zähnen klappernd und mit blauen Lippen gezeichnet lupfte sie den Zelteingang und trat ein, um neben dem Eingang stehenzubleiben. Uh... schön warm hier drinnen! Wo war Hektor? Suchend sah sie sich nach ihm um, strich sich die dunklen Haare aus dem Gesicht.

    Wie und woher sollte sie auch wissen, wie eine Schmuckschatulle aussah? Erst eine einzige hatte sie gesehen, nämlich die von Aurelia Prisca. Und die hatte sie nur für wenige Sekunden gesehen. Jetzt bekam sie eine zweite zu sehen. Ihre Finger begannen unwillkürlich zu jucken und zu kribbeln, so lange Clara bei der Büchertruhe stand und in dieser Kiste herumkramte. Die Ältere kehrte mit einer blauen Nadel zurück und gab ihr diese auch noch in die Hand.


    Tilla blickte beinahe fassungslos auf das strahlende Blau hinab. DAS war Saphir? DAS war dasselbe Blau wie in ihrem Amulett. Der winzige Unterschied waren die nicht vorhandenen Kristalle in der Nadel. Sie musste mehrmals hart schlucken, um die plötzlich aufgetauchte Watte aus den Ohren wegzubekommen. Was für ein Blau! trötete der kleine Mann im Ohr. Es rauschte in ihren Ohren, als ob sie gerade am Strand und am Meer wäre. Das Meer machte große Wellen, die viel höher den Strand hinaufkrochen als üblich. Tilla blinzelte, schüttelte den Kopf. Nein, hört auf, ich bin nicht bei euch. Ich bin in einem Zimmer. dachte sie erschrocken.


    Mit leicht zitternden Händen befestigte sie die Nadel in Claras Haar, berührte das Blau ein letztes Mal bevor sie zurücktrat und die Hände hinterm Rücken versteckte. Der kleine Mann im Ohr war wieder still. Was war das eben nur gewesen? Langsamer reagieren und etwas verspätet trat sie zum Tisch, hockte sich hin, nahm den Esel und die Kuh, steckte beides in ihren Beutel zum Pferd. Noch auf dem Boden sitzend, sah sie zu Clara auf, die davon redete ihr ein Buch zur Lektüre geben zu wollen. Tilla lächelte scheu, nickte und hob den Daumen. Sie freute sich immer noch über diese ungekannte Aufmerksamkeit, zog die Schreibtafel zu sich. Si. Ich mag noch mehr Tiere angucken... über Delphine lesen.

    "Sa? Backn willste, oda wie? Un' was, vafickte Scheiße hatas mit mir zu tun, dasdes nich' mehr machn tun sollst? Oda die Niki sehn? Hab' ich se geheiratet, oda wie? Ne. Ich helf' beim Kochn, nich' beim Backn, ich machn Fisch, un' hack's Holz. Un' wenn'des Backn lernen willst, dann bäckste auch vafickt nochmal, egal, was wer will oda nich' will.


    Je mehr Sertorio zu ihr sprach, desto mehr glaubte Tilla allmählich sie müsste gleich beim nach Hause kommen unbedingt ihre Ohren putzen. Seine Sätze und diese abgehackten, sprachlich verhunzten Wörter, waren für sie schwer zu verstehen. Außerdem benutzte er Wörter, die sie am liebsten nicht hören wollte. Das Verlangen sich die Ohren zuzuhalten wurde ein bisschen größer, aber es war noch nicht so groß, dass sie es tatsächlich tun würde.


    Fang'ma jetz' gleich mit an: 'N Bäcka, der keinen Peil von Gewürzn un'nem Mehl hat, is'n lausiga Bäcka, sein Brot schmeckt fad wie, wie ... frißt nichma's Viech, die Mehlpampe. Kümml, Feffer, Aniß, Honich, Salz, getrocknete Kräuta, sowas muß 'rein.


    Wieder regte er sich darüber auf, dass sie null Ahnung von Gewürzen hatte. Nunja, vielleicht hätte sie lieber deutlich machen sollen, dass sie bisher lediglich beim Formen und Ausstechen (und Naschen) helfen durfte. Er warf mit Wörtern herum, sie noch nicht mal kannte. Einzig Honig kannte sie als heimliches Schleckermaul. Sertorios plötzliche 'Rede' gab Tilla das Gefühl regelrecht erschlagen zu werden. Fest drückte sie die Tafel an sich, hielt sich weiterhin dicht beim Karren. Puh.. das war eine viel zu große Wortlawine gewesen. Sich immer noch erschlagen fühlend, trottete Tilla hinterher, versuchte im Gehen die Fäden in Sertorios Sätzen zu entwirren.

    "Ich weiß nich', was die Scheiße hier soll übahaupt, aba wozu bistn überhaupt da? Tust nix, kannst nix, hilfst nix. Fölliga Ballast. ... ... ... Wa'te hier."


    Nun schien sie gar nüxnixnadernichts mehr richtig zu machen. Mit gesenktem Kopf hörte sie sich an, was Sertorio zu sagen hatte und wartete gehorsam am Karren stehend, bis er irgendwann wiederkam. Am liebsten wäre sie fortgelaufen... aber was wäre dann mit dem Karren? Was würden die anderen über sie sagen? Etwas rechteckiges gut Bekanntes schob sich in ihr Blickfeld.


    Widerwillig nahm Tilla die Tafel entgegen, klappte sie auf und sah den Griffel an. Irgendwie verstand sie gerade gar nicht was sie nun machen sollte. Überhaupt was sollte sie nun schreiben? Wenn es eh nicht wichtig war. Immer noch mit gesenktem Kopf am Karren stehend vermied sie den Blick zu Sertorio. Niki brachte mir das Teig kneten und Brotbacken bei, bevor du kamst. Überhaupt habe ich sie nicht mehr sehen dürfen, weil du nun bei ihr in der Küche arbeitest. Wir sollen lediglich das einkaufen gehen, was in der Küche fehlt. Übrigens... dein linker Schuh ist offen und du hast Vogeldreck auf deiner rechten Schulter. Außerdem hast du recht, geh du alleine einkaufen und ich gehe zurück. Dann bist du nicht bei Niki. schrieb sie schliesslich nieder, klappte die Tafel zu und schob sie Sertorio entgegen. Den Griffel behielt sie in ihrer Hand. Immer noch sah sie nicht auf.

    "Hör' auf miter Fuchtelei, machst ja die Viecher ganz irre."


    So hatte sie das noch nicht gesehen, also dass die Finken ihre Gesten nicht mochten.. genau wie die Menschen.. ganz speziell dieser Sertorio. Tilla zog ihre Hände unter den Umhang zurück, zog die Lücke zwischen den Saumrändern ihres Umhangs zu.


    "Wenn'de was zu sagn ... eh, wenn'de was mitteiln willst, wenn'de meinst, is' wichtich, mußtes aufschreibn, anners funzt des nich', Bom?"


    Nun... war es wichtig, was sie zu sagen hatte? Ihr Mut verflog mit dem kalten Wind. Tilla sah zu Boden, nickte stumm mit dem Kopf. Die Finken flatterten weiter, die Menschen zogen weiter. Ihre Stimme blieb weiterhin futsch. Immer und immer wieder würde sie auf die Tafel angewiesen sein. Die sie aber gerade nicht dabei hatte. Ganz ganz langsam hob sie den Kopf, stellte sich mit kleinen Schritten wieder neben den Karren.

    Sie schielte zu den Tieren auf dem Boden hinunter, suchte den Esel und wunderte sich über die Kuh. Dieses Tier gab Milch? Und war zeitgleich ein Haustier? Wie ging denn das? Diese Kuh war nicht mal so groß wie ihr Pferd...
    Duccia Clara brachte mit ihren Aussagen nur noch mehr Fragen in Tillas kreiselnde Gedanken hervor. Unweigerlich krauste sie schwer nachdenkend die Nase, während sie sich Büschel für Büschel die langen Haare auskämmte. Das Rätsel von Köchin Niki hatte sie immer noch nicht gelöst: ein Tier mit buschigem Schwanz und Hörnern auf dem Kopf, welches Nüsse aß. Wie hiess es bloß? Da musste sie noch mal Siv fragen gehen.


    Clara konnte sie zwar im Spiegel sehen, die gut beschäftigte Tilla kannte diesen Trick nicht. Nein. lautete die Antwort auf ihre Herkunft. Weiss nicht woher ich bin. Ich kenne keine Esel. fügte sie hinzu und liess den Kamm nach dem letzten Haarstrich sinken. Die Haare waren noch ein wenig feucht.


    Ihre Schmucktruhe? Tilla entkräuselte ihre Nase, stellte sich vor Clara auf, zuckte nach einem Rundumblick mit den Schultern. Tut mir leid. Es waren viele Kisten auszupacken. Bestimmt hat Caelyn sie ausgepackt und weggestellt. Soll ich sie herholen? Sogar Saphirnadeln hat Clara. Als ehemalige Straßendiebin sollte Tilla sich eigentlich für Schmuck interessieren, aber diese Tiere waren viel viel interessanter.