"Doch. Vögel sind Dinge. Weil man sie kaufen kann. Alles, was man kaufen kann, ist so. Natürlich sind sie kostbar. Wenn sie teuer sind. Dann macht man sie nicht einfach so kaputt. Tiere sind nicht wie Du und ich. Wir sind Menschen. Die Götter haben uns gemacht als etwas ganz besonderes. Tiere sind nicht so. Ihnen fehlt dieses Dingsbums in sich. Ich weiß nicht mehr wie das heißt. Mein Onkel hat mir das mal erklärt. Aber ich hab es vergessen." Neros Worte schwirren durch Tillas Kopf, winden sich in ihre Gedanken und lassen neue Gedanken entstehen. Langsam schüttelt sie den Kopf, um sich aus dem Gedankenwirrwarr zu befreien und atmet tief durch. Wenn du meinst, das Vögel Dinge sind, nur weil man sie kaufen kann, so magst du recht haben. Gut, wir unterscheiden uns von den Tieren, sehen anders aus als die Tiere. Aber denk mal an die Dinge, du lieb hast. Die machst du bestimmt nicht so einfach kaputt. Ich habe einen Lederbeutel, auf dem sind Pferde eingestickt. Ich weiss, dass es noch viele andere ähnliche Beutel gibt. Aber gerade meinen Beutel würde ich neimals zerstören, eben weil ich ihn schon so lange habe und seinen vertrauten Anblick nicht missen mag. Hm.. vielleicht erklärt sie es auch falsch und zu kompliziert. Doch der Junge selbst weiss sich auszudrücken, regt sogar Tilla selbst zum Nachdenken an.
Sie sieht Nero nachdenklich an und verfolgt nun schweigend mit, wie er sich um die Bezahlung kümmert. Fünfzig? Eine erkleckliche Summe.. nicht gerade wenig Geld in Tillas Augen. Woher hat er soviel Geld? Der Beutel ist gut gefüllt. Erstmals regt sich in Tilla die Frage: Woher der kleine Mann kommt? Vermisst ihn niemand? Sucht man ihn bereits? Was wird man sagen, wenn sie ihn zurückbringt? Glaubt man ihrer Geschichte, dass sie ihm half? Ihr, der stummen Sklavin?
Der gelbe Rauch bringt sie wieder in die Gegenwart zurück. Auch Tilla hustet, blinzelt die Tränen fort. Der Zauberer verschwimmt im Rauch. Wie Nebel sieht es aus, der Ton der Flöte kommt von irgendwoher. Tilla sieht sich um, versucht die Quelle zu ergründen, kann sie aber nicht finden. Die fremdartig klingenden Worte des Zauberers fesseln sie. Er wiederholt die Namen derjenigen Götter, die sie nicht kennt. Gebannt sieht sie dorthin, wo Isbu im Nebel sitzen muss. Da sind seine dunklen Hände, sie tragen den toten Vogel. Das Tier wird asbald verdeckt. Nicht reden, das stört die Götter. fordert sie Nero auf, bietet ihm Schutz mit ihrem eigenen Körper unterm erdbraunen Umhang. Die roten Flammen scheinen dem Zauberer nicht weh zu tun. Tilla reisst die dunklen Augen auf, als der Vogel plötzlich quicklebendig wird, zur Decke fliegt und zu Boden sinkt.
Forschend sieht sie den kleinen Vogelkörper an, wendet sich Isbu zu und neigt den Kopf. Sie hat das Zirpen gehört, es klingt genauso wie Nero es vorgemacht hat! Ihr Herz klopft wie wild. Sie ist auch voller Neugier, versucht diese in Respekt vor Isbus zauberischem Können umzuwandeln. Tilla lässt sich Zeit mit der Antwort für den Jungen, sieht den Zauberer einfach nur an, während sie versucht zu erkennen, was sie gesehen hat. Dann lächelt sie, schenkt dem Zauberer eines ihrer seltenen breiten Lächeln. Ein neuer Vogel ist aus der Asche der Kohle erstanden, Nero. Behutsam öffnet sie die Saumränder ihres Umhangs, um den kleinen Mann, der sich ins sichere Innere verkrochen hat, aus diesem hervorzuholen, lässt die Ränder auf seine knabenhaften Schultern fallen. Er hat den Vogel wieder lebendig gemacht. Ganz so wie du es verlangt hast, Nero. Wie wissen nur er und die Götter. Lasse ihm das Wissen um das Geheimnis des Wiedererweckens. erwidert sie mit freundlicher Miene. Wir haben mit seiner Hilfe den Vorhang ein ganz kleines bisschen lüften dürfen, damit der Vogel wieder zu uns kommen kann. Immer noch klopft ihr Herz wie wild. Tillas Lippen sind ganz trocken.